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Timur Kibirovs dichterisches Werk in seiner Entwicklung (1979–2009)

Ringen um Werte in einer Zeit der Umbrüche

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Marion Rutz

Ein Paradigmenwechsel Mitte der 1990er Jahre hat in der Slavistik die Gegenwartsliteratur als Thema etabliert, allerdings betraf er vor allem die postmoderne Prosa. Die Dichtung (Lyrik) erfuhr lange Zeit wenig Aufmerksamkeit. Diese Arbeit stellt einen der wichtigsten russischen Dichter der letzten Jahrzehnte vor: Timur Kibirov (*1955). Kibirovs Verstexte sind ein Seismograph der gesellschaftlichen Prozesse im spät- und postsowjetischen Russland. Immer wieder fragen sie nach moralischen, ästhetischen und religiösen Werten. Sie suchen nach einem Mittelweg zwischen den Extremen der ideologischen Verfestigung und des postmodernen Relativismus, ob sie in konzeptualistischer Manier sowjetische Ideologie dekonstruieren oder postmodern für Moral und Glauben agitieren.

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5. Künstlerische Neuausrichtung: Feindbilder und Vorbilder

5. KÜNSTLERISCHE NEUAUSRICHTUNG: FEINDBILDER UND VORBILDER569

                            Но я верю, у меня хватит сил (я все-таки еще достаточно молод) найти что-то еще. Я просто не буду писать, если не найду чего-то нового, я человек ленивый. Я могу писать, лишь когда мне безумно интересно и я не совсем уверен, смогу ли я это сделать.

Timur Kibirov im Interview (1992)570

Während Рождественская песнь квартиранта und Сквозь прощальные слезы die historische Umbruchssituation verarbeiten und nach der zukünftigen Entwicklung der Gesellschaft fragen, proklamieren und initiieren die folgenden zwei Bücher eine neue Schaffensphase. Kibirov löst sich von Themen, die primär politische Implikationen aufweisen. Dieser Einschnitt im Werk zeigt sich in den Gesamtausgaben – die Vremja-Bände von 2005 und 2009 lassen das „aktuelle“ Schaffen eben 1988 beginnen –, er wird durch das Vorwort zu Стихи о любви (1988) explizit gesetzt und vom Autor in Interviews kommentiert: Das politische Thema sei erschöpft gewesen.571

In der Tat erschienen in den „dicken“ Zeitschriften gerade in dieser Zeit antistalinistische „Schubladenromane“ (1987 z. B. Vladimir Dudincevs Белые одежды oder Anatolij Rybakovs Дети Арбата) und verbotene Werke mit antisowjetischen Inhalten (1988 u. a. Boris Pasternaks Доктор Живаго).572 Derartige Texte dienten als Katalysatoren für öffentliche Debatten573 und waren in ← 179 | 180 → aller Munde. Paradox ist allerdings, dass Kibirovs Neuausrichtung parallel zum Einsetzen der Rezeption seiner sowjetkritischen Gedichte durch eine breitere Öffentlichkeit vor sich ging. Während Werke wie Когда был Ленин маленьким, Жизнь К. У. Черненко und Л. С. Рубинштейну für Aufsehen sorgten und als Teil der Perestrojka-Literatur wahrgenommen wurden, hatte der Dichter selbst sich alternativen Themen zugewandt.

Im vorliegenden Kapitel soll untersucht werden, wie sich diese erste Zäsur in Kibirovs Werk vollzieht, welche Abgrenzungen und neuen Perspektiven in den Gedichten entwickelt werden. Behandelt werden Schlüsseltexte aus den Büchern Стихи о любви (1988) und Сантименты (1989). Im Zentrum der Analyse stehen drei programmatische Gedichte: In dem schon erwähnten, in Verse gesetzten Vorwort От автора (Стихи о любви) sowie im Versbrief Мише Айзенбергу. Эпистола о стихотворстве (Сантименты) bezieht der Untergrunddichter gegenüber dem offiziellen sowjetischen Literaturbetrieb Position und projektiert die Richtung des eigenen Schreibens. Das dritte Teilkapitel beschäftigt sich mit dem umfangreichen Gedicht К вопросу о романтизме (Сантименты), das eine Ausrichtung auf eine positive Ideologie vornimmt, die Kibirovs Werk in den 1990ern dominieren wird und – mit gewissen Transformationen – bis in die Gegenwart fortwirkt. Die Tatsache, dass in den untersuchten Texten weniger der Zustand der Gesellschaft analysiert, als persönliche Positionen artikuliert werden, spiegelt sich in der veränderten kommunikativen Gestaltung der Gedichte. Der als „Ich“ konzipierte Sprecher rückt ins Zentrum und wird mit biographischen Zügen ausgestattet, die sich in den weiteren Texten der Bücher noch verdichten. Kibirovs Dichtung wird „lyrischer“.

Aus literaturgeschichtlicher Perspektive sind Kibirovs Texte von großem Interesse, da sie die Veränderungen einfangen, die in den späten 1980er Jahren einsetzten. Zum einen illustrieren sie die antagonistische Struktur des literarischen Feldes, auf dem sich offizielle Autoren und underground feindlich begegneten, und den Kampf der bisher Marginalisierten um die Aufwertung der eigenen Position. Zum anderen entwickeln die Gedichte ein postsowjetisches weltanschauliches Modell, das nicht mit politischen Begriffen wie sowjetisch vs. liberal / demokratisch operiert, sondern einen archetypischen Dualismus romantisch vs. antiromantisch aufbaut.

In allen drei Texten finden sich zahlreiche intertextuelle Bezüge, die die eigenen Positionen gestalten und plausibilisieren. Aus ihnen lässt sich ein literarisches Weltbild rekonstruieren, das typisch für den literarischen underground ist, jedoch auch spezifisch Kibirov’sche Präferenzen aufweist. ← 180 | 181 →

5.1.     POETISCHE WENDE: DAS VORWORT ZUM BUCH СТИХИ О ЛЮБВИ

Das Autorvorwort in Versen, das den zum Buch Стихи о любви angeordneten Gedichten ursprünglich vorangeht, ist ein für die Einteilung von Kibirovs Œuvre zentraler Text (vgl. Kapitel 2.2). Dass die Forschung – mit Ausnahme des erwähnten fehlerhaften Bezugs im Artikel von Andrej Nemzer und Mark Lipoveckij (vgl. S. 54f.) – von diesem От автора betitelten Manifest bislang keine Kenntnis genommen hat, liegt an der Publikationssituation. Das Gedicht fehlt in den Gesamtausgaben der 2000er Jahre; es findet sich nur in der ersten größeren Edition Сантименты. Восемь книг (1994) sowie zwei Jahre früher in der 1990–1995 erscheinenden Zeitschrift Вестник новой литературы, die sich als Alternative zu den sowjetischen Periodika und als Fortsetzung der Tradition der inoffiziellen Literatur positionierte.574

Während Manifeste der neuen Autorengeneration wie Viktor Erofeevs bekannter Artikel Поминки по советской литературе, der der russischen Literatur „Hypermoralismus“ bescheinigte und auch die liberale Perestrojka-Literatur für überholt erklärte,575 in der Regel über Prosa und aus der Perspektive von Prosaikern sprechen, geht es bei Kibirov um die Sicht eines Dichters. Die Kritik trifft zwar ähnliche Autoren des offiziellen Literaturbetriebs und richtet sich ebenfalls gegen deren politisch-gesellschaftliche Ambitionen, unterscheidet sich jedoch hinsichtlich der Vorstellungen, in welche Richtung die Literatur bzw. das eigene Werk entwickelt werden soll. Erofeev wählt de Sade576 und Baudelaires Fleurs du mal als Leitsterne577 und widmete sich als Schriftsteller in der Tat den düsteren Seiten des menschlichen Verhaltens. Kibirov hingegen will v. a. Nabokov nachfolgen und beschreibt seine literarische Alternative über Referenzen auf den Klassizismus. ← 181 | 182 →

5.1.1.  Polemische Abgrenzungen gegen die Perestrojka-Literatur

Was Kibirovs Gegnerschaft zur sowjetischen Literatur betrifft, wird ein erster Antagonist schon über das Motto benannt, das aus dem Gedicht „Как мальчик, волнуясь, читает письмо…“ von Aleksandr Kušner (*1936) stammt:

Так ты и с политикой дружен?
        –И с нею.        А. С. КУШНЕР

Die Referenz taucht erneut in Abschn. 7 von Kibirovs Gedicht auf, und zwar explizit als Gegenposition zu der des Sprechers:

        Если Кушнер с политикой дружен теперь

        я могу возвратиться к себе.

1987 war besagter Text zusammen mit fünf weiteren Gedichten Kušners unter der Überschrift Московские новости in der Zeitschrift Ogonёk, einem Leitmedium der Perestrojka, erschienen.578 In dem zitierten Gedicht Kušners beschreibt ein Sprecher das erwachte Interesse am politischen Geschehen und der Tagespresse:

        Так долго мы жили погодой одной,         
        Лишь в шелесте лиственном смысл находили,         
        Но я – человек, а не иволга, мой         
        Ум жаждет вестей, кроме влаги и пыли.         
        И Тютчева я понимаю: тесны         
        Ему одинокие вечные темы.         
        Мне полночи мало, мне мало весны,         
        Есть область, где жизнью захвачены все мы.        [Str. 3–4]

Dass ausgerechnet Kušner als Antagonist fungiert und dieser tatsächlich ein Bekenntnis zur Tagespolitik verfasst hat, überrascht, denn er gilt nicht als politischpublizistischer Autor, sondern als Dichter eben des Privaten.579 Der Literaturkritiker Michail Berg nennt Kušner u. a. den inoffiziellsten unter den offiziellen Dichtern.580 Dabei ist Kibirovs Bezugnahme insofern plausibel, dass „poetische ← 182 | 183 → Publizistik“ tatsächlich zum Mainstream geworden ist, wenn auch ein genuin apolitischer Lyriker sich dem Trend anschließt.

Die Polemik in От автора richtet sich allerdings nicht primär gegen Kušner und seinen einmaligen politisch-publizistischen Exkurs, sondern gegen ein allgemeiner gefasstes Gegenüber, das im Text als anonymes „Du“ in Erscheinung tritt, während auf Kušner in der 3. Person Bezug genommen wird. Abschn. 1 stellt einen Zusammenhang mit der Perestrojka her, die Kritik richtet sich somit gegen die Personen, die die neue Politik mittragen (ob nur Literaten gemeint sind oder Politiker, wird nicht konkretisiert, jedoch erscheint ersteres plausibler). Dabei wird die Ablehnung sehr expressiv formuliert:

        В общем так – начинай перестройку с себя,581

        А меня ты в покое оставь!

Sie artikuliert sich im Weiteren über drastische Metaphern des Bespuckens, Sich-Übergebens und üblen Geruchs:

        Но, слюну тошнотворную не удержав,         
        я плевал на тебя, я плевал на Устав,         
        я плевал на Устав и тебя!        [Abschn. 1]
        Я два пальца сую в искривившийся рот.        [Abschn. 3]
        Я свищу. А потом меня рвет.        [Abschn. 4]
        дурно пахнет гражданственный стих!        [Abschn. 2]
        Потому что ты пахнешь, любезный жених, пахнешь, фраер, при всех дезодорах своих, ах мсье Пьер, ты воняешь и врешь!        [Abschn. 2]
        ибо потом разит от лакейских потуг        [Abschn. 4]
        ибо потом и жиром прогорклым разит!        [Abschn. 5]

An argumentativen Begründungen gegenüber der Ablehnung der Perestrojka findet sich der Kritikpunkt, dass die Diskussionen nach wie vor in den überkommenen Formen geführt würden, als Ja-oder-Nein-Urteile:

        Так решай без меня наболевший вопрос –         
        Враг был Троцкий иль все-таки нет?         
        Гениален Высоцкий иль все-таки нет?         
        Обречен ли на гибель колхоз,         
        Госкомстат, Агропром, комбижир, корнеплод,         
        опорос, опорос, ВПШ и Минпрос ...        [Abschn. 3]

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Aus Sicht des in der 1. Person Sprechenden stellt die Perestrojka keinen Neuanfang dar, sondern eine Fortsetzung des Bekannten – eine ähnliche Sicht findet sich ebenfalls z. B. in Любовь, комсомол и весна V (siehe Kapitel 4.2.6). Die Literaten werden als Unterstützer von laut Text auf Restauration zielenden Reformen kritisch bewertet, vgl. in Abschn. 8 die Deformation von Gorbačevs Slogan „Vorarbeiter der Perestrojka“ („прорабы перестройки“), bzw. der ihm zugrunde liegenden Wendung „Vorarbeiter des Geistes“ („прорабы духа“) aus Andrej Voznesenskijs gleichnamigem Gedicht von 1984.582 Bei Kibirov werden daraus „Vorarbeiter des Barackengeistes“, die in der Unfreiheit (den engen Baracken) verharren:

        Ах, прораб мой, барачного духа прораб        [Abschn. 7]

5.1.2.  Jenseits der staatsbürgerlichen Pflicht: von der Leier zur Hirtenflöte

Kibirovs Sprecher distanziert sich aber nicht nur von den aktiven Perestrojka-Befürwortern, sondern von der Tradition der staatsbürgerlichen Dichtung insgesamt. Seine Position wird über drei intertextuelle Bezugspunkte definiert: einerseits Nekrasov als Prototyp des politisch-engagierten Dichters, andererseits Mandel’štam und Nabokov, die die a-politische Position legitimieren. Letztere stehen in einem besonderen Rezeptionskontext – die Werke des repressierten Dichters und des Emigrationsautors wurden Ende der 1980er nach Jahrzehnten der sowjetischen Zensur einer breiten literarischen Öffentlichkeit zugänglich.

Nekrasov verkörpert mit dem bekannten Begriffspaar гражданин – поэт bzw. dem Zitat „Поэтом можешь ты не быть, / Но гражданином быть обязан“ das Leitbild der sowjetischen Literatur, das dem Dichter gesellschaftliche Verpflichtungen zuweist.583 Bei Kibirov wird im Gegensatz dazu eine Trennung der Sphären postuliert:

        Забирай, гражданин, и владей,         
        лиру скорби гражданской бери, не робей,         
        мне теперь не по чину она!         
        Я тебе подыграть не сумею на ней,         
        потому что не волк я по крови своей,         
        и не пес я по крови своей.        [Abschn. 6]

Diese Verweigerung gegenüber dem staatsbürgerlichen Literaturkonzept wird durch ein Zitat aus einem Gedicht von Mandel’štam – „За гремучую доблесть ← 184 | 185 → грядущих веков…“ (1931)584 – flankiert. Bei der metaphorisch-mehrdeutigen Aussage des Sprechers, dass er kein Wolf sei, obwohl er von einem Wolfshund-Jahrhundert angefallen werde, scheint es um eine Existenz jenseits der politischen Kämpfe der jeweiligen Zeit zu gehen. Die Mandel’štam-Kenner Michail Gasparov und Oleg Lekmanov interpretieren die Distanzierung von der Wolfs-Identität so, dass Mandel’štam keine Gefahr für die neue Ordnung habe sein wollen.585 Kibirovs „Ich“, das in diesem Text erneut für den Autor zu sprechen scheint, verwehrt sich ebenfalls gegen die Wolfsmetapher, sowie auch dagegen, ein Hund zu sein; es weist die Rolle des Regimegegners sowie die des loyalen Mittäters von sich.

In Abschn. 8 taucht die Absage an die Staatsbürgerlichkeit als Wunsch zum Wechsel von Nekrasovs zu Nabokovs Metrum auf (vgl. Kap. 4.2.2):

        И некрасовский скорбный анапест586 менять

        на набоковский тянет меня!

Die postulierte Präferenz Nabokovs für den Anapäst geht wohl auf eine Stelle in dessen Gedicht Слава (1942) zurück, das stilistisch, inhaltlich und durch den spielerischen Ton an Kibirov erinnert.587 Der konzeptuelle Antagonismus zu Nekrasov macht Nabokov zum Vertreter einer Literatur, die nur sich selbst verpflichtet ist. Man denkt hier v. a. an das Nachwort zu seinem Skandalroman Lolita (zitiert in russischer Übersetzung):

        Для меня рассказ или роман существует, только поскольку он доставляет мне то, что попросту назову эстетическим наслаждением […]. Все остальное – это либо журналистическая дребедень, либо, так сказать, Литература Больших Идей, которая, впрочем, часто ничем не отличается от дребедени обычной, но зато подается в виде громадных гипсовых кубов, которые со всеми предосторожностями переносятся из века в век, пока не явится смель ← 185 | 186 → чак с молотком и хорошенько не трахнет по Бальзаку, Горькому, Томасу Манну.588

In Kibirovs Autorvorwort finden sich weitere Verweise auf Nabokov, der zu Kibirovs Lieblingsautoren gehört.589 Desjatovs Monographie zur Nabokov-Rezeption in der russischen Postmoderne notiert für От автора mehrere Parallelen;590 zentral und eindeutig sind die Erwähnungen von Monsieur Pierre (Мсье Пьер, Abschn. 2) und Cincinnatus (Цинциннат, Abschn. 9), die auf Nabokovs absurd-fantastischen Roman Приглашение на казнь (1935–1936) hinweisen.591 Über die Gleichsetzung des Gegenübers mit Monsieur Pierre, der sich im Roman als Henker entpuppt, und die Positionierung des Sprechers an der Seite von Cincinnat wird das Gut-Böse-Schema des Prätextes übernommen.

Eine weitere Referenz auf Приглашение на казнь findet sich unter den verschiedenen Punkten, die in Abschn. 9 mögliche Richtungen des eigenen, apolitischen Schreibens bezeichnen:

        И теперь, наконец, я могу выбирать:

        можно «Из Пиндемонти» с улыбкой шептать,

        можно Делии звучные гимны слагать,

        перед Скинией Божьей плясать!

        С Цинциннатом в тряпичные куклы играть,

        цвет любимых волос и небес описать,

        эту клейкую зелень к губам прижимать,

        под Ижоры легко подъезжать! ← 186 | 187 →

Das hier als Allusion aufscheinende Gedicht Из Пиндемонти von Puskin plädiert bekanntlich für die innere Freiheit des Künstlers, nur sich selbst und der Kunst gegenüber verpflichtet zu sein, was wichtiger sei als der Kampf um politische Rechte. Die nächste im Gedicht genannte Perspektive – Hymnen an Delia zu schreiben – bezeichnet die auf die Antike rekurrierende klassizistische Tradition der Liebesdichtung.592 Vor dem Tabernakel593 zu tanzen steht für das Thema Religion. Die letzten drei Verse umfassen Beschreibungen der Natur, der Geliebten sowie Amüsement und Vergnügen. In der schon angesprochenen Nabokov-Referenz (im obigen Zitat unterstrichen) ist schließlich neben dem erwähnten allgemeinen Plädoyer für eine zweckfreie Kunst (играть) eine weitere Bedeutung angelegt: Das Spielen mit „Lumpenpuppen“ lässt sich als Metapher eben für das intertextuelle Schreiben lesen, das bei Kibirov wie bei Nabokov ein zentrales Element der Poetik ausmacht: Cincinnat arbeitete in jungen Jahren in einer Spielzeugwerkstatt und stellte dort kleine Puškin-, Gogol’-, Tolstoj- und Dobroljubov-Puppen her.594 Desjatov weist allerdings darauf hin, dass Nabokovs Roman Приглашение на казнь nicht gänzlich außerhalb gesellschaftlicher Bezüge steht.595 In der Tat geht es im Buch um die Ausgrenzung einer Person durch das Konformität fordernde Kollektiv, allerdings wird dieser Konflikt auf eine absurd-phantastische Weise entwickelt, die wenig mit realistischer Anklageprosa gemein hat. Diese Beobachtung ist auf Kibirov übertragbar. Sie bestärkt die in der Einleitung (Kap. 1.2) vertretene These, dass Kibirovs Werk sich zwar zeitweise von der Tradition der staatsbürgerlichen Dichtung abgrenzt, jedoch implizit nach wie vor auf gesellschaftliche Entwicklungen reagiert.

Auf die Aufzählung unpolitischer Tätigkeitsfelder folgt in der letzten Strophe von Kibirovs Manifest-Gedicht ein Fazit, das die Entscheidung, dem eigenen Schreiben neue Richtungen zu geben und sich der politischen Instrumentalisierung zu entziehen (vgl. die Ansprache der anderen als ‚Genossen‘), ein weiteres Mal unterstreicht:

        Так что дудки, товарищи! Как бы не так!

        В ваши стойла меня не загонишь никак!

        Я не ваш, я ушел. Я не пойман, не вор!

        До свиданья, до встречи, дурак! ← 187 | 188 →

Geschickt gewählt ist hier das Wortspiel mit den Bedeutungen von дудки. Der Plural drückt in der Funktion einer Interjektion eine Verweigerung aus („Nichts da!“; „Pustekuchen, denkste“).596 Ursprünglich bezeichnet дудка allerdings eine Hirtenpfeife oder -flöte, wodurch auf die neue Ausrichtung von Kibirovs Werk in Richtung pastorale Lyrik angespielt wird. Der folgende Vers „В ваши стойла меня не загонишь никак!“ verweigert den Aufenthalt im Stall, der für Gefangenschaft und Ausbeutung durch den Bauern steht, aber auch für die Futterkrippe. Dagegen verbindet sich mit dem Hirtenthema antithetisch das Moment der Freiheit. Dass das Buch Стихи о любви ausgerechnet mit einer Ekloge beginnt und endet, d. h. mit einer Gattung der bukolisch-pastoralen Dichtung, erhält vor diesem Hintergrund eine programmatische Dimension.

5.2.     LEGITIMATIONSBESTREBUNGEN DES UNTERGRUNDS: VERSBRIEF AN „MIŠA“ AJZENBERG

Während das Vorwort zu Стихи о любви (1988) primär über die Ausrichtung des eignen Schaffens reflektiert (Hervorhebungen von mir, M. R.) –

        Если Кушнер с политикой дружен теперь         
        я могу возвратиться к себе.        [Abschn. 7]
        А что Ленин твой мразь – я уже написал,         
        и теперь я свободен вполне!        [Abschn. 8]

–verlagert sich im programmatischen Gedicht Мише Айзенбергу. Эпистола о стихотворстве aus dem Folgebuch Сантименты (1989) der Schwerpunkt hin zur literatursoziologischen Skizze.597 Der Text lässt sich in die Kontroverse über die Generation der in den 1950–60er Jahren geborenen Autoren (шестидесятники) einordnen, die in der Perestrojka die öffentlichen Debatten anstießen und gestalteten, nach einer Phase großer Popularität jedoch stark kritisiert wurden.598 Gleichzeitig artikuliert der Text das Streben der Untergrund-Autorinnen und -Autoren nach Wahrnehmung und Statusgewinn.

Мише Айзенбергу. Эпистола о стихотворстве ist der erste in einer Reihe von Verstexten Kibirovs, die auf den Wandel des literarischen Feldes reagieren, in dem sich durch das Heraustreten der inoffiziellen Autorinnen und Autoren in ← 188 | 189 → die Öffentlichkeit, die Erosion der sowjetischen Strukturen und die Ankunft der Marktökonomie neue Spielregeln ausbildeten. Zusammen mit Сереже Гандлевскому. О некоторых аспектах нынешней социокультурной ситуации (Послание Ленке и другие сочинения, 1990) und Игорю Померанцеву. Летние размышления о судьбах изящной словесности (1992; Парафразис)599 ergibt sich eine Trilogie literatursoziologischer Selbstbeschreibungen in Versen. Das erste, an „Miša“ Ajzenberg adressierte Gedicht entstand, als Kibirov gerade begann, öffentlich aufzutreten und erste Texte in den offiziellen Printmedien erschienen. Dieser Entstehungskontext erklärt vielleicht die polemische Schärfe, denn das auf 1989 datierte Gedicht war ursprünglich für einen kleinen Kreis von Gleichgesinnten bestimmt (siehe Abb. 14). Veröffentlicht wurde der Text erst 1994.600

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Abb. 14:  Rückseite und Cover von Сантыменты. Восемь книг (künstl. Gestaltung: Michail Zajcev); ein Einblick in Kibirovs Kreis von Kollegen, Freunden und Familie (von links oben: N. N., Semen Fajbisovič, Lev Rubinstein; Sergej Gandlevskij, Tochter Saša, Frau Lena; Michail Aizenberg, D. A. Prigov, N. N.; rechte Seite: Timur Kibirov) ← 189 | 190 →

Die für den underground typischen privaten Produktions- und Rezeptionsbedingungen werden über die Gattungszuweisung konzeptuell erfasst. Der latinisierende Terminus эпистола aus dem Untertitel entspricht dem russischen послание und lässt sich ins Deutsche als ‘Sendschreiben in Versform’ oder ‘Versbrief’ übersetzen. Den Versbrief an Ajzenberg sowie zehn weitere ausgewählte Gedichte Kibirovs führt 1998 der Auswahlband Избранные послания zusammen und markiert damit die Relevanz dieser Gattung im Werk des Dichters. Tat’jana Glušakova hat sich mit dem Band vor dem Hintergrund der allgemeinen Renaissance der Versbriefe in den 1970er und 1980er Jahren beschäftigt.601 Das auf antike Vorbilder zurückgehende Genre erlebte im Klassizismus europaweit eine Blüte, wurde in der Salonkultur des Sentimentalismus und der Romantik auch in Russland aktiv gepflegt, bevor sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts der anonyme bürgerliche Zeitschriften- und Buchmarkt zum neuen literarischen Bezugshorizont entwickelte und die Gattung quasi ausstarb.602 Das erstaunliche Wiederaufleben erklärt sich durch ähnliche situative Kontexte: Die Lage des sowjetischen Untergrunds ist mit der Situation im alten Rom vergleichbar (und von den Akteuren und Akteurinnen damit verglichen worden), als sich Dichter im Freundeskreis einen Freiraum zu schaffen suchten; Parallelen bestehen auch zu den Salons des frühen 19. Jahrhunderts. Durch die Gattungswahl bilden Kibirovs Texte also den ursprünglich privaten Funktionskontext von Literatur in der „Küchentischkultur“ des Untergrunds ab. Diese Kommunikationssituation unterscheidet sich von an die Öffentlichkeit adressierten (Prosa-)Briefen wie Aleksandr Solženicyns Письмо вождям Советского союза (1974).

In Kibirovs Gedicht Мише Айзенбергу. Эпистола о стихотворстве geht es um eben diesen Gegensatz zwischen der Literatur, die den öffentlichen Raum beherrschte, und der, die in inoffiziellen Zirkeln kultiviert wurde. Das Gedicht entwickelt ein binäres Modell mit Feind- und Vorbildern. Neben der expliziten Adressierung gibt es erneut systematisch gesetzte intertextuelle Verweise, die die Auseinandersetzung in einen literaturgeschichtlichen Hintergrund einordnen und Bedeutungen eröffnen. Die Stellungnahmen gegen die offizielle Literatur ähneln dabei in ihrer personalen Besetzung und dem Rückgriff auf Schlagwörter des Perestrojka-Diskurses dem Vorwort zu Стихи о любви. Zentraler positiver Bezugsautor ist mit Osip Mandel’štam eine Kultfigur des underground, daneben enthält die Epistel auch Verweise auf Aleksandr Sumarokov. Somit dient also auch ein Schriftsteller des 18. Jahrhunderts als Identifikationsfläche und eröffnet Entwicklungsperspektiven für das eigene Schaffen. ← 190 | 191 →

5.2.1.  Unversöhnte Feinde: андеграунд vs. шестидесятники

Die verallgemeinerte Perspektive, die die Sicht einer Gruppe wiedergeben soll, zeigt sich in Мише Айзенбергу. Эпистола о стихотворстве über die Erweiterung der personalen Basis des Textes. Neben dem Sprecher – erneut als „Kibirov“ konzipiert – gibt es einen Gesprächspartner, der ebenfalls dem underground angehört. Wie der Titel anzeigt, handelt es sich um Michail „Miša“ Ajzenberg (*1948), wobei dieser Adressierung eine reale Bekanntschaft zugrunde liegt. Beide Moskauer Dichter beteiligten sich z. B. am Lesungsprogramm Антология und an der Anthologie Личное дело №_ (vgl. Kap. 2.1.2). Darüber hinaus stellte Ajzenbergs Wohnung in den Jahren 1972–1986 einen wichtigen Treffpunkt der inoffiziellen Literaturszene dar, wo auch Kibirov verkehrte.603 Dass der Versbrief, in dem es um die Selbstpositionierung des Untergrunds geht, sich an Ajzenberg richtet, könnte damit verbunden sein, dass dieser als einer der ersten über die neue Dichtung schrieb und sich publizistisch für die Legitimierung der inoffiziellen Literatur engagierte.604 In späteren Jahren (1999–2004) gestaltete er als Herausgeber der renommierten Poesie-Reihe des Verlagsprojektes OGI die an die Stelle der zerfallenen sowjetischen Infrastrukturen tretenden neuen Organisationsformen mit.605

Am Anfang des Versbriefs wird der Adressat Ajzenberg textimmanent als Dichter gekennzeichnet, nämlich über ein durch Anführungszeichen markiertes wörtliches Zitat aus seinem Gedicht „Посреди высотных башен...“ (1982). Bei Kibirov heißt es:

        «Посреди высотных башен

        вид гуляющего...» Как,

        как там дальше? Страшен? Страшен.606 ← 191 | 192 →

Gewisse Gemeinsamkeiten der beiden Texte kann man im Motiv des müßigen (bei Ajzenberg auch betrunkenen) Spaziergängers ausmachen, darüber hinaus scheint Kibirov gewisse formale Elemente (Metrum, Kreuzreimschema mit vielen Abweichungen) aufzugreifen. Allerdings steht nicht der intertextuelle Dialog mit dem konkreten Gedicht im Zentrum, sondern Ajzenberg als fiktiver Gesprächspartner. Er wird im Text mehrmals namentlich angesprochen und ist durchgehend als „Du“ präsent; Formen der 1. Person Plural kennzeichnen ihn als Teil der Wir-Gruppe.

Im fiktiven Gespräch arbeitet der Sprecher die eigene Sicht auf die Perestrojka heraus, wobei die zehn durchnummerierten Abschnitte einen argumentativen Ablauf aufweisen. Zuerst wird die aktuelle Lage skizziert, dann über eine Veränderung – den Anschluss an die Perestrojka-Literatur – nachgedacht. (Die Argumente pro erweisen sich später als rhetorische Scheinargumente und der Sprecher bezieht offen eine Gegenposition.)

Am Gedichtanfang befinden sich beide Protagonisten in einer von der Außenwelt getrennten „poetischen“ Welt. Sie sind Gegner des aktuellen Geschehens und anderer Verlockungen, die mit Fliegen verglichen werden, wobei insbesondere die auffallende Binnenreimkette рук – наук – подруг (die von weiteren phonetisch ähnlichen Substantiven umgeben ist: звук – слух – мух – дух) den Eindruck eines kreisenden Schwarms vermittelt. In Abschn. 3 signalisiert „Ajzenberg“ zwar fehlendes Interesse an der Perestrojka („Да пошли они!“), allerdings versucht der Sprecher anschließend scheinbar, sein Gegenüber zu überreden, und macht ihm Vorwürfe, warum es sich nicht in die Aufbruchsstimmung und in das Kollektiv einfüge:

        Человек тоски и звуков,         
        зря ты, Миша. Погляди –         
        излечившись от недугов,         
        мы на истинном пути!         
        Все меняют стиль работы         
        Госкомстат и Агропром!         
        Миша, Миша, отчего ты         
        не меняешь стиль работы,         
        все толдычишь о своем?        [Abschn. 4]

Die Verse „излечившись от недугов, / мы на истинном пути!“ bilden den Reformoptimismus der Gorbačev-Jahre ab, der Sprecher scheint dabei aus der Position eines „Vorarbeiters der Perestrojka“ zu sprechen. Allerdings werden seine Appelle durch die ungelenk wirkende Wiederholung (im Zitat kursiv gesetzt) als Äußerung einer naiv-unbedarften Denkweise gekennzeichnet und karikiert. ← 192 | 193 →

Ab Abschn. 5 ist die Negativwertung der Perestrojka-Debatten und der teilnehmenden Schriftsteller und Schriftstellerinnen deutlich zu erkennen, insbesondere werden zwei Losungen der Perestrojka dekonstruiert. Bei der Wendung диктатура совести607 handelt es sich um den Titel eines erfolgreichen Theaterstücks von Michail Šatrov von 1986. In dem (durchaus innovativ gestalteten) Drama halten Mitarbeiter einer Zeitschriftenredaktion als Spiel im Spiel einen Prozess über Lenin ab, wobei sie verschiedene historische und literarische Figuren verkörpern und über den Kommunismus diskutieren.608 Das Ziel der jungen Enthusiasten besteht darin, wieder wirkliches Interesse für die Sache zu wecken.

Schon dadurch, dass die Wörter диктатура dreimal und совесть viermal wiederholt werden, entsteht ein komischer Effekt. Verstärkend kommt hinzu, dass sich bei dem Erklären der Wortverbindung redundante, widersprüchliche – handelt es sich nun um eine Diktatur oder nicht? – und letztlich leere Aussagen aneinanderreihen (im folgenden Zitat kursiv gesetzt). Was man sich unter der „Diktatur des Gewissens“ vorzustellen hat, wird nur vage umrissen. Auf diese Weise wird der Losung ein rhetorischer Charakter zugewiesen, hinter dem kein realer Inhalt steht. Eine wirkliche Veränderung des politischen Systems (eine Abschaffung der Diktatur) hat offenbar nicht stattgefunden:

        И опять ты смотришь хмуро,         
        словно из вольера зверь.         
        Миша, Миша, диктатура         
        совести у нас теперь!         
        То есть, в сущности, пойми же,         
        и не диктатура, Миш!         
        То есть диктатура, Миша,         
        но ведь совести, пойми ж!         
        Ведь не Сталина-тирана,         
        не Черненко моего!         
        Ну какой ты, право, странный!         
        Не кого-то одного –         
        Совести!! Шатрова, скажем,         
        ССП и КСП,         
        и Коротича, и даже         
        Евтушенко и т. п.!         
        Всех не вспомнишь. Смысла нету.         
        Ведь у нас в Стране Советов         
        всякой совести полно.        [Abschn. 5]

Bei den Personen und Institutionen, die Träger der vorgeblich positiven Diktatur sein sollen und scheinbar das Gewissen der Gesellschaft verkörpern, handelt es ← 193 | 194 → sich um: den Autor des Dramas, Michail Šatrov (1932–2010);609 Vitalij Korotič (*1936), 1986–1991 Chefredakteur der Zeitschrift Ogonek;610 Evgenij Evtušenko (*1932), der die Gorbačev’schen Reformen aktiv unterstützte und 1989 sogar zum Volksdeputierten gewählt wurde.611 Erwähnt wird auch der Sowjetische Schriftstellerverband (ССП), für den die direkte Nachbarschaft mit dem Amateur-Chor-Klub (КСП – клуб самодеятельной песни) eine Abwertung bedeutet.

In Abschn. 8 wird die Ironie zur Polemik, wobei als Anknüpfungspunkt erneut Voznesenskijs Losung „Vorarbeiter des Geistes“ (прорабы духа) dient. Voznesenskij selbst wird als Kopf der mit zahlreichen pejorativen Epitheta bedachten gegnerischen Gruppe bezeichnet:

        И прорабы духа, Миша,

        еле слышны вдалеке.

        […]

        И не видно и не слышно

        злополучных дурней тех,

        тех тяжелых, душных, пышных

        наших преющих коллег,

        прущих, лезущих без мыла

        с Вознесенским во главе.

Gerade die letzte Attribuierung „лезущих без мыла“ weckt negative Assoziationen – der Phraseologismus без мыла в душу лезть bedeutet in etwa ‘sich einschmeicheln’, mit dem Ziel, Persönliches zu erfahren oder sich in persönliche Angelegenheiten einzumischen.612 Da keine Richtungsangabe genannt ist, kommen allerdings auch die gröberen Varianten „без мыла в задницу / жопу лезть“ in Frage,613 für die es im Deutschen eine wörtliche Entsprechung gibt. Die sich in den Dienst der Perestrojka stellenden Literaten werden erneut als Opportunisten und Kollaborateure bezeichnet, wobei gegen Voznesenskij am schärfsten polemisiert wird.614 In Interviews hat Kibirov rückblickend eine ge ← 194 | 195 → wisse Relativierung dieser Polemik vorgenommen. Er bedaure die persönlichen Angriffe,615 bleibe jedoch bei der kritischen Bewertung des Schaffens der offiziellen sowjetischen Autoren und Autorinnen und der (zweitklassigen) sowjetischen Literatur im Ganzen.616

Das Verhältnis zwischen offizieller und inoffizieller Literatur wird in Kibirovs Versbrief in Gleichnisform konkretisiert. Der Sprecher unterscheidet zwei Arten von Kindern: Zu den braven (den offiziellen Schriftstellern) kommt Lenin mit Neujahrsgeschenken:

        Снова он [Ленин] на елку в Горки617         
        к нам с гостинцами спешит.         
        Детки прыгают в восторге.         
        Он их ласково журит.        [Abschn. 6]

Diesen „guten Kindern“ werden die obdachlosen Straßenkinder gegenübergestellt, zu denen auch „Miša“ Ajzenberg und der Sprecher („Kibirov“) gehören, vgl. das „Wir“ im folgenden Zitat. Zu dieser Gruppe kommt „дядя Феликс“. Dieser Euphemismus meint Feliks Dzeržinskij (1877–1926), den Chef der berüchtigten Tscheka, der seit April 1921 für die in den Wirren der Revolution obdachlos gewordenen Kinder zuständig war.618 ← 195 | 196 →

        Ну не к нам, конечно, Миша,         
        Но и беспризорным нам         
        дядя Феликс сыщет крышу,         
        вытащит из наших ям,         
        и отучит пить, ругаться,         
        приохотит к ремеслу!         
        Рады будем мы стараться,         
        рады теплому углу.        [Abschn. 6]

Die Streuner werden einer Umerziehung unterworfen, wie man es aus Büchern und Filmen der 1920–30er Jahre kennt, und zu der bei Kibirov offenbar auch das Erlernen des (poetischen) Handwerks gehört. Allerdings weisen die zahlreichen „к“ und Zischlaute auf die unterschwellige Bedrohlichkeit des Idylls hin (Kursive von mir; M. R.). Die am Ende erwähnte „warme Ecke“, um die es den Kindern vorgeblich geht, variiert die im Vorwort zu Стихи о любви verwendete Stall-Metapher. Die ironische Dimension des Gleichnisses zeigt sich – neben dem pragmatischen Kontext, denn ein Untergrunddichter spricht zu Gleichgesinnten, die die Abneigung gegen den offiziellen Literaturbetrieb teilen – im Vergleich von Schriftstellern mit unselbständigen Kindern.

5.2.2.  Fraternisierung mit Mandel’štam

Das dem Gedicht zugrunde liegende binäre Modell stützt sich auf eine Autorität, die eine ähnlich kategorische Trennung vornahm, nämlich auf Osip Mandel’štam.619 Als Motto nutzt Kibirovs Versbrief das sprichwörtlich gewordene Zitat aus Mandel’štams Prosafragmenten Четвертая проза:

        Все произведения мировой литературы я делю на разрешенные и написанные без разрешения. Первые – это мразь, вторые – ворованный воздух. Писателям, которые пишут заведомо разрешенные вещи, я хочу плевать в лицо, хочу бить их палкой по голове […].620

Dass die kollaborierenden Autoren durchgeprügelt werden sollen, taucht bei Kibirov auch im eigentlichen Text noch einmal auf:

        Тех, кого хотел Эмильич         
        палкой бить по голове.         
        Мы не будем бить их палкой.         
        Стырим воздух и уйдем.        [Abschn. 8] ← 196 | 197 →

Über die familiäre Verschleifung des Patronymikons Ėmil’evič wird Mandel’štam formal der Wir-Gruppe zugeordnet. Gegenüber dem Prätext erweist sich Kibirovs Epistel als gemäßigt – auf die Gewaltphantasie, mit der Mandel’štam sich die Kollisionen mit dem sowjetischen Literaturbetrieb von der Seele schrieb, wird verzichtet.

Auf Mandel’štam gehen weitere Motive zurück, die in Kibirovs Gedicht zur Beschreibung der Existenz der Untergrundautoren genutzt werden. Ebenfalls aus Четвертая проза stammt das Motiv der (gestohlenen) Luft, das sich insbesondere ab Abschn. 7 in Form von Lexemen wie воздух, в/выдыхать, в/выдох etc. manifestiert. Der „Luft-“Raum der inoffiziellen Dichter kontrastiert mit der Enge, in der die Offiziellen sich drängen (Abschn. 8: „лезущих без мыла“ etc.; Abschn. 9: „Мы не жали, не потели“). Dabei setzen sich die Metaphern, die den Aufenthaltsort der Mandel’štam nachfolgenden Dichter beschreiben, zu einem paradoxen Bild zusammen: In Abschn. 9 wird das Luft-Schloss, d. h. der Raum der Freiheit und schöpferischen Imagination, mit „Halbdunkel“ („в cумраке“) und „Erde“ („в земле“) verbunden. Es wird zum „Bau“ (нора), dem Rückzugsort des Wildtiers. Paradoxerweise lässt sich nur in der Abschottung und unter der Erde frei atmen:

        только воздух, воздух, воздух

        струйкой тянется в нору,

        струйкой тоненькой сочится,

        и воздушный замок наш

        в синем сумраке лучится,

        в ледяной земле таится,

        и таит, и прячет нас!

        И воздушный этот замок

        (Ничего, что он в земле,

        ничего, что это яма)

        носит имя Мандельштама,

        тихо светится во мгле!

Im zitierten Abschnitt findet sich noch eine dritte Metapher, nämlich die Grube (яма), die auf Mandel’štams in der Voronežer Verbannung geschriebenes Gedicht „Это [oder: Эта] какая улица?...“ (1935) verweist.621 Diese (scherzhaften) Verse Mandel’štams sollen Realien des damaligen Wohnorts ansprechen (das Haus befand sich in einer Niederung622) und selbstironisch die Frage nach dem Status als Dichter erheben. 623 Im Prätext heißt es: ← 197 | 198 →

        Мало в нем было линейного,

        Нрава он не был лилейного,

        И потому эта улица

        Или, верней, эта яма

        Так и зовется по имени

        Этого Мандельштама.

Im Wissen um Mandel’štams Tod verbinden sich mit der Grube allerdings auch Assoziationen an Gefängnis und Grab, der Text wird zum Epitaph. Bei Kibirov kommen die Bedeutungen ‘Bau’ (нора) oder ‘Grube zum Halten von Wildtieren’ (vgl. die Voliere in Abschn. 5) hinzu. In Kibirovs Kinder-Gleichnis war die Rede von Gruben, aus denen „Onkel Feliks“ die Straßenjungen herausholen werde, was eine weitere Verbindung zum Vorbild Mandel’štam schafft.

Abschn. 9 verbindet Mandel’štams Gedicht mit einer Variation des Sprichworts „Будет и на нашей улице праздник“ (‘auch wir werden es einmal besser haben’).624 Dabei nimmt Kibirovs Versbrief 1989 noch keine Veränderung zu Gunsten der Untergrunddichter wahr und wünscht sich eine solche auch nicht (die Umkehrung der Hierarchien sollte jedoch kommen):

        И на улице на этой,

        а вернее, в яме той

        праздника все также нету.

        И не надо дорогой.

Wie die bisherige Analyse gezeigt hat, ist Мише Айзенбергу. Эпистола о стихотворстве als literatursoziologisches Selbstzeugnis wertvoll. Es bildet die auf Abgrenzung beruhende Gruppenmentalität des underground ab, die sich in der Polemik gegen den offiziellen Literaturbetrieb und über die Identifikation mit Mandel’štam entwickelt, einer Kultfigur der inoffiziellen Dichtung.

5.2.3.  Auf den Spuren Sumarokovs

Es wird ein weiteres literarisches Vorbild aufgerufen, das wie Mandel’štam die polemische Dimension von Kibirovs Versepistel legitimiert, darüber hinaus jedoch auch die Veränderungen im eigenen Schaffen motiviert sowie die literatursoziologische Thematik historisch kontextualisiert.

Kibirovs Мише Айзенбергу. Эпистола о стихотворстве bezieht sich durch den Untertitel explizit auf das umfangreiche poetologische Gedicht Эпистола о стихотворстве von Aleksandr Sumarokov (1717–1777625). Dieses Vers- ← 198 | 199 → Manifest aus dem Jahr 1748626 besteht aus zwei Texten; im Original wird die Überschrift Две эпистолы um die Erläuterung ergänzt „В первой [эпистоле; M. R. ] предлагается о русском языке, а во второй о стихотворстве“,627 woher die gebräuchlichen Einzeltitel „Über die russische Sprache“ bzw. „Über die Verskunst“ rühren. In beiden Teilen setzte sich der damals ca. 30jährige Autor mit dem Zustand seiner zeitgenössischen Literatur und Literatursprache auseinander. Anders als im ersten Versbrief äußert sich Sumarokov in Эпистола о стихотворстве gegenüber Lomonosov zwar aus taktischen Gründen lobend (V. 413: „Он наших стран Мальгерб, он Пиндару подобен“), Trediakovskij wird aber erneut vernichtend abgeurteilt (V. 414: „А ты, Штивелиус,628 лишь только врать способен“). Auch Antioch Kantemir und Feofan Prokopovič (V. 19–30) ernten – zumindest in der nicht-zensierten Variante – sehr ambivalentes Lob. Der Jungautor nimmt sich heraus, die maßgeblichen Autoren seiner Zeit abzuwerten und fordert neue Normen. Hier bestehen Parallelen zu Kibirov, der seine Epistel über die Bezüge auf Mandel’štam und Sumarokov in die Tradition literarischer Polemik einordnet.

Mit Hilfe von Sekundärliteratur lassen sich weitere Vergleichspunkte herausarbeiten. Als Anhaltspunkte für eine Rekonstruktion von Kibirovs Sumarokov-Bild kann man einen bibliographischen Hinweis aus Интимная лирика (1997–1998) nutzen. Dieses Buch Kibirovs schließt mit einem vom Autor erstellten Literaturverzeichnis, das auch eine Chrestomathie der russischen Literatur des 18. Jahrhunderts enthält. Herausgegeben wurde sie von Georgij Makogonenko, einem einschlägigen Experten, dessen Erläuterungen einen allgemeinen Nenner des sowjetischen Sumarokov bieten.629

Das zentrale Thema der sowjetischen Sumarokov-Forschung war dessen Auseinandersetzung mit Trediakovskij und Lomonosov.630 Angefangen bei Grigorij ← 199 | 200 → Gukovskij, der das 18. Jahrhundert für die sowjetische Forschung wiederentdeckte, betrachtete man den Dichterstreit aus einer klassenkämpferischen Perspektive und sah soziale Positionen aufeinanderprallen. Sumarokov und die ihm zugeordnete „Schule“ wurden als Vertreter adeliger Interessen gegenüber der Monarchie angesehen und mehr oder weniger widerspruchsfrei in das jeweilige ideologische Gesamtnarrativ eingebaut. Ähnliche soziale Gegensätze kann man bei Kibirov zwischen dem offiziellen Literaturbetrieb und dem Untergrund ausmachen – das Thema der Versorgung durch den Staat als Gegenleistung für den Gehorsam wird explizit thematisiert.

Eine wichtige Parallele zwischen Kibirovs und Sumarokovs literarischem Programm ist das Plädoyer für die Genrevielfalt. In Эпистола о стихотворстве heißt es:

        Всё хвально: драма ли, эклога или ода –         
        Слагай, к чему тебя влечет твоя природа;         
        Лишь просвещение писатель дай уму:         
        Прекрасный наш язык способен ко всему.        [V. 329–332]

Implizit wird hier Kritik an der Vorrangstellung der Ode (Lomonosovs Lieblingsgattung) und ihrem Themenkanon geäußert,631 die sich auf Kibirovs ablehnende Haltung gegenüber der politisch-publizistischen Thematik der Perestrojka-Autoren übertragen lässt. Verallgemeinert hat man in beiden Fällen auf einer Seite Literaten im Staatsdienst (Odendichter; offizielle sowjetische Schriftsteller) mit politisch-publizistischen Texten, die die jeweilige Staatlichkeit stützen; auf der anderen Seite Autokratie bzw. Sowjetstaat kritisch gegenüberstehende Außenseiter, die politische Themen meiden und literarische Autonomie suchen.

Worin genau diese Alternative bestehen könnte, wird in Мише Айзенбергу. Эпистола о стихотворстве, anders als im Autorvorwort zu Стихи о любви, nicht ausgedeutet. Der intertextuelle Bezug auf Sumarokovs Plädoyer für die Gattungsbreite macht allerdings darauf aufmerksam, dass in Kibirovs Büchern von 1988 und 1989 überaus viele Gedichte zu finden sind, die Genrebezeichnungen im Titel führen. Стихи о любви umfasst zwei Eklogen, drei Balladen, einen Zyklus aus fünf Romanzen sowie einen als Poem zu klassifizierenden Verstext. In Сантименты finden sich unter zehn Texten immerhin eine Epistel, vier Epitaphien und zwei Lieder. ← 200 | 201 →

Die Sumarokov-Referenz plausibilisiert ebenfalls, warum Kibirov sich 1988 „Gedichten über die Liebe“ und 1989 „Gefühlen“ zuwandte (so die übersetzten Titel der Bücher), denn der klassizistische Autor gilt als Pionier in der Behandlung persönlicher Emotionen.632 Seine programmatische Epistel forderte beim Thema Liebe mehr Realismus (die Reduzierung stereotyper Antikenbezüge) und mehr Gefühlstiefe,633 was – auf einem anderen Niveau – implizit als Programm in Kibirovs Texten mitklingt. In Стихи о любви erzählen die Romanzen von eigenen Affären und legitimieren das Tabu-Thema Sex; das Poem (поэма) Элеонора fokussiert auf die erzwungene Abstinenz der Wehrdienstzeit. Sumarokov ist ein früher Ansatzpunkt eines breiteren europäischen Trends, Sozialkritik mit Rückgriff auf Gefühle (man denke an Karamzins Бедная Лиза) oder die Profilierung der eigenen Aufrichtigkeit zu artikulieren.634 Bei Kibirov verbinden sich Alltagsnähe und Offenherzigkeit allerdings mit der Verarbeitung von Gattungen, Topoi und Zitaten, die die unmittelbare Emotion literarisch brechen.

Ebenfalls 1988 gründete sich übrigens die in den 1990er Jahren in Russland überaus populäre Dichtergruppe Orden kurtuaznych man’eristov (Vadim Stepancov, Viktor Pelenjagrė, Andrej Dobrynin).635 Mit der (anfänglichen) Fokussierung auf im Rückgriff auf das 18. Jahrhundert geschriebene Liebesdichtung (vgl. der in Fn.1034, S. 315 erwähnte Band Езда в остров любви), dem gesuchten Kontrast zur sowjetischen und insbesondere zur Perestrojka-Literatur sowie dem Anknüpfen an das (eigenwillig interpretierte) Erbe Puškins ergeben sich Parallelen zu Kibirov. Allerdings beschränken sich die „Höfischen Manieristen“ auf das literarische Spiel, ein Gesellschaftsbezug fehlt.

Obwohl Kibirovs poetologische Proklamationen von 1988 und 1989 die dichterische Neuausrichtung konzeptuell aus dem Klassizismus heraus entwickeln, schöpft Kibirovs Liebesdichtung primär aus den späteren Jahrhunderten. Als intertextueller Dialog speziell mit der Literatur des 18. Jahrhundert lassen ← 201 | 202 → sich nur die beiden Eklogen in Стихи о любви sowie das Gedicht Глупости III (Рождественская песнь квартиранта) bezeichnen.636

Neben dem Sumarokov-Bezug findet sich textintern ein zweiter Auslöser für den 1988 einsetzenden Richtungswechsel, nämlich eine biographische Veränderung. Die Bücher bis einschließlich Сквозь прощальные слезы (1987) waren „Ljudmila Kibirova“ gewidmet, in Три послания (1987–1988) fehlt die weibliche Bezugsperson, und ab Стихи о любви (1988) taucht eine neue Muse auf. Hinter den Initialen „Е. Б.“ verbirgt sich Elena Borisova, die zukünftige Ehefrau und Mutter der gemeinsamen Tochter. Beide spielen in den folgenden Büchern eine wichtige Rolle.637 ← 202 | 203 →

5.3.     ANTIROMANTIK ALS NEUE MAXIME: К ВОПРОСУ О РОМАНТИЗМЕ

Im dritten Schlüsselgedicht К вопросу о романтизме (Сантименты) gibt es einen stärkeren ideengeschichtlichen Bezug.638 Im Rahmen der thematischen Neuausrichtung wird eine Auseinandersetzung mit der ‚Romantik‘ bzw. dem ‚Romantischen‘ entwickelt, verstanden im weiteren Sinn als eine historische Konstante, die verschiedene Formen angenommen hat. Diese antiromantische Ausrichtung ist, noch enger auf den Bereich der Literatur bezogen, schon in den neoklassizistischen Eklogen639 aus Kibirovs Buch Стихи о любви zu erkennen. In ihnen wird das romantische Sehnen nach der Ferne zum Streben nach dem Hier gewendet.640 Die Eklogen rufen ein allgemeines rurales Setting mit Topoi des locus amoenus, mythologischen Figuren, aber auch russischen Realien auf, in dem der diegetische Sprecher seinen Sehnsuchtsort gefunden hat. Symbolisch wird ein romantisches Schlüsselzitat aus Goethes Lied der Mignon (aus Wilhelm Meisters Lehrjahre) bzw. den russischen Nachdichtungen umgedreht.641 Aus dem Fernweh („Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn […] Dahin, dahin642 / Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!“) wird das Verlangen nach ← 203 | 204 → dem Verbleiben im Hier. Bei Kibirov heißt es (alle Hervorhebungen in den Zitaten von mir; M. R.):

        Сюда, сюда, мой друг! Ты знаешь край, где никнет         
        клубника в чернозем на радость муравьям        [1. Ekloge, Str. 7]
        Нам некуда идти. Мы знаем край, мы знаем,         
        как лук порей красив, как шмель нетороплив        [2. Ekloge, Str. 9]

Den romantischen Gegenpol zu den Klassizismus-Stilisierungen der Eklogen realisieren Kibirovs Balladen Баллада о деве Белого плеса und Баллада об Андрюше Петрове, in denen die Liebe tragisch endet.

Im Gedicht К вопросу о романтизме aus dem Folgebuch Сантименты wird die Stellungnahme gegen das Romantische auch terminologisch explizit. Der hier ausgearbeitete Dualismus ‚Romantik‘ vs. ‚Antiromantik‘ stellt eine Weiterentwicklung des früheren Gegensatzpaares ‚sowjetisch‘ vs. ‚christlich‘ dar (Kap. 4.1). Die neue Konzeption bietet einen erweiterten Rahmen, in den sich unterschiedlichste Phänomene einordnen lassen. Zum positiven, antiromantischen Pol gehört nach wie vor die Liebe zwischen Mann und Frau, jedoch wandelt sich die abstrakte, idealisierende Gleichsetzung von Liebe und Glauben zu einer stärker körperlichen Empfindung, deren Verankerung im Alltag betont wird. Was diesen Aspekt betrifft, hat К вопросу о романтизме im Werk eine Brückenfunktion inne und leitet zu den in Kap. 6 behandelten Texten über.

Im Folgenden wird zuerst die Auseinandersetzung mit dem Romantischen in einen breiteren Werkkontext eingeordnet und ein knapper Überblick über Struktur und Form des Gedichts gegeben. Es folgen Analysen des intertextuellen Bezugshorizonts, der sich um die zentrale Figur Aleksandr Blok aufspannt. Weitere Zitate und Anspielungen lassen die Bandbreite des Romantischen erkennen und bieten einen Einblick in Kibirovs literarisches Weltbild, das sich in den folgenden Jahren und Büchern um weitere Repräsentanten erweitern wird. Schließlich leitet die positive Figur Aleksandr Puškin, der als Anti-Romantiker klassifiziert wird, über zu Kapitel 6.

5.3.1.  Zur Orientierung: Termini, Werkkontext, Textgestalt

Der anti-romantische Pol ist in Kibirovs Werk mit dem Begriff мещанство verbunden. Das Lexem bezeichnet im ursprünglichen Sinne eine soziale Klasse und im übertragenen eine „reaktionäre“ Einstellung.643 Es lässt sich neutral als ‘Kleinbürgertum’ übersetzen, die negative Konnotation kann man im Deutschen ← 204 | 205 → mit ‘Spießbürgertum’ oder ‘Spießertum’ wiedergeben.644 Bagrecov widmet diesem Schlüsselkonzept Kibirovs in seiner Dissertation ein ganzes Kapitel. Ausgehend von der Gedichttrias К вопросу о романтизме (Сантименты), Послание Ленке (Послание Ленке и другие сочинения) und Воскресенье (Сантименты) erläutert er die kulturgeschichtliche Bedeutung des Begriffs, bezieht weitere Gedichte ein und kommentiert intertextuelle Bezüge.645 Ein Punkt, der mehrfach angesprochen wird und Bagrecovs Erkenntnisinteresse bestimmt, ist die Möglichkeit eines kausalen Zusammenhangs zwischen der Kleinbürgerfeindlichkeit der russischen Intelligenz und der bolschewistischen Revolution.646

Ein Antagonismus zwischen sowjetisch und spießbürgerlich findet sich allerdings schon in Kibirovs frühem Gedicht Приблатненная песня (Общие места), das bei Bagrecov zu ergänzen wäre. Es überträgt Lexik und Realien der Gefängnissphäre auf das Leben in der Sowjetunion und entwirft eine Gegenwelt, die ähnliche Komponenten aufweist wie das von Kibirov Ende der 1980er Jahre postulierte Ideal. In Приблатненная песня findet sich z. B. in Str. 1 die Geranie als Symbol der „spießbürgerlichen“ heilen Welt (Kursive von mir; M. R. Zum Symbolwert der Geranie siehe S. 207 sowie ebd. Fn.651):

        Преступление иль наказанье

        наша жизнь, наша куча-мала?

        Не понять, не ответить заранее.

        Ясно только, что все мы урла!

        Дайте же хоть лепесток герани

        под подкладкою лагерной рвани

        бледно-розовой, чахлой герани

        сохранить из былого добра!647

Kibirovs Послание Ленке von 1990 verwendet den Begriff мещанство explizit und konnotiert ihn positiv; das Gedicht beginnt mit dem Appell „Леночка, будем мещанами!“648 К вопросу о романтизме (1989) verwendet das Konzept aber noch in seiner ursprünglichen, negativen Bedeutung, denn der Sprecher erliegt zu Anfang der Faszination des Romantischen (Hervorhebungen von mir; M. R.):

        И скучно, и грустно. Свинцовая мерзость.         
        Бессмертная пошлость. Мещанство кругом.        [Abschn. 1] ← 205 | 206 →

Das Bekenntnis zum Spießertum aus dem Jahr 1990 und die Erörterung des Romantischen von 1989 weisen mehrere Ähnlichkeiten auf, insbesondere die binäre Struktur und die Einarbeitung intertextueller Referenzen, die das Pro-Contra-Schema ausgestalten. Im obigen Zitat klingt z. B. Lermontovs Gedicht „И скучно и грустно…“ (1840)649 an. Einige Bezüge sind beiden Texten gemeinsam (Blok, Gor’kij, Dostoevskij), aber es gibt auch Differenzen: In Послание Ленке steht Blok nicht im Zentrum, es fehlen die kommunistischen Lieder, stattdessen werden Figuren der europäischen Romantik aufgerufen. Auch die Zahl der Repräsentanten des Spießertums hat zugenommen.

Ein zentraler Unterschied besteht in der jeweiligen Haltung des diegetischen Sprechers. In Послание Ленке hat er eine defensive Position bezogen und leistet, zusammen mit seiner Lebenspartnerin, Widerstand gegen die andrängende romantische Flut. In К вопросу о романтизме erliegt das „Ich“ zu Anfang der Anziehungskraft der Romantik; es wird also ein früheres Stadium inszeniert, nämlich der Moment, in dem eine Entscheidung zwischen den beiden Polen erfolgt. Dass der Sprecher alleine auftritt und Lena erst am Ende hinzukommt (Abschn. 21: „Ленкин сверчок и герань!“), ist ein bedeutsames Detail. Das positive Spießertum ist im Werk mit den Themen Liebe, Ehe und Familie verbunden, und Lena fungiert als Auslöser. Dabei wird mit „Lena“ erneut eine reale Person (die zweite Ehefrau des Dichters) erwähnt und der Sprecher (1. Person Singular) erneut als „Kibirov“ markiert.

In К вопросу о романтизме ist das eigene Erleben fast gar nicht präsent, nur in den Abschn. 19–20 und 22 handelt der Sprecher. Ansonsten besteht der Text aus Reflexionen und Appellen, die – anders als in Послание Ленке – an keinen bestimmten Adressaten gerichtet sind, sondern allgemein an die Leserschaft. Der Text ist mit Zitaten angereichert und erinnert an die intertextuellen Montagen in Сквозь прощальные слезы, insofern ist das Gedicht weniger „lyrisch“ als Послание Ленке. Die rhetorische Strategie von К вопросу о романтизме ähnelt der des Versbriefes an Ajzenberg: Auf eine Schein-These folgt die präferierte Antithese.

Was Form und Aufbau betrifft, besteht die Erörterung des Romantischen erneut aus Abschnitten ungleicher Länge, auch Reime fehlen. Diese Formlosigkeit vermittelt Spontanität, was dem romantischen Thema entspricht.650 Im Gedicht finden sich zahlreiche Ausrufezeichen, die den exaltierten Gefühlszustand betonen und die Leserinnen und Leser in den Rausch hineinziehen. Eine ähnliche Wirkung haben die häufigen wörtlichen Wiederholungen (z. B. in Abschn. 2: ← 206 | 207 → „На волю! На волю из душной неволи! / На волю! На волю! Эван эвоэ!“), die zum Teil als Leitmotive fungieren („Эван эвоэ!“ findet sich in den Abschnitten 2, 3, 5, 18).

Der romantische Taumel füllt den größeren der beiden ungleich langen Sinnabschnitte aus (1–19; 20–22), in die das Gedicht zerfällt. In Abschn. 1–18 verstärkt sich der Wunsch nach Revolte und Zerstörung fortwährend und richtet sich schließlich gegen das eigene Leben. Der nur aus 3 Versen bestehende Abschn. 19 stellt die Klimax dar, den durch Anapher und Tempuswechsel zum Präteritum dramatisch ausgestalteten Moment vor dem Suizid:

        И вот я окно распахнул и стою,

        отбросив ногою горшочек с геранью.

        И вот подоконник качнулся уже...

Die Gewalt richtet sich hier zuerst gegen die Geranie, ein klassisches Symbol des Spießbürgerlichen,651 und man erwartet in der Folge den Sprung des Selbstmörders, der allerdings nicht erfolgt. Das Hinsteuern auf diesen Höhepunkt wird abrupt unterbrochen und die Erwartungen werden enttäuscht.

Abschn. 20 nennt den Grund für den plötzlicher Sinneswandel. Auslöser ist der Geruch von Bratkartoffeln, also ein sinnlichen Eindruck, der auf der emotionalen („до слез“) und sinnlichen Ebene („слюнки текут“) wirksam ist:

        И вдруг от соседей пахнуло картошкой,

        картошкой и луком пахнуло до слез.

        И слюнки текут... И какая же пошлость

        и глупость какая! И жалко горшок

        разбитый. И стыдно. Ах, Господи Боже!

        Прости дурака! Накажи сопляка

        за рабскую злобу и неблагодарность!

Wie schon der Suizidwunsch ist auch diese Peripetie schwach motiviert, der Gesinnungswechsel erweist sich als literarisches Spiel, hinter dem kein existenzielles Erleben steht. Entsprechend entbehren auch die folgende Reuebekundung und die Selbsterniedrigungen nicht einer gewissen Komik, die die Bekehrung in ein selbstironisches Licht rückt. ← 207 | 208 →

5.3.2.  Im Brennpunkt: Aleksandr Blok

Unter den zahlreichen intertextuellen Referenzen, die das romantische Paradigma repräsentieren, ragen quantitativ die Zitate aus Texten von Aleksandr Blok (1880–1921) heraus. Bloks Funktion in К вопросу о романтизме kann man mit der eines Prismas oder einer Linse vergleichen, in seinem Werk bündeln sich die verschiedenen romantischen Linien, die Kibirov anlegt. Auch Bagrecov hebt die prominente Bedeutung Bloks in diesem Text und im Gesamtwerk hervor. Er charakterisiert seine Funktion als die eines Opponenten.652 Seine Bedeutung wird im weiteren Werkkontext insbesondere in Kibirovs Poem Солнцедар markiert, das den Blok-Kult der Jugendjahre ironisch dekonstruiert, und zwar am Beispiel des Unterfangens des literarischen alter ego, eine Mitschülerin nach dem Vorbild der idealisierten „Schönen Dame“ zu lieben.653 Солнцедар weist aber auch auf die positive Bedeutung des Symbolisten hin, denn den Autoren des Silbernen Zeitalters wird der Verdienst zugeschrieben, im eigenen Leben zu einer Distanzierung vom Sowjetischen geführt zu haben.654 Darüber hinaus wird in anderen Texten wie auch in Interviews die Begegnung mit Bloks Gedichten als Moment der dichterischen Erweckung beschrieben, die mit 13 Jahren erfolgt sei.655 ← 208 | 209 →

In К вопросу о романтизме spielt Blok in der Hypostase als Dichter der bolschewistischen Revolution eine wichtige Rolle. Dies wird durch das Motto bezeichnet, das aus seinem Essay Интеллигенция и революция (Januar 1918) stammt: „Всем телом, всем сердцем, всем сознанием – слушайте Революцию!“656 Blok will die Intellektuellen für die Revolution gewinnen, die die langersehnte Veränderung bringen soll.657 Mit dieser Referenz wird das Hauptthema vorgegeben, mit dem sich К вопросу о романтизме kritisch auseinandersetzt: der Überdruss der Intellektuellen gegenüber der vorhandenen Lebenswelt. Dass die bolschewistische Revolution eine Manifestation der „romantischen“ Geisteshaltung sei, wird in Kibirovs Gedicht durch zahlreiche Zitate aus Bloks Revolutionspoem Двенадцать demonstriert:

        Ножом полосну, полосну658 за весну я!         
        Мне дела нет, сволочь, а ну сторонись!        [Abschn. 3]
                  
        Хочу я, и все тут, хочу я, хочу я!         
        На горе буржуям,659 эх-эх, попляши!660        [Abschn. 4]
                  
        Нет удержу! Нет! Не хочу, не хочу!         
        Пусть все пропадает. Эх, эх, согреши!661        [Abschn. 5]
                  
        Свобода, свобода, эх-эх, без креста!662         
        Так пусть же сильней грянет буря, ебёныть!         
        Эх-эх, попляши, попляши, Саломея,         
        сколь хочешь голов забирай, забирай!         
        О злоба святая663! О, похоть святая!          ← 209 | 210 →
        Довольно нам охать, вздыхать, подыхать!        [Abschn. 9]
                  
        Растопим же сало прогорклое ваше         
        огнем мирового пожара!664 Даешь!        [Abschn. 14]
                  
        И вечный, бля, бой! Эй, пальнем-ка, товарищ,         
        в святую – эх-ма – толстозадую665 жизнь!        [Abschn. 16]

Es werden aber auch andere Blok-Texte zitiert. Die Wortverbindung „вечный бой“ in Abschn. 16 verweist z. B. auf seinen Zyklus На поле Куликовом (1908);666 das Warten auf die junge, barbarische Rasse, die die erschöpfte europäische Kultur hinwegfegt, verbindet sich retrospektiv mit der revolutionären Thematik.667

        In anderen Blok-Referenzen geht es um die Konzeption der Dichterexistenz, z. B. in Abschn. 2 von К вопросу о романтизме:

        С дороги! Филистер, буржуй и сатрап!

        Довольны своей конституцией куцей668!?

        Печные горшки вам дороже,669 скоты?

        Так вот же вам, вот! И посыпались стекла.

Das erste Zitat stammt aus dem Gedicht Поэты (1908), das den Dichter als am Rande der Gesellschaft vegetierende Existenz beschreibt, wobei er trotz der widerwärtigen Lebensumstände über den Normalbürgern stehe, denen seine höhere Welt verschlossen bleibe. Die zweite Referenz lässt sich auf Bloks Rede О назначении поэта (1921) zurückführen, die wiederum aus dem Gedicht Поэт и толпа (1828) von Puškin zitiert.670 Erneut wird ein Dichter konzeptualisiert, der außerhalb der Alltagswelt und der Gesellschaft existieren und sich von deren ← 210 | 211 → Sorgen und Werten losmachen soll. Sein Gegner ist der Pöbel (чернь), der gegen die geistigen Ziele materielle Interessen – besagte Töpfe – stellt und das Genie behindert. Wenn in Bloks Gedicht Поэты dem Adressaten (dem Kritiker) vorgeworfen wird, er sei zufrieden, wenn er sich selbst und seine Frau (und eine Konstitution) habe, erkennt man darin allerdings positiv konnotierte Komponenten von Kibirovs Wertesystem: die Wertschätzung der Familie, der Normalität und der im Alltag manifesten zivilisatorischen Leistung. Bloks a-soziales Dichterbild steht im Gegensatz zu Kibirovs Selbstinszenierungen als sozial integrierter Ehemann und Vater mittleren Alters, die seine Texte der 1990er Jahre prägen.

Eine weitere Überlagerung von Blok- und Puškin-Bezügen, d. h. von romantischer und symbolistischer Mentalität, findet sich in Abschn. 13 von К вопросу о романтизме: „Эй, бей на куски истукан Аполлона!“ Das Zerschlagen einer Apollon-Figur referiert zum einem auf ein Epigramm Puškins aus dem Jahr 1827. Hier wird über den jungen Dichter A. N. Murav’ev – dies wäre der typische „Romantiker“ – gespottet, der bei einem Abend im Haus der Volkonskijs den Arm einer Apollonstatue abbrach und diesen Anlass in einem auf die Statue geschriebenen Epigramm festhielt.671 Im Kontext von К вопросу о романтизме wird das leichtsinnige Beschädigen der Statue zur dionysischen Geste (mit Bezug auf Nietzsche, gegen den Kibirov in späteren Texten ebenfalls scharf polemisiert, vgl. 8.4.2, 8.4.3, insbesondere S. 351, Fn.1158). Zum anderen lässt sich die Referenz mit Blok in Verbindung bringen, der vor seinem Tod eine Statue des griechischen Gottes zerschlagen haben soll.672 Eine Verbindung beider Angriffe auf Apollon stellt übrigens Kibirovs Gedicht Антологическое (Интимная лирика) her.673 ← 211 | 212 →

5.3.3.  Die Spannbreite des Romantischen

Blok vereinigt in seiner Funktion als intertextueller Akteur also die Revolutionsbegeisterung,674 die aus der Romantik übernommene Normalitätsfeindlichkeit des Symbolismus, das Bild des Dichters als Existenz ad margines sowie die Präferenz des als Zerstörungsimpuls verstandenen Dionysischen. Um Blok als Zentrum gruppieren sich zahlreiche weitere intertextuelle Referenzen.

Die literarische Romantik ist in Abschn. 1 mit Lermontovs bekanntem Gedicht „И скучно и грустно…“ (1840) präsent, in Abschn. 15 und 17 klingt mit der Wendung „хаос родимый“ vielleicht Tjutčevs Gedicht „О чем ты воешь, ветр ночной?..“ (vor 1836)675 an. Was die Autoren des Silbernen Zeitalters betrifft, lässt sich das Fordern „Хочу я, и все тут, хочу я, хочу я!“ (Abschn. 4) auf Bal’monts Gedicht Хочу676 zurückführen; „Эй, жги город Гамельн! (Abschn. 7) verweist wohl auf Cvetaevas Poem Крысолов (1925)677 und / oder allgemein auf den zugrundeliegenden Rattenfänger-Mythos als Prototyp des Konfliktes zwischen (Spieß-)Bürger und Künstler. Skoropanova sieht weiterhin Bezüge auf die Futuristen Majakovskij, Chlebnikov, Kamenskij.678

Gut vertreten ist Maksim Gor’kij als Romantik, Realismus und Sozrealismus verbindender Autor: Es findet sich ein geflügeltes Wort aus seinem autobiographischen Roman Детство (bei Kibirov Abschn. 1: „Свинцовая мерзость.“679), Zitate aus Легенда о Марко (ebd.: „Как черви слепые.“680) und Песня о буревестнике (Abschn. 9: „Так пусть же сильней грянет буря, ← 212 | 213 → ебеныть!“; Abschn. 10: „прячьте жирное тело в утесах!“681). Zur sowjetisch-revolutionären Spielart des Romantischen gehören auch die Lieder der Arbeiterbewegung, die reichlich Zerstörungsmotive liefern: In Abschn. 1 wird aus der sog. Arbeitermarseillaise (Рабочая марсельеза)682 und dem ebenfalls vor 1917 entstandenen Lied „Смело товарищи в ногу…“ (1896)683 zitiert. In Abschn. 10 findet sich der französische Refrainvers „Çа ira! Çа ira!“ sowie im Anschluss ein übersetzter Vers aus dem gleichnamigen Revolutionslied.684 Gleich mehrfach klingt der Beginn der französischen Marseilleise an, er wird allerdings komisch weitergeführt: „Allons же enfants на отцов!“ (Abschn. 6), „Allons в санкюлоты! Срывай же штаны!“ (Abschn. 12), „Allons же в безбрежность, enfant мой terrible!“ (Absch. 15). Das Bekenntnis zum Romantischen beginnt im Text zu bröckeln.

Ähnlich zeigt die Transformation der Internationale in Abschn. 16, dass Kibirovs Protagonist (erzähltes Ich) in seinem Rausch eigentlich über das in den Texten Gemeinte hinausgeht und diese missversteht. Während im Original nur die „alte Welt der Gewalt“ zerstört und parallel dazu eine neue Welt gebaut werden soll, die den bislang Machtlosen ein besseres Leben ermöglichen soll, findet sich in К вопросу о романтизме die allgemeine Vernichtung ohne konstruktive Zielsetzung. Verräterisch ist ebenfalls die Vertauschung der Pronomina „alles“ und „nichts“ in V. 3 (Hervorhebung von mir; M. R.):

        Весь мир мы разрушим, разрушим, разрушим!

        И строить не будем мы новый, не будем!

        И что было всем, снова станет ничем!685

Die gleichen Transformationen betreffen die Losungen aus der Zeit der Französischen bzw. Sowjetischen Revolution „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“, sowie „Вся власть [советам]“ und „Да здравствует [Великая Октябрьская Социалистическая революция]!“ Daraus wird bei Kibirov: ← 213 | 214 →

        Единственный способ украсить жилплощадь –         
        поджечь ее! Хижинам тоже война!        [Abschn. 15]

sowie

        Вся власть никому, никому, ничему!         
        Да здравствует nihil! […]        [Abschn. 8]

Diese Veränderungen bewirken eine Zuspitzung und Übertreibung des den Texten eigenen Kampfimpulses, die komisch wirken, da die Leser und Leserinnen gerade bei den bekannten Losungen die Abweichung wahrnehmen. Ähnlich wie in Сквозь прощальные слезы sind bewusste Eingriffe in die Zitate zu bemerkten, die hier der Ebene des erzählenden Ich (d. h. narratoriale Perspektive, siehe S. 138) zugeordnet werden können, das das Verhalten seines jüngeren alter ego aus einem kritischen Blickwinkel betrachtet.

An weiteren intertextuellen Schichten finden sich in К вопросу о романтизме Verweise auf die klassische Antike sowie die Bibel. Diese Rückgriffe auf die ferne Vergangenheit verleihen dem Zerstörungsimpuls eine archetypische Dimension, er wird zu einer anthropologischen Konstante. Erwähnt werden im Text die großen Verbrechen der Bibel – Kains Mord an Abel; die Entscheidung des Pöbels gegen Jesu und für den Verbrecher Barrabas (Abschn. 5); Salomes Intrige gegen Johannes den Täufer (Abschn. 9).686 Dabei spricht das erzählte Ich aus der Perspektive der in der Bibel negativ konnotierten Charaktere (Hervorhebungen von mir; M. R.):

        […] Нам Варраву, Варраву!         
        Не сторож я брату, не сторож, не брат!        [Abchn. 5]

Was die Antike-Bezüge angeht, sind neben dem römischen Fruchtbarkeitsgott Liber, der aus einem Gedicht von Del’vig stammen könnte,687 mit Pandora (Abschn. 14) und den Sirenen (Abschn. 17) bekannte Figuren präsent. Aus dem Altertum stammt auch der Ruf der Bacchantinnen, der den Text leitmotivisch durchzieht (Abschn. 2, 3, 5, 18); besagtes „Эван, эвое!“ findet sich darüber hinaus in zahlreichen russischen Gedichten der Romantik und des Silbernen Zeitalters: Вакханка von Batjuškov (1815),688 Торжество Вакха (1818) von Puškin,689 Песня Вакханок (1894) von Dmitrij Merežkovskij,690 Вакхическая ← 214 | 215 → песня (1898) von Mirra Lochvickaja,691 das wiederum als Motto im Gedicht Эван, эвое! (1913) des Egofuturisten Konstantin Olimpov692 auftaucht, etc.

Diese deutliche Referenz auf das kultische Umfeld der Dionysos-Verehrung fügt sich mit den Anekdoten über die beschädigten Apollo-Figuren zu dem Gegensatzpaar apollinisch vs. dionysisch zusammen, mit dem Nietzsche die einzelnen Künste, aber auch bestimmte Zivilisationen typologisierte. Kibirovs Gedicht beinhaltet auch Verweise auf Nietzsches sprichwörtlich gewordenes Diktum „Gott ist tot“ sowie die Vorstellung vom Übermenschen (Absch.11: „Бог, если не умер, то будет расстрелян!“; Abschn. 12 „Нож в горло – и ты Übermensch, и Бог умер!“). In dieses Umfeld gehört auch die Erwähnung des Nihilismus (Abschn. 8: „Да здравствует nihil! Но даже Ничто / над нами не властно, не властно, не властно!“), da in Nietzsches Werk die Verneinung von als gültig angesehenen gesellschaftlichen Normen ihren (wirkungsgeschichtlichen) Höhepunkt erreichte. Anspielungen auf Dostoevskijs anti-nihilistischen Roman Преступление и наказание schließen sich an. Auch hier wird der zerstörerische Impuls des Prätexts gesteigert:

        Не ссы! За процентщицей вслед замочи         
        и Соню, сначала отхарив, и Дуню,         
        и Федор Михалыча! Право имей!         
        Не любо?! Дрожащая тварь, что, не любо?        [Abschn. 11]

In diesem Zitat-Panorama kommen verschiedene intertextuelle Komplexe zusammen, die in Kibirovs Gesamtwerk allesamt negativ konnotiert sind. Die Kritik an Texten aus dem kommunistischen Umfeld dominiert im Frühwerk, Spezifika der literarischen Romantik als Kontrastfolie spielen in der zweiten Werkphase eine wichtige Rolle, seit Ende der 1990er findet sich Polemik gegen Nietzsche. Diese verschiedenen Facetten, verbunden mit Kibirovs Kritik am russischen Symbolismus und der europäischen Literatur des Fin de Siècle (Blok), summieren sich zu einem bipolaren Gesamtbild, das im weiteren Werk immer neu variiert wird.

5.3.4.  Positive Projektionen: das „apollinische“ Puškin-Bild

Den vielen Repräsentationen des Romantischen stehen in К вопросу о романтизме nach dem Umbruch in Abschn. 20 Bezüge gegenüber, die eine (in Kibirovs Konzeption) lebensbejahende, antiromantische Idee transportieren. Neben der Hinwendung zu Gott (Abschn. 20: „Ах, Господи Боже!“ etc.) finden ← 215 | 216 → sich Puškin-Referenzen. Anders als Lermontov („И скучно, и грустно“) wird Puskin nicht als Vertreter des Romantischen eingeordnet, sondern dem spießbürgerlichen Pol zugerechnet, wovon im nächsten Kapitel noch ausführlich die Rede sein wird. Der zentrale Prätext in К вопросу о романтизме ist dabei Puškins Gedicht Вакхическая песня,693 das den dionysischen Kontext umwertet und nicht als destruktiven Rausch, sondern als Gastmahl inszeniert. Das erste Mal taucht das Schlüsselzitat in Abschn. 13 auf, allerdings sind hier die Verben noch vertauscht, statt „Да здравствует солнце, да скроется тьма!“ heißt es bei Kibirov: „Да скроется солнце, да здравствует тьма!“ (Hervorhebungen von mir; M. R.). Am Ende von К вопросу о романтизме, wird erneut zitiert, allerdings die originale, „apollinische“ Grundstimmung wiedergestellt:

        Да здравствуют музы! Да здравствует разум!         
        Да здравствует мужество, свет и тепло!         
        Да здравствует Диккенс, да здравствует кухня!         
        Да здравствует ленкин сверчок и герань!        [Abschn. 21]

Wie zu sehen ist, wird das wörtliche Zitat als syntaktisches Gerüst weitergenutzt. Zu apollinischen Kategorien („музы“, „разум“, „мужество, свет и тепло“) gesellen sich spießbürgerliche Topoi, die sich zu einem Bild des Heims zusammensetzen: die Küche, das Heimchen (сверчок) sowie die Geranie. Sie sind an Len(k)a gebunden, die Lebenspartnerin des Sprechers.

Von großer Relevanz ist die Erwähnung von Charles Dickens als einem Repräsentanten des Philistertums, die eine Verbindung zum Gedicht Русская песня. Пролог im gleichen Band herstellt, das England und Russland konfrontiert.694 In diesen beiden Gedichten aus dem Buch Сантименты sind somit erste Ansätze von Kibirovs anti-romantischem England-Bild angelegt, von dem noch die Rede sein wird (siehe insbesondere Kap. 8.4 und 8.5).

In К вопросу о романтизме wird in dem durch seine Kürze exponierten letzten Abschnitt die Absicht verkündet, Gäste einzuladen, zu kochen (erneut Kartoffeln), zu trinken und zu singen. Zum einen wird Puškins Bacchus-Lied weitergeführt, andererseits findet sich hier eine Szene von Gemeinschaft, wie sie am Ende der Weihnachtsallegorien als utopisch-komische Variation des Abendmahls entwickelt wurde.

Betrachtet man Kibirovs elaborierten romanisch-spießbürgerlichen Dualismus, stellt sich abschließend die Frage, inwieweit die vorgenommenen Rollen ← 216 | 217 → verteilungen und Konzeptualisierungen adäquat sind und wie man die Botschaft – das Bekenntnis zum Spießbürgertum – bewertet. Skoropanova, die К вопросу о романтизме aus der Perspektive von Сквозь прощальные слезы liest, sieht Kibirovs Text kritisch: „В Кибирове неожиданным образом прорезается цензор, указывающий классикам, что им не нужно было писать, чтобы в России не произошла революция.“695 Gefährlich sei nicht die Romantik, sondern der utopische Radikalismus, und bei dem Dichter sei ebenfalls ein russischer Maximalismus vorhanden, obwohl er sich langfristig von binären Oppositionen wegbewege. Skoropanovas Interpretation wird der immanenten auto-ironischen Komponente von К вопросу о романтизме allerdings nicht gerecht, die sich insbesondere in den Übersteigerung des Destruktionsimpulses der Prätexte zeigt, mit denen auf der Ebene des erzählenden Ich die verzerrte Interpretation des Protagonisten (des erzählten Ich) offengelegt wird. Dadurch wird auch die ursprüngliche Bedeutung der Originale sichtbar, die sich vielleicht doch nicht alle in ein Paradigma einpassen lassen. Schließlich ist die rhetorische Anlage des Textes offenkundig und wirkt dem Appell entgegen: Das Spiel mit Zitaten, die fehlende psychologische Motivation der Parteinahme zuerst für die Romantik und dann für die spießbürgerliche Antithese sorgen für Komik und bieten Ansatzpunkte für eine kritische Ausdeutung.

Die Frage nach der Plausibilität der skizzierten universalen Romantik lenkt die Aufmerksamkeit auf Tamara Gurtuevas Habilitationsschrift, die Kibirov als einen Vertreter der nordkaukasischen Postmoderne untersucht. Sie definiert die Postmoderne als Spätphase des romantischen Paradigmas,696 das prägend für die Neuzeit sei. Insofern stützt ihre Arbeit die Plausibilität von Kibirovs Konzeption einer Romantik i. w. S. und lässt erwarten, dass auch Momente der Postmoderne als romantisch eingeordnet werden, was in der Tat der Fall sein wird. Allerdings versteht Gurtueva Kibirov als Postmodernisten und Romantiker, ohne den Widerspruch zu bemerken, den etwa das Gedicht К вопросу о романтизме hervorruft – es wird, wie das Gros seines Werkes, von ihr nicht berücksichtigt (siehe Seite 45). ← 217 | 218 →

5.4.     KAPITELRESÜMEE

An der Wende zu den 1990er Jahren vollzieht sich im Werk von Timur Kibirov eine Neuausrichtung, die weg von Dekonstruktionen sowjetischer Ideologeme, Analysen sozialer Probleme oder historischen Retrospektiven führt, obwohl der Dichter zeitgleich eben mit diesen Texten Popularität erreichte.

Zum einen wird die Abkehr von politischen Themen aus der Reflexion der eigenen Position im literarischen Feld motiviert. Das Autorvorwort in Versen zum Buch Стихи о любви und v. a. das Gedicht Мише Айзенбергу. Эпистола о стихотворстве (Сантименты) gestalten die Beziehung zwischen der inoffiziellen und der offiziellen Literatur als kategorische Abgrenzung, wobei der offizielle Literaturbetrieb und die in der Perestrojka ihren Höhepunkt erreichende Dominanz der politisch-publizistischen Thematik scharf angegriffen werden. Nikolaj Nekrasov als Schlüsselfigur dieser „staatsbürgerlichen“ Literaturkonzeption werden alternative Autoritäten gegenübergesetzt: der Emigrationsautor Vladimir Nabokov und Osip Mandel’štam als Opfer des Totalitarismus. Michail Ajzenberg, der fiktive Adressat der Epistel, fungiert als kommunikative Instanz und Repräsentant des Untergrunds. In Kibirovs Manifesten deuten sich die Umkehrung der Hierarchien an, die in den 1990ern in einem von neuen Spielregeln dominierten literarischen Feld stattfindet, sowie die Veränderungen im literarischen Kanon.

Diese Grenzziehungen stellen ebenfalls selbstbezogene Reflexionen über die Richtung des eigenen Schreibens dar, wobei die Sprecherinstanz mit autobiographischen Zügen versehen wird und als Sprachrohr des Autors dient. Es sollen a-politische Texte jenseits der Perestrojka-Publizistik entstehen. Gerade der Rückgriff auf pastorale Motive beinhaltet dabei die Proklamation der dichterischen Freiheit. Aus dieser Konzeption heraus erklären sich die positiven Bezugnahmen auf die klassizistische Literatur. So nimmt der Versbrief an Ajzenberg über seinen Untertitel Bezug auf Sumarokovs poetologisch-polemische Auseinandersetzung mit dem literarischen Establishment des 18. Jahrhunderts. Typologisch lässt sich der von ihm ausgetragene Generationen- bzw. Klassengegensatz, der sich als Kritik an der Dominanz der (panegyrischen, politischen) Ode manifestierte, mit Kibirovs Situation und Positionen gleichsetzen. Wenn der Dichter 1988–1989 viele Gattungs-Gedichte schreibt und Liebe / Gefühle als zentrale Themen definiert, folgt er ebenfalls Sumarokov nach.

Im dritten Schlüsselgedicht К вопросу о романтизме nehmen die neuen weltanschaulichen Inhalte, nämlich die binäre Opposition zwischen ‚Romantik‘ (романтизм) einerseits und ‚Spießertum‘ (мещанство) andererseits, Gestalt an. Mit diesen Termini benennt das Gedicht zwei antagonistische Paradigmen, die die Kulturgeschichte prägen (sollen), ähnlich wie das nietzscheanische Paar dionysisch vs. apollinisch. Die Romantik dient als negativer Pol, während der Sprecher das Spießertum als Ideal definiert und dieses in den Büchern Стихи о ← 218 | 219 → любви bis Парафразис auch vorlebt. Diese Positionierung ist in der Tat ungewöhnlich, denn die meisten großen Autoren und Autorinnen hatten ein ambivalentes bis feindliches Verhältnis zu Alltagsleben, Normalität und gesellschaftlichen Konventionen, was die intertextuellen Referenzen belegen.

In Kibirovs Zitat-Panorama des Romantischen ist Aleksandr Blok die zentrale Figur, bei der sich die verschieden Linien kreuzen: die Revolutionsbegeisterung der Intelligenzija, das Bild des Dichters als a-sozialer außergewöhnlicher Existenz, das die europäische Moderne aus der Romantik übernommen hat, die Affinität zum Dionysischen. Flankierend hinzu kommen weitere Bezüge auf Autoren der Romantik, des Symbolismus und der Avantgarde; Maxim Gor’kij, Arbeiterlieder und kommunistische Losungen; archetypische Gestalten aus Bibel und Mythologie; und schließlich Nietzsche und der Nihilismus. Im breiten Spektrum des Romantischen werden in späteren Texten auch Vertreter der Postmoderne Platz finden. Im Gedicht К вопросу о романтизме wird nach der Kulmination und dem Umschlagen der romantischen Begeisterung Puškin als intertextueller Gegenpol positioniert. Spätere Texte erweitern das Thema Spießertum intertextuell um zahlreiche weitere Repräsentationen.

Aus der analytischen Distanz betrachtet, zeigt Kibirovs antiromantisches Projekt exemplarisch das Bedürfnis einer sich der sowjetischen Utopie entfremdenden Gesellschaft nach neuen Werten. Ein Spezifikum der in Kibirovs Werk bis in die Gegenwart in verschiedenen Variationen präsenten „positiven“ Ideologie, die diese Lücke füllen soll, ist allerdings ihre selbstironische Dimension. Appelle und Postulate werden durch Komik und Ironie ausbalanciert, in К вопросу о романтизме z. B. durch die Hyperbolisierung des in den Prätexten gesehenen destruktiven Potentials oder die offenkundig rhetorische Handlungsführung, die auf psychologische Motivierungen verzichtet. Auch wenn Kibirovs Ideen, an denen sich das eigene Schreiben und Leben (auf der Ebene der Texte) ausrichten und die der Leserschaft als Modelle präsentiert werden, sich von den bei anderen Autoren und Autorinnen fassbaren postmodernen Positionen abgrenzen, besteht in der omnipräsenten Ironie eine Gemeinsamkeit. Gedichte wie К вопросу о романтизме lassen sich als Unterfangen lesen, Ideologie und Dekonstruktion zu verbinden und die postmoderne Ästhetik auf wertschaffende Inhalte anzuwenden. ← 219 | 220 → ← 220 | 221 →


569 Thesen aus Kap. 5.2 liegen als Aufsatz vor: Рутц, Марион: Выбор предшественников. Размышления Т. Кибирова о положении андеграунда и о повороте в собственном творчестве («Мише Айзенбергу. Эпистола о стихотворстве»). // Современное гуманитарное образование. Вып. 10: Филологические традиции в современном литературном образовании. Т. 2. М.: 2011. 90–98. Alle Links wurden am 23.05.2015 überprüft.

570 Шаповал, Сергей: Традиционный русский поэт.

571 Z. B. 1996 im Interview Натолока, Оксана: Тимур Кибиров без фиговых листочков и вне тусовок: „И на самом деле это можно было продолжать, просто в какой-то момент все это надоело, потому что перестало быть делом поэзии и стало делом публицистики, «Московского комсомольца», не знаю, телевидения… И просто запахло толпой, потом это стало просто скучно. И кроме того, я хорошо научился это делать, было чересчур легко.“

572 Die Beispiele mit Datierung nach: Menzel, Birgit: Bürgerkrieg um Worte. Die russische Literaturkritik der Perestrojka. Köln; Weimar; Wien: Böhlau. 33–34.

573 Лейдерман, Н. Л.; Липовецкий, М. Н.: Русская литература XX века, т. 2. 417 nennt als Beispiel Aleksandr Beks Roman Новое назначение, den der Ökonom G. Popov für seine Argumentation genutzt habe.

574 Кибиров, Тимур: Из книги «Стихи о любви». // Вестник новой литературы (1992) 4. 69–76. 69–71. Zum Profil der Zeitschrift siehe Irlenkäuser, Olaf: Die russischen Literaturzeitschriften seit 1985, 74–78. Textgrundlage ist im Weiteren Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 207–209.

575 Ерофеев, Виктор: Поминки по советской литературе. // ЛГ 04.07.1990. 8.

576 Siehe auch seinen frühen Aufsatz: Ерофеев, Виктор: Метаморфоза одной литературной репутации. Маркиз де Сад, садизм и ХХ век. // ВЛ (1973) 6. 135–168.

577 Ерофеев, Виктор: Русские цветы зла. // Московские новости 27.06.1993. B 4–5. Eine umfangreichere Version diente als Vorwort zu einem Band mit Erzählungen neuer Autorinnen und Autoren: Ерофеев, Виктор (сост.): Русские цветы зла. М.: Подкова 1997. 6–30.

578 Кушнер, Александр: Московские новости. // Огонек (1987) 32. 25; ebenfalls Кушнер, Александр: Живая изгородь. Л.: Советский писатель 1988. 36. Im Original steht der zitierte Vers ohne Zeilenumbruch: „Так ты и с политикой дружен? – И с нею.“

579 Johnson, Emily D.: Aleksandr Kushner. In: Rosneck, Karen (ed.): Russian Poets of the Soviet Era. Detroit et al: Gale 2011. 139–149. 141.

580 Берг, Михаил: Его поэзию любили инженеры и женщины. Вышла новая книга Александра Кушнера. // Коммерсантъ 07.10.1998 http://www.kommersant.ru/doc/206479?stamp=634587886865831596; = Смысл выдыхается, строчки мертвеют. // [Homepage Michail Berg], http://www.mberg.net/kushnewr/: „В застойную эпоху Кушнер был самым несоветским поэтом среди советских, самым свободным среди несвободных, неразрешенным среди разрешенных и неофициальным среди официальных.“

581 „Начинать перестройку с себя“ ist eine sprichwörtlich gewordene Wendung Gorbačevs: Душенко, К. В.: Цитаты из русской истории. Справочник. М.: Эксмо 2005. 70 (Г 61).

582 Душенко, Константин: Большой словарь цитат и крылатых выражений, 152 (В 192) bzw. 213 (Г 713); Серов, Вадим: Энциклопедический словарь крылатых слов и выражений. М.: Локид-Пресс 2004. 639. Das Gedicht findet sich in Вознесенский, Андрей: Прорабы духа. М.: Советский писатель 1984. 80–82 oder Вознесенский, Андрей: Собрание сочинений [1983–1984]. Т. 3. 351–353.

583 So zumindest die idiomatische Bedeutung, siehe Серов, Вадим: Энциклопедический словарь крылатых слов и выражений, 620–621. Nekrasovs als Dialog gestaltetes Gedicht Поэт и гражданин ist differenzierter.

584 Мандельштам, Осип: Стихотворения. Проза. Cоставление Ю. Фрейдина. Предисл. и комм. М. Гаспарова. М.: Рипол классик 2002 [=2001].122–123.

585 Мандельштам, Осип: Стихотворения. Проза, 620–621. Лекманов, Олег: Осип Мандельштам. Жизнь поэта. Изд. 3-е, доп. и перераб. М.: Молодая гвардия 2009. 204–205.

586 Das Attribut скорбный findet sich in Abschn. 6 (лира скорби) und in Сквозь прощальные слезы V („некрасовский скорбный анапест“, siehe Kap. 4.2.2, S. 147). Auch От автора steht im Anapäst, wie in Nabokovs К России alternieren vier- und dreihebige Verse.

587 Die Referenz nach Десятов, В. В.: Набоков и русские постмодернисты, 268. In besagtem Gedicht heißt es: „И тогда я смеюсь, и внезапно с пера / мой любимый слетает анапест, / образуя ракеты в ночи – так быстра / золотая становится запись.“ (Nabokov, Vladimir: Poems and Problems, 102–113, 110). Мартынов, Г. Г.: В. В. Набоков. Библиографический указатель произведений и литературы о нем, опубликованных в России и государствах бывшего СССР (1920–2006). СПб.: Альфарет 2007. 69–70 verzeichnet als frühe Zeitschriftenpublikation dieses Gedichts Дружба народов (1987) 6. 170–175.

588 Набоков, Владимир: О книге, озаглавленной «Лолита». (Послесловие к американскому изданию 1958-го года). // Набоков, Владимир: Лолита. Перевод с англ. автора. Предисл. Виктора Ерофеева. М.: Известия 1989. 350–357, 355. Laut Мартынов, Г. Г.: В. В. Набоков. Библиографический указатель произведений и литературы о нем 54, 87 erschienen die ersten russischen Veröffentlichungen von Lolita 1989.

589 Neben den Bezügen in Рождественские аллегории und Сквозь прощальные слезы finden sich Nabokov-Referenzen in Л. С. Рубинштейну (Три послания); Вместо эпиграфа. Из Джонна Шейда (Сантименты); Послание Ленке (Послание Ленке и другие сочинения); Сортиры; Игорю Померанцеву. Летние размышления о судьбах изящной словесности, Памяти Державина 22, Двадцать сонетов к Саше Запоевой 16 & 17 (alle aus Парафразис); „Как Набоков и Байрон скитаться…“ (Улица Островитянова); „Только детские книжки писать…“, „От Феллини до Тарантино“ (Нотации); Циническое (Юбилей лирического героя) und im Vorwort zu На полях «A Shropshire Lad». Komplettiert mit Hilfe von: Десятов, В. В.: Набоков и русские постмодернисты, 265–286.

590 Десятов, В. В.: Набоков и русские постмодернисты, 267–269: die Erwähnung des Bräutigams (Abschn. 2) gehe auf den Roman Приглашение на казнь zurück und beziehe sich auf den (schwitzenden) M. Pierre; „говорю я «рака»“ (Abschn. 4) stamme aus dem Roman Дар; das Motiv des Schwitzens sei auf die Erzählung Ultima Thule zurückzuverfolgen.

591 Мартынов, Г. Г.: В. В. Набоков. Библиографический указатель произведений и литературы о нем, 85 verzeichnet als erste Zeitschriftenpublikationen Родник (1987) 8 – (1988) 2. Die erste sowjetische Buchausgabe erschien 1988 (Машенька. Защита Лужина. Приглашение на казнь. Другие берега. Романы. М.: Художественная литература).

592 Tibulls Liebesgedichte an Delia; der Name diente später als allgemeine Bezeichnung der Geliebten, etwa bei Puškin: К Делии und Делия (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 1. 272; 273).

593 Das Wort скиния bezeichnet das Tabernakel, das die Israeliten vor der Errichtung des Tempels als Gotteshaus nutzten: Христианство. Энциклопедический словарь. В 3 т. Ред. колл.: С. Аверинцев и др. М: Большая российская энциклопедия 1993–1995. Т. 2. 588–589.

594 In Kapitel II: Набоков, Владимир: Собрание сочинений [Ерофеев]. Т. 4. 5–130. 14.

595 Десятов, В. В.: Набоков и русские постмодернисты, 269.

596 Ожегов, С. И.; Шведова, Н. Ю.: Толковый словарь русского языка; Übersetzungen: Langenscheidt Handwörterbuch Russisch (Daum / Schenk), 149 und Russisch-Deutsches Wörterbuch II, 403.

597 Textgrundlage ist Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 255–260.

598 Липовецкий, М.: Совок-блюз. Шестидесятники сегодня. // Зн (1991) 9. 226–236. 226: „Нет сегодня занятия более прогрессивного, а главное, душеполезного, нежели разоблачение литераторов-шестидесятников […]. Процесс срывания всех и всяческих масок с истинного лица былых кумиров идет под девизом «Раззудись, плечо!», и, похоже, уже набирает силу некое негласное соревнование, в котором, по сути дела, учитывается лишь один показатель: кто вдарит побольнее?“

599 Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 297–304; Кибиров, Тимур: Парафразис. Книга стихов. СПб.: Пушкинский фонд 1997. 6–13.

600 Zeitgleich zur Ausgabe Сантименты. Восемь книг (hier: 255–260) gedruckt in Золотой вѣкъ. Литературно-художественный журнал (1994) 5. 24–25.

601 Глушакова, Т. С.: Сборник Тимура Кибирова «Избранные послания» в социокультурном контексте 1980-х – 1990-х годов.

602 Ebd., 43–44. Siehe auch den Eintrag послание in Литературная энциклопедия [1929–1939], т. 9. 171–172 [=http://feb-web.ru/feb/litenc/encyclop/le9/le9-1712.htm].

603 Глушакова, Т. С.: Сборник Тимура Кибирова «Избранные послания» в социокультурном контексте 1980-х – 1990-х годов, 45. Sie bezieht sich auf Айзенберг, Михаил и др.: Андеграунд вчера и сегодня. // Зн (1998) 6. 172–199, speziell auf den Beitrag von Semen Fajbisovič (195–198).

604 Айзенберг, Михаил: Некоторые другие. Вариант хроники: первая версия. // Театр (1991) 4. 98–118 (datiert auf Mai–Juni 1990) – im Teaser heißt es: „Первая попытка полного описания пути внеофициальной поэзии последних десятилетий […].“ Айзенберг, Михаил: Место тени. // ЛГ 16.06.1993. 4 (als Beitrag zum Thema Андерграунд. Его защитники и оппоненты).

605 Nikolaj Ochotin, einer der Gründerväter des Buchgeschäft-Café-Verlag-Netzwerks OGI bzw. PIROGI, lobt im Interview Ajzenbergs Leistung und erwähnt beiläufig, dass die bekannte poetische Reihe mit einem Buch Kibirovs (es müsste sich um Улица Островитянова von 1999 handeln) begann: Охотин, Николай: «Так совпало, что хотелось жизни с чтением и с водкой, всем вместе, в прокуренном подвале». // OpenSpace.ru 25.12.2008, http://os.colta.ru/literature/projects/76/details/7167/.

606 Im Bezugstext: „Посреди высотных башен / вид гуляющего страшен. / Что он ищет день-деньской / в этой каше, в этой чаше, / в этой чаще городской?“ Das Gedicht findet sich in Ajzenbergs erstem publizierten Gedichtband: Айзенберг, Михаил: Указатель имен. М.: Гендальф 1993. 15 [=http://www.vavilon.ru/texts/prim/aizenberg5.html]; ebenfalls Айзенберг, Михаил: Переход на летнее время. М.: НЛО 2008. 355.

607 Kurz erwähnt bei Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 55.

608 Schatrow, Michail: Diktatur des Gewissens. Streitgespräche und Überlegungen 1986 in zwei Teilen. In: Theater der Zeit (1987) 10. 47–64 (Thema 70 Jahre Oktoberrevolution).

609 Siehe den recht ausführlich auf das Werk eingehenden Artikel zu Šatrov in Русские писатели 20 века, 759–761 (М. В. Михайлова).

610 [o. A.]: История [журнала «Огонек»]. // Огонек, http://www.ogoniok.com/inside/hystory/.

611 Lanin, Boris: Yevgeny Yevtushenko. In: Rosneck, Karen (ed.): Russian Poets of the Soviet Era, 336–351. 348.

612 Федоров, А. И. (сост.): Фразеологический словарь русского литературного языка. Изд. стереот. М.: АСТ; Астрель 2001 [= Новосибирск 1995]. 321 (лезть): „Прост. Презр. Лестью, подобострастием, хитростью добиваться расположения, доверия у кого-либо.“

613 Мокиенко, В. М.; Никитина, Т. Г.: Большой словарь русских поговорок. М: Олма Медиа Групп 2008. 419 (мыло) verzeichnet „Без мыла в душу (в жопу) лезть/ влезть.“

614 Ähnlich attakierte Brodskij v. a. Voznesenskij, siehe z. B. Бродский, Иосиф. Книга интервью. Сост.: В. Полухина. Изд. 5-ое, испр. и доп. М.: Захаров 2010. 242: „Это человек [Voznesenskij; M. R.], строчки которого обладают совершенно уникальной способностью вызывать физиологическую реакцию тошноты.“ Weitere Belege lassen sich über den Index auffinden.

615 So 1995 im Interview Рассказова, Татьяна: Тимур Кибиров: Только и делаю, что потакаю своим слабостям: „Думаю, моя кавказская кровь сказывается разве что в избыточной запальчивости литературного поведения – в нападках на шестидесятников, в частности. Не то что я хочу отречься от своих слов, они были и на мой сегодняшний взгляд справедливы, но просто это не совсем то, чем должен заниматься поэт. Я как будто все время забывал, что шестидесятники – живые люди; а обижать людей я не люблю. (Не хотел бы, между прочим, прочитать когда-нибудь стихи, где склоняется моя фамилия.) Но сейчас переписывать нелепо.“

616 Vgl. seine Ausführungen zu den шестидесятники 1996 im Interview Сеславина, Елена: Тимур Кибиров – … И спокойно заниматься своим делом, 174: „–[…] Что меня раздражало – вот этот молчаливый сговор между писателями и читателями: не первый сорт, но для советского читателя – первый. Вот мы рассматриваем Трифонова в контексте советской литературы: действительно гений! А в контексте русской литературы? Рядом с Набоковым? С Алдановым? С Лесковым? –Все равно Трифонов. – Безусловно, но это другой масштаб. И здесь моя главная претензия: негласный уговор восприятия литературы «усеченной», как будто письменность нам даровал Хрущев на ХХ съезде. А мне это противно и обидно.“

617 Diese Szene ist wohl durch das Gemälde Елка в Горках von Vera Orlova (1951) motiviert, das Lenin mit vier lachenden Kindern vor einem geschmückten Tannenbaum zeigt. Das Bild findet sich in diversen Blogs, die sowjetischen Neujahrsmotive kompilieren.

618 Большая советская энциклопедия [3], т. 8. 219–220 (Sp. 644–646: Дзержинский).

619 Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 100–105 (Предшественники: Т. Кибиров и акмеисты) sucht nach typologischen Ähnlichkeiten, geht jedoch nur auf wenige konkrete Mandel’štam-Bezüge ein.

620 Das Original z. B. in Мандельштам, Осип: Стихотворения. Проза, 352–363. Zitat: 355. Nach [Барбакадзе, М.; Игрунов, В.]: Мандельштам Осип Эмильевич. // Антология самиздата. Гл. ред.: В. Игрунов. Сост.: М. Барбакадзе [n. d.], http://antology.igrunov.ru/authors/mandelsht-osip/ [23.05.2015] erschienen die Texte 1988 in baltischen Periodika: Радуга [Таллин] (1988) 3; Родник [Рига] (1988) 6. Übrigens nutzt die seit 2006 erscheinende Poesiezeitschrift Vozduch eben dieses Mandel’štam-Zitat als Motto.

621 Nach Мандельштам, Осип: Полное собрание сочинений и писем. В 3 т. М.: Прогресс-Плеяда 2009–2011. Т. 1. 198, Komm. 635. In Мандельштам, Осип: Стихотворения. Проза, 162 wird der Anfangsvers durch das Zeichen – eingeleitet.

622 So z. B. Мандельштам, Осип: Стихотворения. Проза, 631.

623 Лекманов, Олег: Осип Мандельштам, 288: Auslöser der Frage sei das lokale Kol’cov-Denkmal gewesen.

624 Langenscheidt Handwörterbuch Russisch (Daum / Schenk), 463. Vgl. Федоров, А. И. (сост.): Фразеологический словарь русского литературного языка, 487 (праздник).

625 Levitt, Marcus C.: Aleksandr Petrovich Sumarokov. In: Levitt, Marcus C. (ed.): Early Modern Russian Writers. Late Seventeenth and Eighteenth Centuries. Detroit et al.: Gale 1995. 370–381; Klein, Joachim: Russische Literatur im 18. Jahrhundert. Köln; Weimar; Wien: Böhlau 2008. 107–145; Степанов, В. П.: Сумароков Александр Петрович. // Словарь русских писателей XVIII века. В 3 т. СПб.: Наука 1988–2010. Вып. 3. 184–199.

626 Datierung korrigiert nach: Гринберг, М. С.; Успенский, Б. А.: Литературная война Тредиаковского и Сумарокова в 1740-х – начале 1750-х годов. // Russian Literature 31 (1992). 133–272. 218 (Anm. 6).

627 Textgrundlage ist Сумароков, А. П.: Избранные произведения. Вступ. статья, подг. текста и прим. П. Н. Беркова. Л.: Советский писатель 1957. 112–125, Sumarokovs Glossar: 126–128.

628 Zu „Stivelius“: Сумароков, А. П.: Избранные произведения, 529; Гринберг, М. С.; Успенский, Б. А.: Литературная война Тредиаковского и Сумарокова, 147 mit Anm.

629 Русская литература XVIII века. Составил доктор филологических наук профессор Г. П. Макогоненко. Л.: Просвещение 1970. Einleitung Пути литературы века: 3–44; kurze Einführung zu Sumarokov: 106; Texte: 107–136 (die 2. Epistel 108–112).

630 Gukovskij hat dieses Thema in gleich mehreren Arbeiten behandelt, Berkov eine Monographie beigesteuert, und auch in den 1990ern wurde hierzu geforscht: Гуковский, Г. А.: Ломоносов, Сумароков, школа Сумарокова [1927]. // Гуковский, Г. А.: Ранние работы по истории русской поэзии XVIII века. М.: Языки русской культуры 2001. 40–71; Гуковский, Гр.: Очерки по истории русской литературы XVIII века. Дворянская фронда в литературе 1750-х – 1760-х годов. М.; Л. 1936; Гуковский, Г. А.: Русская литература XVIII в. [1939]. М.: Аспект Пресс 1999 [=1998]; Берков, П. Н.: Ломоносов и литературная полемика его времени 1750–1765. Л.: АН СССР 1936; Гринберг, М. С.; Успенский, Б. А.: Литературная война Тредиаковского и Сумарокова в 1740-х – начале 1750-х годов. // Russian Literature 31 (1992). 133–272 (als Monographie М.: РГГУ 2001).

631 Макогоненко, Г.: Пути литературы века, 16: „Бóльшую, чем оде, роль он отводил трагедии, уделял внимание любовной лирике, и прежде всего песне.“ Vgl. Гуковский, Г. А.: Русская литература XVIII в., 120.

632 Макогоненко, Г.: Пути литературы века,17: „Большую роль в развитии русской лирики сыграли элегии и песни Сумарокова. […] Он писал от имени мужчин и женщин, от имени счастливых и горюющих любовников. Раскрывая человеческие чувства, он учил читателя радоваться и страдать, любить и ненавидеть.“ Vgl. Гуковский, Г. А.: Русская литература XVIII в., 120.

633 „Не делай из богинь красавице примера / И в страсти не вспевай: «Прости, моя Венера, / Хоть всех собрать богинь, тебя прекрасней нет», / Скажи, прощаяся: «Прости теперь, мой свет! / Не будет дня, чтоб я, не зря очей любезных, / Не источал из глаз своих потоков слезных.“ (V. 357–362). Vgl. Гуковский, Г. А.: Ломоносов, Сумароков, школа Сумарокова [1927], 56 mit dem gleichen Textbeleg.

634 Siehe hierzu Rutten, Ellen: Sincerity after Communism, 43–48.

635 Siehe Graf, Alexander: Die Bewertung Puškins für den zeitgenössischen russischen Manierismus. In: ZfSl 48 (2003) 1. 3–12.

636 Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 56–57 spricht von einer „klassischen“ (im Gegensatz zu einer offenherzig-zynischen) Realisierung des Liebesthemas und zählt entsprechende Gedichte Kibirovs auf.

637 Die Widmungen der Einzelbücher siehe: Кибиров, Тимур: Стихи, 597; Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 13; 67; 127; [Lakune: 159]; 205; 251, in Послание Ленке и другие сочинения ist sie im Titel enthalten.

638 Textgrundlage ist Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 269–273.

639 Zur Gattung siehe den Eintrag эклога in Литературная энциклопедия терминов и понятий [2001], 1221–1222 (T. G. Jurčenko). Kibirovs Eklogen sind allgemein-idyllische Gedichte. Sie beziehen sich nicht auf konkrete Vorbilder und vernachlässigen das gattungskonstitutive dialogische Element (siehe die Definitionen von эклога und идиллия in Квятковский А.: Поэтический словарь. М. Советская энциклопедия 1966 [=http://febweb.ru/feb/kps/kps-abc/]. 349, 116). Laut Суханова, С. Ю.: Жанровая семантика эклоги в цикле Т. Кибирова «Стихи о любви», 162 sei für die Idylle daher das Fehlen eines „lyrischen Helden“ und folglich Distanz zwischen „Autor“ und Figur typisch, was für Kibirovs Eklogen allerdings nicht zutrifft.

640 Zitiert wird nach Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 211–212; 246–247.

641 Goethe, Johann Wolfgang: Sämtliche Werke. 40 Bde. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassikerverlag 1987–2013. Bd. 9. 503 (Buch III, Kap. 1). Zu nennen sind die Nachdichtung von Fedor Tjutčev („Ты знаешь край, где мирт и лавр растет…“) sowie Aleksej Tolstojs freie Variation (Ты знаешь край, где все обильем дышит…“). Das Mignon-Motiv findet sich auch bei Byron (The Bride of Abydos: „Know ye the land where the cypress and myrtle“) und bei Puškin („Кто знает край, где небо блещет,…“). Insofern markiert das Zitat einen romantischen Archetyp. Die Referenz erscheint bei Kibirov erstmals im Intermedium von Сквозь прощальные слезы, hier noch mit ungebrochener romantischer Semantik: „Знаешь край? Не знаешь края“ (Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 147–149. 147); im späteren Werk z. B. in Ibid. (Улица Островитянова; siehe Kap. 7.2.3).

642 Bei Tjutčev: „Туда, туда с тобой / Хотела б я укрыться, милый мой.“ (Тютчев, Ф. И.: Сочинения. В 2 т. М.: Художественная литература 1984. Т. 1. 318); bei Tolstoj „Туда, туда всем сердцем я стремлюся, / Туда, где сердцу было так легко.“ (Толстой, А. К.: Собрание сочинений. В 4 т. М.: Правда 1980. Т. 1. 54–55). Kursive von mir; M. R.

643 Ожегов, С. И.; Шведова, Н. Ю.: Толковый словарь русского языка, 355 definiert мещанин als: „2. Человек с мелкими, сугубо личными интересами, с узким кругозором и неразвитыми вкусами, безразличный к интересам общества.“ Zur Begriffsgeschichte siehe: Степанов, Юрий: Константы. Словарь русской культуры. Изд. 2-е, испр. и доп. М.: Академический проект 2001. 659–663.

644 Vgl. Langenscheidt Handwörterbuch Russisch (Daum / Schenk), 278 (мещанин).

645 Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 50–56 (Апология мещанства). Die beiden letzten Texte in Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 317–321; 284–291.

646 Als Basis dient ihm: Вихавайнен, Тимо: Внутренний враг. Борьба с мещанством как моральная миссия русской интеллигенции. Перевод с англ. СПб.: Коло 2004.

647 Кибиров, Тимур: Стихи, 609–611.

648 Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 317–321. 317.

649 Лермонтов, М. Ю.: Полное собрание сочинений. В 4 т. М.: Гос. изд-во художественной литературы 1948. Т. 1. 46–47.

650 In den verschiedenen Ausgaben gibt es Abweichung in der Aufteilung. In Сантименты. Восемь книг (1994) – der Textgrundlage –, «Кто куда – а я в Россию…» (2001) und Стихи (2005) sind es 22 Abschnitte, in Стихи о любви (2009) abweichend nur 20.

651 Das „Kleinbürgertum“ ist im Russischen mit bestimmten symbolischen Objekten verbunden, vgl. z. B.: Широков, Роман: Семь слоников. Мещанин и мещанство. // SuperСтиль 15.06.2011, http://www.superstyle.ru/15jun2011/sem_slonikov. Die Geranie findet sich in Kibirovs Приблатненная песня (Общие места), Porzellanelefanten in Сквозь прощальные слезы IV (das Tauwetter ist spießerfeindlich: „И слонят уберите с трюмо“). In Послание Ленке (Послание Ленке и другие сочинения) werden die Begonie sowie spezifische Tätigkeiten genannt: Sauerkraut herstellen, Marmelade einkochen, gut essen. Zum Marmeladekochen als literarischem Topos des Gutslebens des 19. Jahrhunderts siehe Ляпина, Лариса: «Варька варенья» в русской классической прозе и поэзии XIX века. // Graf, Alexander (Hg.): Poetik des Alltags. Russische Literatur im 18.–21. Jahrhundert. München: Herbert Utz 2014. 83–89.

652 Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 82–99 (Kapitel 2.2). Im Unterkapitel Спор о революции (89–95, v. a. 93–95) werden einige Referenzen aus К вопросу о романтизме genannt.

653 Кибиров, Тимур: Парафразис, 37–45. Siehe Str. 60–61:„ Как старался я, как я безбожно кривлялся, / чтоб хоть чуточку сблизиться с ним! // Как я втягивал щеки, закусывал губы! / Нет! Совсем не похож, хоть убей! / И еще этот прыщ на носу этом глупом! / Нет, не Блок. Городецкий скорей.“ Vgl. 2007 im Interview Шендерович, Виктор: Все свободны!: „Блок был моим кумиром, причем настоящим кумиром, таким, как у девочек, мальчиков рок-звезды. Я его чуть ли не записные книжки наизусть знал.“

654 In Солнцедар heißt es: „Впрочем, надо заметить, что именно этот / старомодного чтения круг / ледяное презрение к власти Советов / влил мне в душу.“ (Str. 45); „И когда б не дурацкая страсть к зоргенфреям, / я бы к слуцким [Boris Sluckij, 1919–1986; M. R.], конечно, припал“ (Str. 50). Десятов, В. В.: Набоков и русские постмодернисты, 276 erwähnt eine ursprüngliche Str. 52, die nur in den frühen Redaktionen des Poems fassbar ist: „Благодарность за глупое это презренье / я в душе навсегда сберегу. / Но, как сказано в сиринском стихотвореньи, / «перечитывать их не могу»“ (Desjatov gibt als Quelle an: Кибиров, Тимур: Памяти Державина, 156 sowie die Zeitung Сегодня 01.10.1994. 13).

655 Z. B. Литературная секция (Послание Ленке и другие сочинения; Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 333–341), Str. 21–25. Detailliert in den autobiographisch gefärbten Prosaskizzen Покойные старухи (Три поэмы), Gesang 2, Abschn. XIV und XV: Das erzählte Ich findet während der Ferien bei den Großeltern eine vorrevolutionäre Blok-Ausgabe und wird dadurch zum Dichter (Кибиров, Тимур: Три поэмы, 22–33. 32). Vgl. das Interview: Селиванова, Наталья: В новой жизни стало не лучше, а правильнее. // Утро Россiи 20.–26.07.1995. 8: „Впрочем, мое отношение к Блоку окрашено в биографические тона. Может быть, под его влиянием я, тринадцатилетний, и начал пи-сать стихи. До армии я знал наизусть все его сочинения, вплоть до его записных книжек. Он являлся моим кумиром, непререкаемым авторитетом и образчиком жизненного поведения. Затем восхищение сменилось резким неприятием, а позднее выработалось спокойное отношение.“

656 Блок, Александр: Собрание сочинений. В 6 т. Л.: Художественная литература 1980–1983. Т. 4. 229–239, Zitat 239.

657 Переделать все. Устроить так, чтобы все стало новым; чтобы лживая, грязная, скучная, безобразная наша жизнь стала справедливой, чистой, веселой и прекрасной жизнью.“ (Блок, Александр: Собрание сочинений, т. 4. 232; Kursive im Original.) Auch vom Weltkrieg hatte man sich eine Reinigung erhofft: „казалось минуту, что она очистит воздух“ (229).

658 Блок, Александр: Собрание сочинений, т. 2. 313–324. Zitat in Abschn. 8 „Уж я ножичком / полосну, полосну!..“

659 Zitat in Abschn. 3: „Мы на горе всем буржуям / Мировой пожар раздуем“.

660 Zitat in Abschn. 5: „Эх, эх, попляши!

661 Zitat in Abschn. 5: „Эх, эх, согреши!

662 Zitat in Abschn. 2: „Свобода, свобода, / Эх, эх, без креста!“.

663 Zitat in Abschn. 1: „Черная злоба, святая злоба...“

664 Vgl. Fn.659.

665 Zitat in Abschn. 2: „Пальнем-ка пулей в Святую Русь – // […] В толстозадую!“.

666 Gedicht На поле Куликовом 1, Str. 5 (Блок, Александр: Собрание сочинений, т. 2. 84–88, Zitat: 85).

667 Gegen die Gleichsetzung mit der Revolution spricht sich Скоропанова, И. С.: Русская постмодернистская литература, 368 aus. Sie verneint insgesamt eine direkte Schuld der Literaten an dem Geschehenen (367); auch Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 92–94 erörtert diese Frage.

668 Gedicht Поэты: „Ты будешь доволен собой и женой, / Своей конституцией куцой, / А вот у поэта – всемирный запой, / И мало ему конституций!“ (Блок, Александр: Собрание сочинений, т. 2. 92–93. Str. 8.)

669 Artikel О назначении поэта: „праздничное и триумфальное шествие поэта […] слишком часто нарушалось мрачным вмешательством людей, для которых печной горшок дороже бога.“ (Блок, Александр: Собрание сочинений, т. 4. 413–420. 413.)

670 Puškins Gedicht Поэт и толпа: „Тебе бы пользы всё – на вес / Кумир ты ценишь Бельведерской. / Ты пользы, пользы в нем не зришь. / Но мрамор сей ведь бог!... так что же? / Печной горшок тебе дороже: / Ты пищу в нем себе варишь.“ (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 3,1. 141–142. 142).

671 Puškins Эпиграмма (из антологии): „Кто разбил твой истукан? / Ты, соперник Аполлона, / Бельведерский Митрофан [= Murav’ev; Anm. von mir, M. R.].“ (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. III,1. 51). Siehe Вацуро, В. Э.: Эпиграмма Пушкина на А. Н. Муравьева. // Пушкин. Исследования и материалы. Т. 13. Л.: Наука 1989. 222–241.

672 Diese Anekdote findet sich z. B. in der nacherzählend-literarischen Biographie: Турков, А.: Александр Блок. Изд. 2-е, испр. М.: Молодая гвардия 1969. 258: „Блока стали вдруг приводить в исступление вещи. Он в щепы сломал несколько стульев, разбил кочергой стоящий на шкафу бюст Аполлона. – А я хотел посмотреть, на сколько кусков разлетится эта жирная рожа, – уже успокаиваясь, объяснял он жене свой поступок.“

673 Кибиров, Тимур: Интимная лирика, 18. Vgl. Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 94–95.

674 Auch in Сквозь прощальные слезы I (Str. 7, evtl. auch 5) fungiert Blok als Repräsentant des pro-sowjetischen Pols (Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 132–135. 132). Vgl. Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 91.

675 Тютчев, Ф. И.: Сочинения, т. 1. 78: „О, страшных песен сих не пой / Про древний хаос, про родимый!“ Als Zitat ebenfalls in Bloks Rede О назначении поэта: Блок, Александр: Собрание сочинений, 416; im Kommentar Seite 459 (Anm. 7).

676 Bal’monts Gedicht Хочу: „Хочу быть дерзким, хочу быть смелым, / […] Хочу упиться роскошным телом, / Хочу одежды с тебя сорвать! // […] Я так хочу!“ (Бальмонт, К.: Избранное. М.: Художественная литература 1983. 153.)

677 Auch Скоропанова, И. С.: Русская постмодернистская литература, 368 sieht eine Referenz auf Cvetaeva.

678 Скоропанова, И. С.: Русская постмодернистская литература, 367, leider ohne genauere Lokalisation.

679 Берков, В. П.; Мокиенко, В. М.; Шулежкова, С. Г.: Большой словарь крылатых слов русского языка. М. 2005. 438. „Свинцовые мерзости [Русской <нашей> жизни]“. Die Wendung stammt aus Gor’kijs Детство, Ende von Kap. XII (Горький, М.: Собрание сочинений. В 30 т. М.: Художественная литература 1949–1955. Т. 13. 5–202, Zitat: 185.)

680 Gor’kijs Легенда о Марко, Str. 8: „А вы на земле проживёте, / Как черви слепые живут: / Ни сказок о вас не расскажут, / Ни песен про вас не споют.“ (Горький, М.: Собрание сочинений, т. 5. 360–361.)

681 Gor’kijs Песня о буревестнике: „Глупый пингвин робко прячет тело жирное в утесах... Только гордый Буревестник реет смело и свободно над седым от пены морем!“; „Пусть сильнее грянет буря!“ (Горький, М.: Собрание сочинений, т. 5. 326–327.)

682 Arbeitermarseillaise: „Отречемся от старого мира!“ (siehe Kap. 4.2, S. 153).

683 Lied „Смело товарищи в ногу…“: „Свергнем могучей рукою / Гнет роковой навсегда“ (Песенник анархиста и подпольщика; Русские советские песни (1917–1977), 11–12).

684 Lied Ça ira, Original z. B. in Chants de la Révolution française. Choix établi par François Moureau et Élisabeth Wahl. Paris: Librairie Génerale Française 1989. 45–48. In Сантименты. Восемь книг, 271 findet sich ein Druckfehler, statt Ç steht der lateinische Buchstabe G.

685 Die russische Version der Internationale lautet: „Весь мир насилья мы разрушим / До основанья, а затем / Мы наш, мы новый мир построим: / Кто был ничем, тот станет всем.“ (Песенник анархиста и подпольщика; Русские советские песни (1917–1977), 9–10, 9). Hervorhebungen von mir; M. R.

686 Ähnliche biblische Exempla finden sich in dem in Kap. 8.4.3 behandelten Gedicht Баллада виконта Фогельфрая (Кара-барас). Sie verkörpern dort nietzscheanisches Ideengut, das wie hier wohl auch mit dem Symbolismus in Verbindung gebracht werden kann.

687 Evtl. aus Del’vig: Дифирамб (1816; Дельвиг, А. А.: Полное собрание стихотворений. Л.: Советский писатель 1959. 110). Im Glossar (347) wird Liber als Manifestation des Bacchus bezeichnet. Nach Cancik, Hubert et al. (Hgg.): Der Neue Pauly, Bd. 7. 136–137 (Liber) war er ein Gott der Natur, Fruchtbarkeit und des Weins, mit dem diverse Feste verbunden waren.

688 Батюшков, К. Н.: Полное собрание стихотворений. М.; Л. 1964. 189–190.

689 Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 2,1. 53–55.

690 Мережковский, Д. С.: Полное собрание сочинений. ND der Ausgabe Moskau 1914. Hildesheim; New York: Georg Olms 1973. Buch IV. Тeil 22. 45–46.

691 Поэты 1880–1890-х годов. Сост., подг. текста, биогр. спр. и прим. Л. К. Долгополова, Л. А. Николаевой. Л.: Советский писатель 1972. 621–622.

692 Русский футуризм. Теория. Практика. Критика. Воспоминания. Сост.: В. Н. Терёхина, А. П. Зименков. М.: Наследие 1999. 151–152.

693 Вакхическая песня: „Что смолкнул веселия глас? / Раздайтесь, вакхальны припевы! / Да здравствуют нежные девы / И юные жены, любившие нас! / Полнее стакан наливайте! / На звонкое дно / В густое вино / Заветные кольца бросайте! / Подымем стаканы, содвинем их разом! / Да здравствуют музы, да здравствует разум!“ (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 2,1. 420). Vgl. Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 72.

694 Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 263–265.

695 Скоропанова, И. С.: Русская постмодернистская литература, 367.

696 Гуртуева, Т. Б.: Постмодернизм в системе национальной культуры, 4; 12.