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Zeit- und Alterstopik im Minnesang

Eine Untersuchung zu Liedern Walthers von der Vogelweide, Reinmars, Neidharts und Oswalds von Wolkenstein

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Simone Loleit

Der Band präsentiert ein grundlegendes systematisch-theoretisches Gesamtkonzept zur Erforschung minnesangspezifischer Zeit- und Alterstopik sowie innovative Ergebnisse zur Walther-, Reinmar-, Neidhart- und Oswald-Philologie. Die Analysen widmen sich sowohl ‚kanonischen‘ als auch seltener behandelten Liedern der vier Autoren und arbeiten unter anderem mit Verfahren der rhetorischen und literaturwissenschaftlichen Toposforschung, der Varianzforschung und der Erzähltextanalyse.

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Einleitung

Die Bücher mußten zur Hand sein.1 Glaubt man dem Vorwort zum Gedichtband Die dreizehn Monate, so hatte Erich Kästner bei Abfassung der von einer Zeitschrift bestellten Gedichte den fünften Band des ‚Kleinen Brehm‘ (Die deutsche Tierwelt), das Werk Unsere Pflanzenwelt und einen Die deutsche Schulflora betitelten Leitfaden neben sich auf dem Schreibtisch liegen. Um den Auftrag zu erfüllen,

blieb dem Autor nichts übrig, als dem Kalender vorzugreifen. […] Er konnte nicht „nach der Natur“ arbeiten, sondern nur „aus dem Gedächtnis“, und darauf war, wie er bald merkte, kein Verlaß.2

Tatsächlich finden sich in die Gedichte eingestreut Namen und Fakten aus der Tier- und Pflanzenwelt, welche in ihrer lakonischen Platitüdenhaftigkeit zu bezeugen scheinen, dass dem Verfasser das Erfahrungs- und Alltagswissen über die Natur gründlich verloren gegangen ist, z. B. im Fall des Gedichts zum Monat März: Kätzchen blühen silbergrau und Radio meldet schon | Störche und Schwalben.3 Der Autor verwendet zur Selbstbezeichnung die Antonomasie ‚ein Großstädter‘: Die hier gesammelten Gedichte schrieb, im Lauf eines Jahres, ein Großstädter für Großstädter.4 Autor und Publikum verbindet, so die im Vorwort aufgebaute Fiktion, die Unkenntnis über ihre natürliche Umwelt. Die oben zitierte inventio-Formel Die Bücher mußten zur Hand sein zielt auf das Nicht-Vorhandensein eines ‚natürlichen‘ und den neuen, vom Verfasser allerdings beklagten common sense der Großstädter, dieses traditionell geteilte Wissen über die Natur eben nicht mehr zu teilen. Die künstliche Distanz, die durch das mangels Erfahrung notwendig gewordene Bücherwissen erzielt wird, verweist einerseits auf die Entfremdung des modernen Menschen von der Natur; andererseits verweisen der Satz Die Bücher mußten zur Hand sein und die Stichwörter Gedächtnis und Erinnerungen5 auf die Diskrepanz zwischen dem auf eigene Erfahrungen, Ideen und Erinnerungen gestützten Wissen und dem tradierten, enzyklopädischen, topisch gewordenen Wissen. Monate und Jahreszeiten sind im literarischen Kontext kein originelles Sujet, sondern Topisierungen; das Thema darf als bekannt und somit als erwartbar gelten, was darüber zu sagen ist. Kästners inszeniertes Nicht-Wissen und der←11 | 12→ damit verbundene Umweg über die Bücher ist also ein rhetorischer Kunstgriff, um sich dem Thema auf – wie schon der Titel Die dreizehn Monate nahelegt – unerwartete Weise zu nähern. Er tut so, als seien Natur und Jahreszeiten der Moderne fremd geworden, und macht den verstellten, entfremdeten Blick zum Hauptgegenstand seiner Überlegungen.

Kästners Vorwort nimmt das Thema der Monate und Jahreszeiten zum Anlass, um sich Gedanken zur Zeit und über die Zeit zu machen – einerseits zur Zeit als aktueller Gegenwart, andererseits über das Phänomen der Zeit als solches – und streift dabei die Bereiche Natur, Geschichte, Heilsgeschichte, Zeitkritik, Zeittheorie, Zeitphilosophie. Die ‚rasende‘, vorwärtsstrebende Moderne, so ein zentraler Gedanke, habe in ihrer Natur- und Geschichtsvergessenheit den Anschluss an die natürlichen Kreisläufe verloren;6 dies wird auch auf den Autor selbst bezogen: Zwölf Monate lang war er dem Jahr um sechs Wochen voraus. Und: Nun sollte er nichts tun als die Vergangenheit prophezeien, und er konnte es nicht.7 Hierin scheint auch die topische Vorstellung des Moralisten als eines ‚Unzeitgemäßen‘ auf. Dieser mahnt sich selbst und die anderen zur ‚Besinnung‘:

Man müßte wieder spüren: Die Zeit vergeht, und sie dauert, und beides geschieht im gleichen Atemzug. Der Flieder verwelkt, um zu blühen. Und er blüht, weil er welken wird. Der Sinn der Jahreszeiten übertrifft den Sinn der Jahrhunderte.8

Die fast Augustinische Problematisierung der Aporie einer Dauer der Zeit wird auf das Jahreszeitenthema bezogen, indem implizit die lineare Konzeption der geschichtlichen Zeit, ihre sich progressiv erstreckende ‚Dauer‘ in Konkurrenz zur natürlichen Gleichförmigkeit, die ‚Dauer‘ im Sinne von Wiederkehr bedeutet, gesetzt wird. Dass diese Sätze gedeutet werden sollen, evoziert die Wiederholung des Wortes ‚Sinn‘, eine Aufforderung an das Publikum, diesen Sinn zu erschließen.

1. Zeittopik

Beim Versuch, zu definieren, was ein Topos ist, bewegt sich die Toposforschung9 zwischen den Extremen formelhafter Bildlichkeit und des Argumentativ-Diskursiven, zwischen leerer, abgedroschener Phrase und argumentativer Leerform, zwischen Stereotyp und Wissensfülle; „die Polyvalenz des Begriffes scheint←12 | 13→ sich einer definitorischen Fixierung zu entziehen.“10 An Kästners Vorrede lassen sich somit wesentliche Merkmale topischen Sprechens aufzeigen: der Rückgriff auf bekanntes und erwartbares Gedankengut einerseits sowie dessen argumentative Neuverwendung andererseits. Hieraus ergibt sich eine Polarität von bildhaft-formelhafter Fixierung und Bedeutungsoffenheit; Topik setzt auf gedankliche Anschlussfähigkeit auf argumentativer und thematischer wie auf kommunikativer Ebene, indem die im Gedankenaustausch Befindlichen ein gemeinsames Wissen abrufen können. Topik wäre somit auch zu verstehen als Technik der Urteilsfindung und Meinungsbildung in Auseinandersetzung mit dem schon Gewussten, der Tradition, im Rahmen einer (fingierten) Diskussion. Bornscheuer betont, dass dieser argumentative Aspekt auch vor der poetischen Rede nicht halt mache, wobei er auf die Definition der topoi koinoi bzw. loci communes, die Curtius im Kapitel zur Rhetorik gibt, Bezug nimmt:

„jede Rede (auch die Lobrede) hat einen Satz oder eine Sache annehmbar zu machen. Sie muß Argumente dafür anführen, die sich an den Verstand oder das Gemüt des Hörers wenden. Nun gibt es eine ganze Reihe solcher Argumente, die für die verschiedensten Fälle anwendbar sind. Es sind gedankliche Themen, zu beliebiger Entwicklung und Abwandlung geeignet.“11

Bornscheuer kommentiert den Passus folgendermaßen:

„Curtius greift damit die Doppelbedeutung des in der antiken Rhetorik beheimateten Topos-Begriffs nach seiner argumentativ-enthymematischen und seiner amplifikatorisch-darstellerischen Funktion auf und vermittelt beide unter dem Gesichtspunkt, daß jede Rede, auch die des epideiktischen Genos, das später mit den im engeren Sinne poetischen Gattungen verschmolz, die Aufgabe hat, ‚einen Satz oder eine Sache annehmbar zu machen‘.“12

Die vorliegende Untersuchung konzentriert sich auf die argumentativen Aspekte, die mit Topoi verbunden sind; Topoi sind Bestandteile übergreifender Argumentationsgänge, die behandelten lyrischen Texte werden demgemäß als ein solcher Argumentationsgang verstanden, d. h. ihre argumentatorisch-diskursive Komponente wird in den Analysen besonders fokussiert. Auch Elemente, die man dem ornatus zuordnen könnte, werden, soweit sie mit den untersuchten Topoi in Verbindung stehen, auf ihren argumentativen Gehalt hin befragt. Aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, von Topoi und nicht von Motiven und Themen zu sprechen, wenn es um die Frage nach der Darstellung und Gestaltung von Zeit in←13 | 14→ den Liedern geht. Zwar ließe sich folgende gängige literaturwissenschaftliche Definition von ‚Motiv‘ als „ein stoffl[ich]-themat[isches], situationsgebundenes Element, dessen inhaltl[iche] Grundform schematisiert beschrieben werden kann“13, auch als Beschreibung für inhaltlich gefüllte Topoi verwenden. Der Terminus ‚Topos‘ ist dem Terminus ‚Motiv‘ jedoch übergeordnet, wie die Definition von ‚Topos‘ als „Gemeinplatz, stereotype Redewendung, vorgeprägtes Bild, Beispiel, Motiv“14 zeigt; er zielt also nicht nur stärker auf argumentative Verknüpfung und Funktionalisierung, sondern umfasst auch eine im Vergleich zum Motiv größere Bandbreite an sprachlich-literarischen Phänomenen.

Der in dieser Arbeit als terminus technicus gewählte Ausdruck ‚Zeittopik‘ dient als Oberbegriff für Repräsentationsformen von Zeit (und damit zusammenhängender Vorstellungsbereiche) in argumentativen Zusammenhängen:

verdinglichte Topoi wie Jahreszeitentopos, Zeitklage und laudatio temporis acti, Lebensaltertopos, puer senilis-Topos, vanitas-Topos, Weltklage u. ä.;

formelhaft verfestigtes Wissen zur Zeit, z. B. Sprichwörter und Redewendungen;

die mit der Zeit in Zusammenhang stehenden Beweisgründe (loci) wie Alter (aetas), Vorgeschichte (ante acta dicta), Zeit (tempus) und Gelegenheit (occasio);

Zeit als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft;

die grammatischen Zeiten;

die Behandlung der Zeit in verschiedenen Diskursen und die daraus selegierbaren diskursiven Versatzstücke.

Zeit und Zeitwahrnehmung sind konstitutiv für das menschliche Denken und Sprechen, welches außerhalb der Zeit schlichtweg nicht vorstellbar ist. Augustinus verweist darauf, dass nicht nur die laut vorgetragenen, sondern auch die lediglich in Gedanken ‚aufgesagten‘ Verse Zeit im Sinne von Dauer beanspruchen.15 Die grammatischen Zeiten (Tempora), und auch dies liegt vor einem Thematisch-Werden, gehören zu den zentralen Strukturelementen der Texte. Eine Aussage über die Zeit wird also in der Zeit und mit Hilfe grammatischer Zeitkonstrukte getätigt. Erzählhandlungen, aber auch Argumentationsgänge arbeiten mit Zeitgerüsten (vorher – jetzt – nachher); derartige Zeitgerüste sind auch für die Analyse lyrischer Texte unter narratologischen wie argumentationslogischen Gesichts←14 | 15→punkten relevant. Des Weiteren finden sich häufig, unabhängig vom Thema, Informationen über die zeitliche Situation, z. B. die Jahreszeit, die Tageszeit, das Lebensalter u. ä. Innerhalb einer geistlichen Perspektivierung kommt zudem der Gegensatz von Zeitlichkeit und Ewigkeit als zweier völlig unterschiedlicher Zeitqualitäten zum Tragen.

Der im Titel der Arbeit zusätzlich geführte Terminus ‚Alterstopik‘ fällt unter den Oberbegriff der ‚Zeittopik‘; Alterstopik ist sozusagen die anthropozentrischste Ausprägung von Zeittopik, wie auch folgender Passus aus dem Artikel „Zeit“ im Deutschen Wörterbuch verdeutlicht:

nicht nur im deutschen, sondern auch in den übrigen germ. sprachen, läszt sich erkennen, dasz die vorstellung zeit an den abschnitten des lebens und naturgeschehens, welche durch geburt, mannbarkeit, alter, tod, tage, monate, jahreszeiten und jahre bezeichnet waren, gewonnen worden ist16.

Wie die stark anwachsende Forschung zum Alter(n)17 zeigt, wird diesem Thema in der gegenwärtigen ‚alternden‘ Gesellschaft eine besondere Aufmerksamkeit zuteil. An mittelalterlichen Vorstellungen vom Alter wird in besonderer Weise die Alterität vormodernen Denkens deutlich, z. B. an den im Vergleich zu heutigen Standards sozial und literarisch fester zementierten Altersrollen, an der Verankerung des Lebensalterwissens im religiösen, moraldidaktischen und medizinischen (humoralpathologischen) Diskurs u. ä. Zudem wird daraus ersichtlich, dass die Wertung des Alters kontextabhängig ist, dass z. B. der mit dem Alterungsprozess verbundene Verlust jugendlicher Vitalität argumentativ höchst unterschiedlich gewendet werden kann. Außerdem zeigt sich am Lebensalter, in welcher Weise über topische Attributierungen feste Vorannahmen erzeugt werden; zu beobachten ist zudem das Verschwimmen der Grenze zwischen Fiktion und ‚dahinter‘ vermeintlich aufschimmernder ‚Realität‘, wie etwa an der nicht unumstrittenen Klassifikation einer Gruppe in der Regel religiös geprägter Lieder als ‚Alterslieder‘ und ihrer biographischen Deutung deutlich wird. Wenige Attribute (das weiße oder graue Haar, der Stab) genügen, um ein Rollen-Ich als ‚alt‘ zu kennzeichnen; die Identifikation dieser Ich-Instanz mit dem Autor folgt dann nahezu auf dem←15 | 16→ Fuße – allerdings nur, insoweit es sich um ein männliches Ich handelt. Die in dieser Untersuchung wie auch schon in anderen neueren Arbeiten zum Thema ‚Alter(n) im Minnesang‘ gestellte Frage nach argumentativen Funktionen des Alterstopos eröffnet den Blick auf Variationsreichtum, ‚Experimentierfreudigkeit‘, Fiktionalität sowie auf das poetologische Potential der Texte und die ausgeprägte Tendenz zur Gattungshybridität in der Liedlyrik.

2. Gegenstand, Methodik und Untersuchungsziele

Mit dem unter dem Rubrum ‚Minnesang‘ bzw. – um auch die geistlichen Lieder und geistlich-weltlichen Mischformen stärker einzubeziehen – ‚Liedlyrik‘ versammelten Gattungsspektrum wird eine zeitlich, soziokulturell, formal und inhaltlich-thematisch einigermaßen fest umrissene Gruppe von Texten als Untersuchungsgegenstand gewählt. Diese Gruppe wird weiter eingegrenzt auf Texte, die – ohne Rücksicht auf die obsolet gewordene Frage nach Echheit und Unechtheit – den Autoren-Corpora Walthers von der Vogelweide, Reinmars, Neidharts und Oswalds von Wolkenstein zugehören; der Einfachheit halber wird von Liedern Walthers, Reinmars, Neidharts und Oswalds die Rede sein und nicht von ‚Liedern im Walther-Corpus von Hs. C‘. Gleichwohl werden handschriftliche Überlieferungsvarianten gerade bei den Liedern Walthers, Reinmars und Neidharts, deren Œuvre nicht wie das des Wolkensteiners als autorisierte handschriftliche Fassung überliefert ist, in der Untersuchung berücksichtigt.18 Die Textvarianz und insbesondere die Varianz in Strophenfolge und -bestand erscheint für die Untersuchung des argumentativen Potentials der Texte von besonderem Interesse, da hieran analysiert werden kann, welche Auswirkungen die Inhalt und Reihenfolge betreffenden Modifizierungen auf die Argumentation auf der Mikro- und Makroebene der Texte haben.

Dass auf Lieder der ‚kanonischsten‘ Autoren des Minnesangs zurückgegriffen wird, ist der Tatsache geschuldet, dass gerade in diesen Autorencorpora eine Verdichtung von aus dem Bereich der Zeit- und Alterstopik stammenden Topoi festzustellen ist, die sich bei anderen Autoren aus dem Bereich Minnesang/Liedlyrik nicht in vergleichbarem Maße findet. Die Lieder der vier genannten Autoren weisen eine gehäufte Verwendung unterschiedlicher materialer Zeittopoi (z. B. Zeitklage, laudatio temporis acti, Jahreszeiten-, Lebensalter-, vanitas-, Frau Welt-Topos) innerhalb einzelner Lieder auf. Dies erscheint sowohl für die Untersuchung der Zeitdarstellung in den Liedern wie auch für die der topischen Argu←16 | 17→mentation von besonderem Interesse, da z. B. das Prinzip, dass jeder Topos mit jedem anderen „relationierbar“19, jedem anderen Topos „vor- und nachgeordnet werden“ kann, sich am Beispiel der Gruppe der Zeittopoi selbst analysieren lässt.

Zwischen den Liedern Walthers, Reinmars, Neidharts und Oswalds bestehen zahlreiche intertextuelle Bezüge, die für Walther und Reinmar sowie eventuell auch für Walther und Neidhart wohl z. T. auf sängerische Interaktion zurückzuführen sind.20 Die Frage nach etwaigen literarischen Beziehungen zwischen den Autoren wird im Rahmen dieser Untersuchung jedoch nicht behandelt. Von Interesse erscheint allerdings, dass bestimmte topische Konstellationen, z. B. im Bereich der Altersrollen, sich bei den drei Autoren in ähnlicher Ausprägung finden. Oswald von Wolkenstein darf generell als Kenner der klassischen Minnesangtradition gelten, an die er in seinen Liedern, wenn auch in stark modifizierter Form, anknüpft.21

Für die Lieder Walthers wird, soweit nicht anders angegeben, in dieser Arbeit die von Bein herausgegebene 15. Auflage der Leich, Lieder, Sangsprüche Walthers von der Vogelweide (2013) herangezogen. Die Zitation der Lieder Neidharts erfolgt nach der von Müller, Bennewitz und Spechtler herausgegebenen Salzburger Neidhart-Edition (2007); bei lediglich überblickshafter Bezugnahme wird auf die Edition Beyschlags (1975) verwiesen. Die Lieder Reinmars werden, soweit sie dort enthalten sind, nach Schweikles Reinmar-Edition (1987) zitiert, anderenfalls nach der Edition in der von Moser und Tervooren herausgegebenen 38. Auflage von Des Minnesangs Frühling (1988). Für die Lieder Oswalds erfolgt die Zitation nach der 4., von Wachinger grundlegend neu bearbeiteten Auflage der ATB-Edition (2015). Um die Auffindbarkeit der Lieder auch in älteren Editionen zu erleichtern, werden traditionelle Zählungen mitangeführt. Weitere Editionen und Faksimiles sowie Übersetzungen und Kommentare wurden bei Bedarf hinzugezogen und werden jeweils nachgewiesen.

Der in dieser Untersuchung gewählte Ansatz zur Analyse der Zeit- und Alterstopik(en) in Liedern Walthers, Reinmars, Neidharts und Oswalds bezieht sich sowohl auf die antike Topik/Dialektik und Rhetorik, speziell die aristotelische Topik, Rhetorik und Poetik, Ciceros Schriften Topica (‚Topik‘), De inventione (‚Über die Auffindung des Stoffes‘) und De oratore (‚Über den Redner‘) sowie Quintilians Institutio oratoria (‚Ausbildung des Redners‘)22 als auch auf Methoden der neueren←17 | 18→ Toposforschung (Bornscheuer, Schmidt-Biggemann) sowie auf die angrenzende Metapherntheorie (Richards, Black, Zymner). Die antiken Theorien und die damit verbundene Terminologie werden, ebenso wie die Ergebnisse der neueren Theoriebildung, ausschließlich als Beschreibungsinstrument verstanden und in der Arbeit demnach als Theorie- und Methodentexte verwendet. Für diese Arbeit dementsprechend nicht relevant ist die zweifellos interessante Frage, in welcher Form die mittelalterlichen Autoren Wissen aus den Bereichen Rhetorik und Dialektik rezipiert haben, sowie die nach speziell mittelalterlichen Ausprägungen von Rhetorik und Topik/Dialektik23 und nach deren Niederschlag in den Texten.

Knape beschreibt Topoi als „bedeutungsreiche Textbausteine […], die eine Rolle beim Aufbau der Textsemantik oder der Entfaltung von Textinhalten spielen.“24 Die möglichen Bedeutungen dieser Topoi in bestimmten Texten mit Blick auf das Textganze bzw. größere Texteinheiten zu erschließen, gehört dementsprechend zu den zentralen Anliegen dieser Arbeit. Die den Topoi eigene Wiederholungsstruktur – ein Topos wird zum Topos ja gerade dadurch, dass er wiederholt, also in zahlreichen Texten und kommunikativen Akten Verwendung findet – bedeutet für die Analyse, dass sowohl die besondere Gestaltung und Ausformulierung des bekannten ‚Inhalts‘ als auch die sich an den Topos anlagernden Bedeutungen, Vorstellungen, Erzählmuster etc. zu untersuchen sind. Topoi können als intertextuelle und interdiskursive Schnittstellen verstanden werden, d. h., die Texte öffnen sich an diesen Stellen für übergeordnete Wissensformationen. Letzteres hängt mit dem in der aristotelischen Topik entworfenen Modell endoxaler Verständigung zusammen. Laut Aristoteles haben die ‚anerkannten, herrschenden Meinungen‘ (endoxa) für die dialektische Argumentation einen vergleichbaren Status wie die ‚ersten und wahren Sätze‘ für die logische Argumentation.25 Unter dem Aspekt der endoxa zu berücksichtigen sind laut Bornscheuer alle←18 | 19→

„Geltungsansprüche der Tradition und Konvention […], vom idealen gesamtgesellschaftlichen consensus omnium bzw. der herrschenden Vor-Urteils-Struktur über alle kanonisierten Bildungsgüter bis hin zu den dezidierten ‚Lehrmeinungen‘ einzelner Autoritäten[.]“26

Dies bedeutet für die verfestigte Form der topoi koinoi oder loci communes, dass deren Inhalt konsensfähig und in diesen Topoi Wissen abgespeichert ist. Als Beispiel wäre der Topos der Zeitknappheit zu nennen: Die unterschiedlich ausformulierbare Kernaussage, dass die Zeit knapp ist und richtig genutzt werden muss, versammelt z. B. antike Vorstellungen wie das säkular ausgerichtete carpe diem, den antik-christlichen vanitas-Gedanken, das christlich geprägte Ideal einer frommen und gottgefälligen Lebensführung mit Blick auf die Endlichkeit des irdischen Lebens und das höhere Ziel des ewigen Seelenheils, schließlich auch das apokalyptische, von der Parusie geprägte Zeitdenken. Neben diesen ‚Inhalten‘ sind auch Autoritäten wie die Beichtlehren, die apokalyptische Literatur bzw. bestimmte biblische Referenzstellen usw. explizit oder implizit mit diesen topischen Aussagen verbunden. D. h., mit der Toposverwendung und seiner jeweiligen Kontextualisierung wird ein inferentiell erweiterbares Wissen aufgerufen. Charakteristisch für die literarische Toposverwendung ist, dass das dahinter stehende Wissen nicht einsträngig zur argumentationslogischen Absicherung der Aussagen eingesetzt wird, sondern mehrsträngig gleichzeitig mehrere Wissenszugriffe und Assoziationsgänge eröffnet werden. Dies betrifft auch das Phänomen des Zitats, über das Kontextwissen aus einem bestimmten anderen Text importiert wird; der zitierte andere Text wäre in diesem Fall als Autorität zu verstehen. Allerdings kann sich die Ähnlichkeit der beiden Textstellen auch als zufällig ähnliche Ausformulierung eines allgemeinen, topischen Gedankens darstellen oder auf eine beiden Texten gemeinsame Quelle rückführbar sein. Im Rezeptionsvorgang eröffnen sich also unterschiedliche inferentielle Ergänzungsmöglichkeiten; entscheidend ist aber, dass die konkrete Textaussage, indem sie als ‚nicht originell‘ erkannt wird, in ihrem Schwanken zwischen Speziellem und Allgemeinem erfasst wird.

Das Problem der Autorität betrifft die behandelten Lieder noch in anderer Weise, wenn man an die von Aristoteles für die Meinungsbildung als besonders relevant eingestufte Gruppe der Fachleute27 denkt: Gibt es im Minnesang ‚Fachleute‘? Hübner beschreibt am Beispiel von Liedern Reinmars die Selbstinszenierung des Sängers als eines Experten in Liebesdingen.28 Ein solcher Anspruch eines auf angeblicher←19 | 20→ Erfahrung gründenden ‚Expertentums‘ wird z. B. in den Versen Ich weiz den weg nû lange wol, | der von der liebe gât unz an daz leit (Schweikle, Nr. XIII / MF 163,14, Str. I, V. 1 f.) erhoben. Die Gültigkeit dieses Anspruchs wird an anderen Stellen vom Ich selbst angezweifelt: Niemen seneder suoche an mich deheinen rât; | ich mac mîn selbes leit erwenden niht (Schweikle, Nr. XX / MF 170,36, Str. I, V. 1 f.). Unglückliche Liebe erfahren zu haben, ohne Abhilfe schaffen zu können, befähigt nach Maßgabe dieser Verse nicht zur Ratgeberrolle, die das Ich dementsprechend von sich weist. Ein ähnliches Problem verhandelt, allerdings mit anderer Zielrichtung, das Ich in Walthers Lied Weder ist ez übel oder guot (Bein, Ton 94 / L 120,25): Wie kumet, daz ich sô menigen man | von sender nôt geholfen hân | und ich mich selben niht ne kan | getrœsten, mich entriege ein wân? (Str. II, V. 1–4). Das Ich legt in Form einer rhetorischen Frage sich selbst und dem Publikum das Parodoxon vor, dass es anderen in Liebesnöten habe helfen können, nicht aber sich selbst, dass es also sozusagen ein ‚Fachmann‘ ist, der sich selbst auf seinem eigenen Gebiet nicht zu helfen weiß. Dass das Publikum mit dialektischen Fragen konfrontiert und zur Problemerörterung angeregt wird, ist nicht selten. Folgt man Aristoteles’ Definition, dass eine dialektische Fragestellung auf Wählen oder Vermeiden oder aber auf Wahrheit und Erkenntnis ziele,29 so beginnt Walthers Lied direkt mit einer solchen Frage: Weder ist ez übel oder guot, | daz ich mîn leit verhelen kan? (Str. I, V. 1 f.). Das Ich will wissen, ob es gut oder schlecht sei, dass es sein Leid, also seinen Liebeskummer, verbergen kann. Wenn auch auf das Ich bezogen und somit als persönliches Problem ausgegeben, ist doch zu erkennen, dass es sich dabei um ein generelles Problem, also um eine Fragestellung mit allgemeingültigem Anspruch handelt. Ein anderes Beispiel wäre die Definitionsfrage: Saget mir ieman, waz ist minne? (Bein, Ton 44 / L 69,1, Str. I, V. 1), zu der das Ich dann eine Lösung vorträgt und das Publikum, als ob es ein Disputationspartner wäre, um Zustimmung bittet: Ob ich rehte râten kunne, | waz die minne sî, sô sprechet denne jâ. (Str. II, V. 1 f.).

Diese Doppelrolle des Experten und Betroffenen soll im Rahmen der Arbeit näher beleuchtet werden, auch für den Bereich der Gnomik. Wittstruck diskutiert für die Lieder Oswalds von Wolkenstein die „Selbstnennung als paränetisch-didaktisches Instrument“30. In mehreren Liedern erreiche Oswald

„die moralische Verurteilung menschlicher Laster auf dem Weg der Darstellung subjektiv ‚erlebten‘ Fehlverhaltens und der selbstkritischen Bloßstellung persönlicher Mängel. Neben oder anstelle der direkten Nutzanwendung steht das durch die Verfasserangabe in das grelle Licht lehrhafter Aufmerksamkeit getauchte illustrative negative Vorbild des←20 | 21→ Dichter-Ichs, das in tiefer Sorge um die Moral, um das bedrohte Seelenheil der Mitmenschen aus sich selbst heraus Nutzeffekte erzielen will. Angeleitet von diesem Beispiel soll der Hörer Lehren ziehen und seinen Lebenswandel entsprechend ändern.“31

Neben dem authentisch verbürgten, gleichwohl aber tendenziell zweifelhaften Expertentum des Ich, das sein Wissen aus seinem eigenen Beispiel gewinnt und sich damit zum Exempel macht, finden sich in den behandelten Liedern wiederholt auch Rekurse auf fremde Autoritäten bzw. die Meinung der anderen, z. B.: Kain weiser man | mag sprechen icht, er sei dann unvernünftig (Oswald, Kl 1, Str. IV, V. 1 f.), Man list und sagt uns vil von alden jaren (Oswald, Kl 10, Str. III, V. 1), Die zwîvelære sprechent …, si jehent … (Walther, Bein, Ton 34 / L 58,21, Str. I, V. 1 u. Str. II, V. 3). Ein besonderer Fall ist die scheinbare Autoritätenberufung in folgenden Versen Reinmars: Ein wîse man sol niht ze vil | sîn wîp versuochen noch gezihen, dâst mîn rât, | Von der er sich niht scheiden wil, | und si der wâren schulde ouch deheine hât (Reinmar, Nr. XIII / MF 163,14, Str. II, V. 1–4). Der Anfang Ein wîse man suggeriert die Einleitung eines Autoritätenzitats, bis sich herausstellt, dass der Sprecher selbst die Rolle des Weisheitslehrers innehat; gleichwohl referiert er den Rat in so generalisierender Form, dass die Allgemeingültigkeit und damit einhergehend der endoxale Anspruch des Gesagten klar hervortritt. Auf solche in den Liedern vollzogenen Wendungen und Schwankungen zwischen Allgemeingültigem und als individuelle Erfahrung ausgegebenem Konkretem wird im Laufe der Untersuchung weiter einzugehen sein.

Die mit dem Strukturmoment der Potentialität32 einhergehende Bedeutungsoffenheit des Topos ermöglicht es prinzipiell, dass über Topoi sozusagen mehrschichtig Wissen transportiert wird, welches, je nach Vorkenntnissen des Rezipienten, abgerufen werden kann. Diese Mehrschichtigkeit und Mehrdeutigkeit ist gerade für die Lyrikanalyse (und generell für poetische Texte) von besonderem Interesse. „Das Gedicht als bevorzugter literarischer Ort der poetischen Sprache signalisiert Literarizität als Heraustreten des Textes aus pragmatischen Kontexten.“33 In der poetischen Rede, so Helmstetter, werde ‚das Wort als Wort‘ inszeniert.34 Das Herausnehmen der Wörter aus einer festgeschriebenen Satzlogik, die damit verbundene Bewegung der vielleicht sogar sinnwidrigen oder zumindest den ‚Primärsinn‘ (und die Vorstellung eines solchen) unterlaufenden Neuverknüpfung lässt sich in der Lyrik nicht nur für die Wortebene, sondern auch für Sinneinheiten wie Topoi festmachen:←21 | 22→

Ähnlich wie Wörter sind auch Topoi paradigmatisch und syntagmatisch verankert. Die „rhetorische Funktion“35 des Topos, die Ausrichtung auf ein Persuasionsziel hin, bedeutet für Textproduktion wie -rezeption, dass sowohl auf die paradigmatische wie auch auf die syntagmatische Ebene zugegriffen werden muss:

„Erzeugen einer Text-Topik heißt: Abrufen semantisch signifikanter Elemente von der Achse der topischen Paradigmen und rhetorisch kalkuliertes Implementieren der Elemente auf der Achse des textuellen Syntagmas.“36

Quintilian formuliert die gerenelle Ausrichtung der Rede auf ein Persuasionsziel hin anschaulicher durch den Vergleich der anzustrebenden Treffsicherheit von Beweisen mit derjenigen von Geschossen.37 Auch Topoi sind in ihrer argumentativen Funktion rhetorische ‚Geschosse‘. Befragt man Topoi in poetischer Rede auf ihren argumentativen Gehalt, so ergibt sich eine nicht eindeutig zielgerichtete Toposverwendung, denn poetische ‚Argumentationen‘ können auf mehreren Ebenen geführt, mehrere Argumentationsstränge ineinander verwoben werden; die argumentative, syntagmatische Folgerichtigkeit kann zugunsten des Auslotens von Bedeutungen auf der paradigmatischen Ebene aufgehoben werden. An der im Wesentlichen aus der mittelalterlichen Vortragssituation hervorgehenden Mehrfachüberlieferung von Liedern mit variierendem Strophenbestand und -folge zeigt sich die Offenheit der Argumentationsgänge für Neuverknüpfungen, wobei die Rolle, die die Topik dabei spielt, zu untersuchen sein wird.

Da Topoi sowohl in breit ausformulierter Form als auch in extremer Verknappung, ggf. sogar reduziert auf einzelne Signalwörter vorliegen können, erscheint Helmstetters Beobachtung, dass in den lyrischen Texten das ‚Wort als Wort‘ inszeniert werde (s. o.), auch für die Analyse von topischen Strukturen in Lyrik relevant. Bereits Aristoteles schenkt den einzelnen Wörtern in seiner Topik besondere Beachtung, wenn er, mit dem argumentationslogischen Ziel, Mehrdeutigkeit zu vermeiden, ausführlich auf Homonymien und Verfahren, die Verwendungsweisen homonymer Ausdrücke zu untersuchen, eingeht.38 Auch Cicero benennt in seiner stärker praktisch auf die juristische Anwendung ausgerichteten Aneignung der aristotelischen Topik fehlende Eindeutigkeit als Problem:←22 | 23→

„Das sind drei Hauptpunkte, die bei jedem beliebigen schriftlichen Text Streit hervorrufen können: Mehrdeutigkeit; Unstimmigkeit zwischen Wortlaut und Schreiberintention; widersprechende schriftliche Äußerungen (Ista sunt tria genera quae controversiam in omni scripto facere possint: ambiguum, discrepantia scripti et voluntatis, scripta contraria).“39

Im lyrisch-poetischen Text wird dieses Prinzip der Mehrdeutigkeitsvermeidung außer Kraft gesetzt, das von Aristoteles vorgeführte Ausloten der Wortbedeutungen hätte hier also das Ziel der Bedeutungsanreicherung. Dies wird an verschiedenen Beispielen genauer zu untersuchen sein.

Zu den topischen Signalwörtern, auf denen in der folgenden Untersuchung besondere Aufmerksamkeit liegt, gehören nicht nur Wörter aus dem Umkreis der Zeit- und Alterstopik, sondern auch das rhetorisch-dialektische Wortfeld des Urteilens, Unterscheidens, Streitens usw. Zudem finden der dialogische Gestaltungsmodus und Formen von Dialogizität aufgrund der dialektischen Grundform des Streitgesprächs besondere Berücksichtigung. Auch die damit einhergehende Frage nach einer doppelten Adressierung im (fiktionalen) textinternen und textexternen Kommunikationssystem der Lieder verbindet performative und rhetorische Aspekte.

3. Aufbau der Untersuchung

Zeittopik soll in der vorliegenden Untersuchung anhand von Themenfeldern analysiert werden, die für den Minnesang und Formen geistlicher Lyrik charakteristisch sind. Der auch literaturtheoretische Anspruch dieser Untersuchung hat es notwendig erscheinen lassen, dem Analyse- und Interpretationsteil zwei theoretisch orientierte Teile voranzustellen, in denen Grundlegendes zu den Bereichen „Topik und Minnesang“ und „Zeit und Minnesang“ erörtert wird; in diese Kapitel sind zur Veranschaulichung jeweils auch schon einige Liedanalysen integriert.

Teil I, Kap. 1 („Ansätze der Toposforschung“) untersucht schwerpunktmäßig die Fragen nach der Referentialität von Topoi, dem Zusammenhang von Topik und (poetischer) Argumentation und dem Verhältnis von Topos und Metapher (und anderen Formen des ‚uneigentlichen‘ Sprechens und der Ähnlichkeit).

Teil I, Kap. 2 fragt unter den Stichwörtern „Beweisführung, Erfahrung, ‚Meinung‘ und Dialogizität“ nach der Bedeutung von Grundlagen und Grundformen der dialektisch-rhetorischen Argumentation (Enthymem und Paradeigma, Endoxa, Dialog/Dialogizität). Zudem wird der für die endoxale Verständigung wie für das historisch-biographische Zeitverständnis grundlegende Begriff der Erfahrung in einem eigenen Unterkapitel, in Anknüpfung u. a. an Theorien Kosellecks, diskutiert.←23 | 24→

Teil II, Kap. 1 („Zeit und Zeitlichkeit“) beschäftigt sich mit Zeit – als kairos und chronos, als Zeitqualitäten von Zeitlichkeit und Ewigkeit und als Zeitgerüst (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) – unter rhetorisch-dialektischen, theologisch-philosophischen, grammatischen und narratologischen Perspektiven. In diesen Zusammenhang gehören kurze Erläuterungen der im Mittelalter verbreiteten Augustinischen Zeittheorie sowie eine Übersicht über Aussagen zur Zeit im Umfeld antiker Topik und Rhetorik; relevant zum Verständnis ist ferner ein Vergleich zwischen argumentationslogischem und narratologischem Zeitverständnis. Schwerpunktmäßig geht es aber um die Frage nach der Relevanz der genannten Aspekte für den Minnesang, was u. a. an den Topoi der sündhaften Zeitverschwendung, der Zeitlosigkeit der Minnedame und des apokalyptischen Topos der Zeitknappheit exemplarisch analysiert wird.

Teil II, Kap. 2 („Lebensalter, Jahreszeiten, Generationen“) erarbeitet Informationen zum Verständnis antik-mittelalterlicher Vorstellungen von Lebensaltern, Jahreszeiten und Generationen; anhand einzelner Liedanalysen soll demonstriert werden, inwiefern dieses Wissen Niederschlag im Minnesang gefunden haben kann. Dabei werden strukturelle Vorgänge wie Analogie-Denken und das Modell der Linearität und Zyklizität sowie das besonders mit dem Lebensalterwissen verbundene Normdenken herausgearbeitet.

Teil III behandelt dann in exemplarischen Analysen und Interpretationen die folgenden Themenfelder:

1. die Nähe der stilisierten Minnedame (vrouwe) des hohen Minnesangs zur Frau Welt-Figur und damit verbunden das Verhältnis von höfischer Minne und vanitas;

2. gesellschafts- und minnebezogene Ausprägungen von Zeitklage und laudatio temporis acti und weitere topische, besonders auch geistliche Perspektivierungen von Zeit (Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft, irdischer Zeit und Ewigkeit);

3. das topische Arsenal, mit Hilfe dessen eine Minnebiographie konstruiert wird, z. B. langer Dienst, Liebe von Kindheit an, die verpasste Chance und die biographisch-chronologische Lesart als topisches Text- bzw. Rezeptionsmuster.

Bereits in Teil I werden die Grundlagen zur Topik auch mit Bezug auf Zeittopik erarbeitet; Teil II beschäftigt sich mit Topisierungen von Zeit, mit Schwerpunkt auf die Lebensaltertopik, akzentuiert aber auch argumentationslogische und rhetorische Aspekte von Zeit. So lagern sich an die Lebensalter einerseits traditionelles Wissen und eine topisch verfestigte Bildlichkeit an, andererseits ist das Lebensalter rhetorisch und dialektisch ein Kairos sowie ein Fundort für Beweise. Zudem basiert das antik-mittelalterliche Wissen über die Lebensalter←24 | 25→ auf Analogiebildungen, z. B. zum Jahreszeitenwissen, was bedeutet, dass die in Teil I abstrakter besprochene Kategorie der Ähnlichkeit für die Gewinnung und Legitimation topisch gewordenen Wissens relevant ist. Hieran erweist sich noch einmal die enge Vernetzung eines eher inhaltlichen und eines eher argumentationslogischen Toposverständnisses. Zudem lässt sich daran die oben getroffene Aussage, dass sich Texte über Topoi für übergeordnete Wissensformationen öffnen, verdeutlichen: Das topische Wissen ist dem konkreten Text bzw. der konkreten Toposverwendung vorgängig. Im Falle des Lebensalterwissens rekurrieren die Texte zum einen auf den Lebensaltervorstellungen inhärente (Selbst-)Legitimationsstrukturen wie z. B. die genannten Analogiebildungen, die wie Beweise funktionieren. Zum anderen kulminieren im Lebensaltertopos verschiedene Wissensdiskurse: Die topischen Vorstellungen sind somit autorisiert durch die Bibel, das humoralpathologische Schrifttum u. ä.; Lebensalterwissen ist somit durch die Mehrheitsmeinung sowie auch durch die Expertise einzelner Fachleute endoxal abgesichertes, konsensfähiges Wissen.

Die Schwierigkeit, die Themen der Teile I und II strikt voneinander zu trennen, lässt sich auch an den Bereichen Erfahrung und Tradition verdeutlichen. Die dialektische Hin- und Her-Bewegung zwischen dem besonderen Einzelfall und dem Allgemeingültigen entspricht der Wechselbeziehung zwischen eigener und fremder Erfahrung; dieser Zusammenhang wird in Teil I mit Blick auf die historische Forschung, aber auch in Teil II am Beispiel des Generationentopos diskutiert. Gegenüber einem geschichtswissenschaftlichen Traditionsbegriff (Koselleck) wie auch einem soziologischen Generationenbegriff (Mannheim) erweist sich „die ontologische Differenz zwischen fiktiven Figuren und realen Charakteren“40 als Besonderheit fiktionaler Texte. Eine literaturwissenschaftliche Betrachtungsweise bezieht sich, wenn es z. B. um den Erfahrungsbegriff und die Unterscheidung ‚eigener‘ und ‚fremder‘ Erfahrungen geht, nicht auf ‚eigene‘ im Sinne ‚persönlicher‘ Erfahrungen, sondern auf eine entwendete, verfremdete, stilisierte ‚eigene‘ Erfahrung bzw. auf die als individuelle, an ein Ich oder eine andere Figur gebundene verallgemeinerbare, aber als ‚eigene‘ inszenierte Erfahrung. Es gibt in fiktionalen Texten dementsprechend keine ‚tiefere‘ Schicht, sondern immer nur die Oberfläche des Textes, die jedoch durch Konnotationen, Mehrdeutigkeiten, Anspielungen, Querbezüge, Zitate u. ä. eine vielschichtige Semantik aufbaut.

An den in den exemplarischen Analysen behandelten thematischen Schwerpunkten lässt sich dieses Problem weiterverfolgen:←25 | 26→

So verbindet der Frau Welt-Topos allgemeingültige Aussagen über den Lauf der Welt mit der Vorstellung einer Frau; die allgemeingültigen Aussagen werden also in dieser Figur konkretisiert und personifiziert. Hierfür wird auf gleichfalls topische Figuren wie Venus oder die vrouwe des Minnesangs zugegriffen, was einerseits zu vielfältigen semantischen Überlagerungen führt, andererseits dazu verwendet wird, den allgemeingültigen Gedanken den Anstrich des ‚Persönlichen‘ zu geben.

Auch das in den Liedern in vielfältigen Ausprägungen vorliegende Konstrukt einer Vergangenheit ist der dialektischen Bewegung zwischen Allgemeinem und Konkretem unterworfen: ‚Allgemein‘ wäre gleichzusetzen 1.) mit gesellschaftlich, also i. S. einer von vielen Menschen geteilten Vergangenheitsvorstellung; 2.) mit der schriftlichen und mündlichen Überlieferung vergangener Ereignisse; 3.) mit allgemeingültigen Sätzen über z. B. den Wert der Vergangenheit und das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart. An dem zuletzt genannten Punkt setzen Topoi wie Zeitklage und laudatio temporis acti oder der Topos, dass das Dauerhafte gegenüber dem weniger Dauerhaften zu bevorzugen sei, an. Diese Topoi gewinnen nicht als isolierte Aussagen, sondern als mit bestimmten Inhalten gefüllte Argumentationsmuster Gewicht. Dass – nach antik-mittelalterlichen Kategorien – das Dauerhafte dem weniger Dauerhaften vorzuziehen, dass das Altbewährte besser als das Neue sei, ist jeder konkreten Aussage über den Zustand der Gesellschaft vorgängig. Wenn die Gesellschaft dafür getadelt wird, nicht mehr an den alten Werten festzuhalten, so gilt ein solcher Werteverlust per se erst einmal als schlecht. Die in den Liedern ausgesprochene Zeit- und Gesellschaftskritik gewinnt an Überzeugungskraft jedoch gerade durch die Instanz des Ich und die Projektionsflächen der anderen, insbesondere der vrouwe(n); die allgemeingültige und verallgemeinerbare Erfahrung wird als ‚subjektive‘, ‚eigene‘, ‚persönliche‘ Erfahrung ausgegeben bzw. an einem konkreten Einzelfall veranschaulicht. Während das in den Liedern implizit oder explizit aufgerufene allgemeingültige Wissen (moralische Grundsätze, Bildungswissen etc.) eine Art kognitiver Anschlussstelle und Öffnung zum textexternen Publikum hin bietet, könnte man die Konkretisierungen als eine Art affektiver Anschlussstelle beschreiben; das Publikum wird also in die Hin- und Herbewegung zwischen Allgemeinem und Konkretem einbezogen.

Eine fiktionale Grenzlinie zwischen Allgemeinem und Besonderem verläuft zwischen den Fiktionen der Gesellschaft und des Individuums. Es ist etwas anderes, ob das Ich über den Zustand der Gesellschaft klagt oder oder ob es über seine eigene unglückliche Liebe klagt. Allerdings werden diese beiden Bereiche in den Liedern regelmäßig über – auch noch in den Bereich der Jahreszeiten aus←26 | 27→greifende – Analogien und sachliche Begründungszusammenhänge miteinander vernetzt. Jedoch arbeiten die Texte für die Konstruktion einer Minne‚biographie‘ des Ich, also einer Liebesgeschichte, mit speziellen Topoi, wie z. B. dem des langen Dienstes – welcher im übrigen auch im Kontext der Frau Welt-Lieder zu finden ist, woran sich die oben beschriebene Konkretisierungs- und Individualisierungstendenz des Frau Welt-Topos noch einmal erweist. Sie nähern sich auch in besonderer Weise dem Pol des Konkret-Individuellen; hierin sind sie mit der Rollenfiktion des von Reue, Todes- und Höllenangst gezeichneten Ich in einigen geistlichen Liedern vergleichbar. In beiden Fällen wird eine Lebensgeschichte fingiert und Allgemeingültiges somit individualisiert. Die Strategien, mit denen diese Fiktion erzeugt wird, sind in den Bereichen von Topik, Rhetorik und Narration angesiedelt; dieser in Teil II unter generelleren Gesichtspunkten untersuchte Zusammenhang und die dort aufgezeigten Analyseverfahren werden am Beispiel der Minne‚biographie‘ in gebündelter Form angewendet und weiter ausdifferenziert.←27 | 28→ ←28 | 29→


1 Kästner 1991, Vorwort, [S. 1, der Band ist nicht paginiert].

2 Ebd.

3 Ebd., [S. 15], Der März, Str. VI, V. 3 und Str. VII, V. 3 f.

4 Ebd., Vorwort, [S. 1].

5 Ebd.

6 Vgl. ebd., [S. 2 f.].

7 Ebd., [S. 1].

8 Ebd., [S. 3].

9 Einschlägige Überblicksdarstellungen bieten Bornscheuer 1976, S. 109–206 und Schirren 2000, S. xv–xx.

10 Schirren 2000, S. xiii.

11 Curtius 1965, S. 79.

12 Bornscheuer 1976, S. 140.

13 Metzler Literatur Lexikon 1990, S. 312.

14 Ebd., S. 467.

15 Vgl. Augustinus: Confessiones, XI, XXVII.36.

16 DWB, Bd. 31, Sp. 523.

17 Zum Beleg sei, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, auf die zahlreichen, in der Regel interdisziplinären Sammel- und Tagungsbände zum Thema verwiesen (mit erkennbar höherer Frequenz seit der Jahrtausendwende): Böhmer 2000; Conrad/Kondratowitz 1985; Conrad/Kondratowitz 1993; Dubois/Zink 1992; Ehmer/Gutschner 2000; Ehmer/Höffe 2009; Elm/Fitzon/Liess/Linden 2009; Fangerau 2007; Hartung 2005; Herwig 2009; Herwig 2014; Hoppe/Wulf 1996; Hülsen-Esch/Seidler/Tagsold 2013; Joerißen/Will 1983; Kielmansegg/Häfner 2012; Mayer/Stanislaw-Kemenah 2012; Vavra 2008.

18 Die handschriftlichen Überlieferungsvarianten der Lieder sind für die Analysen und Interpretationen breit ausgewertet worden; dies kann innerhalb der Arbeit aber nur in begrenztem Umfang dokumentiert werden.

19 Bornscheuer 1976, S. 98; das folgende Zitat ebd.

20 Siehe hierzu Scholz 2005, S. 129–142 u. 145 f.

21 Vgl. Oswald von Wolkenstein 2007, S. 410 f. (Nachwort).

22 Innerhalb dieser Arbeit erfolgt die Zitation der antiken Schriften zu Topik und Rhetorik folgenden Ausgaben: Die aristotelische Topik wird im griechischen Original nach Aristoteles 1997 (hg. Zekl) und in deutscher Übersetzung nach Aristoteles 2004 (hg. Wagner/Rapp), die aristotelische Rhetorik im griechischen Original nach Aristoteles 1991 (hg. Ross) und in deutscher Übersetzung nach Aristoteles 1995 (hg. Sieveke) zitiert; die aristotelische Poetik folgt in der Wiedergabe des griechischen Originals und der deutschen Übersetzung der Ausgabe Aristoteles 1991 (hg. Fuhrmann); für Ciceros Topik erfolgt die lateinisch-deutsche Zitation nach Cicero 1983 (hg. Zekl), für De inventione nach Cicero 1998 (hg. Nüßlein), für De oratore nach Cicero 2001 (hg. Merklin); Quintilian wird lateinisch-deutsch nach Quintilianus 2011 (hg. Rahn) zitiert.

23 Siehe hierzu Green-Pedersen 1984; von Moos 1988, 1991, 1997, 2000.

24 Knape 2000, S. 750.

25 Vgl. Aristoteles: Topik, I, 1 [100a], zum Zusammenhang zwischen dialektischen Prämissen und endoxa siehe ebd., I, 10 [104a].

26 Bornscheuer 1976, S. 95.

27 Vgl. Aristoteles: Topik, I, 1 [100b] u. I, 10 [104a].

28 Vgl. Hübner 2004, S. 147 u. 150 f.

29 Aristoteles: Topik, I, 11 [104b].

30 Wittstruck 1987, S. 433.

31 Ebd., S. 445.

32 Siehe Bornscheuer 1976, S. 99.

33 Vgl. Helmstetter 1995, S. 28.

34 Ebd., S. 34.

35 Knape 2000, S. 755.

36 Ebd., S. 757.

37 Vgl. Quintilian, V, 10, 109.

38 Siehe u. a. Aristoteles: Topik, I, 15 [106a-107b] u. I, 18 [108a].

39 Cicero: Topik, XXV, 96.

40 Pfister 2001, S. 221.