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Innovation und Tradition: Der junge Borges und die Avantgarde

Literarische Entwürfe zwischen europäischer und argentinischer Moderne

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Regina Samson

Borges wurde in Europa zum Schriftsteller. Aber erst in Argentinien fand er Formen für sein Schreiben. Der Band untersucht das Entstehen seiner Gedichte und Essays der zwanziger Jahre zwischen Europa und Argentinien, Avantgarde und Tradition. Borges schreibt zwischen Imitation, Intertextualität und Kreation. Er setzt sich mit dem deutschen Expressionismus und dem spanischen Ultraísmo auseinander und diskutiert mit Schriftstellern wie Cansinos Assens, Macedonio Fernández, Güiraldes und Lugones. Er erfindet sich zunächst als criollistischer Dichter und besingt die Ränder von Buenos Aires, die «orillas». Im Dialog mit Henríquez Ureña und Reyes beginnt Borges schließlich, die Literaturen und Kulturen der Welt nach Argentinien zu holen.

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III. Borges erste Identität: Ultra

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1. Der Eintritt ins literarische Feld Spaniens

Anders als der Expressionismus war der Ultraísmo für Borges kein geliehenes Modell, sondern erste literarische Identität. Borges partizipierte vor allem während des ersten Europaaufenthalts117 seiner Familie aktiv an der spanischen Avantgardebewegung, die vom Frühjahr 1919 bis Ende 1922 ihre stärkste Ausprägung hatte (vgl. Pérez Bazo 1998b: 102).118 Mit seinen Gedichten leistete er einen ästhetischen Beitrag, durch Manifeste und programmatische Texte war er an der Ausarbeitung eines ultraistischen Programms beteiligt. Es handelt sich dabei um seine Primärinvestition, seine Initialbesetzung im literarischen Feld, auf dem er als Neuankömmling ins Leben trat.119

Die ebenfalls in dieser Zeit entstandenen, dem Leihmodell des Expressionismus zuzuordnenden Gedichte, Texte und Übersetzungen waren Bestandteil seiner Primärinvestition im literarisch-avantgardistischen Feld Europas. Der Blick nach Deutschland diente Borges vor allem dazu, Differenz gegenüber den Konkurrenten im spanischen Feld hervorzuheben, wo am liebsten französische Prätexte für Übersetzungen herangezogen wurden. Die französische Avantgardelyrik war das Kompetenzmodell für die ultraistischen und creationistischen Dichter ← 85 | 86 → und Übersetzer.120 Die Vermittlung der neuesten französischen Literatur an die jungen spanischen Literaten erfolgte über den Chilenen und Begründer des Creacionismo, Vicente Huidobro, der 1918 aus Paris nach Madrid kam. Die in spanischen Zeitschriften am häufigsten übersetzten französischen Lyriker waren Pierre Reverdy und Guillaume Apollinaire.121 Zudem waren Huidobro und Juan Larrea bilinguale spanisch-französische Dichter und Übersetzer. Auch Guillermo de Torre und Rafael...

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