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Sprachkontakt - Sprachmischung - Sprachwahl - Sprachwechsel

Eine sprachsoziologische Untersuchung der weißrussisch-russisch gemischten Rede „Trasjanka“ in Weißrussland

Gerd Hentschel, Bernhard Kittel, Diana Lindner, Mark Brüggemann and Jan Patrick Zeller

Die Studie untersucht den Zusammenhang von Sprachverwendung, sozialer Positionierung und kollektiver Identitätsbildung in Weißrussland hinsichtlich des Weißrussischen, Russischen und der weißrussisch-russisch gemischten Rede (Trasjanka). Die soziodemographische und ökonomische Struktur der drei »Kodes« wird mittels Umfrage und Interviews bei drei Generationen erfasst. Die Konstellation ist grundlegend diglossisch: Russisch herrscht im öffentlichen Raum, die Trasjanka viel stärker als bisher angenommen im privaten Bereich (besonders bei der älteren Generation). Weißrussisch ist völlig marginalisiert. Für die spezifisch weißrussisch-kollektive Identität, die durchaus festzustellen ist, spielt keiner der Kodes eine nennenswerte Rolle, bestenfalls das Weißrussische auf symbolisch-musealer Ebene.

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Einleitung

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Sprache bedeutet für den Einzelnen in erster Linie Kommunikation. Sie vermittelt Beziehungen und ist die Grundvoraussetzung für die Vergemeinschaftung der Menschen. Berücksichtigt man jedoch die Zahl der Sprachen auf der Welt, die im Atlas of the World´s Languages auf 6.000 geschätzt wird (Asher & Moseley 2007), so wird auch das Potenzial von Sprache deutlich, als Unterscheidungsmerkmal zu wirken, das viele andere Ordnungskonzepte außer Kraft setzt. Im Durchschnitt kommen je nach Schätzung auf jeden Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen 31 bis 36 Sprachen. Die rund 1.000 lebendigen Sprachen allein in Afrika und Südamerika, von denen Schätzungen ausgehen, lösen diese Kontinente in viele kleine Gruppen auf, deren Zugehörigkeitskriterien in keiner Weise mit politischen Grenzen kongruent sind (vgl. Sasse 2001). Europa ist im Vergleich dazu mit etwa 150 Sprachen, darunter Amts-, Regional- und Minderheitensprachen, noch relativ übersichtlich (Sprachrat 2010). Aber dennoch, auch in den slavischen Sprachen, zu denen das Weißrussische gehört, gibt es Fragen, welche Varietäten als Sprache zu zählen sind und welche nicht (vgl. Hentschel 2003). Eine klare Unterscheidbarkeit von nah verwandten Sprachen (wie z.B. Weißrussisch und Russisch) ist dabei eng mit der Ausbreitung und Durchsetzung überregionaler Schriftsprachen verbunden (vgl. Bechert & Wildgen 1991:12).

Für die soziologische Forschung ergeben sich aus der sprachlichen Strukturierung eines Landes nicht nur neue Fragen nach den Mechanismen gesellschaftlicher Positionierung, sondern auch nach der Ausbildung kollektiver Identitäten. Hier liegt ein Konfliktpotenzial vor, und zwar hinsichtlich unterschiedlicher Ebenen...

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