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Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache seit dem Zweiten Weltkrieg

Varietätenkontakt zwischen Alteingesessenen und immigrierten Vertriebenen. Teil 1: Sprachsystemgeschichte

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Klaas-Hinrich Ehlers

Der erste Band der mecklenburgischen Sprachgeschichte rekonstruiert den Strukturwandel der regional gebundenen Varietäten des Deutschen im Norden Mecklenburgs. An ausgewählten Variablen aus der Phonetik/Phonologie, Morphosyntax und Lexik wird die diachrone Entwicklung des Niederdeutschen und des mecklenburgischen Regiolekts in ihrer kontaktlinguistischen Wechselwirkung mit dem überregionalen Standard herausgearbeitet. Erstmals in der modernen Regionalsprachenforschung bezieht die Studie auch die Herkunftsvarietäten der vielen Vertriebenen ein, die nach dem Zweiten Weltkrieg ins Land kamen. Die korpusbasierten Variationsanalysen zeigen die sprachlichen Folgen auf, die die Vertriebenenimmigration für die sprachlichen Ausgleichsprozesse in den mecklenburgischen Kommunikationsräumen hatte.

Dieses Buch ist mit dem Johannes-Sass-Preis 2018 ausgezeichnet worden.

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5. Strukturwandel des mecklenburgischen Niederdeutsch im Varietätenkontakt seit dem 19. Jahrhundert

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5.  Strukturwandel des mecklenburgischen Niederdeutsch im Varietätenkontakt seit dem 19. Jahrhundert

Der dritte Analyseschnitt durch das Varietätengefüge der mecklenburgischen Kommunikationsräume gilt dem niederdeutschen Basisdialekt. Datenbasis der Untersuchung sind dabei die niederdeutschen Wenkerübersetzungen der dialektkompetentesten Gewährspersonen der Vorkriegs- und der Nachkriegsgeneration. Historische Sprachdokumente verschiedener Zeitstufen werden zusätzlich herangezogen, um die Entwicklung des Niederdeutschen auch in real-time-Vergleichen zu rekonstruieren. Mit der Auswertung historischer Wenkerbögen und der Landschaftsgrammatiken aus der Region kann die Entwicklung des Dialekts bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden (vgl. Abschnitt 2.2.2). Die Vorgabe standardisierter Übersetzungsvorlagen ermöglicht es, die Variation im Bereich der niederdeutschen Lexik systematisch und in vielen Details herauszuarbeiten (Abschnitte unter 5.1). Andererseits bietet sich die Datengrundlage nur für wenige Variablen aus der morphosyntaktischen Ebene für eine quantitative Analyse an, da diese im Übersetzungskorpus meist nur in geringen Belegzahlen vertreten sind. Ich beschränke die Untersuchung hier deshalb auf zwei morphosyntaktische Variablen (Abschnitte unter 5.2). Die Variation im lautlichen Bereich ist dagegen an einer Reihe von Merkmalen des mecklenburgischen Niederdeutsch gut zu dokumentieren (Abschnitte unter 5.3). Im Abschnitt 5.4 werden die zum Teil unterschiedlichen Entwicklungsdynamiken all dieser Variablen in den Generationsfolgen der alteingesessenen Familien und der Vertriebenenfamilien in übergreifender Perspektive beschrieben.

5.1  Entwicklungen im Wortschatz des mecklenburgischen Niederdeutsch

„There is no doubt that the greatest amount of change within the Low German language takes place within the field of vocabulary.“ (Goltz 2010: 268). Dieser Befund, dem für das Niederdeutsch in Mecklenburg-Vorpommern ← 293 | 294 → schon die soziolinguistische Forschung der DDR der 1970er Jahre vorgreift,310 wird unabhängig vom spezifischen Fall des Niederdeutschen allgemein darin begründet, dass das offenere System des Wortschatzes einer Sprache grundsätzlich stärkeren Veränderungen unterworfen ist als ihre geschlossenen grammatischen Strukturen.311 Insbesondere ist der Wortschatz einer Sprache bzw. einer Varietät zugänglich für Wechselwirkungen mit anderen Sprachen bzw. Varietäten. Nach übereinstimmenden Befunden der kontaktlinguistischen Forschung schlägt sich beginnender Sprachkontakt als Erstes in der Entlehnung von Wörtern der betreffenden Kontaktvarietät nieder (Riehl 2009: 34–35). Trudgill (1986: 25) gibt in einer schon klassischen Formulierung die Begründung dafür, „that it is the lexical level that accomodation begins first“:

Lexical differences are highly salient, and are readily apparent to all speakers of the varieties concerned without any linguistic training or analysis. They are also (mostly) non-systematic, and susceptible to being learned one at a time. Crucially, they can also cause severe, and obvious, comprehension difficulties. (ebd.)

Neben dem Aspekt der sprachinternen Strukturiertheit („mostly non- systematic“) tragen demnach vor allem auch externe Faktoren − auf perzeptiver, kognitiver und kommunikativ-funktionaler Ebene − dazu bei, dass sich Sprachkontakt im Sprachgebrauch der betroffenen Sprecher mit hoher Priorität in Anpassungsprozessen in ihrem Wortschatz manifestiert. Auch der tiefgreifende Wandel des niederdeutschen Wortschatzes wird insbesondere durch den jahrhundertelangen engen Kontakt mit den zunehmend dominierenden hochdeutschen Varietäten Regiolekt und Standard vorangetrieben. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts verdichtet sich dieser Varietätenkontakt darin, dass die verbliebenen Sprecher des Niederdeutschen nahezu ausnahmslos bilingual hochdeutsch-niederdeutsch sind und sich der Gebrauchsbereich des Niederdeutschen inzwischen auf engste Bereiche der Nähesprache und einige mediale und kulturelle Felder beschränkt. ← 294 | 295 →

In den folgenden Abschnitten zur Entwicklung des niederdeutschen Wortschatzes (Kapitel 5.1) soll an ausgewählten Beispielen geprüft werden, wie sich der enge Kontakt mit dem standardsprachlichen Wortgut im dialektalen Wortgebrauch heutiger niederdeutsch­kompetenter Gewährspersonen niederschlägt. Auch hier werden wieder die Entwicklungen innerhalb der Familien Alteingesessener und Vertriebener gegenüber gestellt. Exemplarisch untersucht wird der Gebrauch exklusiv niederdeutscher Lexik (Abschnitt 5.1.1), ein Fallbeispiel zum Fortbestand differenter semantischer Strukturen im Niederdeutschen und Hochdeutschen sowie ein Beispiel zur Bildung einer standardabweichenden Komparation bei einem Einzellexem (Abschnitt 5.1.2). Schließlich wird am Wort Fernsehen beispielhaft die Integration hochdeutscher Lexik aus dem Bereich der modernen Alltagskultur in das Gefüge des niederdeutschen Wortschatzes beleuchtet (Abschnitt 5.1.3).

5.1.1  Buddel Win, lege Tiden, dot bläben – zum Gebrauch exklusiv niederdeutscher Lexeme

Der niederdeutsche Wortschatz lässt sich in Anlehnung an Ruge (2015: 359) hinsichtlich seiner Beziehung zum hochdeutschen Wortgut in verschiedene Gruppen gliedern: Ein kleiner Teil des niederdeutschen Lexikons ist identisch („isomorph“) mit den jeweils bedeutungsgleichen Lexemen im Standarddeutschen (z. B. in, Geld, mit). Der weitaus größte Teil des niederdeutschen Wortschatzes umfasst Wörter, „die eine lautlich ableitbare Entsprechung im Hochdeutschen besitzen“. Diese Wörter stehen mit ihren bedeutungsgleichen Äquivalenten im Hochdeutschen über Lautkorrespondenzregeln in einer formalen (und sprachhistorischen) Beziehung − vor allem über die der sogenannten hochdeutschen Lautverschiebung und der neuhochdeutschen Diphthongierung (z. B. ik > ich, Piirt > Pferd, Hus > Haus). Ein wiederum kleiner Bereich „exklusiv niederdeutscher Lexeme“ hat im Hochdeutschen semantische Äquivalente, die in keinerlei formalen Beziehung zum Niederdeutschen stehen, mit diesen also nicht über Lautkorrespondenzen verbunden sind.312 ← 295 | 296 →

Für die Frage nach den Auswirkungen des niederdeutsch-hochdeutschen Varietätenkontaktes auf den niederdeutschen Wortschatz bieten die isomorphen Lexeme beider Varietäten naturgemäß keine Anknüpfungspunkte. Im Bereich der „lautlich ableitbaren Entsprechungen“ zwischen niederdeutschem und hochdeutschem Wortschatz ist dagegen zu beobachten, dass Sprecher im Niederdeutschen mitunter „hybride“ (Ruge 2015: 359) Wortformen verwenden, die partiell – unter Umständen über mehrere Anpassungsstufen – der hochdeutschen Phonologie und Phonetik angenähert sind. Diese hybriden Zwischenformen bilden ein Variationsfeld standardnaher Wortvarianten, die noch als niederdeutsche Lexeme aufgefasst werden, weil sie trotz partieller Assimilation noch keine standardidentische Lautform haben (z. B. woväl > wiväl, wovil ‚wieviel‘; sülben > sülwst, sülbst, selwst ‚selbst‘).

Im Bereich des exklusiven niederdeutschen Wortschatzes ist eine graduelle phonetische Assimilation der Lexeme an das jeweilige standarddeutsche Äquivalent dagegen nicht möglich. Derartige exklusiv niederdeutsche Lexeme sind nur über einen ‚lexikalischen Sprung‘, also durch die vollständige Ersetzung des Wortmaterials, d. h. über die Entlehnung des entsprechenden hochdeutschen Grundmorphems dem Standarddeutschen anzunähern. So wird etwa das exklusive Lexem al im Niederdeutschen durch standardidentisches schon oder exklusives likers durch entlehntes trotzdem ersetzt. Auch bei einer derartigen lexikalischen Substitution eines exklusiv niederdeutschen Lexems durch ein hochdeutsches Äquivalent werden allerdings häufig Wortformen gebildet, „die sich nur partiell an das Hochdeutsche angeglichen haben und daher von den Sprechern selbst noch als niederdeutsche Formen akzeptiert werden können“ (Elmentaler 2008: 69). So wird das exklusive Buddel im Niederdeutschen vielfach durch standardnahes, aber nicht standardidentisches Flasch ersetzt. Anstelle des lautlich intransparenten leg sind als standardnähere Varianten beispielsweise slicht, schlicht oder slecht in Gebrauch. Der exklusiv niederdeutsche Wortschatz steht im heutigen Niederdeutsch also häufig in Konkurrenz zu standardnahen bzw. standardidentischen Synonymen.

Diese „synonymous situation in which one of the items is supported by a Standard German form and the other not“ (Goltz 2010: 269) bietet auf lexikalischer Ebene ein fruchtbares Beobachtungsfeld, auf dem sich die diachronen Folgen des niederdeutsch-hochdeutschen Varietätenkontaktes erwartungsgemäß mit besonderer Deutlichkeit abzeichnen dürften. Der ← 296 | 297 → exklusiv niederdeutsche Wortschatz markiert im Lexikon der Varietät zudem eine viel stärker profilierte Systemgrenze zum Standarddeutschen als die Lexeme, die eine lautlich ableitbare Entsprechung mit dem Standarddeutschen haben. Die Frage, inwieweit die Niederdeutschsprecher am exklusiven niederdeutschen Wortschatz festhalten oder ihn durch standardnähere oder standardidentische Synonyme ersetzen, kann Hinweise erbringen, ob und wo im Bereich des Wortschatzes „Transfergrenzen“ (Hansen-Jaax 1995: 163) bestehen, die die Stabilität des lexikalischen Systems der Varietät gewährleisten. Für die zugewanderten Vertriebenen, die von Hause aus in hochdeutschen Basisdialekten und / oder einem standardnahen hochdeutschen Regiolekt sozialisiert waren, mussten die aus hochdeutscher Perspektive lautlich gänzlich intransparenten niederdeutschen Wörter ein besonderes Verständnis- und Spracherwerbsproblem darstellen. Auch für ihr spontan erworbenes Niederdeutsch und seine Rolle in der polyglotten Kontaktsituation der mecklenburgischen Kommunikationsräume ist eine Untersuchung des Gebrauchs der exklusiv niederdeutschen Wörter daher von besonderer Aussagekraft.

Der Bereich des exklusiv niederdeutschen Wortschatzes wird hier auf der Basis der Wenkerübersetzungen analysiert. In den hochdeutschen Übersetzungsvorlagen der historischen Wenkerbögen bieten sich die folgenden elf Wörter als Testlexeme an, da sie neben eventuell standardnäheren Übersetzungsvarianten jeweils auch eine lautlich nicht ableitbare lexikalische Entsprechung im mecklenburgischen Niederdeutsch haben:313

gestorben (> dot bläben) – Wenkersatz 5 „Er ist vor vier oder sechs Wochen gestorben.“

schlechte (> lege) – WS 13 „Das sind schlechte Zeiten.“

Flasche (> Buddel) – WS 16: „[…] um eine Flasche Wein allein auszutrinken […].“

wer (> wecker) – WS 19: „Wer hat mir meinen Korb mit Fleisch gestohlen?“

wem (> wecken) – WS 21: „Wem hat er denn die neue Geschichte erzählt?“

schon (> al) – WS 24 „[…] da lagen die anderen schon im Bett […].“

hinter (> achter) – WS 26: „Hinter unserem Haus stehen drei schöne Apfelbäume […].“

warten (> töben) – WS 27: „Könnt ihr nicht noch einen Augenblick auf uns warten?“ ← 297 | 298 →

sprechen (> schnacken) – WS 31: „[…] ihr müsst ein bisschen lauter sprechen […].“

nur (> man) – WS 39: „Geh’ nur, der braune Hund tut dir nichts.“

hinten (> achtern) – WS 40: „Ich bin […] da hinten über die Wiese ins Korn gefahren.“314

Die drei Lexeme warten, nur und schon habe ich je ein weiteres Mal in meine erweiterte Version der Übersetzungsvorlage aufgenommen,315 um wenigstens ansatzweise prüfen zu können, ob die Übersetzungen der Lexeme bei ein und derselben Gewährsperson in unterschiedlichen Kontexten variieren. Als ein zusätzliches Wort, das im Niederdeutschen eine lautlich nicht ableitbare Entsprechung hat, wurde das Konnektoradverb trotzdem (> likers) aufgenommen. Die obigen elf Testfälle aus den historischen Wenkerbögen werden also um weitere vier auf 15 erhöht:

wartet (> töwt) – WS 41: „Wartet nur, die Kerle werden euch übers Ohr hauen!“

nur (> man) – WS 41: „Wartet nur, die Kerle werden euch übers Ohr hauen!“

schon (> al) – WS 43: „Die Blumen blühen schon längst […].“

trotzdem (> likers) – WS 43 „[…] und trotzdem fing es gestern wieder an zu schneien.“

Als exklusiv niederdeutsch werden in der Auswertung des Übersetzungskorpus ausschließlich Schreib- oder Aussprachevarianten von Lexemen codiert, die im hochdeutschen Wortschatz keine semantischen Äquivalente aufweisen, die über lautliche Korrespondenzregeln aus dem niederdeutschen Wort ableitbar sind: z. B. exklusiv niederdeutsches snacken, schnacken gegenüber hochdeutsch sprechen oder exklusiv niederdeutsches läge, leige gegenüber hochdeutschem schlechte. Dagegen werden direkt lautlich ableitbare Varianten wie sprecken und schpräken oder wie schlichte oder slechte als standardnahe niederdeutsche Übersetzungs­varianten von sprechen bzw. schlechte gewertet. Als standardnahe niederdeutsche Über­setzungen der Testwörter werden auch lautlich korrespondierende Äquivalente zu hochdeutschen Synonymen des betreffenden Testwortes gerechnet: so räden (> reden) als Übersetzung von sprechen oder blots (> bloß) als Übersetzung von nur.

Kommt es bei den mündlichen Übersetzungen der Wenkersätze zu Reformulierungen, so wird jeweils nur die letzte angegebene Variante in die ← 298 | 299 → Auswertung einbezogen, da sie von der Gewährsperson offensichtlich für die treffendste gehalten wird. So formuliert Frau 7 (1936, A) bei der Übersetzung von Wenkersatz 39 zunächst „ga nur“ (‚gehe nur‘) und korrigiert sich dann selbst zu „ga man“. Nur die letzte, exklusiv niederdeutsche Variante wird hier in die Auswertung einbezogen. Gelegentlich haben einzelne Gewährspersonen bei der Wenkerübersetzung die Satzvorlagen lückenhaft übersetzt, sodass die tatsächliche Gesamtzahl der übertragen Testwörter geringfügig unter der maximal möglichen Zahl der Korpusbelege liegt.

Werfen wir als Erstes einen Blick auf die 25 historischen Wenkerbögen aus der Untersuchungsregion: Schon in den historischen Wenkerübersetzungen aus meiner Untersuchungsregion werden bemerkenswert häufig standardnahe oder standardidentische Übersetzungsvarianten der elf Testwörter gewählt. Der Anteil der exklusiv niederdeutschen Lexik beträgt in den 25 untersuchten Bögen nur 54,6 %, umfasst also nur etwas mehr als die Hälfte der 273 historischen Übersetzungsbelege (vgl. Tab. 5.1.1-1). In der niederdeutschen Lexik, die Georg Wenkers Gewährspersonen für ortstypisch hielten, wurden also bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert neben exklusiv niederdeutschen Wörtern in großem Ausmaße Varianten angeführt, die eine mehr oder weniger starke lautliche Äquivalenz zu den entsprechenden hochdeutschen Wörtern aufweisen.

Ein Blick auf die Übersetzungen der einzelnen betrachteten Lexeme zeigt allerdings, dass die Präferenzen bei den elf Einzellexemen sehr stark schwanken (vgl. Abb. 5.1.1-1). Flasche, schon, warten und nur werden auch zur Zeit der Wenkererhebung in der Region noch ausnahmslos mit Schreibvarianten von ← 299 | 300 → Buddel, al, töben und man übersetzt. Die entsprechenden Wortkarten von Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reiches zeigen Mecklenburg- Vorpommern als Teil großräumiger wortgeographischer Gebiete mit den Leitformen Buddel, al und man, die im Westen weit in den nordniedersächsischen Bereich hinüberreichen und im Osten mit Ausnahme von Buddel mindestens auch die mittelpommersche Dialektregion umfassen.316 Auf der anderen Seite finden sich unter den elf Testwörtern der Wenkerbögen drei Lexeme, die nur noch in weniger als 20 % der Belegfälle mit lautlich nicht transparenten niederdeutschen Entsprechungen übersetzt werden. Schlechte wird 1880 auf der untersuchten 25 Bögen nur in 8 % der Fälle mit Schreibvarianten von lege übersetzt. Beim Fragepronomen wer wird nur in 16 % der Belege auf standarddivergentes wecker und beim Adverb hinten nur in 12,5 % der Übersetzungen auf achtern zurückgegriffen.317 Bei diesen Lexemen hatte sich die lexikalische Variation also schon am Ende des ausgehenden 19. Jahrhundert eindeutig zugunsten der standardnahen (schlicht ‚schlecht‘, hinnen ‚hinten‘) oder standardidentischen Varianten (wer) eingependelt. Diese Entwicklung war seinerzeit keineswegs auf Mecklenburg-Vorpommern beschränkt, sondern hatte weite Regionen des nordniederdeutschen Raumes (wer und schlicht / schlecht) bzw. des ostniederdeutschen Raumes (hinnen) erfasst.318

Abbildung 5.1.1-1: Prozentualer Anteil exklusiv niederdeutscher Lexeme in den Übersetzungen von hochdeutschen Testwörtern (durch Versalien gekennzeichnet) in historischen Wenkerbögen des Untersuchungsgebietes

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Die Tendenz zur Bevorzugung standardnaher bzw. standardidentischer Übersetzungsvarianten nimmt in der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen meines Untersuchungsgebietes noch deutlich zu. In die Betrachtung werden nun über die elf Testlexeme der historischen Wenkerbögen hinaus auch vier zusätzliche Testwörter aus den erweiterten Übersetzungsvorlagen meines Projekts einbezogen: je ein zweiter Beleg der schon von Wenker vorgegebenen Wörter warten, nur und schon sowie als erstmals getestetes Lexem das Konnektoradverb trotzdem.319 Diese nun insgesamt 15 hochdeutschen Testwörter werden von den 24 dialektkompetentesten Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration nur noch in durchschnittlich 32,2 % der 323 Belege mit lautlich intransparenten Übersetzungsvarianten ins intendierte Niederdeutsch übertragen. Gegenüber den historischen Wenkerbögen aus der Region sinkt der Anteil der idiosynkratischen Wörter des Niederdeutschen im intendierten Niederdeutsch der älteren Alteingesessenen also um über 20 Prozentpunkte (vgl. Tab. 5.1.1-1). Die Alteingesessenen verwenden im Übersetzungstest damit hoch signifikant häufiger standardnahe oder standardidentische Wörter als noch die Gewährspersonen der Wenker-Erhebung von 1880.320

Zudem nimmt im Zeitvergleich die Spannweite der Variation in den Übersetzungen zwischen den einzelnen Gewährspersonen ganz erheblich zu. Während der durchschnittliche Anteil lautlich intransparenter Lexeme in den einzelnen historischen Wenkerbögen nur zwischen mindestens 36,4 % und maximal 72,7 % schwankt, verwenden aus der Gruppe der 24 vor 1940 geborenen Alteingesessenen schon drei Personen gar keine exklusiv niederdeutschen Lexeme mehr (0 %), und andererseits übertragen zwei Personen dieser Altersgruppe noch 57,1 % und sogar 86,7 % der Testlexeme mit lautlich intransparenten Wörtern. Die Wahl standarddivergenter oder ← 301 | 302 → standardkonvergenter Wörter im Niederdeutschen ist also in dieser Altersgruppe sehr stark von individuellen Präferenzen abhängig. Die Gebrauchsnorm der Lexik hat sich also gegenüber der Zeit der Wenker-Erhebung weiter gelockert.

Die beschriebene Entwicklung in der Lexik war offenbar bereits am Beginn der 1960er Jahre recht weit vorangeschritten. Die Übersetzungsvorlagen, die in meinem Untersuchungsgebiet im Rahmen der Dialektaufnahmen zum Korpus „Deutsche Mundarten – DDR“ 1962 verwendet worden sind, enthalten als unmittelbar vergleichbare Testlexeme nur schlecht und schon, wobei schon in insgesamt vier Sätzen des sogenannten „festen Textes“ auftritt.321 Drei in den Dörfern Retschow und Letschow geborene Probanden, deren Geburtsjahre 1929, 1930 und 1940 ungefähr der von mir untersuchten Altersgruppe der Vorkriegsgeneration entsprechen, realisieren die beiden Testwörter schon und schlecht 1962 nur in 38,5 % der insgesamt 13 Belegkontexte mit lautlich nicht ableitbaren Lexemen (al und leg).322 Auch 1962 verwendet einer der drei Probanden schon ausschließlich standardidentische Testlexeme im Niederdeutschen, die beiden anderen wechseln während des Übersetzungstests zwischen al und schon.

Schauen wir nun wieder auf das zwischen 2010 und 2015 aufgezeichnete niederdeutsche Teilkorpus der von mir untersuchten 24 Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration: Auch hier lohnt es sich, die Befunde für die Übersetzung der – nun 15 – Testwörter nach den Einzelwörtern zu differenzieren. Von den 1880 noch unangefochten dominierenden Varianten Buddel, al, töben und man wird im intendierten Niederdeutsch der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen nur noch das Verb töben (toiben, töwen) sehr deutlich den standardnäheren Varianten von warten vorgezogen. Töben behält für beide Kontexte der Übersetzungsvorlage (WS 27 und WS 41) einen sehr ← 302 | 303 → stabilen Anteil von über 90 % in den niederdeutschen Übersetzungen der älteren Alteingesessenen. Bei den Testwörtern Flasche, wer, wem, schon, hinter, sprechen und nur fallen die Anteile der jeweiligen, lautlich nicht ableitbaren Formen in den niederdeutschen Übersetzungen gegenüber den historischen Wenkerbögen zum Teil stark zurück (vgl. Abb. 5.1.1-2). Besonders deutlich ist diese lexikalische Annäherung an das Standarddeutsche bei schon und nur, die 1880 noch durchgängig mit al und man übersetzt wurden, von der Vorkriegsgeneration in den jeweils zwei vorgegebenen Kontexten aber nur noch mit Anteilen von unter 30 % (nur) bzw. sogar unter 20 % (schon) mit diesen exklusiv niederdeutschen Lexemen übertragen werden. Auch bei der Übersetzung von Flasche, das in den historischen Wenkerbögen noch ausschließlich als Buddel übersetzt wurde, wählen die Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration in mehr als der Hälfte der Fälle die standardnähere Variante Flasch oder sogar standardidentisches Flasche. Auch hier büßt also im Zeitvergleich ein ehemals absolut vorherrschendes idiosynkratisches Lexem des Niederdeutschen seine frühere Dominanz gegenüber standardnäheren lexikalischen Varianten ein.323

Nur bei den drei Testwörtern gestorben, schlechte und hinten liegen die Anteile der stark standarddivergenten Übersetzungen dot bläben, lege und achtern in den Übersetzungen der Vorkriegsgeneration Alteingesessener geringfügig über den Prozentwerten der entsprechenden Formen in den historischen Wenkersätzen. Wegen der geringen Differenzen und der niedrigen absoluten Belegzahlen ist hier aber eine weitergehende Interpretation kaum sinnvoll. ← 303 | 304 →

Abbildung 5.1.1-2: Prozentualer Anteil exklusiv niederdeutscher Lexeme in den Übersetzungen von hochdeutschen Testwörtern (durch Versalien gekennzeichnet) bei Alteingesessenen verschiedener Altersstufen (25 Wenkerbögen; A 1: 24 Personen; A 2: 9 Personen)

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Die erweiterten Wenkersatzvorlagen meiner Untersuchung ermöglichen es, die Übersetzungen der doppelt vertretenen Testwörter schon, warten und nur im Kontext je zweier Vorlagesätze zu vergleichen. Die Übersetzungen dieser Wörter variieren in den unterschiedlichen Kontexten nur sehr geringfügig. Im Falle von nur legt die sehr ähnliche Funktion als Abtönungspartikel in den beiden Imperativsätzen (WS 39: Geh‘ nur, […] und WS 41: Wartet nur, […]) ähnliche niederdeutsche Übertragungen nahe. Die Anteile der standarddivergenten Übersetzungen mit man liegen in der Tat mit 21,1 % und 26,3 % (n = 19) in beiden Kontexten nahe beieinander. Aber auch im Falle von warten, das in den beiden Vorlagesätzen mit unterschiedlichem Modus und extrem unterschiedlicher Position im Satz auftritt (WS 27: Könnt ihr nicht noch einen Augenblick auf uns warten?; WS 41: Wartet nur, die Kerle werden euch übers Ohr hauen!), unterscheiden sich die Realisierungen im intendierten Niederdeutsch kaum. In 90,5 % bzw. in 95,2 % der 21 Belege wird hier mit standarddivergentem töben übersetzt. Allenfalls bei schon, das einmal als freies Adverb (WS 24: […] da lagen die ← 304 | 305 → anderen schon im Bett […]) und einmal als abhängiges Element einer Adverbialphrase vorgegeben wird (WS 43: Die Blumen blühen schon längst […]), differieren die Übersetzungen der beiden Testwörter etwas stärker. Als freies Adverb wird schon nur in 4,8 % der 21 Fälle mit lautlich nicht ableitbarem al übersetzt. Als Element der Adverbialphrase schon längst, bei der sich einige Probanden offenbar auf die formelhafte niederdeutsche Wendung al lang stützen, liegt der Anteil der standarddivergenten Übersetzungen bei 19,1 % (n = 21).324

Tabelle 5.1.1-1: Prozentualer Anteil exklusiv niederdeutscher Lexik (11 bzw. 15 Testwörter) in den Wenkerübersetzungen der Angehörigen verschiedener Alters- bzw. Herkunftsgruppen

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In der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen scheint die Tendenz zum Abbau der exklusiv niederdeutschen Lexik auf den ersten Blick abzuebben. Gegenüber der Gebrauchshäufigkeit dieser Lexik bei der vor 1940 geborenen Vorgängergeneration (32,2 %) bleibt der Anteil der exklusiven Wörter im intendierten Niederdeutsch der nach 1950 geborenen Alteingesessenen im Gesamtdurchschnitt etwa auf dem gleichen Niveau (33,9 %, vgl. Tab. 5.1.1-1). Auch hier ist aber zu beachten, dass sich die Entwicklungsdynamik von Lexem zu Lexem zum Teil stark unterscheidet. So wählen die Angehörigen der Nachkriegsgeneration bei der Übersetzung der Testwörter sterben, schlecht, Flasche, wer, wem, nur (in beiden Kontexten), hinten und trotzdem seltener lautlich intransparente Entsprechungen im Niederdeutschen als die Vorgängergeneration. Bei der Mehrzahl der ← 305 | 306 → Testwörter ist in der untersuchten Generationsfolge im 20. Jahrhundert also eine Tendenz zum Abbau der exklusiv niederdeutschen Übersetzungsvarianten zu beobachten und diese Tendenz reicht bei den meisten der Wörter schon bis auf die Zeit der Wenker-Befragung 1880 zurück (vgl. Abb. 5.1.1-2).

Bei den niederdeutschen Entsprechungen von schlecht, wer und trotzdem ist diese Abbautendenz bereits an ihr Ende gekommen: Die exklusiv niederdeutschen Lexeme leg, wecker und likers sind offensichtlich aus dem niederdeutschen Wortschatz der dialektkompetentesten Sprecher der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen vollends getilgt. Ihren Platz haben stattdessen standardnahe oder standardidentische Lexeme eingenommen. Das einzige der überprüften Lexeme, bei dem über alle drei Zeitstufen bzw. Altersstufen seit 1880 hinweg sehr stabil an der exklusiv niederdeutschen Form festgehalten wird, ist töben (‚warten‘).

Der insgesamt vorherrschenden Abbautendenz exklusiv niederdeutscher Lexik steht aber nicht nur die diachrone Stabilität von töben entgegen, sondern auch die auffallende Entwicklungsumkehr bei den niederdeutschen Entsprechungen von schon, hinter und sprechen. In allen drei Fällen weist das intendierte Niederdeutsch der jüngeren Alteingesessenen wieder deutlich größere Anteile der lautlich intransparenten Lexeme auf als bei der Elterngeneration.325 Die Varianten al, achter und schnacken / snacken, die im Niederdeutsch der Vorkriegsgeneration bereits auf Anteile von unter 20 % zurückgefallen waren, werden von der Nachkommengeneration bei der Wenkerübersetzung wieder häufiger gewählt. Ähnliche Befunde bei Niederdeutschsprechern aus Schleswig-Holstein interpretiert Wilcken (2013: 25) als „Ausdruck einer grundsätzlichen Unsicherheit bei der Übersetzungsaufgabe“, die sich gerade bei den weniger dialektkompetenten Angehörigen der jüngeren Sprechergeneration zeige. Die partielle Rückkehr zu exklusiv niederdeutschen Lexemen kann auch unter den 1950 und später geborenen alteingesessenen Mecklenburgern wohl auf das „Bemühen um eine möglichst korrekte Umsetzung ins Niederdeutsche und eine maximale ← 306 | 307 → Dissimilation vom Hochdeutschen“ (Elmentaler 2009: 352) zurückgeführt werden.326 Vor dem Hintergrund der bereits weit vorangeschrittenen Abbauprozesse in Mecklenburg kann die wieder zunehmende Verwendung von al, achter und schnacken jedenfalls als lexikalischer Archaismus oder „Hyperdialektalismus“327 gewertet werden.

Festzuhalten ist dabei allerdings, dass das Bemühen um maximale Standarddivergenz nur eine Minderzahl von einigen wenigen Lexemen erfasst, die von vielen meiner jüngeren dialektkompetenten Gewährspersonen offensichtlich mit recht großer Übereinstimmung als lexikalische „Niederdeutschmarker“ (Hansen-Jaax 1995: 163) aufgefasst und eingesetzt werden. Ob diese Entwicklung die drei Lexeme al, achter und schnacken auf längere Sicht zu einer derart dominanten Stellung im mecklenburgischen Wortschatz führen wird, wie sie das Wort töben hier kontinuierlich behalten hat, bleibt abzuwarten. Einstweilen hat im mecklenburgischen Niederdeutsch der autochthonen Bevölkerung auf der lexikalischen Ebene von den ausgewählten Testwörtern allenfalls töben den Status eines „obligatorischen Niederdeutsch-Markers“.328

Diese besondere Bewertung von töben teilen bemerkenswerterweise auch die zugewanderten Vertriebenen und ihre Nachkommen. Sie übersetzen das hochdeutsche warten von allen vorgegebenen 15 Testwörtern mit Anteilen von über 92 % bis 100 % ebenfalls bei weitem am häufigsten ← 307 | 308 → mit dem exklusiv niederdeutschen Lexem (vgl. Abb. 5.1.1-3). Auch in der Gesamtschau auf die niederdeutschen Übertragungen aller Testwörter decken sich die Befunde für die beiden Generationen der Vertriebenenfamilien weitgehend mit denen der entsprechenden Altersgruppen Alteingesessener (vgl. Tab. 5.1.1-1). Und wie bei den Alteingesessenen zeichnet sich auch in der Generationsfolge der Vertriebenenfamilien insgesamt keine nennenswerte Entwicklung des Wortgebrauchs im intendierten Niederdeutsch ab. Hier wie dort greifen die Gewährspersonen beider Generationen durchschnittlich in etwa einem Drittel der vorgegebenen Übersetzungsvorlagen auf ein exklusives Lexem des Niederdeutschen zurück. Diese Übereinstimmung mit dem Wortgebrauch der Alteingesessenen ist ein durchaus bemerkenswerter Befund, denn die lautlich nicht aus dem Standarddeutschen ableitbaren Lexeme dürften für den spontanen Niederdeutscherwerb der Vertriebenen und ihrer Nachkommen ein besonderes Lernproblem dargestellt haben. Es hätte durchaus nahe gelegen, dass sie im Niederdeutschen häufiger als die autochthonen Mecklenburger auf standardnähere Formen zurückgreifen würden. Stattdessen scheinen sie sich im Bestreben eines möglichst korrekten Fremdsprachenerwerbs gerade die markant standarddivergenten Formen angeeignet zu haben.

Bei der differenzierten Betrachtung der untersuchten Einzelwörter zeigt sich freilich erwartungsgemäß auch im intendierten Niederdeutsch der Vertriebenen ein komplexeres Bild. Bei den folgenden Betrachtungen sollen vor allem die zahlenmäßig besser repräsentierten Altersgruppen der Vorkriegsgeneration von Vertriebenen und Alteingesessenen im Vordergrund stehen. Bei einer Reihe von Testwörtern erstrecken sich die Übereinstimmungen im Wortgebrauch der älteren Alteingesessenen und der älteren Vertriebenen auch auf das jeweilige Einzellexem: Flasche, wer, schon und warten werden von den 24 Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration etwa genauso selten bzw. häufig mit Buddel, wecker, al und töben übersetzt wie von den 13 untersuchten dialektkompetentesten Vertriebenen der gleichen Altersgruppe (vgl. Abb. 5.1.1-3). Im Falle von gestorben und trotzdem greifen die Vertriebenen allerdings deutlich seltener zu den exklusiv niederdeutschen Formen dot bläben und likers. In beiden Fällen dürfte es sich um Wörter handeln, die im alltäglich gesprochenen Niederdeutsch, mit dem die Zuwanderer nach 1945 in Kontakt kamen, nur selten zu hören waren. Dies gilt insbesondere für das Konnektoradverb likers, das den Vertriebenen ← 308 | 309 → offenbar gänzlich fremd geblieben ist und das übrigens auch von der Nachkriegsgeneration der Vertriebenen (ebenso wie der der Alteingesessenen) gar nicht mehr gebraucht wird.

Abbildung 5.1.1-3: Prozentualer Anteil exklusiver Lexeme im intendierten Niederdeutsch von 24 Alteingesessenen und 13 Vertriebenen der Vorkriegsgeneration

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Dagegen ziehen die zugewanderten Vertriebenen bei der Übersetzung von schlecht, wem, hinter, sprechen und hinten sogar häufiger als die gleichaltrigen Alteingesessenen lautlich nicht ableitbare Varianten vor. Die Anteile der exklusiv niederdeutschen Lexeme liegen bei der Übersetzung all dieser Wörtern freilich nur in einer Spanne von 8,1 % (sprechen) bis maximal 19,1 % (hinter) über den durchschnittlichen Gebrauchshäufigkeiten der betreffenden Wörter bei den Alteingesessenen. Es ist aber festzuhalten, dass die stärkere Bevorzugung lautlich nicht ableitbarer niederdeutscher Wörter bei den zugewanderten Vertriebenen kein Einzelfall bleibt.

Dieser unerwartete Befund ist außerdem auch bei den Nachkommen der Vertriebenen zu konstatieren. Auch sie verwenden in einer Reihe von Fällen die idiosynkratisch niederdeutschen Lexemvarianten nicht nur häufiger als ihre Altersgenossen aus den alteingesessenen Familien, sondern übertreffen ← 309 | 310 → in ihrer Bevorzugung exklusiver niederdeutscher Lexeme mitunter sogar noch den Wortgebrauch der Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration. Im Fall von wer, schon und nur greifen die Nachkommen von Vertriebenen zum Teil wieder sehr viel häufiger auf die intransparenten Varianten wecker, al und man zurück, die bei den vor 1940 geborenen Mecklenburgern bereits weitgehend außer Gebrauch gekommen waren. Die Anteile dieser drei Lexeme liegen im intendierten Niederdeutsch der Nachkommen von Vertriebenen in den verschiedenen Kontexten um mehr als 23 % bis zu 55 % höher als bei den Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration. Der Gebrauch des exklusiv niederdeutschen Wortschatzes ähnelt bei dialektkompetenten Vertriebenen und ihren Nachkommen nicht nur über weite Strecken bemerkenswert weitgehend dem Wortgebrauch der Alteingesessenen, sondern er zeichnet sich bei einzelnen Testwörtern darüber hinaus durch eine stärkere Präferenz für die altdialektalen Varianten aus als bei gleichaltrigen und sogar bei älteren autochthonen Niederdeutschsprecher. Sie verwenden also ein lexikalisch zum Teil deutlich ‚archaischeres‘ Niederdeutsch als die alteingesessenen Mecklenburgerinnen und Mecklenburger.

Im intendierten Niederdeutsch der beiden Vertriebenengenerationen begegnet wieder, was wir schon bei der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen beobachtet hatten: Offenbar im Bemühen um ein authentisches Niederdeutsch verlegen sich die dialektkompetentesten Angehörigen der Vertriebenenfamilien beim Übersetzungstest in einer Reihe von Fällen wieder stärker auf den Gebrauch der standarddivergenten Lexeme, von denen die autochthonen Mecklenburger der Vorkriegsgeneration weitgehend abgerückt sind. Entgegen der bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Abbautendenz wird so der exklusiv niederdeutsche Wortschatz in Teilen graduell revitalisiert. Dies betrifft keineswegs alle der untersuchten Testwörter, sondern es sind bei den jüngeren Alteingesessenen wie bei den Angehörigen der Vertriebenenfamilien vor allem die Wörter al, achter, achtern und schnacken, für die ein zunehmender Gebrauch in Mecklenburg festzustellen ist. Bei den sechs untersuchten Vertriebenen der Nachkriegsgeneration kommt noch eine verstärkte Präferenz für wecker und man hinzu. Die genannten lautlich intransparenten Lexeme werden in den Wenker­übersetzungen offenbar noch am ehesten als Kennwörter eines echten Niederdeutsch aufgefasst.

Bei all diesen Wörtern – mit Ausnahme von man (‚nur‘) bei den Nachkommen der Vertriebenen – bleibt der Anteil im intendierten Niederdeutsch ← 310 | 311 → der Probanden allerdings meist deutlich unter 50 % der Übersetzungsbelege. Es dominieren also auch weiterhin bei allen befragten niederdeutschkompetenten Sprechern aus Mecklenburg heute die standardnäheren Lexemvarianten gegenüber den exklusiv niederdeutschen lexikalischen Alternativen. Trotz der jüngeren Revitalisierungstendenzen bei einzelnen Lexemen bleibt es insgesamt bei dem Befund, den bereits Gernentz (1980: 145) formuliert und der sich auch in neueren empirischen Untersuchungen zu Mecklenburg-Vorpommern bestätigt hat: „Falls das Nd. [Niederdeutsche] Synonyme besitzt, wird meistens das Wort gewählt, das dem Hd. [Hochdeutschen] möglichst nahesteht.“329 Einzig das standardferne Wort töben kann auch bei den Angehörigen der Vertriebenenfamilien als obligatorischer Niederdeutsch-Marker gelten. Unter allen betrachteten Wörtern markiert allein töben eine stabile lexikalische „Transfergrenze“ (Hansen-Jaax 1995: 163), während die anderen exklusiven Lexeme des Niederdeutschen in Mecklenburg von standardnäheren und standardidentischen Lexemvarianten weit marginalisiert worden sind.

5.1.2  Am miirsten liirt – zwei lexikalische Besonderheiten des Niederdeutschen in ihrer Entwicklung

In vielen niederdeutschen Übersetzungen des ersten Halbsatzes von Wenkersatz 15 (Du hast heute am meisten gelernt […] > Du hest hüt am miirsten liirt […])330 werden mit miirsten (‚meisten‘) und liirt (‚gelernt‘) zwei spezifisch niederdeutsche Wortformen gewählt, die – abgesehen von der mecklenburgischen Vokalerhöhung in beiden Wörtern (vgl. Abschnitt 5.3.1) – einerseits in ihrer Flexion und andererseits in ihrer Semantik stark ← 311 | 312 → von der hochdeutschen Übersetzungsvorlage abweichen. Die Frage nach den Auswirkungen der Varietätenkontakte auf das Lexikon des Niederdeutschen kann am Beispiel dieser besonderen Wortformen exemplarisch auch auf Phänomene lexemgebundener Flexion und auf die in Teilen standardabweichende semantische Struktur des niederdeutschen Wortschatzes ausgeweitet werden. Wie im vorangegangenen Abschnitt sollen auch hier vor allem die Wenkerübersetzungen verschiedener Zeitstufen bzw. verschiedener Altersgruppen die empirische Grundlage bieten, um Indizien für sprachkontaktbedingte diachrone Verschiebungen an der Systemgrenze des niederdeutschen Wortschatzes zu gewinnen.

Betrachten wir zunächst die Bildung der Superlativform miirsten. Wie im Standarddeutschen werden auch im Niederdeutschen bei einer kleinen Gruppe besonders frequenter Adjektive die Steigerungsformen unregelmäßig durch Ersetzung des Wortstammes der jeweiligen Grundform, also auf dem Wege der sogenannten Suppletion gebildet.331 Während etwa im Fall von gautbäderbesten die niederdeutschen Steigerungsstufen einfache lautgesetzliche Äquivalenzen zu den standarddeutschen Flexionsformen darstellen (gut – besser – besten), fallen bei välmirmiirsten im mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch wie in anderen niederdeutschen Dialekten die Suppletivstämme des Komparativs und des Superlativs zusammen und weichen damit von der standarddeutschen Komparation des äquivalenten hochdeutschen Lexems viel (vielmehr – meisten) ab.332 Eine direkte lautgesetzliche Umsetzung der niederdeutschen Superlativform ergäbe im Standarddeutschen eine salient ungrammatische Form (*mehrsten). Hier liegt also punktuell ein ausgeprägter lexikalischer Systemkontrast vor, der nicht über reguläre Lautkorrespondenzen überbrückt werden kann und beim Erwerb des Niederdeutschen eigens berücksichtigt werden muss.

In den 25 betrachteten historischen Wenkerbögen aus der Untersuchungsregion werden 1880 noch zu 62,5 % (n = 25) niederdeutsche Übersetzungen von am meisten gewählt, bei denen der Stamm der Superlativform mit der des Komparativs zusammenfällt. Die Schreibvarianten von miirsten dominieren ← 312 | 313 → im intendierten Niederdeutsch der Gewährspersonen Wenkers bei der Bildung des Superlativs von väl zwar noch deutlich, sie haben aber bereits um 1880 starke Konkurrenz von Schreibvarianten des standardidentischen maisten erhalten. In den Wenkerübertragungen der vor 1940 geborenen Alteingesessenen ist die ehemals dominierende Flexionsform miirsten dann schon weitgehend getilgt. Der Anteil der spezifisch niederdeutschen Superlativform miirsten fällt in den mündlichen Übersetzungen der 24 Gewährspersonen aus dieser Bevölkerungsgruppe auf nur noch 9,5 % zurück (n = 24).

Dieser einschneidende Wandel in der Superlativbildung deutet sich auch in älteren Tondokumenten frühzeitig an. So führen die frühen mecklenburgischen Grammatiken von Mussaeus (1829: 31) und Wiggers (1857: 40) die Wortformen „mierst“ / „mihrst“ und „meist“ schon 1829 bzw. 1857 als Konkurrenzformen für den Superlativ von väl an. Die regional vergleichende Grammatik von Grimme (1910: 71) gibt für den ostmecklenburgischen Ort Stavenhagen gut fünfzig Jahre nach Wiggers schon ausschließlich die standardnahe Form „maist an, während sie für das münsterländische Ostbevern noch „mērste nachweist. Der „feste Text“, der als Übersetzungsvorlage für die Tonaufnahmen der mecklenburgischen Mundart am Anfang der 1960er Jahre diente (vgl. 2.2.2), enthält leider keine Superlativform, die einen direkten Vergleich mit den älteren Wenker-Erhebungen erlauben würde. Wohl aber finden sich in den spontansprachlichen Erzählungen bzw. Interviewbeiträgen von drei zwischen 1929 und 1940 geborenen Gewährspersonen, die 1962 im Rahmen der Dialektdokumentation in meinem Untersuchungsgebiet aufgenommen worden sind, eine Reihe von niederdeutschen Superlativbildungen zu väl bzw. mir.333 Hier ist ein zweifacher Beleg für die Kombination des Superlativs mit am (Tja un dröppt man sich am iirs… maisten op n Danzsål ne. Dor dröppt man sich am maisten)334 zu verzeichnen. Daneben tritt die Form in den Aufnahmen nominalisiert als de Maisten (‚die Meisten‘) und häufig adverbial als maistens auf. Bei ← 313 | 314 → allen zwölf Belegen aus diesen spontansprachlichen Aufnahmen wird der standardgemäße Suppletivstamm maist verwendet. Während komparatives mir (‚mehr‘) von den drei Sprechern aus Retschow und Letschow durchaus häufig gebraucht wird, sind Superlativbildungen mit miirst in den freien Sprachaufnahmen von 1962 schon nicht mehr zu hören.

Die Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen verwendet die niederdeutsche Sonderform des Superlativs dann auch in den Wenkerübertragungen gar nicht mehr. In den Übersetzungen dieser Alterskohorte wird die hochdeutsche Vorlage im Niederdeutschen durchgängig mit am maisten wiedergegeben (vgl. Tab. 5.1.2-1).

Tabelle 5.1.2-1: Prozentualer Anteil der Superlativform miirst- in den Wenkerübersetzungen der Angehörigen verschiedener Alters- bzw. Herkunftsgruppen

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Offensichtlich ist die standardabweichende Superlativform von väl unter den alteingesessenen Mecklenburgerinnen und Mecklenburgern nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch derart selten in Gebrauch gewesen, dass sie von den zugewanderten Vertriebenen gar nicht mehr erworben worden ist. Die 13 niederdeutschkompetenten Vertriebenen der Vorkriegsgeneration und sechs niederdeutsch­kompetente Angehörige ihrer Nachkommengeneration verwenden den Superlativstamm miirst in ihren Wenkerübersetzungen nie. Die steil fallenden Prozentwerte aus Tabelle 5.1.2-1 veranschaulichen also einen rasch fortschreitenden Abbau der niederdeutschen Sonderform in den alteingesessenen Familien, dessen letzte Endphase von den Zuwanderern schon nicht mehr mitvollzogen wurde. Die Zuwanderer haben die bereits sehr stark abgebaute Form bei ihrem Niederdeutscherwerb nicht übernommen.

Eine gewissermaßen zeitverschobene diachrone Dynamik unterliegt dem zweiten lexikalischen Sonderfall, auf den die niederdeutschen Übersetzungen von Du hast heute am meisten gelernt im Wenkersatz 15 verweisen. Im Standarddeutschen stehen die beiden Lexeme lernen (‚sich Kenntnisse / Fertigkeiten aneignen‘) und lehren (‚jemandem Kenntnisse / Fertigkeiten ← 314 | 315 → vermitteln‘) für einen Bedeutungsunterschied,335 der im Niederdeutschen nicht lexikalisch markiert wird. Im mecklenburgisch-vorpommerschen Verb liren ist die semantische Opposition zwischen den hochdeutschen Lexemen lehren und lernen aufgehoben.336 Das niederdeutsche Wort kann nämlich sowohl ‚jemandem Kenntnisse vermitteln‘ als auch ‚sich Kenntnisse aneignen‘ bedeuten. Die Übertragung der hochdeutschen Übersetzungsvorgabe gelernt mit niederdeutschem liirt verweist also auf einen spezifischen Unterschied in der lexematischen Struktur der beiden Varietäten.

Von den 25 handschriftlichen Wenkerbögen aus meiner Untersuchungsregion bringt nur ein Bogen eine Übersetzungsvariante für gelernt, die am ehesten als lent zu entziffern ist,337 alle anderen Bögen von 1880 bringen Übersetzungen, die recht eindeutig als Schreibvarianten von liirt zu identifizieren sind. Die Bedeutung ‚sich Kenntnisse / Fertigkeiten aneignen‘ wird in Mecklenburg im ausgehenden 19. Jahrhundert demnach noch nahezu ausnahmslos mit dem Verb liren wiedergegeben. Und noch die 24 untersuchten Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration halten die Wortform liirt durchgängig für die angemessene niederdeutsche Übersetzung von gelernt (vgl. Abb. 5.1.2-1). Der spezifische Wortgebrauch ist nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar im Niederdeutschen noch so fest verankert gewesen, dass er bis in die 1970er Jahre auch im niederdeutsch geprägten Regiolekt in Mecklenburg gelegentlich die interferenzbedingte Bedeutungsverschiebung von standarddeutschem lernen zu ‚lehren‘ bewirkte: In den regiolektalen Tonaufnahmen von Dahl (1974: 354, 382) findet sich beispielsweise der spontansprachliche Beleg eines 76-jährigen Probanden: „Das war’n Schlossermeister, nich? … der uns das alles lernte und beibrachte.“

Mündliche Übersetzungen von gelernt, bei denen auch im Niederdeutschen ein Nasal zu hören ist (liirnt), realisieren erst die neun nach 1950 geborenen ← 315 | 316 → alteingesessenen Gewährspersonen.338 Die standardnahe Variante liirnt wird im intendierten Niederdeutsch dieser Altersgruppe sogar so häufig gewählt, dass auf die altdialektale Form liirt durchschnittlich nur noch ein Anteil von 55,6 % entfällt (vgl. Abb. 5.1.2-1). Zugleich halten die jüngeren Alteingesessenen aber bei der Übersetzung von Lehrling aus Satz 44 der erweiterten Wenkersatzvorlage am niederdeutschen Wortstamm Lir- fest (Liirling).339 Im Niederdeutsch nahezu der Hälfte der untersuchten dialektkompetenten Alteingesessenen der Nachkriegsgeneration hat sich also eine Differenzierung zweier Wortstämme, lir- und liirn-, durchgesetzt, die der lexematischen Struktur des Standarddeutschen entspricht (vgl. Abb. 5.1.2-1).340

Abbildung 5.1.2-1: Prozentualer Anteil der Wortform liirt (‚gelernt‘) in den historischen Wenkerbögen und in den Wenkerübersetzungen verschiedener Altersgruppen bzw. Herkunftsgruppen (A 1, A 2: Alteingesessene; V 1, V 2: Angehörige von Vertriebenenfamilien)

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← 316 | 317 →

Inwieweit hat nun die lexematische Besonderheit bei liren Eingang in das intendierte Niederdeutsch der Vertriebenenfamilien gefunden? Die Entwicklungsdynamik im spontan erworbenen Niederdeutsch der Vertriebenen und ihrer Nachkommen folgt bei diesem Verb bemerkenswert genau den diachronen Veränderungen im Niederdeutsch der Alteingesessenen. Der Gebrauch von liren in der umfassenden Bedeutung von ‚jemandem Kenntnisse / Fertigkeiten vermitteln oder selbst erwerben‘ war im mecklenburgischen Niederdeutsch, mit dem die Zuwanderer nach dem Zweiten Weltkrieg in Kontakt kamen, offensichtlich noch derart weit verbreitet, dass sie diese standardferne Verwendung nahezu ausnahmslos in ihr Lerner-Niederdeutsch übernahmen. Die Variante liirt wird in ihren Wenkerübersetzungen mit dem sehr großen Anteil von durchschnittlich 92,3 % der 13 Belege als Übersetzung von gelernt gewählt. Erst die Nachkommengeneration der Vertriebenenfamilien folgt dann recht genau der Abbautendenz, die der Sprachgebrauch der jüngeren Alteingesessenen aufweist. Die altdialektale Form liirt wird in den Wenkerübersetzungen der Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien nur noch in 50 % (n = 6) der Fälle gebraucht und liegt damit nur unwesentlich unter den Gebrauchshäufigkeiten bei den gleichaltrigen Alteingesessenen (vgl. Abb. 5.1.2-1).

Beide in diesem Abschnitt betrachteten lexikalischen Besonderheiten des Niederdeutschen werden im Untersuchungszeitraum fortschreitend abgebaut. Diese Entwicklung war bei der Superlativbildung von väl allerdings bereits im 19. Jahrhundert weit vorangeschritten, während sie bei der Semantik von liren ganz offensichtlich erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts einsetzt. Im Falle der Steigerung von väl hat die ‚neue‘ Superlativvariante maist das ehemals dominierende miirst bei den jüngeren Niederdeutschsprechern inzwischen vollständig abgelöst. Ob die Entwicklung im Falle von liren letztendlich dazu führen wird, dass die niederdeutsche Semantik des Wortes dem Standarddeutschen entsprechend ganz auf ‚jemandem Kenntnisse / Fertigkeiten vermitteln‘ verengt wird, bleibt abzuwarten. Sowohl bei der Sonderform miirst als auch bei der spezifischen Bedeutung von liren folgt die Entwicklung im Lerner-Niederdeutsch der Vertriebenenfamilien mit großer Übereinstimmung den Entwicklungsverläufen im Niederdeutschen der Alteingesessenen.

Die Richtung der diachronen Dynamik ist in beiden Fallbeispielen die einer fortschreitenden Annäherung bzw. vollständigen Angleichung an das Standarddeutsche. Exklusiv niederdeutsche Sonderformen in der Flexion ← 317 | 318 → oder der Semantik von Einzellexemen werden dabei abgebaut. Die strukturelle Angleichung an die Regularitäten des Standarddeutschen erfolgt beide Male gewissermaßen gegen das Ökonomieprinzip fortschreitender struktureller Vereinfachung. Die zunächst identischen Suppletivstämme für den Komparativ und den Superlativ von väl werden morphologisch differenziert und die umfassende Wortbedeutung von liren wird semantisch ausdifferenziert, indem eine Teilbedeutung auf ein analog zum Standarddeutschen neu gebildetes Lexem liirnen übergeht. In beiden Fällen ist die Advergenz an das Standarddeutsche also mit einer jedenfalls punktuell zunehmenden Differenzierung flexivischer Formen oder semantischer Strukturen im Niederdeutschen verbunden. Unter der kommunikativen Dominanz der standarddeutschen Kontaktvarietät stellt diese strukturelle Ausdifferenzierung des Niederdeutschen freilich eine diasystematische Vereinfachung für die bilingual niederdeutsch-hochdeutschen Sprecher dar. Die partiellen Systemkontraste der Kontaktvarietäten werden unter Angleichung ans Hochdeutsche aufgehoben.

5.1.3  Fiirnsain, Feernsain, Feernkiken, Fiirnkiken, Feernseen – zur Integra­tion standarddeutscher Lexeme ins Niederdeutsche am Beispiel von Fernsehen

Einer der fünf zusätzlichen Testsätze, mit denen ich die historischen Übersetzungsvorlagen Georg Wenkers für meine Untersuchung ergänzt habe, lautet: „‘Fernsehen ist eine gute Sache‘, hat meine liebe Oma immer gesagt.“341 Er enthält mit dem standarddeutschen Wort fernsehen ein Lexem aus dem Bereich der modernen Sachkultur, für den es im Niederdeutschen keine altdialektale Entsprechung geben kann. Die niederdeutsche Übersetzung dieses Lexems kann also Hinweise darauf geben, wie niederdeutschkompetente Gewährspersonen aus meinem Untersuchungsgebiet standarddeutsches Wortgut aus ihrem alltäglichen Lebensumfeld in ihr Niederdeutsch integrieren.

Das zweibändige hochdeutsch-niederdeutsche Wörterbuch „für den mecklenburgisch-vorpommerschen Sprachraum“ von Herrmann-Winter (2003: 83–84) gibt als niederdeutsche Entsprechungen für hochdeutsch ← 318 | 319 → „fernsehen“ „Fiernseh kieken ♦ Syn[onym] Billerradio kieken, wietkieken“ an. Hier werden geradezu bemüht standardferne Übersetzungen auf überwiegend niederdeutscher Wortbasis vorgeschlagen (kieken ‚sehen‘, wiet ‚weit‘, Biller ‚Bilder‘).342 Wo dabei Elemente des hochdeutschen Ausgangskompositums ins Niederdeutsche übernommen werden, sind sie dem mecklenburgischen Basisdialekt partiell lautlich angepasst worden: fernseh- > fiernseh-. Im niederdeutsch-hochdeutschen Teilband des Wörterbuchs ist diese phonetische Adaption noch konsequenter durchgeführt: Hier ist im entsprechenden niederdeutschen Worteintrag gegenüber der hochdeutschen Entsprechung nicht nur die mecklenburgische Vokalhebung vor r, sondern auch die Diphthongierung des Langvokals durchgeführt: „Fiernseihen“ (Herrmann-Winter 1999: 86).343 Folgte man dem populären Wörterbuch von Herrmann-Winter, dann wären auch bei meinen Gewährspersonen Lehnübersetzungen auf niederdeutscher Lexembasis oder phonetische Adaptionen als die üblichen Verfahren zu erwarten, mit denen das standarddeutsche Wort fernsehen dem Niederdeutschen in der Übersetzung integriert wird. Diese Erwartung wird von den Korpusbefunden jedoch nicht bestätigt.

Die Wenkerübersetzungen meiner Gewährspersonen bieten vielmehr ein ganz anderes Bild: Von insgesamt 47 niederdeutschkompetenten Gewährspersonen konnte ich spontane niederdeutsche Übersetzungen der standarddeutschen Satzvorlage aufzeichnen, die das Testwort fernsehen enthält.344 Die Gewährspersonen entstammen dabei sowohl der Vorkriegsgeneration als auch der Nachkriegsgeneration von alteingesessenen Familien und von Familien Vertriebener. Diese 47 Probanden übertragen das hochdeutsche Wort fernsehen zu 74,5 % völlig standardidentisch bzw. mit leicht regiolektaler Lautlichkeit (z. B. fäänsen) in das intendierte Niederdeutsch. Nur zwölf der 47 Gewährspersonen (25,5 %) übertragen fernsehen mit ← 319 | 320 → stark standarddivergenten Wortvarianten ins Niederdeutsche: feern(se)kiken (4x), feernsain (4x), fiirnkiken (2x), fiirnsain (2x). Selbst die Gruppe alteingesessener Mecklenburger der Vorkriegsgeneration, deren Niederdeutsch sicher noch als besonders gefestigt angesehen werden kann, übernimmt fernsehen zu durchschnittlich 71,4 % (n = 21) gänzlich unverändert in ihre niederdeutschen Übersetzungen. Anders als das Wörterbuch von Herrmann-Winter nahelegt, ist also die lautidentische Übernahme aus dem Standarddeutschen (bzw. aus dem Regiolekt) das bei weitem üblichste Verfahren, das hochdeutsche Wort ins Niederdeutsche zu integrieren.

Eine Übersetzung des hochdeutschen Ausgangswortes auf niederdeutscher Lexembasis wird insgesamt nur von sechs der 47 Gewährspersonen gewählt (12,8 %). Als niederdeutsche Entsprechung für sehen wird hier durchgängig kiken verwendet und das Bestimmungswort fern- bzw. fernseh- dabei zum Teil dem mecklenburgischen Niederdeutsch lautlich angepasst (fiirnkiken) oder aber ohne phonetische Anpassung aus dem Hochdeutschen transferiert (feernsekiken). Die hochdeutsche Wortkomponente fern- wird von keiner der Gewährspersonen mit einer Lehnübersetzung – wie etwa wit (‚weit‘) – niederdeutsch übertragen, hier wird also durchgängig das hochdeutsche Lexem ins Niederdeutsche transferiert.

Eine lautliche Adaption des hochdeutschen Ausgangswortes wird am häufigsten durch die Diphthongierung des Langvokals in sehen durchgeführt (feernsain, fiirnsain; insgesamt sechsmal, 12,8 %). Nur vier der Probanden, die die Satzvorlage übersetzten, passen das Lexem auch durch die Hebung des Vokals in fern dem Mecklenburgischen an (8,5 %).345 Diese Variante wurde aber ausschließlich in Kombination entweder mit der Diphthongierung im Grundwort (fiirnsain) oder mit einer lexikalischen Umsetzung gewählt (fiirnkiken). Eine solche vollständige phonetische oder lexikalische Integration des Ausgangswortes in das mecklenburgische Niederdeutsch wurde damit überhaupt nur in vier Übersetzungen umgesetzt (8,5 %, je zweimal fiirnsain und fiirnkiken).

Ein alteingesessener Zeitzeuge, der das Testwort standardidentisch als fernsehen ins Niederdeutsche übertrug, sprach nach der Übertragung von Satz 42 von sich aus die Übersetzungsproblematik an: „Das Wort Fernsehen ← 320 | 321 → kann ich eben nicht in Platt übersetzen.“ Als ich ihm daraufhin die Übersetzungsvariante fiirnsain vorschlug, wandte er ein:

‚Fiirnsain‘. Ja aber das ist ein Begriff den man … der im Plattdeutschen nicht auf … nicht aus dem Plattdeutschen stammt. Das ist Un((sinn?)). Ich kann es … . Ich … . Es liegt mir nicht auf der Zunge, dass ich jetzt ‚Fiirnsain‘ sage. (Herr 4, 1928 A, WS 42)

Der Zeitzeuge, der Hochdeutsch erst in der Schule lernte, empfindet eine lautliche Assimilierung von fernsehen offensichtlich nicht als authentisch niederdeutsche Wortform.346

Die Fälle lautlicher Adaption einerseits und der lexikalischen Umsetzung andererseits sind in den Übersetzungen meines Korpus insgesamt derart selten, dass es nicht sinnvoll ist, die Gruppe der teilnehmenden Probanden nach Alter und Herkunft weiter zu differenzieren, um hier etwa gruppenspezifische Präferenzen zu ermitteln. Es sei nur erwähnt, dass beide Übersetzungsvarianten sowohl von den Alteingesessenen als auch von den Angehörigen der Vertriebenenfamilien in beiden Altersgruppen sporadisch gewählt werden.

Schon Dahl (1974: 361) hat ausgeführt, dass „hochdeutsche Neuwörter“ mitunter durch lautliche Adaption „verniederdeutscht“ würden. Sie hatte dabei auch auf den Fall von „fiernseihn verwiesen, schon seinerzeit aber festgestellt, dass bei fernsehen „die hochdeutschen Lautformen schon häufiger“ seien. Ebenso spricht Gernentz (1980: 144) einerseits solchen lexikalischen „Augenblicksbildungen“ wie „Fernkieker für ‚Fernsehgerät, ← 321 | 322 → Fernseher“ keine Aussicht auf dauerhafte Etablierung im Niederdeutschen zu und verlegt andererseits auch „die lautliche Angleichung“ standardsprachlicher Lexeme eher in die „Vergangenheit“. Vielmehr nehme der Anteil der „integrierten hd. [hochdeutschen] Lexik“, bei der „literatursprachliche Wörter in unveränderter Lautgestalt und auch ohne semantische Veränderung in die mundartliche Rede übernommen werden“, in Mecklenburg beständig zu.

Meine kleine Stichprobe zur Übersetzung von fernsehen bestätigt exemplarisch, dass standarddeutsche Bezeichnungen der modernen Sachkultur heute überwiegend direkt in das Niederdeutsche transferiert werden und offensichtlich ohne lautliche Angleichung oder gar lexikalische Umsetzung als adäquater niederdeutscher Wortschatz empfunden werden. Möglichkeiten eines produktiven Ausbaus des lexikalischen Systems des Niederdeutschen werden von heutigen Sprecherinnen und Sprechern des mecklenburgischen Niederdeutsch also selbst im Wortschatzbereich der modernen Alltagskultur offenbar kaum noch genutzt, stattdessen der direkte Transfer standarddeutscher Wörter ins Niederdeutsche präferiert.347 Die kleine Übersetzungsstichprobe bestätigt, dass der niederdeutsche Wortschatz nicht nur in den fachsprachlichen Sektoren der Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Politik unzureichend ausgebaut ist, „sondern teilweise auch in Bezug auf die Kerndomäne des Niederdeutschen, die Alltagskommunikation“ (Elmentaler 2008: 74–75).

5.2  Morphosyntax: ausgewählte Variablen

5.2.1  Können ji oder könnt ji? – Verlust des ostniederdeutschen Einheits­plurals der Verben

Die Pluralbildung der Verben im Präsens Indikativ gilt traditionell als das wichtigste Unterscheidungskriterium der westniederdeutschen und der ostniederdeutschen Dialekte. Dieser areale Unterschied in der Verbmorphologie ← 322 | 323 → wird in den Darstellungen zu den niederdeutschen Dialekten dabei durchgängig mit der spätmittelalterlichen Kolonisierung des zuvor slawischsprachigen Raums östlich der Elbe in Verbindung gebracht:

Das Ostnd. [-niederdeutsche] erwuchs auf Siedelboden. Die Grenze zwischen nd. Alt- und Neusiedelland (zwischen dem Sächsischen und dem Slawischen) markieren Elbe und Saale, von Lübeck bis Merseburg. Hier trennt ein morphologischer Gegensatz im Verbalbereich (die Einheitsformen in der 1.–3. Person Präsens Plural) den nd. Westen (-et) vom Osten (-en). (Stellmacher 1980: 464)

Im Anschluss an die klassischen Darstellungen von Teuchert (1942: VIII) und Foerste (1954: Sp. 1959, 2042) gilt der ostniederdeutsche Einheitsplural, bei dem die Pluralformen von Vollverben und Modalverben348 in allen drei Personen auf –(e)n gebildet werden (wi hål-en, ji hål-en, sei hål-en ‚wir/ihr/sie holen/holt), bis in neuere Publikationen hinein als zentrales Charakteristikum auch des mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch.349 Die Dialektkartographie nutzt entsprechend – zunächst auf der Basis von Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reiches später in Anlehnung an Wiesingers „Einteilung der deutschen Dialekte“ (Wiesinger 1983 a: 882) – bis in neuere Veröffentlichungen den Einheitsplural, um das mecklenburgisch-vorpommersche ebenso wie das brandenburgische Niederdeutsch nach Westen hin abzugrenzen. Die für neuniederdeutsche Verhältnisse kartographisch veranschaulichte Isoglosse für die Formen des Einheitsplurals verläuft im mecklenburgischen Bereich mit nur geringfügigen Variationen von Kartenentwurf zu Kartenentwurf von der Ostseeküste in mehr oder weniger steil nordsüdlicher Richtung ungefähr deckungsgleich mit der westlichen Landesgrenze des ehemaligen Herzogtums Mecklenburg bzw. mit der ehemaligen DDR-Grenze.350 ← 323 | 324 →

Auch gegenüber den mittel- und oberdeutschen Dialekten kann der niederdeutsche Einheitsplural als Abgrenzungsmerkmal gelten. Abgesehen vom alemannischen Raum stehen dem niederdeutschen Einheitsplural auf westlich –(e)t bzw. östlich –(e)n in den mittel- und oberdeutschen Mundarten Pluralbildungen gegenüber, bei denen übereinstimmend mit dem Standarddeutschen die erste und dritte Person auf –(e)n und die zweite Person Pl. auf – (e)t gebildet werden.351 Auch zwischen den Dialekten der hier untersuchten südostdeutschen Vertreibungsgebiete und der mecklenburgischen Zielregion der Vertreibung besteht also ein starker morphologischer Kontrast, der sich insbesondere in der Bildung der zweiten Person Plural Präsens manifestiert.

Die kanonische Annahme einer strikten arealen Westabgrenzung des ostnieder­deutschen Einheitsplurals wird in der Fachliteratur allerdings gelegentlich relativiert. Schon Foerste (1954: Sp. 1993) hatte darauf hingewiesen, dass „an den Berührungszonen der –et und –en-Gebiete in Westmecklenburg […] die Bekanntschaft beider Endungen zu einer Differenzierung nach hd. [hochdeutscher] Art geführt [habe]: 1. 3. Pl. –en, 2. Pl. –et“. Gundlach (1967: 180), der in den 1960er Jahren an den systematischen Tonaufzeichnungen des mecklenburgischen Dialekts beteiligt war, konstatiert für die westlichen Grenzgebiete ebenfalls „eine zunehmende sprachliche Unsicherheit“, die zu einer Konkurrenz der Endungen –en und –et in der morphologischen Markierung der zweiten Person Plural führe. Köhncke (2010: 311) zeigt neuerdings anhand von vielfältigen, auch historischen Sprachdokumenten ebenfalls, dass es „keine starre Grenze zwischen den beiden Formen“ der Pluralbildung gibt, sondern sich entlang der Westgrenze Mecklenburgs ein Übergangsgebiet konkurrierender Formenbildungen erstreckt.352

Irritierender sind freilich einige Literaturbefunde, die sich nicht nur auf die engere Kontaktzone des ostniederdeutschen und des westniederdeutschen Einheitsplurals im äußersten Westen Mecklenburgs beziehen. So gehen Dialektgrammatiken des 19. Jahrhunderts für das mecklenburgisch-vorpommersche Niederdeutsch mitunter noch grundsätzlich von einem ← 324 | 325 → „Nebeneinandergehen der Endungen en und et353 aus. Und Grimme (1910: 20) beobachtet in der weit im Osten Mecklenburgs gelegenen Kleinstadt Stavenhagen „die Durchbrechung der altnd. Eigentümlichkeit, die drei Formen des Verbalplurals gleich zu bilden“. Jahrzehnte später bestätigt Schönfeld (1990: 114–115) für den Ortsdialekt Stavenhagens erneut, dass hier der verbale Plural analog zum Standarddeutschen in der 1. und 3. Person auf – (e)n bzw. Nasalsuffix –m (wi gripm ‚wir greifen‘) und in der 2. Person Plural auf –(e)t gebildet werde (ji gript ‚ihr greift‘). Generell konstatiert Schönfeld: „In East Low German the High German pattern of a differentiated plural verb morphology is found in some areas.” (ebd.: 94). Teuchert (1964: 118) vermutet dementsprechend schon in den 1960er Jahren, dass die Flexionsendung –et nicht nur im äußersten Westen Mecklenburgs vorkomme, sondern „diese Endung in der 2. Plur., nach hd. Brauch, wohl durch das ganze Land Mecklenburg“ verbreitet sei. Gundlach (1988: 426) stellt schließlich dem westlichen Einheitsplural auf –t „im Mecklenburgischen –en für die 1. und 3. Person gegenüber, also westlichem wi, ji, se loopt mecklenburgisches wi lopen, ji loopt (gelegentlich auch ji lopen), sei lopen (‚wir laufen‘ usw.)“. Die von der großen Mehrheit der Fachpublikationen angenommene Geltung der ostniederdeutschen Einheitsendung –(e)n auch für die zweite Person Plural stellt für Gundlach in Mecklenburg in der jüngeren Vergangenheit demnach lediglich eine Ausnahme dar.

Was lässt sich aus der Sicht historischer und neu erhobener Daten aus meinem mecklenburgischen Untersuchungsgebiet zu diesen widersprüchlichen Befunden sagen? Betrachten wir zunächst die historischen Wenkerübertragungen von 1880: In den hochdeutschen Übersetzungsvorlagen Georg Wenkers finden sich nur vier Verben in der zweiten Person Präsens Plural, an denen sich der Kontrast zum Standarddeutschen ebenso wie zu den mittel- und oberdeutschen Dialekten der Vertreibungsgebiete deutlich abzeichnet: ← 325 | 326 →

Wenkersatz 27: „Könnt ihr […]?“

Wenkersatz 28: „Ihr dürft nicht […]“

Wenkersatz 30: „Wieviel […] wollt ihr […]?“

Wenkersatz 32 „Habt ihr […]?“354

In den 25 ausgewerteten Wenkerbögen aus dem Erhebungsgebiet bei Rostock werden die insgesamt 98 Belege dieser Verbformen zu 75,5 % mit der Flexionsendung –(e)n ins Niederdeutsche übersetzt. Im zentralmecklenburgischen Untersuchungsgebiet dominiert im ausgehenden 19. Jahrhundert also tatsächlich noch sehr deutlich die ostniederdeutsche Verbflexion. Allerdings deutet der Prozentwert von 75,5 % auch darauf hin, dass hier im intendierten Niederdeutsch der Gewährspersonen die ostniederdeutsche Form bereits in einer Konkurrenz zur Endung –et stand, die eher im Westniederdeutschen oder im Standarddeutschen zu erwarten gewesen wäre. Die verbale Flexionsmorphologie wies also im ausgehenden 19. Jahrhundert bereits eine beträchtliche Variation auf.

Dabei wird in den Wenkerbögen von den vier Testlexemen das Modalverb können in der zweiten Person Plural am seltensten mit einer ostniederdeutschen (e)n-Endung übersetzt (60 %, n = 25, gegenüber 72 % bei haben, 78,3 % bei dürfen und 92 % bei wollen). Hier mag eine Rolle spielen, dass bei diesem Lexem bei einer Übertragung mit Flexionsendung –(e)t im Niederdeutschen am ehesten eine Form erreicht wird, die mit der standarddeutschen Entsprechung übereinstimmt. Der Wenkerbogen 48763 aus Schwaan übersetzt beispielsweise wie folgt: könnt > nd. könnt; dürft > nd. dörb’n; wollt > nd. will’n; habt > nd. hem’n.355

Die weitere Entwicklung des Niederdeutschen im 20. Jahrhundert bringt in meinem Untersuchungsgebiet offenbar tiefgreifende Veränderungen der ← 326 | 327 → Flexionsmorphologie mit sich: Im intendierten Niederdeutsch der Vorkriegsgeneration der alteingesessenen Mecklenburger ist von der ehemals recht ausgeprägten Dominanz der (e)n-Suffixe, die die Wenkerbögen aus der Untersuchungsregion noch zeigten, kaum noch eine Spur zu finden. Der Anteil der ostniederdeutschen Verbalendung in der zweiten Person Plural fällt in den mündlichen Wenkerübertragungen dieser Altersgruppe auf nur noch 6,3 % zurück (n = 79, vgl. Abb. 5.2.1-1).356 Nur drei der untersuchten 24 niederdeutschkompetenten Gewährspersonen, die vor 1940 in Rostock und Umgebung geboren wurden, verwenden den ostniederdeutschen Einheitsplural überhaupt noch. Und keiner dieser drei Personen wählt bei den vier Testlexemen im Niederdeutschen mehr als zweimal die Flexionsendung –(e)n (bzw. in Verschleifungen –m).357

Abbildung 5.2.1-1: Prozentualer Anteil des ostniederdeutschen Verbalsuffix –en für die zweite Person Plural Präsens Indikativ in den historischen Wenkerbögen und in den Wenkerübersetzungen von Angehörigen alteingesessener Familien (A 1, A 2) und von Familien Vertriebener (V 1, V 2)

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← 327 | 328 →

Der radikale Umbruch in der Bildung des niederdeutschen Verbalplurals deutet sich auch schon in einigen historischen Tonaufnahmen aus meinem Erhebungsgebiet an. In den mündlichen Wenkerübersetzungen, die 1990 in Jürgenshagen mit zwei Angehörigen der Vorkriegs­generation aufgezeichnet worden sind, werden bereits fünf von sechs Belegen für Verbformen in der 2. Person Plural mit Suffix –t gebildet.358 In der freien Erzählung eines 1940 geborenen Bauern aus Retschow, die 1962 aufgenommen wurde, bildet die Gewährsperson im einzigen Belegkontext für die 2. Person Plural die Verbformen analog zum Standarddeutschen zweimal mit t-Suffix: „wat ji infüürt und mait ganz verschiden“ (‚[je nachdem] was ihr einfahrt und mäht ganz verschieden‘).359 Das Lautdenkmal der reichsdeutschen Mundarten bringt in einer gestellten Gesprächsaufnahme aus Warnemünde 1936 allerdings noch den alten ostniederdeutschen en-Plural „Wat krigen ji denn woll so ungefir ruter dårbi bi jeden Fang?“ (‚Was kriegt ihr denn wohl so ungefähr dabei raus bei jedem Fang?‘).360

Auch in der Nachkriegsgeneration der alteingesessenen Mecklenburger ist die alte ostniederdeutsche Pluralform kaum noch geläufig. In den mündlichen Wenkerübersetzungen der neun untersuchten dialektkompetentesten Gewährspersonen dieser Altersgruppe tritt die Endung –(e)n bzw. ihre Verschleifung als –m nur mit einem Anteil von durchschnittlich 6,5 % in der zweiten Person Plural auf (n = 31). Hier zeichnet sich also gegenüber der Vorkriegsgeneration keine nennenswerte Veränderung ab. Der ostniederdeutsche Einheitsplural wird hier wie dort in den Übersetzungen nur in seltenen Ausnahmefällen gewählt (vgl. Abb. 5.2.1-1).

Schauen wir nun noch auf die Korpusbefunde zum intendierten Niederdeutsch in den Vertriebenenfamilien: Die nach dem Krieg aus dem Südosten ← 328 | 329 → zugewanderten Vertriebenen, denen eine Flexionsendung –(e)n für die 2. Person Plural im Präsens der Verben aus der Sicht ihrer Herkunftsvarietäten ungrammatisch erscheinen musste, übernehmen die Form kaum jemals in ihr gelerntes mecklenburgisches Niederdeutsch. In den Wenkerübersetzungen der 13 untersuchten Gewährspersonen aus dieser Gruppe der Zuwanderer findet sich nur ein einziger Beleg für einen Verbalplural auf –(e)n. Der durchschnittliche Anteil dieser Form an den 45 Verbbelegen für die 2. Person Plural beträgt deshalb nur 2,2 %. In der Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien liegt der durchschnittliche Anteil für die ostniederdeutsche Verbalendung in den Wenkersatz-Übersetzungen von sechs niederdeutschkompetenten Personen etwas höher bei 6,7 % (n = 15). Damit hat sich das intendierte Niederdeutsch der jüngeren Angehörigen von Vertriebenenfamilien, soweit sich dies auf der Basis der geringen Belegzahlen abschätzen lässt, vollends dem Niederdeutsch der beiden Altersgruppen der Alteingesessenen angeglichen.

Nach Befunden in Schleswig-Holstein kann die Bildung des verbalen Einheitsplurals unter die „konstitutive[n] Kernmerkmale des Niederdeutschen“ gerechnet werden, die „bei kompetenten Sprechern niemals“ dem hochdeutschen Standard angeglichen werden (Elmentaler 2008: 69). Ähnlich zieht Hansen-Jaax aus ihrer empirischen Analyse von niederdeutschen Sprachaufnahmen in Schleswig, die auch die Bildung des verbalen Plurals berücksichtigt, den Schluss, „daß bei jugendlichen L1-Sprecherinnen und – Sprechern praktisch kein hochdeutscher Einfluß im Bereich der Verbalflexion nachzuweisen ist“ (Hansen-Jaax 1995: 149). Selbst bei den untersuchten Gewährspersonen, die das Niederdeutsche erst als Zweitsprache gelernt haben, sei demnach in der niederdeutschen Verbmorphologie „keinerlei systematische Verwendung hochdeutscher Flexionsmerkmale zu beobachten“ (ebd.: 151). In meinem Untersuchungsgebiet ist das überkommene System der ostniederdeutschen Verbalmorphologie dagegen nahezu restlos zusammengebrochen.361 Selbst die vor 1940 geborenen alteingesessenen Mecklenburger, die das Niederdeutsche zum großen Teil noch als Erstsprache erworben haben und durchweg mit sehr hoher Kompetenz beherrschen, verwenden den ostniederdeutschen Einheitsplural heute kaum noch. Ebenso wie ihre ← 329 | 330 → dialektkompetenten Nachkommen alternieren sie bei der Bildung des niederdeutschen Verbalplurals im Präsens regelmäßig zwischen dem Suffix –(e)n in der ersten und dritten Person und dem t-Suffix in der zweiten Person. Die Ersetzung der en-Variante durch die t-Variante in der zweiten Person Plural folgt also keineswegs dem westniederdeutschen Vorbild mit dem Einheitsplural auf –t, dessen Kontaktwirkung bei der Lage meines Untersuchungsgebietes im Zentrum Mecklenburgs ohnehin auszuschließen wäre.362 Vielmehr ist diese Ersetzung Folge einer vollendeten Advergenz an das standarddeutsche Verbalparadigma. Das mecklenburgische Niederdeutsch hat – jedenfalls im regionalen Umfeld von Rostock – nicht nur ein markantes räumliches Merkmal seiner Morphologie eingebüßt, sondern es ist in der Verbflexion gewissermaßen selbst zum Hochdeutschen übergegangen.

5.2.2  Von et zu dat und wieder zurück? – Die Realisierung des Pronomens der dritten Person Singular Neutrum im mecklenburgischen Niederdeutsch

Bei dem zweiten morphosyntaktischen Merkmal des Niederdeutschen, das hier untersucht werden soll, besteht die areale Gliederung innerhalb des niederdeutschen Gebietes im Wesentlichen in einer nord-südlichen Raumstruktur. Auf der Grundlage von Georg Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reiches stellt Foerste (1954: Sp. 1985) fest, dass bei der Realisierung des Pronomens der dritten Person Singular Neutrum seit dem Mittelniederdeutschen die folgende diachrone Veränderung eingetreten sei:

Et ‚es‘ ist im Nordsächs[ischen] (mit Ausnahme des Ostfries[ischen]), im Mecklenburgischen, Pommerschen, Westpreußischen, Altmärkischen und Nordbrandenburgischen durch dat bzw. det ersetzt worden.

Die beigefügte Karte veranschaulicht eindrucksvoll den arealen Gegensatz zwischen einer nördlichen dat- / det-Region und einem südlichen et-Gebiet. Fleischer (2011: 86) bestätigt neuerdings in einer Analyse von 2000 historischen Wenkerbögen aus dem gesamten deutschen Sprachgebiet diese ← 330 | 331 → Raumstruktur. Die Übersetzung des Pronomens es aus dem Wenkersatz 9 („[…] und habe es ihr gesagt […]“) durch eine dialektale Entsprechung des Demonstrativ­pronomens das sei „in erster Linie ein Merkmal des (nördlichen) Niederdeutschen von Schleswig-Holstein bis Preußen, außerdem finden sich einige Belege südlich von Ostfriesland“. Im gesamten südlich davon gelegenen deutschen Dialektgebiet – und damit auch in den südostdeutschen Vertreibungsgebieten – ist diese Realisierung des Pronomens der dritten Person Singular Neutrum durch dialektale Entsprechungen von hochdeutschem das (abgesehen von zwei vereinzelten Ausnahmen) nicht nachweisbar.363

Die Ersetzung von älterem et durch dat im nördlichen Niederdeutsch ist eine vergleichsweise junge diachrone Entwicklung. Wie Elmentaler (2015 a: 320) in einer breit angelegten Korpusanalyse belegt, galt „bis etwa 1800 […] it bzw. später et in ganz Schleswig-Holstein als normale, unmarkierte Entsprechung des hochdeutschen es“. Erst im 19. Jahrhundert setzte sich demnach der Gebrauch von dat für es allmählich zunächst in Holstein durch, um sich im 20. Jahrhundert dann auch nach Norden auf Schleswig auszubreiten. In Mecklenburg-Vorpommern nahm die Entwicklung zeitlich offenbar einen ähnlichen Verlauf. Hier wurde et ebenfalls „seit dem Ausgange des 18. Jahrhunderts allmählich durch dat verdrängt“ (Mecklenburgisches Wörterbuch 1957 Bd. 2: 764). Die mecklenburgischen Dialektgrammatiken des 19. Jahrhunderts sprechen diesen Verdrängungsvorgang allesamt an: Schon Mussaeus (1829: 48) stellt fest, dass „man gerne dat für et“ setze. Nach Ritter (1832: 80) ist et in phonetischer Vollform bereits im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts gar nicht mehr zu hören gewesen: „Das Neutrum Sing. ett kommt so ausgesprochen nie vor, nur apostrophirt ʻt; bei nothwendiger voller Aussprache, z. B. im Anfange, steht dafür datt.“ Wiggers (1857: 43) führt als reguläre Form des Pronomens der 3. Person Neutrum entsprechend nur noch „datt)“ an. Nerger (1869: 190) relativiert diese ausschließende Festlegungen geringfügig, „die volle Form et [sei] äußerst selten“, das Pronomen werde „gewöhnlich“ nur durch ein an vorangehendes Verb angelehntes „bloßes t“ realisiert oder dort, „wo die Satzstellung Hochton erfordert“, durch dat ersetzt. Die auf der Basis verschiedener Wenkersätze gezeichneten Wortkarten des Sprachatlas des Deutschen Reiches weisen als Entsprechungen für hochdeutsches es in ← 331 | 332 → Mecklenburg-Vorpommern in verschie­denen Satzpositionen 1880 als regionale Leitformen entweder dat oder klitisiertes ʻt nach.364

Mangels neuerer dialektgeographischer Untersuchungen zur Thematik ist es nach Elmentaler (2015 a: 301–302) unklar, ob die aus dem 19. Jahrhunderts stammenden „Aussagen zur arealen Verbreitung von dat vs. et heute noch Gültigkeit haben und wie groß das dat-Gebiet in den rezenten niederdeutschen Dialekten heute tatsächlich ist“. Am Anfang des 20. Jahrhunderts kommt Grimme (1910: 73) bei einem Vergleich von vier Ortsdialekten verschiedener niederdeutscher Regionen immerhin zu dem punktuellen Befund, dass das Pronomen der 3. Person Singular Neutrum im südwestfälischen Assinghausen und im münsterländischen Ostbevern iȩt bzw. et (-t) laute, im dithmarsischen Heide und im mecklenburgischen Stavenhagen dagegen dat (-t) verwendet werde. Während Grimme damit noch einmal frühere Erkenntnisse bestätigt, kann Hansen (2009: 108–110) für die Insel Rügen erstmals Entwicklungen im Verhältnis von dat und et nachweisen, die bis an die Gegenwart heranreichen. Demnach nehmen die Anteile der Umsetzungen des Pronomens mit der „altdialektalen Variante“ dat über die betrachteten Zeitstufen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert kontinuierlich ab. Jüngere Altersgruppen verwenden demnach im intendierten vorpommerschen Niederdeutsch in beachtlichem Umfang stattdessen auch die Varianten et, es und det, wobei insbesondere et zunehmend präferiert wird. Hansen (2009: 109) führt die bemerkenswerte „Variantenzunahme“ auf einen „Abbau in der dialektalen Sprachkompetenz“ seiner Gewährspersonen und auf den starken Einfluss des Hochdeutschen zurück.

Meine Erhebungen ermöglichen vergleichbare Untersuchungen am intendierten Niederdeutsch auch für den zentralmecklenburgischen Raum um Rostock. Untersuchungs­grundlage sind dabei sechs Belege für es in den historischen Wenkersätzen, die in meiner erweiterten Übersetzungsvorlage um einen siebten Belegkontext ergänzt werden. Das es tritt in den hochdeutschen Testsätzen teils in Subjekt-, teils in Objektfunktion auf und steht satzeinleitend oder nach dem finiten Verb.365 Da sich bei klitisierten ← 332 | 333 → Formen des Pronomens (z. B. wiir’t ‚war es‘; füng’t ‚fing es‘) im Niederdeutschen nicht entscheiden lässt, ob et oder dat die zugrundeliegende Form ist, werden entsprechende Belege aus der Auswertung ausgeschlossen.366

Welche Entwicklung nahm die Realisierung des Pronomens also in meiner zentralmecklenburgischen Untersuchungsregion? Sämtliche untersuchten Belege für hochdeutsches Pronomen es werden in den 25 historischen Wenkerbögen meines Erhebungsgebietes noch mit dat ins Niederdeutsche übersetzt. Die Variante dat ist im ausgehenden 19. Jahrhundert damit ausschließlich vorherrschende Form des Pronomens der 3. Person Singular Neutrum (n = 119). Eine Variation des Sprachgebrauchs ist dann erst in den Wenkerübersetzungen der 24 dialektkompetentesten Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration zu beobachten (vgl. Abb. 5.2.2-1). Der Anteil des zuvor mit 100 % ausnahmslos vorherrschenden dat fällt hier auf 81,1 % (n = 132) zurück und zugleich treten mitunter die Varianten et und es an seine Stelle. Die Variantenwahl wird dabei offenbar nicht von der Position des es im jeweiligen Vorlagensatz (Vorfeld­stellung oder Position nach finitem Verb) beeinflusst.

Die Korpusbefunde geben aber gewisse Indizien dafür, dass der Abbau des dat unter den Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration mit der Größe des Wohnorts der Probanden korreliert. Der Anteil von altdialektalem dat ist im intendierten Niederdeutsch von lebenslang ortsfesten Rostockern mit nur 71,9 % (5 Personen, n = 32) niedriger als bei ortstreuen Bewohnern der Kleinstadt Schwaan (80,8 %, 6 Personen, n = 26) und bei Dorfbewohnern (83,3 %, 5 Personen, n = 30). Im städtischen Milieu sind der Abbau des dat und das Aufkommen neuer Varianten des Pronomens offenbar weiter vorangeschritten als im ländlichen Raum.

Die Dialekterhebung von 1962 in der DDR scheint dafür zu sprechen, dass die Variabilisierung der Pronomenwahl jedenfalls auf dem Land erst in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt hat. Bei der damaligen Erhebung wurde den Gewährspersonen ähnlich wie bei der ← 333 | 334 → Untersuchung Wenkers eine hochdeutsche Übersetzungsvorlage zur Übertragung ins Niederdeutsche ausgehändigt. In diesem sogenannten „festen Text“ finden sich in insgesamt sieben Sätzen Belege für das Pronomen es, die ins Niederdeutsche übersetzt wurden.367 Ebenso wie zwei ältere Probanden, die 1890 und 1900 geboren wurden, übersetzen drei weitere Männer aus den Dörfern Retschow und Letschow, die der Vorkriegsgeneration zuzurechnen sind (geboren 1929, 1939, 1940), das hochdeutsche es der Vorlage in allen syntaktischen Positionen durchgängig mit dat (100 %, n = 32). Zu Beginn der 1960er Jahre ist demnach in Dörfern meines Untersuchungsgebiets noch kein Abrücken von dem vorherrschenden dat zu erkennen.

Abbildung 5.2.2-1: Varianten des Pronomens der dritten Person Singular Neutrum in den historischen Wenkerbögen und den Wenkerübersetzungen von Angehörigen alteingesessener Familien (A 1, A 2) und von Familien Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile in Prozent

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In den Übersetzungen der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen sinkt der durchschnittliche Anteil für die ehemals vorherrschende Form dat dann ← 334 | 335 → aber gegenüber der Vorkriegsgeneration mit verstärkter Dynamik weiter auf nur noch 50,9 % (n = 53). Die Gebrauchshäufigkeit von dat hat sich also seit der Wenkerzeit recht genau halbiert. Zugleich erhöht sich die Zahl der Übersetzungsvarianten des Pronomens es auf vier konkurrierende Lexeme. Mit einem Anteil von 32,1 % ist das standardidentische Wort es zweithäufigste Variante in den Übertragungen, die hier das Funktionswort einfach unverändert aus dem Standarddeutschen ins Niederdeutsche übernehmen. Die Variante et mit einem Anteil von 13,2 % kann als spontane Lehnübersetzung aus dem Hochdeutschen interpretiert werden, bei der unter Berücksichtigung der regulären hochdeutsch-niederdeutschen Lautkorrespondenzen eine standardnahe Dialektvariante gebildet wird. Mit dieser Lehnübersetzung wird gewissermaßen eine Form revitalisiert, die vor der Ausbreitung des dat im 19. Jahrhundert dominant im Gebrauch gewesen ist. Da dieser diachrone Hintergrund heutigen Niederdeutsch­sprechern in aller Regel unbekannt sein dürfte, kann die Wahl der Variante et nicht als gewollter Archaismus gewertet werden, sondern die Bildung des et ist – ebenso wie die der Variante es – wohl aus der Orientierung am hochdeutschen Standard zu erklären.368 In den vorläufig sehr seltenen Fällen der Übersetzung des es durch das (3,8 %) ist dagegen der mecklenburgisch-vorpommersche Regiolekt der sprachliche Orientierungspol, in dem unter niederdeutschem Einfluss „sehr häufig das (dat) für es verwendet“ wird (Herrmann-Winter 1979: 200) (z. B. „Wie geht dir das?“). Sowohl et als auch das sind also zwar standardnahe, aber nicht standardidentische Äquivalente für es, die im intendierten Niederdeutsch noch eine Varietätengrenze gegenüber dem hochdeutschen Standard markieren können.

Bei den Angehörigen der Vertriebenenfamilien nimmt die Entwicklung der niederdeutschen Äquivalente für das Pronomen es – bei insgesamt geringeren Anteilen für die altdialektale Form dat – einen ähnlichen Verlauf wie bei den Alteingesessenen (vgl. Abb. 5.2.2-1): Die nach dem Zweiten Weltkrieg zugewanderten Vertriebenen übernehmen die ihnen aus den Herkunftsdialekten unbekannte Ersetzung des Pronomens es durch dialektale Entsprechungen des Demonstrativums das immerhin so weit, dass auch ← 335 | 336 → in ihrem intendierten Niederdeutsch das Lexem dat schwach dominiert (55,6 %, n = 72). Wie ihre Altersgenossen unter den Alteingesessenen weichen auch sie im Übersetzungstest zum Teil auf ‚lautgesetzlich korrektes‘ et aus, präferieren aber stärker als die Alteingesessenen die standardidentische Variante es (37,5 %). Auch im Niederdeutschgebrauch der Vertriebenenfamilien fällt der durchschnittliche Anteil der alten Form dat dann intergenerationell weiter ab (37,5 %, n = 32) und als neue Übersetzungsvariante wird in der Nachkriegsgeneration auch hier gelegentlich die am mecklenburgischen Regiolekt orientierte, standardnahe Form das gewählt (6,3 %).

Die diachrone Dynamik im Gebrauch des Pronomens der 3. Person Singular Neutrum entspricht in meinem zentralmecklenburgischen Untersuchungsgebiet recht genau der Entwicklung, die Hansen (2009: 108–110) unter seinen alteingesessenen Gewährspersonen auf Rügen nachweisen kann. Hier wie dort wird das ehemals absolut vorherrschende Lexem dat fortschreitend abgebaut und an seine Stelle treten mehr und mehr neue Übersetzungsvarianten. Neben et und es, auf die die Probanden in beiden Regionen ausweichen, findet auf Rügen in geringem Maße auch det Verwendung, das von mecklenburgischen Gewährspersonen nicht genutzt wird. Diese Form scheint auf nordbrandenburgischen Einfluss hinzudeuten, dem Vorpommern ja generell viel stärker unterliegt als der mecklenburgische Westen.369 Andererseits greifen nur die Mecklenburger gelegentlich auf regiolektales das als Äquivalent für es zurück. Die Form dürfte sich in Hansens Rügener Korpus wohl deshalb nicht finden, weil das als Satzglied im vorpommerschen Regiolekt sehr häufig mit unverschobenem niederdeutschen Lautstand als dat realisiert wird (Ehlers 2015 a: 201, Karte K2.2 B) und hier also regiolektale und altdialektale Äquivalente von es häufig in der Form dat zusammenfallen. Da die regional exklusiven Varianten das (Mecklenburg) und det (Rügen) jeweils nur mit sehr niedrigen Anteilen Verwendung finden, bleiben die Unterschiede in der Entwicklung des niederdeutschen Pronomens der 3. Person Singular Neutrum zwischen meinem zentralmecklenburgischen Untersuchungsgebiet und dem vorpommerschen Rügen aber insgesamt minimal. Mit dem Abbau der ehemals nur auf das nördliche Niederdeutsch begrenzten Form dat verliert dagegen der früher stark ausgeprägte Gegensatz zwischen nördlichen und ← 336 | 337 → südlichen Varianten des niederdeutschen Personalpronomens der 3. Person Singular Neutrum zunehmend seine arealen Konturen. Mit dem Abbau des morphosyntaktischen Merkmals verblasst der spezifisch nordniederdeutsche Charakter des Mecklenburgischen.

5.3  Phonetik / Phonologie: ausgewählte Variablen

5.3.1  „Das Hauptkennzeichen der mecklenburgischen Mundart“ – zur neueren Entwicklung der Vokalhebung vor r

Am Beginn der Untersuchungen zur Phonetik des niederdeutschen Basisdialekts im Umkreis von Rostock soll ein lautliches Merkmal stehen, mit dem sich das Mecklenburgisch-Vorpommersche markant von seinen niederdeutschen Nachbardialekten abhebt. Die Erhöhung der mittleren Langvokale e:, o: und ö: zu i:, u: und ü: in der Position vor r „kann als das Hauptkennzeichen der mecklenburgischen Mundart im Verhältnis zu ihren Nachbarmundarten angesehen werden“ (Gundlach 1988: 425). Als Beispiele für diese Erhöhung der mittleren Langvokale können die mecklenburgisch-vorpommerschen Wörter Piirt (‚Pferd‘), Kuurn (‚Korn‘) und hüüren (‚hören‘) dienen. Die Vokalhebung geht auf einen vergleichsweise jungen Lautwandel zurück, für den es in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts frühe schriftliche Belege gibt, der aber „am Ende des 18. Jahrhunderts noch nicht allgemein durchgeführt war“ (ebd.). Erfasst wurden von diesem Wandel im Kontext vor r die mittleren Langvokale des Mittelniederdeutschen, die ihrerseits zum Teil auf gedehnte ältere Kurzvokale zurückgingen.370

Mit kleinräumigen Ausnahmen (Fischland, Eldewinkel im Südwesten Mecklenburgs) hat sich die Vokalhebung spätestens seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert flächendeckend über ganz Mecklenburg und Vorpommern ausgebreitet und hebt die Dialektlandschaft trotz gewisser Übergangsgebiete zu den Nachbardialekten „eindrucksvoll von den angrenzenden Mundarträumen ab“ (Foerste 1954: Sp. 2041). Im Westen verläuft die Grenze der arealen Verbreitung des Merkmals etwa parallel zur alten Landesgrenze,371 ← 337 | 338 → die Vokalhebung vor r ist aber auch in Ostholstein „weit verbreitet“ (ebd.). Im Süden reicht die Vokalhebung bei einigen Lexemen in den Norden Brandenburgs hinüber, während sie bei anderen Wörtern auf Mecklenburg- Vorpommern begrenzt ist.372 Im Bereich der Ostprignitz markiert die Hebung der Langvokale gegenüber Nordbrandenburg allerdings eine recht klare Dialektgrenze (Dost 1991: 247). Auch gegenüber dem östlich benachbarten mittelpommerschen Niederdeutsch, für welches die Bewahrung der nicht gehobenen mittleren Langvokale ein „Leitcharakteristikum“ (Niebaum 1986: 30) ist, stellt das phonetische Kennzeichen ein areales Abgrenzungsmerkmal dar. Als dialektgeographisch deutlich eingrenzbare, lautgeschichtliche Sonderentwicklung gilt die Vokalhebung vor r schon bei Teuchert als eines der „Hauptmerkmale“ (Teuchert 1942: VII) oder gar als „stärkstes Merkmal“ (Teuchert 1959: 235) des mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch. Auch die auf Teuchert und Foerste folgenden Fachpublikationen zum (Ost-) Niederdeutschen nennen das Merkmal bis in die jüngste Vergangenheit regelmäßig als eines der „Hauptkennzeichen“ (Stellmacher 1980: 466) oder eines der „typical features“ (Schönfeld 1990: 97) der mecklenburgisch- vorpommerschen Mundart.373

Erste Auswertungen der niederdeutschen Sprachaufnahmen und schriftlichen niederdeutschen Übersetzungen standarddeutscher Testsätze, die in den Jahre 1962 und 1963 in ganz Mecklenburg-Vorpommern systematisch durchgeführt wurden, bestätigten im Wesentlichen die früheren Befunde zur mecklenburgischen Vokalhebung, die noch auf die älteren Erhebungen zu Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reiches und zum Mecklenburgischen Wörterbuch zurückgingen. Gundlach (1967: 178) stellte nach Abschluss der Aufnahmen fest, die Vokalhebung sei „bis heute eines der Hauptkennzeichen des Mecklenburgischen geblieben“. Abgesehen davon, dass sich das Merkmal unterdessen auch auf Fischland durchgesetzt hatte, konnte Gundlach 1967 außerdem konstatieren, „daß auch die Grenze dieser Lauterscheinung fest geblieben“ sei (ebd.). ← 338 | 339 →

Aktuelle Erhebungen zum Norddeutschen Sprachatlas legen dagegen nahe, dass nun auch das Hauptkennzeichen der mecklenburgischen Mundart diachronen Veränderungen unterliegt:374 Im Vergleich mit historischen Wenkerbögen zeigen die aktuellen Wenkerübersetzungen von elf Gewährsfrauen mittleren Alters aus Mecklenburg, Vorpommern und Mittelpommern eine deutliche Zunahme ungehobener Vokalvarianten. Die Realisierung der Langvokale vor r variiert überdies zwischen den einzelnen Gewährspersonen des Norddeutschen Sprachatlas recht stark. Dabei beginnt sich auch eine Nivellierung der arealen Unterschiede der Merkmalsausprägung zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Mittelpommern abzuzeichnen, die in den historischen Wenkersätzen noch scharf konturiert waren. Die weiterhin beträchtlichen Gebrauchsfrequenzen der Vokalhebung im intendierten Niederdeutsch der Probandinnen lassen aber gerechtfertigt erscheinen, das Merkmal noch heute als charakteristisches Kennzeichen des mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch zu werten, mit dem sich dieser Dialekt auch vom benachbarten Mittelpommerschen noch deutlich abhebt: Dem Anteil von 69,4 % (n = 49) gehobener Vokale in den mecklenburgisch-vorpommerschen Aufnahmen des Norddeutschen Sprachatlasses stehen in den mittelpommerschen Tonaufzeichnungen nur 18,2 % gehobene Vokalrealisierungen gegenüber (n = 33).

Meine eigenen Spracherhebungen können diese Befunde zum Teil weiter ausdifferenzieren. Die seit 2010 aufgezeichneten mündlichen Wenkerübersetzungen meiner Gewährspersonen ermöglichen es, die Entwicklungsdynamik des Merkmals auf breiterer empirischer Basis und mit dem regionalen Fokus auf die Umgebung von Rostock in den Blick zu nehmen. Als historischer Bezugspunkt der heutigen Aufnahmen dienen auch hier vor allem 25 ausgewählte Wenkerbögen, die in der Untersuchungsregion um 1880 für den Sprachatlas des Deutschen Reiches ausgefüllt wurden. Als Testlexeme für die niederdeutsche Realisierung der Langvokale kommen in der hochdeutschen Wenkersatz-Vorlage die folgenden acht Wörter bzw. Wortformen in Frage: hört (Wenkersatz 2), Pferd (WS 4), sehr (WS 8 und WS 29), mehr (WS 10), Ohren (WS 11), erst (WS 16) und Korn (WS 40). Meine erweiterte Übersetzungs­vorlage enthält neben den klassischen Wenkersätzen ← 339 | 340 → fünf zusätzliche Sätze mit sechs weiteren geeigneten Belegwörtern: Kerle (Satz 41), Ohr (S 44), Lehrling (S 44), gern (S 44), stört (S45) und sehr (S 45).375 Grundlage der quantitativen Analyse sind also 14 Testkontexte in der hochdeutschen Vorlage mit 12 verschiedenen Lexemen. Die Gradpartikel sehr ist in den Übersetzungsvorlagen damit bis zu dreimal vertreten, wird aber in den niederdeutschen Übersetzungen häufig mit dull, bannig oder rächt übersetzt oder aber ganz ausgespart und in diesen Fällen natürlich nicht mit ausgewertet.376 Das quantitative Übergewicht von sehr in der Stichprobe ist also nicht nennenswert. Alle niederdeutschen Realisierungen, bei denen eine Vokalerhöhung auditiv deutlich festzustellen war, wurden entsprechend codiert und mit den Belegkontexten für die ungehobene Vokalrealisierung vor r in ein quantitatives Verhältnis gesetzt. In den historischen Wenkerübersetzungen der Belegwörter geben die gewählten Grapheme <i>, <u> und <ü> recht eindeutige Hinweise, dass in der schriftlichen Übersetzung eine lautliche Vokalhebung wiedergegeben werden soll.

Aus den 25 historischen Wenkerbögen der Untersuchungsregion bei Rostock konnten insgesamt 169 niederdeutsche Belegwörter in die Auswertung einbezogen werden. Die damaligen Gewährspersonen übersetzen die entsprechenden Testlexeme zu durchschnittlich 97,6 % mit gehobenen Langvokalen. Die gehobene Realisierung der Vokale war in der Position vor r im ausgehenden 19. Jahrhundert also noch absolut vorherrschend. Eine nennenswerte Variation des Sprachgebrauchs setzt − mit allerdings mäßiger Dynamik − erst in der zwischen 1920 und 1940 geborenen Generation der Alteingesessenen ein: Die 24 untersuchten Angehörigen ← 340 | 341 → dieser Vorkriegsgeneration übertragen die einschlägigen Belegwörter heute nur noch zu 84,7 % (n = 255) und damit hoch signifikant seltener mit gehobenen Vokalen als die Gewährsleute Georg Wenkers (vgl. Abb. 5.3.1-1).377

Abbildung 5.3.1-1: Prozentualer Anteil gehobener Vokale i, u und ü vor r in historischen Wenkerbögen und in den Wenkerübersetzungen von Angehörigen alteingesessener Familien (A 1, A 2) und von Familien Vertriebener (V 1, V 2)

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Der Abbau der Vokalhebung ist dabei in der Großstadt Rostock offenbar am weitesten vorangeschritten und zeigt in den dörflichen Wohnorten der Gewährspersonen die geringsten Auswirkungen. Der Vergleich der Wenkerübersetzungen von fünf lebenslang ortsfesten Rostockern mit je sechs ebenso ortsfesten Personen aus der Kleinstadt Schwaan und den westlich davon gelegenen Dörfern lässt − bei insgesamt geringen Differenzen − die folgende Abstufung des Sprachverhaltens erkennen: Die gehobene Realisierung der Langvokale vor r ist unter den älteren Dorfbewohnern bis heute mehr oder weniger obligatorisch (92,8 %, n = 69). Der Anteil der gehobenen Vokale nimmt in den niederdeutschen Übersetzungen der gleichaltrigen Kleinstädter recht deutlich ab auf durchschnittlich 81,8 % (n = 55) und erreicht schließlich bei den Bewohnern Rostocks mit 78,9 % ← 341 | 342 → den niedrigsten Häufigkeitswert (n = 57). Entsprechend korreliert auch die Variationsbreite des Sprachgebrauchs zwischen den einzelnen Angehörigen der Vorkriegsgeneration mit dem Urbanitätsgrad ihres Lebensumfeldes. Die maximale Spannweite der interpersonellen Varianz erstreckt sich bei den Dorfbewohnern nur im Raum zwischen 100 % und 80 % gehobener Vokale. In der Kleinstadt variieren die Anteile der Vokalhebung interpersonell zwischen 100 % und 60 %, während in Rostock diese Anteile bereits zwischen den Extremwerten von 100 % und nur noch 50 % liegen.

Die angesprochenen Stadt-Land-Unterschiede bringen sich auch in historischen Tonaufnahmen zur Geltung, die seinerzeit ausschließlich in Dörfern aufgezeichnet wurden. In den Übersetzungstests mit sechs Gewährspersonen unterschiedlichen Alters, die 1962 / 1963 unter Mitwirkung von Jürgen Gundlach in meinem Untersuchungsgebiet in den Dörfern Retschow und Letschow aufgenommen worden sind, weisen die einschlägigen Belegwörter noch zu 100 % eine gehobene Vokalrealisierung auf (n = 14).378 In zwei späteren Aufnahmen von 1990 sind es auch im Dorf Jürgenshagen nur noch 90,9 % (n = 11) gehobener Vokale im intendierten Niederdeutsch zweier Angehöriger der Vorkriegsgeneration.379

In meinem eigenen Untersuchungskorpus fällt hinsichtlich der gehobenen Vokale auf, dass im intendierten Niederdeutsch der vor 1940 geborenen Alteingesessenen vor allem die beiden Funktionswörter mir (‚mehr‘) und sir (‚sehr‘) vom Abbau der Vokalhebung betroffen sind und daher häufig schon in standardidentischer Lautform als mehr und sehr in die niederdeutschen Übersetzungen eingehen. Wenn das Testlexem mehr im Kontext nicht mehr wieder (Wenkersatz 10) von den Angehörigen der Vorkriegsgeneration überhaupt ins Niederdeutsche übersetzt wird, dann geschieht dies heute nur noch in der Hälfte der Fälle (n = 12) mit gehobenem Vokal (nich mir wedder). In den drei Belegkontexten der Gradpartikel sehr (sehr weh, sehr hoch, stört sehr) beträgt der Anteil der Realisierungen mit Vokalhebung in dieser ← 342 | 343 → Altersgruppe zusammengefasst immerhin noch 67,7 % (n = 34). Bei allen übrigen Testlexemen liegen die Anteile für die gehobenen Vokalrealisierungen aber durchweg bei über 80 % der jeweiligen Belege.

Die in der Vorkriegsgeneration begonnene Entwicklung setzt sich im intendierten Niederdeutsch der nach 1950 geborenen Alteingesessenen verstärkt fort. Die Anteile der gehobenen Vokalrealisierungen fallen in den Übersetzungen des Testlexems mehr auf nur noch 25 % und bei den Belegkontexten für sehr auf durchschnittlich 38,5 % zurück. Beide Lexeme treten im Niederdeutsch der jüngeren Alteingesessenen also weit überwiegend in standardsprachlicher Lautform auf. In den Übersetzungen der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen sinkt erstmals auch bei der Gradpartikel erst der Anteil der Varianten mit gehobenem Vokal (iirst) auf 75 %, während alle anderen Testlexeme − Substantive, Verbformen und das Adverb gern − durchweg weiterhin in über 80 % der jeweiligen Belege mit Vokalhebung realisiert werden.

„Das Hauptkennzeichen der mecklenburgischen Mundart“ wird in der Generationsfolge der Alteingesessenen also vorläufig nur bei einzelnen Funktionswörtern stark abgebaut, während die Vokalhebung bei autosemantischen Lexemen des Niederdeutschen seit der Wenker-Zeit bis heute recht stabil bewahrt wird.380 In zusammenfassender Betrachtung aller zwölf verschiedenen Testlexeme ist also wohl ein intergenerationeller Abbau der Vokalhebung zu beobachten. Mit einem Rückgang der gehobenen Vokalrealisierungen von durchschnittlich 84,7 % der Belege bei den älteren Gewährspersonen auf durchschnittlich 80,8 % (n = 99) in der Nachkommengeneration der Alteingesessenen bleibt diese Entwicklung jedoch eher verhalten (vgl. Abb. 5.3.1-1) – eben weil sie sich bisher vor allem auf einzelne Funktionswörter beschränkt. Mit Gebrauchshäufigkeiten von knapp über 80 % der Belegkontexte kann die Vokalhebung in meiner Untersuchungsregion bis heute durchaus noch zu den „typical features“ (Schönfeld 1990: 97) des mecklenburgischen Niederdeutsch gerechnet werden. ← 343 | 344 →

Auch hier sollen abschließend die Vertriebenenfamilien in die Betrachtung einbezogen werden: Offensichtlich trägt der hochfrequente Gebrauch der Vokalhebung bei den Alteingesessenen dazu bei, dass sie auch von den Vertriebenen aus den südöstlichen deutschen Sprachgebieten als typisches Merkmal des Basisdialekts ihres mecklenburgischen Zuwanderungsgebietes aufgefasst worden ist. Die Zuwanderer übernehmen das Merkmal beim ungesteuerten Erwerb dieses Dialekts jedenfalls in bemerkenswertem Umfang. Die Angehörigen der Vorkriegsgeneration der Vertriebenen realisieren die Vokalhebung vor r in immerhin 77,1 % der Belegfälle (n = 153). Wie die Alteingesessenen übersetzen aber auch sie gerade die Funktionswörter mehr, sehr und erst am häufigsten von allen Testwörtern mit bewahrtem Langvokal e: und damit in einer Lautform, die der Standardaussprache entspricht.381 Die niederdeutschkompetenten Nachkommen der Vertriebenen realisieren die Vokalhebung mit 71 % (n = 58) dann etwas seltener als die Elterngeneration (vgl. Abb. 5.3.1-1). Im Niederdeutsch beider Altersgruppen der Vertriebenenfamilien erreichen die Anteile der gehobenen Vokale mit über 70 % aber hohe Werte, auch sie reproduzieren also das „typical feature“ des mecklenburgischen Niederdeutsch in einem Ausmaß, das der Verbreitung des Merkmals bei den Alteingesessenen durchaus nahe kommt.

Sowohl in der Generationsfolge der Alteingesessenen als auch in der der Vertriebenenfamilien ist also ein leichter Abbau der mecklenburgischen Vokalhebung zu verzeichnen. Da bei den untersuchten Testlexemen durch den Abbau der Vokalhebung eine standardnähere, und in den meisten Fällen sogar eine standardidentische Lautform erreicht wird (Liirling > Lehrling; Ur > Ohr; hüürt > hört), kann die Entwicklung als eine – freilich nur schwach wirkende − Tendenz der Standardadvergenz beschrieben werden. Diese Tendenz bringt sich im Fall dieses Merkmals vor allem dadurch zur Geltung, dass Funktionswörter wie sehr, mehr und erst vermehrt in standardidentischer Form in das intendierte Niederdeutsch transferiert werden. Offensichtlich werden die Lautformen sehr, mehr und erst besonders von Angehörigen der jüngeren Generation bereits mehrheitlich ← 344 | 345 → für niederdeutsch gehalten. Bei autosemantischen Wörtern ist dieser Prozess weit weniger stark ausgeprägt. Das Testlexem Pferd wird als einziges sogar seit der Wenker-Zeit bis heute von sämtlichen Gewährspersonen durchweg als Piirt übersetzt. Die besondere Stabilität dieser Wortform mag darin begründet sein, dass das Ergebnis einer Aufgabe der Vokalhebung (Piirt > *Peert) hier weder vor dem Hintergrund der Gebrauchsnorm des mecklenburgischen Niederdeutsch noch vor dem der kodifizierten Standardaussprache akzeptabel erscheint.

5.3.2  „meihen, meiden W, meigen O mähen“ – Varianten der Hiattilgung im mecklenburgischen Niederdeutsch382

In der Grammatik der „Mecklenburgisch-Vorpommerschen Mundart“ von Julius Wiggers hieß es 1857:

Wenn von zwei Silben die erste auf einen langen Vocal auslautet, die zweite mit kurzem oder stillen [sic] e beginnt, so tritt gewöhnlich zwischen beide ein die Stelle eines Hauchlautes (h, ch, w) vertretendes g. (Wiggers 1857: 5)

An die Stelle eines Frikativs in buhen oder buwen (‚bauen‘) trat nach Wiggers also „das vocaltrennende g“ (bugen). Schon die mecklenburgische Grammatik von Ritter (1832: 60–61) hatte die „ganz eigenthümlich[e]“ Ablösung des sprachgeschichtlich früheren intervokalischen w durch ein plosiv artikuliertes g an vielen niederdeutschen Wortbeispielen demonstriert und die Funktion dieses g-Einschubs in der „Vermeidung der Häufung von Vocalen“ (ebd.: 61) gesehen. Nur zwölf Jahre nach Wiggers wies die mecklenburgische Grammatik von Karl Nerger (1869) dann auf eine weitere Form des Konsonanteneinschubs im Vokal-Hiat (= Hiattilgung) hin, von der weder bei Ritter noch bei Wiggers die Rede gewesen war und die Nerger ausdrücklich als eine neue Entwicklung betrachtete: „In jüngster Zeit wird neben g ein schwaches d häufig als Vertreter der Fricativen gebraucht, z. B. teiden decem, neiden suere u. a. m.“383 ← 345 | 346 →

Die noch einmal gut zehn Jahre später erfolgende Fragebogenerhebung Georg Wenkers von 1880 ergab für die Region Mecklenburg-Vorpommern eine recht deutliche areale Verteilung der beiden Varianten der Hiattilgung. Dies lässt sich beispielsweise an der Wortschatzkarte für nähen des Sprachatlas des Deutschen Reiches ablesen:384 Im Westen Mecklenburgs wird als Entsprechung für nähen die nieder­deutsche Leitform neid-en verzeichnet, bei welcher ein d im Vokalhiat auftritt. Für Südostmecklenburg und Vorpommern verzeichnet Wenkers Sprachatlas dagegen eine Leitform mit g (neig-en). Die eingezeichnete Isoglosse für die jeweilige Leitform ergibt also eine west-östliche Zweiteilung Mecklenburg-Vorpommerns entlang einer stark mäandernden Grenze vom Darß im Norden zum Gebiet östlich des Müritzsees im Süden. Diese setzt sich auch ins östlich benachbarte mittelpommersche Dialektgebiet fort (dort ohne Diphthongierung: näg-en ‚nähen‘), während im äußersten Südwesten Mecklenburgs und den angrenzenden Dialektregionen Holstein und Brandenburg keine Hiattilgung kartiert wird. ← 346 | 347 →

Schon Teuchert (1942: IX) sieht in der unterschiedlichen Realisierung der Hiattilgung eines der wenigen lautlichen Merkmale, die die ansonsten dialektal sehr homogene Großregion Mecklenburg-Vorpommern in einen mecklenburgischen und einen vorpommerschen Bereich teilen. Sein Mecklenburgisches Wörterbuch weist allerdings für eine Reihe von Lexemen mit Vokalhiat drei Realisierungsformen nach, z. B. „meihen, meiden W, meigen O mähen“, „schrien (lautl. šrīən), schriden, schrigen schreien“. Neben den beiden Varianten mit konsonantischer Hiattilgung verzeichnet das Mecklenburgische Wörterbuch also auch Formen, bei denen der Vokal-Hiat gar nicht durch einen Konsonanteneinschub getrennt ist. Dabei kennzeichnen die Wörter­­buch­artikel zu einzelnen Lemmata den Einschubkonsonanten g als östliches, eingeschobenes d dagegen als westliches Merkmal. Die fehlende Hiattilgung wird offenbar nicht eindeutig areal begrenzt wie im Lemma: „snien, -g-, -d- schneien; neben snien gilt snigen im Osten, sniden im Westen“.385

Auch die spätere Fachliteratur nutzt im Gefolge von Teuchert und Foerste (1954: Sp. 2042) die unterschiedlichen Realisierungsformen des Vokal­hiats mit großer Übereinstimmung als ein Leitmerkmal für die interne areale Gliederung des ostniederdeutschen Dialekts. Nach Stellmacher (1980: 466)

unter­scheidet sich das Vp. [Vorpommersche] vom M. [Mecklen­burgischen] durch die Bewahrung eines im Hiat entwickelten Klusils: m. mei(d)en wird von vp. meigen durch eine Linie getrennt, die vom Darß über Malchin, Stavenhagen bis Penzlin verläuft.

Eine beigegebene Karte veranschaulicht diese Isoglosse zwischen mei­-(d)en und meigen mit dem ausdrücklichen Zeitbezug „Stand 1979“.386 Auch ← 347 | 348 → Gernentz, Schönfeld und Schröder führen die Hiattilgung auf g und auf d als regionale Kennzeichen an, anhand derer der vorpommersche vom mecklen­bur­gischen Dialektraum abzugrenzen sei.387 Gundlach (1988: 427) kommt unter Einbeziehung der Formen ohne Hiattilgung zu einer Dreiteilung der Dialektregion. Demnach

steht mecklenburgisches sniden (‚schneien’) vorpommerschem schnigen gegenüber, wobei die vorpommersche Form auch noch im Osten und Südosten Mecklenburgs einschließlich Stavenhagen gilt. […] Der äußerste Südwesten des Landes hat keinen Hiateinschub. Es staffelt sich also von Südwesten nach Osten meien / meiden / meigen.

Die grundlegende West-Ost-Gliederung der Dialektlandschaft wäre aber auch nach Gundlach nur im „äußersten Südwesten“ feiner auszudifferenzieren.

Allerdings finden sich in der Fachliteratur auch gelegentlich Hinweise, die Zweifel an einer (noch) fest abgegrenzten arealen Verteilung des ‚mecklenburgischen’ d und des ‚vorpommerschen’ g auf­kom­men lassen. Schon Herrmann-Winter (1974: 174) konstatiert, die Lautgrenze „schnigen / schniden zwischen Vorpommern und Mecklenburg [sei] heute nicht mehr fest“. Auch nach Gernentz (1974: 223) treten hier „an die Stelle ehemals fester Lautgrenzen […] heute breite Übergangszonen“. Expansionsbewegungen in beide Richtungen werden festgestellt: So setzten sich nach Gernentz (1980: 89) als Folge der Verbreitung der Schriften Fritz Reuters „in neuerer Zeit auch im Westen des Mundartgebietes die g-Formen durch“. Gegenläufig dazu breite sich nach Gundlach (1988: 427) „der d-Einschub neuerdings immer mehr nach Osten hin aus“. Gernentz (1974: 226) beobachtet andererseits auch „das Fortlassen des erst im 19. Jahrhundert aufgekommenen ‚Gleitlauts’ –g– (oder –d–) zwischen Vokalen“. Diese Gebrauchsveränderung sei derart häufig, „dass man den Beginn eines allgemeinen Lautwandels erwägen muß“ (ebd.). Herrmann-Winter (2003: 198) bezieht dieses „Fortlassen“ offenbar vor allem auf den Plosiveinschub d: „Da in den konjugierten Formen dieser Lautunterschied [zwischen schniegen und schnieden] weitgehend aufgehoben ist, gilt heute weiträumig schnien und schniegen.“ Auch hier wird der Bestand der „ursprünglich“ durch den d- / g-Gegensatz markierten sprachlichen „Grenze zwischen Mecklenburg und Vor­pommern“ fraglich (ebd.). ← 348 | 349 →

Die Aussagen der Forschungsliteratur zur Hiattilgung in der mecklenburgisch-vorpommerschen Dialektlandschaft lassen sich demnach wie folgt zusammenfassen: Die verschiedenen Autorinnen und Autoren sind sich sehr weitgehend einig, dass es zumindest ehemals eine recht klare areale Verteilung der unterschiedlichen Realisierungsformen des Vokal­hiats im mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch gegeben habe. Für die jüngere Vergangen­heit gehen die Aussagen zur bestehenden Stabilität dieser arealen Struktur bzw. die Befunde über eine einsetzende Entwicklungsdynamik und auch über die Richtung dieser Entwicklung aber zum Teil weit auseinander.

Lässt sich nun wenigstens für mein räumlich eng begrenztes Untersuchungsgebiet südwestlich von Rostock ein klares Bild der Verhältnisse gewinnen? Ich möchte in diesem Abschnitt die verbreitete Annahme einer klaren arealen Verteilung der Varianten der Hiattilgung einmal empirisch überprüfen und versuchen, in der Zusammenführung verschiedener Sprachdaten aus meiner Erhebungsregion ein detailliertes Profil von Gebrauch und Entwicklung der Hiattilgung herauszuarbeiten.

Ein Blick auf die 25 historischen Wenkerbögen aus der Umgebung von Rostock lässt erkennen, dass die arealen Abgrenzungen schon im ausgehenden 19. Jahrhundert keineswegs so eindeutig waren, wie die Forschungsliteratur großenteils nahelegt. Die historischen Satzvorlagen Wenkers enthalten jeweils neun Wörter, bei deren Übertragung ins Niederdeutsche ein Vokalhiat bzw. dessen Tilgung auftreten kann: schneien, nähen, rein, neue (2x vertreten), schreien, Kindereien, bauen, mähen.388 Statt der erwartbar deutlichen Dominanz einer ‚zentralmecklen­burgischen’ Tilgungsvariante auf Plosiv d sind die Zahlenverhältnisse bei der nieder­deutschen Übertragung dieser neun überprüften Belegwörter in der schriftlichen Erhebung Georg Wenkers in meinem Untersuchungsgebiet nahezu ausgewogen: Nur 29,8 % der insgesamt gewerteten 178 Belege wurden mit intermittiertem d übersetzt, 27 % mit einer Hiattilgung auf g (vgl. Abb. 5.3.2-1). ← 349 | 350 → Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert finden sich also weit westlich der allgemein angenommenen schniden / schnigen-Isoglosse zahlreiche Belege für die mutmaßlich ‚vorpommersche’ Form der Hiattilgung. An keinem der überprüften Wenker-Orte meines Untersuchungsgebietes wurde dabei auf dem historischen Bogen ausschließlich eine einzige Hiattilgungsform favorisiert. Auf allen Bögen aus der Region wurde vielmehr auf mindestens zwei der drei möglichen Hiatrealisierungen (g, d, ohne Tilgung) zurückgegriffen. Auf der Hälfte aller historischen Bögen der Schulorte wird jeweils sogar zwischen allen drei Varianten der Hiatrealisierung alterniert, gewählt werden sowohl Tilgungen auf d als auch solche auf g neben Testwörtern mit nichtgetilgtem Hiat.

Die beiden konsonantischen Varianten sind also in der historischen Sprachlandschaft Zentralmecklenburgs nebeneinander nachweisbar. Und die Dominanz der von Wenker als areale Leitform gewählten Hiattilgung auf d war in meinem Untersuchungsgebiet um 1880 allenfalls schwach ausgeprägt. Bemerkenswert ist auch, wie oft die Gewährsleute Wenkers die Belege mit Vokalhiat im Niederdeutschen ohne Tilgung belassen. Ganze 43,3 % der historischen Wenkerübersetzungen lassen den jeweiligen Vokalhiat ganz ohne Konsonanten­einschub (vgl. Abb. 5.3.2-1). Abgesehen von bauen, das ausschließlich als bugen, bug’n o. ä. übertragen wurde (100 %, n = 25), erreichen die Häufigkeiten für eine der beiden konsonantischen Tilgungsvarianten bei den einzelnen Testwörtern damit kaum jemals mehr als 50 % der Belege. Auch dieser Befund muss angesichts der Forschungsliteratur überraschen, die Formen ohne Hiattilgung ja ursprünglich vor allem im „äußersten Südwesten des Landes“ erwarten lässt.

Soweit der Stand der schriftlichen Erhebung Georg Wenkers. Wie stellen sich die Verhältnisse nun im rezenten Dialekt des Untersuchungsgebietes dar? Hier soll zunächst das intendierte Niederdeutsch meiner älteren Gewährspersonen betrachtet werden, die in den 1920er und 1930er Jahren, also 40 bis spätestens 60 Jahre nach der Wenkererhebung in meinem Untersuchungsgebiet geboren wurden: Überraschenderweise ist die Frequenz der Hiattilgungen in den spontanen und mündlichen Übersetzungen der Wenker-Vorlage durch die 24 Angehörigen der Vorkriegsgeneration alteingesessener Mecklenburger viel höher als auf den schriftlichen Wenkerbögen von 1880. Diese Zunahme könnte einerseits auf seit 1880 fortschreitende Veränderungen im Sprachgebrauch hindeuten, in dem sich nach ← 350 | 351 → Berichten von Zeitzeugen um 1920 besonders die Hiattilgung auf d als neue Entwicklung in meinem Untersuchungsgebiet ausbreitete.389 Freilich mögen die Zahlendifferenzen zu guten Teilen auch der schriftlichen und indirekten Erhebungsmethode des Sprachatlas des Deutschen Reiches geschuldet sein. Die Lehrer, die Wenkers historische Fragebögen stellvertretend ausgefüllt haben, könnten einen intervokalischen Übergangslaut vielfach ‚überhört’ bzw. für irrelevant gehalten haben. Die starke Norm-Nähe der Schriftsprache wird die Tendenz zu einer standardnäheren, also tilgungslosen Schreib­weise in ihren Wenkerübersetzungen zusätzlich bestärkt haben.390

Jedenfalls wählen die älteren Probanden aus alteingesessenen Familien in den aktuellen akustischen Aufzeichnungen nicht nur insgesamt häufiger eine konsonantische Hiattilgung als die Gewährsleute Wenkers, sondern gerade auch die Hiattilgungen auf d treten in den aktuellen Aufnahmen deutlich häufiger auf. Von 164 Belegen für die oben angegebenen neun Testwörter werden von der Vorkriegsgeneration 48,8 % mit Hiattilgung auf d, 34,2 % mit einer Tilgung auf Plosiv g und nur noch 17,1 % ohne konsonantische Tilgung ins intendierte Nieder­deutsch übertragen.391 Von einer ausschließ­lichen Dominanz eines ‚mecklen­burgischen’ d kann allerdings auch bei diesen viel höheren Frequenzen plosivischer Tilgung kaum gesprochen werden. Die Häufigkeiten der Tilgungen auf g bleiben auch in ← 351 | 352 → den Übersetzungs­tests der Vorkriegs­generation der Alteingesessenen mit mehr als einem Drittel aller Belege erheblich. Es ist für mein Untersuchungsgebiet also auch in der Gegenwart eher ein Nebeneinander beider Varianten zu konstatieren, wobei die alteingesessenen Probanden der Vorkriegsgeneration freilich mit recht deutlicher Präferenz Formen auf d wählen.392

Abbildung 5.3.2-1: Prozentualer Anteil der Varianten der Hiatrealisierung bei Alteingesessenen verschiedener Altersgruppen (historische Wenkerbögen und mündliche Wenkerübersetzungen A 1, A 2)

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Wie sind nun die Befunde für die Hiatrealisierung in den Wenkerübersetzungen der jüngeren Generation der Alteingesessenen? Die neun niederdeutschkompetentesten Alteingesessenen, die in den Jahren zwischen 1950 bis 1969 geboren wurden, realisieren im Übersetzungstest der neun Testwörter die ← 352 | 353 → plosivischen Hiattilgungen viel seltener als die Angehörigen ihrer Elterngeneration. In nahezu der Hälfte der 56 niederdeutschen Belege mit Vokalhiat belässt es diese Gruppe bei Realisierungen ohne Hiattilgung (44,6 %). Der durchschnittliche Anteil für intermittiertes d liegt dabei sogar unter dem für intermittiertes g: 21,4 % Varianten mit d stehen 33,9 % Varianten mit g gegenüber. Da die Übersetzungsdaten in den beiden Altersgruppen dialektkompetenter Alteingesessener identisch erhoben worden sind, deuten die Unterschiede im intendierten Niederdeutsch beider Probanden­gruppen auf Entwicklungen im regionalen Niederdeutsch hin. Demnach gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass sich auch im Kontext des Vokalhiats eine Tendenz zur Annäherung an das Standard­deutsche geltend macht und das typisch mecklenburgische Merkmal sich insgesamt im Abbau befindet. Bemerkenswert ist dabei, dass offenbar gerade die Hiattilgung auf d besonders stark in diesen Prozess gerät, während die Verwendung der Hiattilgung auf g recht stabil bleibt (vgl. Abb. 5.3.2-1).

Diese Beobachtungen bleiben unscharf, solange alle neun Testwörter der historischen Wenker­bögen gemeinsam betrachtet werden. Ein differenzierender Blick auf die einzelnen Testwörter lässt nämlich erkennen, dass offenbar auch der phonetische Kontext einen Einfluss auf die bevorzugte Variante der Hiattilgung hat. In der neueren Forschung ist es erst Köhncke, der darauf hinweist, dass die Hiatrealisierung nicht allein mit arealen Faktoren korreliert, sondern mitunter auch „lexemabhängig“393 bzw. kontextbezogen gebildet wird. Um die Belegzahlen zu erhöhen, wurden in die folgenden Untersuchungen zusätzliche Lexeme aus der erweiterten Wenkersatz-Vorlage einbezogen, die ich meinen Gewährspersonen zur mündlichen Übersetzung ins Nieder­deutsche vorgelegt habe. Es handelt sich in der erweiterten Übersetzungsvorlage insgesamt um die folgenden zehn bzw. zwölf Testwörter: schneien (2x vertreten), schreien, Kindereien, nähen, mähen, das Krähen, blühen, bauen, hauen, neue (2x vertreten).394 ← 353 | 354 → Anhand dieser Testwörter wurde überprüft, ob die Hiattilgung in bestimmten phonetischen Umgebungen oder bei einzelnen Lexemen besonders häufig auftritt. Die niederdeutschen Übersetzungen dieser Wörter lassen sich zu den folgenden Lautkontexten im Hiat gruppieren:

[i:-ən] (schni-en, schri-en, Kinneri-en),

[aÙe-ǝn] (nai-en, mai-en, dat Krai-en),

[ɔÙø-ən] (bloi-en),

[u:-ən] (bu-en),

[aÙo-ən] (hau-en) und

[i:-ə#] (ni-e).

Das folgende Diagramm (Abb. 5.3.2-2) veranschaulicht, dass von den niederdeutsch­kompetenten Angehörigen der Vorkriegsgeneration aus meiner Erhebungs­region je nach Laut­­­­kontext im Hiat unterschiedliche Tilgungskonsonanten präferiert werden:395 Für die auf -en bzw. bei Schwa-Ausfall auf bloßen Nasal auslautenden Testwörter (z. B. mai-n) scheint diese Präferenz mit der Qualität des Erstvokals im Hiat zusammenzuhängen. Nach Vordervokal – sei es mono­phthongisch als Langvokal [i:] oder sei es im upglide des vorangehenden Diphthongs [a͜e] und [ɔ͜ø] – schließen die Probanden aus der Erhebungsregion in den weitaus meisten Fällen mit dem vorderen Plosiv d an. Vor demselben Folgekontext -(e)n wählen sie ausschließlich den hinteren Plosiv g als Tilgungselement, wenn schon der voraufgehende Vokal bzw. die zweite Diphthongphase hinten artikuliert wird ([u:], [a͜o]). Das oben beobachtete areale Nebeneinander des ‚vorpommerschen’ g-Einschubs und des ‚mecklenburgischen’ d-Einschubs im zentral­mecklenburgischen Er­hebungs­gebiet ist also weitgehend an bestimmte Lexemgruppen gebunden und lässt sich wohl in vielen Fällen auf Koartikulationsphänomene zurück­führen. ← 354 | 355 →

Abbildung 5.3.2-2: Prozentualer Anteil der Varianten der Hiatrealisierung in verschiedenen phonetischen Kontexten (Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen)

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Anders als in den Testwörtern mit Folgekontext -(e)n fällt die Hiatrealisierung im nieder­deutschen Adjektiv ni-e (‚neue’) aus, das auf Schwa auslautet.396 Hier wählen die Probanden der Altersgruppe ausschließlich den hinteren Einschubkonsonanten g, obwohl ein langer Vordervokal vorangeht. Köhncke (2006: 170) kommt bei Aufnahmen in seinem weiter südlich gelegenen mecklenburgischen Untersuchungsgebiet (Dörfer südlich von Sternberg) zu ähnlichen Distributionsverhältnissen für die beiden plosivischen Hiattilgungen:

Über die Distribution beider Konsonanten lässt sich nur so viel sagen, dass d im Untersuchungsgebiet häufiger ist. g hingegen kommt nur bei bestimmten Wörtern vor, zudem ist es auf u und i beschränkt. […] Dagegen ist mir kein Fall bekannt, bei dem das d dem u als Hiatustilger folgt. Bei i können […] beide Konsonanten auftreten. Es gibt also Tendenzen, wann welcher Laut favorisiert wird, dennoch ist die Verteilung nicht eindeutig und nicht immer vom vorangehenden Vokal abhängig. ← 355 | 356 →

Zu ergänzen wäre, dass das d offensichtlich auch insofern distributionsbeschränkt ist, als es weder in den 25 historischen Wenkerbögen meiner Erhebungsregion noch in den mündlichen Übersetzungs­aufzeichnungen jemals im Kontext [i:-ə#] auftritt. „Neue“ wird hier aus­schließ­lich mit Hiattilgung auf g übersetzt (nige; nie *nide). Die ‚vorpommersche’ Tilgung auf g ist also breiter distribuierbar als das ‚mecklenburgische’ d.

Die Bindung der Hiatrealisierung an bestimmte Lautkontexte bestätigt sich auch bei den niederdeutschen Übersetzungen der Belegwörter durch die Nachkriegsgeneration altein­gesessener Mecklenburger. Auch bei diesen neun niederdeutschkompetenten Probanden ist das Nebeneinander der Formen auf verschiedene Lautkontexte bzw. Lexemgruppen verteilt (vgl. Abb. 5.3.2-3). Sie präferieren wiederum nach Vordervokal und vor –en den vorderen Plosiv d und zwischen hinten artikuliertem Vokal und Schwa im Wortauslaut den velaren Plosiv g. Auch in der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen wird der Hiat zwischen langem i und Schwa im Wortauslaut (ni-e) nur durch den Klusil g getrennt oder aber ungetilgt belassen.

Abbildung 5.3.2-3: Prozentualer Anteil der Varianten der Hiatrealisierung in verschiedenen phonetischen Kontexten (Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen)

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Im Vergleich zur Elterngeneration der Alteingesessenen ist dabei zugleich ein deutlich häufigeres „Fortlassen des erst im 19. Jahrhundert aufgekommenen ‚Gleitlauts’ -g- (oder -d-) zwischen Vokalen“ zu bemerken, das schon Gernentz (1974: 226) beobachtet hatte. Dieser zurückgehende Gebrauch ← 356 | 357 → im intendierten Niederdeutsch der jüngeren Generation betrifft, wie schon gesagt, in beson­derem Maße die Hiattilgung auf d, die in ihren angestammten Lautkontexten auf Realisierungsanteile von ca. 30 % der Belege zurückfällt. In den Übersetzungen derselben Testwörter durch die Elterngeneration hatten die Anteile noch zwischen 79,7 % und 65 % der Belegkontexte gelegen (vgl. Abb. 5.3.2-2). Auch der Rückgang im Gebrauch des g-Einschubs ist für einen der Kontexte drastisch (hauen),397 die Realisierung der Hiattilgung bleibt aber im Falle von bugen und nige bemerkenswert stabil. Bugen ist sogar über alle untersuchten Zeitstufen seit der historischen Wenker-Befragung von 1880 hinweg überhaupt die einzige gewählte Übertragung für die standard­deutsche Übersetzungsvorlage bauen. Hier hat sich offenbar eine feste Lexembindung der Hiattilgung auf g etabliert, die keine Variation zulässt.

Wenn man die erheblichen Unterschiede in den niederdeutschen Übersetzungen der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen und der kleinen, zwischen 1950 und 1969 geborenen Probandengruppe als weiteres Indiz für „den Beginn eines allgemeinen Lautwandels“398 interpretieren möchte, so dürften die Formen der plosiven Hiattilgung in Zukunft wohl weiter abgebaut werden. Nur der g-Einschub scheint sich mit zunehmend ausschließlicher Bindung an einzelne Lexeme dauerhaft zu erhalten.

Die mehr oder weniger ausgeprägte Präferenz für eine der Varianten der Hiatrealisierung ist in meinem Erhebungsgebiet offenbar aber nicht nur durch den phonetischen Kontext, sondern auch durch außersprachliche Faktoren bedingt. Mein zentral­mecklenburgisches Untersuchungsgebiet, das ja nur einen Durchmesser von etwa 30 Kilometern umspannt, ist wohl zu klein, als dass sich dort deutliche areale Binnen­gliederungen abzeichnen dürften. In den Aufnahmen aus diesem Gebiet deuten sich aber doch Binnendifferenzierungen an, die allerdings eher sozial als areal zu werten wären. Vergleicht man nämlich die Wenkerübersetzungen von ortsfesten Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration aus Rostock mit denen von entsprechenden Gewährsleuten aus der Kleinstadt Schwaan und den Dörfern Satow und Jürgenshagen, so deutet sich eine Korrelation zwischen der ← 357 | 358 → Variation der Hiatrealisierung und der Wohnortgröße an (vgl. Tab. 5.3.2-1). Die fünf Gewährspersonen, die ihr Leben ohne größere Unterbrechung in der Großstadt Rostock bzw. seiner damals noch nicht eingemeindeten unmittelbaren Umgebung (Dierkow, Biestow, Papendorf) verbracht haben, tendieren eher zu Hiattilgungen auf g als ortsfeste Kleinstädter aus Schwaan. Und die Schwaaner Gewährspersonen dieser Altersgruppe realisieren die Hiattilgung auf g ihrerseits insgesamt häufiger als ortsfeste Bewohner der Dörfer Satow, Jürgenshagen und unmittelbarer Nachbarorte (Püschow). Die Frequenz der Hiattilgungen auf g nimmt also (ebenso wie die Zahl der tilgungslosen Realisierungen) mit steigender Wohnortgröße im intendierten Niederdeutsch der alteingesessenen Einwohner zu. Umgekehrt proportional werden Hiatrealisierungen auf d mit steigender Größe der Wohnorte der Probanden seltener gewählt.399

Vor dem Hintergrund dieser Befunde könnte die Hiattilgung auf d in meinem Erhebungsgebiet als ländliche Reliktform angesehen werden, die im Untersuchungszeitraum besonders im urbanen Milieu einem besonders starken Abbau unterliegt. Erweitert man den historischen Fokus der Betrachtung allerdings auf das 19. Jahrhundert, in dem der Tilgungs­konsonant d erst als jüngere Form neben das ältere g trat und sich offenbar vor allem im ländlichen Raum gegen die konservativeren Städte durchsetzte,400 dann erscheinen die heute feststellbaren Stadt-Land-Differenzen im Niederdeutsch der Vorkriegsgeneration als Nachwirkungen einer ursprünglich ländlichen Innovation. In dieser historischen Perspektive hätte sich die Innovation der d-Tilgung in städtischen Milieus bis heute noch ← 358 | 359 → nicht umfassend durchgesetzt, ehe sie dann in der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen bereits wieder insgesamt abebbt.

Tabelle 5.3.2-1: Hiatrealisierung in Wohnorten unterschiedlicher Größe (ortsfeste Alteingesessene, geb. vor 1940)

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Bislang bin ich nur auf das intendierte Niederdeutsch von Probanden aus alteingesessenen mecklenburgischen Familien eingegangen. Auch in diesem Abschnitt sollen natürlich die niederdeutschkompetenten Angehörigen der vielen Vertriebenenfamilien im Untersuchungs­gebiet berücksichtigt werden. Es zeigt sich, dass die Hiattilgung in den Wenkerübersetzungen der niederdeutschkompetentesten Zuwanderer über die Generationsfolge eine ganz ähnliche Entwicklungsdynamik aufweist wie bei den alteingesessenen Niederdeutschsprechern. Auch hier bleibt der Anteil der Übersetzungsvarianten mit einer Hiattilgung auf g in den beiden Generationen der Vertriebenenfamilien auffallend stabil: 25,2 % (n = 131) im intendierten Niederdeutsch der dreizehn befragten Zuwanderer aus der Vorkriegsgeneration und 28,9 % (n = 52) bei den sechs Angehörigen der Nachkriegsgeneration (vgl. Abb. 5.3.2-4).401 Dagegen findet hier ebenfalls ein Rückgang der Hiattilgung auf d statt. Dieser Abbau, der sich bereits im Übersetzungstest der alteingesessenen Mecklenburger abgezeichnet hat, wird vom Lerner-Niederdeutsch der Vertriebenen und ihrer Nachkommen gewissermaßen vorweg­genommen und verstärkt. Die im Sprachgebrauch der älteren Alteingesessenen immerhin noch erkennbare Dominanz der d-Formen unter den nebeneinander ← 359 | 360 → gebräuchlichen Hiat­realisierungen wird von den immigrierten Vertriebenen beim sekundären Dialekterwerb nicht reproduziert. Hiat­tilgungen auf d treten im intendierten Niederdeutsch der vor 1940 geborenen Vertriebenen­generation nur in durchschnittlich 24,4 % der Belege auf (n = 131). Die Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien nutzt diese Variante dann offensichtlich noch seltener. Hier fällt die Verwendungsfrequenz auf nur noch 15,4 % (n = 52) ab. Entsprechend steigt der Anteil von Hiatrealisierungen ohne intermittierten Konsonanten bei den Immigranten früher und stärker als bei den jeweiligen Mecklenburger Alters­genossen an.

Die Tendenz zum Abbau der ‚mecklenburgischen’ Hiattilgung auf d ist bei den Zuwanderern und ihren Familien also deutlicher ausgebildet als bei den Alteingesessenen. Die stärker an einzelne Lautkontexte bzw. Lexeme gebundene Hiattilgung auf g wird jedoch aus dem Sprachgebrauch der Alteingesessenen übernommen. Im Hinblick auf den Abbau der Hiattilgung auf d greift die Entwicklung des spontan erworbenen Lerner-Niederdeutsch der Immigrantenfamilien gewissermaßen den Entwicklungen im Niederdeutsch der Altein­gesessenen voraus. Falls das L2-Niederdeutsch der Zuwanderer also Rückwirkungen auf das Niederdeutsch ihrer alteingesessenen Gesprächspartner gehabt haben sollte, dann hätte es den Abbau der Hiattilgung auf d tendenziell beschleunigt.

Abbildung 5.3.2-4: Prozentualer Anteil der Varianten der Hiatrealisierung in den historischen Wenkerbögen und den Wenkerübersetzungen von Angehörigen alteingesessener Familien (A 1, A 2) und von Familien Vertriebener (V 1, V 2)

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Die hier bislang getroffenen Aussagen zur Entwicklungsdynamik der Hiattilgung und zu ihrer Distribution in lautlichen Kontexten müssen in ihrer Gültigkeit auf mein zentral­mecklenburgisches Untersuchungsgebiet beschränkt werden. Dies zeigt ein Seitenblick auf eine kleine Vergleichsstichprobe aus Vorpommern: In der etwa 30 Kilometer südlich von Greifswald gelegenen Kleinstadt Gützkow habe ich im Jahr 2008 ebenfalls Wenkerübersetzungen aufgenommen.402 Es handelt sich um drei Aufnahmen von Alteingesessenen aus der Vorkriegsgeneration und drei Aufnahmen von alteingesessenen Gützkowern, die zwischen 1948 und 1956 geboren wurden und damit etwa der hier abgegrenzten Nachkriegsgeneration zuzuordnen sind. Die Realisierung der Hiattilgung in diesem kleinen vorpommerschen Vergleichskorpus weist bemerkenswerte Differenzen zu den mecklenburgischen Wenkerübersetzungen aus der Umgebung von Rostock auf: Überprüft wurden die Dialektübertragungen der auch für Mecklenburg zugrunde gelegten Testwörter für den Vokalhiat bei diesen sechs Gewährspersonen aus Gützkow. Von insgesamt 63 Belegen weisen 92 % eine Hiattilgung mit dem Plosiv g auf. Nur 6,4 % der Belegübersetzungen wurden ganz ohne Hiattilgung realisiert. In allen vier Einzelfällen handelt es sich um Übertragungen der beiden Wörter rein und Kindereien, die auch von den zentralmecklenburgischen Gewährsleuten besonders häufig ohne Hiattilgung übersetzt wurden. Der einzige Beleg für ein intermittiertes d (Kraid’n) stammt von einem Angehörigen der jüngeren Generation. Dies ist auch der einzige Unterschied zwischen den Aufnahmen der jüngeren und der älteren Generation, von welcher Hiattilgungen auf d gar nicht verwendet wurden. Das intendierte Niederdeutsch beider Altersgruppen aus Gützkow stimmt also bis auf diesen minimalen Unterschied im Hinblick auf die Hiatrealisierung vollständig überein.

Für eine diachrone Dynamik, wie sie sich im zentralmecklenburgischen Korpus deutlich abzeichnet, gibt es in der Stichprobe aus Gützkow keine Hinweise. Die quantitative Dominanz der Hiattilgung auf g bleibt vielmehr in der Generationsfolge nahezu vollständig stabil. Anders als in ← 361 | 362 → Zentralmecklenburg lassen sich für die Hiattilgung auf g dort auch keine Präferenzen für spezifische phonetische Kontexte ausmachen. Die Variante auf g ist vielmehr über sämtliche Testwörter mit Ausnahme des Lexems Kindereien403 gleichmäßig distribuiert. Gundlachs (1988: 427) These einer Ausbreitung des ‚mecklenburgischen’ d-Einschubs nach Osten findet jedenfalls in Gützkow keine Bestätigung. Dort dominiert mit hohen Frequenzen und großer intergenerationeller Stabilität in allen getesteten phonetischen Kontexten die Hiattilgung auf g im intendierten Niederdeutsch. Der areale Faktor ist nicht wie im westlichen Mecklenburg mit zusätzlichen kontaktphonetischen Bedingungen verschränkt. So gesehen kann dort weiterhin von einem ‚vorpommerschen’ Dialektmerkmal gesprochen werden.

Abschließend möchte ich noch auf eine eigentümliche Transformation der Hiattilgung hinweisen, die in den niederdeutschen Aufnahmen der Erhebungsregion immer wieder zu hören ist, und die Schirmunski (2010 [1961]: 430–431) auch für einige mitteldeutsche Dialekte als „Adoption“ der Tilgungskonsonanten in Flexionsformen der betreffenden Lexeme beschrieben hat. Gemeint sind Fälle wie Fruch (‚Frau’) oder umbuucht (‚umgebaut’), bei denen der Tilgungsplosiv aus Formen mit Vokalhiat (Frugen, bugen) auch auf Flexionsformen übertragen wird, in denen auf den langen Stammvokal des Lexems kein zweiter Vokal (Schwa) folgt. ‚Adoptiert‘ wird hier der Tilgungskonsonant in Lautkontexte, bei denen gar kein Vokalhiat vorliegt. Im Falle von Fruch wird das Tilgungs-g aus dem Plural Frugen (‚Frauen‘) in den Singular übertragen, wo es im absoluten Wortauslaut stellungsbedingt spirantisiert wird. Fruch ist in aktuellen und historischen Tonaufnahmen der Wenkerübersetzungen allerdings nur selten zu verzeichnen.404 In den 25 historischen Wenkerbögen der ← 362 | 363 → Untersuchungsregion treffen wir die Übernahme des Tilgungsplosivs in die Übersetzung von Singular Frau (meist als Frug ver­schrift­licht) aber noch recht häufig an (32 %, n = 25).

Der entsprechende Mechanismus findet sich auch bei flektierten Verbformen, in die der Tilgungs­plosiv aus der Grundform übertragen und dort vor Flexionsendung –t stellungsbedingt ebenfalls spirantisiert wird (bugen > buucht, ‚bauen‘ > ‚baut‘). In aktuellen und historischen Aufnahmen niederdeutscher Interviews und freier Dialekterzählungen findet sich das Phänomen besonders häufig bei Partizipien von Derivationsformen des Verbs bugen (‚bauen’): etwa als umbuucht oder utbuucht, inbuucht.405 Weitere Beispiele sind upbuucht, ümbuucht im niederdeutschen Interview einer Alteingesessenen aus Heiligenhagen406 oder upbuucht (2x) und anbuucht in der niederdeutschen Dialekterzählung eines Vertriebenen aus Schwaan.407 Wir finden aber auch Belege wie affhaucht (‚abgehauen’)408 oder in der 3. Pers. Präsens „dei verstait alls œwer […] druucht sich nich“ (‚die versteht alles, aber traut sich nicht‘).409 In all den genannten Fällen handelt es sich um phonetische Kontexte nach hinterem Stammvokal [u: oder a͜o], also um Kontexte, in denen bei der Hiattilgung auch in Zentralmecklenburg der Plosiv g präferiert wird. Für Kontexte nach Vordervokal im Stammmorphem habe ich bislang nur in einer historischen Tonaufnahme aus Letschow einen Beleg für die ‚Adoption‘ des Tilgungs-g gefunden: vörglöicht (‚vorgeglüht’ beim Dieselmotor).410 Das phonetische Kontaktphänomen der Hiattilgung wird von den Sprecherinnen und Sprechern offenbar häufig als plosiver Auslaut des Stammmorphems interpretiert und entsprechend in die Bildung von Flexionsformen der ← 363 | 364 → entsprechenden Lexeme ‚adoptiert‘. Man könnte hier auch von einer Morphologisierung bzw. Lexematisierung der phonetischen Hiattilgung sprechen.

Dieser Mechanismus scheint allerdings ausschließlich auf Hiattilgungen mit dem Plosiv g beschränkt zu sein. Eine Übertragung des Tilgungsplosivs d in flektierte Verbformen, in der dann zwei dentale Plosive aufeinanderträfen, wäre wohl artikulatorisch kaum realisierbar (*vörglöid-t). Entsprechend realisiert eine Gewährsperson aus Schwaan den verbalen Präsens Plural des Verbs freuen im niederdeutschen Interview an einer Belegstelle mit Tilgungs-d („dei froiden sich“, ‚die freuen sich’), bildet das Partizip des Verbs im selben Interview aber ohne hörbar intermittiertes d: „dei hemm sich wedder froit“ (‚die haben sich wieder gefreut’).411 Die Möglichkeit, die Hiattilgung auf g in spirantisierter Form in die besonders frequente dritte Person Singular des Präsens oder in das Präteritum der entsprechenden Verben zu übertragen und auf diese Weise als Morphemauslaut zu interpretieren (schniich-t, schniich-te ‚schneit / schneite‘), dürfte die g-Tilgungen im Sprachgebrauch stabilisieren. Bei der Hiattilgung auf d ist ein vergleichbarer Mechanismus aus artikulatorischen Gründen dagegen weitgehend ausgeschlossen (?schniid-t, ?schniid-te). Hier liegt vermutlich eine zusätzliche Erklärung dafür, dass bei einer generellen Tendenz zum Abbau standardferner Varianten des Niederdeutschen die Hiattilgung auf g stärkere Resistenz zeigt als der Tilgungsplosiv d.412

Ich fasse die Beobachtungen zur Hiattilgung abschließend zusammen: Die strikte Gegenüberstellung einer westlichen, mecklenburgischen und einer ostmecklenburgischen bzw. vorpommerschen Realisierung der Hiattilgung, von der die Literatur zum Niederdeutsch in Mecklenburg-Vorpommern bis ← 364 | 365 → heute meist ausgeht, lässt sich für mein zentralmecklen­burgischen Untersuchungsgebiet nicht bestätigen. Vielmehr stehen die Hiattilgung auf d und die auf g in der Umgebung von Rostock in starker Konkurrenz – und standen es auch schon zur Zeit von Georg Wenkers Fragebogenerhebung. Neben der arealen Verteilung ist die Wahl des Tilgungskonsonanten im Zentrum Mecklenburgs recht deutlich auch von phonotaktischen Faktoren bestimmt bzw. bestimmt gewesen. Unter heutigen Niederdeutschsprechern der Region sind konsonantische Hiattilgungen insgesamt stark rückläufig, hier zeichnet sich eine Strukturadvergenz an das Standarddeutsche ab, das keine Hiattilgungen kennt. Dominierte die Hiattilgung auf d im intendierten Niederdeutsch der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen noch, so wird gerade der Tilgungskonsonant d im Zuge eines allgemeinen Übergangs zu ungetilgten Hiatrealisierungen besonders stark abgebaut. Das Lerner-Niederdeutsch der in das Untersuchungsgebiet immigrierten Heimatvertriebenen könnte die Abbaudynamik des Merkmals noch verstärkt haben. Im urbanen Lebensumfeld scheint die Hiattilgung auf d insgesamt weniger verbreitet zu sein als in dörflicher Umgebung.

Innerhalb der alle Tilgungskonsonanten ergreifenden Abbaudynamik erweist sich der Tilgungskonsonant g im Untersuchungsgebiet bei einigen Lexemen und Lautkontexten als vergleichsweise resistent. Zu dieser Resistenz des g dürft die Morphologisierung des Tilgungskonsonanten beitragen, der in der Flexion auch in phonetische Kontexte außerhalb des Vokalhiats ‚adoptiert‘ wird. Die Hiattilgung auf g bleibt, wie ein stichprobenartiger Vergleich mit Sprachaufnahmen aus Gützkow nahelegt, in Vorpommern hochfrequent verbreitet und diachron stabil. Anders als in meinem mecklenburgischen Untersuchungsgebiet hat der Tilgungskonsonant g dort auch in zurückliegenden Zeitstufen nie eine nennenswerte Konkurrenz durch die Hiattilgung auf d bekommen.

5.3.3  Von ik bün zu ik bin – runde Vordervokale im mecklenburgischen Niederdeutsch

Im Unterschied zu „den meisten hochdeutschen Mundarten“ (König / Elspaß / Möller 2015: 149), in denen seit dem 13. Jahrhundert die Lippenrundung bei den vorderen Vokalen aufgegeben wurde, haben die niederdeutschen Dialekte die alten gerundeten Vordervokale nicht nur nahezu flächendeckend erhalten, sondern spätestens seit dem Mittelniederdeutschen bei den Vokalen e und i neue ← 365 | 366 → Vokalrundungen zu ö und ü ausgebildet. Diese Tendenz zur Rundung von i zu ü und e zu ö zeigt sich vor allem im phonetischen Kontext „umgebende[r] labiale[r] Konsonanten, aber auch bei r, s und l“.413 Die Rundungstendenz erfasst diese Kontexte allerdings nicht durchgängig, sondern sie bleibt bis heute auf eine Gruppe von Einzelwörtern bzw. von Wortformen beschränkt, so z. B. bün ‚bin‘, sünt ‚sind‘, söss ‚sechs‘, sölben ‚selbst‘.

Die Rundungstendenz wirkt nach Foerste zwar „heute im größten Teil des nd. [niederdeutschen] Raumes“, ihr „Kerngebiet“ ist für die meisten Lexeme jedoch das Nordniedersächsische und Mecklenburgisch-Vorpommersche (Foerste 1954: Sp. 1974–1975). Neuere empirische Bestandsaufnahmen bestätigen, dass „die Tendenz zur Vokalrundung im Norden und Nordosten [des niederdeutschen Raumes] sowie entlang der niederländischen Grenze am stärksten ausgeprägt“ ist.414 Durch die gegenläufigen Entwicklungstendenzen – der Entrundung in den mittel- und oberdeutschen Dialekten einerseits und des Erhalts bzw. sogar des Ausbaus von Vokalrundungen im Niederdeutschen andererseits – entstand zwischen den Dialekten der südöstlichen Vertreibungsgebiete und dem Niederdeutsch der mecklenburgischen Zuwanderungsregion ein ausgeprägter phonetischer Kontrast (vgl. Abschnitt 4.1.3).

Für die jüngere Entwicklung des mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch nimmt Gernentz (1980: 88) an, die „Rundung des i zu ü breite[…] sich weiter aus“. Diese Prognose wird allerdings von neueren empirischen Untersuchungen widerlegt. Hansen (2009: 85) belegt durch einen Vergleich historischer Wenkerbögen mit Tonaufnahmen späterer Zeitstufen für die Vokalrundung in der Wortform bün „die stetige Abnahme im Gebrauch dieses dialektalen Sprachmerkmals“ im Rügener Niederdeutsch. Beim Lexem ümmer (‚immer‘) ist der diachrone Abbau der Vokalrundung demnach zwar weniger steil und stetig, aber auch bei diesem Wort liegt die Frequenz der gerundeten Vokale in den Sprachaufnahmen der jüngsten ← 366 | 367 → dialektkompetenten Sprecher von Rügen mit etwa 65 % deutlich unter den durchschnittlichen Anteilen in den historischen Wenkerbögen der Insel (90 %).415 Die Erhebungen des Norddeutschen Sprachatlas bestätigen für das gesamte niederdeutsche Dialektgebiet ebenfalls, dass im Vergleich aktueller Wenkerübersetzungen von Probandinnen mittleren Alters mit den historischen Wenkerbögen von 1880 ein „deutlicher Rückgang der gerundeten Varianten“ (Elmentaler im Druck) von e und i festzustellen sei. Dabei verläuft der Abbau der gerundeten Vokalvarianten in den Dialektregionen Norddeutschlands offenbar mit recht unterschiedlicher Dynamik: Während die Vokalrundungen gegenüber den historische Wenkerbögen in aktuellen Wenkerübersetzungen aus dem Westmünsterland, Holstein und dem Emsland nur in vergleichsweise geringem Maße abgebaut werden, verzeichnet der Norddeutsche Sprachatlas gerade für die mecklenburgische Kleinstadt Schwaan eine starke Abnahme der Merkmalsfrequenz um mehr als 66 Prozentpunkte.416 Bezogen auf den gesamten niederdeutschen Raum kommt der Sprachatlas dennoch zu dem Fazit, dass die Vokalrundung trotz der Abbautendenzen „mit Anteilen von 50 % bis 80 % […] auch heute noch als verbreitetes und stabiles Merkmal der niederdeutschen Dialekte gelten“ könne (Elmentaler im Druck).

Was lässt sich zur Entwicklung der Vokalrundung nun aus der Perspektive meines zentralmecklenburgischen Korpus sagen? Untersucht werden soll hier beispielhaft nur die Rundung von i zu ü in Beispielwörtern aus den historischen Wenkersatz-Vorlagen, bei denen nach den Befunden des Norddeutschen ← 367 | 368 → Sprachatlas für Mecklenburg eine hohe Gebrauchshäufigkeit der gerundeten Variante zu erwarten war: bin, bist, immer und sind.417 Diese vier Lexeme bzw. Wortformen sind in den historischen Wenkerbögen in zehn Testsätzen vertreten, in meiner ergänzten Fassung der Wenkersätze kommen ein weiteres Mal immer und die Verbform fing hinzu. Um einigermaßen ausgewogene quantitative Verhältnisse zwischen den Testlexemen zu erhalten, wird hier die Untersuchung auf maximal zehn Referenzwörter für die Vokalrundung begrenzt, die von den niederdeutschkompetenten Gewährspersonen ins Niederdeutsche übertragen werden konnten: 2 x bün, 2 x büst, 1 x füng, 2 x ümmer, 3 x sünt.418 Dadurch dass die meisten der fünf hochdeutschen Testwörter mehrfach in der Vorlagen auftreten, ist es möglich, Übersetzungsvariation innerhalb der Übertragungen einzelner Gewährspersonen zu beobachten. In allen Testlexemen entspricht dem niederdeutschen ü [ʏ] im Standarddeutschen ein kurzes i [I] und bei allen Testwörtern wird durch die Entrundung des Vokals unmittelbar eine standardgemäße Lautform (z. B büst > bist; sünt > sind) bzw. bei zusätzlicher t-Apokope eine in den norddeutschen Regiolekten weit verbreitete standardnahe Wortform erreicht (büs’ > bis’; sün’ > sin’).419

Die 25 historischen Wenkerbögen aus der Untersuchungsregion, in deren Dialektverschriftlichungen der Buchstabe <ü> durchgängig auf eine Vokalrundung im gesprochenen Niederdeutsch hindeutet, zeigen, dass die gerundete Vokalrealisierung 1880 noch weitestgehend als obligatorisch angesehen wurde. Bei einem Anteil von 99,5 % an den niederdeutschen Übersetzungen der Testwörter (n = 199) war das Dialektmerkmal im ausgehenden ← 368 | 369 → 19. Jahrhundert demnach noch außerordentlich stabil. Variation setzt erkennbar erst im Sprachgebrauch der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen ein. Gegenüber den historischen Wenkerbögen geht der Gebrauch der gerundeten Vokale in dieser Altersgruppe signifikant zurück.420 Auch hier ist der Anteil von ü in den Testwörtern mit durchschnittlich 82,2 % (n = 213) aber immer noch sehr hoch (vgl. Abb. 5.3.3-1). Allerdings übersetzen von den 24 untersuchten Gewährspersonen dieser Alterskohorte schon nur noch fünf Personen sämtliche Belegwörter in allen Kontexten durchgängig mit gerundetem Vokal, die übrigen variieren die Vokalrealisierung schon innerhalb des Übersetzungstests. Auch die Spannweite der interpersonellen Varianz erstreckt sich in dieser Gruppe bereits von 100 % bis 40 % realisierter Vokalrundungen und deutet damit auf eine recht starke Entwicklungsdynamik des Merkmals hin. Bereits unter den Angehörigen der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen haben sich die Gebrauchsnormen für die ehemals verbindliche Vokalrealisierung demnach sehr gelockert.

Abbildung 5.3.3-1: Prozentualer Anteil des Kurzvokals ü in den niederdeutschen Lexemen bün, büst, füng, sünt, ümmer in den historischen Wenkerbögen und in den Wenkerübersetzungen von Angehörigen alteingesessener Familien (A 1, A 2) und von Familien Vertriebener (V 1, V 2)

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Die beschriebene Entwicklung bringt sich dabei offenbar in verschiedenen sozialen Umgebungen mit unterschiedlicher Dynamik zur Geltung: Die Variation der Vokalrealisierung hat in der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen in der Großstadt das größte Ausmaß angenommen, während lebenslange Dorfbewohner am stärksten an der gerundeten Variante festhalten. Der Anteil gerundeter Vokale liegt in den Wenkerübersetzungen ortsfester älterer Rostocker nur bei 75 % (n = 48), er steigt über 87,2 % in den Übersetzungen der Kleinstädter (n = 47) bis auf 91,3 % in den niederdeutschen Übertragungen der ortsfesten Dorfbewohner (n = 46). Der Abbau der tradierten Vokalrundung korreliert also, wenn die geringen Belegzahlen hier eine Tendenzaussage erlauben,421 mit dem zunehmenden Urbanitätsgrad der Wohnorte der Gewährspersonen. Urbane Milieus würden demnach die Dynamik der Standardadvergenz bei diesem Merkmal des Niederdeutschen begünstigen.

Es deutet sich auch eine gewisse ‚Ungleichzeitigkeit‘ des Merkmalabbaus bei den verschiedenen Testwörtern an. Am häufigsten wird von den Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration die Wortform sind standardidentisch übersetzt (nur noch zu 68,8 % als sünt, n = 48) am seltensten die Wortform bin, die zu durchschnittlich 88,6% noch als bün übertragen wird (n = 44). Hier bestätigen meine Korpusbefunde die Ergebnisse des Norddeutschen Sprachatlas, der konstatiert, dass in Norddeutschland „die regionale Verbreitung und Reichweite der Vokalrundung […] je nach Lexem bzw. Wortform recht unterschiedlich ausgeprägt“ sei (Elmentaler im Druck).

Historische Tondokumente aus der Region bieten zusätzliche Momentaufnahmen vom diachronen Verlauf des Abbaus der Vokalrundung. Die beiden Aufnahmen des Lautdenkmals reichsdeutscher Mundarten aus meinem Untersuchungsgebiet (Warnemünde und Sarmsdorf) bringen ein gestelltes Gespräch bzw. eine schriftlich vorformulierte Erzählung von Gewährsleuten, die noch im 19. Jahrhundert geboren wurden. Die insgesamt acht Belege für bin, sind und immer in diesen intendiert niederdeutschen Aufnahmen werden noch zu 100 % gerundet realisiert.422 Tonaufnahmen aus ← 370 | 371 → dem IDS-Korpus Datenbank für Gesprochenes Deutsch, Deutsche Mundarten: DDR mit drei Gewährspersonen aus Retschow und Letschow, die mit ihren Geburtsdaten 1929, 1930 und 1940 etwa der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen zuzuordnen sind,423 zeigen, dass die Rundungsverhältnisse bereits im Aufnahmejahr 1962 auch in den Dörfern meines Untersuchungsgebietes in Variation begriffen waren. Bei Übersetzungstests mit diesen drei Personen, bei denen wegen der geänderten hochdeutschen Übersetzungsvorlage insgesamt nur neun Belege für bin, sind und immer ins Niederdeutsche übertragen wurden, liegt der Anteil gerundeter Vordervokale noch bei 88,9 %. In den spontanen niederdeutschen Interviewgesprächen verwenden diese drei Personen die gerundeten Varianten dagegen nur mit einem durchschnittlichen Anteil von 71,8 % (n = 88). Der Unterschied zwischen den beiden Aufnahmesituationen belegt, dass die gerundeten Vokalrealisierungen von der Vorkriegsgeneration der alteingesessenen Dorfbewohner noch ganz überwiegend als normgerechtes (intendiert ‚richtiges‘) Niederdeutsch angesehen wurden, im freien niederdeutschen Gespräch aber bereits eine Tendenz zu den ungerundeten, standardidentischen Vokalvarianten eingesetzt hatte.424 1990 realisierten zwei alteingesessene Jürgenshäger derselben Altersgruppe die Wenkerübersetzungen allerdings noch mit 100 % gerundeten Varianten (n = 7).425

Wie verläuft die Entwicklung nun in der Generationsfolge der alteingesessenen Familien weiter? Unter den nach 1950 geborenen Alteingesessenen gilt ein gerundeter Vokal in bün, büst, füng, ümmer und sünt offensichtlich nicht mehr als weitgehend verbindliches Merkmal des Niederdeutschen. Vielmehr setzt sich der begonnene Abbau der Vokalrundung in dieser Altersgruppe mit verstärkter Dynamik fort. Die neun niederdeutschkompetentesten Angehörigen der Nachkriegsgeneration übersetzen die Testwörter durchschnittlich nur noch in weniger als einem Drittel aller ← 371 | 372 → Fälle mit rundem ü (31,5 %, n = 73) und damit hoch signifikant seltener als die Angehörigen der Vorkriegsgeneration.426 Hier bestätigen also meine Befunde für das Untersuchungsgebiet bei Rostock den Entwicklungsverlauf, den Hansen schon für bin im Rügener Platt festgestellt hatte.427 Ein Anteil der Vokalrundung von nur noch 31,5 % im intendierten Niederdeutsch der jüngeren Alteingesessenen meiner Untersuchungsregion lässt kaum noch langfristig stabile Lautverhältnisse erwarten, von denen der Norddeutsche Sprachatlas in Norddeutschland einstweilen noch ausgeht (Elmentaler im Druck). Vielmehr zeigt die Analyse der fünf Testwörter, dass standardidentische Lautformen in großem Umfang Einzug in das intendierte Niederdeutsch der alteingesessenen Mecklenburger gehalten haben und inzwischen die älteren gerundeten Vokalvarianten stark zurückdrängen. Einer der neun untersuchten jüngeren Alteingesessenen verwendet den gerundeten Vokal bereits in keinem der Testkontexte mehr. Der höchste Anteil in den Wenkersatz-Übertragungen dieser Gruppe beträgt bei einer Gewährsperson dagegen noch 66,7 % der Belege. Die Ausprägung der Vokalrundung ist in der jüngeren Alterskohorte der Alteingesessenen also sehr stark von individuellen Präferenzen abhängig.

Abschließend sollen noch die Angehörigen der Vertriebenenfamilien in die Betrachtung einbezogen werden, deren Herkunftsvarietäten gerade im Hinblick auf die Rundung der Vordervokale in starkem Kontrast zum mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch stehen. Obwohl ihnen die Rundung der Vordervokale aus den durchweg entrundenden Herkunftsvarietäten der Vertreibungsgebiete bei ihrer Ankunft in Mecklenburg fremd gewesen sein muss (vgl. Abschnitt 4.1.3), übernehmen die untersuchten 13 Vertriebenen der Vorkriegsgeneration das Merkmal heute immerhin mit Anteilen von durchschnittlich 40 % der übersetzten Wortbelege in ihr intendiertes Niederdeutsch (n = 115).428 Entgegen der Abbautendenz der Vokalrundung in der Generationsfolge der alteingesessenen Familien nimmt ← 372 | 373 → der Anteil der gerundeten Varianten im intendierten Niederdeutsch der Angehörigen von Vertriebenenfamilien intergenerationell dann sogar recht deutlich zu. Von den sechs niederdeutschkompetentesten Nachkommen von Vertriebenen werden die gerundeten Vokale mit Anteilen von 52,9 % der Belege im intendierten Niederdeutsch verwendet (n = 51). Damit wählen sie in ihren Wenkerübersetzungen deutlich häufiger die altdialektale Variante als die gleichaltrigen Alteingesessenen (vgl. Abb. 5.3.3-1).429 Ähnlich wie bei der Übernahme regiolektal-mecklenburgischer Merkmale lässt auch das erworbene Niederdeutsch in den Zuwandererfamilien mitunter eine Tendenz zur Hyperadaption erkennen. Zugespitzt formuliert fällt die Realisierung des Vordervokals ü bzw. i in ihrem Niederdeutsch ‚archaischer‘ aus als bei ihren alteingesessenen Altersgenossen, die zunehmend standardidentische Varianten im Niederdeutschen vorziehen. Die Hyperadaption der standarddivergenten Vokalvariante bei den Nachkommen von Vertriebenen betrifft dabei gerade ein phonetisches Merkmal, das in Kontrast zu den Herkunftsvarietäten ihrer Elterngeneration steht.

5.3.4  Vom Zungenspitzen-r zum Zäpfchen-r – auch im Niederdeutschen

Nach Schirmunski (2010 [1961]: 433) hat sich die Aussprache des r in der Position vor Vokal im Wort- und Silbenanlaut in vielen deutschen Dialekten von einem mit der Zungenspitze artikulierten Laut „zu einem Hinterzungen- oder Zäpfchenlaut (sogenanntes schnarrendes R)“ verändert. Diese Lautveränderung habe sich „in vielen Teilen Deutschlands, besonders in den Stadtmundarten“ vollzogen. Für das Niederdeutsch im Großraum Hamburg bestätigt Niekerken (1963: 166–167) die fortschreitende Ablösung eines ländlichen Zungenspitzen-r durch ein städtisches Zäpfchen-r. Niekerken geht davon aus, dass es „in älterer Zeit ohne stärkere hochdeutsche Schulbeeinflussung im einfachen niederdeutsch sprechenden Volk nur das Zungen-r gab“. Das Zäpfchen-r sei im Hamburger Raum „zweifellos eine neuere Bildungsmode“ (ebd.: 167) gewesen. Im Niederdeutsch des ← 373 | 374 → 20. Jahrhunderts hat sich diese Rückverlagerung der r-Artikulation von einem apikalen Vibranten an den Alveolen ([r]) zu einem uvularen Frikativ oder Vibranten, ([ʁ], [R]) offensichtlich außerordentlich rasch durchgesetzt. Nach den Erhebungen des Norddeutschen Sprachatlas dominiert unter Dialektsprecherinnen der mittleren Generation heute nur noch in wenigen Orten im nördlichen und nordwestlichen Norddeutschland das Zungenspitzen-r gegenüber dem uvularen r (Ehlers im Druck e). Wilcken (2013: 32) stellt bei einem Vergleich von neun Wenkerübersetzungen aus Schleswig-Holstein fest „dass alle älteren Gewährspersonen [geb. 1925 bis 1937] das gerollte Zungenspitzen-r verwenden, während die jüngeren Gewährs­­personen [geb. 1965 bis 1991] ausschließlich einen uvularen Frikativ [ʁ] realisieren“. Elmentaler (2009: 359) zählt die Ersetzung des Zungenspitzen-r durch das Zäpfchen-r im nieder­sächsischen Niederdeutsch zu den Neuerungen, die sich „bereits so stark etabliert haben, dass sie als obligatorische Merkmale des modernen Dialekts gelten müssen“.

Dieser durchgreifende Lautwandel im Niederdeutschen erstreckt sich regional auch auf das Mecklenburgisch-Vorpommersche. Hansen (2009: 93) kommt bei der Untersuchung am intendierten Niederdeutsch von Sprechern aus vier Altersgruppen auf der Insel Rügen zu einem ganz ähnlichen Befund wie Wilcken für Schleswig-Holstein: Während bei den drei älteren Sprecher­generationen „der Anteil für die Artikulation des Zungenspitzen-r konstant bei nahezu 90 %“ liegt, fallen die Anteile für dieses apikale r in den Aufnahmen der nach 1945 geborenen Altersgruppe auf nur noch etwa 30 % drastisch zurück. Die Befunde der Untersuchungen von Hansen und Wilcken sprechen dafür, dass der Wandelprozess in der Phonetik des prävokalischen r erst nach 1945 eingesetzt hat „und augenscheinlich bereits nach ein bis zwei Generationen abgeschlossen“ war (Wilcken 2013: 32). Die übereinstimmenden Beobachtungen, dass der Lautwandel des r erst nach dem Zweiten Weltkrieg abrupt einsetzte und sich in der Folgejahrzehnten derart „rasant durchgesetzt“ habe (ebd.), könnte die Vermutung aufkommen lassen, dass es sich hier um eine direkte Folgewirkung der massenhaften Immigration von dialektfremden Flüchtlingen und Ver­triebenen handeln könnte, die sowohl im östlichen Niedersachsen und Schleswig- Holstein als auch in Mecklenburg-Vorpommern besonders hohe Anteile an der Bevölkerung ausmachten. ← 374 | 375 →

Lässt sich also aus der Sicht meiner Erhebung ein ähnlicher Lautwandel auch für die zentralmecklenburgische Region südwestlich von Rostock erkennen? Und können aus den Daten meines Korpus Rückschlüsse gezogen werden auf eine mögliche Rolle der Zuwanderer bei dieser Lautentwicklung? Da die schriftlichen Wenkerbögen von 1880 in meinem Untersuchungsgebiet keinen Aufschluss darüber geben, wie der in der Dialektverschriftlichung genutzte Buchstabe <r> damals ausgesprochen wurde,430 müssen für die Frage, welches die phonetische Ausgangssituation der späteren Entwicklung gewesen ist, andere Quellen herangezogen werden. Einige Anhaltspunkte bieten ältere Grammatiken des Niederdeutschen in Mecklenburg-Vorpommern. So ordnet die Grammatik der plattdeutschen Sprache. In Grundlage der Mecklenburgisch-Vorpommerschen Mundart von 1857 den Konsonanten r den „Zungenlauten“ zu (Wiggers 1857: 10). Karl Nergers Grammatik gibt in den Kapiteln über den „meklenburgische[n] Dialekt in neuerer Zeit“ eine sehr genaue Beschreibung der Artikulation des prävokalischen r: Beim „Zungenzitterlaut r“ (Nerger 1869: XI) werde „die Zungenspitze am oberen Alveolarrande durch den Luftstrom in Vibration versetzt“ (ebd.: 141–142). Am Beginn des 20. Jahrhunderts bestätigt Grimmes vergleichende Grammatik der Plattdeutsche[n] Mundarten zumindest für den ostmecklenburgischen Ortspunkt Stavenhagen, der Konsonant werde als „wohl durchweg alveolares r“ (Grimme 1910: 48) gebildet. Für das „westliche Gebiet des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin und das Fürstentum Ratze­burg“ heißt es auch in der Dissertation von Kolz (1914: 16): „Die Zungenspitze ist in zitternder Bewegung beim Anlaut r“. Die Grammatik des vorpommerschen Niederdeutsch in der Stadt Wolgast von Warnkross (1912: 17, 64) hält ebenfalls die Artikulation mit der Zungenspitze für ortstypisch, die hier aber durch eine nur „geringe Vibration“ gekennzeichnet sei.

Historische Tondokumente unterstützen die Annahme, dass das Zungenspitzen-r auch in meinem Untersuchungsgebiet die vorherrschende Realisierungsform des niederdeutschen r vor Vokal war, ehe der Lautwandel in breitem Umfang einsetzte. In den beiden Aufnahmen zum Lautdenkmal reichsdeutscher Mundarten aus meinem Untersuchungsgebiet sind 1936 / 1937 drei Erzähler bzw. Gesprächsteilnehmer zu hören, die zwischen 1871 und 1898 geboren wurden. Zwei dieser Sprecher der inszenierten Aufnahmen verwenden vor ← 375 | 376 → Vokal ausschließlich das Zungenspitzen-r (22 bzw. 30 Belege). Die dritte Person, die leider viel seltener zu Gehör kommt, artikuliert das r in 22,2 % der 9 Belege schon als Zäpfchen-r. Auch bei dieser Person dominiert also noch sehr deutlich das apikale r, aber erste Ansätze einer Variation sind hier bereits feststellbar.431 Eine auf den Tonaufnahmen des Lautdenkmals von 1936 / 1937 basierende großräumige Kartierung der r-Realisierungen in den deutschen Dialekten von Göschel (1971: 94) verzeichnet dementsprechend als Leitform für Mecklenburg-Vorpommern die alveolare Artikulation. Im IDS-Korpus „Datenbank für Gesprochenes Deutsch / Deutsche Mundarten: DDR“ sind außerdem Sprachaufnahmen von zwei Sprechern aus meiner Erhebungsregion archiviert, deren Lebenszeiten ebenfalls nahe an die Wenker-Zeit heranreichen. Ein 1890 geborener Mann aus Retschow und ein im Jahr 1900 geborener Mann aus Letschow realisierten im Übersetzungstest 1962 übereinstimmend sämtliche prävokalischen r als apikale Vibranten (100%, n = 20).432 Eine ganze Reihe von Indizien sprechen also dafür, dass die übliche Aussprache des r vor Vokal im mecklenburgischen und vorpommerschen Nieder­deutsch – und speziell in meinem zentralmecklenburgischen Untersuchungsgebiet – in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch nahezu durchgängig ein „Zungen­zitterlaut“ war.

Dies scheint sich auch für den niederdeutschen Sprachgebrauch meiner 24 untersuchten alt­eingesessenen Gewährspersonen zu bestätigen, die zwischen 1920 und 1940 in der Erhebungs­region geboren wurden. Auch wenn in dieser Gruppe die apikalen Vibranten sehr deutlich dominieren, ist doch vorab darauf hinzuweisen, dass die Phonetik des r auch in der prävokalischen Position hier eine beachtliche Variationsbreite aufweist: So sind neben apikalen gelegentlich auch uvulare (bzw. velare) Realisierungen zu hören, die Artikulationsart kann approximant, frikativ oder vibrant ausfallen, der Vibrant dabei ein- oder mehrschlägig produziert werden. Im Folgenden soll – auch aus Gründen der auditiven Identifizierbarkeit – allein der Unterschied zwischen vorderem (apikalem, alveolarem) und ← 376 | 377 → hinterem (uvularem) Artikulationsort betrachtet werden, der dem eingangs konstatierten Lautwandel die wesentliche Richtung vorgibt. Vergleichsgrundlage ist die Realisierung des r in 15 Belegwörtern aus den niederdeutschen Wenkerübersetzungen, in denen das prävokalische r in unterschiedlichen Lautkontexten auftritt.433

Schauen wir uns zunächst die quantitativen Befunde für den Gebrauch des apikalen r im intendierten Niederdeutsch der älteren Alterskohorte meiner alteingesessenen Gewährsleute an: In den Wenkerübersetzungen der alteingesessenen Mecklenburger aus der Vorkriegs­generation werden von insgesamt 310 Belegen für prävokalisches r 93,2 % als Zungenspitzen-r artikuliert (vgl. Abb. 5.3.4-1). Im intendierten Niederdeutsch dieser Altersgruppe herrscht also noch heute nahezu ausnahmslos die apikale r-Artikulation vor. Dieser hohe Anteil entspricht recht genau den Zahlenverhältnissen, die Hansen (2009: 92–95) bei seinen vor 1945 geborenen Probanden auf Rügen festgestellt hat.

Es ist für meine Gewährsleute aus Zentralmecklenburg dabei zu beachten, dass die zwar geringen, aber immerhin vorhandenen Anteile für hinteres r im intendierten Nieder­deutsch der Vorkriegsgeneration vor allem auf interpersoneller Varianz beruhen. Von den 24 Sprecherinnen und Sprechern dieser Altersgruppe wählen nämlich 21 Personen in sämtlichen Beleg­kontexten für prävokalisches r durchgängig eine apikale Artikulation. Für die weitaus meisten Angehörigen der Vorkriegsgeneration ist das Zungenspitzen-r also überhaupt die einzige nieder­deutsche Realisie­rungs­form des r ← 377 | 378 → in prävokalischer Position.434 Eine einzelne Person dieser Altersgruppe, Herr 24 (1926 A), spricht das r dagegen gleichermaßen ausschließlich als Zäpfchen-r aus. Überhaupt nur zwei Personen dieser Gruppe variieren in ihren Wenker­übersetzungen zwischen vorderem und hinterem r: Im inten­dierten Nieder­deutsch von Herrn 56 (1935 A) sind die Anteile beider Varianten etwa gleich (46,2 % apikal, n = 13), bei Frau 12 (1935 A) dominiert sehr deutlich die apikale Variante (91,7 %, n = 12).

Die beiden Probanden, die das r ausschließlich bzw. in rund der Hälfte der Belege als Zäpfchen-r realisieren, haben ihren Lebensmittelpunkt mindestens seit dem Zweiten Weltkrieg dauerhaft in Rostock.435 Im Anschluss an Schirmunski (2010 [1961]: 433) und Niekerken (1963: 166–167) könnte man daher vermuten, dass für diese beiden Gewährspersonen das großstädtische Lebensumfeld den (beginnenden) Wechsel vom apikalen zum uvularen r begünstigt habe. Allerdings überwiegt unter den befragten ortsfesten Rostockern der Vorkriegsgeneration insgesamt sehr deutlich die Zahl der Probanden, die das niederdeutsche r noch ausschließlich apikal artikulieren.436

Gegenüber dem Lautstand in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, in denen nach allen verfügbaren Indizien das Zungenspitzen-r im mecklenburgischen Niederdeutsch nahezu absolut vorherrschte, hat sich der Sprachgebrauch der zwischen 1920 und 1940 geborenen Alteingesessenen bis heute also offensichtlich nur bei einigen wenigen Einzelpersonen ← 378 | 379 → geändert. Eine wirklich tiefgreifende Veränderung der r-Realisierung setzt erst in der Nachfolgegeneration ein. Wie in anderen niederdeutschen Dialektgebieten deuten die Übersetzungstests mit den nieder­deutschkompetentesten Alteingesessenen aus der Nachkriegsgeneration darauf hin, dass auch in meinem Erhebungsgebiet die zuvor kaum variable Artikulation des r in eine umfassende diachrone Bewegung geraten ist. Die 108 Belege für prävokalisches r in den Wenkerübersetzungen der neun untersuchten dialektkompetenten Gewährspersonen der jüngeren Altersgruppe werden nun nur noch zu durchschnittlich 46,3 % apikal realisiert. Die Anteile des Zungenspitzen-r haben sich gegenüber der Vorkriegs­generation also recht genau halbiert und das Zäpfchen-r überwiegt im intendierten Niederdeutsch der Nachkriegs­generation bereits leicht (vgl. Abb. 5.3.4-1).437

Abbildung 5.3.4-1: Prozentualer Anteil der apikalen Artikulation des prävokalischen r in den Wenkerübersetzungen von Angehörigen alteingesessener Familien (A 1, A 2) und von Familien Vertriebener (V 1, V 2)

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Neben den von Person zu Person variierenden Sprachgebrauch tritt nun verstärkt auch die Varianz des Merkmals innerhalb der Wenkerübersetzungen der einzelnen Gewährspersonen. Von neun Gewährs­­personen ← 379 | 380 → verwenden drei ausschließlich das Zungenspitzen-r und eine weitere ausschließlich das Zäpfchen-r. Die fünf übrigen Gewährspersonen nutzen im intendierten Niederdeutsch beide Varianten zu stark schwankenden Anteilen nebeneinander: Die Frequenz des ‚alten’ Zungenspitzen-r liegt bei diesen Personen zwischen 13,3 % und 71,4 %. Neben der extrem ausgeprägten interpersonellen Varianz des Merkmals, bei der Einzelpersonen entweder ausschließlich das Zungenspitzen-r oder aber ausschließlich das Zäpfchen-r verwenden,438 variiert die r-Artikulation nun auch innerhalb des niederdeutschen Sprachgebrauchs der meisten Gewährspersonen viel stärker als noch in der Elterngeneration. Auch diese sprunghaft erhöhte Varianz der r-Realisierung ist Ausdruck einer nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden Entwicklungsdynamik im mecklenburgischen Niederdeutsch. Diese Dynamik ist im intergenerationellen Vergleich insgesamt auf einen starken Abbau des Zungenspitzen-r gerichtet, das in großem Umfang durch das Zäpfchen-r abgelöst wird.

Eine sehr ähnliche Entwicklungsdynamik zeigt sich auch im intendierten Niederdeutsch der Vertriebenen und ihrer in Mecklenburg geborenen Nachkommen (vgl. Abb. 5.3.4-1). Die 13 niederdeutschkompetentesten Gewährspersonen der Vorkriegsgeneration realisieren im Übersetzungstest das prävokalische r im Durchschnitt zu 80,2 % als Zungenspitzen-r (n = 172). Sieben der untersuchten 13 Gewährspersonen dieser Altersgruppe artikulieren das r im Niederdeutschen dabei ausschließlich apikal, weitere zwei verwenden das Zungenspitzen-r in über 90 % der einschlägigen Belege. Und ähnlich wie bei den gleichaltrigen Alteingesessenen gebraucht auch hier nur eine einzige Person im Niederdeutschen ausschließlich ein hinteres r. Der prozentuale Anteil der apikalen r-Realisierungen liegt damit nicht viel niedriger als im Niederdeutsch der Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration und die Varianz des Merkmals ist unter den Zugewanderten nur unwesentlich größer als bei der alteingesessenen Vergleichsgruppe. Es kann deshalb als ausgeschlossen gelten, dass die jähe Dynamisierung der r-Artikulation in der autochthonen Bevölkerung durch den Kontakt ← 380 | 381 → mit dem Lerner-Niederdeutsch der Zuwanderer maßgeblich beschleunigt worden ist. Den meisten Zuwanderern dürfte das apikale r aus den Dialekten und Regiolekten ihrer Herkunftsregionen vertraut gewesen sein und sie haben es zumeist in ihrem eigenen Sprachgebrauch ‚mitgebracht‘, als sie nach Mecklenburg kamen.439

Auch in der Generationsfolge der Vertriebenenfamilien ist sodann ein recht deutlicher intergenerationeller Abbau des niederdeutschen Zungenspitzen-r zu beobachten. Der Anteil der apikalen Realisierungen des r fällt bei den niederdeutschkompetentesten Nachkommen von Vertriebenen von 80,2 % (Vorkriegsgeneration) im Durchschnitt auf nur noch 56,3 % der Belege zurück (n = 64) (vgl. Abb.5.3.4-1). Damit realisieren sie im intendierten Niederdeutsch das altdialektale Merkmal durchschnittlich sogar etwas häufiger als ihre Altersgenossen aus den Familien Alteingesessener.440 Es ist auch für die Nachkriegsgeneration auszuschließen, dass die Entwicklungsdynamik des r im Niederdeutschen der Alteingesessenen durch den Kontakt mit dem Niederdeutsch befördert worden sein könnte, das die Nachkommen der Vertriebenen gelernt haben, im Gegenteil fällt dort ja der Abbau des apikalen r sogar etwas weniger stark aus.

Abschließend soll nun noch die eigentümliche Parallelität der Entwicklungen der r-Artikulation im mecklenburgischen Niederdeutsch und im mecklenburgischen Regiolekt näher beleuchtet werden. Wie wir in Abschnitt 3.2.5 gesehen hatten, wird auch im mecklenburgischen Regiolekt das zuvor nahezu ausnahmslos vorherrschende Zungenspitzen-r in der kurzen Zeitspanne von der Vorkriegs- zur Nachkriegsgeneration in den alteingesessenen Familien ebenso wie in den Vertriebenenfamilien weitestgehend durch das Zäpfchen-r ersetzt. Während dieser Lautwandel im mecklenburgischen Regiolekt aber innerhalb einer Generationsfolge zu einer fast vollständigen Ablösung des Zungenspitzen-r vor Vokal geführt hat, das sich nur noch im idiolektalen Sprachgebrauch weniger Einzelpersonen ← 381 | 382 → hält, ist das Zungenspitzen-r im Niederdeutsch der jüngeren Generation der Mecklenburger zwar ebenfalls stark abgebaut, bleibt aber insgesamt doch noch recht häufig zu hören. Im intendierten Niederdeutsch der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen- und der Vertriebenenfamilien liegt der Anteil des Zungenspitzen-r immerhin noch bei etwa 50 % der Belege, während prävokalisches r im Regiolekt in beiden Bevölkerungsgruppen nur noch durchschnittlich mit Anteilen von etwa 10 % apikal artikuliert wird. Auch die interpersonelle Varianz der r-Realisierungen ist in dieser Altersgruppe im Basisdialekt erheblich ausgeprägter als im Regiolekt.

Dem Abbau des Zungenspitzen-r im Niederdeutschen ist dabei nicht etwa ein entsprechender Lautwandel im mecklenburgischen Regiolekt zeitlich vorausgegangen. Vielmehr vollzieht sich der Lautwandel in beiden Varietäten zwar mit unterschiedlicher Dynamik, aber paralleler zeitlicher Struktur. Der Orientierungspol für die standardadvergente Entwicklung im autochthonen Basisdialekt kann hier nicht der Sprachusus im Regiolekt gewesen sein, denn die ältere Generation der Alteingesessenen verwendet im Regiolekt selbst heute noch nahezu ausnahmslos und ohne Variation das Zungenspitzen-r. Wie schon im Abschnitt 3.2.5 erörtert, kann der abrupte Abbau des Zungenspitzen-r im Regiolekt ebenso wie im Basisdialekt am ehesten wohl auf tiefgreifende Änderungen im kodifizierten und medial bzw. schulisch verbreiteten Standard zurückgeführt werden. Mit Schmidt / Herrgen (2014: 37) gesprochen geht der intergenerationelle Lautwandel hier offensichtlich weniger auf Mesosynchronisierungen innerhalb eines variabel geworden lokalen Sprachgebrauchs zurück als auf medial und institutionell gestützte Makrosynchronisierungen an eine neue überregionale Standardvariante. Die „neuere Bildungsmode“ (Niekerken 1963: 167) schlägt auf den enger standardorientierten Regiolekt naheliegender Weise stärker durch als auf den Basisdialekt.

Ein Vergleich des Sprachverhaltens, das einzelne Gewährspersonen der Nachkriegsgeneration im Basisdialekt und im Regiolekt aufweisen, ermöglicht einen genaueren Blick auf die unterschiedlich starke Abbautendenz des Zungenspitzen-r in den beiden mecklenburgischen Varietäten. Eine Reihe von Gewährspersonen, die bei der Analyse des mecklenburgischen Regiolekts berücksichtigt wurden, erwies sich als derart dialektkompetent, dass sie auch in die Untersuchung des intendierten Niederdeutsch einbezogen werden. Bei insgesamt elf Gewährspersonen – sowohl aus alteingesessenen ← 382 | 383 → Familien als auch aus Familien Vertriebener – kann die Realisierung des prävokalischen r im spontansprachlichen Regiolekt und im intendierten Niederdeutsch miteinander verglichen werden. Die folgende Tabelle 5.3.4-1 zeigt die prozentualen Anteile des Zungenspitzen-r in den regiolektalen und in den niederdeutschen Äußerungen dieser Probanden:

Tabelle 5.3.4-1: Prozentuale Anteile apikaler r-Realisierungen im niederdeutschen Basisdialekt und im Regiolekt bei Nachkommen von Alteingesessenen und Vertriebenen

Gewährspersonen
Anteil apikaler r-Realisierung im
intendierten Niederdeutschspontansprachlichen Regiolekt
aus alteingesessenen Familien  
Frau 51 (1954 AA)71,4 %0 %
Frau 53 (1950 AA)13,3 %3 %
Frau 55 (1952 AA)0 %0 %
Frau 67 (1964 AA)46,2 %0 %
Frau 71 (1952 AA)18,2 %0 %
Frau 73 (1962 AA)100 %98 %
Herr 89 (1950 AA)100 %0 %
aus Familien Vertriebener  
Frau 60 (1952 VV)30,8 %0 %
Herr 68 (1952 VV)100 %100 %
Herr 74 (1959 VV)41,7 %3 %
Frau 83 (1954 VA)7,7 %0 %

Drei Gewährspersonen variieren die r-Realisierung weder im intendierten Niederdeutsch noch im Regiolekt. Frau 55 verwendet in beiden Varietäten ausschließlich das Zäpfchen-r, Frau 73 und Herr 68 bilden das r in beiden Varietäten (fast) ausschließlich apikal. Bei diesen drei Personen ist die Artikulation des r offenbar idiolektal festgelegt, jedenfalls varietätenübergreifend einheitlich. So sagt Frau 73 (1962 AA, SP: 87) zu ihrer auffallend rollenden r-Aussprache: „Ich ich kann es eben nicht anders“. ← 383 | 384 →

Neun der in der Tabelle 5.3.4-1 aufgeführten Gewährspersonen „können“ dagegen zwischen Zungenspitzen-r und Zäpfchen-r wechseln und sie nutzen die beiden Varianten des r unterschiedlich häufig, je nachdem, ob sie in niederdeutscher oder in regiolektaler Sprachlage sprechen. Dabei liegen die Anteile des Zungenspitzen-r – wie nach den obigen Erörterungen kaum anders erwartbar – bei allen Gewährspersonen im intendierten Niederdeutsch durchgängig höher als in Regiolekt. Auffallend ist aber, dass die Mehrzahl der Gewährspersonen das Zungenspitzen-r überhaupt nur dann zu gewissen Anteilen verwendet, wenn sie intendiert niederdeutsche Äußerungen produzieren, während sie im Regiolekt ausschließlich das Zäpfchen-r gebrauchen. Für diese Personen ist die apikale Artikulation des r also offensichtlich ein eindeutiger Varietätenmarker des Niederdeutschen. Im Bestreben, ein ‚echtes‘ Niederdeutsch zu sprechen, weichen die meisten Angehörigen der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen- und Vertriebenenfamilien auch bei der Artikulation des r immer wieder von der in ihrer Altersgruppe üblichen uvularen r-Aussprache im Regiolekt und Standard ab und realisieren ein markant standarddivergentes Zungenspitzen-r. Am systematischsten markiert Herr 89 die Varietätengrenze zwischen Niederdeutsch und Regiolekt mit Hilfe der r-Aussprache: Im intendierten Niederdeutsch gebraucht er ausschließlich das Zungenspitzen-r, das er im spontansprachlichen Regiolekt dagegen nie verwendet.

Dass die Art der Artikulation des prävokalischen r für viele Gewährspersonen offensichtlich mit der jeweils gewählten Varietät zusammenhängt, lässt sich auch an der Aussprache einzelner Lexeme beobachten. So werden die im Hochdeutschen und Niederdeutschen gleichlautenden Lexeme drei, recht und trotzdem von den neun Alteingesessenen der Nachkriegsgeneration im intendierten Niederdeutsch insgesamt seltener mit Zungenspitzen-r gesprochen als niederdeutsche Wörter, die phonetisch und morphologisch stärker vom hochdeutschen Standard abweichen (wie z. B. uttodrinken, grötter, Frugens). Die Anteile für Zungenspitzen-r liegen bei dieser Bevölkerungsgruppe im Niederdeutschen bei drei mit 28,8 %, bei recht mit 20 % und bei trotzdem mit 25 % jeweils deutlich niedriger als die Durchschnitthäufigkeit des apikalen r bei allen 15 untersuchten Testwörtern (46,3 %). Auch die sechs dialektkompetenten Nachkommen von Vertriebenen verwenden diese drei im Niederdeutschen und Hochdeutschen isomorphen Lexeme in ihren niederdeutschen Übersetzungen unterdurchschnittlich selten mit ← 384 | 385 → Zungenspitzen-r.441 Niederdeutsche Wörter, die von ihrer Phonetik und Morphologie her auch als standardsprachliche gelten könnten, werden von den Probanden also tendenziell auch im Bereich der r-Realisierung standardnäher ausgesprochen.

Diese auf quantitative Indizien gestützte Beobachtung findet auch in einer spontansprachlichen niederdeutschen Aufnahme einer älteren Gewährsperson Bestätigung. Von einer der wenigen Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration, die im intendierten Niederdeutsch bei der Artikulation des r geringfügig variieren, konnte ich eine freie Dialekterzählung aufnehmen, in der die Festtagsküche in der Familie thematisiert wurde (Frau 12, 1935 A, EN). In dieser Aufnahme stehen 24 Belegen für Zungenspitzen-r in der Position vor Vokal zehn Belege für Zäpfchen-r gegenüber, und zwar in den Wörtern Hauptgericht (zweimal vertreten), Fleischbrüh‘, Zitronencreme (zweimal vertreten), Zitronen, rein (in der Bedeutung ‚ausschließlich‘, zweimal vertreten), drei und richtige. Mit Zäpfchen-r werden also einerseits Lexeme ausgesprochen, die als genuin standardsprachliche Wörter zu kennzeichnen wären (Hauptgericht, Fleischbrüh‘ und Zitronencreme, Zitronen). Mit Zäpfchen-r spricht Frau 12 in ihrer niederdeutschen Erzählung andererseits gelegentlich auch Lexeme aus, die eine isomorphe hochdeutsche Entsprechung haben, nämlich drei, richtige und rein. Drei und richtig artikuliert sie in derselben Aufnahme an anderer Stelle auch mit Zungenspitzen-r. In ihrer überwiegend von einer apikalen r-Realisierung dominierten niederdeutschen Erzählung findet das Zäpfchen-r also nur bei der Aussprache von solchen Lexemen Eingang, die als hochdeutscher Transfer gelten könnten. Das standardnahe Wort Fleischbrüh‘ spricht Frau 12 demgemäß mit hinterem r aus ([fla͜iʃbʁyː]). Wenn sie in ihrer niederdeutschen Erzählung aber ein phonetisch insgesamt standardferneres Synonym für Brühe wählt, so wechselt sie auch bei der r-Artikulation zum Zungenspitzen-r: so in Rindflaischbroi und Broi ([-brɔ͜ʏ]‚Brühe‘). Schon bei dieser älteren Gewährsfrau markiert das Zungenspitzen-r demnach die ← 385 | 386 → Varietätengrenze zwischen dem Niederdeutschen und dem mecklenburgischen Regiolekt bzw. Standard.442

Vor dem Hintergrund des nahezu vollständigen Übergangs zum Zäpfchen-r in den regiolektalen Sprachlagen erscheint das apikale r heute als ein markant standarddivergentes Merkmal. Als ein solches Merkmal kann das Zungenspitzen-r von allen Personen, für die es nicht die einzige, idiolektal verfestigte r-Variante darstellt, als ein Zeichen für die Rede im Basisdialekt eingesetzt werden. Eine größere Zahl von vor allem jüngeren Sprechern scheint das Zungenspitzen-r tatsächlich in dieser Weise einzusetzen und damit an seinem Gebrauch im Niederdeutschen festzuhalten. Der starken Dynamik einer Advergenz an den neuen Standard der r-Realisierung im Regiolekt steht im Dialekt eine gewisse Tendenz zur Bewahrung des standarddivergenten Zungenspitzen-r gegenüber, sodass dort der Abbau des Merkmals einstweilen verlangsamt wird.

5.3.5  „S-tolpern übern s-pitzen S-tein“ auf Platt – Abbau und Revitali­sie­rung des alveolaren s vor t und Folgevokal

Anders als für die mittel- und oberdeutschen Dialekte und die hochdeutsche Standardsprache ist nach Schirmunski (2010 [1961]: 420) „für das Niederdeutsche […] die Bewahrung des anlautenden stimmlosen Konsonanten s vor Konsonanten kennzeichnend“. Den Übergang von alveolarem s [s] vor den Folgekonsonanten m, n, l, p, t und w im Wort- und Silbenanlaut zu einem postalveolaren sch [ʃ] hat das Niederdeutsche also nicht mitgemacht (z. B. niederdeutsch S-ten, Swin versus hochdeutsch Schtein, Schwein). Schirmunski stellt außerdem fest, dass nach niederdeutschem Vorbild speziell die Lautkombinationen st und sp auch in die norddeutschen Regiolekte übernommen worden seien: ← 386 | 387 →

Das niederdeutsche st–, sp– im Anlaut statt št–, šp– [ʃt–, ʃp–] hält sich fest auch in der Literaturaussprache der norddeutschen Städte (Hannover, Braunschweig, Bremen, Hamburg u. a.), unterstützt durch die zweideutige Schreibweise. (ebd.)

Im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts ist die überkommene alveolare Artikulation des s im Anlaut vor t und p aber nicht nur nahezu vollständig aus den norddeutschen Regiolekten verschwunden,443 sondern diese Entwicklung hat sich auch in den niederdeutschen Basisdialekten fortgesetzt. Der Lautwandel von s zu sch vor Konsonant gilt inzwischen allgemein „als eine der wichtigsten lautlichen Veränderungen im Niederdeutschen“ (Wilcken 2013: 30), die dessen im Übrigen sehr stabiles Lautsystem außergewöhnlich durchgreifend umgestaltet habe.444 Goltz (2010: 247) führt diese Entwicklung zum einen auf den Einfluss von Randgebieten des Niederdeutschen zurück, in denen postalveolares [ʃ] vor Konsonant schon lange im Gebrauch ist. Hier wäre neben Schleswig, das Goltz nennt, auch an das Brandenburgische mit seiner Vorbildwirkung vor allem für Mittelpommern und Vorpommern zu denken. Zum Lautwandel von s zu sch vor Konsonant habe zum anderen die Rückübertragung ehemals niederdeutscher Lehnwörter wie snacken im Regiolekt beigetragen, die mit standarddeutscher Umlautung als schnacken wieder ins Niederdeutsche übernommen worden seien. Im Übrigen vermutet Goltz (2010: 248) aber, das alveolare s vor Konsonant sei im Niederdeutschen „still in use in many places“, und er hält es daher für verfrüht mit Elmentaler (2008: 72) davon auszugehen, ← 387 | 388 → dass die alten alveolaren Formen „in größeren Teilen des niederdeutschen Kernraumes bereits als veraltet gelten müssen“.

Was lässt sich der vorliegenden Forschungsliteratur zu den Entwicklungen in Mecklenburg-Vorpommern entnehmen? Während sich die post­alveolare Aussprache des s vor Konsonanten in Vorpommern bereits um 1900 flächendeckend durchgesetzt hatte, waren bei den umfassenden Dialektaufnahmen am Anfang der 1960er Jahre „im Westteil des Landes“ die alveolaren Realisierungen wie in sl–, sm– oder sw– „noch in Fülle“ nachzuweisen (Gundlach 1967: 180). Diese Entwicklung hatte zumindest zwischenzeitlich eine areale Binnengliederung der mecklenburgisch- vorpommerschen Dialektlandschaft zur Folge, in der sich die neue, post­alveolare Variante des s vor Konsonant in Vorpommern und die erhaltene alveolare Variante in Mecklenburg gegenüber standen.445 Spätestens in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts besteht allerdings keine klare west-östlich gegliederte Raumverteilung der beiden Varianten mehr:

Vielmehr dringt die von Vorpommern aus durch hochdeutsches Schriftbild geförderte Neuerung nach Mecklenburg und darüber hinaus nach Westen vor. Dieser Wandel von sl–, sm–, sn– und sw– zu schl–, schm–, schn– und schw– erfaßte zuerst die Städte (Rostock bis 1925); inzwischen überwiegen auch auf dem Lande Formen mit sch– […]. Endlich werden von diesem Wandel auch sp– und st– ergriffen in Fällen wie Schtauhl (‚Stuhl‘) und schpälen (‚spielen‘). (Gundlach 1988: 426–427)

Aus eigener Anschauung beschreibt der Rostocker Gymnasiallehrer Paul Beckmann (1954 / 55: 131) diese Entwicklung, deren Durchsetzung er durch einen „lawinenartigen“ Lautwandel im standardnahen Regiolekt der mecklenburgischen Städte beschleunigt sieht: ← 388 | 389 →

Noch 1905 fielen die Zugewanderten, die schp und scht sprachen, den Einheimischen auf, die, gestützt auf das hochdeutsche Schriftbild, sich im Rechte glaubten und sich (wie heute noch die westelbischen Niederdeutschen) gegen die ‚falsche‘ Neuerung wehrten. […] Ab 1910 setzte sich dann der Einbruch in Rostock mit lawinenartiger Geschwindigkeit fort, und etwa 1920 fiel die Aussprache sp und st ebenso auf wie früher schp und scht. Schnell griff die neue Aussprache auch auf das Plattdeutsche über. Nur wenige der Ältesten haben bis 1945 die ‚spitze‘ Aussprache beibehalten. Das platte Land hing wie immer zäher am Alten, aber, vor allem vom Südosten vordringend, ist die Erscheinung bis tief ins Herz Mecklenburgs vorgestoßen. Noch ist der Kampf nicht beendet, wird sich aber in Mecklenburg sicher für die sch-Formen entscheiden.

Nach Dahl (1974: 357) kannte in den 1960er Jahren „die Mehrzahl der Mundartsprecher in Rostock und Umgebung […] nur noch schl– usw.“ und postalveolares sch vor Konsonant war unter dem Einfluss des Hochdeutschen zum weitgehend „obligatorischen Interferenzmerkmal“ des mecklenburgischen Niederdeutsch geworden. Neuere empirische Untersuchungen zum ländlichen Raum Zentralmecklenburgs bestätigen den fortschreitenden Übergang zum [ʃ] vor Konsonant, allerdings erfolge dessen „Ausbreitung aber nicht gradlinig“: „Besonders in etwas abseits gelegenen Dörfern wie z. B. Kossebade und Dobbertin vermag sich /s/ immer noch zu halten“ (Köhncke 2006: 171).

Mein Untersuchungskorpus bietet die Möglichkeit, den aktuellen Stand der Lautentwicklung für die Großstadt Rostock und ihre nähere kleinstädtische und dörfliche Umgebung zu überprüfen. Ich beschränke mich dabei auf die Untersuchung des s im Kontext vor t und darauffolgendem Vokal, da sich der Literatur zufolge bei st– und sp– die „spitze Aussprache“ im Niederdeutschen am längsten gehalten habe.

Wie bei den anderen Variablen, sollen auch hier zunächst die historischen Wenkerbögen herangezogen werden, um einen Befund über den Entwicklungsstand im ausgehenden 19. Jahrhundert zu gewinnen. Einige der Gewährspersonen Wenkers bemühen sich zwar, die gesprochensprachliche Phonetik des s in Lautkombinationen vor Konsonanten durch Verschriftlichungen wie <szt>, <ßt> bzw. <scht> wiederzugeben, insgesamt ist aber aus den schriftlichen Wenkerübersetzungen nicht verlässlich erschließbar, ob ein Buchstabe <s> in diesen Kontexten für einen alveolaren oder einen postalveolaren Laut stehen soll. Auf der Rückseite der Wenkerbögen wurde aber unter anderem die Frage gestellt, ob „st, sp in den mundartlichen Wörtern ← 389 | 390 → für Stall, stellen, sprechen, Spiel etc. wie scht, schp oder wie ßt, ßp“ laute. Auf immerhin 16 der 25 untersuchten Bögen aus meiner Untersuchungsregion wurde diese Frage von den Dorfschullehrern beantwortet. All diese 16 Gewährsleute gaben an, dass „ßt, ßp“ die ortsübliche Aussprache der Konsonantenkombination st bzw. sp sei. Es kann also davon ausgegangen werden, dass die alveolare Realisierung des s vor t im Erhebungsgebiet um 1880 noch konkurrenzlos vorherrschte (vgl. Abb. 5.3.5-1).

Die spontanen mündlichen Übersetzungen meiner Gewährspersonen ermöglichen, die Phonetik von st im Wort- und Silbenanlaut an mehreren Testwörtern der erweiterten Übersetzungsvorlage zu analysieren. Um Fälle von punktuellem Transfer hochdeutscher Lexeme in die niederdeutsche Übertragung sicherheitshalber auszuschließen, werden nur solche Testwörter untersucht, deren Übersetzung in Morphologie oder Phonetik eindeutig als niederdeutsch zu identifizieren sind.446 In den folgenden neun Testkontexten wurde die Kombination st auf eine alveolare oder postalveolare Realisierung des s überprüft: Wenkersatz 5: „ist […] gestorben“; WS 14: „bleib […] stehen“; WS 18: „besser um ihn stehen“; WS 19: „hat […] gestohlen“; WS 22: „versteht er“; WS 26: „stehen Apfelbäume“; WS 31: „ich verstehe“; WS 44: „auf den Stuhl“; WS 45 „das Krähen […] stört“.

In den niederdeutschen Übersetzungen der alteingesessenen Mecklenburger der Vorkriegsgeneration tritt das alveolare s nur noch in durchschnittlich 12 % der 175 Belege für st auf. Gegenüber den Angaben der historischen Wenkerbögen deutet dieser geringe Prozentwert darauf hin, dass im Niederdeutsch meiner Untersuchungsregion das altdialektale Merkmal durchgreifend und tatsächlich „lawinenartig“ schnell abgebaut worden ist (vgl. Abb. 5.3.5-1). Die vor 1940 geborenen Alteingesessenen verwenden das ‚spitze s-t‘ hoch signifikant seltener als die Probanden der Wenkererhebung von 1880 aus der Untersuchungsregion.447 Beckmann Prognose eines endgültigen ‚Sieges‘ der „sch-Formen“ scheint bei den älteren ← 390 | 391 → Niederdeutschsprechern also nahezu erfüllt. Dabei ist auch die Spannweite der interpersonellen Varianz unter den vor 1940 geborenen Alteingesessenen erheblich. Während 17 der 24 untersuchten Probanden die alte ‚spitze Aussprache‘ gar nicht mehr realisieren (0 %), liegen die höchsten Anteile des alveolaren s im intendierten Niederdeutsch von Angehörigen dieser Altersgruppe bei 77,8 %, 57,1 % und 42,9 %. Das bedeutet aber auch, dass für keine einzige Person aus dem Kreis derjenigen, die das Niederdeutsche vor dem Krieg häufig noch als Erstsprache gelernt haben und zum Teil bis heute alltäglich sprechen, die alveolare Aussprache gegenwärtig noch die verbindliche Variante darstellt.

Abbildung 5.3.5-1: Prozentualer Anteil der alveolaren Realisierung des s in wort- und silbenanlautendem st in den historischen Wenkerbögen und in den Wenkerübersetzungen von Angehörigen alteingesessener Familien (A 1, A 2) und von Familien Vertriebener (V 1, V 2)

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Historische Dialektaufnahmen bestätigen die sehr dynamische Entwicklung, die sich im Vergleich der historischen und der aktuellen Wenkerübersetzungen abzeichnet. In den inszenierten Aufnahmen des Lautdenkmals reichsdeutscher Mundarten aus den Jahren 1936 / 1937 spricht eine Gewährsperson aus Sarmsdorf prävokalisches st noch zu 100 % mit alveolarem s (n = 4). Zwei Männer aus dem Rostocker Vorort Warnemünde ← 391 | 392 → verwenden zur selben Zeit bereits zu 100 % standardidentisches scht in ihrem fingierten Gespräch (n = 9).448 Der Text, der den Gewährspersonen bei der umfassenden Dialekterhebung in der DDR am Anfang die 1960er Jahre zu Übersetzung vorgelegt wurde, enthält leider nur einen Beleg für silbenanlautendes st, der zudem bisweilen nicht übersetzt worden ist.449 Aber die zum Teil sehr langen Dialekterzählungen aus dieser Erhebung können das bisher nur an intendiertem Niederdeutsch gewonnene Bild um spontansprachliche Daten ergänzen. Ein 1929 geborener Mann aus dem Dorf Retschow verwendet 1962 die alveolare Variante des st in seiner Erzählung noch sehr häufig, aber bereits nicht mehr durchgängig (87,5 %, n = 8).450 Zwei andere Männer aus Retschow und Letschow (geb. 1930 und 1940) realisieren wort- und silbenanlautendes st in ihren Tonaufnahmen dagegen durchgängig schon mit postalveolarem [ʃ] (100 %, n = 10 bzw. 11).451 Die beiden 1990 aufgenommenen Wenkerübersetzungen von zwei Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration aus Jürgenshagen bezeugen in einem Fall eine noch durchgängig ‚spitze Aussprache‘ des st, im anderen Fall wird die Lautkombination nur noch in 60 % der Belege mit alveolarem s gesprochen (jeweils fünf Belege).452 Die historischen Sprachaufnahmen belegen also ← 392 | 393 → sehr deutlich, dass der Abbau der alveolaren Realisierung des st bereits vor dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt hatte und sich in der frühen Nachkriegszeit fortsetzte. Im gegenwärtigen Niederdeutsch der Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration mündet diese Entwicklung in einer fast vollständigen Ablösung der alveolaren durch die postalveolare Variante des st.

Die Wenkerübersetzungen der nach 1949 geborenen Alteingesessenen zeigen dann aber eine gegenläufige Entwicklung: Im intendierten Niederdeutsch dieser Befragtengruppe verdoppeln sich die Anteile der alveolaren Variante des st gegenüber der Elterngeneration wieder auf durchschnittlich 24,6 % (n = 65).453 Im Hintergrund dürfte auch hier das Bemühen stehen, bei der Übertragung der hochdeutschen Vorlagen ein möglichst ‚echtes‘, also besonders standarddivergentes Niederdeutsch zu produzieren. Es gibt freilich auch in dieser Altersgruppe der Alteingesessenen keine Person, die durchgängig alveolares s vor t wählt. Die höchsten Anteile für die altdialektale Variante liegen bei den Gewährspersonen dieser Gruppe bei 66,7 %, 60 % und 50 %, drei der neun untersuchten niederdeutschkompetenten Probanden realisieren dagegen zu 100 % standardidentisches scht.

Dieser Trend lässt sich in noch stärker ausgeprägter Form auch im niederdeutschen Sprachgebrauch in den Vertriebenenfamilien beobachten. Die 1945 / 1946 zugewanderten Angehörigen der Vorkriegsgeneration haben das bereits stark im Abbau begriffene Merkmal, mit dem sie aus den hochdeutschen Dialekten und Regiolekten ihrer Herkunftsgenerationen gar nicht vertraut waren (vgl. Schirmunski 2010 [1961]: 420), kaum in ihr ungesteuert erworbenes Niederdeutsch übernommen (vgl. Abb. 5.3.5-1). Der durchschnittliche Anteil von nur 5,2 % (n = 97) im intendierten Niederdeutsch dieser Bevölkerungsgruppe bezeugt dies ebenso wie die Tatsache, dass zehn von 13 niederdeutschkompetenten Vertriebenen ausschließlich die standardidentische postalveolare Variante des st im Niederdeutschen verwenden.

Die Nachkommen dieser Einwanderer neigen dann wie die Nachkriegsgeneration der Alteingesessen wieder stärker zur altdialektalen alveolaren Aussprache. Sie verwenden die Variante um ein Vielfaches häufiger als die Angehörigen ihrer Elterngeneration. Mit der stark zunehmenden Präferenz ← 393 | 394 → für die standarddivergente ‚spitze Aussprache‘ übertreffen sie sogar die gleichaltrigen Alteingesessenen noch deutlich (35 %, n = 40).454 Im Vergleich mit beiden Altersgruppen der alteingesessenen Mecklenburger verwenden die Nachkommen der Vertriebenen im Hinblick auf das Merkmal ein markant archaischeres Niederdeutsch und verstärken damit die Tendenz einer Revitalisierung der zwischenzeitlich weitgehend abgebauten s-t-Variante (vgl. Abb. 5.3.5-1).

Um die bemerkenswerte Tendenz zur Standardabweichung im Niederdeutsch der jüngeren Altersgruppen meiner Stichprobe interpretieren zu können, lohnt es sich, einen vergleichenden Blick auf das Sprachverhalten der Probanden im standardnäheren Regiolekt zu werfen. Dies ist bei einigen Gewährspersonen möglich, die zu den kompetentesten Niederdeutschsprechern zählen und deshalb in die Untersuchung der Wenkerübersetzungen einbezogen werden und die zugleich im Teilsample zur Analyse des regiolektalen Sprachgebrauchs vertreten sind. Ich möchte in einer kleinen Teilstichprobe dokumentieren, wie Personen, die im intendierten Niederdeutsch die ‚spitze Aussprache‘ des st in mehr als 20 % der einschlägigen Kontexte (Wort- und Silbenanlaut vor Vokal) realisieren, diese Lautkombination in den entsprechenden Kontexten in ihrer regional geprägten spontanen Interviewsprache aussprechen.

Die folgende Tabelle 5.3.5-1 zeigt, dass selbst die Gewährspersonen, die die alveolare Variante des st im Niederdeutschen besonders häufig realisieren, das Merkmal im standardnahen Regiolekt niemals verwenden. Das Auftreten der alveolaren Variante bleibt also ausschließlich auf das Niederdeutsche begrenzt.455 Anders als das apikale r, das zumindest von einzelnen Personen varietätenübergreifend und durchgehend verwendet wird, ist das ‚spitze‘ st in meinem Korpus nicht als idiolektales Merkmal einzustufen, zumal auch bei keiner Person im Niederdeutschen Gebrauchshäufigkeiten von annähernd ← 394 | 395 → 100 % erreicht werden.456 Das alveolare s vor t und Folgevokal wird von vielen Gewährspersonen offenbar als varietätenspezifisch angesehen und trägt in ihrem Sprachgebrauch dazu bei, die Varietätengrenze des Niederdeutschen gegenüber standardnäheren Sprachlagen zu markieren. In dieser Funktion wird das standarddivergente Merkmal ganz offensichtlich schon von einzelnen Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration eingesetzt. Wie die Tabelle veranschaulicht, wird das ‚spitze‘ st aber auch von Angehörigen aller anderen untersuchten Alters- und Bevölkerungsgruppen vielfach als Varietätenmarker gebraucht. Vor allem in den jüngeren Altersgruppen führt diese Funktion dann zu einer partiellen Revitalisierung des standarddivergenten Merkmals.

Tabelle 5.3.5-1: Prozentuale Anteile alveolarer s-Realisierung in st im intendierten Niederdeutsch und im Regiolekt von Probanden verschiedener Altersgruppen aus alteingesessenen Familien und Vertriebenenfamilien

Gewährspersonen
Anteil alveolarer s-Realisierung in st + Vokal im
intendierten Niederdeutschspontansprachlichen Regiolekt
aus alteingesesse­nen Familien  
Herr 41 (1935 A)57,1 %0 %
Herr 56 (1935 A)77,8 %0 %
Frau 78 (1934 A)33,3 %0 %
Frau 51 (1954 AA)60 %0 %
Herr 71 (1952 AA)22,2 %0 %
Frau 73 (1962 AA)50 %0 %
aus Familien Vertriebener  
Frau 28 (1936 V)37,5 %0 %
Herr 74 (1959 VV)62,5 %0 %

← 395 | 396 →

Diese quantitativen Ergebnisse werden bestätigt durch qualitative Befunde zum subjektiven Sprachwissen und zu den Spracheinstellungen meiner Interviewpartner. Vier meiner Gewährspersonen kamen im Interview von sich aus und unabhängig voneinander auf das Merkmal „Stolpern übern spitzen Stein“ zu sprechen und ahmten es dabei meist selbst nach. Die Ehefrau (1943 A) von Herrn 63 führt als Beispiel für regionale Unterschiede im Niederdeutschen die stereotype Lokalisierung in Hamburg an: „Oder wenn jetzt so wie Hamburger Platt. Die s-tolpern so über’n s-pitzen S-tain ne.” (Herr 63, 1933 A, SP: 448). Die Nachfrage, ob diese Aussprache auch in Rostock und Umgebung zu hören sei, wird verneint. Frau 12 (1935 A, SP2: 174) aus Nienhagen hält das Merkmal dagegen gerade für typisch für Rostock. „Die Jüngeren“ würden in Rostock zwar nicht mehr niederdeutsch sprechen, „aber die Älteren ja aber die haben dann ein bisschen … die waren ein bisschen wie s-tolpern über‘n S-tein.“ Frau 53 (1950 AA, SP1: 53–55) berichtet über Besonderheiten im Niederdeutsch ihrer Verwandten aus dem äußersten Südwesten Mecklenburgs, die „wie die Hamburger“ sprächen:

Hagenow und Boizenburg. Die stolpern ja schon übern spitzen Stein. […]. Das ist ja … Boizenburg ist ja direkt praktisch an der Elbe und auf der anderen Seite ist Lauenburg. Und dies do… da habe ich Verwandtschaft und die die sprechen auch so mit dem spitzen Stein.

Die aus Böhmen nach Mecklenburg vertriebene Frau 14 (1936 V, SP2: 202) führt das Merkmal ebenfalls an. Sie mutmaßt zunächst, dass „fast alle“ Vertriebenen ihrer Vorkriegsgeneration Niederdeutsch gelernt hätten, dann führt sie auf Nachfrage aus, dass dieser Spracherwerb für die Elterngeneration der Zuwanderer aber schwieriger gewesen sei:

Die taten sich dann schon schwerer. Wollen wir sagen die Sudetendeutschen hatten es schwer mit dem Plattdeutschen ne. Denn das ist ja österreich-ungarischer Dialekt mehr ne. Also das … die die taten sich schwer mit dem spitzen Stolpern dann hier über den Stein ne.

Sie selbst hat sich die für sie fremdartige Aussprache des st allerdings nicht angenommen, sie realisiert in ihrer niederdeutschen Wenkerübersetzung ausschließlich die postalveolare Variante der Lautkombination.

All diese Aussagen zeigen, dass in der Bevölkerung meines Untersuchungsgebietes – und zwar bei Jüngeren wie Älteren und Alteingesessenen wie Vertriebenen – die Ansicht verbreitet ist, das „Stolpern übern spitzen ← 396 | 397 → Stein“ sei ein typisches Merkmal des Niederdeutschen bzw. seiner regionalen Varianten. Auch im stereotypen Sprachwissen der Probanden scheint die alveolare Aussprache des st die Varietätengrenze gegenüber dem mecklenburgischen Regiolekt bzw. dem überregionalen Standard zu markieren.

5.3.6  Woche, sich und –lich statt Wäk, sik und –lik – Lautwandel von niederdeutschem k zu hochdeutschem ch in Einzellexemen und Morphemen

„Das Ausbleiben der Zweiten Lautverschiebung“, also des historischen Lautwandels der germanischen Plosive p, t, k zu hochdeutschen pf / f, ts / s und ch, gehört nach Wilcken (2013: 23) zu den abbauresistenten Merkmalen des Nordniederdeutschen, die trotz der vielfach zu beobachtenden Annäherung der Varietät an das Standarddeutsche seit dem 19. Jahrhundert bis heute „unverändert realisiert“ werden.457 Für das Niederdeutsch in Mecklenburg-Vorpommern stellt Gernentz (1974: 225) schon in den 1970er Jahren kategorisch fest:

Relativ stabil ist noch […] das nd. [niederdeutsche] Lautsystem. Die beiden Hauptkennzeichen des Nd., das Fehlen der 2. (hd.) Lautverschiebung und das Fehlen der nhd. [neuhochdeutschen] Diphthongierung gelten nach wie vor unangefochten.

Auch Hansens (2009: 113) empirische Untersuchung zum Wandel des Niederdeutschen auf der Insel Rügen kommt zu dem gleichlautenden Schluss, dass die unverschobenen Plosive (p, t, k) ebenso wie die nicht vollzogene neuhochdeutsche Diphthongierung „zentrale Charakteristika des niederdeutschen Dialekts sind“, die sich als „resistent gegenüber Wandlungstendenzen“ zeigten. Mit Blick auf die zentralmecklenburgischen Diphthonge erinnert Köhncke (2006: 179) dagegen daran, dass Lautwandelprozesse durchaus nicht immer einheitlich (gleichsam gesetzmäßig) verlaufen, sondern „von Wort zu Wort geografisch unterschiedlich weit vorangeschritten sein“ können.

In der Tat finden sich im Mecklenburgisch-Vorpommerschen einige niederdeutsche Lexeme, bei denen das im Übrigen sehr stabile Merkmal der unverschobenen Plosive in einer Advergenzbewegung in Richtung auf den hochdeutschen Standard aufgegeben wird bzw. bereits weitgehend ← 397 | 398 → aufgegeben worden ist. Zwei dieser Wörter und ein Morphem, bei denen Niederdeutschsprecher älteres niederdeutsches k häufig durch ch ([ç] bzw. [χ]) ersetzen, sollen im Folgenden in ihrer diachronen Entwicklung exemplarisch genauer betrachtet werden: Wäk (‚Woche‘), sik (‚sich‘) und das Derivationsmorphem –lik (‚-lich‘).

Schon Ritters (1832: 64) Grammatik der mecklenburgisch-plattdeutschen Mundart erwähnt, dass es im Niederdeutschen neben dem „ländlichen“ Wort Wäk eine „städtische“ Aussprachevariante Woch gebe, die er auf eine „Nachbildung des Hochdeutschen“ zurückführt. Für das niederdeutsche Lexem Wäk bzw. Wöcke (‚Woche’) verzeichnet auch das Mecklenburgische Wörterbuch (Bd. 7, 1992: 1108, 1482) die konkurrierende „hd. [hochdeutsche] Lautform Woch“. Mit der Verschiebung des Plosivs k zum Frikativ ch gerät das Wort ähnlich wie andere im Abschnitt 5.1.1 diskutierte Lexeme in die Nähe einer standardidentischen Lautung, von der es aber weiterhin mit der Schwa-Apokope (Woch‘) abweicht. Laut dem Mecklenburgischem Wörterbuch (Bd. 7, 1992: 1108) ist die hochdeutsche Verschiebung des Plosivs in Wäk bereits seit dem Ende des 18. Jahrhunderts belegt: „Um 1920“ sei das Wort Wäk in unverschobener Form demnach noch im Südwesten Mecklenburg-Vorpommerns nachzuweisen gewesen, in den 1970er Jahren dann „nicht mehr erfassbar“.458 Die entsprechende Wortkarte in Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reiches zeigt Woch schon 1880 als durchgängige Leitform im gesamten mecklenburgisch- vorpommerschen Dialektraum, mit Ausnahme einer Teilregion im Südwesten und mit einer dynamischen Ausweitung in Richtung Ostholstein.459 Für die ostmecklenburgische Kleinstadt Stavenhagen bestätigt die vergleichende niederdeutsche Grammatik von Grimme (1910: 147, 164), dass es dort keinen „gutniederdeutschen Ausdruck“ als Entsprechung zum hochdeutschen Woche gebe. Als das „Einbruchsgebiet hochdeutscher Eigenschaften, insbesondere der Lautverschiebung und der Umlautentrundung“, ← 398 | 399 → in den ostniederdeutschen Sprachraum wird von der Forschung „besonders der Südosten des Südbrandenburgischen“ benannt. Von dort aus habe sich auch die hochdeutsche Umsetzung des Wortes Woche über Mittelpommern und schließlich über ganz Mecklenburg-Vorpommern ausgebreitet.460 Das populäre Neue hochdeutsch-plattdeutsche Wörterbuch für Mecklenburg-Vorpommern verzeichnet 2003 für das hochdeutsche Lemma Woche als ersten niederdeutschen Eintrag die standardnahe Form „Woch, Pl. Wochen“ und führt die Form Wäk nur noch als „veraltend“ an.461

Beim Reflexivpronomen sich ist ein ähnlicher Lautwandel zu beobachten, der aber der Literatur nach erst in jüngerer Vergangenheit eingesetzt habe und bislang areal begrenzt geblieben sei. Das Reflexivpronomen ist eine alte Entlehnung aus dem Hochdeutschen, das sich „erst im Mittelniederdeutschen voll durchgesetzt“ (Sanders 1982: 118) hat und dort erst allmählich der niederdeutschen Schreibung und Lautung mit dem Plosiv k angepasst wurde. Die Grammatiken des Niederdeutschen in Mecklenburg-Vorpommern aus dem 19. Jahrhundert weisen für das Reflexivpronomen ausschließlich die unverschobene Form sik nach.462 Die entsprechende Wortkarte in Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reiches zeigt dann aber eine klare wortgeographische West-Ost-Gliederung des mecklenburgisch-vorpommerschen Dialekt­gebietes: Vorpommern, das südöstliche Mecklenburg, Mittelpommern und Ostbrandenburg ist demnach zur standardidentischen Lautform sich übergegangen, während der gesamte westlich davon gelegene Raum Mecklenburgs bei unverschobenem sik bleibt.463 Grimme (1910: 73) weist für das ostmecklenburgische Stavenhagen wie später auch Schönfeld (1990: 113) ein Nebeneinander von sich und sik nach. Das Mecklenburgische Wörterbuch (Bd. 6, 1976: 290) lokalisiert die standard­identische Form ← 399 | 400 → sich wie der Sprachatlas Wenkers in Südostmecklenburg „im Zusammenhang mit dem vorpommerschen Gebiet im Gegensatz zu sick im Hauptteil Meckl[enburg]s“. In neuerer Zeit bestätigt noch Herrmann-Winters (2003: 207) kleines hochdeutsch-plattdeutsches Wörterbuch diese west-östliche Raumgliederung. Die niederdeutsche Form sik werde „schon vielfach in Ost- und Südostmecklenburg sowie in Vorpommern seit Anfang des 20. Jh.s [Jahrhunderts]“ durch lautverschobenes sich ersetzt.

Allerdings hatte schon William Foerste (1954: Sp. 2051), der das standardidentische sich zu den „besonders expansiven Formen“ zählt, festgestellt, dass sich die Form über Mittelpommern auf den gesamten mecklenburgisch-vorpommerschen Raum ausgebreitet habe: „Nur an den Flügeln“ dieser Dialektlandschaft – in Ostpommern und im Westniederdeutschen – sei die niederdeutsche Form sik erhalten geblieben. Ähnlich erweitert auch die Niederdeutsche Grammatik von Lindow et al. (1998) die areale Verbreitung des unverschobenen sich auf fast den gesamten ostniederdeutschen Raum:

Im Ostniederdeutschen von der vorpommerschen Küste bis in den Süden des Märkisch-Brandenburgischen entspricht die Form des Reflexivpronomens der des Standard­deutschen sich.464

Im Folgenden sollen diese zum Teil widersprüchlichen Aussagen zur arealen Verbreitung des standardidentischen sich auf der Basis meines zentral­mecklenburgischen Korpus überprüft und die Korpusbefunde aus verschiedenen Altersgruppen der im Raum Rostock ansässigen Bevölkerung genutzt werden, um ein genaueres Bild vom unterschiedlichen Lautwandel in den niederdeutschen Entsprechungen zu Woche und sich zu gewinnen. Da die beiden Wörter in den historischen Wenkersätzen jeweils nur einmal vorkommen und auch in meiner erweiterten Übersetzungsvorlage nur ein ← 400 | 401 → weiterer Beleg für sich hinzukommt,465 ist die quantitative Grundlage der Beobachtungen am intendierten Niederdeutsch meiner Gewährspersonen recht dünn und erlaubt nur Tendenzaussagen. Weitere historische und aktuelle Dokumente werden herangezogen, um die empirische Basis der Untersuchung zu verbreitern.

Abbildung 5.3.6-1: Prozentualer Anteil der niederdeutschen Übersetzungen von Wochen und sich mit unverschobenem k in den historischen Wenkerbögen und in den Wenkerübersetzungen von Angehörigen alteingesessener Familien (A 1, A 2) und von Familien Vertriebener (V 1, V 2)

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Beginnen wir mit dem Lautwandel beim Lexem Woche. Die hochdeutsche Übersetzungsvorlage Wochen wurde bereits in den 25 historischen Wenker­bögen aus meiner Erhebungsregion nur noch in durchschnittlich 8,3 % der Belege mit unverscho­benem k übersetzt.466 Standardidentisches Wochen war also mit sehr geringer Variationsbreite schon im ausgehenden ← 401 | 402 → 19. Jahrhundert die weitaus gebräuchlichste Form im intendierten Niederdeutsch der Mecklenburgerinnen und Mecklenburger. Der entsprechende Lautwandel von Wäken zu Wochen muss also der Zeit der Erhebung Wenkers weit vorausgelegen haben, denn er war hier bereits weitgehend abgeschlossen. Die Zahlenverhältnisse bleiben sowohl bei den Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration (8,3 %, n = 24) als auch bei den immigrierten Vertriebenen derselben Altersgruppe auffallend konstant (7,7 %, n = 13, vgl. Abb. 5.3.6-1).

Auch in zwei historischen Aufnahmen von Wenkerübersetzungen von 1990 wählen die Probanden derselben Alterskohorte aus Jürgenshagen übereinstimmend Wochen in ihren niederdeutschen Übertragungen.467 Ein 1940 geborener Landwirt aus dem Dorf Retschow verwendet schon 1962 in einer freien niederdeutschen Erzählung die Wörter Woch (dreimal) und mittwochs ausschließlich mit verschobenem Lautstand.468 Die vor dem Zweiten Weltkrieg geborene Bevölkerung meines Untersuchungsgebietes bildet im Niederdeutschen also nahezu ausschließlich standardnahe und standardidentische Äquivalente zum hochdeutschen Lexem Woche. Das zur Kontrolle herangezogene lautähnliche Wort eingebrochen aus der historischen Wenkersatzvorlage übersetzen dagegen sowohl die Gewährsleute Wenkers als auch die Alteingesessenen und Vertriebenen der Vorkriegsgeneration ausnahmslos mit unverschobenem k (inbroken), hier ist also der niederdeutsche Lautstand vollkommen stabil.469

Eine bemerkenswerter Zunahme von Über­setzungen von Wochen mit unverschobenem Plosiv (Weken, Wäk’n u. ä.) findet sich dann bei den beiden Gruppen meiner Gewährsleute, die in den 1950er und 1960er Jahren geboren wurden: Bei den Alteingesessenen dieser Altersgruppe liegt der Anteil von unverschobenen Wortformen mit durchschnittlich 14,3 % ← 402 | 403 → (n = 7) deutlich höher als in der Elterngeneration. Bei den Nachkommen der Vertriebenen erreicht dieser Anteil sogar 50 % der Belege (n = 6). Diese Rückkehr zu einer eigentlich veralteten Übersetzungsvariante, kann vor dem Hintergrund der vorangehenden Entwicklung als Sonderfall einer „Hyperform“470 interpretiert werden, bei der die im Dialektgebrauch unsicher gewordenen Sprecher eine weithin normgerechte phonologische Regularität des Niederdeutschen auch für den singulären Ausnahmefall (über)generalisieren. Diese Tendenz tritt bei den Nachkommen aus Vertriebenenfamilien besonders ausgeprägt auf, ihr intendiertes Niederdeutsch ist in der Realisierung des Lexems erheblich archaischer als das der Alteingesessenen beider Altersgruppen.

Frau 14 (1936 V, WN 5) unterbricht ihre zögernde Übersetzung des Wenkersatzes 5 bei Wochen, wiederholt mit Frageintonation prüfend mehrfach „Wochen Wochen Wochen?“, um dann sich selbst zu bestätigen „ja nun auch Wochen“. Frau 51 (1954 AA, WN 5) bricht mit „Woch… Wochen“ ebenfalls an dieser Stelle ihre Übersetzung ab und spart mit dem Kommentar, „weiß ich nicht“, das Lexem dann ganz aus. Selbstkorrekturen wie diese zeigen, dass sich die Gewährspersonen des Aus­nahme­charakters von niederdeutsch Wochen mitunter bewusst werden. Auch die Gewährspersonen der Nachkriegszeit übertragen dagegen das lautähnliche Vergleichswort eingebrochen (Wenkersatz 4) wie die Vorkriegsgeneration ausnahmslos mit unverschobenem Plosiv ins Niederdeutsche. Hier bleibt das „Hauptkennzeichen des Niederdeutschen, das Fehlen der 2. (hd.) Lautverschiebung“ (Gernentz 1974: 225), in der Tat seit der Wenkererhebung bis in die Gegenwart „unangefochten“ stabil.

Gehen wir an dieser Stelle zur Erörterung des Vergleichsfalls sik / sich über: Die Ergebnisse meiner Übersetzungstests bestätigen, dass es sich beim Übergang von sik zu sich im Niederdeutschen um eine sehr viel jüngere Entwicklung handelt als bei der Ersetzung von Wäk durch Woch. Hier weisen sämtliche ausgewerteten historischen Wenkerbögen aus meinem Erhebungsgebiet noch die Form sik auf (100 %, n = 25), eine Variation ist für das ausgehende 19. Jahrhundert also noch nicht nachzuweisen. Der Anteil der Belege mit unverscho­benem Plosiv nimmt dann aber in den ← 403 | 404 → Wenkerübersetzungen der Vorkriegs- und der Nachkriegsgeneration der alteingesessenen Mecklenburger stetig und stark ab, von 62,5 % (n = 40) im intendierten Niederdeutsch der zwischen 1920 und 1940 Geborenen bis auf 45,5 % (n = 11) bei ihrer Nach­kommengeneration (vgl. Abb. 5.3.6-1).

Dieser Lautwandel zeichnet sich schon in den Aufnahmen des Lautdenkmals reichsdeutscher Mundarten von 1936 / 37 aus meinem Untersuchungsgebiet ab. Der Gebrauch des Reflexiv­pronomens scheint dabei in der Phase des begonnenen Lautwandels stark sprecherspezifisch zu sein. Während ein Mann aus Sarmsdorf (*1871) in seiner vorbereiteten Erzählung ausschließlich unverschobenes sik verwendet (drei Belege), gebrauchen die beiden Gesprächspartner aus der Aufnahme aus Warnemünde (*1882 und 1898) in ihrer fingierten Unterhaltung für das Lautdenkmal ihrerseits bereits ausschließlich standardidentisches sich (drei Belege).471 Bei der Mundartenerhebung von 1962 realisieren zwei Männer aus Letschow und Retschow (*1930 und 1940) das Reflexivpronomen sowohl in ihren Übersetzungstests (zwei Belege) als auch in ihren jeweiligen freien Erzählungen durchgängig mit unverschobenem Plosiv (fünf Belege sik, ein Beleg an un för sik). Dagegen gebraucht ein 1929 geborener Landwirt aus Retschow in demselben Aufnahmekorpus sowohl in seiner niederdeutschen Übersetzung (ein Beleg) als auch in der freien Dialekterzählung ausschließlich die standardidentische Variante (zwei Belege sich, drei Belege an und für sich).472 Ähnlich überträgt in einer historischen Aufnahme von 1990 einer von zwei Männern aus Jürgenshagen (*1924 und 1926) die hochdeutsche Vorgabe sich als sik, während der andere im intendierten Niederdeutsch standardidentisches sich wählt.473 Die offenbar über Vorpommern bzw. Ostmecklen­burg ausgreifende Entwicklung des Wortgebrauchs hat inzwischen also auch das ← 404 | 405 → Zentrum Mecklen­burgs erreicht, wo in der jüngeren Generation der Alteingesessenen sogar mehrheitlich die standardidentische Form sich verwendet wird. Der ehemals bei sik / sich festzustellende wortgeographische Gegensatz zwischen Mecklenburg und Vorpommern hat also längst begonnen, seine klaren Konturen zu verlieren.

Schließlich ist noch ein Blick auf den Gebrauch des niederdeutschen sik / sich bei den Vertriebenen und ihren Nachkommen zu werfen. Die nach dem Krieg aus dem Südosten zugewanderten Vertriebenen, in deren Herkunftsdialekten Realisierungen des Reflexiv­pronomens mit auslautendem Plosiv k natürlich unbekannt waren, haben das 1945 bereits im Abbau befindliche sik nur in recht begrenztem Maße in ihr spontan erworbenes Niederdeutsch übernommen (20 %, n = 25, vgl. Abb. 5.3.6-1). Nicht ganz so ausgeprägt wie bei Wäk tendieren ihre Nachkommen dann intergenerationell ebenfalls wieder stärker zu einer Realisierung, die den allgemeinen Lautregularitäten des Niederdeutschen entspricht (28,6 %, n = 7). Der durchschnittliche Anteil für altdialektales sik bleibt in ihren Wenkerübersetzungen gleichwohl noch unter dem ihrer alteingesessenen Altersgenossen. Es sei aber festgehalten, dass dem intergenerationell fortschreitenden Abbau des unverschobenen sik in den Familien Alteingesessener in der jüngeren Generation der Vertriebenenfamilien eine zunehmende Verwendung der altdialektalen Wortform zuwiderläuft.

Auch wenn die diachrone Umphonologisierung von niederdeutschem k zu hochdeutschem ch den weitaus größten Teil des niederdeutschen Wortschatzes bislang völlig unberührt lässt, so sind Wäk und sik durchaus nicht die einzigen niederdeutschen Wörter, die gleichsam die hochdeutsche Lautverschiebung einzellexematisch nachvollziehen. Bei einer Landschaftsschilderung innerhalb seiner stilisierten niederdeutschen Erzählung äußert eine Gewährsperson des Lautdenkmals 1937 beispielsweise den Satz: „Mit spitzen Finger wiist n Kirchtorm nå n Häben“ (‚mit spitzem Finger weist ein Kirchturm zum Himmel‘).474 Schon Ritter (1832: 64) hatte in seiner mecklenburgischen Grammatik neben altdialektalem Kark auch das dem Hochdeutschen lautlich angenäherte Kirch angeführt. Im 20. Jahrhundert ist nach Gernentz (1980: 126) allgemein „im Mecklenburgischen aus der ← 405 | 406 → Kark in Anlehnung an die hd. [hochdeutsche] Lautform ‚Kirche‘ über Kirk bereits Kirch geworden“. Literarische Belege für den „bereits Ende des 18. bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts“ begonnenen Übergang zur lautverschobenen Form Kirch bringt Köhncke (2010: 426–428), weist aber darauf hin, dass nach der Durchsetzung von Kirch in der niederdeutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zum Teil wieder „bewusst die ältere Form“ gewählt werde. Eine ähnliche Tendenz zur Rückkehr zur standarddivergenten Lautform hatten wir in der Nachkriegsgeneration der Gewährspersonen besonders bei Wäk beobachten können (vgl. Abb. 5.3.6-1).

Weitere Beispiele für die Integration lautverschobener Wortformen ins Niederdeutsche lassen sich anführen: In den Aufnahmen des Lautdenkmals aus meiner Untersuchungsregion erzählt ein Fischereimeister aus Warnemünde 1937, dass er „mit min schwache föftainpiirsche Meschi-en keine Hiring fischen kann“, und dass „man mit de schwache föftainpiirsche Meschi-en de Bout bi schlecht Wäder nich an de Angel holl kann“.475 Auch hier handelt es sich nicht um einen punktuellen Transfer eines hochdeutschen Wortes (schwache) in den niederdeutschen Kontext, vielmehr hält beispielsweise das hochdeutsch-plattdeutsche Wörterbuch von Herrmann-Winter (2003: 202) als niederdeutsche Äquivalente zu hochdeutsch schwach neben swack auch eine „wie hochdeutsch“ gebildete Lautform in Mecklenburg-Vorpommern für üblich. Ebenso stellt das Wörterbuch etwa wak neben die hochdeutsche Konkurrenzform wach (ebd.: 258). Im Fall von sicher gilt nach Herrmann-Winter (2003: 207) die Wortform mit unverschobenem k (säker) im Niederdeutschen sogar schon als „veraltend“ gegenüber standardidentischem sicher.

Die Zahl der niederdeutschen Einzellexeme, in denen die ehemals unverschobenen Plosive inzwischen regelmäßig durch lautverschobene hochdeutschnahe Äquivalente ersetzt werden, ließe sich ohne allzu große Mühe noch erheblich verlängern.476 Lexemübergreifenden Charakter bekommt ← 406 | 407 → speziell der Lautwandel von k zu ch zudem dadurch, dass auch das Wortbildungssuffix –lik inzwischen durchgängig mit verschobener Lautung –lich verwendet wird. Köhncke (2010: 429–430) bringt erste Belege für eine Ablösung von –lik durch –lich schon für das 17. Jahrhundert. Für das Neumecklenburgische des 19. Jahrhunderts stellt Nerger (1869: 151) fest: „In der Endung lich ist altes k dem ch im Auslaute, minder im Inlaute gewichen.“ Grimmes (1910: 54) regional vergleichende Untersuchung spricht dafür, dass auch hier die Entwicklung zunächst auf das Ostniederdeutsche beschränkt war, denn für seine südwestfälischen und seinen münsterländischen Vergleichsorte weist er weiterhin –lik nach, während ihm zufolge im mecklenburgischen Stavenhagen zu –lich übergegangen wurde. Teuchert (1959: 230), der die Entwicklung von „städtischer Umgebung“ ausgehen sieht, findet in der Mitte des 20. Jahrhunderts „nur noch einige Reste“ des alten –lik, „die wie mœgelk [möglich] das i ausstoßen.“

Leider enthalten weder die Wenkersatzvorlagen noch der sogenannte „feste Text“ der Mundarterhebungen in der DDR der frühen 1960er Jahre Belege für das Derivationsmorphem –lich, sodass die jüngere Entwicklung nicht am intendierten Niederdeutsch nachvollzogen werden kann. Historische und aktuelle Sprachaufnahmen von Alteingesessenen, die vor 1945 geboren wurden, legen aber nahe, dass das altdialektale –lik in meinem Untersuchungsgebiet spätestens seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus dem Sprachgebrauch völlig verschwunden ist. In den beiden Aufnahmen des Lautdenkmals aus meinem Erhebungsgebiet und in den drei hier in den 1960er Jahren aufgezeichneten Dialekterzählungen von Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration sowie in den neun von mir aufgezeichneten niederdeutschen Erzählungen derselben Altersgruppe finden sich insgesamt 37 Belege für das standardidentische Wortbildungssuffix –lich, aber kein einziger Nachweis für altdialektales –lik. Die Produktivität des Wortbildungssuffix lässt dabei im niederdeutschen Redekontext der Aufnahmen keine ← 407 | 408 → Begrenzung erkennen, –lich tritt im genannten Teilkorpus sowohl in Wörtern auf, die als hochdeutscher Transfer gelten können (hauptsächlich, körperlich, landwirtschaftlich), als auch in Lexemen, die im Hochdeutschen und Niederdeutschen isomorph sind (endlich, natürlich, wirklich), aber eben auch in Wörtern, die lautlich eindeutig als niederdeutsch markiert sind (egentlich, ümständlich, teemlich ‚ziemlich‘).

Die beschriebenen diachronen Übergänge von Plosiv k zu Frikativ ch berühren eines der „unverzichtbare[n] Kennzeichen des niederdeutschen Dialekts“ (Elmentaler 2009: 352), sie überschreiten die weithin als sehr stabil angesehene Grenze zwischen dem phonologischen System des Hochdeutschen und des Niederdeutschen. Freilich ist dieser gleichsam nachträgliche Vollzug der hochdeutschen Lautverschiebung nur auf eine Reihe von einzelnen Lexemen und Morphemen beschränkt. Festzuhalten ist aber, dass die Zahl der betroffenen Wörter im mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch inzwischen durchaus beachtlich sein dürfte und dass sie auch Lexeme und Morpheme umfasst, die wie sich und –lich im niederdeutschen Diskurs hochfrequent auftreten. Festzuhalten ist vor allem, dass das Auftreten von Lexemen bzw. Morphemen mit verschobener Lautform in niederdeutschen Äußerungen keineswegs einfach als spontane Übernahme aus dem Standarddeutschen zu werten ist. Vielmehr sind diese Lexeme bzw. Morpheme zum Teil inzwischen in hochdeutscher Lautlichkeit usuell geworden und werden dementsprechend als niederdeutsche Wörter von mecklenburgischen Wörterbüchern kodifiziert.

Der Abbau kennzeichnend niederdeutscher Wortformen reicht dabei mitunter weit vor das 19. Jahrhundert zurück (Woch, –lich), er setzt sich aber offensichtlich noch im 20. Jahrhundert bei anderen Wörtern weiter fort (sich). Und er wird gerade auch von Sprecherinnen und Sprechern aus Altersgruppen getragen, die noch über meist primär erworbene, sehr hohe Niederdeutschkompetenz verfüg(t)en. Wie noch am Beispiel sik / sich zu beobachten war, breitet sich die Entwicklung im Dialektraum Mecklenburg-Vorpommerns – jedenfalls bislang – vorzugsweise von Osten nach Westen aus. Als soziale Katalysatoren identifiziert die Fachliteratur vor allem städtische Milieus. Unter jüngeren niederdeutschkompetenten Zeitgenossen und in der Dialektliteratur zeichnet sich nun eine mehr oder weniger starke gegenläufige Tendenz zu vermehrt standarddivergentem Wortgebrauch ab, bei der die diachron entwickelten lautlichen ‚Ausnahmeformen‘ wieder an das überkommene ← 408 | 409 → phonologische System des Niederdeutschen generalisierend rückangepasst werden. Die Nachkommen der Zuwanderer spielen bei dieser Wiederbelebung altdialektaler Formen des Niederdeutschen eine besonders aktive Rolle.

5.4  Resümee zur Entwicklung des Niederdeutschen unter dem Druck der Kontaktvarietäten

5.4.1  Standardadvergenz als dominanter Entwicklungstrend im Nieder­deutsch der alteingesessenen Mecklenburgerinnen und Mecklenburger

Am Abschluss seiner Untersuchungen zum regionalsprachlichen Spektrum in Schleswig-Holstein (Alt Duvenstedt) und in Vorpommern (Stralsund), bei denen er sich unter anderem auf spontansprachliche Daten und das intendierte Niederdeutsch von Probanden verschiedenen Alters stützt, kommt Kehrein (2012: 312) zu dem Schluss, es könne in der Entwicklung des lokalen Niederdeutsch im Vergleich mit den historischen Dialekterhebungen Georg Wenkers „von einem hohen Maß an Stabilität gesprochen werden“:

Der durch die Abfrage der Wenkersätze erhobene Dialekt ist in beiden niederdeutschen Regionen im diachronen Vergleich noch relativ stabil, es sind lediglich phänomenbezogene Abbautendenzen fortgesetzt oder abgeschlossen, die in den Wenkerbogen und / oder (frühen) Dialektbeschreibungen bereits zu beobachten waren. (Kehrein 2012: 346)

In seiner Studie zu „Niederdeutsch auf Rügen“, die wie Kehrein auf Basis der erhobenen Daten des Marburger REDE-Projekts argumentiert,477 geht Vorberger (2016: 169) für den Ort Bergen auf Rügen ebenfalls „von einer hohen Stabilität des Niederdeutschen, sofern es beherrscht und gesprochen wird“, aus. ← 409 | 410 →

Diesen Befunden zum vorpommerschen Dialekt stehen die auf erheblich größere Probandenzahlen gestützten Beobachtungen Hansens zum Rügener Niederdeutsch entgegen:478 Hansen identifiziert in den von ihm zugrunde gelegten Aufnahmen von Wenkerübersetzungen verschiedener Zeitstufen eine Fülle von Abbautendenzen gegenüber den historischen Dialektaufzeichnungen Georg Wenkers. Er kommt zu dem Schluss, „dass innerhalb des fast 130-jährigen Untersuchungszeitraums auf allen Sprachebenen des niederdeutschen Dialekts der Insel Rügen sprachliche Veränderungen stattgefunden haben“ (Hansen 2017: 140). Hansen sieht dabei einen engen Zusammenhang zwischen dem Abbau altdialektaler Varianten und der über die untersuchten Zeitstufen zurückgehenden Dialektkompetenz seiner 60 Probanden. Bei vielen der untersuchten Variablen zeichnet sich der Dialektabbau aber schon bei seinen vor 1910 bzw. 1942 geborenen Gewährspersonen ab, für die das Niederdeutsche in der Regel noch vorschulische Erstsprache und dominantes Kommunikationsmittel zumindest im Nahbereich war. Mit den hochdeutschen Kontaktvarietäten – Regiolekt und Standardsprache – sind diese älteren Gewährsleute häufig erst in Ausbildung und Arbeitsleben in engere Berührung gekommen, wo diese Kontaktvarietäten dann oft eine zunehmend wichtige Rolle spielten (Hansen 2009: 38–41).

Vergleichbar mit der empirischen Datenbasis der Studie von Hansen beruhen meine Untersuchungen zum zentralmecklenburgischen Niederdeutsch auf der Variablenanalyse der Wenkerübersetzungen von 52 Gewährspersonen zweier Altersstufen und verschiedener Bevölkerungs­gruppen. Ergänzend wurden historische Wenkerbögen und historische Sprachaufnahmen aus Rostock und Umgebung ausgewertet (vgl. Abschnitt 2.2.2). Im Ergebnis führen meine Variablenanalysen zu sehr ähnlichen Befunden wie Hansens Studie zum Vorpommerschen: Auch das Niederdeutsch meiner dialektkompetentesten Probanden unterliegt im Vergleich zu den Sprachstandserhebungen Georg Wenkers in allen untersuchten Bereichen der ← 410 | 411 → Sprachstruktur mehr oder weniger starken Veränderungen. Bei nahezu allen analysierten Variablen ist gegenüber der Wenker-Zeit über die Zeitstufen und die Generationsfolge meiner Gewährspersonen eine zum Teil steile Zunahme der Frequenz standardnaher oder standardidentischer Varianten im intendierten Niederdeutsch zu beobachten, die mit einem zurückgehenden Gebrauch basisdialektaler Varianten einhergeht. Dabei zeigen sich die fortschreitenden Abbautendenzen keineswegs nur dort, wo sie „in den Wenkerbogen und / oder (frühen) Dialektbeschreibungen bereits zu beobachten waren“ (Kehrein 2012: 346).

Im vorliegenden Resümeeabschnitt sollen zunächst nur die Untersuchungsergebnisse zu den sprachlichen Merkmalen und diachronen Prozessen im Niederdeutsch der alteingesessenen Mecklenburgerinnen und Mecklenburger zusammengefasst werden. Abbildung 5.4.1-1 stellt die Befunde der Variablenanalysen des fünften Kapitels einmal in einer Zusammenschau dar, soweit dies in graphischer Verbildlichung möglich ist. Deutlich wird dabei, dass die Gebrauchsfrequenzen der untersuchten niederdeutschen Varianten bei den Alteingesessenen zum Teil erheblich differieren und auch der Verlauf ihrer Entwicklung von Ungleichzeitigkeiten und unterschiedlicher Dynamik gekennzeichnet ist: Bei der Verwendung des Pronomens im Neutrum dat, bei der Vokalhebung vor r, der Rundung von kurzem i und der alveolaren Realisierung des Konsonantenclusters s-t zeigen die historischen Wenkerbögen aus der Erhebungsregion noch keine oder allenfalls erst eine sehr geringe Variation. Ebenso herrschte nach den älteren Dialektbeschreibungen und Landschaftsgrammatiken die apikale Realisierung des prävokalischen r am Beginn des 20. Jahrhundert noch absolut vor, die in den historischen Wenkerbögen nicht dokumentiert ist.479 Eine deutliche Variation, d. h. ein deutlicher Abbau der in der Wenker-Zeit noch stabilen Dialektmerkmale zugunsten standardnäherer Varianten, lässt bei all diesen Variablen erst das Niederdeutsch der vor 1940 geborenen Personen erkennen. Bei diesen fünf Variablen begann die Verdrängung der altdialektalen Varianten also erst im 20. Jahrhundert und setzte sich dann mit je unterschiedlicher Dynamik fort. ← 411 | 412 →

Abbildung 5.4.1-1: Prozentuale Anteile basisdialektaler Merkmale des mecklenburgischen Niederdeutsch in den Wenkerübersetzungen Alteingesessener verschiedener Altersgruppen

image62

Im Fall der exklusiven Lexik und des verbalen Einheitsplurals zeigt sich der beginnende Dialektabbau dagegen bereits an der Variabilisierung des Sprachgebrauchs in der Wenker-Zeit. Auch im Bereich der Lexik und beim Einheitsplural treten die basisdialektalen Varianten im Niederdeutsch der Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration dann viel seltener auf als noch in den historischen Wenkerbögen der Region. Nur im Falle der seinerzeit noch sehr jungen Entwicklung der Hiattilgung auf d konnte der vorübergehend zunehmende Gebrauch einer standardfernen Variante gegenüber der Wenker-Erhebung beobachtet werden.480 Bei den meisten hier untersuchten Variablen setzt sich die Abbaudynamik über die Vorkriegsgeneration der ← 412 | 413 → Gewährspersonen in der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen fort. Auf das intendierte Niederdeutsch dieser jüngeren Altersgruppe wird abschließend noch einmal im Detail einzugehen sein. Ähnlich wie die vorpommerschen Daten Hansens (2009: 140) zeigen die Befunde meiner Variablenanalysen also, dass auch in meinem Untersuchungsgebiet die Dynamik des Strukturabbaus „auf allen Sprachebenen des niederdeutschen Dialekts“ um sich greift.

Ich fasse noch einmal kurz zusammen, welche strukturellen Veränderungen sich auf den einzelnen Sprachebenen abzeichnen: Die Kontaktlinguistik ist, wie einleitend bereits ausgeführt (vgl. Abschnitt 5.1), seit Langem einig, dass bei einer Konvergenz im Sprach- oder Varietätenkontakt der erste Entwicklungsschritt in lexikalischen Übernahmen besteht:

The first step is the borrowing of vocabulary, while more basic patterns of phonology, prosody and morphology are only transferred via a piggyback ride on the back and shoulders of borrowed loanwords. (Voeste 2017: 202)

Abbildung 5.4.1-1 legt nahe, dass auch im zentralmecklenburgischen Niederdeutsch der Transfer standardnäherer Lexeme im ausgehenden 19. Jahrhundert bereits weiter vorangeschritten war als die Standardadvergenz auf anderen Sprachebenen. Dabei zeigt der Gebrauch exklusiv niederdeutscher Lexeme in den historischen Wenkerbögen ein recht heterogenes Bild, das sich für die damalige Zeit zusammenfassend als quantitativ halbwegs ausgewogenes Nebeneinander exklusiver und standardnäherer Wortvarianten beschreiben lässt. Bei genauerem Hinsehen hatte sich allerdings erwiesen, dass der Transfer ins intendierte Niederdeutsch für die einzelnen untersuchten Lexeme sehr unterschiedlich ausfiel: Während einige exklusiv dialektale Lexeme (wie leg ‚schlecht‘, weckern ‚wem‘, achtern ‚hinten‘) schon im ausgehenden 19. Jahrhundert fast vollständig durch standardnähere Wörter verdrängt worden waren, wurden andere ebenfalls extrem standardferne Wörter (wie Buddel ‚Flasche‘, al ‚schon‘, töben ‚warten‘ oder man ‚bloß‘) damals noch konkurrenzlos gebraucht. Von den elf hier untersuchten exklusiv niederdeutschen Testwörtern der historischen Wenkerbögen blieb letztlich aber nur das Lexem töben / töwen über die Generationsfolge der alteingesessenen Mecklenburger bis heute stabil in Gebrauch (vgl. Abschnitt 5.1.1).

Die ältere Forschungsliteratur zur Entwicklung des mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch, die gerade auch Veränderungen im ← 413 | 414 → dialektalen Wortschatz genau registriert hatte, war noch davon ausgegangen, dass „Laute und Formen eine größere Widerstandskraft gegenüber der andringenden Hochsprache haben als das Wortgut und die Syntax“ (Gundlach 1967: 181). Noch in den frühen 1970er Jahren konstatieren Gernentz (1974) und Dahl (1974: 357), das „Lautsystem des Niederdeutschen [sei] verhältnismäßig intakt geblieben und nicht unter dem Einfluß des Hochdeutschen umgebildet worden“. Dieser Befund ist angesichts aktueller Sprachdaten kaum noch zu halten: Aus heutiger Sicht kann unter den hier untersuchten phonetischen bzw. phonologischen Merkmalen des mecklenburgischen Niederdeutsch allenfalls von der Vokalhebung vor r gesagt werden, sie sei „relativ stabil“ (Gernentz 1974: 225) geblieben. Sie kann mit durchschnittlichen Anteilen um 80 % gegenüber den standardnahen ungehobenen Vokalrealisierungen im Niederdeutsch der älteren ebenso wie der jüngeren dialektkompetenten Alteingesessenen immer noch als ein „Hauptkennzeichen“ des Mecklenburgischen gelten.

Andere „Laute und Formen“ des Mecklenburgischen dagegen unterliegen, obwohl man ihnen allgemein eine besondere „Widerstandskraft“ gegen die Kontaktwirkungen der hochdeutschen Prestigevarietät zumisst, einer nachhaltig durchgreifenden Abbautendenz. Dies betrifft – in besonders dynamischem Verlauf – die nahezu vollständige Aufgabe der alveolaren Aussprache von s-t, bei der schon Gernentz (1974: 225) einen „durchgehenden Lautwandel“ prognostiziert. Weniger dynamisch erfolgt der Abbau der apikalen Realisierung des prävokalischen r, mit der der mecklenburgische Basisdialekt den radikalen phonetischen Umbrüchen im kodifizierten Standard und im Regiolekt folgt (vgl. Abschnitt 3.2.5). Die Ersetzung des apikalen durch uvulares r und der Wandel von [s] zu [ʃ] vor t haben sich dabei auch im nordniedersächsischen Niederdeutsch inzwischen soweit durchgesetzt, dass es

nicht mehr sinnvoll [erscheint], die alten, rückläufigen Formen noch als normgerecht zu definieren, wenn sich die Neuerungen bereits so stark etabliert haben, dass sie als obligatorische Merkmale des modernen Dialekts gelten müssen.481 ← 414 | 415 →

Hier steht der Lautwandel des Mecklenburgischen offensichtlich in Einklang mit großräumigen Entwicklungen des Niederdeutschen auch anderer norddeutscher Regionen.

Mit dem intergenerationell fortschreitenden Abbau der Vokalrundungen in Lexemen wie bün, büst, sünt betrifft der Lautwandel im Mecklenburgischen aber ein Merkmal, das trotz allenthalben zu beobachtendem Rückgang im Gebrauch in anderen Dialektregionen „auch heute noch als ein verbreitetes und stabiles Merkmal der niederdeutschen Dialekte gelten“ (Elmentaler im Druck) kann. Hinsichtlich dieses Merkmals ist die Entwicklung im mecklenburgischen Basisdialekt offenbar schon weiter vorangeschritten als im benachbarten Schleswig-Holstein, wo die Vokalrundung noch als ein „für diese Region typische[s] Kennzeichen“ (Elmentaler 2009: 352) des modernen Niederdeutsch anzusehen ist.

Schließlich konnten in meinem zentralmecklenburgischen Korpus auch gewisse Veränderungen im Sprachgebrauch beobachtet werden, die selbst „das wichtigste Charakteristikum des Niederdeutschen, das es vom Hochdeutschen abhebt, [betreffen] – das Ausbleiben der Zweiten Lautverschiebung“ (Wilcken 2013: 34). Im Abschnitt 5.3.6 habe ich anhand von einigen Fallbeispielen, die sich nicht zusammenfassend quantitativ veranschaulichen lassen und die deshalb in Abbildung 5.4.1-1 nicht berücksichtigt werden, ausgeführt, dass im spontansprachlichen und im intendiert normgerechten Niederdeutsch zunehmend Lexeme und Morpheme verwendet werden, in denen niederdeutsche stimmlose Plosive zu Frikativen lautlich verschoben sind. Gezeigt wurde diese schon im 19. Jahrhundert beginnende Tendenz an Wörtern wie Woch, sich, schwach, Kirch und dem Morphem –lich. Die genannten Lexeme bzw. Morpheme werden von heutigen dialektkompetenten Sprechern offensichtlich als niederdeutsche Wörter bzw. Endungen gewertet und benutzt, obwohl in ihnen wortauslautendes altdialektales k zu [ç] oder [χ] verschoben ist. Dieser Vorgang, der gewissermaßen zeitversetzt der hochdeutschen Lautverschiebung nachfolgt, betrifft bis heute freilich nur vereinzelte Lexeme und Morpheme, während niederdeutsches k in vergleichbaren Kontexten im Übrigen diachron sehr stabil unverschoben realisiert wird.

Die zunehmende Gebrauchsfrequenz von sich, das in der Wenker-Zeit in Mecklenburg noch variationslos als sik realisiert wurde, deutet aber darauf hin, dass derartige Fälle im 20. Jahrhundert offenbar häufiger werden. Bemerkenswert ist dabei außerdem, dass der Prozess auch hochfrequente ← 415 | 416 → Lexeme oder Morpheme umfasst. Es ist daher nicht auszuschließen, dass wir es hier mit der Anfangsphase einer „lexemweisen Umphonologisierung“ (Schmidt / Herrgen 2011: 192) des niederdeutschen Lautsystems zu tun haben, bei der „phonological patterns“ über einen „piggyback ride on the back and shoulders of borrowed loanwords“482 zunächst noch mit geringen Ausbreitungsraten in das Niederdeutsche transferiert werden, die ab einem gewissen Zeitpunkt stark beschleunigt werden könnten. Bei der mecklenburgischen Vokalhebung vor r war ganz ähnlich zu beobachten, dass eine Variabilisierung des lange stabilen Merkmals mit dem zunehmend häufigen Transfer der standardidentischen Funktionswörter sehr, mehr und erst ins Niederdeutsche einsetzt, die dort in Konkurrenz zu den altdialektalen Lexemvarianten sir, mir und iirst treten.

Der sprachliche Strukturwandel erfasst auch die Ebene der Morphosyntax: Hier belegt die fortschreitende Ersetzung des Pronomens dat durch standardnäheres et oder standardidentisches es beispielhaft, dass der Bereich der Morphosyntax im mecklenburgischen Niederdeutsch ebenfalls diachrone Veränderungen durchmacht. Anders als im Niederdeutsch Schleswig- Holsteins stellt dabei selbst die Verbalmorphologie des Mecklenburgischen für die dialektkompetentesten Sprecher der Gegenwart keine unüberwindliche „Transfergrenze“ (Hansen-Jaax 1995: 163) gegenüber den dominanten hochdeutschen Kontaktvarietäten Regiolekt und Standard dar. Gerade der verbale Einheitsplural, der nach Elmentaler (2008: 69) doch allgemein zu den „konstitutive[n] Kernmerkmale[n] des Niederdeutschen“ gerechnet werden muss, ist im Mecklenburgischen im 20. Jahrhundert nahezu restlos durch die hochdeutsche Flexion verdrängt worden. Der Beginn dieser Verdrängung zeichnet sich bereits in den historischen Wenkerbögen des 19. Jahrhunderts deutlich ab. Tiefgreifende Veränderungen in der mecklenburgischen Verbalmorphologie – etwa standardnahe Bildungen des Präteritums oder einen zunehmenden Gebrauch des hochdeutschen Partizip II-Präfixes ← 416 | 417 → ge- – beobachten auch Köhncke (2010: 319–326) und Hansen (2017: 134–136) in ihren empirischen Untersuchungen zum Niederdeutschen in Mecklenburg und Vorpommern.483 Demgegenüber ist in Schleswig-Holstein selbst „bei jugendlichen L1-Sprecherinnen und -Sprechern praktisch kein hochdeutscher Einfluß im Bereich der Verbalflexion nachzuweisen“ (Hansen-Jaax 1995: 149). Die „Transfergrenzen“ des mecklenburgischen Niederdeutsch gegenüber den hochdeutschen Kontaktvarietäten Regiolekt und Standard sind offensichtlich weit durchlässiger als die des Niederdeutschen in Schleswig-Holstein.

Was lässt sich zusammenfassend über den Zeitverlauf und den sozialen Ort der geschilderten Entwicklungen des mecklenburgischen Niederdeutsch sagen? Diese Entwicklungen reichen, wie gezeigt, zum Teil bis weit in das 19. Jahrhundert zurück. Die Verdrängung altdialektaler Elemente durch konkurrierende standardnähere oder standardidentische Formen war damals erwartungsgemäß im Bereich der Lexik bereits am weitesten vorangeschritten, hatte aber – wider Erwarten – seinerzeit auch schon die Morphologie erfasst. Und der Dialektabbau ist in diesen beiden Bereichen bis heute auch am ehesten zu seinem Abschluss gekommen. Eine Reihe exklusiver Lexeme des Niederdeutschen wie leg (‚schlecht‘), wecker (‚wer‘) und likers (‚trotzdem‘) sind im Wortschatz der jüngeren dialektkompetenten Sprecher vollständig durch standardnähere Wörter verdrängt worden. In der Morphologie ist der verbale Einheitsplural bis auf sporadische Relikte durch hochdeutsche Flexionsformen ersetzt worden. Auch der altdialektale Superlativ miirsten (‚meisten‘) ist jüngeren Niederdeutschsprechern offenbar gar nicht mehr geläufig. Nach dem idealtypischen Dreischrittmodell des Sprachwandels nach Bellmann (1983) bzw. Mattheier (1996) war bei den genannten lexikalischen Einheiten und morphologischen Formen „der erste Schritt“ des Sprachwandels, die „Herausbildung von Varianten“, unter dem ← 417 | 418 → Einfluss der hochdeutschen Kontaktvarietäten bereits in der Wenker-Zeit vollzogen und der darauffolgende „Selektionsprozeß“ zugunsten der standardnäheren Varianten ist in der Gegenwart durch deren „Generalisierung“ bereits weitestgehend abgeschlossen.484 Durch die Tilgung von Varianten, mit denen sich das Niederdeutsche ehemals markant von seinen hochdeutschen Kontaktvarietäten Regiolekt und Standarddeutsch abhob, hat sich die „linguistische Dichte“ dieses Basisdialekts (Lameli 2010: 29), also die Menge seiner exklusiven Varianten, seit dem ausgehenden 19. Jahrhunderts bereits nachweisbar ausgedünnt.

Bei den anderen hier untersuchten Variablen setzt der Abbau der altdialektalen Varianten offenbar erst im Sprachgebrauch der Vorkriegsgeneration ein und ist in der Generationsfolge einstweilen noch nicht zu einer vollständigen Tilgung dieser Varianten vorangeschritten. Hier ist eine „Überführung eines (invariablen) Dialektalismus in einen variablen“ (Bellmann 1983: 111) durch die historische Fragebogenerhebung Wenkers noch nicht dokumentiert, sondern offenbar erst später eingetreten. Diese Variablen befinden sich gegenwärtig noch im „variative[n] Stadium“ (ebd.: 112), in dem die Variantenselektion über die Generationsfolge der Sprecher mit unterschiedlicher Dynamik, aber in der Regel mit übereinstimmender Präferenz für die standardnäheren Varianten voranschreitet. Der Prozess des „dialect levelling“ ist hier also noch im Gange.485

Mit Höder (2011) lässt sich die fortschreitende Verdrängung all der genannten altdialektalen Merkmale durch standardnähere oder standardidentische Varianten als Teilprozess zunehmender „Diasystematisierung“ des Niederdeutschen mit seinen hochdeutschen Kontaktvarietäten Regiolekt und Standard verstehen. Für die Niederdeutschsprecher, die heute fast durchweg über eine bivarietäre hochdeutsch-niederdeutsche Sprachkompetenz verfügen, bringen die strukturelle Annäherung an das Hochdeutsche und der Abbau idiosynkratischer Elemente des Niederdeutschen den kognitiven und kommunikativen „Vorteil“ einer „Vereinfachung der ← 418 | 419 → Sprachverarbeitung innerhalb [der] bilingualen Gruppe“ (Höder 2011: 120) mit sich. Hansen-Jaax (1995: 182) beobachtet entsprechend, wie sich niederdeutschkompetente Kinder und Jugendliche in Schleswig-Holstein „durch die systematische Anwendung von Entlehnungs­transfer zwei weitgehend isomorphe, leicht konvertierbare Kodes schaffen“. Für Hansen-Jaax (ebd.) ist in ihrer Probandengruppe „das ‚isomorphe Optimum‘ zwischen hochdeutschen und niederdeutschen Varianten weitgehend erreicht“ und der Abbauprozess des Niederdeutschen in einen stabilen Zustand übergegangen, in dem das Niederdeutsche „als morphologisch intakte Varietät mit der Funktion eines In-group-Kodes“ Bestand hat. Nach Höder (2011: 132) ist dagegen eine Fortsetzung der Entwicklungstendenz bis „hin zu einer vollständigen Interdependenz beider Sprachsysteme“ zu erwarten.

Bei einer Reihe von Variablen lassen die geschilderten Entwicklungen des Dialektabbaus eine besondere Bindung an (groß)städtische Milieus erkennen.486 Sowohl bei der Realisierung des Pronomens im Singular Neutrum dat als auch bei der gehobenen Artikulation der Langvokale vor r und ebenso bei der Rundung von kurzem i liegt in der Vorkriegs­generation der Probanden die durchschnittliche Frequenz der altdialektalen Varianten im intendierten Niederdeutsch der ortsfesten Großstädter jeweils unter den Gebrauchs­häufigkeiten bei den ortstreuen Kleinstädtern. Die Gewährspersonen aus der Kleinstadt verwenden die altdialektalen Varianten ihrerseits seltener als ortsfeste Dorfbewohner.487 Auch die Hiattilgung auf d wird von Großstädtern seltener realisiert als von Kleinstädtern und Dorfbewohnern, während umgekehrt die durchschnittliche Häufigkeit der standardnahen Hiat-Realisierungen ohne konsonantische Tilgung mit der Größe des dauerhaften Wohnsitzes der Probanden schrittweise zunimmt. Für die Verbreitung des Zäpfchen-r, das von den Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration noch kaum verwendet wird, lässt sich immerhin feststellen, dass ← 419 | 420 → die ersten Personen dieser Generation, die von der altdialektalen apikalen Artikulation des prävokalischen r ganz oder in großem Umfang abrücken, wiederum Großstädter sind.

Ähnlich wie beim Verhältnis von städtischem Zentrum und der Peripherie Hamburgs deuten bei den genannten fünf Variablen auch im Raum Rostock übereinstimmende Indizien darauf hin, „dass Urbanisierungsgrad und dialektales Abbauniveau miteinander korrelieren“.488 Diese Korrelation ließ sich allerdings bei der lautlichen Realisierung des Anlautclusters s-t in meinen Daten nicht nachweisen, obwohl Zeitzeugen hier die postalveolare Variante [ʃt] als städtische Neuerung beschrieben (vgl. Beckmann 1954 / 1955: 131).489 Auch für die Präferenz exklusiver niederdeutscher Lexik spielt die Urbanität des Wohnumfeldes der Probanden keine erkennbare Rolle.490 Die übereinstimmenden Befunde bei den übrigen untersuchten Variablen erlauben gleichwohl die allgemeine Feststellung, dass das intendierte Niederdeutsch der ortsfesten Rostocker im Durchschnitt strukturell standardnäher ausfällt als das kleinstädtische Niederdeutsch Schwaans und das noch standardfernere Niederdeutsch der Dorfbewohner von Satow, Jürgenshagen, Nienhagen und Umgebung. Die verschiedentlich formulierte Hypothese, dass sich in Mecklenburg-Vorpommern speziell „die Kleinstadt stärker mundartkonservierend verhalte[…] als das Dorf“491, konnte mit Blick auf den Strukturwandel des Niederdeutschen dagegen nicht bestätigt werden. Meine Korpusbefunde legen vielmehr nahe, dass die dörflichen Milieus dem laufenden Dialektwandel am stärksten widerstehen. ← 420 | 421 →

Die Teilprozesse dieses Dialektwandels weisen ganz überwiegend in dieselbe Entwicklungs­richtung: Bei allen hier untersuchten Variablen lässt sich im als normgerecht intendierten Niederdeutsch der Gewährspersonen verschiedener Zeitstufen bzw. Altersgruppen beobachten, dass seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert altdialektale Merkmale fortschreitend und zum Teil bereits vollständig durch standardnähere Varianten verdrängt werden. Nicht immer wird dabei die basisdialektale Ausgangsvariante durch eine standardidentische Bildung ersetzt (wie etwa bei der Verbflexion oder bei gerundetem kurzen i), sondern häufig werden dabei standardnahe, „intermediate, phonetically approximate forms“492 gewählt (wie z. B. beim Pronomen et oder bei apokopiertem Flaschʼ), die einen sprachlichen Abstand zur äquivalenten Standardform wahren und so weiterhin eine bestehende Varietätengrenze markieren. „Zielvarietät des Abbaus“ (Bellmann 1983: 113) altdialektaler Formen ist dabei in allen Fällen eindeutig die hochdeutsche Standardvarietät, der sich, wie in Kapitel 3 gezeigt, auch der mecklenburgische Regiolekt annähert.

Seit dem 19. Jahrhundert übernehmen die [niederdeutschen] Mundarten Elemente aus der dt. Standardsprache, vor allem im Wortschatz. Sie verlieren Merkmale, die sie von der Standardsprache unterscheiden und gewinnen Merkmale, die sie mit ihr gemeinsam haben. (Peters 1998: 125)

Dieser Prozess des strukturellen „Dialektverfalls“ charakterisiert nach Peters (ebd.) die „gegenwärtige Situation der nd. Mundarten“ allgemein.493 Insofern steht also der Strukturwandel des mecklenburgischen Niederdeutsch im Einklang mit gesamtniederdeutschen Entwicklungen, die in der jüngeren Vergangenheit „in zunehmendem Maße durch die ‚vertikalen‘ Konvergenzbewegungen des Niederdeutschen in Richtung auf die hochdeutsche Dachsprache“494 dominiert werden. An der Artikulation des prävokalischen r und des Anlautclusters s-t ist zu erkennen, dass die Entwicklung ← 421 | 422 → des mecklenburgischen Niederdeutsch auch im Detail mit den Entwicklungen des Niederdeutschen anderer Regionen parallel verläuft. Gegenüber den Sprachwandelprozessen etwa in der dialektstarken Region Schleswig-Holstein scheint der strukturelle Dialektabbau in meinem Untersuchungsgebiet aber umfassender zu sein und durch weniger hohe Transfergrenzen gebremst zu werden. Bei aller Übereinstimmung der allgemeinen Entwicklungsrichtung und abgesehen von Parallelen im sprachlichen Detail ist beim Dialektabbau im norddeutschen Raum doch mit erheblichen regionalen Unterschieden in der diachronen Dynamik zu rechnen.495

Reershemius (2004) zeigt beispielsweise für Ostfriesland, dass dort dem aktuell vollzogenen Sprachwechsel zum Hochdeutschen (Regiolekt oder Standard) kein wesentlicher Strukturwandel des ostfriesischen Niederdeutsch vorausgegangen sei. In meinem mecklenburgischen Erhebungsgebiet ist dagegen der Prozess des funktionalen Dialektabbaus – des „Dialektverlusts“ (Peters 2015: 31) in der Kommunikation – seit langer Zeit mit einem auf mehreren Sprachebenen zu beobachtenden strukturellen Dialektwandel („Dialektverfall“) verschränkt.496 Der strukturelle Sprachwandel beginnt bereits in der noch sehr dialektfesten und weitgehend dialektbasierten Wenker-Zeit, in der das landschaftliche Hochdeutsch aber zunehmend kommunikatives Gewicht gewann. Im 20. Jahrhundert geht der allmähliche Verlust kommunikativer Funktionen des Niederdeutschen gegenüber den hochdeutschen Kontaktvarietäten mit einem weiter fortschreitenden Abbau exklusiver niederdeutscher Strukturelemente einher. Dieser Strukturwandel setzt sich bis heute in der ältesten Sprechergeneration fort, die das Niederdeutsche meist noch in der sprachlichen Primärsozialisation erworben und ← 422 | 423 → zumindest in manchen Domänen vielfach bis ins Erwachsenenalter alltäglich gesprochen hat, in Einzelfällen bis heute im unmittelbaren Familien- und Freundeskreis spricht. Die begonnene Strukturadvergenz an das Standarddeutsche wird in Richtung und Dynamik (mit wenigen Ausnahmen) im Niederdeutsch von Alteingesessenen der Nachkriegsgeneration konsequent fortgeführt, die ihre Dialektkompetenz noch im kindlichen und jugendlichen Sprachumfeld ungesteuert erworben hat, das Niederdeutsche seither aber kaum aktiv gebraucht.497 Anders als offenbar in Ostfriesland und auch Schleswig-Holstein ist die fortschreitende Ablösung des Niederdeutschen durch das Hochdeutsche in der Kommunikation in Mecklenburg mit einer seit dem 19. Jahrhundert fortschreitenden strukturellen Angleichung an die hochdeutsche Prestigevarietät verbunden.498

Eine Folge der Advergenz an den überregionalen Standard ist der Abbau areal gebundener Sonderformen, mit denen sich das mecklenburgische Niederdeutsch auf horizontaler Ebene von den niederdeutschen Nachbardialekten abhob (z. B. Vokalhebung vor r, Hiattilgung). Das Mecklenburgisch-Vorpommersche nähert sich damit strukturell dem Nordniedersächsischen, dem Mittelpommerschen und dem Brandenburgischen an. Insbesondere sind auch die ehemaligen arealen Binnengliederungen des mecklenburgisch-vorpommerschen Dialektraumes, also „die alten Unterschiede zwischen Ost und West in der Auflösung begriffen“ (Köhncke 2006: 179). Mit dem Abbau der Hiattilgung auf d, dem Übergang zur Aussprache des Konsonantenclusters s-t als [ʃt] und auch mit der Ersetzung von sik durch standardidentisches sich verlieren ehemalige Unterschiede des Mecklenburgischen gegenüber dem Vorpommerschen ihre räumlichen ← 423 | 424 → Konturen. Die dialektgeographischen Konturen verwischen dabei nicht als Folge horizontaler Ausgleichsprozesse im Kontakt mit Nachbardialekten, sondern als indirekte Konsequenz der vertikalen Strukturanpassungen an den überregionalen Standard.499

Es soll abschließend noch einmal besonderes Augenmerk auf den Sprachgebrauch der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen gelegt werden. Abbildung 5.4.1-1 zeigt nämlich, dass das intendierte Niederdeutsch dieser Altersgruppe nicht ausnahmslos von der Dynamik der Standardadvergenz bestimmt ist, sondern im Bereich der exklusiven Lexik und der Aussprache von s-t offensichtlich auch eine gegenläufige Entwicklungstendenz zur Wirkung kommt:

Generally there are two directions in the development of Low German. A strong impulse to copy patterns known from Standard German, accompanied by a weaker impulse to cling to distant forms. (Goltz 2010: 272)

Das Bestreben zur Standarddivergenz, das darin bestehe, beim Gebrauch des Niederdeutschen, „to avoid Low German items related to High German and therefore use ‘distant forms’, seemingly the better Low German forms”, kennzeichnet nach Goltz (2010: 244) vor allem die niederdeutsche Dialektliteratur.500 Dieselbe Tendenz findet sich aber auch in populären hochdeutsch-niederdeutschen Wörterbüchern, die bei der Lemmatisierung des niederdeutschen Wortschatzes vielfach gerade standarddistante Wörter und Wortformen präferieren und standardnähere Varianten ausblenden.501 Ich habe im Abschnitt 5.1.3 beispielsweise gezeigt, dass das Neue hochdeutsch-plattdeutsche Wörterbuch für den mecklenburgisch-vorpommerschen Sprachraum für das hochdeutsche Lexem fernsehen eine Reihe geradezu gesucht standardferner Übersetzungsäquivalente (Fiernseh kieken, Billerradio ← 424 | 425 → kieken, wietkieken) anführt (Herrmann-Winter 2003: 83–84), während meine niederdeutsch­kompetenten Gewährspersonen im intendierten Niederdeutsch nahezu ausnahmslos standardidentisches fernsehen verwenden.

Die Dynamik der Standarddivergenz kommt aber nicht nur in literarisch-schriftlichem oder kodifiziertem Niederdeutsch zur Geltung, sondern zeigt sich zum Teil auch im intendierten Niederdeutsch der dialektkompetentesten Sprecher der Gegenwart. Dies ließ sich an den Wenkerübersetzungen vor allem meiner jüngeren Gewährspersonen ablesen: Während sich bei den meisten untersuchten Variablen der Abbau der altdialektalen, standardfernen Varianten über die Generationsfolge der alteingesessenen Familien kontinuierlich fortsetzt, ist beim Gebrauch einiger exklusiv niederdeutscher Lexeme und bei der alveolaren Artikulation von s-t in der Nachkriegsgeneration eine Trendwende zu bemerken (vgl. Abb. 5.4.1-1). Hierbei werden Varianten, die im Sprachgebrauch der Vorkriegsgeneration bereits stark abgebaut waren, von der Nachkriegsgeneration im intendierten Niederdeutsch wieder zunehmend frequent genutzt. Die im Durchschnitt leicht zunehmende Verwendung exklusiv niederdeutscher Lexik resultiert vor allem aus dem stark vermehrten Gebrauch der drei Wörter al ‚schon‘, achter ‚hinter‘ und schnacken ‚sprechen‘, die ebenso wie die alveolare Aussprache von s-t von vielen jüngeren Probanden offensichtlich als besonders authentisch niederdeutsche Varianten bewertet werden. Mit der Revitalisierung dieser bereits im Schwinden begriffenen standardabweichenden Formen wird in der Wenkerübersetzung offensichtlich die Varietätengrenze gegenüber dem Standard markiert. Auch die apikale Aussprache des prävokalischen r wird von mehreren meiner Gewährspersonen in dieser Funktion eingesetzt, die in ihrem regiolektalen Sprachgebrauch bereits durchgängig zum Zäpfchen-r übergegangen sind, im intendierten Niederdeutsch aber am standarddivergenten Zungenspitzen-r festhalten (vgl. Abschnitt 5.3.4). Hervorzuheben ist, dass die Präferenz für standarddivergente Varianten nur einer kleinen Auswahl der hier untersuchten Merkmale gilt, die offenbar als besonders typische Kennzeichen des Niederdeutschen wahrgenommen werden und so die Funktion emblematischer Niederdeutschmarker zugewiesen bekommen.502 Bei den übrigen untersuchten Merkmalen überwiegt ← 425 | 426 → offensichtlich die Dynamik der Standardadvergenz und führt zum fortschreitenden Abbau altdialektaler Varianten über die Generationsfolge der befragten Alteingesessenen hinweg.

Die „Realisierung von Archaismen“ tritt auch nach Wilckens (2013: 33) Studie zum Niederdeutsch in Schleswig-Holstein vor allem „bei jüngeren Sprechern“ auf und wird von ihr als Zeichen des zurückgehenden Sprachgebrauchs und abnehmender Sprachkompetenz interpretiert. Es ist dabei zu bedenken, dass meiner Untersuchung auch für die Nachkriegsgeneration der Probanden das intendierte Niederdeutsch der vergleichsweise dialektkompetentesten Sprecher dieser Altersgruppe zugrunde liegt. Es sind diese – in ihrer Dialektkompetenz unsicher gewordenen – Sprecher, die die jüngere Entwicklung des Niederdeutschen in Mecklenburg repräsentieren. Die Präferenz für archaische Formen ist daher nicht einfach als ‚Fehler‘ oder ‚Unvermögen‘ zu werten, sondern kann als bemerkenswerter Teilimpuls in der jüngeren Entwicklungsdynamik des Mecklenburgischen gelten, der dem dominanten Trend des Dialektabbaus punktuell entgegensteht.

Auf das Bemühen um maximale Standarddivergenz sind wohl auch die sporadischen Transfers aus dem Englischen zurückzuführen, die im intendierten Niederdeutsch der dialektkompetentesten Sprecher der Nachkriegsgeneration gelegentlich auftreten. Besonders deutlich wird dies, wenn Angehörige dieser Altersgruppe bisweilen als niederdeutsche Entsprechung zu hochdeutschem und in den Wenkerübersetzungen englisches and [ænd, ǝnd] wählen, dessen Phonetik deutlich standardferner erscheint als niederdeutsches (und z. T. auch regiolektales) un [ʊn].503 Frau 51 (1954 AA) und Frau 67 (1964 AA), die in ihren Wenkerübersetzungen bei der Realisierung ← 426 | 427 → des prävokalischen r zwischen der modernen Standardform des Zäpfchen-r und der altdialektalen Variante des Zungenspitzen-r variieren, weichen in drei Fällen auf eine auffallend standarddivergente retroflexive Artikulation aus, die wahrscheinlich ebenfalls in Anlehnung an das Englische gewählt wird.504 Bei Unsicherheiten über den angemessenen niederdeutschen Ausdruck bietet das Englische für manche Gewährspersonen offenbar eine sprachstrukturell naheliegende Ausweichmöglichkeit bei dem Bemühen um standardferne Formenbildung.505

Die Beispiele zeigen auch, dass das Englische in der multilingualen Kompetenz vor allem der jüngeren Gewährspersonen als weitere Kontaktsprache des Niederdeutschen in Rechnung zu stellen ist. Frau 73 (1962 AA), die in ihrem intendierten Niederdeutsch selbst keine manifesten Anleihen ans Englische macht, weist bei der Übersetzung von Wenkersatz 4 („Der gute alte Mann […]“) ausdrücklich darauf hin, dass sich auch ihr englische Formulierungen aufdrängen: „Man muss aufpassen dass man nicht englisch wird ‚the old man‘.“ Auch Wilcken (2013: 26) findet in ihrem Korpus von Wenkerübersetzungen aus Schleswig-Holstein mehrere Indizien dafür, dass „die strukturelle Ähnlichkeit zwischen dem Niederdeutschen und dem Englischen Anglizismen in den Übersetzungen zu befördern“ scheint.

Dabei stehen Anglizismen ebenso wie Archaismen im intendierten Niederdeutsch der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen gleichermaßen für das Bemühen, ein möglichst authentisches – d. h. standardfernes – Niederdeutsch zu realisieren und so die Varietätengrenze zum hochdeutschen Standard zu unterstreichen. Ob dieses in Ansätzen erkennbare Bemühen um Varietätendivergenz den im Übrigen rasch fortschreitenden Dialektabbau ← 427 | 428 → des Mecklenburgischen auf längere Sicht strukturelle Grenzen setzen kann, bleibt abzuwarten. In der zukünftigen Entwicklung des mecklenburgischen Niederdeutsch wird sich – falls es sie denn längerfristig geben wird – auch die zunehmende Bedeutung gesteuerter und institutionell gestützter Dialektvermittlung zur Geltung bringen. Auch deren Auswirkungen auf den Strukturwandel des Mecklenburgischen sind einstweilen kaum abzusehen.

5.4.2  Zwischen Adaption und Archaisierung – das erworbene Niederdeutsch in den Familien Vertriebener

Die 1945 und 1946 nach Mecklenburg geflohenen und vertriebenen Menschen haben das Niederdeutsche der Zuwanderungsregion in einem Umfang erworben, der vor dem Hintergrund der Forschungsliteratur überraschen muss. Soweit die Forschung zur jüngeren Geschichte des Niederdeutschen die massive Immigration von Flüchtlingen und Vertriebenen nach Norddeutschland bisher überhaupt berücksichtigt, herrscht allgemein die Ansicht vor, dass diese Zuwanderung ortsfremder Personen den funktionalen Dialektverlust und Wechsel zum hochdeutschen Standard seit dem Ausgang des Zweiten Weltkriegs maßgeblich beschleunigt, wenn nicht gar ausgelöst habe. Bis in neuere Veröffentlichungen hält sich die Annahme, dass „viele Niederdeutschsprecher wegen des Flüchtlingsstromes aus dem Osten auf das Hochdeutsche ausweichen mussten, um sich verständigen zu können.“506

Dass es vor allem unter den jüngeren Zuwanderern eine große Zahl von Personen gab, die das Niederdeutsche gelernt und jahrelang aktiv genutzt haben, bleibt in Darstellungen zur Geschichte des Niederdeutschen meist ausgeblendet. Unter den heute noch lebenden Zeitzeugen der Vertreibung, die als Schulkinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Mecklenburg angesiedelt wurden, sind aktive Niederdeutschkenntnisse aber durchaus verbreitet und haben vielfach ein beachtlich hohes Niveau der Sprachkompetenz erreicht. Zumindest mit dieser seinerzeit jüngeren Altersgruppe der Zuwanderer waren bald nach dem Krieg eine Verständigung und eine wechselseitige Kommunikation auf Niederdeutsch zwischen Alteingesessenen und Vertriebenen möglich und üblich – und sie sind es mitunter ← 428 | 429 → bis heute. Dieser Befund gilt dabei nicht nur für mein mecklenburgisches Untersuchungsgebiet, sondern offenbar auch für einige andere Regionen Norddeutschlands.507 Eine realitätsverpflichtete Geschichtsschreibung des Niederdeutschen im 20. Jahrhundert sollte den Erwerb und Gebrauch des Dialekts unter den Vertriebenen berücksichtigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg massenhaft in die niederdeutsche Sprachlandschaft einwanderten und dort zu neuen Sprechern des Niederdeutschen wurden.

In dieser Studie wird das Lerner-Niederdeutsch der Zuwanderer erstmals systematisch in die diachronische Variablenanalyse des mecklenburgischen Dialekts einbezogen. Meine Untersuchung zur Entwicklung des Niederdeutschen in den Familien Vertriebener stützt sich in erster Linie auf die Wenkerübersetzungen von dreizehn niederdeutschkompetenten Gewährspersonen aus der Vorkriegsgeneration und sechs Gewährsleuten aus der Nachkriegsgeneration. Bei der Auswahl dieser Personen wurden dieselben Kriterien der Dialektkompetenz angelegt wie bei den Probanden aus alteingesessenen mecklenburgischen Familien. Es werden also aus beiden Bevölkerungsgruppen jeweils nur die dialekt­kompetentesten Sprecher meiner Gesamtstichprobe für die Analyse herangezogen. Die Zuwanderer stammen entweder selbst aus den Vertreibungsgebieten Schlesiens, der böhmischen Länder und der Slowakei oder sie sind Nachkommen von Immigranten aus diesen südöstlichen Vertreibungsgebieten. Ihre Niederdeutschkompetenz haben sie also erst im mecklenburgischen Lebensumfeld erworben. Der Dialekterwerb erfolgte dabei in aller Regel ungesteuert in Kommunikationskontexten der Nachbarschaft, des Arbeitsplatzes oder innerhalb von alteingesessenen Familien, in die die Vertriebenen eingeheiratet haben. Niederdeutsch wurde also ganz überwiegend in der mündlichen Kommunikation mit Alteingesessenen erworben und in diesen Zusammenhängen auch aktiv gesprochen.508 ← 429 | 430 →

Das Lerner-Niederdeutsch der Vertriebenen und ihrer Nachkommen spiegelt daher bis zu einem gewissen Grade die Entwicklungen des mecklenburgischen Dialekts bei den Alteingesessenen. Schon die Tatsache, dass das Niederdeutsche von den vor 1940 geborenen Zuwanderern in größerem Umfang ungesteuert erworben wurde, lässt auf die hohe soziale Bedeutung und große kommunikative Reichweite zurückschließen, die der Dialekt in den mecklenburgischen Kommunikationsräumen nach dem Zweiten Weltkrieg noch hatte. Da die Zuwanderer ihr Niederdeutsch in der wechselseitigen Kommunikation mit Alteingesessenen erworben und verwendet haben, ist überdies davon auszugehen, dass es seinerseits in die sprachlichen Ausgleichsprozesse im Varietätenkontakt vor Ort eingegangen ist. Grundsätzlich können damit auch kontaktlinguistische Rückwirkungen dieser Lerner-Varietät auf die Entwicklung des Niederdeutschen im mecklenburgischen Zuwanderungsgebiet in Betracht gezogen werden.

Der heutige Niederdeutschgebrauch der alteingesessenen Mecklenburger aus der Vorkriegsgeneration lässt ebenso wie die Befunde aus historischen Dialektaufnahmen darauf schließen, dass die Zuwanderer nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem mecklenburgischen Niederdeutsch in Kontakt kamen, das – unter dem Einfluss der hochdeutschen Prestigevarietäten Regiolekt und Standard – bei einer größeren Reihe von sprachlichen Variablen aller Sprachebenen bereits in ein „variatives Stadium“ (Bellmann 1983: 112) übergegangen war (vgl. Abschnitt 5.4.1). Es ist davon auszugehen, dass altdialektale Varianten schon damals mehr oder weniger starke Konkurrenz durch standardnahe oder standardidentische Varianten bekommen hatten. Es kann deshalb kaum überraschen, dass das spontan erworbene Niederdeutsch der Zuwanderer die Variabilität des autochthonen Niederdeutsch von Beginn an reproduziert. Auch im Verlauf der folgenden Entwicklung des Niederdeutschen im Sprachgebrauch der Vertriebenenfamilien zeichnen sich im apparent-time-Vergleich der Sprechergenerationen deutliche Parallelen zu den Veränderungen im Niederdeutsch der alteingesessenen Familien ab. Ausgeprägter noch als dort folgt das Lerner-Niederdeutsch dabei zwei gegenläufigen Entwicklungsdynamiken. Wie für die Alteingesessenen lässt sich auch für das erworbene Niederdeutsch der Vertriebenen sagen: „There are two clear trends: transferring elements from High German into Low German and deliberately chosing distant forms“ (Goltz 2010: 244). ← 430 | 431 →

Vergleichen wir zunächst die sprachlichen Verhältnisse in der jeweils ältesten Generation der Alteingesessenen und der Vertriebenen. Wie die Abbildung 5.4.2-1 zeigt, realisieren die 1945 / 1946 Zugewanderten bis heute alle untersuchten altdialektalen Varianten des Basisdialekts mit geringeren durchschnittlichen Anteilen in ihren Wenkerübersetzungen als die gleichaltrigen autochthonen Mecklenburger. Ihr intendiertes Niederdeutsch ist damit im Durchschnitt weniger standardfern und exklusiv dialektal geprägt als das der Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration. Bemerkenswert ist dabei aber, dass das Lerner-Niederdeutsch die Häufigkeitsrelationen zwischen den untersuchten mecklenburgischen Varianten recht genau reproduziert. Es stellt sich strukturell keineswegs als eine zufällige Auswahl und willkürliche Gewichtung niederdeutscher Varianten dar. Vielmehr bilden sich die Vorkommensfrequenzen, die die Varianten im niederdeutschen Input des mecklenburgischen Sprachumfeldes der Zuwanderer haben, in deren intendiertem Niederdeutsch relational ab: Merkmale, die im Niederdeutsch der Alteingesessenen die höchsten Gebrauchsfrequenzen erreichen, werden auch von den Zuwanderern vergleichsweise am häufigsten verwendet (z. B. die Vokalhebung vor r und das prävokalische apikale r). Merkmale, die im Niederdeutsch der Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration fast ganz abgebaut sind, werden auch von den gleichaltrigen Vertriebenen kaum noch übernommen (z. B. Einheitsplural und alveolares s-t). Das erworbene Niederdeutsch der vor 1940 geborenen Vertriebenen hat also ein durchaus charakteristisch ‚mecklenburgisches‘ Profil in der Häufigkeitsverteilung der Varianten.

Auch bei der weiteren Entwicklung des Niederdeutschen in der Folge von der Vorkriegs- zur Nachkriegsgeneration gibt es viele Parallelen zwischen den Herkunftsgruppen: Bei vier der acht untersuchten Variablen unterliegt dem Niederdeutsch in den Vertriebenenfamilien mit Übereinstimmungen auch im Detail eine Dynamik der Standardadvergenz, die im Niederdeutsch der Alteingesessenen ebenfalls dominiert (vgl. Abb. 5.4.2-1). Wie bei den Alteingesessenen wird bei den Vertriebenen das altdialektale Pronomen Singular Neutrum dat intergenerationell zurückgedrängt und fortschreitend durch die standardnäheren bzw. standardidentischen Varianten et, das und es substituiert, die auch die Alteingesessenen verwenden. Auch die mecklenburgische Vokalhebung vor r wird bei den Angehörigen der Vertriebenenfamilien sukzessive abgebaut, ein Trend, der genau wie bei den ← 431 | 432 → Alteingesessenen vor allem über die standardidentischen Funktionswörter erst, mehr und sehr im intendierten Niederdeutsch der Probanden Platz greift. Intergenerationell abgebaut wird in den Vertriebenenfamilien auch die Hiattilgung auf d, Hiatrealisierungen mit Klusil g bleiben dagegen wie bei den Alteingesessenen vergleichsweise stabil in Gebrauch. Eine parallele Dynamik der Standardadvergenz zeigt sich schließlich bei der Realisierung des prävokalischen r: Im Unterschied zu den vorgenannten Variablen haben hier die Zuwanderer das Zungenspitzen-r nicht erst von den alteingesessenen Mecklenburgern erworben, sondern größtenteils aus ihren Herkunftsvarietäten ‚mitgebracht‘. Auch gegenüber einzelnen exklusiv niederdeutschen Lexemen präferieren die Angehörigen von Vertriebenenfamilien über die Generationsfolge zunehmend standardnähere oder standardidentische Äquivalente, die die jüngeren Alteingesessenen ebenfalls immer häufiger gebrauchen (so bei dout bläben ‚gestorben‘, leg ‚schlecht‘, Buddel ‚Flasche‘, wecker ‚wer‘ und liirt ‚gelernt‘).

Abbildung 5.4.2-1: Prozentale Anteile altdialektal mecklenburgischer Merkmale im intendierten Niederdeutsch von Angehörigen alteingesessener Familien (A 1, A 2) und von Familien Vertriebener (V 1, V 2)

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← 432 | 433 →

Bei all diesen Beispielen bringt die Dynamik der Standardadvergenz für beide Bevölkerungsgruppen eine allgemeine Altersabhängigkeit bei der Ausprägung der Variablen mit sich: Gewährspersonen der Vorkriegsgeneration verwenden im intendierten Niederdeutsch generell häufiger altdialektale Varianten als Angehörige der Nachkriegsgeneration. Für die vor 1940 geborenen Vertriebenen resultiert daraus, dass sie bei einer Reihe von Variablen nicht nur gegenüber den Nachkommen der Vertriebenenfamilien, sondern auch im Vergleich mit der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen ein durchschnittlich standardferneres Niederdeutsch verwenden. Dieses Niederdeutsch orientiert sich offensichtlich am Dialekt der älteren Alteingesessenen und in der gegenwärtigen Bevölkerung Mecklenburgs zählen die Zuwanderer von 1945 / 1946 daher im Vergleich mit jüngeren Sprechergruppen zu den relativ konservativen Niederdeutschsprechern.

Bei einigen anderen Variablen finden wir aber auch einen entgegengesetzten Trend: Dort verwenden gerade die Nachkommen der Vertriebenen ein archaischeres Niederdeutsch als die Angehörigen ihrer Elterngeneration. Der Gebrauch altdialektaler Varianten nimmt bei diesen Variablen in der Generationsfolge zu. Hier bringt sich im apparent-time-Vergleich der Generationen eine Dynamik der Standarddivergenz quantitativ zur Geltung. Eine deutlich zunehmende Präferenz für altdialektale Varianten lässt sich bei den jüngeren Angehörigen von Vertriebenenfamilien bei der Vokalrundung in Wörtern wie bün, büst, sünt und bei der ‚spitzen‘ Aussprache des Konsonantenclusters s-t erkennen. Von einem extrem niedrigen Frequenzniveau ausgehend nimmt auch der Gebrauch des ostniederdeutschen Einheitsplurals bei den Nachkommen der Vertriebenen geringfügig zu (vgl. Abb. 5.4.2-1). Im lexikalischen Bereich werden ebenfalls einzelne exklusiv niederdeutsche Wörter (wecker ‚wer‘, al ‚schon‘, töwen ‚warten‘, man ‚nur‘) von den Nachkommen Vertriebener zum Teil erheblich häufiger verwendet als von ihrer Elterngeneration.

In einigen der genannten Fälle hat der vermehrte Rückgriff der Nachkommen von Vertriebenen auf standardferne Varianten, die bei den vor 1940 geborenen Alteingesessenen bereits stark abgebaut sind, eine Entsprechung im Sprachgebrauch der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen. Hier kommen also die Nachkommen von Alteingesessenen und Vertriebenen beim Übersetzungstest „im Bemühen um eine möglichst korrekte Umsetzung ins Niederdeutsche und eine maximale Dissimilation vom Hochdeutschen“ (Elmentaler 2009: 352) überein. Dies wird außer im Bereich der Lexik ← 433 | 434 → besonders deutlich an der alveolaren Aussprache von s im Konsonantencluster s-t, die auch in der Generationsfolge der alteingesessenen Familien wieder zunehmend in Gebrauch kommt, offenbar weil sie als Kennzeichen eines authentischen Niederdeutsch wahrgenommen und zur Markierung der Varietätengrenze genutzt wird (vgl. Abschnitt 5.3.5). Alteingesessene und Vertriebene der Nachkriegsgeneration sind sich offensichtlich in vielen Punkten einig, welche Varianten als derartige charakteristische Merkmale eines ‚echten‘ mecklenburgischen Niederdeutsch gelten können.

Bei der Revitalisierung der altdialektalen alveolaren Variante von s-t geht die Nachkommengeneration der Vertriebenen allerdings sogar noch weiter als die gleichaltrigen Alteingesessenen. Das Merkmal tritt in dieser Bevölkerungsgruppe durchschnittlich überhaupt am häufigsten auf. Dies erinnert an Figuren der Hyperadaption, die wir schon bei der Annäherung der Vertriebenenfamilien an den regiolektalen Sprachgebrauch der Alteingesessenen beobachten konnten (vgl. Abschnitt 3.3.2). Im niederdeutschen Wortschatz konnte die hyperfrequente Übernahme standardferner Elemente durch die jüngeren Angehörigen von Vertriebenenfamilien etwa bei al ‚schon‘, töben / töwen ‚warten‘ und bei der Verwendung von Wäken mit unverschobenem Lautstand nachgewiesen werden. Im Hinblick auf diese Varianten verwenden die Nachkommen von Vertriebenen sogar ein noch stärker archaisierendes Niederdeutsch als die gleichaltrigen Angehörigen alteingesessener Familien.

Einen aufschlussreichen Sonderfall stellt die intergenerationelle Entwicklung der Vokalrundung bei bün, büst, sünt usw. in den Vertriebenenfamilien dar. Bei den bisher diskutierten Variablen verlaufen die Entwicklungstrends in alteingesessenen Familien und Vertriebenenfamilien grundsätzlich parallel – entweder gleichermaßen einer Tendenz der Standardadvergenz gehorchend (wie beim Pronomen dat, der mecklenburgischen Vokalhebung, der Hiattilgung auf d, dem apikalem r) oder gleichgerichtet einer Tendenz der Standarddivergenz folgend (wie bei der Realisierung von s-t und einzelnen exklusiv niederdeutschen Lexemen). Der Entwicklung der Vokalrundung liegen dagegen in beiden Bevölkerungsgruppen offensichtlich gegenläufige Dynamiken zugrunde (vgl. Abb. 5.4.2-1). Während in der Generationsfolge der alteingesessenen Familien altdialektal gerundetes ü in bün oder sünt sehr stark abgebaut wird, nimmt seine Verwendung in den Vertriebenenfamilien intergenerationell deutlich zu. Eine Erklärung für diese entgegengesetzte Dynamik könnte darin liegen, dass die niederdeutsche Rundung des im Standarddeutschen ungerundeten kurzen i in einem besonders ausgeprägten ← 434 | 435 → Kontrast zur Entrundung der im Standarddeutschen gerundeten Vordervokale steht (behmische Kiche ‚böhmische Küche‘), die für die Herkunftsvarietäten der Vertriebenen (der Dialekte und Regiolekte) typisch sind (vgl. Abschnitt 4.1.3). Der besonders starke phonetische Kontrast zu den Herkunftsvarietäten könnte die niederdeutsche Vokalrundung für die Vertriebenen salienter erscheinen lassen als für die alteingesessenen Mecklenburger, denen das Merkmal auch aus ihrem Regiolekt geläufig und wenig auffällig ist.509

Mit Trudgill (1986: 11) könnte angenommen werden, dass die Vertriebenen Varianten der Zielvarietät, die „phonetically radically different“ zu ihren Herkunftsdialekten und Regiolekten stehen, eine besondere Aufmerksamkeit entgegenbringen und sie eher als kennzeichnende Marker des Niederdeutschen bewerten als Alteingesessene. Trudgill (1986: 78) betont, „that divergence, just as much as convergence, affects forms that are salient“. Die außergewöhnliche Präferenz der Nachkommen von Vertriebenen für die Vokalrundung wäre somit auf die kontrastbedingt größere Salienz zurückzuführen, die dem Merkmal in dieser Bevölkerungsgruppe vor dem Wahrnehmungshintergrund der Herkunftsvarietäten zugemessen wird. Ob diese Erklärung der besonderen Entwicklungsdynamik der Vokalrundung stichhaltig ist, müsste durch Perzeptionstests im Vergleich zwischen Probanden aus alteingesessenen Familien und Vertriebenenfamilien erhärtet werden.

Zusammenfassend lassen sich also für die verschiedenen untersuchten Variablen des Niederdeutschen unterschiedliche Entwicklungsdynamiken in der Bevölkerung Mecklenburgs ausmachen:

Bei den meisten Variablen werden altdialektale Varianten im niederdeutschen Sprachgebrauch alteingesessener Familien und Familien Vertriebener gleichermaßen intergenerationell abgebaut und zunehmend durch standardnähere ersetzt. Die altdialektalen Varianten dieser Variablen gelten selbst unter den dialektkompetentesten Gewährspersonen offenbar immer weniger als obligatorische Kennzeichen des mecklenburgischen Niederdeutsch bzw. sind sie immer weniger fest in der unsicher werdenden ← 435 | 436 → Dialektkompetenz verankert. Das Lerner-Niederdeutsch der Vertriebenen und ihrer Nachkommen nähert sich also wie der Dialekt in den alteingesessenen Familien in der Generationsfolge strukturell dem hochdeutschen Standard an. Wie historische Sprach- und Tondokumente aus der Untersuchungsregion zeigen, hatte diese Dynamik der Standardadvergenz beim mecklenburgischen Niederdeutsch bereits im 19. Jahrhundert eingesetzt und ist daher nicht erst durch die Vertriebenenimmigration ausgelöst worden.

Sodann ließ sich am Beispiel der Aussprache von s-t oder an einzelnen exklusiv niederdeutschen Lexemen beobachten, dass mitunter bereits stark abgebaute Varianten des Niederdeutschen von der Nachkriegsgeneration alteingesessener Familien ebenso wie von Vertriebenenfamilien revitalisiert werden, offenbar weil sie „im Norm­bewusstsein der Sprechergemeinschaft jeweils als ‚Marker‘ des Niederdeutschen gelten“ (Elmentaler 2009: 345). Bei den Nachkommen von Vertriebenen tritt diese archaisierende Markierung der Varietätengrenze zum Hochdeutschen sogar stärker, d. h. mit höherer Frequenz der altdialektalen Varianten, auf als bei den gleichaltrigen Alteingesessenen.

Schließlich findet sich in der Vokalrundung bei bün, büst, sünt usw. ein Merkmal, dessen Abbau nur im Lerner-Niederdeutsch der Vertriebenenfamilien rückgängig gemacht wird, offenbar weil es vor dem stark kontrastierenden Wahrnehmungs­hintergrund der Herkunftsvarietäten als ein markantes Kennzeichen des Niederdeutschen wahrgenommen wird. Auch in dieser Hinsicht ist die Dynamik der Standarddivergenz in der Nachkriegsgeneration der Vertriebenen stärker ausgeprägt als bei den gleichaltrigen Alteingesessenen. Sie erfasst mehr altdialektale Varianten als bei den Altersgenossen aus alteingesessenen Familien.

Auch bei den Nachkommen der Vertriebenen bringt sich bei der Suche nach einer treffenden niederdeutschen Übersetzung der hochdeutschen Wenkersätze gelegentlich das Englische als weitere Kontaktvarietät ins Spiel. Bei drei der sechs Gewährsleute dieser Bevölkerungsgruppe kommt es vereinzelt zu punktuellem Transfer aus dem Englischen. Herr 62 (1952 VV) beispielsweise übersetzt „gute alte Mann“ in Wenkersatz 4 mit „gaut old [oʊld] Mann“ und wechselt in einer Reformulierung seiner Übersetzung von Wenkersatz 18 von standardidentischem „und“ zu standardfernerem, offenbar dem ← 436 | 437 → Englischen entlehnten [ǝnd] (and). Herr 72 (1955, VA) überträgt, ebenfalls wahrscheinlich am Englischen orientiert, „mein liebes Kind“ (Wenkersatz 14) als „mai laif Kind“ ins Niederdeutsche und wählt als niederdeutsches Äquivalent für die hochdeutsche Übersetzungsvorlage „gelernt“ englisches [lǝːnt] (learned) (Wenkersatz 15). Mit [lǝːnt] übersetzt auch Frau 83 (1954, VA), die außerdem die Übersetzungsvorlage „oder“ als „or“ [ɔː] (Wenkersatz 5) wiedergibt. Die Tochter eines alteingesessenen Vaters und einer vertriebenen Mutter thematisiert an zwei Stellen im Übersetzungstest, dass sich ihr bei der Suche nach einen treffenden niederdeutschen Ausdruck das sprachstrukturell naheliegende Englisch aufdrängt. Bevor sie mit der Übertragung von „sein Bruder“ am Beginn des Wenkersatzes 33 einsetzt, bemerkt sie: „Jetzt hätte ich beinahe gesagt ‚his‘. Sehen Sie da geht es schon los. Ja ja es ist schlimm“. Sie übersetzt dann aber korrekt mit „sin Brauder“. Als sie „aß“ im Niederdeutschen mit [e͜ɪt] (ate) wiedergibt (Satzvorlage 44) zögert sie nachträglich: „‘Ate‘ ist eigentlich englisch. ‚Ate‘. Hat mein Vater auch ‚ate‘ gesagt?“. An dieser Stelle kommt sehr deutlich die Unsicherheit in der Dialektkompetenz und das Bestreben zum Ausdruck, im Übersetzungstest eine ‚echte‘, das heißt am älteren Sprachgebrauch (des Vaters) orientierte niederdeutsche Form zu finden. Dieses Bestreben, ein authentisches Niederdeutsch zu produzieren, lässt die Nachkommen von Vertriebenen ebenso wie die jüngeren Alteingesessenen verstärkt zu niederdeutschen Archaismen – und mitunter auch zu den ebenfalls standardfernen Anglizismen – greifen.

Abschließend soll die Frage nach der möglichen Rolle des erworbenen Niederdeutsch der Vertriebenen in der Entwicklung des mecklenburgischen Dialekts angesprochen werden. Hier ist zunächst erneut zu betonen, dass sich die absolute Zahl der aktiven Niederdeutschsprecher durch die Zuwanderung der Vertriebenen nach dem Krieg sprunghaft erhöht hat. Entgegen dem verbreiteten Narrativ der deutschen Sprachgeschichte, das die Fachliteratur mehrheitlich vertritt, hat der langfristig fortschreitende funktionale „Dialektverlust“ (Peters 2015: 31) durch die Vertriebenenimmigration in meinem Untersuchungsgebiet sogar einen kurzfristigen Gegenimpuls erfahren. Hat das spontan erworbene Niederdeutsch der Zuwanderer im kontaktlinguistischen Varietätenausgleich der mecklenburgischen Kommunikationsräume eventuell auch den laufenden Strukturwandel des Niederdeutschen beeinflussen können? Die Antwort auf diese Frage kann nur hypothetisch ausfallen, müsste aber jedenfalls die gegenläufigen Entwicklungsdynamiken ← 437 | 438 → im Niederdeutsch der Vertriebenenfamilien berücksichtigen: In aller Regel treten im spontan erworbenen Niederdeutsch der nach dem Zweiten Weltkrieg zugewanderten Personen mehr standardnahe Varianten auf als im ebenfalls schon standardangenäherten Niederdeutsch der vor 1940 geborenen Mecklenburger (vgl. Abb. 5.4.2-1). Und wie in den alteingesessenen Familien durchläuft auch das Niederdeutsch in Vertriebenenfamilien im Hinblick auf die meisten seiner hier untersuchten Merkmale die Entwicklung eines fortschreitenden strukturellen Dialektabbaus. Das in die sprachlichen Ausgleichsprozesse vor Ort eingebrachte Lerner-Niederdeutsch der Vertriebenen dürfte also in Teilen den zunehmenden Transfer standardnaher Strukturen und Lexeme in den Dialekt der Untersuchungsregion befördert haben. In diesem Sinne könnte die seit dem 19. Jahrhundert wirkende Dynamik der strukturellen Standardadvergenz des mecklenburgischen Niederdeutsch durch den Dialekterwerb der Zuwanderer und ihrer Nachkommen beschleunigt worden sein.

Andererseits macht sich aber in den Vertriebenenfamilien – mehr als in den alteingesessenen Familien – eine gegenläufige Dynamik der Standarddivergenz bemerkbar, die hier an drei morphosyntaktischen bzw. phonetischen Variablen und einer Reihe von Einzellexemen nachgewiesen werden konnte (vgl. Abb. 5.4.2-1). Diese Dynamik führt bei den Nachkommen der Vertriebenen einerseits zu noch höheren Frequenzen altdialektaler Varianten als bei den Alteingesessenen und sie erfasst andererseits auch mehr Varia­blen als in deren intendiertem Niederdeutsch. Die Präferenz für altdialektale Varianten führt bei der Aussprache von s-t und bei der Übersetzung von Wochen, nur, schon und wer bei den Nachkommen der Vertriebenen zu Gebrauchsfrequenzen standardferner Formen, die sogar weit über denen bei älteren Mecklenburgern liegen. Die Nachkriegsgeneration der Vertriebenen produziert damit ein intendiertes Niederdeutsch, das im Hinblick auf einzelne sprachliche Züge nicht nur standardferner ausfällt als das der gleichaltrigen Alteingesessenen, sondern mitunter sogar ‚altdialektaler‘ erscheint als selbst das Niederdeutsch der ältesten Mecklenburger. Diese in der Generationsfolge der Vertriebenenfamilien erkennbare Tendenz zur Standarddivergenz steht dem fortschreitenden Abbau einiger altdialektaler Varianten entgegen und bringt in die Varietätenkontakte vor Ort einen konservativen Zug ein. Sie könnte sich somit in der übergreifenden Abbaudynamik des mecklenburgischen Niederdeutsch sogar retardierend auswirken.


310 Vgl. Gernentz (1974: 229). Wegen seiner besonderen Flexibilität wird die Untersuchung des Wortschatzes nach Herrmann-Winter (1979: 132) zum herausragenden Gegenstand der Soziolinguistik: „Die Analyse lexikalischer Varianten […] bildet einen Schwerpunkt unserer soziolinguistischen Studien, da sich die gesellschaftliche Determination sprachlicher Erscheinungen bekanntlich am sichtbarsten im Wortschatz widerspiegelt.“

311 Vgl. beispielsweise Schmid (2011: 54), Wells (2012: 256).

312 Vgl. zur Wortschatzgliederung auch Ruge (2016), der auf der Basis dieser Einteilung ein lexikalisches Messverfahren zur Bestimmung der Dialekttiefe spontansprachlicher Äußerungen entwickelt.

313 Im Neuen hochdeutsch-plattdeutschen Wörterbuch für den mecklenburgisch-vorpommerschen Sprachraum, das den Anspruch hat, „gegenwärtiges Niederdeutsch“ (Herrmann-Winter 2003: 5) zu dokumentieren, werden für alle elf hochdeutschen Testwörter jeweils sowohl exklusiv niederdeutsche als auch standardnahe oder standardidentische Synonyme als Übersetzungsvarianten angeführt.

314 Das ebenfalls grundsätzlich geeignete sehr (> bannig, dull) wurde außer Betracht gelassen, weil es in den Übersetzungen der Probanden häufig ganz ausgespart wird und daher die quantitative Vergleichbarkeit beeinträchtigt ist.

315 Die Satzvorlagen für die Wenkerübersetzungen sind vollständig im Anhang 9.4 abgedruckt.

316 Vgl. www.regionalsprache.de/SprachGiS/Map/aspx Wortkarte WA 222 (Flasche), WA 351 (schon), WA 528 (nur) (Stand: 16.11.2017). Für warten gibt es keine entsprechende Wortschatzkarte im digitalen Wenkeratlas, hier bringen König / Elspaß / Möller (2015: 178) zwei verschiedene Karten, die auf Materialien des Deutschen Wortatlas und des Deutschen Sprachatlas beruhen.

317 Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts hatte Mussaeus (1829: 82) noch festgestellt, die standardnahen Formen „hinner und hinnen [seien] weniger gebräuchlich als achter“.

318 Vgl. die entsprechenden Wortkarten WA 171 (schlecht), WA 545 (hinten), WA 284 (wer) im digitalisierten Sprachatlas Wenkers, die bereits jeweils standardnahe Leitformen für mein Untersuchungsgebiet ausweisen, www.regionalsprache.de/SprachGiS/Map/aspx (Stand: 16.11.2017). Die usuelle Ersetzung von achtern durch hinnen hat sich offenbar bis zum Ende des 20. Jahrhundert in Schleswig-Holstein nicht durchgesetzt: Hansen-Jaax (1995: 168) zählt das Lexem zu einer kleinen Gruppe von Adverbien, die von L1-Sprechern dort „konstant niederdeutsch“, d. h. auf lautlich intransparenter Wortbasis gebildet werden.

319 Mit der Hinzuziehung dieser Testlexeme wird also vor allem die token-Zahl im Übersetzungskorpus erhöht, als neues Testlexem kommt nur trotzdem hinzu. Die Untersuchungsgrundlage ist also gegenüber den historischen Wenkerbögen nur geringfügig verändert worden, sodass umfassende Vergleiche der prozentualen Anteile exklusiver Wortformen möglich erscheinen.

320 Der p-Wert der Differenz zwischen dem Anteil exklusiv niederdeutscher Lexeme in den historischen Wenker­bögen und dem in den Übersetzungen der Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration beträgt 0,0000.

321 Vgl. die Übersetzungsvorlagen des „festen Textes“ Gundlach (1967: 189): Fester Text 4: […] er darf schon bald wieder laufen; FT 8: Jetzt geht es ihr aber schon wieder besser; FT 9: […] da lagen die anderen schon im Bett […]; FT 10: Es war schon recht spät; FT 11: Ein schlechtes Wetter hatten wir auf dem Heimweg!

322 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR): Siglen DR928 (*1930), DR932 (*1940), DR934 (*1929), vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.217).

323 Vgl. die sehr ähnlichen diachronischen Ergebnisse von Hansen (2009: 105–107) für die Lexeme Buddel und al auf der Insel Rügen. Dort hatte das Wort Buddel allerdings schon nach den Befunden der historischen Wenker-Erhebung eine gewisse Konkurrenz durch Flasch erfahren. Für das Niederdeutsch auf Rügen verzeichnet Herrmann-Winter (2013: 80–81) kartographisch auch für achter eine diachrone Ablösung durch lautlich transparentes hinner. Sie bringt diese Entwicklung bei der Präposition achter mit dem „Sprachwechsel“ des niederdeutschen Lexems in die Seemannssprache und in den norddeutschen Regiolekt in Verbindung.

324 Alle Übersetzungen mit al wählen im WS 43 stets die Konstruktion al lang, keine der Gewährspersonen übersetzt hier mit *al längst. Bei den Übersetzungen mit schon dominieren dagegen die Kombinationen schon längst deutlich vor schon lang.

325 Hansen (2009: 106–107) weist für al im Rügener Niederdeutsch dagegen eine über verschiedene Zeitstufen kontinuierlich zunehmende Ersetzung durch standardidentisches schon nach, eine gegenläufige Entwicklung ist dort offenbar nicht auszumachen.

326 Goltz (2010: 270) beobachtet, dass „the finding of a distant form“ gerade auch im schriftlichen und im medial verbreiteten Niederdeutsch die Wortwahl und die Präferenz für „a number of old lexical items“ bestimmt.

327 Der von Lenz (2005: 89) geprägte Begriff wäre hier allerdings insofern zu erweitern, als die „Intention, eine bestimmte Varietät zu erreichen“, hier nicht auf die Bildung von ‚fehlerhaften‘ Hyperformen hinausläuft, die es in der Zielvarietät, also im Niederdeutschen, gar nicht gibt. ‚Hyperdialektal‘ ist die Verwendung der intransparenten Lexeme hier nur insofern, als ungebräuchlichere, aber ‚korrekte‘ Varianten des Dialekts in ungewöhnlich hoher Frequenz verwendet werden.

328 Hansen-Jaax (1995: 167). Hier scheint sich das mecklenburgische Niederdeutsch stark vom Niederdeutsch in Schleswig Holstein zu unterscheiden, für das Hansen-Jaax (ebd.: 168) eine sehr lange Reihe von Lexemen auflistet, die einen „stabilen Grundstock an niederdeutschen ‚Kennformen‘“ darstellten, der von ihren Probanden konstant in der exklusiv niederdeutschen Form realisiert werde. Hierzu gehören in Schleswig-Holstein demnach neben töwen beispielsweise auch achter, Buddel, achtern (vgl. ebd.: 163–168), die bereits im Niederdeutsch der mecklenburgischen Vorkriegsgeneration keinen obligatorischen Stellenwert haben.

329 Vgl. schon Beckmann (1954 / 55: 129–130), Gundlach (1988: 430) oder neuerlich Köhncke (2006: 179): „Es scheint sich dasjenige Lexem durchzusetzen, das eine gewisse Lautähnlichkeit zu seinem standarddeutschen Pendant aufweist.“ Auch die Untersuchungen von Hansen (2009: 105–107) zu Rügen bestätigen diesen Befund. Dass diese Entwicklungstendenz auch in anderen niederdeutschen Regionen zu beobachten ist, zeigt etwa Ruge (2015: 371) an zwei Familien aus dem Hamburger Stadtteil Altenwerder, bei denen der Gebrauch exklusiv niederdeutscher Lexeme in freien niederdeutschen Monologen über eine Folge von drei Generationen kontinuierlich abnimmt.

330 Der vollständige Wenkersatz 15 lautet: „Du hast heute am meisten gelernt und bist artig gewesen, du darfst früher nach Hause gehen als die anderen.“ Vgl. Anhang 9.4.

331 Duden-Grammatik (2016: 145, 329).

332 Lindow et al. (1998: 193), dort werden auch regionale Varianten der niederdeutschen Komparation aufgeführt. Die Plattdeutsche Grammatik von Thies (2011: 194) führt kommentarlos „mehrst / meist“ als alternative Superlativformen an.

333 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR): Siglen DR928 (*1930), DR932 (*1940), DR934 (*1929), vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

334 ‚Tja und trifft man sich am ehest… meisten im Tanzsaal ne. Da trifft man sich am meisten.‘ (IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR): Sigle DR934, *1929, vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

335 Vgl. Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (Bd. 3, 1977: 2337, 2354). Zur gemeinsamen etymologischen Wurzel der beiden standarddeutschen Lexeme vgl. Kluge (1975: 432–436).

336 Vgl. Mecklenburgisches Wörterbuch (Bd. 4, 1963: 927) und das auf neueren Erhebungen beruhende Plattdeutsch-hochdeutsche Wörterbuch von Herrmann-Winter (1999: 180).

337 Der Wenkerbogen aus Niendorf bei Schwaan, Nr. 48764. Vgl. Wenkerbogen-Katalog unter https://www.regionalsprache.de/Wenkerbogen/Katalog.aspx. (16.11.2017).

338 Die Frage, ob vor dem wortschließenden Plosiv ein Nasal deutlich zu hören ist oder nicht, war bei der Auswertung der Aufnahmen das Kriterium der Codierung der Belegstellen.

339 Der ergänzte Satz 44 lautet: „Zu Mittag setzte sich der Lehrling gern auf den Stuhl bei der Tür und aß sein Brot mit Blutwurst.“

340 Hansen-Jaax (1995: 148) beobachtet bei jüngeren L1- und L2-Sprechern des Niederdeutschen in Schleswig-Holstein beim Verb leert ebenfalls „eine semantische Differenzierung nach hochdeutschem Vorbild“ und die Entwicklung einer zusätzlichen niederdeutschen Variante leernt.

341 Satz 42, vgl. die vollständigen Satzvorlagen für die Wenkerübersetzung im Anhang 9.4.

342 Ähnlich bringt das Wörterbuch für „Fernsehapparat“ die niederdeutschen Entsprechungen „Fiernseher m. […] Syn Kiekschapp n., Flimmerkist f., Rühr [‚Röhre‘] f., Glotz f.“ (Herrmann-Winter 2003: 83).

343 Auch Herrmann-Winters Hör- und Lernbuch für das Plattdeutsche Mecklenburg-Vorpommerns führt im anhängenden „Grundwortschatz des Plattdeutschen“ das Lemma „Fiernseihen n. Fernsehen“ auf (Herrmann-Winter 2006: 219).

344 Fünf Personen aus der Teilstichprobe der hier untersuchten 52 niederdeutschkompetentesten Personen meines Samples haben den Satz nicht oder nicht vollständig übersetzt, vgl. Abschnitt 2.2.2.

345 Zur mecklenburgischen Vokalhebung in Kontexten vor r vgl. Abschnitt 5.3.1.

346 Entsprechend wählen drei der prominenten Niederdeutschsprecher, die Herrmann-Winter (1989) zum Niederdeutschen in Mecklenburg-Vorpommern interviewt, spontan gerade die niederdeutschen Adaptionen und Übersetzungen wie „Fiernsehen“, „Televischion“, „Kiekschapp“ oder „Kieker“ als Beispiele für unauthentisches, konstruiertes „Neuniederdeutsch“, dessen Gebrauch sie ablehnen: „Wohrschienlich is et bäder, wenn wi die Dinge, de uns nu œwer’t Hochdütsche bekannt worden sünd, ok hochdütsch verwennen un nu nich mit Mäuh un Anstrengung dorför plattdütsche Vokabeln utsöken.“ (Jo Jastram, geb. 1928 in Rostock, in Herrmann-Winter (1989: 40). „Diese ganzen Versöke mit dat Oewersetten, so as taun’n Biespiel dat ‚Kiekschapp‘, dat licht mi nich. […] Wat up platt nich geiht, kann man ok hochdütsch seggen.“ (Heinz Gundlach, geb. 1936 in Rostock, in Herrmann-Winter (1989: 102). „Kein Mensch auf dem Dorf sagt ‚Kiekschapp‘, sie sagen alle ‚Fernseher‘. Das verstehe ich unter ‚aufgemotzten‘ Platt. […] aus ‚Fernsehen‘ wurde nie ‚Kieker‘ oder ‚Kiekschapp‘, was sich die Neuniederdeutschen dafür ausgedacht haben.“ (Egon Richter, geboren 1932 in Bansin (Usedom), in Herrmann-Winter (1989: 166–167).

347 Vgl. Niebaum (2004: 174), der feststellt, dass im Niederdeutschen „die in der heutigen Zeit notwendige ständige Integration neuen Wortschatzes aus den Bereichen der Technik sowie des modernen politisch-gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens nahezu ausschließlich durch völlige oder partielle Transferenz standardsprachlicher Formen erreicht wird.“

348 „Die im Mnd. [Mittelniederdeutschen] noch vorhandene Sonderstellung der Präterito-Präsentien hinsichtlich ihrer Endungen im Präs. Pl. ist in den nd. Maa [Mundarten] überall beseitigt worden, so daß nun in allen Verbklassen im Präs. Pl. die gleichen Endungen herrschen.“ (Niebaum 1983: 168).

349 Zum Beispiel Schönfeld (1990: 98), Schröder (2004: 58), Kehrein (2012: 298).

350 Vgl. zum Beispiel die Karten in Foerste (1954: Sp. 2039–2040), Wiesinger (1983 a: 882), Gundlach (1988: 427), König / Elspaß / Möller (2015: 158) und die Dialekteinteilung im Norddeutschen Sprachatlas Elmentaler / Rosenberg (2015 a: 89). Von einer historischen Verschiebung der Isoglosse nach Osten geht Sanders (1982: 74) aus: „Die -(e)t / -en-Grenze, die nach Ausweis der mittelniederdeutschen Schreibsprache ehemals westlich des ja gleichfalls auf Siedelboden gelegenen Lübeck anzusetzen sein wird, verläuft jetzt als nordniederdeutsch-mecklenburgische Dialektscheide ein gutes Stück weiter östlich (etwa westlich Grevesmühlen – östlich Ratzeburg und Boitzenburg zur Elbe).“

351 König / Elspaß / Möller (2015: 158, Karte „Pluralendungen der 1., 2. und 3. Person des Verbs im ehemaligen deutschen Sprachgebiet“).

352 In diesem Übergangsgebiet beginnen schon östlich von Möllin (westl. von Gadebusch) oder Pritzier (westl. von Hagenow) Pluralbildungen auf –en deutlich zu dominieren (Köhncke (2010: 311).

353 Nerger (1869: 67). Während Ritter (1832: 84–100) und Wiggers (1857: 55–70) für das Mecklenburgisch-Vorpommersche gar keinen Einheitsplurals zugrunde legen und in ihren Konjugationsparadigmen im Präsens Plural zwischen –en (1., 3. Person) und –(e)t (2. Person Plural) alternieren, geht Nerger offenbar von einer Konkurrenz beider Einheitspluralbildungen im neueren Mecklenburgisch aus (Nerger 1869: 66, 77). Jellinghaus (1884: 46) legt dann ungeachtet der zuwiderlaufenden Aussagen früherer Landschaftsgrammatiken in seinem gesamt­niederdeutschen Überblick für die „meklenburgisch – vorpommersch – märkischen Mundarten“ fest: „Der Plural des Praesens endigt nur auf –en.“

354 Die vollständigen Vorlagesätze finden sich im Anhang 9.4. Die Verbform „ihr müsst“ aus Wenkersatz 31 wird nicht in die Auswertung einbezogen, weil hier der Verbstamm im Niederdeutschen auf t auslautet, sodass in den mündlichen Übersetzungen bei Apokope der Flexionsendung Missverständnisse auftreten können. Außerdem folgt in der Übersetzungsvorlage auf „ihr müsst“ unmittelbar „ein bisschen“, das im Niederdeutschen häufig zu „’n bäten“ verschliffen wird. Hier stoßen also die beiden Erkennungslaute t und n unmittelbar aufeinander und sind unter Umständen auditiv nicht zu diskriminieren.

355 Vgl. den digitalen Wenkerbogen-Katalog unter www.regionalsprache.de/Wen­kerbogen/Katalog.aspx (Stand: 16.11.2017).

356 Die Differenz zwischen dem Anteil der Verben mit Einheitsplural in den historischen Wenkerbögen und in den Wenker­übersetzungen der vor 1940 geborenen Alteingesessenen ist mit einem p-Wert von 0,000 hoch signifikant.

357 Es lässt sich bei den schon in der Vorkriegsgeneration erreichten niedrigen Prozentwerten aus den Daten kein eindeutiger Zusammenhang des Pluralgebrauchs mit der Wohnortgröße der Gewährspersonen erkennen.

358 Korpus: MR PAD, Siglen WEG55AW1 und WEG 56AW2, Aufnahmejahr 1990. Vgl. Audio-Katalog unter https://www.regionalsprache.de/Audio/Katalog.aspx. (Stand: 16.11.2017).

359 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR), Sigle DR932, vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 16.11.2017). Leider enthält die standarddeutsche Übersetzungsvorlage der damaligen Erhebung keinen Beleg für Verben in der 2. Pers. Pl. In weiteren 1962 aufgezeichneten freien Erzählungen aus der Untersuchungsregion wurden ebenfalls keine Verben in 2. Pers. Pl. verwendet.

360 Lautdenkmal reichsdeutscher Mundarten, Aufnahmenummer: LD60109/ND096, Aufnahme 7.12.1936, Warnemünde. Sprecher geboren 1882.

361 Alle untersuchten Vergleichsgruppen niederdeutschkompetenter Gewährspersonen meines Korpus verwenden den Einheitsplural der Verben hoch signifikant seltener als die Probanden der Wenkererhebung von 1880 (p-Werte 0,0000).

362 Eine Kontaktwirkung auf horizontaler Ebene könnte hier allenfalls über die mediale Beeinflussung durch das in den audiovisuellen Medien stark vertretene Nordniedersächsische vermittelt werden. Die Tatsache, dass die Gewährspersonen das standarddeutsche und nicht das westniederdeutsche Verbalparadigma übernehmen, zeigt aber, dass ein solcher medialer Einfluss keine Rolle spielt.

363 Vgl. Karte 7 in Fleischer (2011: 99), die Karte weist je einen lokalen Einzelbefund für dialektale Entsprechungen für das in Nordmähren und in der Steiermark nach.

364 Vgl. www.regionalsprache.de/SprachGis/Map.aspx: Wortkarten WA 136, WA 145, WA 169 und WA 274 (Stand: 16.11.2017)

365 Erfasst wurden die niederdeutschen Übersetzungen von es in den folgenden Kontexten: Wenkersatz 2: „Es hört gleich auf zu schneien […]“; WS 9: „[…] und habe es ihr gesagt […]“; WS 9: „[…] sie sagte, sie wolle es auch ihrer Tochter sagen“; WS 10: „Ich will es auch nicht mehr wieder tun.“; WS 18: „[…] dann wäre es anders gekommen […]“; WS 20: „[…] sie haben es aber selbst getan“; ergänzter WS 43 „[…] fing es wieder an zu schneien“. Der zweite Halbsatz von WS 18 („[…] und es täte besser um ihn stehen“) wurde aus der Betrachtung ausgeschlossen, weil die Gewährspersonen hier regelmäßig großes Schwierigkeiten hatten, adäquate niederdeutsche Umsetzungen zu finden. Wenkersatz 13 („Das / es sind schlechte Zeiten“) wurde ebenfalls nicht berücksichtigt, weil hier schon in der Vorlage teilweise das auftritt und so die Übersetzung beeinflusst haben könnte.

366 Die Abfolge des direkten und indirekten Objektes im Satz, die mit der Klitisierung des Pronomens korreliert, spielt für meine Untersuchung keine Rolle, vgl. Köhncke (2010: 503) und Fleischer (2011).

367 Satz 5: „Es muß ihm doch sehr weh getan haben“; S 8: „Jetzt geht es ihr aber schon wieder besser“; S 10: „Es war schon sehr spät“; S 12: „Es hat geschneit“; S 14: „Am Tage taut es noch […]“; S 15: „Aber es wird wohl einen harten Winter geben“; S 24: „Wir können es ihr ja dann noch einmal sagen.“

368 Nach Reershemius (2004: 102) integrieren auch Sprecher des ostfriesischen Niederdeutsch „das standarddeutsche ‚es‘ phonologisch [als et] ins Niederdeutsche“.

369 Vgl. Rosenberg (2017: 31) und Ehlers (im Druck a).

370 Vgl. Teuchert (1959: 220): „Gehoben worden ist auch âr, ar vor stimmhaften Dentalen und im Auslaut.“

371 Gundlach (1988: 425). Teuchert (1942: VII) verzeichnet den Verlauf der Isoglosse für die Vokalhebung auf einer Karte, die in ähnliche Karten bei Gundlach (1988: 427) und bei Herrmann-Winter (2006: 186) übernommen wird.

372 Vgl. z. B. die Wortkarten Ohren (WA 159), hört (WA 13), sehr (WA 409) aus dem digitalisierten Sprachatlas des Deutschen Reiches Georg Wenkers von 1880, https://www.regionalsprache.de/SprachGIS/Map.aspx (Stand: 16.11.2017).

373 Vgl. Sanders (1982: 89), Schröder (2004: 49–50).

374 Vgl. Ehlers (im Druck c).

375 Vgl. die Übersetzungsvorlagen im Anhang 9.4. Die zusätzlichen Testwörter wurden in die Untersuchung einbezogen, um die Entwicklungen nach der Wenker-Zeit auf breiterer Belegbasis beobachten zu können. Der dabei aufgewiesene Entwicklungsverlauf (vgl. Abb. 5.3.1-1) zeichnet sich freilich nahezu identisch auch unter Beschränkung auf die acht Testwörter der historischen Wenkervorlage ab: Bezogen auf diese acht Belegkontexte fällt der Anteil der gehobenen Vokalrealisierungen vor r von den historischen Wenkerbögen (97,6 %, n = 169) auf durchschnittlich 82,4 % (n = 136) in den Wenkerübersetzungen der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen und weiter auf 78 % (n = 50) bei deren Nachkommen ab.

376 Die Wortform hört wird in einigen historischen Wenkerbögen, gelegentlich aber auch von meinen älteren Gewährspersonen, als hölt übersetzt. Da hier der phonetische Kontext für die Vokalhebung nicht mehr gegeben ist, werden diese Belegstellen aus der Auswertung ausgeschlossen.

377 Der p-Wert der Differenz beträgt hier 0,0003.

378 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR): Siglen DR927 (*1944), DR928 (*1930), DR931 (*1900), DR932 (*1940), DR933 (*1890), DR934 (*1929), vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

379 Korpus: MR PAD, Siglen WEG55AW1 und WEG 56AW2, Aufnahmejahr 1990. Vgl. Audiokatalog unter https://www.regionalsprache.de/Audio/Katalog.aspx (Stand: 16.11.2017).

380 Dass gerade bei den Lexemen sehr, mehr und erst im Niederdeutschen häufig nicht gehobene Vokalrealisierungen gewählt werden, bestätigt Köhncke (2006: 165) auch für seine Gewährspersonen aus dem ländlichen zentral­mecklenburgischen Raum südlich von Sternberg.

381 Im Niederdeutsch der älteren Vertriebenen beträgt der Anteil der Vokalhebung bei der Übersetzung von sehr durchschnittlich nur 47,6 %, bei mehr 50 % und bei erst 53,9 %. Bei allen anderen Testwörtern liegen die Anteile der Vokalhebungen in dieser Gruppe bei über 75 % bis zu 100 %.

382 Dieser Abschnitt ist eine leicht überarbeitete Fassung von Ehlers (2017), die sich auch in der empirischen Grundlage (Anzahl der Gewährspersonen) geringfügig von der älteren Textversion unterscheidet.

383 Nerger (1869: 151). Teuchert (1959: 226) bestätigt „das verschiedene Alter dieser beiden Übergangslaute“ und führt sie auf Laut­entwicklungen im Wortkontext zurück: „Es dürfte sich -g- als ein hiattilgender Laut zwischen Vokalen erklären, das gälte auch vor der Endung -en, dagegen wäre -d- erst nötig geworden, nachdem der Vokal der Endung -en geschwunden war. Der Erstbeleg bett Teiden ‚bis zehn Uhr’ stammt […] aus dem Jahr 1790 […] aber teigen ist schon 1734 […] belegt.“ Über den (historischen) Ursprung der Hiattilgung sind sich Nerger und Wiggers uneins; während Wiggers den Ursprung des „vocaltrennenden g“ eher in kontaktphonetische Bedingungen legt, führt Nerger die Hiattilgung bis auf wenige Ausnahmefälle „auf älterer [sic] Fricativa“ zurück (Nerger 1869: 151 und 138–139). Auf die frühe Sprachgeschichte der Hiattilgung und ihren allgemein angenommenen Import über Siedler aus Westfalen in das ostniederdeutsche Kolonialgebiet soll hier nicht eingegangen werden, vgl. dazu Ehlers (im Druck d). Ich beschränke die Betrachtung hier nur auf die mecklenburgischen Verhältnisse seit 1880.

384 Vgl. digitaler Wenker-Atlas: www.regionalsprache.de/SprachGiS/Map/aspx, Lautkarte / Wortschatzkarte WA 260 (Stand: 16.11.2017). Der Rostocker Studienrat Paul Beckmann (1954 / 1955: 131–132) datiert die Ausbreitung der Hiattilgung auf d in meinem Untersuchungsgebiet aus eigener Anschauung deutlich später. Demnach habe sich „vom nördlichen Westen her […] etwa seit 1890 der Gleitlaut d durchzusetzen“ begonnen, aber bis 1920 Rostock kaum erreicht und erst nach dem Zweiten Weltkrieg dort „vor allem in der jungen Generation“ das „Übergewicht“ über den g-Klusil gewonnen. Bemerkenswert bleibt an diesen subjektiven Einschätzungen, dass ältere Sprachteilnehmer aus der Großstadt Rostock die Hiattilgung auf d offenbar noch in den 1920er Jahren als ‚neue‘ und ‚von außen kommende‘ Entwicklung empfunden haben.

385 Mecklenburgisches Wörterbuch 6 (1976: 466), vgl. etwa zu Krähen (Plur.): „die westl. Form Kreiden reicht bis in die Rostocker Heide“ (Mecklenburgisches Wörterbuch 4 (1965: 648).

386 Stellmacher (1980: 465). Die ausdrücklich für den „Stand: 1979“ gezeichnete Isoglosse der Hiatrealisierung bei Stellmacher unterscheidet sich in ihrem Verlauf allerdings kaum von der maigen / maiden-Isoglosse, die schon Foerste auf der Basis von Wenkers Sprachatlas kartiert (vgl. Foerste 1954: Sp. 2039–2040). Teepe bringt später eine Karte zur Realisierung des Hiats in den niederdeutschen Entsprechungen für neue, auf welcher bei ganz ähnlichem Isoglossenverlauf die getilgte Form nīg- in Vorpommern einer mecklen­burgischen Form nī- gegenübersteht (Teepe 1983: Kartenanhang VIII).

387 Gernentz (1980: 89), Schönfeld (1990: 98), Schröder (2004: 50).

388 Kontexte in den historischen Wenkersätzen: WS 2: „hört auf zu schneien“; WS 17 „Kleider […] fertig nähen“; WS 17: „mit der Bürste rein machen“; WS 21: „die neue Geschichte erzählt“; WS 22: „Man muss laut schreien“; WS 28: „solche Kindereien treiben“; WS 33: „schöne neue Häuser“; WS 33: „Häuser in euren Garten bauen“; WS 38: „Die Leute sind draußen […] und mähen“. Vgl. die vollständigen Wenkersätze im Anhang 9.4.

389 Vgl. Beckmann (1954 / 55: 131–132), sein Befund wird oben in Fußnote 384 ausschnittsweise zitiert.

390 Dies zeigt sich etwa bei der Übertragung des Testwortes Kindereien, das eine Reihe von Gewährsleuten des mündlichen Übersetzungstests offenbar nicht als direkt ins Niederdeutsche umlautbar empfunden hat und durch Ersatzlexeme (Kinnerkråm o. ä.) substituiert. Wo die schriftlichen Wenkerübersetzungen dennoch eine wörtliche Übertragung ins Niederdeutsche vornehmen, orientieren sie sich meist strikt an der hochdeutschen Vorlage und übertragen sie dann zu 95 % (n = 20) standardnah ohne Hiattilgung als Kinneri-en, Kinnerin o. ä.

391 Für den diachronischen Vergleich werden dieselben neun Testwörter zugrunde gelegt, die auch in der histo­rischen Wenkervorlage verwendet wurden. In den schriftlichen Übersetzungen der historischen Bögen kann natürlich nicht mit Sicherheit entschieden werden, ob der geschriebene Tilgungskonsonant g plosivisch oder spirantisch gesprochen wurde. In den aktuellen Aufnahmen meines Erhebungsgebiets wird die Hiattilgung auf g fast ausschließlich plosivisch realisiert. Die äußerst seltenen spirantischen Tilgungen sind aus der Auswertung ausgeschlossen worden.

392 Ein Nebeneinander beider Tilgungsvarianten findet sich auch in den 1990 aufgezeichneten Wenkerüber­setzungen von zwei Angehörigen derselben Altersgruppe aus Jürgenshagen. Dort war bei insgesamt geringer Belegzahl die Präferenz für den Tilgungskonsonanten d etwas ausgeprägter: Von den nur 13 Belegen wurden 61,5 % Tilgungen auf d, 30,8 % Tilgungen auf g gewählt, 7,7 % der Belege blieben ohne plosivische Hiattilgung, vgl. Korpus: Phonetischer Atlas von Deutschland (MR PAD), Siglen WEG 55AW1, WEG 56AW1, Aufnahmejahr 1990, vgl. Audiokatalog: https://www.regionalsprache.de/Audio/Katalog.aspx (Stand: 16.11.2017). Die sechs historischen Übersetzungs-Aufnahmen aus dem IDS-Korpus „Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR)“ aus Letschow und Retschow enthalten leider keine geeigneten Belegwörter, vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

393 Köhncke (2006: 171). Im Zusammenhang seiner Überlegungen zur Entstehung der beiden plosivischen Formen erörtert allerdings schon Teuchert (1959: 223–226) die Abhängigkeit des Merkmals von verschiedenen Laut­kon­texten.

394 Die Kontexte der zusätzlichen Testwörter in der erweiterten Wenkersatzvorlage sind: Wenkersatz 41: „[…] übers Ohr hauen“; WS 43: „Die Blumen blühen […]“; WS 43: „[…] fing es wieder an zu schneien“; WS 45: „Das Krähen von eurem Hahn […]“; WS 45: „[…] stört die müden Frauen […]“. Das mögliche Testwort rein (rai-en) wurde aus der Betrachtung ausgeschlossen, weil es im Kontext der Vorlage (mit der Bürste rein machen) offenbar als nicht wörtlich ins Niederdeutsche umsetzbar empfunden wurde, vielfach durch Ersatzbildungen (sauwer måken, affbösten) übertragen und außerdem in den mündlichen Über­setzungen fast nie mit plosivischer Hiattilgung gebildet wurde und so die im Übrigen sehr kohärenten Ergebnisse für den Lautkontext [aÙe-ən] stark verzerrt hätte.

395 In den folgenden Diagrammen wird der Gegensatz der beiden Lautkontexte durch eine vereinfachte Verschriftlichung der Diphthonge hervorgehoben: Vordervokal vor Hiat (i:, ai, oi) versus Hintervokal vor Hiat (u:, au).

396 Obwohl das Testwort neue zweimal in der Übersetzungsvorlage vorkam (WS 21: „neue Häuser“; WS 33: „die neue Geschichte“), bleibt die Gesamtbelegzahl vergleichsweise gering, weil die Probanden hier vor Anlaut g im Folgewort Geschichte meist suffixlos übersetzen (de ni Geschicht vs. nige Hüser) und dieser Kontext daher nicht als Beleg für den Hiat gewertet werden konnte. Auch die mehrfach elizitierte Übersetzungsvariante de niich Geschicht wurde hier nicht als Hiattilgung gewertet, zu derartigen Formenbildungen siehe unten.

397 Für den besonders raschen Abbau der Hiattilgung in haugen könnte eine Rolle spielen, dass das Lexem anders als bugen ohne die konsonantische Hiattilgung völlig standardidentisch klingt (haugen > hauen; bugen > buen).

398 Herrmann-Winter (2003: 198).

399 Dabei sind die Variationsbreiten in der großstädtischen und in der dörflichen Vergleichsgruppe interpersonell bemerkenswert gering: Die Frequenzen der Hiattilgungen auf g variieren bei den fünf Rostocker Probanden nur zwischen 36,7 % und 45,5 %, bei den fünf Probanden aus Satow, Jürgenshagen und Püschow sogar nur zwischen 22,2 % und 27,3 %. Die Übersetzungen der sechs Probanden aus Schwaan fallen hinsichtlich des Merkmals erheblich heterogener aus, hier reichen die Frequenzen der Hiattilgungen auf g von 0 % bis 69,2 %, der Mittelwert für die gesamte kleinstädtische Gruppe ist also deutlich weniger aussagekräftig.

400 Für sein lauenburgisches Untersuchungsgebiet konstatiert Heigener (1937: 31, 53, 63) in seiner Landschafts­grammatik jedenfalls, dass die „ganz jung[e]“ Entwicklung des „Gleitlauts“ d von den konservativen Städten (Ratzeburg, Mölln, Lauenburg) nicht übernommen werde.

401 Die Ergebniswerte weichen hier gegenüber den in Ehlers (2017) genannten Belegzahlen und Prozentwerten geringfügig ab, weil an dieser Stelle nur ein Teilsample von sechs (statt sieben) Nachkommen von Vertriebenen zugrunde gelegt wird, das noch strengeren Kriterien der Niederdeutschkompetenz gerecht wird als in der älteren Textfassung dieses Abschnitts.

402 Die Aufnahmen entstanden in der Vorbereitung zum zweiten Band des Norddeutschen Sprachatlas (Elmentaler / Rosenberg im Druck), sind aber nur zu einem Teil in die dortige Auswertung eingegangen, da sich die Stichprobe auf Frauen mittleren Alters beschränkte. Die Ergebnisse zum vorpommerschen Gützkow stelle ich in Ehlers (im Druck d) vor.

403 Kindereien wurde meist mit anderer lexikalischer Grundlage (z. B. Görenstraik) oder ohne plosivische Tilgung ins Niederdeutsche übersetzt.

404 „Bi de Fruch“ (in zwei Aufnahmen von 1962, IDS-Korpus „Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR)“: Mann, geb. 1890 in Retschow (DR933) und Mann, geb. 1930 in Letschow (DR928) (: 7.12.2017) und in einer Aufnahme von 1990 aus dem Korpus MR PAD, Audiokatalog: https://www.regionalsprache.de/Audio/Katalog.aspx (Mann, geb. 1924 in Jürgenshagen, WEG 56AW2) sowie in der Wenkerübersetzung einer in Böhmen geborenen Vertriebenen aus meinem Korpus, Frau 19 (1923 V, WN: WS 9).

405 Zwei Interviewaufnahmen von 1962 aus dem IDS-Korpus „Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR)“: Mann, geb. 1929 in Retschow (DR934) und Mann, geb. 1930 in Letschow (DR928), vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

406 Frau 85 (1954 AA, SP1).

407 Herr 1 (1932 V, EN).

408 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR): Mann, geb. 1929 in Retschow (DR934), vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

409 Herr 58 (1950 AA, SP1: 58).

410 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR): Mann, geb. 1930 in Letschow (DR928), vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

411 Herr 58 (1950 AA, SP2: 193, 220).

412 Einen Zusammenhang zwischen der Bildung der Flexionsformen und der diachronen Entwicklung der Hiattilgung deutet auch Herrmann-Winter (2003: 198) in einer Zusatzbemerkung zum Lemma schneien in ihrem Wörterbuch an: „Ursprünglich markierten die unterschiedlichen Formen schniegen (östlich) und schnieden (westlich) die Grenze zwischen Mecklenburg und Vorpommern. Da in konjugierten Formen dieser Lautunterschied aufgehoben ist, gilt heute weiträumig schnien und schniegen.“ Dieser Darstellung ist mit der Einschränkung zuzustimmen, dass in den konjugierten Formen der Lautunterschied der Tilgungskonsonanten g-d keineswegs aufgehoben wird, sondern sich auf einen Kontrast von [ç] und Null verschiebt: schniecht versus schniet. Die Hiattilgung auf d hat keine morphologisierende Stütze in den konjugierten Formen.

413 Foerste (1954: Sp. 1974), Schirmunski (2010 [1961]: 256) führt zusätzlich als „selteneren“ Lautkontext der Vokalrundung das n an und konstatiert außerdem, die Rundung erfolge „bisweilen auch unabhängig vom Charakter des benachbarten Konsonanten“.

414 Elmentaler (im Druck). Schon Grimme (1910: 28) konstatiert, die Vokalrundung sei in Dithmarschen (Heide) und Mecklenburg (Stavenhagen) „häufiger“ als in seinen münsterländischen und südwestfälischen Vergleichsorten (Ostbevern, Assinghausen).

415 Vgl. zu bin / bün auch Hansen (2017: 136–138). Die Karten zur Lautrundung in „ich bin“ und „wir sind“ in Herrmann-Winter (2013: 103 und 104) lassen für Rügen zwar kleine Teilregionen mit alter Entrundung erkennen, die an der mecklenburgisch-vorpommerschen Küste punktuell vorkam (vgl. Abschnitt 4.1.3), zeigen aber für die jüngere Vergangenheit ebenfalls einen intergenerationellen Abbau der im Übrigen üblichen Vokalrundungen.

416 Vgl. das entsprechende Diagramm und die dazugehörige Tabelle zum Ortsvergleich in Elmentaler (im Druck). Auch im südschleswigschen Ort Rieseby wird bei einem Übersetzungstest das hochdeutsche Wort sind seit den historischen Wenkerbögen der Region bis hinein in die aktuellen Wenkerübersetzungen von neun Gewährspersonen der verschiedensten Altersstufen durchgängig gerundet als sünt übertragen (Wilcken 2013: 23, Tab. 1). Auch beim Vergleich der niederdeutschen Sprachaufnahmen von Sprecherinnen verschiedener Altersstufen aus den Hamburger Stadtteilen Kirchwerder und Altenwerder erweist sich das Merkmal als diachron sehr stabil (Bieberstedt / Ruge / Schröder 2016 b: 54, 59).

417 Das Lexem diese wurde außer Betracht gelassen, weil es in gerundeter Realisierung nach den Erhebungen des Norddeutschen Sprachatlas traditionell eher im Südwesten Norddeutschlands dominiert, Elmentaler (im Druck).

418 Die Testlexeme finden sich in der Übersetzungsvorlage in den folgenden Wenkersätzen: bin: Wenkersatz 9, WS 40; bist: WS 15, WS 16; fing: WS 43; immer: WS 7, WS 42; sind: WS 6, WS 13, WS 23. Die Wortform sind tritt in der Vorlage in insgesamt fünf Kontexten auf. Davon wurden hier nur drei in die Auswertung einbezogen, um das Testwort in der Stichprobe nicht unverhältnismäßig oft zu repräsentieren.

419 In den mündlichen Übertragungen der Wenkersätze wurde bei einer Selbstkorrektur der Gewährsperson nur die jeweils letzte Übersetzungsversion in die Auswertung einbezogen. Als Vokalrundung wird auch gewertet, wenn eine Gewährsperson den Vokal zusätzlich leicht senkt (z. B. „du böst“, Frau 38, 1937 VV, WS 16).

420 Die Differenz zwischen den Prozentwerten für ü in den historischen Wenkerbögen und den Wenkerübersetzungen der vor 1940 geborenen Alteingesessenen ist mit einem p-Wert von 0,0004 hoch signifikant.

421 Die angegebenen Differenzen sind statistisch nicht signifikant.

422 Lautdenkmal reichsdeutscher Mundarten, Aufnahme: LD60193 / ND097, Sarmsdorf, 15.2.1937, Zeichenlehrer geb. 1871. Aufnahme: LD60109 / ND096, Warnemünde, 7.12.1936, Fischermeister, geb. 1898.

423 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR): Siglen DR928 (*1930), DR932 (*1940), DR934 (*1929), vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

424 Auch der Norddeutsche Sprachatlas beobachtet, dass die Vokalrundung in der spontanen niederdeutschen Kommunikation seltener als in den Wenkerübersetzungen der Gewährspersonen auftritt, vgl. Elmentaler (im Druck).

425 Korpus: MR PAD, Siglen WEG55AW1 und WEG 56AW2, Aufnahmejahr 1990, https://www.regionalsprache.de/Audio/Katalog.aspx. (Stand: 3.2.2017).

426 Der p-Wert der Differenz beträgt 0,0009.

427 „Im Untersuchungszeitraum [seit 1880] wandelt sich das Untersuchungsmerkmal der /ɪ/-Rundung in labialer Umgebung von einem festen, obligatorischen zu einem fakultativen niederdeutschen Sprachmerkmal im Sprachgebiet Rügens.“ (Hansen 2017: 138).

428 Dieser Prozentwert ist dabei aber immer noch hoch signifikant niedriger als der Vergleichswert bei den gleichaltrigen Alteingesessenen (p-Wert 0,0003).

429 Wegen der insgesamt geringen Belegzahlen für die Nachkommen der zugewanderten Vertriebenen erreichen die genannten Differenzen gegenüber der Generation ihrer Eltern und gegenüber den gleichaltrigen Alteingesessenen keine statistische Signifikanz.

430 In anderen Dialektregionen ist auf der Rückseite der Fragebögen zum Teil explizit nach der Realisierung des r gefragt worden.

431 Aufnahmenummer: LD60109 / ND096, 2. Fassung, Ort: Warnemünde-Rostock, 7.12.1936, inszeniertes Gespräch zwischen zwei Personen geb. 1882 und 1898; Aufnahmenummer LD60193 / ND097, 15.2.1937, Erzählung, Mann geb. 1871. Beide uvulare r treten im Wort krigen, also in der Position nach velarem Plosiv auf.

432 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR), Siglen DR933 und DR931, vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

433 Überprüft wurde die Aussprache des r vor Vokal im absoluten Wortanlaut sowie im gedeckten Wort- und Silbenanlaut. Belege für r im absoluten Anlaut in der hochdeutschen Vorlage und dem niederdeutsche Äquivalent: Wenkersatz 17 rain (‚rein‘), WS 26: roude (‚rote), WS 35: rächt (‚recht‘); Belege für r nach Labial- oder Dentalplosiv: WS 1: drögen (‚trocknen), WS 4: inbroken (‚eingebrochen‘), WS 6 brennt (‚gebrannt‘), WS 16: uttodrinken (‚auszutrinken‘), WS 26: drai (‚drei‘), WS 43: trotzdem (‚trotzdem‘); Belege für r nach velarem Plosiv: WS 16: grout (‚groß‘), WS 16 grötter (‚größer‘), WS 45: Krain (‚Krähen‘); Beleg für r nach Frikativ: WS 9: Fru (‚Frau‘), WS 22: schrigen (‚schreien‘), WS 45 Frugens (‚Frauen‘). Um eventuelle Wirkungen von Isomorphie mit dem Hochdeutschen beobachten zu können, wurden bewusst die vier Testwörter rain, drai, recht und trotzdem einbezogen, die eine lautidentische standarddeutsche Entsprechung haben. Im Unterschied dazu habe ich alle Belege, bei denen die anderen Testwörter in standardidentischer Phonetik und Morphologie in die Wenkersatz-Übersetzungen übernommen wurden, als lokalen Transfer aus dem Hochdeutschen betrachtet und in der Auswertung nicht berücksichtigt.

434 Ähnliche Verhältnisse zeigen sich in dieser Altersgruppe auch in spontanen niederdeutschen Erzählungen. In insgesamt sieben von neun freien Erzählungen, die ich von Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration aufzeichnen konnte, wird das prävokalische r ausschließlich apikal ausgesprochen, nur zwei Gewährspersonen wechseln zwischen vorderem und hinterem r, vgl. die Ausführungen am Ende dieses Abschnitts.

435 Herr 24 ist als Sohn einer Rostockerin in Güstrow geboren und lebt seit 1941 durchgehend in Rostock. Herr 56 stammt aus Biestow, das heute ein Stadtteil Rostocks ist, und hat seinen Lebensmittelpunkt immer in der Stadt gehabt.

436 Auf eine bereits in den 1930er Jahren einsetzende Variabilisierung der r-Realisation in Rostock deutet ein leider nicht weiter ausgeführter Hinweis in dem anonymen Text „Das plattdeutsche Rostock“ hin, wonach sich das Rostocker Platt von dem des Umlands unter anderem dadurch unterscheide, dass „das ‚r’ manche Verwirrung angerichtet“ habe (Anonym 1936: 35). Als Verfasser kommen wahrscheinlich Paul Beckmann oder Johannes Gosselck in Frage, die beide im Mitarbeiterverzeichnis des durchweg anonym publizierten Heftes Das Antlitz der Stadt aufgeführt sind.

437 Die Abnahme der Anteile des apikalen r im intendierten Niederdeutsch von der Vorkriegsgeneration zur Nachkriegsgeneration der Altein­gesessenen ist mit einem p-Wert von 0,0016 sehr signifikant.

438 Befunde des Norddeutschen Sprachatlas zeigen, dass die starke interpersonelle Varianz der niederdeutschen r-Aussprache nicht nur für Mecklenburg-Vorpommern, sondern für die Dialektsprecherinnen der mittleren Generation aus dem gesamten norddeutschen Raum kennzeichnend ist (Ehlers im Druck e).

439 Die schon erwähnte Karte von Göschel (1971: 94) zur r-Realisierung in den deutschen Dialekten um 1937 verzeichnet in den Vertreibungsgebieten zwar einige Nachweise hinterer r-Artikulationen für den obersächsischen und schlesischen Raum, scheint aber zumindest Nord- und Westböhmen in einen Großraum mit alveolarem r einzugliedern.

440 Diese Häufigkeitsdifferenz ist allerdings nicht signifikant.

441 Drei und recht mit jeweils 25 % und trotzdem mit 50 % gegenüber dem durchschnittlichen Anteil des Zungenspitzen-r von 56,25 % bei der Übersetzung aller 15 Testwörter durch die Nachkommen von Vertriebenen. Das ebenfalls isomorphe Lexem rein wird von beiden Bevölkerungsgruppen der Nachkriegsgeneration allerdings überdurchschnittlich oft mit apikalem r übersetzt (60 % und 80 %), dabei sind aber die Belegzahlen außerordentlich niedrig, da das Wort von den meisten Übersetzungen ganz ausgespart wird.

442 Bei einer anderen Gewährsperson derselben Altersgruppe ist dieser Zusammenhang nicht ganz so eindeutig. In der Dialekterzählung von Herrn 9 (1939 A) herrscht zwar auch das apikale r vor, er artikuliert ausnahmsweise aber auch die phonetisch genuin niederdeutschen Wörter rutlopen und rinsteckt mit Zäpfchen-r. Ansonsten spricht er nur den Namen seiner Tochter, mit der er nahezu ausschließlich hochdeutsch spricht, mit Zäpfchen-r aus, was sich ebenfalls als lexikalischer Transfer aus dem Hochdeutschen interpretieren lässt. In den übrigen Dialekterzählungen der Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration wird, wie oben bereits gesagt, ausschließlich apikales r realisiert.

443 Vgl. Reuter (2015: 336–337), die einen „drastischen Rückgang des Merkmals“ in den norddeutschen Regiolekten konstatiert. Die entsprechende Karten im Norddeutschen Sprachatlas, die für die 1960er Jahre zum Teil noch hohe Gebrauchsfrequenzen im nordniedersächsischen und nordostfälischen Raum belegen, können für die Gegenwart so gut wie keine Nachweise für regiolektales alveolares s-t, s-p mehr dokumentieren, vgl. ebd.: Karten K14.1 und K14.2.

444 Vgl. Gernentz (1974: 225) oder Goltz (2010: 247). Reershemius (2004: 100–101) beobachtet den tiefgreifenden Lautwandel auch im ostfriesischen Niederdeutsch. Selbst in Hamburg, wo alveolares s vor t in der laienlinguistische Wahrnehmung bis heute „als typisches Merkmal des Hamburgischen“ (Hettler 2016: 182) gilt, ist in spontansprachlichen niederdeutschen Äußerungen von Sprechern verschiedener Altersgruppen – bei beachtlichen individuellen Differenzen – insgesamt ein starker Abbau der ‚spitzen Aussprache‘ zu beobachten (Bieberstedt 2016: 121).

445 Vgl. Warnkross (1912: 62) und die Wortkarte „Schwester“ in Georg Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reiches, www.regionalsprache.de/SprachGis/Map.aspx: WA 247 (Stand: 7.9.2017), die sich auch die entsprechende Karte in König / Elspaß / Möller (2015: 150) zu Vorlage nimmt. Nach Herrmann-Winter (1991: 21) gibt es aber in Vorpommern „sogar heute noch Reliktlagen, etwa in Neuendorf auf Hiddensee, Südostrügen oder auf dem Darß“, vgl. die Lautkarten für sl > schl, sn > schn, sw > schw in Herrmann-Winter (2013: 36–38). Schon Wenkers Sprachatlas zeigt, dass der Lautwandel überdies lexemabhängig voranschritt, seine Karte zu schwarz (WA 90) zeigt beispielsweise noch für das gesamte niederdeutsche Gebiet den Anlaut sw.

446 Die möglichen Testwörter „bestellt“ (WS 20) und „Stück“ (WS 32) wurden aus der Untersuchung ausgeschlossen, weil ihre niederdeutschen Übersetzungen mit der standarddeutschen Entsprechung isomorph sind. Vgl. die vollständigen Übersetzungsvorlagen im Anhang 9.4.

447 Die Gebrauchsfrequenzen der Variante unterscheiden sich hier mit einem p-Wert von 0,0000.

448 Lautdenkmal Aufnahmenummer LD60193 / ND097, 15.2.1937, Erzählung, Mann geb. 1871. Aufnahmenummer: LD60109 / ND096, 2. Fassung, Ort: Warnemünde-Rostock, 7.12.1936, inszeniertes Gespräch zwischen zwei Personen geb. 1882 und 1898. Ein Zusammenhang zwischen der Realisierung des st und dem Urbanitätsgrad des Lebensumfeldes der jeweiligen Gewährsperson, der sich in den Aufnahmen des Lautdenkmals noch abzeichnet und den auch die Literatur zum städtischen Ausgangspunkt des Lautwandels zu scht nahelegt, ist in den Sprachdaten der 24 untersuchten alteingesessenen Probanden der Vorkriegsgeneration nicht mehr feststellbar.

449 Der Vorlagensatz 13 „Sie tat so, als hättet ihr sie gar nicht bestellt“ wird z. B. als „Sai dei sou as wenn ji ir gorniks secht harden.“ (‚als wenn ihr ihr gar nichts gesagt habt‘) übersetzt.

450 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR), Sigle DR934, vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

451 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR), Siglen DR928 und DR932, vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

452 Korpus: MR PAD, Siglen WEG55AW1 und WEG 56AW2, Mann geb. 1924 und Mann geb. 1926, Aufnahmejahr 1990. https://www.regionalsprache.de/Audio/Katalog.aspx (Stand: 16.11.2017).

453 Mit einem p-Wert von 0,0938 ist diese Zunahme der Anteile der alveolaren Variante bei den geringen Belegzahlen für die Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen allerdings noch nicht signifikant.

454 Die starke Zunahme der alveolaren Variante in der Generationsfolge der Vertriebenenfamilien erreicht wegen der geringen Belegzahlen allerdings noch keine statistische Signifikanz (p-Wert 0,225).

455 Dem entspricht, dass bei Erhebungen für den Norddeutschen Sprachatlas in regiolektalen Äußerungen von Gewährspersonen mittleren Alters in den Jahren 2008–2010 weder in Mecklenburg noch in Vorpommern Belege für alveolares s vor p und t nachzuweisen waren. Das Merkmal ist jedenfalls in der mittleren Altersgruppe der Sprecher offenbar vollständig aus dem mecklenburgischen Regiolekt getilgt, vgl. Reuter (2015: 337, Karte K14.1).

456 Lauf (1996: 205) hatte das in regiolektalen Aufnahmen der 1960er Jahre in Nordniedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern gelegentlich noch auftretende [st] und [sp] als „offenbar idiolektal“ bewertet. Diese Vermutung trifft zumindest für meine Gewährspersonen nicht zu. Auer (1998: 191) macht für das stereotype „Stolpern übern spitzen Stein“ in der Hamburger Stadtsprache eher soziolinguistische Funktionen geltend: „Die regionale Form ist also offensichtlich sowohl kennzeichnend für höheres Lebensalter als auch für das Harmoniemilieu.“

457 Vgl. Elmentaler (2008: 69).

458 Vgl. die zahlreichen, meist literarischen Belege für diese Entwicklung bei Köhncke (2010: 426–427).

459 www.regionalsprache.de/SprachGis/Map.aspx: WA 71 (Stand: 15.7.2017). Zu Ostholstein vgl. Kaestner (1938: 19): „Die alten niederdeutschen Wörter Kark ‚Kirche‘ und Węk ‚Woche‘ sind in Ostholstein durch hochdeutsches Kirch und Woch verdrängt worden.“

460 Wiesinger (1983 a: 884–885), vgl. schon Foerste (1954: Sp. 2050–2051).

461 Herrmann-Winter (2003: 267). Im niederdeutsch-hochdeutschen Teilband des Wörterbuchs vermerkt Herrmann-Winter (1999: 373), das Lexem Wäk sei „veraltend“ und werde „jetzt von Woch verdrängt“.

462 Mussaeus (1829: 70, 80), Ritter (1832: 79), Wiggers (1857: 43) und Nerger (1869: 190).

463 www.regionalsprache.de/SprachGis/Map.aspx: WA 548 (Stand: 12.7.2017). Einen ähnlichen Raumgegensatz zwischen Mecklenburg und Vorpommern zeigen noch die späteren Karten bei Foerste (1954: Sp. 2051–2052) und König / Elspaß / Möller (2015: 155).

464 Lindow et al. (1998: 157). Der Neue Sass (2007: 384, 432), der als populäres Handwörterbuch vor allem das nordniedersächsische Plattdeutsch erfasst, gibt für Woche und sich ausschließlich Varianten mit unverschobenem Plosiv an. Das Hochdeutsch-Plattdeutsche Wörterbuch des Instituts für Niederdeutsche Sprache, das die Region Mecklenburg-Vorpommern nicht abdeckt, verzeichnet zwar neben Week auch Woch / Wuch, aber ausschließlich unverschobenes sik (Harte / Harte 1997: 183 und 237).

465 Die Belegkontexte der Testwörter sind in den historischen Wenkersätzen die folgenden: Wenkersatz 5: „sechs Wochen“, WS 33: „Sein Bruder will sich […] Häuser […] bauen.“ Im erweiterten Übersetzungstest zusätzlich Satz 44: „Zu Mittag setzte sich der Lehrling gern auf den Stuhl […]“. Vgl. Anhang 9.4.

466 Textvorgabe in Wenkersatz 5: „Er ist vor vier oder sechs Wochen gestorben.“

467 Korpus: Phonetischer Atlas von Deutschland (MR PAD), Siglen WEG 55 AW1 (*1926), WEG 56 AW1 (*1924), Aufnahmejahr 1990, vgl. https://www.regionalsprache.de/Audio/Katalog.aspx (Stand: 12.7.2017).

468 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR), Sigle DR932, vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 12.7.2017). In den Aufnahmen des Lautdenkmals reichsdeutscher Mundarten aus meinem Erhebungsgebiet findet sich leider kein Beleg für Wäk oder Woch‘.

469 Der Belegkontext in Wenkersatz 4 lautet: „Der gute alte Mann ist mit dem Pferd auf dem Eis eingebrochen.“

470 Lenz (2005: 77).

471 Aufnahmenummer: LD60109 / ND096, 2. Fassung, Ort: Warnemünde-Rostock, 7.12.1936, inszeniertes Gespräch zwischen zwei Personen geb. 1882 und 1898; Aufnahmenummer LD60193 / ND097, 15.2.1937, Erzählung, Mann geb. 1871.

472 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD), Deutsche Mundarten: DDR (DR), Siglen DR928, DR932 und DR934, vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 12.7.2017).

473 Korpus „Phonetischer Atlas von Deutschland“ (MR PAD), Siglen WEG 55AW1, WEG 56AW1. Vgl. https://www.regionalsprache.de/Audio/Katalog.aspx (Stand: 16.11.2017).

474 Aufnahmenummer LD60193 / ND097, 15.2.1937, Erzählung, Mann geb. 1871.

475 Übersetzung: Dass er ‚mit meiner schwachen 15 PS-Maschine keinen Hering fischen kann‘ und dass ‚man mit der schwachen 15 PS-Maschine das Boot bei schlechtem Wetter nicht an der Angel halten kann‘. Aufnahme­nummer: LD60109 / ND096, 2. Fassung, Ort: Warnemünde-Rostock, 7.12.1936, inszeniertes Gespräch zwischen zwei Personen geb. 1882 und 1898.

476 Um wenigstens ein Beispiel für denselben Prozess bei einen anderen Plosiv zu nennen: Beim Lexem Herz weist die entsprechende Wortkarte aus dem Sprachatlas Wenkers nicht nur eine weiträumige Dominanz der hochdeutschnahen Lautung in Brandenburg und Mittelpommern nach, sondern auch eine dichte Streuung von Nachweisen dieser lautverschobenen Konkurrenzform zu Hart, die offenbar schon 1880 areal über ganz Vorpommern und nach Westen bis an die Warnow heran ausgebreitet war. Vgl. www.regionalsprache.de/SprachGis/Map.aspx: Wortkarte WA 476 (Stand: 16.11.2017).

477 Vgl. die Darstellung der Datenerhebung und Untersuchungsanlage in Kehrein (2012: 74–78) oder https://www.regionalsprache.de/projektbeschreibung.aspx (Stand: 16.11.2017). Die zitierten Aussagen basieren auf Sprachdaten von insgesamt nur vier (bzw. bei Vorberger drei) Gewährspersonen aus drei Altersgruppen pro Erhebungsort. Die Untersuchungen des REDE-Projekts zielen allerdings in erster Linie auf die Ermittlung der vertikalen Struktur der Sprachlagen in unterschiedlichen Regionen. Das zentrale quantitative Analyseverfahren ist daher das der Dialektalitätsmessung von situativ variierendem Sprachgebrauch, das jeweils das ganze Ensemble von standardabweichenden Merkmalen einbezieht und nicht die diachrone Entwicklung einzelner Variablen ins Auge fasst.

478 Vgl. die nicht publizierte Masterarbeit Hansen (2009). Eine Auswahl der dort untersuchten Sprachvariablen diskutiert Hansen (2017). Herrmann-Winters (2013: 87–107) Sprachatlas für Rügen und die vorpommersche Küste, an dem Hansen mitgearbeitet hat, dokumentiert verschiedene Sprachwandelprozesse auf der lexikalischen und lautlichen Ebene des Niederdeutschen in der Region kartographisch.

479 Es fehlen deshalb im Säulendiagramm der Abbildung 5.4.1-1 in der Säulengruppe zum apikalen r Daten zu den historischen Wenkerbögen.

480 Der Anstieg der Prozentwerte seit der Wenker-Zeit könnte bei dieser Variante aber zum Teil auch darauf zurückzuführen sei, dass sich ihr Gebrauch in der schriftlichen Erhebung Wenkers nicht vollständig abbildet, vgl. Abschnitt 5.3.2.

481 Elmentaler (2009: 359). Zur Entwicklung der r-Realisierung in Schleswig Holstein vgl. Wilcken (2013), zur Angleichung des Initialclusters st- an die standarddeutsche Lautung im ostfriesischen Niederdeutsch Reershemius (2004: 100–101).

482 Voeste (2017: 202). Vgl. das Konzept der Ausbreitung sprachlicher Innovationen über die „lexical diffusion, the theory that a linguistic change spreads gradually across the lexicon, from morpheme to morpheme“ (Chambers / Trudgill 1980: 175). Nach dem „S-curve model“ steigt der Grad der lexikalischen Diffusion einer phonetisch- phonologischen Neuerung im Wortschatz nach einer längeren Anfangsphase allmählicher Zunahme stark beschleunigt an, während in der Endphase der Durchsetzung die Zuwachsraten wieder abflachen (ebd.: 179).

483 Im Bereich der Verbmorphologie sieht schon Beckmann (1954 / 1955: 130) die „markanteste“ Entwicklung im mecklenburgischen Niederdeutsch gegenüber dem Sprachstand bei Fritz Reuter. Auch in der Morphosyntax nominaler Einheiten des Niederdeutschen zeichnet sich ein struktureller „Umbruch“ (Berg 2013: 330) ab. Im Hintergrund dieser Entwicklungen in der niederdeutschen Nominalmorphologie steht nach Bergs empirischer Untersuchung an drei Vergleichsorten im Nordniedersächsischen, Westfälischen und Ostfälischen ebenfalls die „Konvergenz zum Standarddeutschen“ (ebd.).

484 Mattheier (1996: 49). Mattheier bezieht sich mit seiner Modellierung des kontaktinduzierten Sprachwandels auf Trudgills (1986) Konzept der „Fokussierung“ der Variantenvielfalt im Dialektkontakt.

485 Dialect levelling, the process which reduces variation both within and be­tween dialects, is structural dialect loss“ (Hinskens / Auer / Kerswill 2005: 11).

486 Ein Zusammenhang der Merkmalsausprägung des intendierten Niederdeutsch mit dem Geschlecht der jeweiligen Gewährspersonen ließ sich dagegen nicht zweifelsfrei ausmachen.

487 Der Zusammenhang zwischen Wohnortgröße und dem Charakter des intendierten Niederdeutsch konnte nur in der Gruppe der 24 Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration untersucht werden, weil nur hier zahlenstarke Vergleichsgruppen von jeweils fünf oder sechs lebenslang ortfesten Probanden für Großstadt, Kleinstadt und Dorf gegenüber gestellt werden konnten.

488 Bieberstedt (2008: 58). Zu einem ähnlichen Befund kommt auch die soziolinguistische Untersuchung von Huesmann (1998: 154), die unter anderem die Sprachverhältnisse in Rostock und der mecklenburgischen Kleinstadt Sternberg vergleichend einbezieht: „Die Kleinstädte erweisen sich als ‚Hüterinnen‘ der Dialekte, mit im Vergleich zu den Großstädten höherer Dialektalität und positiverer Einstellung gegenüber ihrer Mundart. Dagegen sind die Großstädte die ‚Wegbereiterinnen‘ des Hochdeutschen, mit im Vergleich zu den Kleinstädten größerer Standardnähe und höherer Akzeptanz des Hochdeutschen.“

489 Vgl. Beckmann (1954 / 1955: 131).

490 Der ostniederdeutsche Einheitsplural ist bereits in der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen derart stark abgebaut, dass hier quantitative Unterschiede zwischen Probandengruppen aus verschiedenen Wohnorten nicht mehr sinnvoll zu ermitteln sind.

491 Gundlach (1988: 436). Vgl. Huesmann (1998: 154).

492 Hinskens / Auer / Kerswill (2005: 46). Im Anschluss an Trudgill (1986: 60) kann für die Autoren das Resultat der Bildung phonetisch angenäherter „interdialectal forms“ im Varietätenkontakt auf lange Sicht ein „fudged dialect“ sein, im Unterschied zum „mixed dialect“, der allein auf lexikalischem Transfer beruht (ebd.).

493 Vgl. Schröder (2004: 76–77) und Elmentaler (2009: 342).

494 Elmentaler (2009: 342). Auch Hansens (2009: 111) Analyse des Niederdeutschen auf Rügen stellt im Ergebnis „die im Untersuchungszeitraum deutlich erkennbare sprachliche Annäherung an das Hochdeutsche als vorherrschende Sprachentwicklungstendenz“ heraus.

495 Vgl. Peters (2015: 31).

496 Für die beiden miteinander verschränkten Prozesse des Sprachwandels sind in der Literatur – mitunter bei denselben Autoren – unterschiedliche Bezeichnungen in Umlauf. Lenz (2005: 85) unterscheidet zunächst den strukturellen „Dialektabbau“ und die funktionale „Dialektabnahme“, um wenig später den „Abbau lokaler / kleinräumiger Dialektmerkmale zugunsten großräumiger regionaler Merkmale“ als „Dialektumbau“ zu bezeichnen, der mit der „Dialektaufgabe“ („der Abnahme von Verwendungssituationen und Domänen“) einhergeht (Lenz 2007: 5).

497 Die diachronen Prozesse des kommunikativen „Dialektverlusts“ und des damit einhergehenden graduellen Verlusts der Dialektkompetenz werden im zweiten Band dieser Untersuchung nachgezeichnet.

498 Boas (2009: 240) beschreibt den abrupten Sprachwechsel vom Texas German zum Englischen, dem ähnlich wie bei der Ablösung des Ostfriesischen durch das Hochdeutsche kein Strukturwandel vorausging, metaphorisch wie folgt: „We can describe the current state of Texas German as not only dying with its morphological boots on, but also with its phonological and syntactic boots on.“ Der kommunikative Dialektverlust in Mecklenburg wird, um im Bild zu bleiben, dagegen davon begleitet, dass das exklusive ‚strukturelle Schuhwerk‘ des Dialekts seit über einem Jahrhundert Stück für Stück in Lexik, Morphosyntax und Phonetik / Phonologie der hochdeutschen Mode angepasst wurde.

499 Vgl. Elmentaler (2009: 342).

500 Auch Elmentaler (2015: 312) spricht von der „konservativen Tendenz von Dialekttexten im Vergleich zur gesprochenen Alltagssprache“: „Entsprechend ihrer Funktion, einen möglichst authentischen und traditionellen Sprachstand zu dokumentieren, neigen viele Dialektautoren zu einem Gebrauch älterer Formen.“

501 Im Taschenwörterbuch Der Neue Sass (2007) beispielsweise werden noch in der vierten Auflage von 2007 veraltete Wortformen wie Snee und swart lemmatisiert, die in modernen niederdeutschen Dialekten längst durch die standardnäheren Formen Schnee und schwart abgelöst worden sind, vgl. Abschnitt 5.3.5 und Elmentaler (2009: 355).

502 Mit der „reallocation“ von Varianten, die Trudgill (1986: 125) im Varietätenkontakt identifiziert, kommt dieser Befund darin überein, dass es auch im Niederdeutschen einzelne Varianten sind, die gegen einen allgemeinen Trend des Strukturwandels konserviert werden. Und es ist auch hier davon auszugehen, dass diesen abbauresistenten Varianten von den Sprechern eine „extra-strong salience“ beigelegt wird. Die revitalisierten Varianten übernehmen im Falle des Niederdeutschen, bei dem es weniger um Varietätenkonvergenz als um einseitige Advergenz geht, aber keine neue stilistische oder sozialsymbolische Funktion in neuen Formenensembles, sondern sie markieren die Ausgangsvarietät als solche.

503 Herr 58 (1950 AA) und Herr 89 (1950 AA) wählen jeweils in zwei Kontexten ihrer Wenkerübersetzungen and als niederdeutsches Äquivalent zu und. Frau 85 (1954 AA) übersetzt und in Wenkersatz 9 zunächst ebenfalls mit and, stockt, lacht und repariert dann kommentarlos zu und.

504 Nach Lauf (1996: 204) ist in Korpora der 1970er Jahre im mecklenburgischen Regiolekt „zumindest gelegentlich[…]“ eine retroflexive Variante des r nachzuweisen gewesen, die eventuell auf lokales niederdeutsches Substrat zurückzuführen sein könnte. Ältere Dialektgrammatiken sprechen allerdings durchgehend für eine apikale Realisierung des r im Mecklenburgisch-Vorpommerschen. Und auch das extrem seltene Auftreten der retroflexiven r-Variante in den Wenkerübersetzungen der beiden Gewährspersonen spricht dafür, dass es sich hier um punktuellen Transfer aus dem Englischen handelt. Frau 67 übersetzt außerdem an zwei Stellen hochdeutsches fünf als [fa͜ɪv] (five), korrigiert sich dabei aber einmal zu niederdeutsch fif.

505 Das Phänomen beobachtet auch Vorberger (2016: 161) in seiner Untersuchung zu „Niederdeutsch auf Rügen“.

506 Köhncke (2006: 179). Vgl. Ehlers (2013) und den knappen Forschungsbericht in Abschnitt 1.1 dieses Buches.

507 Vgl. für Sachsen-Anhalt Föllner (2000), für den Raum Flensburg Mangelsen (2015). Mit erheblichen regionalen Unterschieden innerhalb Norddeutschlands ist allerdings zu rechnen.

508 Nur in Ausnahmefällen haben einzelne Gewährspersonen ihren Dialekterwerb durch die Lektüre niederdeutscher Literatur bewusst gestützt. Der Erwerb des Niederdeutschen und die Umstände, unter denen er stattfand, werden im zweiten Band dieser regionalen Sprachgeschichte in generationsübergreifendem Wandel dargestellt.

509 Die Rundung des kurzen i ist in der mittleren Altersgruppe der Bevölkerung in den Regiolekten „in allen Regionen östlich der Weser weit verbreitet“ und weist jedenfalls in den überprüften Regionen Dithmarschen, Schleswig, Holstein und Nordhannover insgesamt „nur einen geringen Grad an Salienz“ auf (Elmentaler 2015 c: 166, 167). Vgl. die auch Mecklenburg-Vorpommern einschließende Karte V7.4 ebd. auf S. 163.