Show Less
Restricted access

Theologie und Antisemitismus

Das Beispiel Martin Luthers

Andreas Pangritz

Martin Luthers Judenfeindschaft ist berüchtigt. Ihr Zusammenhang mit zentralen Themen seiner Theologie ist jedoch umstritten. Die Antisemitismusforschung wiederum hat sich bisher nur wenig für theologische Wurzeln der Judenfeindschaft interessiert. Die Untersuchung führt beide Perspektiven zusammen:

Luthers Schrift «Von den Juden und ihren Lügen» (1543) wird nicht nur im Blick auf die darin zum Ausdruck kommende Judenfeindschaft analysiert, sondern auch auf ihren theologischen Gehalt hin befragt. Dadurch verschärft sich das Problem: Der Antisemitismus ist im Zentrum der Theologie des Reformators verankert, in der Christologie und in der Rechtfertigungslehre. Diese Erkenntnis führt zu einer Sicht auf Luthers Theologie, in der diese selbst zum Problem wird.

Show Summary Details
Restricted access

X) Ausblick: Rechtfertigungslehre ohne Antijudaismus?

Extract

← 486 | 487 →

X)  Ausblick: Rechtfertigungslehre ohne Antijudaismus?

„Gottes Wort ist Luthers Lehr’, sie vergehet nimmermehr.“ So steht es geschrieben – über dem Eingang zu Martin Luthers sog. Geburtshaus in Eisleben. Wohlgemerkt, nicht etwa: Verbum dei manet in aeternum, Gottes Wort bleibt in Ewigkeit (Jes 40,8), sondern Luthers Lehre, sie wird hier verewigt. Angesichts des diagnostizierten Zusammenhangs von reformatorischer Theologie und Antisemitismus am Beispiel Luthers muss jedoch die Frage gestellt werden, ob und inwiefern die lutherische Rechtfertigungslehre heute noch rezipierbar ist. Die Katastrophe von Luthers Theologie macht es u. E. unmöglich, ‚mit Luther gegen Luther‘ zu argumentieren, um seine Theologie für das christlich-jüdische Gespräch zu retten.

Micha Brumlik hat beobachtet, dass „die Rechtfertigungslehre mindestens im Bereich der deutsch-protestantisch-preußischen Kultur […] eine absolut fatale geistesgeschichtliche Rolle gespielt“ habe. Gerade die „moderne Theologie christlicher Freiheit“ habe „dazu geführt, den Versöhnungs- und Verantwortungsgedanken […] völlig aufzugeben“. Die Rechtfertigungslehre habe der Selbstentschuldigung derjenigen gedient, die wegen Verbrechen an der Menschheit angeklagt waren. Jedenfalls sei „die Auseinandersetzung mit Katastrophen wie Genoziden“ mit ihrer Hilfe „kaum zu leisten“.1 Diese Warnung wird bei jedem Versuch einer Reformulierung der Rechtfertigungslehre zu berücksichtigen sein.

Schon Simon Dubnow hat das Problem des Paulinismus bei Luther benannt: „Wohl bedeutete die neue Lehre eine Rückkehr zur jüdischen Bibel, allein zu einer Bibel, wie sie sich in dem Geiste des Apostels Paulus malte, der von Luther in fanatischer Christusanbetung und in schroffster Verneinung der geschichtlichen Rolle...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.