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denken, schreiben, tun

Politische Handlungsfähigkeit in Theorie, Literatur und Medien

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Edited By Amália Kerekes, Marion Löffler, Georg Spitaler and Sabine Zelger

Die Leitfrage des Bandes bezieht sich auf das interpretatorische Potenzial des Begriffs agency, verstanden als individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit, wie sie in der politischen Theorie zentral ist. Möglichkeit und Effektivität demokratischer Praxis wurde im Zuge politischer Krisendiagnosen westlicher Gesellschaften infrage gestellt, so zum Beispiel in der Debatte um »Postdemokratie«. Vor dem Hintergrund dieser gegenwärtigen Problematik, nehmen die Beiträge des Bandes auch historische Tiefenbohrungen vor und erkunden, wie im Lauf des 20. Jahrhunderts und aktuell politische Denk- und Handlungsräume an den Schnittstellen von Theorie, Literatur und Medien bearbeitet und erschlossen wurden und werden.

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Je länger man schweigt, desto lauter werden seine Worte.: Anmerkungen zum Engagement der experimentellen Literatur in der Nachkriegsavantgarde

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Dorottya Csécsei

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hoffte man in Österreich vergeblich auf einen Neuanfang, auf die Möglichkeit, einen starken, autonomen Staat aufzubauen, der auf die alte österreichische Tradition zurückgreifend einen »positiven Blick in die Zukunft«1 erlaubt hätte: In der Literaturgeschichte gab es keine »Stunde Null«, im Gegenteil, es erfolgte eine Art Restaurationsversuch des »Habsburgischen Mythos«,2 durch den die engmaschige Vernetzung von Literatur und Politik der nationalsozialistischen Zeit in Vergessenheit hätte gedrängt werden sollen. Dabei wurde eine »klassizistische Grundhaltung« propagiert, die laut Klaus Zeyringer großteils auf Georg Gottfried Gervinus’ fünfbändige Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen (1835–1842) zurückzuführen ist, die die Epoche der Klassik als Höhepunkt der Literatur deklariert, und die vom offiziellen Kulturbetrieb wieder aufgegriffen wurde. Paradoxerweise ist jedoch dieser (scheinbare) kulturpolitische Neuanfang, der im Gegensatz zur Propagandaliteratur der NS-Zeit zugleich mit der Entpolitisierung der Literatur hätte einhergehen sollen, selbst als Propaganda zu interpretieren: »Rundfunk und (seit 1955) Fernsehen waren die längste Zeit ein Staatsmonopol«, die großen Bühnen gehörten »Bund, Ländern und/oder Städten; die größeren Verlage [waren] zu einem guten Teil in der Hand des Staates, öffentlicher Körperschaften oder der katholischen Kirche. Bis Mitte der fünfziger Jahre beherrschte die Parteipresse eindeutig den Zeitungsmarkt«.3 Es wurde eine Literatur gefördert, die die damaligen kulturpolitischen Vorstellungen erfüllte, nämlich einer erneuten Identitätsbildung, dem Aufbau eines neuen Österreich-Bewusstseins diente und ←239...

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