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Innovation und Tradition: Der junge Borges und die Avantgarde

Literarische Entwürfe zwischen europäischer und argentinischer Moderne

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Regina Samson

Borges wurde in Europa zum Schriftsteller. Aber erst in Argentinien fand er Formen für sein Schreiben. Der Band untersucht das Entstehen seiner Gedichte und Essays der zwanziger Jahre zwischen Europa und Argentinien, Avantgarde und Tradition. Borges schreibt zwischen Imitation, Intertextualität und Kreation. Er setzt sich mit dem deutschen Expressionismus und dem spanischen Ultraísmo auseinander und diskutiert mit Schriftstellern wie Cansinos Assens, Macedonio Fernández, Güiraldes und Lugones. Er erfindet sich zunächst als criollistischer Dichter und besingt die Ränder von Buenos Aires, die «orillas». Im Dialog mit Henríquez Ureña und Reyes beginnt Borges schließlich, die Literaturen und Kulturen der Welt nach Argentinien zu holen.

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I. Einleitung

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Das Werk des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges (1899–1986) unterlag lange dem Diktum ,unargentinisch‘ zu sein. Der internationale Ruf Borges’ habe ihn gleichsam seiner Nationalität beraubt, urteilt Beatriz Sarlo (1995: 9). Besonders die postmoderne Kritik vereinnahmte den Argentinier zudem gerne für Interpretationsansätze, die eher textbezogen als auf einen konkreten kulturellen Kontext gerichtet waren. Dabei sei es lediglich ein Akt der ästhetischen Gerechtigkeit, Borges als einen kosmopolitischen Schriftsteller zu lesen, der gleichsam über den Nationalitäten stehe, so Sarlo: „[S]e descubren en él las preocupaciones, las preguntas, los mitos que, en Occidente, consideramos universales.“ (ib.) Dies ist einer der Gründe für Borges’ Erfolg als Erzähler fantastischer Kurzgeschichten auch außerhalb seines Heimatlandes. Gleichzeitig bedeutete diese Lektüre aus argentinischer Sicht einen Verlust: „[A]lgo de Borges (por lo menos del Borges que leemos en la ciudad que él amó, Buenos Aires) se diluía en este proceso de triunfal universalización.“ (ib.) Die Zugehörigkeit Borges’ zu einer konkreten Kultur – der Argentiniens und besonders der Stadt Buenos Aires – geriet angesichts dieser Art von Lektüre ins Hintertreffen.

Bereits zu Lebzeiten Borges’ deutete sich eine Änderung dieser Identitätszuschreibung an. Ricardo Piglia interpretierte Borges 1979 zum ersten Mal im Kontext speziell der argentinischen Kultur, indem er das Augenmerk der Kritik auf den familiären Hintergrund des Schriftstellers lenkte. Borges’ Erbe bestehe zum einen aus dem criollistischen Vermächtnis der Mutter, gestützt auf die Werte der alteingesessenen Argentinier und die...

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