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Der Diskurs über Deklamation und über die Praktiken auditiver Literaturvermittlung

Der Deutschunterricht des höheren Schulwesens in Preußen (1820–1900)

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Hans-Joachim Jakob

Ein Primaner konnte im 19. Jahrhundert am Ende seiner Schullaufbahn Dutzende Gedichte auswendig aufsagen. Die Deklamationskultur des höheren Schulwesens ist seitdem in Vergessenheit geraten. Diese Studie rekonstruiert die intensive Diskussion über das Textsprechen zwischen 1820 und 1900. Sie wertet dazu bislang nur wenig beachtete Quellen aus – Vorschriften, Lehrpläne, Gesetzessammlungen, Lesebücher, Ratgeber, Schulprogramme, pädagogische Zeitschriften und Anthologien. Ein abschließender Blick in fiktionale Zeugnisse von Goethe, Kotzebue, Klingemann, Johanna Schopenhauer, Raabe oder Stinde demonstriert den schmalen Grat zwischen deklamatorischem Triumph und gesellschaftlicher Blamage.

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2. Hinführung und Abgrenzungen

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Abstract: In the research concerning the history of German classes there was an assumption for a long time that rhetoric declines rapidly and the written exercises dominate school life in the 19th Century. The presence of oral exercises with poetry declamation as its core segment, which is written down in contemporary school programmes, is set against this assumption.

a) Ein Gedicht aufsagen

Die Erzählinstanz in Thomas Manns Roman Buddenbrooks (1901) verzeichnet mit Vorliebe in höchst subtiler Manier kleine Unannehmlichkeiten, kaum wahrnehmbare Störungen im Ablauf alltäglicher Vorgänge und – bezogen auf die Figuren – unmerklich an Vehemenz und Dauer zunehmende Zustände der Unzufriedenheit und Gereiztheit. Der 7. Juli des Jahres 1868, der Tag des hundertjährigen Firmenjubiläums des „altangesehenen Handelshauses“1 Johann Buddenbrook, bietet einige seismographisch spürbare Turbulenzen, die insbesondere vom derzeitigen Geschäftsinhaber Thomas Buddenbrook argwöhnisch als zusätzliche Verkomplizierung der ohnehin mehr als beschwerlichen Geschäftsvorgänge wahrgenommen werden. Schon vor dem Frühstück sieht sich Thomas genötigt, im Salon die offenbar schwer bewegliche und äußerst unhandliche „Festgabe der Familie, eine große Gedenktafel“ (528) zu begutachten, die ersten Glückwunschtelegramme müssen zumindest überflogen werden. Die strengen Rituale des besonderen Anlasses halten Thomas auch im Schutzraum der eigenen vier Wände weiterhin vom Frühstück ab, da sein siebenjähriger Sohn Hanno auf Anweisung seines Kindermädchens für den feierlichen Tag ein Gedicht auswendig gelernt hat und es nun kunstvoll...

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