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Timur Kibirovs dichterisches Werk in seiner Entwicklung (1979–2009)

Ringen um Werte in einer Zeit der Umbrüche

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Marion Rutz

Ein Paradigmenwechsel Mitte der 1990er Jahre hat in der Slavistik die Gegenwartsliteratur als Thema etabliert, allerdings betraf er vor allem die postmoderne Prosa. Die Dichtung (Lyrik) erfuhr lange Zeit wenig Aufmerksamkeit. Diese Arbeit stellt einen der wichtigsten russischen Dichter der letzten Jahrzehnte vor: Timur Kibirov (*1955). Kibirovs Verstexte sind ein Seismograph der gesellschaftlichen Prozesse im spät- und postsowjetischen Russland. Immer wieder fragen sie nach moralischen, ästhetischen und religiösen Werten. Sie suchen nach einem Mittelweg zwischen den Extremen der ideologischen Verfestigung und des postmodernen Relativismus, ob sie in konzeptualistischer Manier sowjetische Ideologie dekonstruieren oder postmodern für Moral und Glauben agitieren.

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6. Die Entfaltung Des Anti-Romantischen Programms

6. DIE ENTFALTUNG DES ANTI-ROMANTISCHEN PROGRAMMS697

                            Если в 50-х – 70-х годах ХХ века особенно ценилась ирония (усмешка в подтексте, издевка под маской серьезности), то в 80-х – 90-х годах, напротив, под маской шутки и ерничества обнаруживается серьезное высказывание и переживание […].698

Die in diesem Kapitel behandelten Bücher Послание Ленке и другие сочинения (1990) und Парафразис (1992–1996) entwickeln die Themen zur Reife, die in den in Kapitel 5 analysierten Texten als neue Leitlinien des Werks projektiert wurden. Im Zentrum steht die positive Ausgestaltung der „spießbürgerlichen Ideologie“, zu der sich das Gedicht К вопросу о романтизме (Сантименты) hinwandte. Als erzählte Welt fungiert in den meisten Texten ein als alltägliche Normalität geschildertes dörfliches Familienidyll. Kibirovs Sprecher, durchgehend in der 1. Person Singular präsentiert und als alter ego des Dichters mit autobiographischen Zügen ausgestattet, propagiert aus der Perspektive des Ehemanns und Vaters konservative Werte, wenn auch immer mit einer Prise (postmoderner) Ironie.

Die Gattungen, Themen und Zitate, die die Gedichte prägen, stammen in vielen Fällen aus der Literatur des späten 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In einer Gegenwart, die von Brüchen und Krisen gekennzeichnet war – Spuren der beunruhigenden Realität finden sich z. B. in den Gedichten Денису Новикову. Заговор (Послание Ленке и другие сочинения), Памяти Державина 19 (Парафразис)699 –, dienen die Klassiker als Rückzugsort und versprechen Stabilisierung. Zentrale intertextuelle Bezugsfiguren sind Aleksandr Sergeevič Puškin und Gavrila Romanovič Deržavin, die als gereifte Literaten mittleren Alters modelliert werden. Dass gerade ihnen eine besondere Bedeutung zukommt und sie dabei als Paar fungieren, bestätigt das spätere Buch На полях «A Shropshire Lad»: In Ged. 37: На мотив «Прощания славянки» verkörpern „АСП“ und „ГРД“ die Heimatidee.700 Obwohl der Dialog mit Puškin ← 221 | 222 → und Deržavin Kibirovs Werk stark prägt, ist ihre konzeptuelle Bedeutung nur unzureichend erforscht.701

Unter den verschiedenen Facetten Puškins, die in Kibirovs Gesamtwerk aufscheinen, erweist sich die Konzeptualisierung als Vertreter des Antiromantischen als die wichtigste. Sie zeigt sich schon in den Versbriefen, die die beiden hier untersuchten Bücher einleiten, und verdichtet sich in Послание Ленке и другие сочинения auf der Ebene der Mottos. Die Funktion von Deržavin als Vorbild wird in Парафразис durch den Zyklus Памяти Державина markiert, aber auch in anderen Texten finden sich Referenzen. Schließlich wird die Welt des Familienidylls im Gedichtzyklus Двадцать сонетов к Саше Запоевой (Парафразис) auch gegenüber Autoren der damaligen Gegenwart verortet. Zum einen stellen Kibirovs Sonette an die Tochter eine Antwort auf Iosif Brodskijs Двадцать сонетов к Марии Стюарт dar, zum anderen grenzen sie sich gegenüber dem zeitgenössischen Postmodernetrend ab. Mit letzerem schneiden sie eine Problematik an, die in Kibirovs Werk in den späten 1990er Jahren ins Zentrum rückt.

Kibirovs Plädoyer für das Spießertum hängt mit biographischen Veränderungen zusammen, die der Sprecher in beabsichtigter Analogie zum realen Autor durchlebt. Die neue Ideologie wird im Buch Послание Ленке и другие сочинения – wie schon am Ende des antiromantischen Manifests К вопросу о романтизме (Сантименты; vgl. Kap. 5.3.4) – mit der Präsenz von „Lena“ als neuer Lebenspartnerin verbunden. In Парафразис entwickelt sich das Plädoyer für konservative Werte durch die Geburt der Tochter und die eingenommene Vaterrolle weiter. ← 222 | 223 →

6.1.     PUŠKIN ALS KONSERVATIVER: DAS BUCH ПОСЛАНИЕ ЛЕНКЕ И ДРУГИЕ СОЧИНЕНИЯ

In ihrem Aufsatz zur aktuellen Puškin-Rezeption kommt Ljudmila Zubova zu dem Schluss, dass der Nationaldichter eine zentrale Figur der zeitgenössischen Dichtung sei702 und in vieler Hinsicht eine Wesensverwandtschaft mit den Poetinnen und Poeten der Postmoderne bestehe.703 Auch Artem Skvorcov spricht von Gemeinsamkeiten (insbesondere die spielerisch-ironische Stilistik). Den zeitgenössischen Autorinnen und Autoren gehe es nicht darum, Puškin über Bord zu werfen, sie seien keine Gegner, sondern aufmerksame Leser.704 Zu den prominenten Auseinandersetzungen mit Puškin gehören neben Sapgirs Черновики Пушкина und Prigovs Евгений Онегин auch Texte von Kibirov: Seine aus Zitaten aus Евгений Онегин zusammengesetzten Cento-Collagen in Рекламная пауза (Три поэмы, 2006–2007) verkürzen den Versroman zu Filmtrailern und thematisieren den kulturellen Niedergang.705 Das Poem Сортиры von 1991 arbeitet in bewusster Anlehnung an Puškins Epos-Parodie Домик в Коломне ein nicht-literaturfähiges Thema aus.706 Die erste intensivere Auseinandersetzung mit Puškin findet jedoch im Buch Послание Ленке и другие сочинения statt, in dem allen Gedichten bzw. Zyklen Mottos aus Texten von Puškin vorangehen. Dieser Puškin-Dialog spielt für die in Kibirovs Werk entfaltete Apologie des Spießertums eine wichtige Rolle und steht im Zentrum von Kap. 6.1.2. In den Versbriefen, die die Bücher Послание Ленке и другие сочинения und Парафразис einleiten, finden sich ebenfalls zahlreiche Puškin-Referenzen, die die Neupositionierung der Dichter in der Gegenwart illustrieren (Kap. 6.1.1). Abschließend wird Kibirovs Puškin-Bild in einem erweiterten Werkkontext betrachtet und nach möglichen Quellen – Jurij Lotmans Biographie des Dichters – gefragt (Kap. 6.1.3). ← 223 | 224 →

6.1.1.  Antiromantische Facetten in den Versbriefen an Gandlevskij und Pomerancev

Die Versbriefe Сереже Гандлевскому. О некоторых аспектах нынешней социокультурной ситуации (1990) und Игорю Померанцеву. Летние размышления о судьбах изящной словесности (datiert auf 1992) liefern,707 ähnlich wie Мише Айзенбергу. Эпистола о стихотворстве (1989), chronologische Querschnitte, die die sich verändernde Situation der Dichter und Dichterinnen reflektieren. Dabei liegt der Schwerpunkt des Versbriefs an Gandlevskij bei der Suche der ehemaligen Untergrund-Poeten nach einer postsowjetischen Identität; die Epistel an Pomerancev kreist um das finanzielle Überleben in der Marktwirtschaft. Als Adressaten dienen erneut Dichterkollegen: zum einen Sergej Gandlevskij (*1952), der zum gleichen Zirkel gehörte, in dem Kibirov verkehrte, und heute ebenfalls als Klassiker der Gegenwartsdichtung gilt; zum anderen Igor’ Pomerancev (*1948), der 1978 emigrierte und als Radiojournalist im Westen arbeitete. Während das Gegenüber Gandlevskij die Perspektive von der 1. Person Singular zu einem kollektiven „Wir“ erweitert, wird Pomerancev als anderes (da im Ausland lebendes) „Du“ angesprochen.

Beide Episteln zitieren auffällig häufig Puškin, dessen Werk verschiedene Dichterrollen (der Dichter-Prophet, der Revolutionär, der nach Freiheit verlangende Romantiker, der Privatmann) sowie Konflikte (mit dem „Pöbel“, der Staatsgewalt, dem Literaturmarkt) prototypisch thematisiert hat. Er dient sozusagen als Kommentator der gegenwärtigen Umbrüche, wobei die entsprechenden Bezüge in der Sekundärliteratur gut markiert, aber nicht erschöpfend interpretiert sind. Im Kontext dieses Kapitels interessiert die antiromantische Facette Puškins, die sich im Versbrief an Pomerancev in der Gegenüberstellung zweier Figuren aus dem Umfeld der Französischen Revolution zeigt: des Marquis de Sade und André Chéniers. Der Revolutionskontext wird ebd. durch Überblendungen mit der Postmoderne verschmolzen: „пост-шик-модерн российский / задрав штаны бежит за узником бастильским“ (Игорю Померанцеву, Abschn. 6). Berücksichtigt man, dass in К вопросу о романтизме die Französische Revolution zur Romantik zählte, zeigt diese Verbindung die Ausweitung des Paradigmas auf die Gegenwart.

De Sade fungiert bei Kibirov als Feindbild, im Versbrief an Pomerancev heißt es, dass er zur Leitfigur der neuen Epoche geworden sei – in der Tat hat ihn der in den 1990ern sehr einflussreiche Prosaiker und Literaturkritiker Viktor Erofeev in dem bekannten Manifest Русские цветы зла zu einem der Vorbilder der neuen Literatur erhoben, die später als ‚postmodern‘ etikettiert wird.708 Zur ← 224 | 225 → Beschreibung der prominenten Rolle des Marquis Anfang der 1990er greift Kibirov zum Puškin’schen Thesaurus: Mit der idiomatisch gewordenen Wendung „Beherrscher der Gedanken“ („властитель дум“) wurden im Gedicht К морю (1824) die Ikonen des romantischen Zeitalters Byron und Napoleon bezeichnet. Auch bei den Vergleichen mit Säulen und Pyramiden handelt es sich um intertextuelle Bezüge, die auf Puškins (und Deržavins) Interpretation von Horaz’ Gedicht Exegi monumentum verweisen. In Kibirovs Игорью Померанцеву heißt es:

        Что выгодней? Давай подумаем спокойно,         
        отбросим ложный стыд, как говорил покойный         
        маркиз де Сад. У нас, заметим кстати, он         
        теперь властитель дум709 и выше вознесен         
        столпов710 и пирамид.711 Пост-шик-модерн российский         
        задрав штаны бежит за узником бастильским.         
        Вообще-то мне милей другой французский зэк,         
        воспетый Пушкиным, но в наш железный век         
        не платят СКВ712 за мирную цевницу.        [Abschn. 6]

Für die interessierende Fragestellung zentral ist die Erwähnung eines zweiten Häftlings, der im Versbrief an Pomerancev gegenüber dem nur ironisch erhöhten de Sade bevorzugt wird. Es handelt sich um den französischen Dichter André Chénier, der sich von der Revolution abwandte, 1794 eingesperrt und hingerichtet wurde – während de Sade aus der Bastille frei kam. Puškins ← 225 | 226 → Gedicht Андрей Шенье (1825),713 auf das hier angespielt wird (es wird auch die argumentative Struktur von Str. 1–2 übernommen), fängt die Stimmung des Todeskandidaten ein und klagt die blutige Wende der Revolution an. Der französische Dichter wird als Opfer des Umsturzes bei Kibirov zu einem Gegenspieler des Romantischen, wobei die Bezeichnung des Franzosen als зек (заключенный) Assoziationen an sowjetische Gefängnisse und Lager weckt. Chéniers Werk, das von Puškin aktiv rezipiert wurde,714 fügt sich übrigens auch in Kibirovs positiv konnotiertes pastorales Programm ein, von dem in Kapitel 5 die Rede war. So gibt es im Buch Послание Ленке и другие сочинения etwa das klassizistisch-stilisierende Gedicht Идиллия. Из Андрея Шенье.715

Die Kritik an de Sade, die stellvertretend an die literarische Gegenwart gerichtet ist, wird in Abschn. 6 des Versbriefs an Pomerancev fortgesetzt und durch weitere Puškin-Referenzen illustriert. Die Überlegungen des Sprechers, sich aus finanziellen Gründen dem neuen (Postmoderne-)Trend anzuschließen, kommentieren Wendungen, die aus zwei an Petr Čaadaev gerichteten Gedichten stammen:

        […] Теперь его [= de Sades; M. R.] адепт

        уже Нагибин сам, нам описавший бойко,

        как мастурбировал Иосиф Сталин. Ой, как

        гнет роковой716 стыда хотелось свергнуть мне,

        чтоб в просвещении стать с веком наравне.717

        Не получается. […]

Wo bei Puškin von Unterdrückung durch den Staat die Rede ist, fungiere nun die Scham als Joch; man erarbeite sich die postmoderne Bildung (просвещение), um Anschluss an die Zeit zu finden. Dass gerade Altautor Jurij ← 226 | 227 → Nagibin (1920–1994) als vorgebliches Vorbild bei der Anpassung an den Trend genannt wird, kritisiert opportunistische Zeitgenossen, die die etwa von Sorokin oder Viktor Erofeev eingebrachten Themen aufgreifen. Der vorgebliche Wunsch des Sprechers, diese Wende mitzumachen, ist ironisch zu verstehen. Er wird im Gedicht nicht umgesetzt und steht im Widerspruch zu Kibirovs realem Schreiben, das sich von dieser Spielart der Postmoderne distanziert (siehe Kap. 7).

Auch in den Schlussszenen der beiden Versbriefe, die eine Auflösung der Anfangskonflikte beinhalten, finden sich Puškin-Bezüge. Der Brief an Gandlevskij endet mit einer aus Puškins Gedicht Арион (1827) übernommenen Szene.718 Wie Arion hat Kibirovs alter ego eine Katastrophe überstanden (das Anbrechen eines dichtungsfeindlichen Zeitalters). Dass der Sprecher und sein Gegenüber „Gandlevskij“ ähnlich wie Arion ihre Lyra trocknen, zeigt den Entschluss, dennoch weiterzumachen. Ihr rettendes Ufer erweist sich allerdings als zeitgenössischer Badestrand oder Freiluftschwimmbad, was der Analogie eine komische Komponente beimengt.719 Bei Kibirov heißt es:

        Как древле Арион на бреге,         
        мы сушим лиры.720 В матюгальник         
        кричит осводовец. С разбега         
        ныряет мальчик. И купальник         
                  
        у этой девушки настолько         
        открыт, что лучше бы, Сережа,         
        перевернуться на животик …         
        Мы тоже, я клянусь, мы тоже …        [Str. 48–49]

Die entspannte Szene scheint die Grundlage für neue Gedichte zu sein, deren Inhalte und klassische Form in Str. 46–47 skizziert wurden (vgl. Kap. 6.2.1). ← 227 | 228 → Publikum, das sich für die Dichter interessieren würde, fehlt, anders als bei den vorher sondierten Lokalitäten Fernsehbühne, Bücherei und Arbat. Die Dichter scheinen die Versuchungen der postsowjetischen Zeit überwunden zu haben. Das Satzfragment am Ende – „Мы тоже, я клянусь, мы тоже …“ – möchte man mit Lermontovs Goethe-Übersetzung (s. u.) fortsetzen: „Мы тоже отдохнем.“

Auch im Versbrief an Pomerancev findet der Sprecher schließlich zur Ruhe. In Abschn. 12 wendet er sich von Überlegungen über kommerziell aussichtsreiche Aktivitäten ab und beruft sich kämpferisch auf Puškin sowie auf Lermontov. Die Zitate sind im Text durch Anführungszeichen deutlich markiert:

        […] И все же – для того ли

        уж полтораста лет твердят – «покой и воля»721

        пииты русские – «свобода и покой»!722

        чтоб я теперь их предал? […]

Das erste Zitat stammt aus Puškins Gedicht „Пора, мой друг, пopa! покоя сердце просит…“ (1834), das die Sehnsucht nach dem Rückzug aus der Öffentlichkeit ins Familienleben äußert. Das zweite findet sich in Lermontovs „Выхожу один я на дорогу...“ (1841), wo im Bedürfnis nach Ruhe ein gewisser Lebensüberdruss mitklingt. Dieses Verlangen nach einem Zur-RuheKommen verbindet sich bei Kibirov im folgenden Abschnitt mit einem Zitat aus Puškins „Я памятник себе воздвиг нерукотворный…“: Während dort der Kampf für die Freiheit in einem „grausamen Jahrhundert“ als Leistung angeführt wird, plädiert der Versbrief für den Ausstieg aus der Unbill der Gegenwart:

        И в наш жестокий век723 нам, право, не пристало         
        скулить и кукситься. Пойдем. Кремнистый путь724          ← 228 | 229 →
        все так же светел. […]         
        […] Пойдем. В сияньи голубом         
        спит Шильково мое. Мы тоже отдохнем,         
        немного погоди.725 […]        [Abschn. 13]

Dieses Idyll am Ende des Versbriefs an Pomerancev ist erneut durch Lermontov-Zitate geprägt, neben „Выхожу один я на дорогу…“ wird aus Из Гете (1840) zitiert. In beiden Gedichten findet der Lermontov’sche romantische Held – vielleicht durch den Einfluss des übersetzten Goethe – Ruhe und Harmonie.726

Die Puškin-Bezüge in den Episteln an Gandlevskij und Pomerancev zeigen, dass Puškins Werk zum einen als Thesaurus dient, dem Motive und Wendungen entnommen und auf aktuelle Kontexte angewandt werden. Puškin liefert z. B. Chénier (als Verbindung von klassizistischer Dichtung und Revolutionskritik sowie als Antagonisten zu de Sade) oder den Entschluss zum Rückzug aus der Öffentlichkeit. Letzteres wird intertextuell ebenfalls mit Lermontov verknüpft, der bei Kibirov ansonsten als Romantiker fungiert (vgl. S. 206).

Bei der Analyse dieser weltanschaulichen Übernahmen ist zu berücksichtigen, dass Kibirovs Puškin nicht als ernster Ideologe konzipiert ist, was die Charakteristik im Versbrief an Gandlevskij (Str. 34ff.) hervorhebt. Die Suche des Sprechers (Dichters) nach seinem Platz in der neuen Gegenwart scheitert hier in der Bücherei an der Forderung nach „ideellem Gehalt“, die auch Puškin gefährde:727

        Там под духовностью пудовой         
        затих навек вертлявый728 Пушкин,         
        поник он головой садовой –         
        ни моря, ни степей, ни кружки.        [Str. 35] ← 229 | 230 →

Die Attribuierungen вертлявый (‘zappelig’) und садовая голова (ugs. für einen dummen Menschen729) erinnern an Puškins Figur des Mozart und v. a. an die intertextuell präsente profanierende Charakterisierung in Andrej Sinjavskijs Essay Прогулки с Пушкиным, der 1989 auch in der UdSSR zu einem Skandal führte. Kibirovs Str. 36 beschreibt die durch die Fokussierung auf den „Gehalt“ ausgelöste Deformation und Instrumentalisierung folgendermaßen:

        Он [Puškin; M. R.] ужимается в эпиграф,

        забит, замызган, зафарцован,

        не помесь обезьяны с тигром,

        а смесь Самойлова с Рубцовым.730

Gegen den nationalpatriotischen Puškin (laut Text eine Synthese der sowjetischen Dichter David Samojlov und Nikolaj Rubcov) stellt der Text eine alternative intertextuelle Attribuierung: Nach Lotman hätten Puškins Mitschüler auf ihn die von Voltaire stammende Definition des Franzosen als „Mischung aus Affe und Tiger“ (смесь обезьяны с тигром) angewandt.731 Kibirovs Puškin wäre also ein quirliges, lebensfrohes Naturell mit einem clownesken und angriffslustigen Temperament, und v. a. kein „typischer Russe“. Genau diese Art Puškin wird laut Zubova von den Gegenwartsdichterinnen und -dichtern nachgefragt.732

6.1.2.  Die Mottos: Selbstbespiegelung durch Puškin und seinen moralischerbaulichen Roman Капитанская дочка

Während die meisten der sehr zahlreichen intertextuellen Verweise auf Puškin in Kibirovs Texten nicht markiert sind und gefunden werden müssen, gibt es im Buch Послание Ленке и другие сочинения explizit markierte und systematisch angeordnete Bezüge. Allen Gedichten bzw. Zyklen, die durch eine römische Zahl als Einheiten des Buches markiert sind, geht ein Puškin zugeordnetes Motto733 voran. Somit ist der gesamte Band auf ihn ausgerichtet, man kann von Kibirovs Puškin-Buch sprechen. Dies stellt auch eine Publikation der längeren ← 230 | 231 → Texte aus Послание Ленке и другие сочинения (1990) in der Zeitschrift Sintaksis ins Zentrum: Die Gedichtauswahl ist überschrieben mit „Свободу Пушкину!“ und wird von Puškin-Zeichnungen des bekannten georgischen Regisseurs, Künstlers etc. Rezo Gabriadze begleitet.734

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Abb. 15:  Illustration zu Послание Ленке и другие сочинения in der Zeitschrift Sintaksis

Das von Sintaksis beigegebenen graphische Material erweisen sich bei genauerer Recherche als überaus interessante Rahmung. 1989 hatte der gleichnamige Verlag eine ähnliche Serie von Zeichnungen Gabriadzes, begleitet von einem kurzen Einleitungstext von Andrej Bitov, in einer limitierten Auflage von 100 Exemplaren als separaten Druck herausgebracht. Erscheinen sollte, wie auf dem Rückdeckel angekündigt, eine Reihe mit dem Titel Пушкин за границей in fünf Bänden sowie separat Пушкин в Грузии. Publiziert wurde im Pariser Verlag damals offenbar nur Bd. 1. mit der von Gabriadze imaginierten Spanienreise.735 Zumindest die Frankreich- und Georgien-Zeichnungen sowie weitere von Gabriadze und Bitov zusammengestellte Puškin-Serien (u. a. Трудолюбивый Пушкин) sind allerdings in späteren Publikationen anderer Verlage greifbar.736 ← 231 | 232 →

Über Bitovs Vorwort zu dem Projekt, Puškin in der Imagination ins Ausland reisen zu lassen (der Dichter habe Russland trotz mehrmaliger Gesuche nie verlassen dürfen, wie Bitov zuspitzt: „первый наш невыездной“), steht die gleiche Überschrift wie über der in der Zeitschrift Sintaksis gedruckten Gedichtauswahl von Kibirov: „Свободу Пушкину!“. Auf dem Rückdeckel wird auch die anstehende Publikation von Sinjavskijs (unter dem Pseudonym Abram Terc 1975 erstmals in London publizierten) Прогулки с Пушкиным beworben. Damit werden Kibirovs Gedichte in die durch Sinjavskij, Bitov und Gabriadze verkörperte postmoderne Puškin-Rezeption inkorporiert. Die graphische Rahmung unterstreicht also die oben beschriebene Schwerpunktsetzung auf den „unernsten“ Puškin in Kibirovs Сереже Гандлевскому (Str. 34ff.).737

Was die Gedichte selbst betrifft, weist Bagrecov auf eine weitere editorische Besonderheit hin: Einige der Mottos wurden gegenüber der Ausgabe Сантименты. Восемь книг (und der ihr vorausgehenden Zeitschriftenpublikation) in den bei Vremja erschienenen Gesamtausgaben stark gekürzt.738 Er vermerkt auch, dass es sich um Prosazitate handelt und interpretiert, dass Kibirov es habe vermeiden wollen, Gedichte auf eine knappe Aussage zu reduzieren.739 Dass auf Puškins Prosa zurückgegriffen wird, hängt aber eher damit zusammen, dass sich hier Inhalte finden, die im dichterischen Werk nicht ausgeprägt sind. Auch stammen alle Prätexte aus Puškins letztem Lebensjahrzehnt. Mit Ausnahme des Romans Капитанская дочка, der drei Mottos liefert, handelt es sich dabei um eher unbekannte Werke, meist um unvollendete Fragmente.

Das Motto zu Teil I: Сереже Гандлевскому. О некоторых аспектах нынешней социокультурной ситуации stammt aus Puškins unvollendeter Novel ← 232 | 233 → le Марья Шонинг (1835).740 Die Protagonistin, die durch den Tod des Vaters in existentielle Not gerät und zusehen muss, wie das gesamte Habe verkauft wird, wird vor dem Hintergrund von Kibirovs Versbrief an Gandlevskij zur Symbolfigur, die das bedrohte Kulturgut gegen den Zugriff des Marktes verteidigt. Das Motto erlaubt es, den Ausgangskonflikt, der im eigentlichen Versbrief vage bleibt, zu erfassen: die Konfrontation des Untergrunddichters mit einer neuen Lebenssituation. Das Motto zu Teil II: Усадьба stammt aus dem unvollendeten Text Роман в письмах (1829),741 dessen Handlungsort und -zeit als allgemeine Vorlage für Kibirovs Stilisierung eines ländlichen Idylls aufgerufen werden.742 Den zu V: Вариации zusammengefassten Gedichten geht ein Motto aus den Table-Talks [Nr. IX] genannten Anekdoten (1835–1836) voran.743 In der gewählten Episode wetteifern Sumarokov und Barkov darum, wer schneller eine Ode schreiben könne, wobei Barkov als Beitrag etwas Ungenanntes – wohl Exkremente – in Sumarokovs Hut hinterlässt. Das Motto scheint allgemein Kibirovs Umgang mit der literarischen Tradition zu charakterisieren,744 der freche, parodistische Momente aufweist, auch wenn eine destruktive Missachtung, wie sie in der Anekdote Barkov zugeschrieben wird, nicht vorhanden ist. Das Motto zu VII: Литературная секция stammt schließlich aus dem Prosafragment История села Горюхина (1830).745 Eine Bemerkung zum Werdegang von Puškins komischer Erzählerfigur, dem erfundenen Autor Bel’kin, begleitet den Rückblick von Kibirovs autobiographisch konzipiertem Sprecher auf die eigene Entwicklung. Die Selbststilisierung zum Amateur, der außerhalb der Literaturszene geformt wurde, ist dabei typisch für die Autoren des Untergrunds.

Wie erwähnt, stammen drei Mottos aus Puškins Roman Капитанская дочка (1833–1836). Es handelt sich um einen Text, der für den Dichter von großer Be ← 233 | 234 → deutung ist, so antwortete Kibirov in einem Interview aus dem Jahr 2010 auf die Frage nach Lieblingsautor und -buch: „Пушкин. «Капитанская дочка». Я ее много раз перечитывал.“746 Diese Vorliebe passt zu der Funktion des Romans im Werk. Dabei stimmen die Kibirov’schen Interpretation des Textes allerdings nur eingeschränkt mit den aktuellen Deutungen der Literaturwissenschaft überein, die den Roman als doppelbödige autobiographische Erzählung liest, durch die Petr Grinev seinen Verrat maskiert und sich nachträglich zum Helden stilisiert.747 Übrigens ist Puškins (in dieser Interpretation) ambivalenter Protagonist wohl durch Gavrila Deržavin inspiriert, der in seinen Memoiren ebenfalls eine verdächtige Episode während seines Einsatzes gegen Pugačevs Rebellen zu erklären suchte.748

Bei Kibirov fungiert Капитанская дочка jedoch als geradliniger Historienroman mit einer klaren Konstellation von Gut und Böse. Die Helden Petr und Maša sind moralisch integer, und an den zentralen Wendepunkten triumphiert die Menschlichkeit. Während Puškin dem Historienroman durch den Aspekt der autobiographischen Fälschung Komplexität verlieh, interessiert Kibirov die oberflächlich vorhandene moralische Komponente. So wird in seinem späteren Gedicht „Кстати, еще о казарме…“ (Нотации) etwa der positive Held Grinev explizit Lermontovs romantischem Anti-Helden Pečorin gegenübergestellt:

        Так что Печорину нечем кичиться,

        а Гриневу не стоит стесняться.749

In weiteren Gedichten werden aus Капитанская дочка die Motive Revolution und Anarchie aufgerufen: So wird im Versbrief an Gandlevskij (Послание Ленке и другие сочинения, Str. 1) zur Beschreibung der rauen Mentalität der postsowjetischen Gesellschaft aus der geflügelte Wendung „Не приведи бог видеть русский бунт, бес<с>мысленный и беспощадный!“750 zitiert. Im Gedicht „Хорошо Честертону – он в Англии жил…“ (Улица Островитянова) wird ← 234 | 235 → das Bild des unzivilisierten Russlands durch die Erwähnung der Orenburger Steppe und der Begegnung zwischen „Petruša“ und Pugačev im Schneesturm aufgespannt.751 Ged. 28 aus dem Buch На полях «A Shropshire Lad» interpretiert die Figur des zynischen Švabrin als Abrechnung Puškins mit seinem jüngeren Ich („Злая сатира / На себя молодого“). Die in Švabrin verkörperte Haltung wird bei Kibirov mit dem oben angeführten Zitat aus Капитанская дочка als „sinnlos und erbarmungslos“ bezeichnet.752

Was die Mottos in Послание Ленке и другие сочинения betrifft, werden aus Puškins Roman drei Aspekte herausgegriffen, die wichtige Momente von Kibirovs spießbürgerlichem Projekt intertextuell begleiten. Dadurch wird Капитанская дочка zum Modell für die Gegenwart, die Kibirovs Texte gestalten wollen. Das titelgebende Gedicht Послание Ленке (IV) greift auf Kapitel 3 von Капитанская дочка zurück753 und zitiert den Moment, in dem der Held Petr „Petruša“ Grinev der Hauptmannstochter begegnet, in die er sich später verliebt. Puškins Liebende werden zu Identifikationsfiguren; so wie Petr und Maša zusammen die revolutionären Kataklysmen überstehen, hofft Kibirovs Sprecher Seite an Seite mit Lena dem Ansturm der Romantik standzuhalten. Das Gedicht Послание Ленке beginnt mit den Versen:

        Леночка, будем мещанами! Я понимаю, что трудно,

        что невозможно практически это. Но надо стараться.

        Не поддаваться давай ... Канарейкам свернувши головки,

        здесь развитой романтизм воцарился, быть может, навеки.

        Соколы здесь, буревестники все, в лучшем случае – чайки.754

        Будем с тобой голубками с виньетки. Средь клекота злого

        будем с тобой ворковать, средь голодного волчьего воя

        будем мурлыкать котятами в теплом лукошке.

                  Не эпатаж это – просто желание выжить.755

Lena findet sich auch in den Eklogen aus dem Buch Стихи о любви mit ihrer antiromantischen Sehnsucht nach dem Hier; sie unterbricht in К вопросу о ро- ← 235 | 236 → мантизме (Сантименты) die Suizidpläne; ihr sind schließlich die Bücher von Стихи о любви bis Парафразис gewidmet, die die zweite, „spießbürgerliche“ Schaffensphase Kibirovs ausmachen.

Die beiden anderen Mottos stammen aus einem nicht in die Endversion eingegangenen Kapitel von Puškins Roman (Пропущенная глава), in dem Petr zum Gut der Eltern eilt, die er zusammen mit Maša als Gefangene der Aufständischen vorfindet. Am Ende werden alle von der Kavallerie gerettet. Als Motto für Kibirovs Gedichte Из цикла «Младенчество» (III) dient eben dieses Happy End,756 als Petr Grinev nach der Befriedung der Revolte sein Elternhaus unzerstört vorfindet. Ebenso ist bei Kibirov das erinnerte Kindheitsidyll, das in den fünf Gedichten des Zyklus ausgemalt wird, intakt und durch die historischen Peripetien nicht beschädigt. Eine deutliche Parallele stellt das 5. Gedicht des Zyklus dar. Zu Anfang wird die unangenehme Gewissheit geäußert, dass die Kindheit enden müsse und „verraten“ werde:

        Скоро все это предано будет         
        не забвенью, а просто концу.         
        И приду я в себя и в отчаянье,         
        нагрубив напоследок отцу.757        [Str. 1]

Danach erfolgt eine Wende (Str. 2: „Но откуда […] / дуновенье тепла по лицу?“), und das Chronotop, in dem das als kindliches alter ego konzipierte „Ich“ sich aufhält, wird doch aufrechterhalten. Szenen aus der Kindheit, die ihr die Funktion eines stabilisierenden Ankers zuweisen und mit moralischreligiösen Reflexionen verbunden sind, finden sich im Werk an verschiedenen Stellen. Dabei handelt es sich zum einen um eigene Kindheitserinnerungen (Памяти Державина 24 [Парафразис]758), zum anderen um Erlebnisse mit der Tochter (siehe Kap. 6.3) .

Kibirovs Gedicht Заговор (VI) bezieht sich schließlich auf Капитанская дочка als Erzählung von Revolution, Anarchie und Grausamkeit. Das Motto stammt erneut aus dem „Ausgelassenen Kapitel“. Zitiert wird die Begegnung mit einem schwimmenden Galgen, an dem hingerichtete Pugačev-Anhänger hängen,759 als Petr Grinev in einer der verstümmelten Leichen „seinen Van’jka“ erkennt (wohl einen der Leibeigenen des Vaters). In Kibirovs Gedicht sind unterschwellige Konflikte und Gewalt präsent (vgl. z. B. in Abschn. 2: „Не война еще, Динь. / Не война.“760). Literarisch wird ein Weg zur Versöhnung der ge ← 236 | 237 → sellschaftlichen Spannungen gesucht. Der als „Beschwörung“ (Заговор) betitelte Text greift auf Märchenmotive und ritualartige Formeln zurück, um – so die verwendete Metapher – das Blut zu stillen. In Puškins „Ausgelassenem Kapitel“ kehrt übrigens nach der Verhaftung der Anführer unverzüglich Ruhe ein, was im Rahmen von Kibirovs Gedicht die Hoffnung weckt, das die Konflikte der Gegenwart ebenfalls ein friedliches Ende finden werden.

Puškins Roman Капитанская дочка liefert Kibirov also ein literarisches Muster zur Bewältigung der gesellschaftlichen Kataklysmen an der Wende zu den 1990ern. Die Zelle, von der aus eine bessere Zukunft gestaltet werden soll, ist dabei die Familie. Tatsächlich ist ganz am Ende des Versbriefs Послание Ленке von Schwangerschaft und der Geburt eines Sohnes die Rede, die die Spießer-Existenz komplettieren würden. Man beachte die Berufswünsche des Vaters, die die Ideale der sowjetischen Mittelschicht aufrufen:

                                                  И как-нибудь ночью ты скажешь:

        «Кажется, я залетела ... » Родится у нас непременно

        мальчик, и мы назовем его Юрой в честь деда иль Ваней.

        Мы воспитаем его, и давай он у нас инженером

        или врачом, или сыщиком, Леночка, будет.761

Im Buch Парафразис debütiert allerdings eine Tochter.

6.1.3.  Puškin als „Spießer“

Das bei Kibirov verwendete Bild von Puškin als Kritiker der Französischen Revolution (Ged. Андре Шенье) und Autor von Капитанская дочка, und eben nicht als Gesinnungsgenosse der Dekabristen oder leichtsinniger Lebemann, ist spezifisch und mag ungewohnt wirken. Die anti-romantische Schwerpunktsetzung gewinnt allerdings an Plausibilität, wenn man Puškins literarische Entwicklung bedenkt, die in der Tat auch die Distanzierung von stereotyp gewordenen Topoi der europäischen Romantik beinhaltet, z. B. in Евгений Онегин (Kap. 3, Str. XII)762:

        А нынче все умы в тумане,

        Мораль на нас наводит сон,

        Порок любезен – и в романе,

        И там уж торжествует он.

        Британской музы небылицы

        Тревожат сон отроковицы,

        И стал теперь ее кумир

        Или задумчивый Вампир,

        Или Мельмот, бродяга мрачный, ← 237 | 238 →

        Иль вечный жид, или Корсар,

        Или таинственный Сбогар.

        Лорд Байрон прихотью удачной

        Облек в унылый романтизм

        И безнадежный эгоизм.

Diese (ethisch motivierte) Kritik könnte ebenso von Kibirov stammen und klingt in Послание Ленке, Abschn. 5 tatsächlich als intertextuelle Referenz mit:

        Эх, поглядеть бы тем высоколобым и прекраснодушным,

        тем презиравшим филистеров, буршам мятежным,

        полюбоваться на Карлов Мооров в любой подворотне!

        Вот вам в наколках Корсар, вот вам Каин фиксатый и Манфред,

        вот, полюбуйтесь, Мельмот пробирается нагло к прилавку,

        вот вам Алеко поддатый, супругу свою матерящий!763

Auch die Bezeichnung von Puškin als „петербургский мещанин“ in der Abschlussstrophe von Kibirovs Poem Возвращение из Шилькова в Коньково (Парафразис) zitiert Puškin, und zwar dessen Gedicht Моя родословная (1830).764 Im Prätext ist eine ständisch-berufliche Einordnung gemeint, die Kibirov in sein Verständnis von Klein- bzw. Spießbürgerlichkeit einpasst.

Dieses Puškin-Bild stimmt mit dem von Kibirov im Werk und in Interviews entworfenen Selbstbild überein. Bei dieser spezifischen Projektion handelt es sich allerdings um keine Erfindung bzw. eigenständige Interpretation Kibirovs, sondern es lässt sich eine Quelle ausmachen, aus der diese Deutung stammen dürfte: Jurij Lotmans Puškin-Biographie.765 Dass der Dichter das seit 1981 mehrfach wiederaufgelegte Buch kannte, das eine breite Leserschaft anspricht, aber auch als wissenschaftliches Standardwerk gilt,766 ist wahrscheinlich.

Lotman sieht bei Puškin eine Entwicklung, die von einem Wechseln romantischer Rollen767 hin zu einer Perspektivierung und Psychologisierung sowie zur Wahrnehmung des realen Alltags führte,768 wobei diese Veränderungen gleichermaßen die literarische Produktion sowie die konkrete Lebensgestaltung erfass ← 238 | 239 → ten. Lotmans Puškin entdeckt die Normalität als Ziel von Schaffen und Leben und sieht das Streben nach dem Außergewöhnlichen als banal an:

        С романтической точки зрения все обыкновенное пошло. Для Пушкина, называющего себя «поэтом действительности», пошлы претензии на необычность – обычная же жизнь исполнена поэзии. Жить как все, жить счастливо – в этом, в простоте и прозе жизни – высокая поэзия.769

Damit verbunden ist das Vorhaben, zu heiraten, was von seiner Umgebung mit Befremden als Bruch im romantischen Image aufgenommen worden sei.770 Lotman liest die Familiengründung auch als literarisch innovatives Projekt – das normale Familienleben sei als Thema so gut wie unbearbeitet gewesen.771

Diese Interpretation lässt sich auf Kibirovs spießbürgerliches Projekt übertragen. Die nach dem Außergewöhnlichen strebende Romantik gilt als Klischee, das Alltägliche als wahre künstlerische Aufgabe, das Sesshaftwerden des Dichters als positive Entwicklungsstufe (siehe Kap. 6.3).

Ähnlich wie Lotman einen biographischen und literarischen Reifungsprozess beschreibt, sprechen Kibirovs Texte explizit von einer Aufeinanderfolge bestimmter Positionen. Die Romantik-Begeisterung ist mit der Pubertät verbunden, während das positiv konnotierte Spießertum das Erwachsensein repräsentiert. Eine solche Entwicklung, die von den Idolen der Jugend zu Puškin hinführt, beschreibt auch Kibirovs Poem Солнцедар (Парафразис). Während hier in Str. 37–38 den früheren Lieblingsautoren Baudelaire und Blok angelastet wird, dass sie amoralische Werte vermittelt hätten, entspricht Puškin dem Konzept einer Literatur, die erzieherisch wirkt. Die einstige Rüge des Vaters an den Teenager-Sohn wird in Солнцедар retrospektiv folgendermaßen reflektiert:

        «Вот ты книги читаешь, а разве такому

        книги учат?» – отец вопрошал.

        Я надменно молчал. А на самом-то деле

        не такой уж наивный вопрос.

        Эти книги – такому, отец. Еле-еле

        я до Пушкина позже дорос.772

Puškin, der Moralist, bezeichnet hier den Endpunkt der eigenen Entwicklung. ← 239 | 240 →

6.2.     IN DERŽAVINS SPUREN: DAS BUCH ПАРАФРАЗИС

Im Gegensatz zu den Puškin-Bezügen sind die Deržavin-Referenzen in Kibirovs Werk nicht erforscht. Dies ist erstaunlich, denn im Buch Парафразис gibt es einen 26 Gedichte umfassenden Zyklus Памяти Державина (‘Im Gedenken / Zur Erinnerung an Deržavin’), der den Dichter als relevante literarische Bezugsfigur kennzeichnet. Noch präsenter ist der Vorgänger, wenn man die 1998 als separate Ausgabe erschienene Auswahlpublikation mit Gedichten Kibirovs berücksichtigt, die den Zyklustitel als Gesamttitel wählt773 und die Referenz zu Deržavin auch graphisch hervorhebt: Der Buchillustrator Aleksandr Florenskij verschmilzt die beiden Dichter, indem er ein Deržavin-Porträt quasi abpaust und es in einem zweiten Schritt mit Brille, Schnurrbart und schwarzen Haaren ausstattet (links die Vorlage, danach die Nachzeichnung, die den Zyklus illustriert; auf der nächsten Seite das Titelblatt).

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Abb. 16:  Porträt Deržavins; Stich nach einem Original von Tonči774

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Abb. 17:  Illustration aus Памяти Державина; Florenskijs Nachzeichnung

Diese Metamorphose interpretiert Kibirovs Umgang mit Deržavin als Identifikation und als Überschreiben durch die eigene Person, das mit Humor und einer gewissen Frechheit geschieht. Ein Detail in dieser Ausgabe ist die Erweiterung des Zyklustitels Памяти Державина um den Untertitel Сочинения натурфилософские и отчасти эсхатологические, der bestimmte Themen zuordnet. ← 240 | 241 → Das Deržavin-Porträt ist außerdem um eine übergroße Mücke ergänzt, die auf Deržavins Gedicht Похвала комару und auf Kibirovs Молитва hinweist (siehe Abb. 17). Auf dem Gesamttitelblatt (Abb. 18) findet sich weiterhin ein Vögelchen, wohl das aus Deržavins Gedicht На птичку (vgl. S. 103).

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Abb. 18:  Titelblatt von Памяти Державина; Florenskijs Transformation Deržavins zu Kibirov

Unter den zu dem kanonischen Buch Парафразис zusammengefassten Gedichten finden sich Deržavin-Bezüge in dem zentralen Zyklus Памяти Державина, weiterhin in История села Перхурова und Молитва. Die in diesen drei Werken realisierten Facetten von Kibirovs Deržavin-Bild sollen im Folgenden analysiert und die intertextuellen Referenzen hinsichtlich ihrer Funktion interpretiert werden. Vergleichend wird der 2014 erschienene Zyklus Пейзажная лирика (См. выше) berücksichtigt, der Памяти Державина Jahre später fortsetzt.

Der literaturgeschichtliche Hintergrund, mit dem Kibirovs Interpretationen abzugleichen sind, lässt sich erneut über Makogonenkos Anthologie der Literatur des 18. Jahrhunderts fassen (vgl. S. 199).775 Die Literaturliste in Kibirovs Buch Интимная лирика verzeichnet außerdem eine konkrete Deržavin-Ausgabe, die mit einer umfangreichen Einführung versehen ist.776 Als dritte Quelle böte sich die 1931 in Paris erschienene Biographie von Vladislav ← 241 | 242 → Chodasevič (1886–1939) an,777 die in der UdSSR 1987 erstmals veröffentlicht wurde.778 Sie ist nicht in der Liste verzeichnet, jedoch wird Chodasevič im Zyklus Памяти Державина namentlich erwähnt.779 Allerdings konzentriert sich seine Monographie auf das Leben, nicht auf das Werk, und bietet wenig Anknüpfungspunkte.

6.2.1.  Deržavin’sche Bezüge im Zyklus Памяти Державина

Was den Zyklus Памяти Державина betrifft,780 kommt aus der Makroperspektive Deržavins Rolle als Pionier des realistisch(er)en Naturgedichts zum Tragen, das nicht mehr nur überlieferte Topoi arrangierte, sondern russische Erscheinungen (etwa den Winter) beschrieb.781 Während die neun Teile, in die Kibirovs Buch Парафразис gegliedert ist, mehr oder weniger chronologisch aufeinanderfolgen,782 ist die Anordnung der Gedichte im Zyklus thematisch783 und spiegelt den Wechsel der Jahreszeiten.

Der Jahreskreislauf beginnt im Frühling und schließt mit dem Winterende bzw. dem in Ged. 26 erwähnten Osterfest. Diese zyklische Form manifestiert sich auch in den Anfangsversen der Ged. 3 und 26, die beide den verblühenden Faulbeerbaum (черемуха) erwähnen und damit den Jahreszeitenkreis schließen. Die meisten Gedichte thematisieren den Sommer, gefolgt von Herbst und Frühling. Im Kommentar От автора, der das Buch Парафразис einleitet, heißt es ← 242 | 243 → explizit, dass der Zyklus nicht komplett sei und einige Wintergedichte fehlen würden. An ihrer Stelle werden abstraktere Themen behandelt. Diese sowie auch einige Herbstgedichte spielen vor einem urbanen Hintergrund. Der Unterschied zwischen den Sommermonaten auf dem Dorf und den unwirtlichen Tagen in der Stadt spiegelt sich in der Zweiteilung des Zyklus Памяти Державина innerhalb des Buches Парафразис. Der hier als Teil II geführte Komplex aus 17 Gedichten umfasst die Jahreszeitengedichte von Frühling bis inklusive Herbst. Die als IV durchnummerierte Einheit aus 9 Gedichten beinhaltet von der Natur losgelöste Reflexionen sowie den abschließende Anschluss an den Frühling.

Auch Kibirovs über zehn Jahre später entstandener Zyklus Пейзажная лирика (См. выше),784 der an Памяти Державина anknpüft, folgt den Jahreszeiten: Die Gedichte setzen im Mai ein und enden im Frühling. Im Unterschied zu Памяти Державина liegt der Schwerpunkt auf Herbst- und Wintergedichten mit entsprechenden Naturbeschreibungen (Ged. 9–21), die offenbar die in Парафразис verbliebene Lücke füllen. Während in Памяти Державина Ostern erwähnt wird, ist es in Пейзажная лирика Weihnachten (Ged. 16, 18). Verändert hat sich auch der Schauplatz: An die Stelle des Dorfes Šilkovo und Umgebung ist Moskau getreten – der in den Sommergedichten 8 und 10 erwähnte Fluss Bitca sowie der gleichnamige Park liegen diesseits des Autobahnrings МКАД.

Obwohl man im Zyklus Памяти Державина einen intensiven intertextuellen Dialog mit dem titelgebenden Autor erwartet, finden sich in den Texten fast keine Zitate aus Werken von Deržavin (ähnlich in Пейзажная лирика785). Das beste Beispiel ist noch das erste Gedicht des Zyklus. Es trägt – wie das Buch – den Titel Парафразис, soll also eine Umschreibung oder Variation eines schon existenten Inhalts darstellen.786 Die intertextuelle Parallele besteht im Schlüsselwort блажен (ʽgesegnet’, im Text mit Relativsatz fortgesetzt), das in gut einem Dutzend Gedichten von Deržavin zu finden ist.787 Die Wendung wird in verschiedenen Kontexten beim Lob einer richtigen Lebenshaltung verwendet, ← 243 | 244 → beispielsweise in Deržavins ruralen Schlüsselgedichten Похвала сельской жизни (1798 – eine Nachdichtung von Horaz’ zweiter Epode)788 und Евгению. Жизнь Званская (1807).789 Darüber hinaus erinnert der Segenswunsch an die Bibel, etwa an die Bergpredigt (Mt 5,3–11): „Блаженны нищие духом, ибо их есть Царство Небесное“ oder Luk 11,28 „А Он сказал: блаженны слышащие слово Божие и соблюдающие его.“790 Das Gleiche gilt für Kibirovs ersten Vers „Блажен, кто видит и внимает!“: Er schließt einerseits an Mt 13,16 an („Ваши же блаженны очи, что видят, и уши ваши, что слышат791); andererseits finden sich die Lexeme auch in Deržavins Gedicht Властителям и судиям (1780?) – „Не внемлют! видят – и не знают!“792

In Kibirovs Gedicht Парафразис wird die Formel „gesegnet sei“ überaus häufig793 und in Bezug auf unterschiedlichste Objekte verwendet, wodurch sie sich von konkreten Prätexten löst. Am nächsten am Bezugstext ist Str. 4: Die Nichtteilnahme an sowjetischen Institutionen (Räten, Schriftstellerverband, Komitees) sowie das Verschontbleiben von Gericht und Wehrdient entsprechen Deržavins Похвала сельской жизни, Str. 2, wo Krieg, Seefahrt, Gericht und das Dienen bei Herren als Übel fungieren, denen man besser entgeht.

Kibirovs Segenssprüche sind an einen breiten Kreis von Adressaten gerichtet: an den Dichter (Str.1–2), guten Vater und Gatten (Str. 3–4), d. h. an den Sprecher selbst; an eine relativ beliebig scheinende Auswahl von Personen und schließlich auch an Objekte, die dem „Ich“ einfallen und auffallen (Str. 5–8). In Str. 9–10 wird abstrakter nachgedacht, über die Schönheit des Lebens und die wachsende Bescheidenheit. Zentral ist Str. 11, in der ein poetisches Programm artikuliert wird, das das Alltägliche zum Thema der Dichtung erhebt (wie Puškin in Lotmans Deutung, vgl. S. 238f.). Bei Kibirov heißt es:

        Найди же мужество и мудрость,

        чтоб написать про это утро, ← 244 | 245 →

        про очи женщины-лахудры,

        распахнутый ее халат,

        про свет и шум в окне раскрытом,

        бумагой мокрою промытом,

        про Джойса на столе накрытом

        (и надо бы — да лень читать).

        Блажен, кто может не вставать.

Das Gedicht endet nach einer weiteren Strophe mit einem durch Leerzeile abgetrennten einzelnen Vers, der auf Puškin anspielt. „Грядет чума. Готовьте пир“ lässt sich auf die „Kleine Tragödie“ Пир во время чумы zurückführen.794 In Text und Prätext wird die Grundfrage aufgerufen, ob man sich im Angesicht des (kommenden) Todes am Leben freuen solle. Dieses Thema ist allerdings weniger für Puškin als für Deržavin charakteristisch: Mit dem Kontrast zwischen Feiern und Lebensgenuss einerseits, Tod und Vergänglichkeit andererseits, beschäftigen sich Gedichte wie На смерть князя Мещерского (1779), К первому соседу (1780), Приглашение к обеду (1795).

Dieses Resultat ist charakteristisch für den Zyklus Памяти Державина im Ganzen. Er enthält wenige direkte Referenzen auf Deržavin oder die vorromantische Literatur. Im Vergleich mit anderen Werken wird insgesamt verhalten zitiert und eine intertextuelle Verdichtung ist allenfalls in Bezug auf Autoren der Romantik zu beobachten (Puškin, Batjuškov, Baratynskij in Ged. 8; Lermontov in Ged. 19). Daraus ist zu schließen, dass es im Zyklus weniger um die Auseinandersetzung mit konkreten Texten Deržavins geht, als um ein Aufgreifen von typischen Themenkomplexen. So kann man die starke Ausrichtung des Zyklus auf allgemein-philosophische Reflexionen über Sterblichkeit, Vergänglichkeit und Lebensgenuss (Ged. 3, 5, 6, 8, 15, 16, 18), Altern und Erinnern (10, 12, 16, 21), Gott (7, 24, 25) sowie moralische Postulate (4) auf Deržavin zurückführen.795 Die Reflexionen stehen meist in Zusammenhang mit Naturbeschreibungen, insofern passt der in der Edition von 1998 ergänzte Untertitel, der die Gedichte als „naturphilosophisch und teilweise eschatologisch“ charakterisiert (siehe Abb. 17).

Ähnliche „ewige Themen“, bei denen die eigene Dichtung anknüpfen soll, wurden auch in Kibirovs Versbrief an Gandlevskij (Str. 46–47) als literarisches Programm aufgezählt (Kursive von mir; M. R.). Dort heißt es:

        Давай, давай! Начнем сначала.

        Не придирайся только к рифмам.

        Рассказ пленительный, печальный,

        ложноклассические ритмы. ← 245 | 246 →

        Вот осень. Вот зима. Вот лето.

        Вот день, вот ночь. Вот Смерть с косою.

        Вот мутная клубится Лета.

        Ничто не ново под луною.796

In einem Interview wurde Kibirov 1996 explizit nach dem für ihn zentralen Aspekt Deržavins gefragt:

        –Державин в каком качестве? Того, который «заметил и, в гроб сходя, благословил», или того, что «вошел в сени, и Дельвиг услышал, как он спросил у швейцара: «Где, братец, здесь нужник?» (опять-таки пушкинские строчки, вами вынесенные в эпиграф поэмы «Сортиры» 1991 года)?

        –Державин как некая условная фигура классической традиции, вот что я вкладывал в это название [des Zyklus Памяти Державина; M. R.]. Олицетворение классической высокой одической поэзии. Доромантической. Досубъективистской. Это одно из моих центральных занятий: безнадежная битва с романтизмом, от Лермонтова до Сорокина.797

Obwohl Deržavin der Literaturgeschichte als erster russischer Dichter gilt, der autobiographisch schrieb, sich selbst zur Figur des poetischen Werkes stilisierte und damit die Wende zur „lyrischen“ Poesie vollzog,798 ist er für Kibirov als Vertreter der klassizistischen, „vorsubjektiven“ Dichtung wichtig. Nicht seine in Richtung Sentimentalismus und Romantik weisenden Innovationen, sondern die Verbindung zur Tradition des 18. Jahrhunderts und die Abgrenzung vom romantischen Paradigma ist für seine Deržavin-Konzeption relevant. Eine Synthese dieser auf den ersten Blick gegensätzlichen Sichtweisen ergibt sich, wenn man berücksichtigt, dass Deržavins persönliche Gedichte dennoch zu einer abstrahierenden Verallgemeinerung der autobiographischen Impulse tendieren (vgl. z. B. die Verarbeitung des Todes seiner ersten Frau in Ласточка [1792, 1794]).799 Ein entsprechendes Beispiel aus Kibirovs Zyklus Памяти Державина, das eine ähnliche Verbindung leistet, wäre Ged. 24: Kindheitserinnerungen an den Vater, der Schutz und Zuneigung gewährt, und an den drohenden Umzug führen zum Nachdenken über die Vergänglichkeit der Welt und die Rettung durch den Glauben.800 ← 246 | 247 →

6.2.2.  Deržavins rurales Idyll als Vorlage: История села Перхурова

Während Kibirovs Deržavin-Zyklus sich an den Themen des Bezugsautors orientiert, jedoch so gut wie keine konkreten intertextuellen Bezüge aufweist, ist die Zitatdichte in История села Перхурова (VIII) hoch.801 Hier nimmt ein Bild von Deržavin Gestalt an, das hinsichtlich von Ort, Zeit und Lebenssituation ein Modell für die in Парафразис (und den vorangegangenen Büchern) ausgearbeitete erzählte Welt liefert.

Das Toponym Perchurovo im Titel bezieht sich auf einen Ort im Umland Moskaus, in der Nachbarschaft von Šilkovo, das in dem „pädagogischen Poem“ Возвращение из Шилькова в Коньково als Ausgangspunkt einer Reise aus dem Dorf in die Moskauer Stadtwohnung dient.802 In besagtem Šilkovo scheinen „Kibirov“ und Familie den Sommer zu verbringen. In История села Перхурова ist der Sprecher allein unterwegs und macht erschöpft bei dem Friedhof des Ortes halt. Ein Traum führt in chronologischer Folge durch Etappen der Literaturgeschichte. Dieser literaturgeschichtliche Strang wird durch Ausschnitte aus der Byline Илья Муромец и дочь его803 unterbrochen bzw. unterteilt, die im Gegensatz zu der im Buch Парафразис inszenierten harmonischen Vater-Kind-Beziehung steht: Die Bylinen-Tochter will ihren Erzeuger ermorden, er tötet und zerstückelt sie.

Der erste literaturgeschichtliche Abschnitt repräsentiert den Klassizismus und klingt in einer vom Sentimentalismus geprägten Strophe aus, in der sich die strenge Form auflöst. Die sieben klassizistischen Strophen804 sind als prototypische Ode stilisiert (je 10 Verse, Reimschema abab ccd eed)805 und stehen im Alexandriner, es gibt viele lexikalische und grammatische Archaismen. Es finden sich Anspielungen auf Lomonosov und Sumarokov,806 dominant sind jedoch die Deržavin-Referenzen (Odenstr. 3–5). Er ist es, der den Sprecher in die Nie ← 247 | 248 → derungen des Alltags (позорище) lockt, womit die Themen Familie und Landleben gemeint sind:

        Позорищем каким восхищен дух пиита?         
        Куда меня влечет звук лирныя струны?         
        Се кров семейственный героя знаменита,         
        Почившего от бурь на лоне тишины.        [Odenstr. 3]

In der Tat gilt die Hinwendung zur alltäglichen Realität als wichtiger literarischer Verdienst Deržavins.807 In der gleichen Strophe finden sich weitere konkrete Referenzen auf verschiedene Gedichte Deržavins, deren gemeinsamer Nenner der Rückzug in das Privatleben ist, das den öffentlichen Verpflichtungen und Zwängen sowie auch dem Streben nach Reichtum gegenübergestellt wird:

        Здесь не прельщают взор ни злато, ни мусия,

        Роскошества вельмож, суетствия драгие

        Не блещут в очи вам, но друг невинных нег808

        Обрящет здесь покой от жизни коловратной,809

        Здесь не Меркурия810Гигею811 чтут приятну,

        Любовь здесь властвует и незлобивый смех.

In dem in Odenstr. 4 beschriebenen Heim tritt Deržavin als Pensionär („Воитель Севера, в походах поседелый“) mit Frau und Töchtern auf. Die Beschreibung einer russisch-traditionalistischen Haushaltsführung, die neumodische ausländische Einflüsse ablehnt, passt ebenfalls zum gängigen Deržavin-Bild.812

Am engsten ist die intertextuelle Vernetzung in Str. 5, wo Gerichte und Getränke aufgezählt werden, die zum großen Teil aus Deržavin-Texten stammen:

        А стол уж полон яств – тут стерлядь золотая,813

        Пирог румяно-желт, зелены щи,814 каймак, ← 248 | 249 →

        Багряна ветчина и щука голубая,

        Хвалынская икра, сыр белый, рдяный рак.

        Морозом искрятся хрустальные крафины,815

        Токай и Мозель здесь и лоз кубанских вины,

        С гренками пиво816 тож и добрый русский квас!

        Рабы послушливы, хозяйка добронравна,

        Беседа без чинов всегда легка, забавна.

        Диван пуховый817 ждет после обеда вас.

Das in История села Перхурова intertextuell konstruierte Bild von Deržavin, der sich in die Abgeschiedenheit des Landlebens zurückgezogen hat und sich im Kreis der Familie Essen, Trinken und anderen Annehmlichkeiten des ruhigen Lebens widmet, fungiert als Rollenmodell, das Kibirovs Protagonist nachlebt: Handlungsort ist das Dorf, es werden vielfältige alltägliche Realien und Tätigkeiten erwähnt, das Familienleben wird als Ideal verwirklicht.

Zumindest in dieser lebensweltlichen Hinsicht wurde Deržavin (vgl. oben die Erwähnung „хозяйка добронравна“) nicht von Puškin übertroffen, dessen Familien-Projekt in der Realität scheiterte – nicht zufällig verkörpern bei Kibirov nur Figuren aus dem Roman Капитанская дочка das Liebesglück. Puškins Beziehung zu Natal’ja Gončarova wird bei Kibirov erst ab dem Buch Улица Островитянова (1998) thematisiert, als das Familienidyll als Thema verschwunden ist, und dient zur intertextuellen Spiegelung von Konflikten.

6.2.3.  Die Verbindung von Ironie und Ernst: Молитва

Eine weitere Facette von Deržavins Schreiben wird in Kibirovs Gedicht Молитва aufgegriffen, das intertextuell bei Deržavins Eposparodie Похвала комару (1807) ansetzt.818 Im Zentrum beider Texte steht mit der Mücke ein eher ungewöhnlicher Redegegenstand. Im Buch Парафразис werden Mücken gleich in mehreren Gedichten erwähnt;819 als punktuelle Störung fügen sie dem locus ← 249 | 250 → amoenus eine unangenehme, realistische Komponente hinzu und bieten Ansatzpunkte für Komik.

Im Gedicht Молитва, das als Teil V die Achse des Buches bildet, steht die Mücke im Mittelpunkt. Als zentrales Sujet des Textes wird sie mit einer intertextuellen Genealogie versehen, die die Themenwahl – ganz im Geist des Klassizismus – durch Autoritäten legitimiert. Es wird die Verbindung zu Deržavin expliziert und auf gleichgesinnte Gegenwartsdichter verwiesen:

        Не зря ж их пел певец Фелицы         
        и правнук Кукин восхвалял,         
        и, отвернувшись от синицы,         
        младой Гадаев воспевал!        [Str. 16]

Im ersten Literaten erkennt man unschwer Deržavin, der allerdings nicht als Autor von Похвала комару, sondern seiner bekannten Ode Фелица aufgerufen wird, die die panegyrische Gattung durch Alltagssprache belebte und dem Zarenlob komisch-satirische Elemente beimengte.820 Diese Zuordnung macht zum einen auf Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Gedichten Deržavins aufmerksam und verleiht zum anderen Kibirovs Deržavin-Nachfolge Konturen: Auch Молитва variiert Versatzstücke einer hohen Gattung, nämlich des Gebets. Kibirov geht dabei über Deržavins Gedicht Похвала комару hinaus, das die Mücke zur Heldenfigur stilisiert und eine amüsante Parodie ohne tiefere Bedeutung liefert.

An literarischen Vorläufern, die ebenfalls über die Mücke geschrieben haben, werden weiterhin Michail Kukin (*1962) und Konstantin Gadaev (*1967) genannt, zwei weniger bekannte Moskauer Dichter, mit denen Kibirov Mitte der 1990er in Kontakt kam.821 Kukin, Gadaev und Igor’ Fedorov brachten 2005 bei dem gleichen Verlag Lyrikbände heraus,822 was die Wahrnehmung als Gruppe förderte. Diese sog. „Konkovo-Schule“ ist in vorliegender Arbeit wegen der offenkundigen Parallelen zu Kibirovs Werk von Стихи о любви bis Парафразис von Bedeutung.823 Ihnen wächst die Rolle einer Kibirov’schen Plejade zu, die ← 250 | 251 → sich auf ihn als Vorbild bezieht,824 und sie treten – zumindest im Werk – allmählich an die Stelle der früheren Bezugspersonen (Rubinštejn, Prigov, Gandlevskij etc.). Später kommt mit Julij Gugolev (*1964) ein weiterer Autor hinzu.825

Was das Mücken-Motiv betrifft, liefert Kukins Gedicht Комару826 eine reflexiv-elegische Interpretation: Die Mücke, die im Herbst dem unausweichlichen Tod entgegengeht, wird zum Symbol für die menschliche Sterblichkeit. Bei Gadaev ließ sich nur eine beiläufige Erwähnung des störenden Insekts im Gedicht „Засыпал в духоте, комара материл...“ (zwischen 1992 und 1996). auffinden.827

Kibirovs Gedicht Молитва bewegt sich tatsächlich zwischen Deržavins amüsanter Parodie, Kukins philosophischer Reflexion und der Mücke als Störfaktor bei Gadaev. Neu ist die Verbindung mit religiösen Inhalten, die schon der Titel Молитва herstellt. Auch bei diesem Thema ist Deržavin Vorbild. Als ‚Gebete‘ sind einige Texte aus seinem Frühwerk betitelt, und obwohl diese in den sowjetischen Ausgaben fehlen,828 ist Deržavin dennoch als Autor religiöser Texte (v. a. der Ode Бог) bekannt.829 Insofern führt Kibirovs Gedicht zwei Pole von Deržavins Schaffen zusammen, nämlich das religiöse Gedicht, das an der Spitze der klassizistischen Genrepyramide stand, und die parodistische Kombination von hohen und niedrigen Gattungen in Фелица oder Похвала комару. Str. 19 von Похвала комару liefert auch einen konkreten intertextuellen Ansatzpunkt ← 251 | 252 → für Kibirovs Verbindung von Mücke und religiösem Thema: Deržavins Sprecher vergleicht die Insekten mit Seelen („Нам нельзя ль воображеньем / Комаров равнять душам“) und wünscht sich als Dichter, selbst eine solche „himmlische Mücke“ zu sein:

        О! когда бы я, в восторге         
        Песни в райском пев чертоге,         
        Комаром небесным стал!        [Str. 19]

Wie bei Deržavin verursacht die Verbindung von unterschiedlichen Gattungen und Registern bei Kibirov amüsante Kontraste, z. B. wenn die mit archaischer Lexik (Воскрешенье; тварь; Весть; плоть) und biblischen Zitaten („Свят, свят, свят“´; „земля иная, иное небо“, vgl. Offenbarung 21,1) angereicherte christliche Stilisierung in Str. 4 in eine Anklage gegen die Mücken umschlägt. Das Einbringen des Insekts in gängige Bilder vom Himmelreich führt in Str. 5–7 zu absurd-komischen Montagen: Jesus wird von den Mücken gepeinigt; ihr Summen übertönt die Leier der Engel; die Auferstandenen schlagen im Himmlischen Jerusalem nach den Insekten und kratzen sich.

In Str. 8–10 gibt der Sprecher naiv seiner Gewissheit Ausdruck, dass der Herr die Übeltäter vernichten werde. In der zweiten Hälfte des aus 20 Strophen bestehenden Gedichts bleibt das erwartete Strafgericht allerdings aus. Auf die Anklage folgt eine Verteidigung, so als ob ein Wechsel der sprechenden Instanz eintreten würde. Die Verteidigung führt in Str. 11 zur Entlastung die Schönheit der Mücken an. Als ästhetisch wird v. a. ihre Kleinheit, Leichtigkeit, Körperlosigkeit empfunden: „Но это крохотное тело, / но эта трепетная плоть!“ (Str. 12); „И легкокрылы, длинноноги, / и невесомы, словно дух, / бесстрашные, как полубоги, / и тонкие, как певчий слух“ (Str. 13). Dieses Bild als ätherische Bewohner des Luftraums, die Fragilität mit Furchtlosigkeit verbinden, ist die Basis für die folgende Analogie zwischen Mücken und Dichtern. Als deren Aufgabe wird durch Vergleich die gesellschaftliche Unbequemheit, die Störung der Alltagsroutinen bezeichnet:

        они [комары; M. R.] зудят и умирают,         
        подобно как поэты мы,         
        и сон дурацкий прерывают         
        средь благодатной летней тьмы!        [Str. 14 ]

Die verteidigende Stimme hat auch einen Vorschlag, wie die Mücken in den Himmel integriert werden können: Gott solle sie verwandeln, dann könnten sie wie Engel und Tauben Teil des himmlischen Chores werden. Die Vorstellung von diversen geflügelten Tieren, die das Gotteslob anstimmen, ist allerdings kein Glaubensbestandteil und wirkt komisch. Das Gleiche trifft auf die Transformation des Blutes im Bauch der Mücke zum Abendmahlswein zu, da zwischen dem Blutsaugen und dem Trinken von Christi Blut tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit besteht.

Kibirovs Gedicht amüsiert durch den karnevalesken Kontrast von sakraler Lexik und profaner Absicht, durch komisch-groteske Bilder und ungewöhnliche ← 252 | 253 → Vergleiche. Der Text ist aber mehr als eine Travestie, die nur auf das Lachen zielt, denn am Ende bleibt doch ein Eindruck naiver Frömmigkeit zurück. So ist Молитва auch in Kibirovs Buch Греко- и римско-кафолические песенки и потешки (2009) wiederabgedruckt, das das christliche Thema als Zentrum des gesamten Werks aktualisiert. Dabei befindet sich das Gedicht dort am Ende des Bandes, also in einer besonders herausgehobenen Position.830 Was Deržavin für die panegyrische Ode leistete, die Kombination von niedrig und hoch, sakral und profan, komisch und ernst, wiederholt Kibirov sowohl mit dem Gedicht Молитва als auch mit dem späteren Band Греко- и римско-кафолические песенки и потешки, vgl. Kapitel 8.5), wobei er zwei Facetten Deržavins – Religion und Parodie – originell zusammenführt. Diese Verbindung ist zweifellos charakteristisch für Kibirovs Poetik, und Deržavin somit nicht nur als pater familias und Dorfbewohnter ein literarisches Rollenmodell. ← 253 | 254 →

6.3.     DIE TOCHTER ALS KATALYSATOR DER POSTMODERNEKRITIK: SONETTE AN SAŠA ZAPOEVA

Neben der Beziehung zu Lena taucht im Buch Парафразис mit der Vater-Rolle ein zweiter biographisch begründeter Ansatzpunkt aus, von dem aus die neue literarische Weltsicht plausibilisiert wird. Die „Spießer-“Ideologie wird durch die Elternperspektive legitimiert und weiterentwickelt, speziell in den Gedichten Двадцать сонетов к Саше Запоевой (VII) und Возвращение из Шилькова в Коньково. Педагогическая поэма (IX). Im Poem agiert die Tochter schon als aufgewecktes Mädchen, das Fragen stellt und das Verhalten des Vaters kritisch kommentiert; der Heimweg aus Šilkovo in den Moskauer Stadtteil Konkovo wird – passend zum Untertitel – zu einem Gespräch über Tod und Gott, Gut und Böse.831 Der Sonettzyklus setzt zeitlich früher an, nämlich bei der Geburt von „Saša“, und die zwanzig Gedichte beschäftigen sich mit der durch die Vaterschaft bewirkten geistigen Veränderung. Ähnlich wie die Liebe zur (Ehe-)Frau sich mit der positiven Wertung der Alltagsnormalität verbindet, liefert das Kind eine weltanschauliche Basis. Dabei referieren die Gedichte nicht nur auf Klassiker wie Dante, Petrarca oder Puškin, sondern positionieren sich im Verhältnis zur Gegenwartsliteratur. Der Sonettzyklus als Ganzes stellt eine Auseinandersetzung mit Iosif Brodskij dar:832 Der Titel Двадцать сонетов к Саше Запоевой verweist auf Brodskijs Двадцать сонетов к Марии Стюарт, ansonsten wird der Dialog implizit geführt, direkte Zitate fehlen.

Im Folgenden wird zum einen die Poetik beider Dichter verglichen, wobei neben den Sonettzyklen auch direkte Aussagen (Essays, Interviews) einbezogen ← 254 | 255 → werden. Zum anderen werden weitere Abgrenzungen von dem, was Kibirov als „postmodern“ versteht, erfasst und damit zu Kapitel 7 übergeleitet. Eine wichtige Funktion kommt schließlich den punktuellen Bezugnahmen auf Vladimir Nabokov zu, die eine subversive, selbstironische Komponente in die Sonette integrieren.

6.3.1.  Iosif Brodskij als Repräsentant der Postmoderne

Kibirovs Dialog mit Brodskij ist insofern ein wichtiger Aspekt im Werk, da der Dichter sich hier mit einem direkten und einflussreichen Vorgänger auseinandersetzt. Kibirov selbst spricht davon, dass er Brodskij die Erkenntnis verdanke, dass eine vollwertige zeitgenössische Dichtung in russischer Sprache existiere;833 gleichzeitig habe er sich bemüht, seinen starken Einfluss zu überwinden.834 Wie Oleg Lekmanov zu Recht vermerkt, tritt Brodskij dabei im Kontext von Kibirovs Sonetten als Vorbote der Strömung auf, „die man üblicherweise mit den Namen Prigov und Sorokin verbinde“,835 d. h. der Postmodere. Für diese Einordnung Brodskijs als Postmodernisten lassen sich Belege finden,836 sie ist jedoch nicht selbstverständlich.837 Daher sollen in Brodskijs Sonettzyklus post ← 255 | 256 → moderne Merkmale herausgearbeitet werden, die kontrastiv zu Kibirovs Positionierung des eigenen Schreibens hervortreten.

Ein wichtiger Ansatzpunkt, von dem aus sich die unterschiedlichen Poetiken entwickeln, ist die Sujetwahl: Brodskij nutzte als Schreibanlass die konflikthafte Liebesbeziehung zu Marina Basmanova,838 die auch nach der Trennung 1968 als literarisches Thema aktuell blieb – die Sonette an Maria Stuart stammen aus dem Jahr 1974. 1983 stellte Brodskij aus Liebesgedichten – darunter die 20 Sonette – das Buch Новые стансы к Августе. Стихи к М. Б. zusammen.839 Eben diesen Band hält sein Freund und Biograph Lev Losev für das wichtigste Werk des Dichters: Die hier verarbeiteten Erfahrungen hätten seine Dichterpersönlichkeit geschaffen und Brodskij selbst habe den Band als seine Göttliche Komödie bezeichnet.840 Gerade bei einem entschiedenen Gegner des Biographismus wie Brodskij841 sollte man die Bedeutung der realen Lebensgeschichte zwar nicht überbewerten, allerdings ist die Frage legitim, welchen literarischen Zielen die verwendeten biographischen Bezüge dienen. So erweist sich der aus der retrospektiven Distanz betrachtete Liebesschmerz als passendes Thema, um eine postmoderne Ästhetik zu erreichen.

Postmodern ist in Brodskijs Sonetten die Tendenz zur Virtualisierung.842 Die Gedichte sind an die Figur Maria Stuart gerichtet und imaginieren eine glückliche Beziehung mit ihr, während der Name Marina Basmanova nur über die Widmungsinitialen präsent ist. „M. Б.“ bleibt in den Sonetten eine fleischlose „Sie“, die nur an wenigen Stellen im Text fassbar ist.843 Die reale Geliebte wird durch die virtuelle ersetzt, die bald als Skulptur (Sonett 1 und 3), bald als Schiller’sche Dramenfigur (Sonett 12) oder als Film-Heldin (Sonett 2 und 20) auftritt. Simulacra verdrängen die Realität. So erwähnt der Sprecher auch nicht die erste Begegnung mit M. B., sondern die mit Maria Stuart, deren Scheinexistenz be ← 256 | 257 → tont wird. Es handelte sich nämlich um den von Zara Leander gespielten Part der schottischen Königin in dem deutschen Kinofilm Das Herz der Königin, der in der UdSSR als Beutefilm unter dem Titel Дорога на эшафот gezeigt wurde.844 Der Kinobesuch des Sprechers wird in Sonett 20 auf 1948 datiert, als sich der 1940 geborene Brodskij im neunten Lebensjahr befand. Genau in diesem Alter erblickte Dante das erste Mal Beatrice. Geht man dieser intertextuellen Parallele nach, wird allerdings ein wichtiger Unterschied sichtbar: In Dantes Buch Vita nova unterbricht der autodiegetische Narrator die Erzählung von der ersten Begegnung und betont an dieser Stelle den Realitätscharakter des Erzählten.845 Der Vergleich beider Texte provoziert allerdings die Frage, ob nicht auch das Treffen mit Beatrice oder Beatrice im Ganzen nur Fiktion war. Brodskijs Sonett beinhaltet somit eine potentielle Dekonstruktion von Dantes Beatrice-Narrativ.

Diese metaliterarische intertextuelle Reflexion, die die literarische Tradition kritisch hinterfragt, ist ein weiteres postmodernes Charakteristikum. Die klassische Stelle hierfür sind die Puškin-Zitate in Brodskijs Sonett 6, zu dem Aleksandr Žolkovskij eine scharfsinnige Interpretation vorgelegt hat. Er analysiert, wie Brodskij Puškins Gedicht „Я вас любил...“ (1829) abwandelt: Einerseits steigere Brodskijs Sprecher Leidenschaft, Schmerz und Eifersucht.846 Andererseits kippe dieser Eindruck spätestens in der letzten Verszeile, die offenlegt, dass die verschrifteten Gefühle trotz allem rhetorische Konvention sind und vom Dichter konstruiert wurden847 (Hervorhebung von mir; M. R.):

        сей жар в крови, ширококостный хруст,

        чтоб пломбы в пасти плавились от жажды

        коснуться – «бюст» зачеркиваю – уст!

Somit vereine das 6. Sonett gegensätzliche emotionale Zustände.848 Die Interpretation bleibt tatsächlich in der Schwebe: Wird die erkaltete Liebe nur für die lite ← 257 | 258 → rarische Produktion instrumentalisiert? Oder verfolgt die rhetorische Distanzierung ein therapeutisches Ziel und die Verdrängung der Realität offenbart die Tiefe des Schmerzes?

Žolkovskij bemerkt weiterhin, dass in den von Brodskij umgeschriebenen Puškin-Stellen eine vereinfachte Lexik zu finden sei,849 die Steigerung der Gefühlsintensität führt also zu sprachlichen Klischees. Diese Beobachtung kann man mit Brodskijs Vorstellungen über die Dichtung verbinden, die sich z. B. in dem von Poluchina herausgegebenen Interviewband finden. Positiv bewertet wird stets die Reduktion der realen Gedanken und Empfindungen, also eine Art poetische Untertreibung. Bei Wynstan Auden (1907–1973) lobt Brodskij z. B. die „symptomatische Technik der Beschreibung“: „Он никогда не обнажает перед вами реальную язву – он описывает только симптомы, да? Он не перестает думать о цивилизации, о месте человека в мире, но говорит об этом только косвенно.“850 Bei Auden und Marina Cvetaeva gefällt, dass sie oberflächliche Dramatik und Pathos zu vermeiden suchen.851 Den kreativen Prozess beschreibt Brodskij als Verwandlung eines ursprünglichen emotionalen Impulses in Literatur, wozu Abkühlung, Distanz und Selbstreflexion nötig seien. Er spricht dabei von отстранение, ‘Entfremdung’:

        –Дело в том, что поэту страдать вообще как-то стыдно. С одной стороны, это вроде бы его амплуа, да? А с другой – когда поэт берется за перо – иногда страдание просто заставляет взяться за перо, – то страдание перестает быть самим собой и становится содержанием. И это отстранение от самого себя в достаточной степени шизофренично, но оно необходимо, поскольку, когда ты пишешь, надо более или менее от себя отстраниться, или по крайней мере понять, что с тобой произошло – хотя бы для того, чтобы рифмы подобрать, какой-то метр и т. д.852

In Brodskijs Sonett 4 wird der Schmerz als Mittel zur Inspiration beschrieben (Hervorhebungen von mir; M. R.):

        Она [die ungenannt bleibende Geliebte; M.R.] ушла куда-то в макинтоше.

        Во избежанье роковой черты, ← 258 | 259 →

        я пересек другую – горизонта,

        чье лезвие, Мари, острей ножа.

        Над этой вещью голову держа,

        не кислорода ради, но азота,

        бурлящего в раздувшемся зобу,

        гортань... того... благодарит судьбу.

Brodskijs Sprecher beugt sich über „eine Sache“ (вещь) – dieser unklare Begriff lädt sich semantisch durch die Wortumgebung (роковая черта, лезвие, нож853) auf und wird zur Chiffre für die schmerzvollen Erinnerungen an die frühere Liebe. Diese Erfahrung liefert азот (‘Stickstoff’), d. h. ein erstickendes Gas lässt den Dichter sprechen bzw. schreiben. Als Quelle der Kreativität fungiert in den Sonetten an Maria Stuart also der (erinnerte) Schmerz.

6.3.2.  Timur Kibirovs (neosentimentalistische) Gegenposition

                            So-called new sincere authors often started their career with radically postmodern textual experiments. But in the course of time they claim or are claimed, to have devised a different approach to the issues that are central to postmodernism.854

Bei Kibirov findet man diametral entgegengesetzte poetologische Präferenzen. Lekmanov spricht passend von einem Hingeben an die „Poesie des Herzens“, während die Postmoderne sich schäme, Gefühlen zu zeigen.855 Statt „Entfremdung“ und der Reduktion von Gefühlen propagiert der Dichter eine persönliche, sentimentale und pathetische Lyrik, etwa in einem Interview aus dem Jahr 1993:

        И чаще всего постмодернизм, к сожалению, именно и воспринимается – как неприятие всякого пафоса, всякой сентиментальности и самой личности. […] Я уверен: если из искусства действительно уйдет пафос, лиричность, сентиментальность, тогда поэзия кончится.856

Zur Rechtfertigung dieser durchaus als altmodisch und gegen den Zeitgeist gerichtet verstandenen Reanimation von Pathos und Sentimentalität gebraucht Kibirov mehrmals die Nabokov zugewiesene Formulierung „banale Angst vor dem Banalen“ („банальная боязнь банального“857). Diese Idee steht auch hinter einer Aussage von 1994, dass das Banale die größte literarische Herausforde ← 259 | 260 → rung darstelle. Als Beispiel dient dem Dichter die Elternliebe (die im Sonettzyklus tatsächlich literarisch ausgearbeitet wurde):

        Одна из главных задач художника во все времена – те банальные, но очень важные вещи, которые стираются от долгого употребления и начинают вызывать у каждого человека с мало-мальски развитым вкусом раздражение, сделать опять новыми и важными. И это безумно сложно, потому что гораздо легче написать интересно про кровосмесительные связи, чем о любви матери к ребенку. Второе сейчас практически невозможно, для этого нужен уж очень большой талант.858

Analog gewinnt in Kibirovs abschließendem Sonett 20 das eigene Schreiben Konturen.859 Die gewählte Sprache wird als ‘Lispeln’ (сюсюканье) bezeichnet, gemeint ist die Art und Weise, wie man mit einem kleinen Kind redet, analog zu Str. 4 des Sonetts, in der sich der Sprecher mit verniedlichenden Adjektiven und diminutiven Kosenamen an die Tochter wendet. Paradoxerweise gilt eben diese Kindersprache dem Sprecher als äußerst schwieriges literarisches Idiom:

        Я лиру посвятил сюсюканью. Оно         
        мне кажется единственно возможной         
        и адекватной (хоть безумно сложной)         
        методой творческой. […]        [XX, Str.1]

Die eigene Position wird dabei sowohl von den Themen der Postmoderne (Sorokin, de Sade860) als auch von (Lev) Tolstoj, dem Moralisten, abgegrenzt:

        […] И пусть Хайям вино,         
                  
        пускай Сорокин сперму и говно         
        поют себе усердно и истошно,         
        я буду петь в гордыне безнадежной         
        лишь слезы умиленья все равно.         
                  
        Не граф Толстой и не маркиз де Сад,         
        князь Шаликов – вот кто мне сват и брат         
        (кавказец, кстати, тоже)!.. […]        [Str. 1–3]

Bei dem im Zitat als wesensverwandt bezeichneten Fürsten Petr Ivanovič Šalikov (1767/1768?–1852) handelt es sich um einen weitgehend vergessenen Au ← 260 | 261 → tor. Die Biographien beider Literaten weisen in der Tat gewisse oberflächliche Gemeinsamkeiten auf: Šalikov war ebenfalls kaukasischer Herkunft (Georgier), diente in der russischen Armee (das Thema ‚Wehrdienst‘ bei Kibirov z. B. in Элеонора [Стихи о любви]) und beschäftigte sich nach seinem Ausscheiden mit Literatur und Publizistik. Entscheidend für die Parallelisierung sind jedoch die literarischen Aktivitäten des Grafen: Šalikov galt als produktiver, jedoch unbedeutender Schriftsteller, der als Epigone des (russischen) Sentimentalismus erinnert wird.861 Durch diesen wenig schmeichelhaften Vergleich reflektiert Kibirovs Gedicht das vom Sprecher in der 1. Person Singular vertretene literarische Projekt mit Humor und Selbstironie.

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Abb. 19:  Kibirov mit Tochter, Illustration aus der Auswahlpublikation Памяти Державина (Aleksandr Florenskij)

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Abb. 20:  Tochter Saša mit Familienhund; Illustration zum Kibirov gewidmeten Heft der Literaturzeitschrift Literaturnoe obozrenie (1998)862

Aber auch in den Sonetten selbst zeigen sich Unterschiede zwischen Kibirovs Projekt und Brodskijs ästhetischen Präferenzen: So ist Kibirovs Grundsujet die ← 261 | 262 → erfüllte Liebe, es wird kein Schmerz literarisch verarbeitet, sondern das eigene (Eltern-)Glück verkündet. Statt Virtualität wird Realität inszeniert:863 Die Sonette spielen nicht an exotischen Orten wie Paris (Brodskijs Sonett 7) oder im imaginierten Schottland des 16. Jahrhunderts (Sonette 8 und 9), sondern im russischen Alltag der 1990er Jahre. Während Brodskijs Sprecher sich an ein virtuelles Gegenüber richtet, wird bei Kibirov Saša als reale Person geschildert, was dadurch noch verstärkt wird, dass Abbildungen des Dichters mit Tochter die Geschenkausgabe Памяти Державина und Lekmanovs Artikel zu den Sonetten illustrieren (Abb. 19 und 20). Statt einer kompletten Ersetzung durch virtuelle Simulakra gibt es bei Kibirov nur intertextuelle Vergleiche, z. B. wird in Sonett 17 nach einer Entsprechung unter verschiedenen Literatenmusen gesucht.

Was Intertextualität und Metaliterarizität betrifft, sind beide Charakteristika auch bei Kibirov zu finden, jedoch gibt es Unterschiede in der Funktion. Der Dialog mit Texten von Dante und Puškin führt bei Brodskij zu einer Infragestellung der Prätexte und der Aufdeckung ihrer Fiktionalität – Dantes Realitätspostulat wie auch Puškins Verarbeitung einer Liebesenttäuschung werden durch die Variation im eigenen Text dekonstruiert. Bei Kibirov wird die Bedeutung der Prätexte hingegen reproduziert und ohne Demontage der Originale auf die eigene Situation übertragen. In Sonett 1 wird z. B. die Erschütterung bei der ersten Begegnung mit der neugeborenen Tochter durch biblische Motive und ein Zitat aus Dantes Buch Vita nova beschrieben:

        Любимая, когда впервые мне

        ты улыбнулась ртом своим беззубым,

        точней, нелепо растянула губы,

        прожженный и потасканный вполне,

        я вдруг поплыл – как льдина по весне,

        осклабившись в ответ светло и тупо.

        И зазвучали ангельские трубы

        и арфы серафимов в вышине!

        И некий голос властно произнес:

        «Incipit vita nova864 Глупый пес,

        потягиваясь, вышел из прихожей

        и ткнул свой мокрый и холодный нос

        в живот твой распеленутый. О Боже!

        Как ты орешь! Какие корчишь рожи!

Wie die Renaissance die Frau als Verbindung zwischen Himmel und Erde feiert, ist es für Kibirov an der Jahrtausendwende das Kind, das eine grundlegende ← 262 | 263 → Veränderung bewirkt und ein „neues Leben“ eröffnet. Der pathetische hohe Stil kollidiert zwar mit Alltagsrealien und wirkt komisch, allerdings wird die beschriebene Gefühlsintensität textintern nicht in Frage gestellt. Die Interaktion von Hund und Säugling am Ende schließt die intertextuelle Imagination an die Realität an.865

Die Aktualisierung der Renaissance-Inhalte spiegelt sich übrigens auch in Kibirovs Reproduktion der Sonettform.866 Während Brodskij die Unterteilung in Strophen auflöste, Sonettformen mischte und unsystematisch reimte,867 hält sich Kibirov an das bekannte italienische Sonettschema aus je zwei Quartetten (abba abba) und Terzetten (bei ihm meist ccd cdd),868 wie im poetologischen Sonett 6 beschrieben.

Beim Vergleich des intertextuellen Materials fällt gerade bei den Dante- und Puškin-Zitaten auf, dass Brodskij und Kibirov gegensätzliche Gefühlszustände durch Zitate der gleichen Autoren illustrieren. Kibirov als der jüngere scheint hier Brodskij bewusst zu überschreiben. Z. B. beginnt Brodskijs Sonett 3 mit einer Paraphrase des düsteren ersten Verses aus Dantes Göttlicher Komödie:

        Земной свой путь пройдя до середины,869

        я, заявившись в Люксембургский сад,

        смотрю на затвердевшие седины

        мыслителей, письменников […]

Kibirov entnimmt aus Dantes Meisterwerk die buchstäblich entgegengesetzte Stelle, sein Sonett 15 zitiert den letzten Vers aus dem letzten Gesang des Paradiso:

        Любовь, что движет солнце и светила,870

        свой смысл мне хоть немножко приоткрыла,

        и начал я хоть что-то понимать.

Dabei wird in den vorangegangen Strophen betont, dass die Liebe zur Tochter eine geistige Transformation bewirkt. Kibirovs Sprecher habe im Laufe seines Lebens zwar sehr oft „Ich liebe dich gesagt“, die wahre Dimension dieses Ge ← 263 | 264 → fühls offenbare sich ihm jedoch erst jetzt. Er erlebt also die erfüllte Liebe und macht wie Dantes Protagonist eine geistige Wandlung durch, während Brodskijs alter ego in der Krise verharrt.

Ein zweiter intertextueller Gegensatz besteht zwischen Brodskijs Sonett 6 und Kibirovs Sonett 3, die aus unterschiedlichen Liebesgedichten von Puškin zitieren: Brodskij greift auf die traurigen Erinnerungen an die unerfüllte Liebe aus Puškins „Я вас любил...“ (1829) zurück (und verwandelt sie, wie beschrieben, in eine Parodie). Kibirov arbeitet hingegen mit dem an Anna Kern gerichteten Gedicht „Я помню чудное мгновенье...“ (1825), das eine Wiederbelebung durch die erneute Begegnung mit der geliebten Frau beschreibt. Bei Kibirov heißt es:

        Но в первый раз, когда передо мной

        явилась ты871 в роддоме (а точнее –

        во ВНИЦОЗМИРе), я застыл скорее

        в смущенье, чем в восторге. Бог ты мой!

Diese Belebung betrifft bei Kibirov die literarische Tätigkeit und insbesondere die ihr zugrunde liegende Weltsicht. Im Gegensatz zu der in Brodskijs Sonett 6 beschriebenen Initiierung des Schreibprozesses durch den Schmerz und ähnlich wie in Puškins Gedicht an Kern ist die Inspiration durch die Tochter ein positiver Katalysator. In Kibirovs Sonett 13 wird etwa beschrieben, wie der als Dichter konzipierte Sprecher seine Verse auf benutztem Papier notiert und die Kritzeleien seiner Tochter überschreibt.

        […] Хмурая столица

        ворочается за окном в ночи.

        И до сих пор неясно, что случится.

        Но протянулись через всю страницу

        фломастерного солнышка лучи.

Die von der Tochter gemalte Sonne vertreibt die Sorgen des Vaters; das literarische Projekt, trotz der bedrohlichen Gegenwart („хмурая столица“) von der Schönheit der Welt zu schreiben, scheint also auf den Einfluss des Kindes zurückzugehen oder durch ihn bestärkt zu werden.

Darüber hinaus finden sich in Kibirovs Sonetten an vielen Stellen explizite Abgrenzungen, die sich gegen gewisse Aspekte der zeitgenössischen (postmodernen) Literatur richten. Schon erwähnt wurde die Abgrenzung der Sonette gegen Sorokin und de Sade. In Sonett 16 sind weitere Personen benannt, von denen eine ablehnende Reaktion auf die Gedichte erwartet wird: Konzeptualist, Metaphorist, Freudianer, Slavist und der mit Salieri verglichene Literaturkritiker ← 264 | 265 → aus Literaturnoe obozrenie, die alle zeitgenössische Trends in Literatur und Literaturwissenschaft verkörpern.872 Das Standhalten gegenüber der erwarteten Kritik wird im zweiten Terzett durch ein Zitat aus Puškins Gedicht Пророк legitimiert. Der Sprecher beschreibt sich als von einer höheren Macht inspirierten und ihr verpflichteten Dichterpropheten:

        все громче хохот, шиканье и свист! [der Kritiker; M. R.]

        Но жало мудрое873 упрямо возглашает,

        как стан твой пухл, и взор твой как лучист!

Basis seiner Mission ist die Tochter. Sie wird in Sonett 5 mit einer Linse verglichen, die Sonnenstrahlen bündelt (was an die gemalte Sonne in Sonett 13 erinnert). Angezündet wird durch diese Strahlen der Docht in einem Öllämpchen, das vor der Ikone steht (лампадный фитилек). Die Korrektur, dass es sich nicht um eine Kohle handele (eine erneue Anspielung auf Пророк), sondern um ein Ewiges Licht, weist auf die Art der ideellen Grundlage hin. Die Liebe zwischen Eltern und Kindern wird mit dem Glaubenserlebnis verbunden, ähnlich wie im Gedicht Памяти Державина 24 die Beziehung zum eigenen Vater.874

Auch in Sonett 2 wird geschildert, dass die Präsenz des Kindes eine Veränderung initiiert („И с той январской ночи началось!“), nämlich für Stabilität sorgt. Entwickelt wird dieses Thema spielerisch über das polyseme Wort Абсолют. Gemeint ist damit die Steigerung eines nicht präzise bezeichneten höheren Ideals, was ebenfalls zur Großschreibung passt. Absolut lautet aber auch der Name einer bekannten schwedischen Wodkamarke, worauf im Text explizit hingewiesen wird. Das Wortspiel erinnert an Marx’ Metapher von der Religion als Opium für das Volk, wobei die Droge gegen Alkohol ausgetauscht wurde und an die Stelle des kritischen Atheismus die postmoderne Skepsis gegenüber Ideologien und Metaerzählungen tritt (im Sonett „Relativismus“ und „das Dionysische“ genannt). Dabei stellt sich Kibirovs Sprecher allerdings auf die Seite der vorgeblichen Täuschung.875

6.3.3.  Die Selbstrelativierung durch die Nabokov-Allusionen

Insgesamt baut Kibirovs Zyklus Двадцать сонетов к Саше Запоевой eine Gegenposition zu der in Brodskijs Sonetten realisierten Poetik und weiteren Aspek ← 265 | 266 → ten der Postmoderne auf. Dabei stellt die durchgehend präsente komischironische Dimension seines Schreibens (in dem Absolut-Vergleich, der Referenz auf Пророк, etc.) allerdings potentiell die Ernsthaftigkeit des Gesagten in Frage. Dies unterscheidet die Gedichte von den Interviews, in denen sich eindeutige Aussagen finden. Eine subvertierende Wirkung haben in den Sonetten insbesondere die konzeptuellen Verweise auf Vladimir Nabokov.

Es gibt mehrere Nabokov-Referenzen: Desjatov weist etwa auf eine textuelle Parallele zu dem autobiographischem Roman Другие берега hin – das übernommene Motiv der Spirale verbindet sich bei Kibirov mit dem Gedanken eines durch die Tochter ermöglichten Aufstiegs, ein Überwinden der besorgniserregenden Realität.876 Relevanter für die hier interessierende Fragestellung sind jedoch zwei andere Anspielungen. Sonett 16 bezieht sich auf Nabokovs Kritik an Freuds Psychoanalyse. Bei Kibirov heißt es:

        Предвижу все. Набоковский фрейдист

        хихикает, ручонки потирает,

        почесывает пах и приступает

        к анализу. […]

Tatsächlich werden in Nabokovs Другие берега die Erinnerungen an die eigene Kindheit gegen freudianische Interpretationen in Schutz genommen.877 Weiterhin polemisierte Nabokovs Artikel Что всякий должен знать? (1931)878 gegen den Anspruch der Psychoanalyse, alle Gedanken und Handlungen des Menschen durch ein Set von Komplexen zu erklären. Kibirov bezieht sich also auf Nabokov als Gewährsmann für eine unschuldige Wahrnehmung von Kindheit und der Eltern-Kind-Beziehungen.

Allerdings steht der Name Nabokov auch für seinen Skandalroman Lolita, in dem die Liebe zum Kind pädophile Züge annimmt (und in den Zuständigkeitsbereich der Psychoanalyse hineingerät). Auf einer anderen Deutungsebene lässt sich Lolita als zeitgenössische Version der vergeblichen Suche nach der „Schönen Dame“ lesen,879 im Roman selbst wird in diesem Zusammenhang u. a. auf ← 266 | 267 → Dante und Petrarca Bezug genommen.880 In der Rückprojektion auf Kibirovs Sonette stellt sich dabei die Frage, ob die Suche seines Sprechers nach dem Absoluten und dem Lebenssinn in der Tochter nicht ebenso problematisch ist wie das Verlangen von Nabokovs Humbert Humbert nach kindlicher Reinheit. Ist eine Enttäuschung der mit der Tochter verknüpften (literarischen) Absichten abzusehen? Auch Kibirovs Poem Солнцедар ließ den Versuch scheitern, die Vergeistigung der Frau à la Blok im realen Leben zu verwirklichen.

Eine zweite Verbindung mit Nabokov stellt Sonett 17 durch die Erwähnung des Kinderbuchklassikers Alice in Wonderland von Lewis Carroll her, den Nabokov im Jahr 1923 übersetzte. Dass diese Übertragung gemeint ist, verrät der Name der Figur – Nabokov russifizierte Alice zu Anja.881 Kibirovs Sprecher überlegt, in welche literarische Tradition die Figur der Tochter einzuordnen sei. Er entscheidet sich gegen die erwachsenen Musen von Dante, Shakespeare, Blok, Deržavin und wählt das Kind Alice / Anja als intertextuellen Bezugspunkt:

        А впрочем, нет, сокровище мое!

        Боюсь, что это вздорное бабье

        тебя дурному, доченька, научит.

        Не лучше ли волшебное питье

        с Алисой (Аней) выпить? У нее

        тебе, по крайней мере, не наскучит.

Einerseits vollzieht sich also eine Abgrenzung der Vater-Tochter-Beziehung gegen pädophilie Konnotationen, denn in den Alice-Büchern gibt es in der Tat kein derartiges Sujet. Andererseits ist der Verweis bei genauerer Überlegung gerade nicht dazu geeignet, sexuelle Assoziationen zu eliminieren.882 Um Lewis Carroll alias Charles Lutwidge Dodgson, den unverheirateten Oxforder Mathematikdozenten, der seine Freizeit am liebsten mit kleinen Mädchen verbrachte, rankten sich schon zu Lebzeiten Gerüchte.883 Eine psychoanalytische Lektüre ← 267 | 268 → der Alice-Bücher ist verbreitet.884 Insofern ist es nicht weit von der realen Alice Liddell zu Lolita. Carrolls Leben und Werk waren in der Tat eine Keimzelle für Nabokovs Roman, so erinnere beispielsweise der Doppelname Humbert Humbert an Carrolls Humpty Dumpty.885

Durch diese Intertextlinie wird Kibirovs literarisches Projekt, das Kind als geistige Grundlage des eigenen Schreibens zu feiern, also mit einer alternativen, potentiell kritischen Deutung durchwoben. Dabei geht es nicht darum, die Liebe zum Kind als sexuelles Verlangen zu kennzeichnen, sondern die subversiven Kontexte bringen auf einer abstrakten Ebene eine kritische Lesart ein, die auf die Instrumentalisierung des Kindes für die eigenen literarischen Projekte hinweist und ein mögliches Scheitern der an die Figur der Tochter gebundenen Ambitionen einbezieht. Obwohl Двадцать сонетов к Саше Запоевой als neosentimentalistische Antwort auf den postmodernen Sonettzyklus Iosif Brodskijs gedacht ist und explizit gegen Sorokin sowie verschiedene Momente der zeitgenössischen Postmoderne (die „banalisierte“ Ästhetik des Hässlichen, den moralischen Relativismus) polemisiert, ist im Zyklus dennoch ein zentrales Charakteristikum postmoderner Texte vorhanden: die zumindest teilweise Relativierung ideologischer Positionen und die Ironisierung der eigenen Aussagen. In dieser Hinsicht kann man Brodskijs Sonette, die zugleich ernst und ironischdistanziert über Liebe und Schmerz sprechen, durchaus auch als positives Vorbild für Kibirovs Stilistik sehen.886 Dieses Paradoxon der Ablehnung trotz Nachfolge vermerkt auch der Literaturkritiker Vjačeslav Kuricyn, der maßgeblich an der Etablierung und Beschreibung einer russischen postmodernen Literatur beteiligt war. Er kritisiert, dass Kibirov gegen das polemisiere, was seinen eigenen Text nähre, und führt als Beispiel die seiner Meinung nach vom Autor quasi als Köder ausgelegten Alice / Lolita-Bezüge an.887 ← 268 | 269 →

6.4.     KAPITELRESÜMEE

Die Bücher Послание Ленке и другие сочинения und Парафразис führen die Leserschaft in einer vom Zusammenbruch der UdSSR geprägten, unruhigen Zeit in alternative literarische Welten. In einem ruralen idyllischen Chronotop, das Topoi des 18. / 19. und Realien des 20. Jahrhunderts mischt, entfaltet sich die 1989 im Werk proklamierte „spießbürgerliche“ Thematik in intertextuellen Dialogen. Dabei dienen insbesondere Puškin und Deržavin als Rollenmodelle.

Aus Puškins vielgestaltigem Werk werden konservative Facetten ausgewählt, in dem Versbrief Игорю Померанцеву. Летние размышления о судьбах изящной словесности (Парафразис) z. B. das Gedicht Андре Шенье, das einem der Französischen Revolution zum Opfer gefallenen Dichter ein literarisches Denkmal setzte. Ebenfalls mit Puškin (und überraschenderweise: Lermontov) sind die Lösungen verbunden, die am Ende der Epistel an Gandlevskij und Pomerancev den Platz des Dichters in der neuen Zeit festlegen, nämlich den Rückzug aus dem öffentlichen Raum in private Welten. Das Buch Послание Ленке и другие сочинения bezieht sich über die Mottos systematisch auf Prosaexte aus Puškins letztem Lebensjahrzehnt. Gleich drei der Epigraphe stammen aus dem Historienroman Капитанская дочка, der für Kibirov einen Schlüsseltext darstellt. Der von Puškin thematisierte Pugačev-Aufstand dient dabei als Analogon des sich in den 1990ern vollziehenden Systemwechsels. In Puškins Protagonisten Petr und Maša spiegelt sich Kibirovs Ehepaar aus dem mit autobiographischen Attributen ausgestatteten und in der 1. Person Singular agierenden Sprecher und Lena, das dem Ansturm der destruktiven „romantischen“ Kräfte Widerstand leistet. Die Einordnung Puškins als Gegner des Romantischen sowie Ehe und Familie als zentrale Themen finden sich ähnlich in Lotmans Puškin-Biographie. Neben diesen „Spießer-“ Komponenten gehört zu Kibirovs Puškin-Bild aber auch die Facette des ironisch-spielerischen Genies.

Die Konzeptualisierung von Deržavin, der in den graphischen Illustrationen von Aleksandr Florenskij zu Kibirov transformiert, geht in eine ähnliche Richtung. Zentral ist der Zyklus Памяти Державина im Buch Парафразис, der an Deržavins philosophische Naturdichtung anknüpft und in dem 2014 publizierten Zyklus Пейзажная лирика eine späte Fortsetzung fand. Ein Gedicht aus Памяти Державина, in dem eine engere intertextuelle Bindung an Deržavins Texte vorliegt, ist das titelgebende Парафразис, das eine optimistische Weltsicht und ein entsprechendes poetisches Programm entwickelt. Kibirovs Dialog mit Deržavin vollzieht sich in Памяти Державина allerdings weniger auf der Ebene von konkreten Zitaten, sondern betrifft die allgemeine Thematik der Gedichte. Dabei sind v. a. die noch im Klassizismus verankerten „überindividuellen“ Momente von Deržavins Poetik relevant.

Kibirovs Montage История села Перхурова ruft Deržavins Chronotop des idyllischen Dorflebens im Kreis der Familie auf, das als Vorlage des eigenen ← 269 | 270 → ruralen Settings genutzt wird. Komplexer ist Kibirovs Молитва, das auf dem Motiv der Mücke aus Deržavins ironisch-komischem Gedicht Похвала комару aufbaut. Wie dort und wie in Deržavins Ode Фелица werden einem ernsten, hohen Thema alltägliche sowie ironisch-komische Komponenten beigemischt. Kibirov kombiniert die Mücke mit religiösen Topoi und baut eine Analogie zwischen Insekt und Dichter auf, die als Selbstbeschreibung des eigenen Werks fungiert – mit dem Gedicht Молитва schließt z. B. auch der Band Греко- и римско-кафолические песенки и потешки, in dem der Autor 2009 alte und neue Texte zum Thema ‚Religion‘ neu zusammenstellte. Zwar sind die intertextuellen Bezüge insgesamt weniger zahlreich als die Puškin-Referenzen, dennoch ist die Konzeptualisierung von Deržavin als Rollenvorbild schlüssig.

Das in den Büchern Послание Ленке и другие сочинения und Парафразис umgesetzte „spießbürgerliche“ Plädoyer ist in den Texten aus der Lebenssituation des Sprechers motiviert, die bewusst mit der Biographie des Autors verknüpft wird. Ehefrau „Len(k)a“ und Tochter „Saša“ sind zentrale Protagonistinnen der Texte und motivieren die vom Sprecher vorgelebte Lebenshaltung. Mit Lena verbandt sich die Abwendung vom „Romantischen“ (vgl. Kap. 5.3.1). An Saša macht die Auseinandersetzung mit Aspekten der Postmoderne in Двадцать сонетов к Саше Запоевой fest. Der Zyklus setzt sich mit Iosif Brodskijs Двадцать сонетов к Марии Стюарт auseinander und entwickelt entgegengesetzte Positionen. In Opposition zu Brodskij strebt Kibirov nach Konkretheit und Realitätsbezug. Ziel ist die emotionale Einwirkung auf die Leserschaft und ein poetisches Beschreiben des – positiv verstandenen – Banalen. Man kann hier von einer neosentimentalischen Ausrichtung sprechen, die passend am Sujet der erfüllten Vaterliebe festmacht. Was die Intertextualität betrifft, findet sich anders als bei Brodskij keine Dekonstruktion der klassischen Texte, sondern eine Übertragung auf die eigene Erfahrungswelt: Analog zu Dantes Beatrice stellt bei Kibirov die Tochter den Kontakt zu einem absoluten Ideal her, woraus sich die Abgrenzung zu (post)modernen Phänomenen wie der Ästhetik des Hässlichen oder der Relativierung aller Werte ableitet.

Andererseits weist Kibirovs Polemik gegen die Postmoderne durchaus postmoderne Charakteristika auf. Auch der Sonettzyklus beinhaltet selbstironische Tendenzen, die die geäußerten Positionen in Frage stellen. Störende Implikationen haben v. a. die Bezüge auf Nabokov. Neben der affirmativen intertextuellen Referenz auf Nabokovs Polemik gegen jegliche „freudianische“ Interpretationen steht die konfrontative Verbindung zu seinem Roman Lolita sowie Lewis Carrolls Alice-Büchern. Diese Pädophilie-Konnotationen stellen auf einer MetaEbene Kibirovs Erhebung der Tochter zur Erlöserfigur in Frage. Mit der Distanzierung von „der Postmoderne“, die in der Sprache der Postmoderne erfolgt, und der Einführung der Kinder-Thematik sind im Zyklus Двадцать сонетов к Саше Запоевой zwei zentrale thematischen Linien vorhanden, die das Werk in den folgenden Jahren prägen werden. ← 270 | 271 →


697 Thesen aus Kap. 6.1 und 6.2 finden sich in: Рутц, Марион: Пушкин и Державин как источники положительного образа семейного быта в поэзии Тимура Кибирова. // Graf, Alexander (Hg.): Poetik des Alltags. Russische Literatur im 18.–21. Jahrhundert. München: Herbert Utz 2014. 323–333. Alle Links in diesem Kapitel wurden am 30.05.2015 überprüft.

698 Зубова, Людмила: Деконструированный Пушкин.

699 Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 328–332; Кибиров, Тимур: Парафразис, 47–49.

700 Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 107–109.

701 Neben den im Forschungsüberblick (S. 11, Fn.41) verzeichneten Arbeiten zur Rezeption Puškins in der Gegenwartsdichtung (Severskaja, Zubova, Skvorcov) und zu einzelnen Texten Kibirovs mit Puškinbezug (zu Сортиры: Wachtel, Šapir, Gumennaja; zum Versbrief an Gandlevskij: Platt) ist das Wörterbuch Мокиенко, В. М.; Сидоренко, К. П.: Школьный словарь крылатых выражений Александра Пушкина. СПб.: Нева 2005 [via Google Books] zu erwähnen, das auch Zitate aus Kibirov Texten verzeichnet. Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 68–81 (Kap. 2.1: Авторитеты: Т. Кибиров и А. С. Пушкин) strebt eine Gesamtdarstellung an. Die Analysen der intertextuellen Bezüge auf Puškin und ihrer Funktionalität in einzelnen Gedichten bzw. Werkperioden sind allerdings über verschiedene Kapitel verteilt und werden nicht zusammengeführt. Anders als in vorliegender Arbeit werden z. B. die Versbriefe an Gandlevskij und Pomerancev (106–116) sowie das Thema мещанство (50–56) getrennt von den PuškinBezügen behandelt.

Zum Dialog mit Deržavin gibt es an Sekundärliteratur nur eine Rezension, die Lektüreeindrücke zu zwei zufälligerweise gleichzeitig publizierten Büchern (Kibirovs Сантименты. Восемь книг und eine Ausgabe von Deržavins Духовные оды von 1993) notiert und vor dem Erscheinen von Парафразис entstand: Фаликов, Илья: Глагол времен. Г. Державин и Т. Кибиров: опыт параллельного прочтения. // ЛГ 19.10.1994. 4.

702 Зубова, Людмила: Деконструированный Пушкин: „Без преувеличения можно сказать, что Пушкин – центральный персонаж постмодернистской поэзии и постоянный объект деконструкции.“

703 Ebd.: „Многое в постмодернизме оказалось настолько созвучно личности и поэтике Пушкина и поэтов пушкинского круга, что постмодернизм можно считать развитием и нередко доведением до предела того, что заложено (или освоено) Пушкиным.“ Es folgt eine Aufzählung der Gemeinsamkeiten.

704 Скворцов, А. Э.: Восприятие и интерпретация творчества Пушкина в современной российской поэзии 1980–1990-х гг., 96–97.

705 Кибиров, Тимур: Три поэмы, 20–21; 41–42; 53–54.

706 Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 343–378.

707 Textgrundlage ist Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 255–260 bzw. Кибиров, Тимур: Парафразис, 6–13.

708 Ерофеев, Виктор: Русские цветы зла [1993]: „Другая литература училась у странной (с точки зрения русского интеллигентного сознания) смеси учителей: Гоголя и маркиза де Сада, декадентов начала века и сюрреалистов, мистиков и группы «Битлз», Андрея Платонова и Леонида Добычина, Набокова и Борхеса.“ Noch in der Ära Brežnev entstand sein Aufsatz Ерофеев, Вик.: Метаморфоза одной литературной репутации. Маркиз де Сад, садизм и ХХ век. // ВЛ (1973) 6. 135–168.

709 Puškins К морю: „Там он [= Napoleon; M. R.] почил среди мучений. / И вслед за ним, как бури шум, / Другой от нас умчался гений [= Byron; M. R.], / другой властитель наших дум“. (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 2,1. 331–333. 332). Das Kibirov-Zitat ist verzeichnet in: Мокиенко, В. М.; Сидоренко, К. П.: Школьный словарь крылатых выражений Александра Пушкина, 89.

710 Puškins Exegi monumentum bzw. „Я памятник себе воздвиг нерукотворный…“ (1836): „Вознесся выше он главою непокорной / Александрийского столпа.“ (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 3,1. 424).

711 Deržavins Gedicht Памятник (1795): „Металлов тверже он и выше пирамид“ (Державин, Г. Р.: Стихотворения [1957], 233).

712 Puškins Dialog Разговор книгопродавца с поэтом (1824), es spricht der Buchhändler: „Наш век – торгаш; в сей век железный / Без денег и свободы нет.“ (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 2,1. 324–330. 329.). Verzeichnet in: Мокиенко, В. М.; Сидоренко, К. П.: Школьный словарь крылатых выражений Александра Пушкина, 76, 387. CКВ: „свободно конвертируемая валюта“ (Словарь сокращений, http://www.sokr.ru/), d. h. Dollar.

713 Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 2,1. 397–403. Kurz zu dieser Referenz auf Puškin bzw. Chénier: Северская, О. И.: Пушкин и его читатель, 271.

714 Рак, В. Д.: Шенье. // Пушкин и мировая литература. Материалы к «Пушкинской энциклопедии». Отв. ред.: В. Д. Рак. СПб.: Наука 2004 (Пушкин. Исследования и материалы; 18–19). 384–388.

715 Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 326–327; ebenfalls Кибиров, Тимур: Календарь, 61 (hier datiert auf 1983).

716 Puškins Gedicht К Чедаеву [sic!] (1818): „Но в нас горит еще желанье, / Под гнетом власти роковой / Нетерпеливою душой / Отчизны внемлем призыванье.“ (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 2,1. 72). Verzeichnet in: Мокиенко, В. М.; Сидоренко, К. П.: Школьный словарь крылатых выражений Александра Пушкина, 491–492.

717 Puškins Gedicht Чедаеву (1821): „Владею днем моим; с порядком дружен ум; / Учусь удерживать вниманье долгих дум; / Ищу вознаградить в объятиях свободы / Мятежной младостью утраченные годы / И в просвещении стать с веком наровне [sic!].“ (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 2, 1. 187–189. 187). Verzeichnet in: Мокиенко, В. М.; Сидоренко, К. П.: Школьный словарь крылатых выражений Александра Пушкина, 66.

718 Während im griechischen Mythos der Sänger Arion von räuberischen Seeleuten über Bord geworfen wird, ist Puškins Arion der einzige Überlebende einer Schiffskatastrophe. Man liest den Text als Reflexion über Puškins Situation ein Jahr nach der Niederschlagung des Dekabristenaufstands, siehe Tomaševskijs Kommentar in Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений. В 10 т. Л.: Наука 1977–1979. Т. 3. 435 [via Фундаментальная электронная библиотека: http://feb-web.ru/feb/pushkin/texts/push10/v03/d03-015.htm]. Ausführlicher Schneider, Helmut: Ovids Fortleben bei Puschkin. Köln [Typoskript] 2005. 79–94 („Arion“. Rettung durch die Kunst), insbesondere 81–82.

719 Platt, Kevin M. F.: History in a Grotesque Key, 177–178 sieht hier eine ironische Dimension des Textes, da die vorgebliche Abwendung von der zeitgenössischen Kultur durch die Bilder der Badenden subvertiert werde, die aus der Reklame stammen könnten. Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 115 meint, dass der Dichter die Vorstellung einer spezifischen Berufung aufgebe und sich dem Volk annähere.

720 Puškins Gedicht Арион: „Лишь я, таинственный певец, / На берег выброшен грозою, / Я гимны прежние пою / И ризу влажную мою / Сушу на солнце под скалою.“ (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 3,1. 58.) Die Arion-Referenz auch bei Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 115; 71.

721 Puškins Gedicht „Пора, мой друг, пopa! покоя сердце просит…“: „ На свете счастья нет, но есть покой и воля. / Давно завидная мечтается мне доля – / Давно, усталый раб, замыслил я побег / В обитель дальную трудов и чистых нег.“ (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 3,1. 330.) Verzeichnet in: Мокиенко, В. М.; Сидоренко, К. П.: Школьный словарь крылатых выражений Александра Пушкина, 499. Der Prätext scheint in zahlreichen Gedichten Kibirovs auf: „Попытка осиновый кол пронести в Мавзолей…“ (Общие места); Памяти Державина 17 (Парафразис); На полях «A Shropshire Lad» 36 und 62; „На девятом месяце Мария…“ (См. выше).

722 Lermontovs Gedicht „Выхожу один я на дорогу…“, Str. 3: „ Уж не жду от жизни ничего я, / И не жаль мне прошлого ничуть; / Я ищу свободы и покоя! / Я б хотел забыться и заснуть!“ (Лермонтов, М. Ю.: Полное собрание сочинений, т. 1. 93–94).

723 Puškins Exegi monumentum: „И долго буду тем любезен я народу, / […] Что в мой жестокий век восславил я Свободу / И милость к падшим призывал.“ (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 3,1. 424). Verzeichnet in: Мокиенко, В. М.; Сидоренко, К. П.: Школьный словарь крылатых выражений Александра Пушкина, 61.

724 Erneut Lermontovs Gedicht „Выхожу один я на дорогу…“, Str. 1: „Выхожу один я на дорогу; / Сквозь туман кремнистый путь блестит. / Ночь тиха. Пустыня внемлет богу, / И звезда с звездою говорит.“

725 Lermontovs Gedicht Из Гете (eine Nachdichtung von Ein Gleiches): „Подожди немного, / Отдохнешь и ты.“ (Лермонтов, М. Ю.: Полное собрание сочинений, т. 1. 60.)

726 Die gleichen Motive (Lermontovs Weg im Mondlicht, Goethes Warten auf Ruhe, Puškins Sehnsucht nach Freiheit und Ruhe) wiederholen sich in На полях «A Shropshire Lad» 36 (Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad», 105).

727 Vgl. Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 75–76.

728 Es handelt sich wohl um eine Intertext-Überlagerung. Das Lexem findet sich z. B. in Cvetaevas Gedicht Петр и Пушкин (1931) – „Уж он бы вертлявого – в струнку / Не стал бы!“ (Цветаева, Марина: Собрание сочинений. В 7 т. М.: Эллис Лак 1994–1995. Т. 2. 283–285. 284) oder in Tynjanovs Puškin-Biographie: „Пушкин, дичок, вертлявый, быстрый, так смирел при ее [Karamzins Ehefrau] приближении“ (Тынянов, Юрий: Пушкин. М.: Правда 1981. 505: III,14). Am wichtigsten ist wohl die Präsenz bei Sinjavskij, siehe Терц, Абрам Прогулки с Пушкиным. Париж: Синтаксис 1989 [Digitalisat via „Im Werden”, http://vtoraya-literatura.com/pdf/terz_progulki_s_pushkinym_1989_text.pdf; 07.02.2018]. 9 sowie 143: „Останутся вертлявость и какая-то всепроникаемость Пушкина […]“; „Куда подевались такие привычные нам гримасы, вертлявость, болтовня, куда исчезло все пушкинское в этой фигуре, которую и личностью не назовешь, настолько личность растоптана в ней вместе со всем человеческим?“

729 Ожегов, С. И.; Шведова, Н. Ю.: Толковый словарь русского языка, 692 (сад).

730 Ebenfalls zitiert in: Скворцов, А. Э.: Восприятие и интерпретация творчества Пушкина в современной российской поэзии 1980–1990-х гг., 99 (ohne Aufschlüsselung der idiomatischen Wendung); Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 109–110.

731 Лотман, Ю. М.: «Смесь обезьяны с тигром». // Лотман, Ю. М.: Пушкин. СПб.: Искусство – СПб. 2009. 329–332.

732 Зубова, Людмила: Деконструированный Пушкин: „Новая культурная ситуация приспосабливает Пушкина к своим потребностям. И есть потребность воспринимать его живым, удивляющим, дерзким.“

733 Eine Klassifizierung von Funktionen und Formen des Mottos im Gedicht bietet Кузьмина, Н. А.: Интертекст и его роль в процессах эволюции поэтического языка, 143–162 (Эпиграф в стихотворном произведении), insbesondere 148–150.

734 Кибиров, Тимур: Послание Ленке и другие сочинения. // Синтаксис (1990) 29. 183–207. Die abgedruckte Zeichnung auf S. 183.

735 Гарбиадзе, Резо: Пушкин за границей. Вып. 1: Пушкин в Испании. Париж: Синтаксис [1989] [Digitalisat via „Im Werden“, http://vtoraya-literatura.com/publ_681.html; 07.03.2018].

736 Габриадзе, Резо (рис.); Битов, А. (текст): Трудолюбивый Пушкин. М.: Аюрведа 1991; Битов, Андрей: Вычитание зайца. Рисунки Резо Габриадзе. М.: Олимп; ППП; БаГаЖ 1993; Битов, Андрей: Воспоминание о Пушкине. Рисунки Резо Габриадзе. М.: Изд. Ольги Морозовой; Новая газета 2005; Битов, Андрей; Габриадзе, Резо: Метаморфоза. СПб.: Амфора 2008.

737 Woher genau die Zeichnungen stammen und ob sie ursprünglich einen der gemeinsam mit Bitov gestalteten Bände begleiteten, ließ sich anhand der genannten Bücher nicht feststellen. Die einzige Ausnahme ist die Graphik auf S. 205 der Gedichtauswahl. Sie findet sich in Битов, Андрей: Воспоминание о Пушкине, 117 sowie Битов, Андрей; Габриадзе, Резо: Метаморфоза, 61. Auch Gabriadze selbst konnte in dieser Frage nicht weiterhelfen – und schickte per Mail drei neue Puskin-Skizzen.

738 Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 74. Textgrundlage für das Buch als Ganzes ist im Folgenden Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 295–341.

739 Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 73–74. Zu der von ihm genannten Ausnahme – einem Motto aus einem Puškin-Gedicht in Платонизм (Кибиров, Тимур: Amour, exil… Книга стихотворений. СПб.: Пушкинский фонд 2000. 55) – sind inzwischen weitere dazukommen: „В одно ухо мне Эрос орет…“ und К вопросу о единстве формы и содержания (Кибиров, Тимур: Кара-барас [2006], 11–12; 14–15).

740 Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений, т. 8,1. 391–397. 396. Vgl. Platt, Kevin M. F.: History in a Grotesque Key, 172.

741 Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений, т. 8,1. 43–56. 46.

742 Eine weitere Parallele besteht darin, dass sich wie bei Puškin (ebd., 50) Kibirovs Erzähler über den Autor äußert und diesen in die erzählte Welt hineinversetzt (Metalepse): „Вот барон Брамбеус / в девятом нумере [sic!] отделывает – как / то бишь его? – Кибиров (очевидно, / из инородцев). Так и прописал – / мол, господин Кибиров живописец / пошлейшей тривиальности, а также / он не в ладах с грамматикой российской / и здравым смыслом…“

743 Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений, т. 12. 157–158. Ebenfalls aus den TableTalks (Nr. X) stammt das Motto zu Сортиры (Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 345).

744 Rogačeva, N. A.: Kibirov, Timur Jur’evič. Variacii, 546–547 liest den Zyklus als Gattungsgeschichte der Elegie und meint, dass sich in der Wahl des Mottos eine Abrechnung mit verbrauchten klassizistischen Gattungen ankündige, die ihren Platz den sentimentalistischen und romantischen Innovationen räumten.

745 Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений, т. 8,1. 125–140. 129–130.

746 Резник, Ольга: Тимур Кибиров – «Жизнь нелегка, но надо стараться не забывать, что она – чудо».

747 So die Interpretation in Ebbinghaus, Andreas: Puškin und Rußland. Zur künstlerischen Biographie des Dichters. Wiesbaden: Harrassowitz 2004. 433–512.

748 Державин, Г. Р.: Записки из известных всем происшествиев и подлинных дел, заключающие в себе жизнь Гаврилы Романовича Державина. // Державин, Г. Р.: Сочинения. Л.: Художественная литература 1987. 275–402. 311. Vgl. Levitsky, Alexander: Gavriil Romanovich Derzhavin. In: Levitt, Marcus C. (ed.): Early Modern Russian Writers. Late Seventeenth and Eighteenth Centuries. Detroit et al.: Gale 1995. 70–83. 74.

749 Кибиров, Тимур: Нотации, 35.

750 Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 297–304. 297. Das Zitat stammt aus dem sog. „Ausgelassenen Kapitel“ (Пропущенная глава): Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений, т. 8,1. 277–384. 375–384, Zitat: 383. Vgl. Мокиенко, В. М.; Сидоренко, К. П.: Школьный словарь крылатых выражений Александра Пушкина, 32; 558 und Platt, Kevin M. F.: History in a Grotesque Key, 172–173.

751 Кибиров, Тимур: Улица Островитянова, 19.

752 На полях «A Shropshire Lad» 28, Abschn. 4: „Это, по-моему, сведение счетов, / Чтение с отвращением печальных строк, / Не смываемых слезами, / Лаконическое указание на то, / Что кичливый галльский цинизм / Также бессмыслен и беспощаден.“ (Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad», 85–87, Zitat: 85.) Weitere Referenzen finden sich im Buch Парафразис: Im Gedicht Исторический романс fügt sich in der letzten Strophe eine Referenz auf Капитанская дочка in das historische Setting ein (Кибиров, Тимур: Парафразис, 26–27); in История села Перхурова spielt die Trojka-Szene auf Petrušas Begegnung mit Pugačev im Schneesturm an (ebd., 73–92. 81–82).

753 Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений, т. 8,1. 297.

754 Diese Symboltiere der Romantik stammen aus Gor’kijs Prosaminiaturen Песня о Соколе und Песня о буревестнике sowie aus Čechovs Drama Чайка.

755 Кибиров, Тимур: Послание Ленке и другие сочинения, 317–321. 317.

756 Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений, т. 8,1. 382.

757 Кибиров, Тимур: Послание Ленке и другие сочинения, 315.

758 Кибиров, Тимур: Парафразис, 52–53. Dieses Beispiel auch bei Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 60–66 («Детскость» в поэтике и в мироощущении Т. Кибирова). 65.

759 Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 8,1. 376.

760 Кибиров, Тимур: Послание Ленке и другие сочинения, 328–332. 328.

761 Кибиров, Тимур: Послание Ленке и другие сочинения, 321.

762 Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 6. 56. Beispiel nach: Keil, Rolf-Dietrich: Alexander Puschkin und die Romantik in Russland. In: Ders.: Puškinund Gogol’-Studien. Köln; Weimar; Wien: Böhlau 2011. 203–215 [via Google Books]. 208.

763 Кибиров, Тимур: Послание Ленке и другие сочинения, 318–319.

764 Кибиров, Тимур: Парафразис, 101. In Puškins Gedicht Моя родословная heißt es: „Не офицер я, не асессор, / Я по кресту не дворянин, / Не академик, не профессор; / Я просто русской мещанин.“ (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 3,1. 261–263, Zitat: 261.) Vgl. Скворцов, А. Э.: Восприятие и интерпретация творчества Пушкина в современной российской поэзии 1980–1990-х гг., 100; Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 52–53.

765 Textgrundlage ist im Folgenden die Ausgabe Лотман, Ю. М.: Пушкин. Биография писателя. // Лотман, Ю. М.: Пушкин. СПб.: Искусство – СПб. 2009. 21–184.

766 So Bethea, David M.; Davydov, Sergei: Pushkin’s Biography. In: Bethea, David (ed.): The Pushkin Handbook. Madison (WI): University of Wisconsin Press 2005. 3–24. 4.

767 Лотман, Ю. М.: Пушкин. Биография писателя, 44–45.

768 Ebd., 100.

769 Лотман, Ю. М.: Пушкин. Биография писателя, 128.

770 Ebd., 127.

771 Ebd., 152–153.

772 Кибиров, Тимур: Парафразис, 37–45, Zitat: 41. Zur durch die Schule vermittelten Abneigung gegenüber Puškin und der Neu-Lektüre des Klassikers mit Mitte zwanzig siehe das Interview Куллэ, Виктор: «Я не вещаю, я болтаю…», 10.

773 Кибиров, Тимур: Памяти Державина. Стихотворения 1984–1994. СПб.: Искусство СПб 1998. Neben einer kleinen Auswahl aus früheren Büchern v. a. Texte aus Парафразис.

774 Z. B. in: Благой, Д. Д.: Державин. // История русской литературы. В 10 т. М.; Л.: Издво АН СССР 1941–1956, т. IV,2. 383–429. 395, http://feb-web.ru/feb/irl/il0/il4/il43832.htm.

775 Русская литература XVIII века, 558–585 sowie die Einleitung Макогоненко, Г.: Пути литературы века, 34–37.

776 Благой, Д. Д.: Гаврила Романович Державин. // Державин, Г. Р.: Стихотворения. Л.: Советский писатель 1957. 5–74.

777 Ходасевич, Владислав: Державин. Париж: Изд-во «Современныя записки» 1931 [via http://imwerden.de/pdf/khodasevich_derzhavin_1931_text.pdf]. Chodasevič emigrierte 1922.

778 Nach den Anmerkungen in Ходасевич, Владислав: Державин. СПб.: Вита Нова 2011. 496 erschienen 1987 Ausschnitte in Nauka i žizn’, 1988 der komplette Text in der Literaturzeitschrift Neva und als Buch.

779 In Памяти Державинаm 3: „Осы с мухами кружатся над столом. / Владислав Фелицианович, ну правда же, / ну ей-богу же, вторая соколом!“ (Кибиров, Тимур: Парафразис, 17–18, Zitat: 18.)

780 Textgrundlage ist Кибиров, Тимур: Парафразис, 14–36 (Ged. 1–17); 46–55 (Ged. 18–25).

781 Макогоненко, Г.: Пути литературы века, 36; Благой, Д. Д: Гаврила Романович Державин [1957], 22–23.

782 Die Datierung folgt: Кибиров, Тимур: Парафразис (in den späteren Gesamtausgaben fehlt die Datierung von Солнцедар): I: Игорю Померанцеву. Летние размышления о судьбах изящной словесности (лето – осень 1992 ); II: Из цикла «Памяти Державина» (1993–1996 ); III: Солнцедар (1994 ); IV: Из цикла «Памяти Державина» (1993–1996 ); V: Молитва (лето 1993); VI: Колыбельная для Лены Борисовой (июль 1993 ); VII: Двадцать сонетов к Саше Запоевой (январь – май 1995 ); VIII: История села Перхурова (1994–1996 ); IX: Возвращение из Шилькова в Коньково (1993–1996 ).

783 Die Daten der Niederschrift sind am Ende der Gedichte vermerkt, allerdings fehlen in den Vremja-Gesamtausgaben einige Datierungen. In mehreren Fällen weichen die Jahreszahlen gegenüber der Ausgabe Кибиров, Тимур: Парафразис ab.

784 Кибиров, Тимур: См. выше, 7–34.

785 Hier klingt in Ged. [6] im ersten Vers „Друг роскоши, прохлад и нег“ (Кибиров, Тимур: См. выше, 14) ein Zitat aus Deržavins Gedicht На смерть князя Мещерского mit: „Сын роскоши, прохлад и нег, / Куда, Мещерской! ты сокрылся?“ (Державин, Г. Р.: Стихотворения [1957], 85–87, Zitat: 86).

786 Ефремова, Т. Ф.: Современный толковый словарь русского языка. В 3 т. М.: Астрель; АСТ 2006. Т. 2. 593 (парафразис). Zitiert wird im Weiteren nach Кибиров, Тимур: Парафразис, 14–16.

787 Z. B.: К первому соседу (1780), Видение мурзы (1783–1784), На коварство французского возмущения и в честь князя Пожарского (1789, 1790), Любителю художеств (1791), Памятник герою (1791), Водопад (1791–1794), Вельможа (1794), На рождение царицы Гремиславы (1796), Похвала сельской жизни (1798), Евгению. Жизнь Званская (1807).

788 Deržavins Gedicht Похвала сельской жизни: „Блажен! – кто, удалясь от дел, / Подобно смертным первородным, / Орет отеческий удел / Не откупным трудом – свободным, / На собственных своих волах“ (Державин, Г. Р.: Стихотворения [1957], 270–272, Zitat: 270). Bei Horaz und Deržavin gibt es eine Pointe: Das Lob des Landlebens spricht ein Wucherer, der am Ende mit seinen Geschäften fortfährt.

789 Deržavins Евгению. Жизнь Званская: „Блажен, кто менее зависит от людей, / Свободен от долгов и от хлопот приказных, / Не ищет при дворе ни злата, ни честей / И чужд сует разнообразных!“ (Державин, Г. Р.: Стихотворения [1957], 326–334, Zitat 326).

790 Zitate nach der Synodalübersetzung: Библия. Книги Священного Писания Ветхого и Нового Завета. Канонические. В русском переводе с параллельными местами. Перепечатано с Синодального издания. М. [o. V., o. J.]. Teil NT, 4; 79.

791 Ebd., Teil NT, 15; vgl. die Parallelstelle Luk 10,23–24 „блаженны очи, видящие то, что вы видите!“ (77).

792 Державин, Г. Р.: Стихотворения [1957], 92.

793 23 Mal блажен / блажены, dazu 4 Mal die verwandten Abstrakta блаженство, благо.

794 So auch Мокиенко, В. М.; Сидоренко, К. П.: Школьный словарь крылатых выражений Александра Пушкина, 478–479.

795 Vgl. Благой, Д. Д.: Гаврила Романович Державин [1957], 54–57.

796 Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 297–304, Zitat: 304.

797 Сеславина, Елена: Тимур Кибиров – … И спокойно заниматься своим делом, 167–168.

798 Благой, Д. Д.: Гаврила Романович Державин [1957], 51–52; Макогоненко, Г.: Пути литературы века, 35 (hier findet sich das oben bezeichnete Paradoxon: „Поэзия Державина глубоко автобиографична. […] Державину чужд субъективизм.“).

799 Державин, Г. Р.: Стихотворения [1957], 207–208. Благой, Д. Д.: Гаврила Романович Державин [1957], 21 thematisiert die Verbindung von Persönlichem und Allgemein-Menschlichem am Beispiel der Ode На смерть князя Мещерского.

800 Кибиров, Тимур: Парафразис, 52–53.

801 Textgrundlage ist Кибиров, Тимур: Парафразис, 73–92.

802 Das Toponym Perchurovo findet sich in Abschn. 2 von Возвращение из Шилькова в Коньково (Кибиров, Тимур: Парафразис, 93–101. 93) und in Памяти Державина 5 (Кибиров, Тимур: Парафразис, 19–20. 19). Die topographischen Details lassen sich über Google Maps nachverfolgen.

803 Библиотека русского фольклора. Т. 1: Былины. Сост., вступ. статья, подг. текстов и комм. Ф. М. Селиванова. М.: Советская Россия 1988. 175–184.

804 Die Odenstrophen finden sich in Кибиров, Тимур: Парафразис, 75–77. Die ersten beiden Odenstrophen sind hier nicht durch Leerzeile unterteilt (anders Кибиров, Тимур: Стихи, 317–318) – wohl ein Fehler beim Setzen.

805 So Квятковский А.: Поэтический словарь, 178–179.

806 „Пиндар краев славянских“ (Odenstr. 2) spielt auf Sumarokovs Attribuierung von Lomonosov in Эпистола о стихотворстве an (vgl. Kap. 5.2.3, Seite 199). Ebd. finden sich auch die bei Kibirov (Odenstr. 6) in der Hausbibliothek vorhandenen Klassiker der antiken und französischen Literatur

807 Благой, Д. Д.: Гаврила Романович Державин [1957], 50–51.

808 На смерть князя Мещерского (1779), siehe Fn.785, S. 243.

809 На Новый год (1781/1782): „А если милой и приятной / Любим Пленирой я моей, / И в светской жизни коловратной / Имею искренних друзей, / Живу с моим соседом в мире, / Умею петь, играть на лире, – / То кто счастливее меня?“ (Державин, Г. Р.: Стихотворения, 93–94, Zitat: 93.)

810 Меркурию (1794): „Почто меня от Аполлона, / Меркурий! ты ведешь с собой; / Средь пышного торговли трона / Мне кажешь ворох золотой? / Сбирать, завидовать – из млада / Я не привык, и не хочу.“ (Державин, Г. Р.: Стихотворения [1957], 199–200).

811 Богине здравия (1795): „Здравья богиня благая, / Ввек ты со мною, Гигея, живи!“ (Державин, Г. Р.: Стихотворения [1957], 225).

812 Благой, Д. Д.: Гаврила Романович Державин [1957], 46–47.

813 Приглашение к обеду (1795): „Шекснинска стерлядь золотая, / Каймак и борщ уже стоят; / В крафинах вина, пунш, блистая / То льдом, то искрами, манят“ (Державин, Г. Р.: Стихотворения [1957], 223–225, Zitat: 223).

814 Евгению. Жизнь Званская (1807): „Багряна ветчина, зелены щи с желтком, / Румяно-желт пирог, сыр белый, раки красны, / Что смоль, янтарь – икра, и с голубым пером / Там щука пестрая: прекрасны!“ (Державин, Г. Р.: Стихотворения [1957], 326–334, Zitat: 329).

815 Кибиров, Тимур: Парафразис, 76 schreibt крафины, die Vremja-Ausgaben графины (z. B. Кибиров, Тимур: Стихи, 319).

816 Кружка (1777): „О сладкий дружества союз, / С гренками пивом пенна кружка!“ (Державин, Г. Р.: Стихотворения [1957], 81–82, Zitat: 82) und Похвала сельской жизни (1798): „Впрок пива русского варена, / С гренками коновка полна“ (270–272. 272).

817 Гостью (1795?): „Сядь, милый гость! здесь на пуховом / Диване мягком отдохни“ (Державин, Г. Р.: Стихотворения [1957], 228–229, Zitat: 228).

818 Textgrundlage ist Кибиров, Тимур: Парафразис, 56–58. Der Prätext nach Державин, Г. Р.: Стихотворения [1957], 334–341.

819 I: Игорю Померанцеву. Летние размышления о судьбах изящной словесности (Кибиров, Тимур: Парафразис, 6); II: Из цикла «Памяти Державина» 6 und 8 (ebd., 22); VIII: Истории села Перхурова (ebd., 74).

820 Благой, Д. Д.: Гаврила Романович Державин [1957], 25ff. spricht von einer Vermengung von Ode und Satire. Die Überschreitung von Gattungsund Stilgrenzen sei insgesamt typisch für Deržavin (63–64).

821 Zu den Umständen der Bekanntschaft siehe die Rezension Анпилов, Андрей: Гроза в Коньково. // НЛО (2006) 82. 406–414, insbesondere 406–407. Die Kontakte spiegeln sich auch im Werk, vgl. Kibirovs Gedichte Солнцедар (Парафразис), Умничание (Интимная лирика), Наркологическое (Улица Островитянова), „Против поэтов на этой странице..“, „Пастернак наделен вечным детством …“ (Нотации) sowie das Vorwort zum Buch На полях «A Shropshire Lad».

822 Кукин, Михаил: Коньковская школа. М.: Изд-во Н. Филимонова 2005; Гадаев, Константин: Опыт счастья. М.: Изд-во Н. Филимонова 2005; [Федоров, Игорь]: Стихи Игоря Федорова. М.: Изд-во Н. Филимонова 2005.

823 Die Ähnlichkeiten vermerkt auch Анпилов, Андрей: Гроза в Коньково, 407.

824 Im Interview Костюков, Леонид: Михаил Кукин – «Я не пишу, потому что оно молчит». // Полит.ру. «Нейтральная территория. Позиция 201», 17.03.2010, http://polit.ru/article/2010/03/17/nt201_kukin/ beschreibt Kukin die Bedeutung Kibirovs folgendermaßen: „А вот Кибиров как раз для меня был не просто еще одним хорошим поэтом, с которым меня столкнула жизнь, а он был именно еще одной дверью, то есть я увидел возможность писать по-другому абсолютно, чем писали все, кого я тогда видел, и как писал я сам. Это же было чудо какое-то – вне Бродского найти путь, писать при этом современно, умно, и при этом (что меня особенно подкупало и пленяло) совершенно очевидно, отчетливо, не скрывая этого, опираться на ту самую русскую классическую поэзию, на которую в ХХ веке опираться как бы было весьма сложно, потому что опыт больших поэтов ХХ века – во многом опыт преодоления того, что можно назвать классической русской поэзией XIX века… А Кибиров как бы ее возвращал.“

825 An ihn ist z. B. das Gedicht Черновик ответа Ю. Ф. Гуголеву (Кибиров, Тимур: Нотации, 56–68) gerichtet.

826 Abgedruckt in der Gedichtauswahl Кукин, Михаил: И не движется время. // Новый Мир (1994) 2, http://magazines.russ.ru/novyi_mi/1994/2/kukin.html.

827 Гадаев, Константин: Опыт счастья, 15.

828 Man findet die Gebete in der Gesamtausgabe Державин: Сочинения. С объяснительными примечаниями Я. Грота. В 9 т. СПб.: Типография Императорской академии наук 1864–1883 (pdfs via http://imwerden.de). Verzeichnisse der Titel stellt Викитека (http://ru.wikisource.org/: Гавриил Романович Державин) zu Verfügung.

829 Макогоненко, Г.: Пути литературы века, 35.

830 Кибиров, Тимур: Греко- и римско-кафолические песенки и потешки. М.: Время: 2009. 75–77.

831 Zu Возвращение из Шилькова в Коньково: Rutz, Marion: Zitate aus Kinderliteratur bei Timur Kibirov. Komplexe Argumente einer postmodernen Wertediskussion. In: ZfSlPh 71 (2015). 407–440. 414–423 bzw. Рутц, Марион: Детская литература в творчестве Тимура Кибирова: многоплановые аргументы постмодернистской дискуссии о ценностях (перевод: Алла Хольцманн). // Детские чтения 11 (2017). 214–243, http://www.detskiechtenia.ru/index.php/journal/article/view/261/240 [03.04.2018]. 220–227.

832 In diesem Punkt sind sich Rezensenten und Philologen einig: Курицын, Вячеслав: Чьи тексты чтит всяк сущий здесь славист? // ЛГ 08.11.1995. 4; Немзер, Андрей: Ты так играла эту роль! Тимур Кибиров. Двадцать сонетов к Саше Запоевой. «Знамя №9» [Rezension]. // Сегодня 15.11.1995. 10; Лекманов, Олег: Саша vs. Маша. 20 сонетов Тимура Кибирова и Иосифа Бродского. // ЛО (1998) 1. 35–36 [= // Лекманов, О. А.: Книга об акмеизме и другие работы. Томск: Водолей 2000. 362–364]; Федорова, Людмила: Суровый Дант и насмешливый Кибиров. Bagrecov behandelt die Sonette im Kapitel zur Evolution der Liebesthematik (Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 58–60). Sie markieren seiner Meinung nach den Moment, in dem die Erotik aus den Liebesgedichten verschwindet; an die Stelle der Geliebten trete die Ehefrau und dann die Tochter. Zum intertextuellen Dialog mit Brodskij vermerkt er, dass Brodskijs abstrakte Kibirovs lebendiger Liebe entgegengestellt werde.

833 Vgl. die Interviews von 2005 bzw. 2001: Шабурова, Мария: Выбор формы – уже цитата; [o. A.]; Интер(офф)вью 2: Тимур Кибиров.

834 [o. A.]: Интер(офф)вью 2: Тимур Кибиров. Zur „Gefährlichkeit“ Brodskijs vgl.: Андреева, Анна: Подражания и пародии на И. Бродского в современной литературе. Стиховедческий аспект. // Иосиф Бродский. Стратегии чтения. Ред. колл.: В. Полухина и др. М.: Изд-во Ипполитова 2005. 226–234, 233, Fn.2.

835 Лекманов, Олег: Саша vs. Маша, 35.

836 Скоропанова, И. С.: Русская постмодернистская литература, 183–191 widmet Brodskij ein Kapitel, welches Двадцать сонетов к Марии Стюарт behandelt. Лейдерман, Н. Л.; Липовецкий, М. Н.: Русская литература XX века, т. 2. 641–667 beendet mit Brodskij das Kapitel zum „Post-Realismus“, der durch die Synthese von postmodernen und realistischen (bei Brodskij: klassischen, modernen und postmodernen) Elementen die Grundlage für ein neues Schreiben lege. Zitiert wird u. a. Krivulin, der Brodskij den ersten Dichter der Postmoderne nannte (644). Von Brodskij als Übergang von Moderne zu Postmoderne spricht ebenfalls Житенев, А. А.: Анатомия переживания в лирике И. Бродского. От модернизма к постмодернизму. // Иосиф Бродский в XXI веке. Под ред. О. И. Глазуновой. СПб: Фил. фак. СПГУ 2010. 88–92.

837 Herlth, Jens: Ein Sänger gebrochener Linien. Iosif Brodskijs dichterische Selbstschöpfung. Köln; Weimar; Wien: Böhlau 2004 kommt an einigen Stellen auf Postmoderne-affine Aspekte zu sprechen (321–322; 377–378), nimmt jedoch insgesamt eine Abgrenzung vor (389–390; 392–393). Sein Beitrag Herlth, Jens: Iosif A. Brodskij [2008]. In: Arnold, Heinz-Ludwig (Hg.): Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur [Loseblatt-Ausgabe]. München: Ed. Text + Kritik 1983ff. 4 kommt ohne das Attribut „postmodern“ aus; ebenso Gillespie, Alyssa Dinega: Joseph Brodsky. In: Balina, Marina; Lipovetsky, Mark (eds.): Russian Writers since 1980. Detroit et al.: Thomson; Gale 2004. 17–39.

838 Лосев, Лев: Иосиф Бродский. Опыт литературной биографии. М.: Молодая гвардия 2006. 72–76 (Марина Басманова и «Новые стансы к Августе).

839 Textgrundlage ist Бродский, Иосиф: Сочинения Иосифа Бродского. В 7 т. Сост.: Г. Ф. Комаров. СПб.: Пушкинский фонд 1998–2001. Т. 3. 63–71.

840 Лосев, Лев: Иосиф Бродский, 73.

841 Die klassischen Stellen zitiert Бетеа, Дэвид М.: «To my daughter». // Как работает стихотворение Бродского. Из исследований славистов на Западе. Ред.-сост.: Л. В. Лосев и В. П. Полухина. М.: НЛО 2002. 231–249. 236–237.

842 Немзер, Андрей: Ты так играла эту роль! spricht von einem Ersetzen der entschwundenen realen Liebe durch die Kunst; Лекманов, Олег: Саша vs. Маша, 35 nennt die Adressatin „hypothetisch hoch 3“ („«Двадцать сонетов к Марии Стюарт» […] обращены не к адресату большинства стихотворений Бродского – М. Б., а к женщине, условной, если так можно выразиться, в кубе“).

843 Die Basmanova steht z. B. hinter der namenlosen Schönheit in Sonett 4, von der der Sprecher Maria Stuart berichtet: „Красавица, которую я позже / любил сильней, чем Босуэла – ты, / с тобой имела общие черты“.

844 Vgl. Meyer, Holt: „… двинешься с экрана / и оживишь, как статуя, сады…“ Beutefilm, Marmorstatue und Philologie des Spätstalinismus als mediale Ausgangspunkte von Iosif Brodskijs „Zwanzig Sonette an Maria Stuart“. In: Kliems, Alfrun; Raßloff, Ute; Zajac, Peter (Hgg.): Intermedialität. Lyrik des 20. Jahrhunderts in Ost-Mittel-Europa III. Berlin: Frank & Timme 2007. 155–200. 165; der Artikel enthält mehrere Bildausschnitte aus dem Film.

845 Данте: Новая жизнь. Перевод с итальянского Абрама Эфроса. М.: Художественная литература 1965. 36: „Но если задержусь я долго на чувствах и поступках столь юного возраста, то покажется мой рассказ вымышленным, потому я оставляю это […].“

846 Z. B. wird aus „Я вас любил так искренно, так нежно, / Как дай вам бог любимой быть другим“ (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 3,1. 188) bei Brodskij „Я вас любил так сильно, безнадежно, / как дай вам Бог другими – –– но не даст!“ (Hervorhebungen von mir; M. R.).

847 Жолковский, А. К.: «Я вас любил…» Бродского. // Жолковский, А. К.: «Блуждающие сны» и другие работы. М.: Наука 1994. 205–224. 206–207.

848 Жолковский, А. К.: «Я вас любил…» Бродского, 220: „В целом возникает образ какой-то необычайно мощной, животной и в то же время чисто условной и риторической страсти, которая чудом держится в пустоте“. Vgl. Немзер, Андрей: Ты так играла эту роль!.

849 Жолковский, А. К.: «Я вас любил…» Бродского, 207.

850 Interview Биркертс, Свен: Искусство поэзии [1982]. // Бродский, Иосиф. Книга интервью. Сост.: В. Полухина. Изд. 5-ое, испр. и доп. М.: Захаров 2010. 78–113. 85.

851 Interview Берч, Ева; Чин, Дэвид: Поэзия – лучшая школа неуверенности [1979]. // Бродский, Иосиф. Книга интервью, 59–77. 67: „Я полагаю, что в них обоих, особенно у Одена, меня привлекает своего рода драма, которая никогда не проявляет себя в драматической манере. Она проявляется, если проявляется, в стремлении избегать пафоса.“

852 Interview mit Jangfeldt: Янгфельдт, Бенгдт: Стихотворение – это фотография души [1987]. // Бродский, Иосиф. Книга интервью, 303–314, Zitat: 303. Begriffe wie отстранение oder отчуждение sind in den Interviews häufig.

853 Evtl. eine Spur von Brodskijs Suizidversuch, siehe Лосев, Лев: Иосиф Бродский, 72–73.

854 Rutten, Ellen: Strategic Sentiments. Pleas for a New Sincerity in Post-Soviet Literature, 202.

855 Лекманов, Олег: Саша vs. Маша, 35.

856 Панов, А.: Третий путь Т. Кибирова, 7.

857 Schon im Vorwort От автора in Кибиров, Тимур; Хабаров, Александр; Смык, Владимир; Росков, Александр: Общие места / Спаси меня / Встречи / Стихи из деревни, 5–6, 6.

858 Львова, Валентина: Тимур Кибиров – Я цитировал наши песни и описывал нравы казарм.

859 Лейдерман, Н. Л.; Липовецкий, М. Н.: Русская литература XX века, 449–450 bezeichnent dieses Sonett als gegen den Konzeptualismus gerichtetes Manifest. Textgrundlage ist im Weiteren Кибиров, Тимур: Парафразис, 63–72.

860 Der ebenfalls genannte persische Wissenschaftler, Philosoph und Dichter Omar Khayyām (1048–1131) passt nicht ganz in diese Reihe, obwohl er tatsächlich über den Weingenuss schrieb. Kritisch zu dieser Abwertung Sorokins mit Hinweis auf Kibirovs eigene Vorliebe für Toiletten (vgl. sein Poem Сортиры oder Sonett 19) äußert sich der damals sehr einflussreiche Literaturkritiker Курицын, Вячеслав: Чьи тексты чтит всяк сущий здесь славист?

861 Ш. [die Initiale wird nicht aufgelöst]: Шаликов (князь Петр Иванович). // Энциклопедический словарь. Издатели: Ф. А. Брокгауз, И. А. Эфрон. СПб.: БрокгаузЕфрон 1890–1907. Т. 77. 109–110, Zitat: 110: „Нѣтъ, кажется, ни одного писателя, дѣятельность котораго вызывала бы столько насмѣшекъ и эпиграммъ. Имя Ш. стало почти нарицательнымъ для обозначенія приторной и слащавой чувствительности. [...] Горе Ш. въ томъ, что онъ оставался сентименталистомъ cлишкомъ долго, послѣ того какъ ложность этого направленiя была сознана.“

862 Лекманов, Олег: Саша vs. Маша, 35.

863 Vgl. Немзер, Андрей: Ты так играла эту роль!.

864 Данте: Новая жизнь, 33: „В том месте книги памяти моей до которого лишь немногое можно было бы прочесть, стоит заглавие, которое гласит: Icipit vita nova.“

865 Für Федорова, Людмила: Суровый Дант и насмешливый Кибиров, 112 wird hier das Pathos des Prätextes ironisch relativiert.

866 Zu den verschiedenen Sonetttypen (ital., frz., engl.) siehe: Гаспаров, М. Л.: Русский стих начала ХХ века в комментариях. М.: Фортуна Лимитед 2001. 223–227.

867 Siehe die Tabellen in Шерр, Барри: Строфика Бродского: новый взгляд. // Как работает стихотворение Бродского. Из исследований славистов на Западе. Ред.-сост.: Л. В. Лосев и В. П. Полухина. М.: НЛО 2002. 269–299. 295–296.

868 Vgl. Федорова, Людмила: Суровый Дант и насмешливый Кибиров, 109–110.

869 Данте Алигьери: Божественная комедия. Перевод с итальянского М. Л. Лозинского. М. Художественная литература 1961. 19: „Земную жизнь пройдя до половины, / Я очутился в сумрачном лесу, / Утратив правый путь во тьме долины.“

870 Данте Алигьери: Божественная комедия, 636.

871 К *** („Я помню чудное мгновенье...“): „Я помню чудное мгновенье: / Передо мной явилась ты, / Как мимолетное виденье, / Как гений чистой красоты.“ (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 2,1. 406–407, Zitat: 406.)

872 Die Rezension Курицын, Вячеслав: Чьи тексты чтит всяк сущий здесь славист? wählt Kibirovs auf den Konzeptualisten bezogenen Relativsatz als Titel. Kuricyn stellt die postulierten Gegensätze und Fronten in Frage. Es ist in der Tat auffällig, dass Kibirov sich von einem Personenkreis abgrenzt, dem er nahesteht / nahestand.

873 Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 3,1. 30–31: „И жало мудрыя змеи / В уста замершие мои / Вложил десницею кровавой.“

874 Кибиров, Тимур: Парафразис, 52–53.

875 Vgl. Kibirovs Deutung des Zauberspiegels aus Andersens Märchen in den in Fn.1163 (Seite 352) genannten Aufsätzen.

876 Десятов, В. В.: Набоков и русские постмодернисты, 278. In Другие берега heißt es zu Beginn von Kap. 13,1: „Спираль – одухотворение круга. В ней, разомкнувшись и высвободившись из плоскости, круг перестает быть порочным.“ (Набоков, Владимир: Собрание сочинений русского периода, т. 5. 313); in Kibirovs Sonett 8: „Но это все с тобою рядом, Шура, / спираль уже, а не порочный круг

877 Entsprechende Stellen nach der Ausgabe Набоков, Владимир: Собрание сочинений русского периода, т. 5. 140–335 sind: Kap. 1,1 (146: фрейдовщина), Kap. 4,3 (192: „кретин-фрейдист“), Kap. 4,5 (197: „с гнилым мозгом фрейдист“), Kap. 14,3 (329: „венский шарлатан“). Den intertextuellen Bezug auf Другие берега erwähnt ebenfalls Федорова, Людмила: Суровый Дант и насмешливый Кибиров, 111–112.

878 Набоков, Владимир: Собрание сочинений русского периода, т. 3. 697–699.

879 Pifer, Ellen: The Lolita Phenomenon from Paris to Tehran. In: Connolly, Julian W. (ed.): The Cambridge Companion to Nabokov. Cambridge: Cambridge UP 2005. 185–199. 193.

880 In Kapitel 5: Набоков, Владимир: Лолита. Перевод с англ. автора. Предисл. Виктора Ерофеева. М.: Известия 1989. 33.

881 Аня в Стране чудес: Набоков, Владимир: Собрание сочинений русского периода. В 5 т. СПб.: Симпозиум 1999–2000. Т. 1. 358–433. Siehe auch: Demurova, Nina M.: Alice Speaks Russian. The Russian Translations of Alice’s Adventures in Wonderland and Through the Looking-Glass. In: Harvard Library Bulletin 5 (1994/1995) 4. 11–29.

882 Курицын, Вячеслав: Чьи тексты чтит всяк сущий здесь славист? sieht hier ebenfalls eine klare Referenz auf die Pädophilie-Problematik.

883 Ein problematisches Moment sind die von Carroll angefertigten Aufnahmen der Mädchen, darunter auch Aktfotos, siehe Cohen, Morton N.: Lewis Carroll. A Biography. London; Baisingstoke: Papermac 1996 [11995]. 146–195 (Kap. 6: The Pursuit of Innocents). 166–167. Ausführlicher zu diesen vier Nacktaufnahmen: Cohen, Morton N.: Lewis Carroll, Photographer of Children. Four Nude Studies. New York: Clarkson N. Potter; Crown 1979.

884 Gardner, Martin: Introduction to The Annotated Alice. In: Carroll, Lewis: The Annotated Alice. Alice’s Adventures in Wonderland and Through the Looking-Glass. The Definitive Edition. With an Intr. and Notes by Martin Gardener. London: Penguin 2001. xviii–xiv. xiv–xv.

885 Vgl. Gardner, Martin: Introduction to The Annotated Alice, xx.

886 Федорова, Людмила: Суровый Дант и насмешливый Кибиров, 109: „А Кибиров […] заимствует у него [Brodskij; M. R.] сам принцип построения текста, общую стилистику любовной лирики в конце ХХ века – когда уже нельзя всерьез сказать «Я вас любил», а чтобы все-таки сказать, необходимо эти высокие слова иронически обыгpать.“

887 Курицын, Вячеслав: Чьи тексты чтит всяк сущий здесь славист?: „циклом своим Кибиров доказывает, что многочисленные приемы, обязанные текущей популярностью всяческим «ухмыляющимся релятивистам», его Музу вполне даже питают. И центон. И игра на стилистических контрастах между Лаурой, Пленирой и «Проктер энд Гэмбл» и «Вискас». […] И, допустим, вполне крутая провокация «набоковского фрейдиста», коему в следующем же сонете подбрасывается специально изготовленный нектар «Алисы (Ани)»: отсылка к педофилу Кэрролу и одновременно к переводившему имя его героини именно как Аня почти-педофилу Набокову.“