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Kognitive Aspekte der Phraseologie

Konstituierung der Bedeutung von Phraseologismen aus der Perspektive der Kognitiven Linguistik

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Anna Sulikowska

Diese Monographie verfolgt das Ziel, die zentralen Begriffe der Semantik von Phraseologismen – ihre Idiomatizität, Motiviertheit, Bildhaftigkeit, Bildlichkeit, Ambiguität – aus kognitiver Perspektive zu beschreiben. Die Autorin arbeitet ein Verfahren heraus und erprobt es in korpusbasierten Detailstudien, mit dem semantische Aspekte der Idiome in ihrer Komplexität und Vielfalt anhand eines kongruenten Instrumentariums, unter kohärenten theoretischen Prämissen, erläutert werden. Der wissenschaftliche Wert des Buches liegt in seiner Interdisziplinarität: Hier treffen die empirisch breit abgesicherten Theorien zu Metapher und Metonymie, kognitiver Semantik, mentalen Repräsentationen, literaler und figurativer Sprache, mit der Korpuslinguistik und Phraseologie zusammen.

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3. Semantische Besonderheiten der Idiome aus kognitiver Perspektive

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3. Semantische Besonderheiten der Idiome aus kognitiver Perspektive

If natural language had been designed by a logician, idioms would not exist.

(Johnson-Laird 1993: VII)

Seit der Entstehung der modernen Sprachwissenschaft gilt das Streben nach einer Sprachbeschreibung in Anlehnung an die naturwissenschaftlich-logischen Kriterien als Ideal der wissenschaftlichen Forschung. Auf der Suche nach intersubjektiven Beschreibungsgrößen und einem klaren Untersuchungsgegenstand wird die Sprache in den strukturalistisch und generativistisch ausgerichteten Ansätzen von anderen kognitiven Fähigkeiten des Menschen abgegrenzt und als unabhängiges Modul beschrieben. Phraseologie und insbesondere Idiomatik, die mit ihren inhärenten Merkmalen wie Idiomatizität, Motiviertheit oder Bildlichkeit/Bildhaftigkeit von Natur aus am Schnittpunkt zwischen dem Sprach- und Weltwissen liegen müssen, werden deswegen als problematische Ausnahme angesehen, die man als Randerscheinung abzutun versucht.103 Erst aus der Perspektive des holistischen Ansatzes der Kognitiven Linguistik (vgl. z.B. Lakoff/Johnson 1980, Langacker 1982, 2007, Lakoff 1987) lassen sich die intuitiv unwiderlegbaren, objektiv aber schwer fassbaren Konstrukte der Motiviertheit, Bildhaftigkeit und Idiomatizität näher beleuchten. Da dabei alle genannten Merkmale mit der Doppelbödigkeit des Inhaltsplans der Idiome, d.h., mit dem Zusammenspiel zwischen der literalen und der phraseologischen Lesart aufs Engste verbunden sind, wird zuerst auf die Rolle der beiden Lesarten bei der Konstituierung der Idiom-Bedeutung eingegangen.

3.1 Literale und phraseologisierte Lesart von Idiomen

Phraseologismen im engeren Sinne werden traditionell als besondere Sprachzeichen aufgefasst, weil sie Einheiten des sekundären semiotischen Systems ←171 | 172→darstellen (Burger 2010: 82). Dies bedeutet, dass ihnen aus semiotischer Perspektive ein besonderer Status zukommt, der sich aus der Koexistenz von zwei Lesarten in dem Inhaltsplan: der literalen und der lexikalisierten Lesart ergibt. Auf das Zusammenspiel der beiden Lesarten bei der Konstituierung der aktuellen Bedeutung sind die semantische Komplexität der Idiome und ihr semantischer Mehrwert zurückzuführen.

In der Literatur werden die beiden Lesarten auch als ‚literale‘, ‚wörtliche‘ sowie ‚phraseologisierte‘, ‚idiomatische‘, ‚lexikalisierte‘, ‚übertragene‘, ‚figurative‘ Lesart bezeichnet. Während die Adjektive ‚literal‘ und ‚wörtlich‘ im Weiteren synonym gebraucht werden, scheinen die Begriffe ‚phraseologisiert‘, ‚idiomatisch‘, ‚lexikalisiert‘ einerseits und ‚übertragen‘, ‚figurativ‘ andererseits doch der Abgrenzung bedürftig zu sein. Burgers Argumente für die Differenzierung zwischen den Begriffen: ‚phraseological‘, ‚derived‘ and ‚figurative‘ sind einleuchtend:

„Phraseological meaning“ has the advantage of denoting no more and no less than „the meaning of phrasem“, whereas both „derived“ and „figurative“ already suggest a certain kind of (historical) derivation or a specific connection with the literal meaning. (Burger 2007b: 90)

Alle Idiome haben demnach eine phraseologisierte, idiomatische, lexikalisierte Bedeutung bzw. Lesart, wobei die Begriffe jeweils verschiedene Aspekte dieser Lesart hervorheben: ‚Lexikalisiert‘ profiliert die Festigkeit der Idiome, den Lexikalisierungsprozess, ihre Stabilität, Sprachüblichkeit, Konventionalität. ‚Phraseologisiert‘ und ‚idiomatisch‘ beziehen sich eher auf den semantischen Faktor der Idiomatizität: Phraseologisierte Lesart haben demnach alle Phraseologismen, die idiomatische Lesart nur die Phraseologismen im engeren Sinne. Von einer ‚figurativen‘ bzw. ‚übertragenen‘ Lesart darf dagegen nur bei denjenigen Idiomen gesprochen werden, in denen mittels Metapher oder Metonymie auf ein anderes Denotat referiert wird, als es in dem üblichen, literalen Gebrauch der Fall ist. Die feste Mehrwortverbindung nicht [so] ohne sein hat demnach eine phraseologisierte Lesart: ‚ugs.: nicht so harmlos, sondern stärker, bedeutender sein als gedacht‘ (DUW), ist aber nicht figurativ, sondern elliptisch. Ebenfalls indexal motivierte Idiome wie Und ich bin der Kaiser von China! ‚Das ist äußerst unglaubwürdig!‘ haben eine phraseologisierte/lexikalisierte Lesart, die nicht figurativ ist, sondern durch pragmatische Aspekte des Sprachgebrauchs bedingt wird. Somit sind aus theoretischer Sicht die Begriffe ‚phraseologisierte‘ sowie ‚lexikalisierte‘ Lesart weiter als Begriffe ‚figurative‘ und ‚übertragene‘ Lesart. Die Tatsache, dass die Termini: ‚phraseologisiert‘, ‚lexikalisiert‘ sowie ‚figurativ‘ im Weiteren austauschbar gebraucht werden, ergibt sich aus der Spezifik des zu untersuchenden Korpus, in dem sich die phraseologisierten Lesarten der meisten Idiome infolge der metaphorischen Derivationen oder metonymisch-metaphorischen Derivationsketten konstituieren.

Die Doppelbödigkeit der semantischen Struktur der Phraseologismen liegt einer Reihe der viel diskutierten Phänomene zugrunde, die als konstitutive Merkmale der Phraseologismen im engeren Sinne betrachtet werden. Idiomatizität, Motiviertheit/Motivierbarkeit und Bildlichkeit/Bildhaftigkeit können in ihrer ←172 | 173→Vielfalt erst vor dem Hintergrund der beiden Lesarten und den zwischen ihnen festzustellenden Beziehungen beschrieben werden, auch wenn diese Beschreibung aus unterschiedlichen Blickpunkten erfolgt und verschiedene Aspekte der semantischen Komplexität der Idiome profiliert. Aus diesem Grunde scheint es begründet zu sein, den Forschungsstand zur Problematik der Lesarten zu beleuchten, bevor auf die durch die Beziehung der literalen und der phraseologischen (lexikalisierten) Lesart hervorgerufenen sekundären semantischen Phänomene der Idiomatizität, der Motiviertheit und der Bildhaftigkeit eingegangen wird.

3.1.1 Semiotische Perspektive

Idiome genießen aus semiotischer Perspektive einen besonderen Status der Superzeichen. Unter diesem ursprünglich aus dem Bereich der Informationstheorie und Kybernetik stammenden Begriff wird eine normierte Zusammensetzung aus mehreren Zeichen verstanden, die als Einheit […] zum Zeichenvorrat der Kommunikationspartner gehört (Moles 1977: 70, zit. nach Grzybek 2007: 192). Grzybek (2007: 192–193) verweist dabei auf den Bezug eines so aufgefassten Superzeichens zum Ehrenfels’chen gestaltpsychologischen Prinzip der Übersummativität: Superzeichen sind solche Zeichen, die entstehen, wenn eine Menge von einzelnen Zeichen sich zu einer ‚Gestalt‘, einer ‚Struktur‘ oder einer ‚Konfiguration‘, also zu einer neuen Einheit zusammenschließt. Das Phänomen der ‚Übersummativität‘ der phraseologischen Bedeutung wurde bereits von den Begründern der europäischen (Ch. Bally und V. Vinogradov), darunter der deutschen (Černyševa 1980: 44) Phraseologie wahrgenommen und ist in der einschlägigen Literatur als ‚semantischer Mehrwert‘ (Gréciano 1982, Kühn 1985), ‚konnotativer Mehrwert‘ (Burger 2003: 78) oder ‚semantische Potenzen‘ (Palm 1989, Burger 2010) der idiomatischen Phraseologismen bezeichnet. Damit ist in der Terminologie der Sem-Analyse gemeint, dass der Phraseologismus neben dem semantischen Kern über mehr differenzierende und konkretisierende Seme als ein (semantisch vergleichbares) Einwortlexem verfügt (Burger 2010: 78), wobei es sich teilweise um latente Eigenschaften handelt, die sich erst im Sprachgebrauch entfalten.

3.1.2 Psycholinguistisch-kognitive Perspektive

Die Doppelbödigkeit der phraseologischen Bedeutung wurde relativ schnell in den Fokus der Aufmerksamkeit der psycholinguistisch und kognitiv ausgerichteten Phraseologieforschung gerückt, wo sie bis heute einen prominenten Platz einnimmt. Den beiden linguistischen Teildisziplinen ist großes Interesse an den rezeptiven Aspekten der Idiomverarbeitung sowie der Speicherung der Idiome gemeinsam (Dobrovol’skij 1997: 12–18, Cacciari/Tabossi 1998, Folkersma 2010: 49–50). Die Unterschiede zwischen kognitiver und psycholinguistischer Beschreibung dieser Phänomene sind vor allem methodologischer Natur: Die Kognitive Linguistik ist viel stärker modellbildend (Häcki Buhofer 2004: 148) als die eher empirisch geprägte Psycholinguistik:

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(…) the psycholinguistic approach has a systematic empirical part in addition to theoretical part, whereas the linguistic branch of cognitive approach aims mainly at the theoretical modelling of the phraseological lexicon. (…). Psycholinguistics is concerned with the mechanisms of language comprehension and production in a way as close to empiricism as possible, and its aim is the construction of cognitive models for mechanisms of processing and acquisition as well as for storage. (Häcki Buhofer 2007: 837)

Bezüglich der Frage nach der zeitlichen Abfolge der mentalen Aufschlüsselungsprozesse bei der Rezeption der Phraseologismen werden folgende Hypothesen vertreten:

  (i)Die chronologisch älteste literal-first Hypothese geht von der Annahme aus, dass bei der Verarbeitung phraseologischer Einheiten immer zuerst auf die literale Bedeutung zurückgegriffen wird (Bobrow/Bell 1973). Erst wenn diese literale Interpretation den gegebenen kontextuellen Bedingungen nicht gerecht wird, greift man auf die lexikalisierte Lesart zurück. Dobrovol’skij (1997: 13) verweist darauf, dass dieses Verarbeitungsmodell im Einklang mit dem sog. Standard Pragmatic Model steht, d.h., auf eine vom Standard abweichende Bedeutung nur in dem Fall zugegriffen wird, wo die standardmäßige literale Bedeutung nicht zutrifft: „When sentence meaning is defective, look for a speaker meaning that differs from sentence meaning“ (Searle 1979: 114, zit. nach Dobrovol’skij 1997: 13).

 (ii)Den Ausgangspunkt zur Formulierung der direct-access/figurative-first Hypothese (Gibbs 1980, 1986) bildete die empirische Evidenz dafür, dass die Idiome in psycholinguistischen Experimenten nicht länger (und in manchen Fällen sogar schneller) als freie Wortverbindungen verarbeitet werden. Dies stand in einem direkten Widerspruch zu der literal-first Hypothese: Sollten die Idiome tatsächlich jeweils zuerst in der literalen, dann in der lexikalisierten Lesart verarbeitet werden, dann müsste dieser Prozess mehr Zeit in Anspruch nehmen als die Verarbeitung übriger Wortverbindungen. Deswegen nahm man an, dass Idiome als Ganzheiten reproduziert und direkt in der phraseologisierten Lesart aus dem mentalen Lexikon abgerufen werden. Da die Reproduktion einer Wortverbindung kürzer als ihre Generierung unter Einbezug morphologisch-syntaktischer Regeln dauert, können Idiome unter Umständen sogar schneller als freie Wortverbindungen verarbeitet werden.

Die neueren, genaueren empirischen Untersuchungen zu diesem Thema bringen uneinheitliche Ergebnisse (Schweigert 1986, Cacciari/Tabossi 1988, Tabossi/Zardon 1993), die nicht zuletzt auf die pauschalierende, die Heterogenität der Phraseologismen außer Acht lassende Auswahl des Untersuchungsstoffes zurückzuführen sind.

(iii)Die dritte Hypothese – das Modell der simultanen Verarbeitung – geht davon aus, dass beide Lesarten gleichzeitig aus dem Gedächtnis abberufen und auf ihre Einsetzbarkeit in einem gegebenen Kontext hin überprüft werden. Wenn sich unter bestimmten Kontextbedingungen nur eine Lesart als ←174 | 175→kompatibel erweist, wird automatisch auf sie zugegriffen. Wenn dennoch beide Lesarten als sinnvoll erscheinen, stellt sich ein double-take effect ein. Die literale und die phraseologisierte Lesart stehen dann in Konkurrenz zueinander und weitere Verarbeitung des Idioms hängt von zahlreichen Faktoren (Frequenz und Geläufigkeit des PHs, der Beschaffenheit der literalen Lesart, der Position der Schlüsselkonstituente, der Dekompositionalität des Idioms u.a.) ab.

Die neueren Erklärungen zur Repräsentation und Rezeption der Idiome stellen eine balancierte Synthese der unterschiedlichen Zugänge: der direct-look-up Hypothese und der kompositionellen Strategien (Stöckl 2004: 186) dar. Die Verarbeitung der Idiome ist durch zahlreiche Faktoren bedingt, von denen sich manche kaum intersubjektiv erfassen lassen. Einen wichtigen Faktor der Verarbeitung von Idiomen macht beispielshalber die individuelle Geläufigkeit der Phraseologismen aus, die aus psycholinguistischer Perspektive problematisch ist: Menschen weisen nämlich deutliche Unterschiede in ihrem idiolektalen Gebrauch von Idiomen auf.

Parallel zu den in groben Umrissen dargestellten Theorien zur zeitlichen Interaktion der literalen und lexikalisierten Lesart haben sich die psycholinguistischen Theorien zum Speicherungsmodus der Phraseologismen entwickelt:

  (i)Als Theorien der lexikalischen Repräsentation wird eine Gruppe der früheren Hypothesen bezeichnet, die von der Annahme ausgehen, dass Phraseologismen wie unteilbare Einheiten, sog. long words im Langzeitgedächtnis gespeichert werden. Gemeinsam ist diesen Theorien die Voraussetzung, dass die Idiome mit anderen Lexikoneinheiten gleichzusetzen sind. Im mentalen Lexikon existiere demnach ein separates Modul, in dem eine Liste mit Phraseologismen aufgeführt wird. Diese Theorie hat bei einer eingeschränkten Gruppe der unteilbaren und opaken Idiome ihre Daseinsberechtigung. Sie trägt dennoch der phraseologischen Flexibilität und Produktivität (semantische und formale Modifikationen), die zahlreiche Phraseologismen im Gebrauch kennzeichnet, kaum Rechnung.

 (ii)Im Gegensatz zur Theorie der lexikalischen Repräsentation liegt der Konfigurationshypothese die Annahme zugrunde, dass Idiome als Kombinationen von Elementen gespeichert werden (Cacciari/Tabossi 1988). Demnach bestehen hinsichtlich des Speicherungsmodus keine Unterschiede zwischen den freien und den phraseologischen Mehrwortverbindungen. Bei der rezeptiven Verarbeitung der Idiome spielen die keywords eine besondere Rolle: Die Idiome werden so wie freie Wortverbindungen verarbeitet und in der literalen Lesart ausgelegt, bis der Rezipient das Schlüsselwort wahrnimmt. Dieses Schlüsselwort markiert eine qualitative Grenze in der Verarbeitung der Idiome: Es aktiviert die lexikalisierte Bedeutung und lenkt die Verarbeitung in eine bestimmte Richtung. Mit der Annahme relativer Unabhängigkeit der einzelnen Idiom-Konstituenten liefert die Konfigurationshypothese ein geeignetes Instrument zur Erklärung des diskursiven ←175 | 176→Verhaltens von vielen Idiomen, ihrer syntaktischen Durchlässigkeit und semantischer Produktivität.

(iii)Die Dekompositionshypothese, die vor allem in späteren Arbeiten von Gibbs u.a. (1989) vorgeschlagen wurde, verweist darauf, dass sich unter den als Phraseologismen bezeichneten Sprachphänomenen sowohl decomposable als auch non-decomposable Mehrworteinheiten befinden. Dementsprechend lassen sich viele Idiome nach einem semantisch-syntaktischen Kriterium in teilbare und nicht-teilbare Idiome einteilen. Teilbar sind Idiome, deren Konstituenten bzw. Konstituentengruppen (d.h. Mehrwort-Segmente wie grünes Licht ‚Erlaubnis‘ im Idiom jmdm. grünes Licht geben) als Träger selbstständiger Bedeutungen empfunden werden: Die semantische Struktur dieser Idiome lässt sich in der Weise zergliedern, dass einzelne Konstituenten mit bestimmten Teilen der semantischen Struktur korrespondieren (Dobrovol’skij/Piirainen 2009: 46). Den Idiomkonstituenten: jmdm. einen Bären aufbinden könnte man eine unter syntaktisch-semantischer Hinsicht entsprechende Paraphrase: ‚jmdm. eine Lügengeschichte erzählen‘ zuordnen. Eine Isomorphie zwischen der Form- und der Bedeutungsseite liegt vor (Burger 2010: 68). Keine derartige Isomorphie lässt sich dafür bei den Idiomen kick the bucket und ins Gras beißen ‚sterben‘ erkennen.

Die Dekompositionshypothese wird zurzeit kontrovers diskutiert: Burger (2007b: 94–95) macht z.B. darauf aufmerksam, dass diese Theorie zum großen Teil von einer im Grunde genommen beliebigen und subjektiven Paraphrasierung abhängt. Manche Phraseologismen werden intuitiv als teilbar eingeschätzt (z.B. jmdm. eine Pistole an die Brust setzen ‚jmdn. unter Drohungen zu etw. zwingen‘)104, obgleich die in grammatisch-semantischer Hinsicht entsprechende Bedeutungsparaphrase nicht zu finden ist. Auf der anderen Seite machen Dobrovol’skij/Piirainen (2009: 52–59) darauf aufmerksam, dass ein geeignetes Instrument zur Erklärung der syntaktischen Flexibilität und des semantisch-pragmatischen Verhaltens von teilbaren Idiomen in Aussicht steht, sobald man die Kompositionalität/Teilbarkeit nicht auf der oberflächlichen semantisch-syntaktischer Ebene, sondern auf der konzeptuellen Ebene untersucht. Grundlegend für das Phänomen der Teilbarkeit der Idiome ist die Erkenntnis, dass sich die Korrespondenzen nicht auf die lexikalische Struktur (d.h. den Konstituentenbestand) und die lexikalisierte Bedeutung, sondern auf zwei konzeptuelle Strukturen beziehen: die Ausgangs- und die Zieldomäne (source und target frame). ←176 | 177→Im Idiom die Katze aus dem Sack lassen ‚seine wahre Absicht zu erkennen geben‘ wären dementsprechend zwischen der Ausgangs- und der Zieldomäne die folgenden konzeptuellen Verbindungen möglich (vgl. Tab. 7):

Tab. 7:Die konzeptuellen Korrespondenzen zwischen der Ausgangs- und Zieldomäne für das Idiom die Katze aus dem Sack lassen.

Ausgangsdomäne (source frame)Zieldomäne (target frame)
Agens: die Person, die die Katzeaus dem Sack lässtAgens: die Person, die das Geheimnis offenbart
Patiens: die KatzeThema: die Informationen, die bis zu einem gewissen Moment vor den anderen geheim gehalten wurden
Container: der SackExperiencer: die anderen

Beim Mapping ergeben sich bestimmte Korrespondenzen: Das Agens des source frames korrespondiert mit dem Agens des target frames, das Patiens mit dem Thema, zwischen dem Container und dem Experiencer besteht dennoch keine Korrelation. Das ist der Grund, warum das Idiom die Katze aus dem Sack lassen keine Adressatenvalenz aufweist und der Sack semantisch nicht autonom ist.

Die kognitiv ausgerichtete Sicht auf die Kompositionalität der Idiomatik ist vielversprechend, dennoch neu, weswegen sie weiterer Forschung bedarf. Zu den relevanten und unwiderlegbaren Erkenntnissen der Dekompositionalitätshypothese gehören dennoch die Anerkennung der Heterogenität des idiomatischen Bereiches und die Konzeption der Idiomatik als Kontinuums: von unteilbaren Idiomen, die sich wie long words verhalten bis hin zu den teilbaren, leicht modifizierbaren, nur relativ festen Wortverbindungen. Als empirisch gut fundiert kann ebenfalls die Korrelation zwischen der Teilbarkeit der Idiome und ihrer syntaktischen Durchlässigkeit und Akzeptabilität der Modifikationen gelten: „Speakers will tend to be significantly more creative in their use of semantically analysable idioms both in terms of their syntactic productivity and their lexical flexibility“ (Gibbs 1990: 426).

Für die weiteren Überlegungen ist die Annahme grundlegend, dass die phraseologisierte Bedeutung eines Idioms nicht nur durch den Bedeutungstransfer der ganzen Wortverbindung, sondern auch durch den Bedeutungstransfer einzelner Idiom-Konstituenten beeinflusst werden kann, wobei sich beide Prozesse oft gleichzeitig verzahnen.

3.1.3 Zwischenbilanz

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sowohl die auf empirischen Untersuchungen basierende Psycholinguistik (Cacciari/Tabossi 1998, Dobrovol’skij 1997, ←177 | 178→Gibbs 1984) als auch die kognitiv ausgerichtete Forschung (Dirven 2003b, Dobrovol’skij 2009, Lakoff/Johnson 1980, Langacker 2008, vgl. auch Kap. 2.3.5) Evidenz dafür liefern, dass es keine strikt getrennten Speicher für die literale und die figurative Sprache gibt. Vielmehr muss von kontinuierlichen Übergängen, fließenden Grenzen, möglichen Verzahnungen ausgegangen werden. Auf die Phraseologie übertragen relativieren diese Erkenntnisse die traditionelle Differenzierung zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart. Die literale Lesart ergibt sich nicht immer direkt aus der Addition der Grundbedeutungen von einzelnen Konstituenten (vgl. Kap. 2.1.4). In manchen Fällen ist die Bestimmung der Lesart erst unter Einbezug der kontextuellen Faktoren möglich (vgl. das Idiom jmdm. eine Falle stellen). Trotz dieser Relativität stellen die Termini der literalen und der phraseologisierten (lexikalisierten) Lesart aus methodologischer Perspektive relevante theoretische Konstrukte dar, die die wissenschaftliche Diskussion auf dem Gebiet der Idiomatik wesentlich erleichtern, indem sie den Skopus der jeweiligen Theorie auf einen bestimmten Bereich einschränken.

Die zahlreichen Umstrittigkeiten in der phraseologischen Forschungsliteratur der wissenschaftlichen Anfangsphase sind nämlich darauf zurückzuführen, dass die Anzahl und die Art der Beziehungen zwischen der literalen und der lexikalisierten Lesart und die sich daraus ergebende Heterogenität der Phraseologismen im engeren Sinne nicht genügend berücksichtigt worden sind. Demgegenüber liefert die neuere Forschung Evidenz dafür, dass bei Speicherungs- und Verarbeitungsprozessen von Idiomen wesentliche Unterschiede vorkommen: Während manche idiomatische Einheiten tatsächlich wie long words gespeichert und verarbeitet werden (z.B. gang und gäbe), kann die Verarbeitung von anderen (z.B. jmdn. in die Zange nehmen, jmdm. Steine in den Weg legen) aufgrund ihrer ausgeprägten Metaphorizität bis zu einem gewissen Grade wie bei Ad-hoc-Metaphern verlaufen. Die Quantität der festzustellenden Lesarten und die Beschaffenheit der Beziehungen zwischen ihnen übt einen wesentlichen Einfluss auf die semantischen Begebenheiten innerhalb der Idiomatik aus. Aus diesem Grunde scheint die von Burger (2010: 62–65) vorgeschlagene Eingliederung des Gesamtbereiches der Phraseologie nach der Anzahl der Lesarten in vier Bereiche einen guten Ausgangspunkt zur Festlegung der Erklärungsreichweite jeder einzelnen Theorie zu sein:

  (i)Die erste Gruppe bilden die Phraseologismen, die nur eine Lesart aufweisen, und deswegen auf zwei Polen der Idiomatizitätsachse liegen. Über nur eine Lesart verfügen einerseits Phraseologismen, die nicht idiomatisch sind (Dank sagen, blondes Haar, den Tisch decken), andererseits gehören zu dieser Gruppe unmotivierte Idiome mit unikalen Komponenten, wie z.B. sich mausig machen, gang und gäbe, klipp und klar, Maulaffen feilhalten, etw. auf dem Kerbholz haben. Unter Einbezug der etymologischen Perspektive konstituieren diese Gruppe also die Idiome, bei denen (noch) keine Idiomatisierung stattgefunden hat, sowie die Idiome, bei denen die ursprünglich einmal da gewesene wörtliche Bedeutung verloren gegangen ist.

 (ii)←178 | 179→Die umfangreichste Gruppe der Phraseologismen im engeren Sinne (Idiome) bilden die Phraseologismen mit zwei Lesarten, die sich disjunktiv zueinander verhalten. Mit disjunktiv meint Burger (2010: 63), dass die beiden Lesarten in der Regel nicht in den gleichen Kontexten vorkommen können. Diese Gruppe ist heterogen: Hierher gehören metaphorische Idiome, bei denen sowohl die literale als auch die phraseologisierte Lesart in einem Text vorkommen können (jmdm. Steine in den Weg legen, seinen Hut nehmen, das Handtuch werfen), Idiome mit zwei Lesarten, deren literale Lesart dennoch äußerst unwahrscheinlich (jmdm. eine Laus hinters Ohr setzen) oder in der realen Welt unmöglich ist (an jmdm. einen Narren gefressen haben, jmdm. das Herz ausschütten, jmdm. auf der Nase tanzen) sowie die Idiome, deren Lesarten aus synchroner Perspektive als Homonyme betrachtet werden können (jmdm. einen Korb geben).

(iii)Zu der dritten Gruppe gehören Kinegramme: die Phraseologismen mit zwei Lesarten, die simultan realisiert werden (können). Bei diesen Mehrworteinheiten handelt es sich um ein nonverbales Verhalten, das ausgeführt werden kann und seine sprachliche Kodierung (die Achseln zucken, die Stirn runzeln, den Kopf schütteln, mit der Faust auf den Tisch schlagen).

 (iv)Gemischter Typ umfasst teil-idiomatische Phraseologismen: Manche Konstituenten kommen in der phraseologisierten, manche in der literalen Lesart vor. Beim Idiom aus vollem Halse lachen tritt lachen in der literalen, aus vollem Halse in der phraseologisierten Lesart auf.

Von dieser Einteilung ausgehend wird an dieser Stelle die Erklärungsreichweite der vorliegenden Arbeit abgegrenzt: Da die Phraseologismen in dem zusammengestellten Korpus zwei Lesarten aufweisen, die sich generell disjunktiv zueinander verhalten, wird die zweite Gruppe in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Die synchron feststellbare Koexistenz der literalen und phraseologisierten Lesart in dieser Idiom-Gruppe wird schematisch in Abb. 19 dargestellt.

Abb. 19: Schematische Darstellung der Doppelbödigkeit der phraseologisierten Bedeutung.

Das Schema kann aus diachroner und aus synchroner Perspektive interpretiert werden. Primär ist jeweils die Verbindung vom Konzept1 zum Konzept2, die meistens aufgrund der metaphorischen, metonymischen oder metaphtonymischen Derivationen zwischen dem Ausgangs- und Zielbereich und/oder durch die Einbeziehung einer symbolischen Komponente entsteht. Aus diachroner Perspektive ist davon auszugehen, dass auch opake Idiome wie z.B. den Löffel abgeben, kick the bucket oder nie zasypiać gruszek w popiele in der Vergangenheit eine (metaphorisch, metonymisch, intertextuell oder/und symbolisch) motivierte Verbindung zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart aufgewiesen haben, die heutzutage für die durchschnittlichen Sprecher nicht mehr nachvollziehbar ist. Dabei können die beiden Konzepte in einem Rückkopplungsgefüge stehen: Ein geläufiges, oft gebrauchtes Idiom trägt zur Bedeutungserweiterung seiner Konstituente(n) bei. Als Beispiel könnte an dieser Stelle die im Kap. 2.3.4.2.2 bereits erwähnte Bedeutungserweiterung des Adjektivs ‚schwarz‘ angeführt werden, dessen metaphorische Teilbedeutung ‚illegal; ohne behördliche Genehmigung, ohne Berechtigung‘ ←179 | 180→(DUW online, Zugriff am 25.04.2017) möglicherweise durch Teilidiome: schwarze Geschäfte, etwas schwarz kaufen, schwarz über die Grenze gehen beeinflusst wird.

Im Laufe der Zeit kann es auch dazu kommen, dass die idiomatische Bedeutung die wörtliche Bedeutung verdrängt, so wie es z.B. bei der nominalen Konstituente der Idiome jmdn. in die Patsche reiten, in der Patsche sitzen, jmdm. aus der Patsche helfen der Fall ist. Die idiomatische Bedeutung der ‚Patsche‘ hat die wörtliche Bedeutung ersetzt, was sich in der lexikographischen Auffassung des Lexems ‚Patsche‘ widerspiegelt105 (andere Beispiele für die sog. Reidiomatisierung findet man bei Fleischer 1982: 39–41).

Aus synchroner Perspektive – und diese wird im Folgenden ins Zentrum des Interesses gerückt – bildet die mit Pfeilen gezeichnete Beziehung zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart, das Spannungsfeld zwischen dem Konzept1 und dem Konzept2 einen Ausgangspunkt zur Beschreibung von komplexen Phänomenen der Idiomatizität, Motiviertheit und Bildhaftigkeit, denen die folgenden Abschnitte gewidmet sind.

3.2 Idiomatizität

Traditionell wird die Idiomatizität mit Phraseologie in Verbindung gebracht und als „Asymmetrie zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem“ (Hessky 1992b: 82), „irreguläres Verhältnis“ (Fleischer 1997: 30), „Diskrepanz zwischen der phraseologischen Bedeutung und der wörtlichen Bedeutung des ganzen ←180 | 181→Ausdrucks“ (Burger 2003: 31) definiert, die darauf beruht, dass sich die Bedeutung einer Mehrwortverbindung nicht aus den Bedeutungen ihrer Konstituenten zusammensetzt/ableiten lässt. In den letzten Jahrzehnten wurde das Idiomatizitätskonzept unter dem Einfluss der Pragmatik und der Kognitiven Linguistik dennoch deutlich erweitert: Heutzutage koexistieren in der Sprachwissenschaft mehrere Auffassungen der Idiomatizität, die diesem Phänomen z.T. extrem unterschiedliche Rollen in der Sprache zuschreiben: von einer Anomalie (die strukturelle Perspektive) bis hin zu einer übergreifenden, für ausgedehnte Sprachbereiche konstitutiven Regel (vgl. z.B. Taylor 2002: 669, Fillmore/Kay/O’Connor 1988).

3.2.1 Idiomatizität aus struktureller, pragmatischer und konstruktionsgrammatischer Perspektive

Aus der strukturellen Perspektive hängt die Idiomatizität mit struktureller Festigkeit eines polylexikalen Ausdrucks zusammen und kommt in erster Linie in grammatischen Anomalien und transformationellen Defekten zum Vorschein (vgl. z.B. die Verstöße gegen die morphologisch-syntaktischen Regeln seinen Mann stehen, aller guter Dinge sind drei, poln. wyjść za kogoś za mąż). So verstandene Idiomatizität ist relativ leicht operationalisierbar und kann mithilfe von z.B. Eliminierungs-, Substitutions- oder Permutationstests erfasst werden (vgl. Stöckl 2004: 171, Burger 2010: 28–29, vgl. auch Regularität vs. Defektivität des Paradigmas bei Dobrovol’skij, 1995a: 39, Kap. 3.2.2).

Eine wesentlich größere Rolle spielt die Idiomatizität in der pragmatisch ausgerichteten Sprachtheorie. Hier wird sie als Gebrauchsphänomen aufgefasst, das der Sprache als Ganzem zukommt: Es muss „zwangsläufig zu nicht voll motivierten Bedeutungen sowie zu semantischen Transformationen, Anomalien und Irregularitäten kommen, wenn sich polylexikale Ausdrücke in ihrer Verwendung verfestigen“ (Stöckl 2004: 173), wobei sich der Festigungsprozess keinesfalls nur auf die Mehrwortverbindungen einschränkt. Feilke (1998: 74) verweist darauf, dass sich die Idiomatizität ebenfalls in Komposita manifestiert: Die Tatsache, dass unter dem Straßenhändler der Mann verstanden wird, der auf der Straße und nicht mit den Straßen Handel betreibt, lässt sich aus den kompositionellen Bedeutungen von Straße und Händler nicht ableiten; Ölverschmutzung kann sich auf die Verschmutzung von Öl oder durch Öl beziehen, die präferierte zweite Auslegung ist nur auf die Gebrauchsnorm zurückzuführen (Stöckl 2004: 174); als Wohnungstür wird die Eingangstür und nicht die – sich auch innerhalb der Wohnung befindende – Zimmertür bezeichnet. Zahlreiche sprachliche Ausdrücke sind in diesem Sinne idiomatisch geprägt (zum Begriff der ‚idiomatischen Prägung‘ vgl. Feilke 1998 sowie Kap. 1.2.1.3). Aus pragmatischer Perspektive wird die Idiomatizität also sehr weit als im usualisierten Gebrauch entstehende Verwendungsrestriktionen und Konnotationsspezifika aufgefasst (Stöckl 2004: 171–172). Dieser Ansicht schließt sich in Bezug auf die Phraseologismen auch Munske an, der behauptet:

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Meines Erachtens gibt es in strengem Sinne keine nicht-idiomatischen Phraseologismen, da diese im Zuge ihrer Phraseologisierung und Usualisierung stets idiomatische Züge annehmen. (Munske 2015 [1993]: 101)

Idiomatizität spielt ebenfalls eine grundlegende Rolle in der sich seit über 25 Jahren106 intensiv entwickelnden, kognitiv ausgerichteten Konstruktionsgrammatik. Den Ausgangspunkt der Konstruktionsgrammatik107 bildet die Annahme, dass „Konstruktionen das Format sind, in dem Sprachwissen abgespeichert ist“ (Ziem/Lasch 2013: 28) – der Schwerpunkt der Theorie liegt also auf der Ummodellierung der Auffassung von Grammatik sowie der Beziehung zwischen Grammatik und Lexikon. Unter Konstruktionen versteht Goldberg, eine der Begründer(innen) der Konstruktionsgrammatik, sehr weit sprachliche Einheiten verschiedenen Abstraktionsgrades, in denen sich ein Aspekt ihrer Form- und Inhaltsseite nicht kompositionell ermitteln lässt:

According to Construction Grammar, a distinct construction is defined to exist if one or more of its properties are not strictly predictable from knowledge or other constructions existing in the grammar: C is a construction if C is a form-meaning pair <Fi, Si> such that some aspect of Fi or some aspects of Si is not strictly predictable from C’s component parts or from other previously established constructions. (Goldberg 1995: 4)

Idiome, als nicht kompositionelle Wortverbindungen, stellen also Beispiele der Konstruktionen par excellence dar, als Konstruktionen gelten dennoch auch die nicht völlig kompositionellen Wortverbindungen, wie die bereits beschriebene Struktur der Ball unter dem Tisch sowie Derivations- und Flexionsmorpheme (-er in [groß-er], -ung in [Trau-ung]), Wörter, feste Mehrwortverbindungen (Guten Tag!), grammatische Phraseologismen (geschweige denn), schematische Idiome (Was macht xy? [Was macht die Fliege in meiner Suppe?]), Vergleichssätze (je x-er desto y-er) u.a. (vgl. Ziem/Lasch 2013: 19). Aus konstruktionsgrammatischer Perspektive wird die Idiomatiziät also sehr weit aufgefasst, was folgende Worte von Fillmore/Kay/O’Connor veranschaulichen:

We think of a locution or manner of speaking as idiomatic if it is assigned an interpretation in the speech community but if somebody who merely knew the grammar and the vocabulary of a language could not, by virtue of that knowledge alone, know (i) how to say it, or (ii) what it means, or (iii) whether it is a conventional way to say. Put differently, an idiomatic expression or construction is something a ←182 | 183→language user could fail to know while knowing everything else in the language. (Fillmore/Kay/O’Connor 1988: 506, Hervorhebungen von A. S.)

Eine derart weite Auffassung der Idiomatizität stellt eine vielversprechende Forschungsrichtung dar: Je intensiver und eingehender die Sprache im Gebrauch untersucht wird, desto deutlicher wird sichtbar, dass sich zahlreiche Konstruktionen nicht ausschließlich aus den Kernregeln der Grammatik ableiten lassen und die Sprache in wesentlich größerem Ausmaß aus vorgeformten, usualisierten Ausdrücken und Schablonen zusammengebaut ist, als man früher angenommen hat (Jackendoff 1997, Stein 1995, Stubbs 2002, Taylor 2007). Da die so weit verstandene Idiomatizität die Grenzen der Phraseologie enorm erweitern und den Rahmen dieser Untersuchung sprengen würde, werden im Folgenden diejenigen Wortverbindungen in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt, die man traditionellerweise als Idiome bezeichnet, also feste, polylexikale Wortverbindungen, deren Bedeutungen sich nicht von ihren Komponenten ableiten lassen.

3.2.2 Idiomatizität in der Phraseologie – Versuche der Parametrisierung

Idiomatizität stellt in der Phraseologie ein Kriterium dar, das sich von dem intuitiven, impliziten Wissen ausgehend leicht einsetzen lässt, aus der wissenschaftlichen Perspektive dennoch schwer operationalisierbar ist. Dementsprechend können kompetente Sprachteilhaber problemlos entscheiden, ob eine Wortverbindung idiomatisch ist, die Zusammenstellung einer vollständigen Parameterliste, mit denen man den Idiomatizitätsgrad einer Mehrwortverbindung intersubjektiv auffassen könnte, ist aber trotz der intensiven Beschäftigung mit dem Thema insbesondere in der sog. wissenschaftlichen Anfangsphase der phraseologischen Forschung (vgl. Kühn 2007, vgl. Kap. 1.1) nicht gelungen. Deswegen wird die Idiomatizität in der Phraseologie als ein Bündel klassenbildender Eigenschaften definiert, die man sehr weit als (i) Irregularität (Burger/Buhofer/Sialm 1982: 1, Burger 2007a, 2010: 29; Fleischer 1982: 35; Lewicki/Pajdzińska 2001: 315) und/oder (ii) Non-Kompositionalität der Bedeutung (Böhmer 1997: 1, Palm 1997: 8, Roos 2001: 9) erfasst.

Erwähnungswerte Versuche, die Irregularität der Idiome durch die Festlegung von intersubjektiv gültigen Parametern eindeutiger zu beschreiben, haben Dobrovol’skij (1995a: 27–45) und Lewicki (2003) vorgenommen.

Lewicki (2003) versucht, dem Terminus ‚Idiomatizität‘ genauere Konturen angedeihen zu lassen, indem er die Idiomatizität nicht nur als Irregularität, sondern auch als Unkategorialität der Bedeutung definiert. Unter Regularität versteht Lewicki die Situation, in der die Bedeutung einer Wortverbindung sich aus der Verbindung der Bedeutungen ihrer Komponenten ergibt: der hölzerne Tisch ist dementsprechend im Gegenteil zu dem Runden Tisch (als Bezeichnung der gleichberechtigten Sitzordnung bei einer Konferenz und insbesondere als Bezeichnung für die 1989 stattgefundenen Gespräche zwischen den Vertretern der Polnischen ←183 | 184→Vereinigten Arbeiterpartei (PZPN), der oppositionellen Gewerkschaft Solidarność und der katholischen Kirche, die zum friedlichen Übergang vom Sozialismus zur Demokratie in Polen geführt haben) regulär. Einen anderen Indikator der Idiomatizität macht für Lewicki die sog. Kategorialität (poln. kategorialność) aus, d.h. solche Übereinstimmung einer Wortverbindung mit dem Sprachsystem, dass jede Komponente in derselben Bedeutung in anderen sinnvollen Wortverbindungen gebraucht werden kann, während die Wortverbindung den sprachlichen Regeln entspricht108. Die Wortverbindung eine wilde Gegend109 ist somit kategorial, weil man beide Komponenten in den Bedeutungen: wild ‚nicht kultiviert, im natürlichen Zustand befindlich‘; Gegend ‚ein Gebiet‘ auch in anderen Wortverbindungen gebrauchen kann, z.B.: ein wildes Tier, eine vornehme Gegend. Demgegenüber weist die Wortverbindung wilde Ehe keine Kategorialität auf, weil die Komponente wild in der Bedeutung ‚nicht standesamtlich oder kirchlich getraut‘ nur in dieser Wortverbindung auftritt.

Die Kategorialität trägt in manchen Fällen zur Präzisierung des Idiomatizitätsbegriffes bei, nichtsdestoweniger muss hervorgehoben werden, dass sie als Kriterium der Phraseologizität umstritten ist110. Kategorialität stellt ein relatives Kriterium dar: Es sind zahlreiche Mehrwortverbindungen anzutreffen, in denen eine phraseologische Komponente ihre wendungsspezifische figurative Bedeutung mit anderen Komposita oder Mehrwortverbindungen teilt. Den festen Mehrwortverbindungen: schwarze Geschäfte ‚illegale Geschäfte‘, etw. schwarz kaufen ‚etw. auf dem Schwarzmarkt kaufen, illegal kaufen‘, etw. schwarz tun ‚etw. ohne Genehmigung tun‘ käme dann solange der Status von Idiomen zu, wie lange man die Bedeutung von schwarz als ‚illegal‘ nicht als übertragene Bedeutungserweiterung des Adjektivs schwarz anerkennt. Die Übergänge zwischen dem Literalen und dem Übertragenen sind dennoch – wie bereits in den Kapiteln 2.3.4.4, 2.3.5 erörtert – fließend; diese Entscheidung ist deswegen wenigstens teilweise idiosynkratisch und beruht auf individueller Spracherfahrung und der Geläufigkeit der angeführten Wortverbindungen. Wie Dobrovol’skij bemerkt: „Je größer das ←184 | 185→Lexikon, je mehr Elemente mit metaphorischer, bildlicher, abgeleiteter Bedeutung es enthält, desto seltener entsteht die Notwendigkeit, die Kombinationen dieser Elemente als irregulär und idiomatisch zu beschreiben“ (Dobrovol’skij 1995a: 28).

Die von Dobrovol’skij (1995a) zusammengestellte Liste umfasst 12 Irregularitätsmerkmale und gibt somit einen Überblick über die Vielfalt der Faktoren, die Idiomatizität in der Phraseologie konstituieren. Der Autor unterstreicht dabei nachdrücklich, dass auch so eingehende Zusammenstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Dobrovol’skij strebt mit seinen Parametern keine binären Oppositionen zwischen den Idiomen und Nicht-Idiomen an, er setzt ein graduelles Verhältnis vom Typus: „gutes Idiom“— „weniger gutes Idiom“ – „noch schlechteres Idiom“ – „immer noch Idiom“ – „eher fast nicht mehr Idiom“ voraus:

Man kann von einer stärkeren bzw. schwächeren Irregularität der Phraseologismen sprechen und dementsprechend von einer stärkeren bzw. schwächeren Legitimation ihrer Zuordnung zur Kategorie der Idiome. Das basiert auf dem universellen Prinzip der Strukturierung sprachlicher Kategorien, die dadurch bedingt ist, dass die Sprache die indiskrete Welt mit diskreten Mitteln beschreibt. Das Graduierungsprinzip der kategorialen Mitgliedschaft bezieht sich also nicht nur auf die Idiomatik, sondern auch auf die Organisation des mentalen Lexikons. (Dobrovol’skij 1995a: 28)

Die von Dobrovol’skij unterschiedenen Irregularitätsmerkmale könnte man zur besseren Veranschaulichung als entgegengesetzte Pole auf einer Achse anordnen (vgl. Abb. 20). Die links platzierten Merkmale verweisen generell auf die „schwächere“ Irregularität als Merkmale, die auf dem rechten Pol der Achse angesiedelt sind:

Abb. 20: Liste der Irregularitätsmerkmale nach Dobrovol’skij 1995a (zusammengestellt und bearbeitet von A. S.).

Die ersten vier Parameter sind eng miteinander verbunden und hängen mit der Dekompositionalitätshypothese zusammen:

←185 | 186→

  (i)Kompositionalität vs. Nonkompositionalität der Bedeutung

Dieser bereits an mehreren Stellen erwähnte Parameter repräsentiert ein Basismerkmal der Idiomatizität, das von der Seite der Sprachproduktion beschrieben wird. Generell lässt sich feststellen, dass die Einheiten, die zum non-kompositionellen Pol der Irregularitätsachse tendieren wie z.B. ins Gras beißen, bessere Vertreter der Kategorie der Idiome sind, als mehr oder weniger kompositionellen Einheiten (z.B. einen Haken haben, keinen Bock auf etw. haben).

 (ii)Isomorphie vs. Allomorphie zwischen der formalen und der semantischen Struktur

Im Gegensatz zu dem Parameterpaar Kompositionalität vs. Nichtkompositionalität der Bedeutung werden bei den Parametern Isomorphie vs. Allomorphie zwischen der formalen und semantischen Struktur rezeptive, in der Dekompositionalitätshypothese zur Sprache gebrachten Aspekte in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Hier handelt es sich nicht um die Frage, ob Idiome auf die Weise wie Lexeme aus dem mentalen Lexikon abgerufen werden, sondern darum, ob sie rezeptiv als teilbar (composable) oder unteilbar (decomposable) empfunden werden. Die formal-semantische Gliederung des Idioms: den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen ist möglich, nachträglich kann den einzelnen Konstituenten auch eine isomorphe Bedeutungsbeschreibung zugewiesen werden: den Wald (‚das große Ganze‘) vor lauter Bäumen (‚vor lauter Einzelheiten‘) nicht sehen (‚nicht erkennen‘). Dementsprechend weist dieses Idiom einen schwächeren Idiomatizitätsgrad auf als das nicht teilbare Idiom Haare spalten, dem keine isomorphe Bedeutungsparaphrase entspricht.

(iii)Semantische Komplexität vs. semantische Simplizität

Dieses Kriterium geht auf die von Cruse vorgeschlagene Definition zurück: „An idiom may be briefly characterized as a lexical complex which is semantically simplex“ (1986: 37). Dementsprechend sind die Idiome, die man anhand eines Ein-Wort-Identifikators paraphrasieren kann, z.B. jmdn. übers Ohr hauen ‚betrügen‘, den Löffel abgeben ‚sterben‘ bessere Vertreter der Kategorie als Idiome, die derartige Bedeutungsbeschreibung nicht zulassen, z.B. jmdm. fällt die Decke auf den Kopf ‚jd. langweilt sich zu Hause‘, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen ‚einen doppelten Zweck auf einmal erreichen‘. Dobrovol’skij präzisiert dieses Kriterium, indem er als Simplizia ausschließlich diejenigen Lexikoneinheiten qualifiziert, deren semantische Struktur sich auf ein Konzept der Basisebene (im Sinne von Rosch 1973, 1975, vgl. auch das Kap. 3.4) reduzieren lässt.

 (iv)Syntaktische Durchlässigkeit vs. Undurchlässigkeit

Semantische Gegebenheiten üben einen wesentlichen Einfluss auf das syntaktische Verhalten von Idiomen aus: Non-kompositionale, unteilbare Idiome mit einer kompakten semantischen Struktur wie den Löffel abgeben oder ins Gras beißen lassen keine Einschübe wie *den alten Löffel abgeben oder *ins frische Gras beißen zu. ←186 | 187→Im Gegensatz dazu sind bei teilbaren, kompositionellen Idiomen generell Negationen, Qualifizierungen, Quantifizierungen von ihren Konstituenten möglich, vgl.:

Einen kleinen Haken hat die Untersuchungsmethode. Die Zeit, 19.04.2012 (DWDS, Zugriff am 15.03.2016)

Man könnte sich über diese Absicht noch mehr freuen, wenn die Sache nicht einen erheblichen Haken hätte. Die Zeit, 19.08.1948 (DWDS, Zugriff am 15.03.2016)

Syntaktisch undurchlässige Idiome sind damit irregulärer und weisen höhere Idiomatizität als syntaktisch „poröse“ Phraseologismen im engeren Sinne auf.

 (v)Variabilität vs. Fixiertheit des Konstituentenbestandes

Als Varianten definiert Dobrovol’skij (1995a: 34) alle Idiome, die nach dem strukturellen und lexikalischen Aspekt einander völlig oder teilweise gleichen und dabei eine gleiche bildliche Grundlage haben. Zu den Idiom-Varianten zählen die Modifikationen desselben Idioms (Formenbildung) als auch verschiedene Idiome, die nach der Struktur, dem lexikalischen Bestand und der Bedeutung zusammenfallen bzw. korrelieren und die gleiche bildliche Grundlage haben (phraseologische Derivation).

Der idiomatischen Variabilität liegt eine Reihe der Operationen zugrunde, z.B.: Modifikationen in der Aktionsart bzw. Transitivität: auf dem Spiel stehen – etw. aufs Spiel setzen; Antonyme: gute Karten haben – schlechte Karten haben; Synonyme mit unterschiedlichen pragmatischen Parametern: jmdm. in den Hintern kriechen – jmdm. in den Arm kriechen. Nach Dobrovol’skij schwächen die Varianten die Stabilität und dadurch die Idiomatizität ab: Je mehr Varianten ein Idiom aufweist, desto weniger idiomatisch ist es (ebd.).

(vi)Konnotativ-pragmatische Extension der Idiom-Bedeutung

Unter konnotativ-pragmatischer Extension der Idiom-Bedeutung versteht Dobrovol’skij (1995a: 35) „ein Zusammenspiel expressiver Charakteristika, die den Idiomen traditionell als immanente Merkmale zugeschrieben werden“. Die Idiomatizität geht oft – im Gegensatz zur normalen Ausdrucksweise – mit Bildhaftigkeit, Emotivität und stilistischer Markiertheit einher, die als starkes und kognitiv reales Irregularitätsmerkmal angesehen werden können. Phraseologismen: eine Rolle spielen, etw. in Kauf nehmen sind somit regelmäßiger als expressiv stark ausgeprägte Idiome wie jmdm. in den Arsch kriechen, sich die Füße nach etw. wund laufen.

(vii)Formale Spezifikation: neutral vs. markiert

Dieser Idiomatizitätsparameter bezieht sich auf die von Jakobson postulierte poetische Funktion der Sprache. Die ästhetische Markiertheit ist besonders gut bei den Zwillingsformeln sichtbar, die man traditionell aufgrund ihrer rhetorisch-ästhetischen Merkmale, die mittels z.B. End- oder Stabreimes: (mit) Sack und Pack; (unter) Dach und Fach, mit Ach und Krach, außer Rand und Band, poln. chłopek roztropek (vgl. Rytel 1988: 178) oder der Alliteration: mit allem Drum und Dran, auf Biegen und Brechen erzielt werden, als Idiome qualifiziert.

←187 | 188→

(viii)Konstituentenbestand: konventionelle Lexikoneinheiten vs. unikale Konstituenten

Als starkes Irregularitätsmerkmal wird ebenfalls das Vorkommen von unikalen Konstituenten – auch fossile Lexeme (Roos 2001), erstarrte Komponenten (Schippan 1975), Nekrotismen (Telija 1975, Pociask 2007) genannt – angesehen. Aus der sprachökonomischen Perspektive ist es nämlich effizienter, die Einheiten wie: bei jmdm. ins Fettnäpfchen treten, jmdm. Paroli bieten, im Handumdrehen als Ganzes zu speichern, was die Irregularität der Konstruktion erhöht. Die Anwesenheit einer unikalen Komponente stellt dennoch kein notwendiges oder ausreichendes Merkmal der Zugehörigkeit einer Einheit zur Kategorie der Idiome, weil es auch nicht idiomatische Phraseologismen mit unikalen Komponenten gibt, vgl. in Anbetracht, mit Betreff, nach meinem Dafürhalten (Dobrovol’skij 1995a: 37).

(ix)Regularität vs. Defektivität des Paradigmas (vgl. die strukturelle Idiomatizität)

Zahlreiche Idiome sind durch ein defektes Paradigma gekennzeichnet, was bedeutet, dass sie Restriktionen in der Bildung mancher grammatischen Kategorien aufweisen, z.B.:

Restriktionen in der Bildung der Tempora:

jmdm. den Kopf waschen

Er hat ihm den Kopf gewaschen

*Er wäscht ihm den Kopf (Präsens in der phraseologisierten Lesart unmöglich)

Poln. spadać z byka

Z byka spadłeś (Vergangenheitsform)

Z byka spadasz (Präsens in der phraseologisierten Lesart unmöglich) (vgl. Lewicki 2003).

Restriktionen in der Passivbildung:

Engl. She lost her head.

*Her head was lost.

Restriktionen in der Bildung der Pluralform:

etw. ist kalter Kaffee

Das ist kalter Kaffee.

*Das sind kalte Kaffees. (Burger 2010: 21–22)

Die Defektivität eines Paradigmas zwingt den Sprachbenutzer dazu, sich die zulässigen Formen zu merken, und stellt damit ein zusätzliches Irregularitätsmerkmal auf: Je mehr Restriktionen ein Idiom aufweist, desto stärker irregulär ist es (Dobrovol’skij 1995a: 39).

(x)Semantische Kompatibilität vs. Inkompatibilität der Konstituenten

Dieses Kriterium bezieht sich auf die Kompatibilität der Konstituenten in der literalen Lesart. Bei manchen Idiomen, wie bei dem bereits erwähnten Idiom jmdm. den Kopf waschen vertragen sich die Komponenten semantisch gut. Die literalen Lesarten ←188 | 189→anderer Idiome, z.B. Haare auf den Zähnen haben, Ich fresse einen Besen, wenn …, poln. nie zasypiać gruszek w popiele stellen dagegen normwidrige Wortverbindungen dar und können als semantische Anomalien betrachtet werden. Die semantische Inkompatibilität der Konstituenten steigert die Absurdität des evozierten mentalen Bildes, den expressiven Wert sowie die Irregularität einer Wortverbindung.

(xi)Semantische Ambiguität: eine Lesart vs. zwei Lesarten

Der zu besprechende Parameter ist aufs Engste mit der semantischen Kompatibilität vs. Inkompatibilität der Konstituenten in der literalen Lesart verbunden, die Notwendigkeit der Auseinanderhaltung beider Kriterien begründet Dobrovol’skij (1995a: 40) folgendermaßen:

Der Unterschied zwischen ihnen besteht darin, dass die semantische Ambiguität des Idioms aufgrund der Referenzregeln und des Usus bestimmt wird, während die semantische Kompatibilität von den Produktionsregeln von syntagmatischen Ketten abhängt und somit schon auf der Ebene der Oberflächenstruktur in Erscheinung tritt. (Dobrovol’skij 1995a: 140)

Auch wenn diese Begründung diskutabel scheint111, so ist doch Dobrovol’skij zuzustimmen, dass die Idiome, die nur die idiomatische (phraseologisierte) Lesart zulassen, wie z.B. zwei linke Hände haben, jmdm. einen Bären aufbinden, auf der faulen Haut liegen, eine höhere Irregularität aufweisen als Idiome, die sowohl literal als auch figurativ interpretiert werden können, z.B. ins Wasser fallen, den Gürtel enger schnallen (müssen).

(xii)Motiviertheit vs. Opakheit

Das letzte, sehr relevante Kriterium ist eng an die phraseologische Motiviertheit/Motivierbarkeit gebunden, auf die noch detailliert eingegangen wird. Als opake Idiome werden feste Mehrwortverbindungen bezeichnet, deren innere Logik für einen Sprecher nicht nachvollziehbar ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden die Idiome: engl. by and large, dt. den Löffel abgeben, poln. kopnąć w kalendarz von den meisten Sprachbenutzern als opak empfunden. Im Gegensatz dazu sind motivierte Idiome für einen Sprecher nachträglich interpretierbar, d.h., eine mehr oder weniger plausible Erklärung, warum dem Idiom eine bestimmte Bedeutung zugewiesen wird, liegt nahe. Somit ist die Differenzierung zwischen den motivierten und opaken Idiomen subjektiv und von dem jeweiligen Alltags- und Bildungswissen abhängig. Dessen ungeachtet kann man doch die Opakheit als einen ←189 | 190→Irregularitätsfaktor qualifizieren: Wenn man eine Wortverbindung nicht erklären kann, speichert man sie als Ganzheit; wenn man dagegen die innere Logik der Wortverbindung nachvollziehen kann, empfindet man sie als eine mehr oder weniger reguläre Kombination von Wörtern (Dobrovol’skij 1995a: 44–45).

Dobrovol’skijs Parameterliste veranschaulicht zweifelsohne die Komplexität der phraseologischen Idiomatizität und die Vielfalt der Perspektiven, aus denen sie erfasst werden kann. Ob man mit ihrer Hilfe intersubjektiv und präzise festlegen kann, welche feste Mehrwortverbindungen idiomatischer als die anderen sind, bleibt dennoch fraglich.

3.2.3 Zwischenbilanz

Das Idiomatizitätskonzept ist sehr facettenreich und kann unter Einbezug vieler Parameter gedeutet werden. In grober Vereinfachung kann die Idiomatizität auf zwei Weisen aufgefasst werden:

Zum einen wird darunter sehr weit Irregularität in der Sprache aufgefasst, d.h. syntaktische, semantische und pragmatische Abweichungen, die sich mit den grammatischen Regeln und semantischen Grundvoraussetzungen (Homogenitätsprämisse und Kompositionalitätsthese112 der Satzsemantik) nicht erklären lassen. Die Untersuchung der Irregularität bedarf immer eines Bezugspunktes: Um festlegen zu können, dass etwas irregulär ist, muss man über einen regulären Ausgangspunkt verfügen. Da die Omnipräsenz des Regulären in der Sprache seitens kognitiver und pragmalinguistischer Ansätze in den letzten Jahrzehnten stark relativiert wird, wird der Idiomatizität ein immer größerer Stellenwert eingeräumt, was den traditionellen Objektbereich der Phraseologie sehr wesentlich aufweicht.

Zum anderen kann die Idiomatizität auf syntaktische (z.B. na chybił trafił, auf gut Glück) oder semantische Eigenschaft der Phraseologismen eingeengt werden, wo man sie als Irregularität und Non-Kompositionalität der Bedeutung von Mehrwortausdrücken (aus synchroner Perspektive) begreift. Diese Auffassung der Idiomatizität ist in der Phraseologie weit verbreitet (Palm 1997: 8, Roos 2001: 9, Burger 2015: 14–15) und wird von Böhmer explizit wie folgt definiert:

Der Ausdruck ist idiomatisch, d.h. er bezieht sich unmittelbar auf eine Bedeutung, die sich nicht aus den Wörtern, aus denen er besteht, aufgrund der Hierarchie der grammatischen Beziehungen dieser Wörter zueinander konstituieren lässt (Nicht-Kompositionalität), sondern dem Ausdruck nur als ganzem zukommt. (Böhmer 1997: 1)

←190 | 191→

Auch diese auf semantische Aspekte fokussierte Auffassung müsste man dennoch relativieren: Erstens gilt die erwähnte Abschwächung der Rolle des Fregeschen Kompositionalitätsprinzips als allgemeingültigen Sprachprinzips unter dem Einfluss pragmatischer, kognitiver und konstruktionsgrammatischer Forschung auch für literale Lesart der Phraseologismen. Zweitens stellen die korpusbasierten Untersuchungen die vorausgesetzte Festigkeit der Idiome und somit den Terminus der Global- oder Gesamtbedeutung teilweise infrage:

Corpora (…) show overwhelming evidence of the instability of the forms of phrasal lexemes, and the frequent indeterminacy of their lexical elements. (Moon 1998b: 92)

Viele Phraseologismen im engeren Sinne sind weder bezüglich ihrer Struktur noch bezüglich der daran gebundenen Gesamtbedeutung so monolithisch und unveränderbar, wie man es früher anzunehmen pflegte: Im Sprachgebrauch werden Idiome verhältnismäßig oft erweitert, gekürzt oder modifiziert, flexibel und kreativ verwendet, sodass man annehmen dürfte, dass sie wenigstens zum Teil auf manipulierbaren kognitiven Strukturen basieren und nicht als starre long words betrachtet werden können (Błachut 2004, Pociask 2007, Ptashnyk 2009, Sabban 2014). Drittens, und diese Erkenntnis ist an dieser Stelle betonenswert, steht die Idiomatizität als semantische Non-Kompositionalität idiomatischer Einheiten in ihrer starken Ausprägung im Widerspruch zur idiomatischen Motiviertheit. Die Anzahl der Idiome, auf die die Definition von Cruse (1986: 37) „an expression whose meaning cannot be inferred from the meanings of its parts“ bedingungslos zutrifft, ist im Grunde genommen klein und auf opake Idiome eingeschränkt. Bei den meisten – vor allem metaphorisch und metonymisch motivierten – Idiomen haben die kompetenten Sprachteilhaber eine mehr oder weniger einleuchtende Ahnung, was ein Idiom bedeuten könnte und sind imstande, diese Bedeutung selbst bei unbekannten Idiomen unter Einbezug der ko- und kontextuellen Gegebenheiten zu konstruieren.

Idiomatizität stellt somit ein Bündel von Eigenschaften dar, die sich in unterschiedlicher Ausprägung und in unterschiedlichen Kombinationen manifestieren können: Dieser Begriff ist auch in der engeren, für die Phraseologie üblichen Auffassung immer noch diffus und „schillernd” (vgl. Munske 2015 [1993]: 93). Er stellt fest, dass einer Wortverbindung aus semantischer Perspektive ein besonderer Status im Lexikon zukommt, dass sie etwas Besonderes darstellt, ohne dennoch Näheres zu dieser Spezifik zu sagen. Obwohl dies die Aussagekraft der Idiomatizität als Klassifikationskriteriums abmindert, so ist es hervorzuheben, dass in einem so heterogenen Bereich wie die Phraseologie auch derart generelle und dadurch vage Begriffe vom theoretischen Wert sind, weil sie den Forschungsgegenstand wenigstens annährend konturieren lassen. Bereits 1982 bemerkt Fleischer zu Recht:

Alle noch so objektiv erscheinenden Klassifikationskriterien verlangen bei ihrer Anwendung auf das Material der Sprache Entscheidungen, die an bestimmten Stellen nicht eindeutig zugunsten des einen oder anderen Faktors getroffen werden können (Fleischer 1982: 41). „Das bedeutet nicht Ungenauigkeit des Resultats, ←191 | 192→sondern adäquate Beschreibung der Zwischenstellung“ eben der betreffenden sprachlichen Erscheinungen. (Fix 1974–76, 306, zit. nach Fleischer 1982: 41)

3.3 Motiviertheit der Idiome

Motivation weist in der Sprachwissenschaft verschiedene Bedeutungen auf, je nachdem, ob man sie der Arbitrarität oder der Idiomatizität gegenüberstellt. Setzt man sie in Opposition zu der Arbitrarität im Sinne von de Saussure, dann wird sie als Beziehung zwischen Inhalts- und Ausdrucksseite sprachlicher Zeichen verstanden, so wie sie beispielshalber in den Onomatopoetika zur Geltung kommt. Wird sie in Opposition zur Idiomatizität betrachtet, dann stellen Idiomatizität (verstanden als Unableitbarkeit der Bedeutung eines Idioms aus den Bedeutungen seiner Konstituenten) und Motivation/Motiviertheit/Motivierbarkeit zwei komplementäre Erscheinungen dar, die sich gegenseitig bedingen. Im Folgenden wird ausschließlich auf die zweite phraseologierelevante Perspektive eingegangen: Motivation in erster Bedeutung tritt in der Phraseologie nur bei der sog. indexalen Motiviertheit auf und bezieht sich auf wenige Idiome, vgl. die Typologie der phraseologischen Motiviertheit von Dobrovol’skij (2001, 2007) und Dobrovol’skij/Piirainen (2009).

Die traditionelle Auffassung, die auch heutzutage als ein angesichts der Komplexität und Vielfalt der als Idiome bezeichneten Phänomene notwendiger Konsens akzeptiert wird (Burger/Dobrovol’skij/Kühn/Norrick 2007), erkennt die Polylexikalität, Stabilität und Idiomatizität als primäre Eigenschaften der Phraseologismen im engeren Sinne an, während die Motiviertheit/Motivierbarkeit, Bildhaftigkeit und Expressivität als intersubjektiv schwer fassbare Phänomene113 für sekundäre Indikatoren der Phraseologizität gehalten werden (vgl. Fleischer 1982: 72, Worbs 1998: 261, Ptashnyk 2009: 19–29). Diese Auffassung lässt außer Acht, dass die absolute Idiomatizität – als Unableitbarkeit der Gesamtbedeutung einer Wortverbindung aus den Bedeutungen ihrer Konstituenten verstanden – in der reinen Form selten vorkommt. Sogar hinsichtlich ihres Realitätsbezugs grotesk und skurril anmutende Phraseologismen erscheinen häufig aus einer volksetymologischen114 bzw. individuellen ←192 | 193→Perspektive nicht gänzlich unmotiviert (Chrissou 2000: 24). Bei den meisten Idiomen besteht zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart eine für den Sprachrezipienten mehr oder weniger nachvollziehbare Verbindung.

Motivation means that this connection is not entirely arbitrary and conventional, but that the native speaker can see a direct connection between the structure of the lexical unit and its meaning. (Coates 1964: 1048)

Diese Verbindung – als Motivation, Motiviertheit oder Motivierbarkeit bezeichnet – bildet einen Gegenpol zur Idiomatizität, die beiden Kriterien ergänzen sich komplementär, sie sind „umgekehrt proportional“ (Gläser 1980: 164): Je größer die Motiviertheit, desto weniger idiomatisch ist ein Idiom, was das folgende Schema (Abb. 21) veranschaulicht:

Abb. 21: Das komplementäre Verhältnis zwischen der Motiviertheit und Idiomatizität (Roos 2001: 156).

←193 | 194→Hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass die beiden Lesarten nicht gleichberechtigt sind: Anders als bei der Interpretation von innovativen Metaphern, vollzieht sich die motivierende Verknüpfung der literalen und der phraseologisierten (meistens figurativen) Lesart in der Phraseologie vor dem Hintergrund der phraseologisierten Idiombedeutung. Es ist jeweils die phraseologisierte/lexikalisierte Lesart, die einen Spielraum eröffnet, innerhalb dessen der Sprachteilhaber aufgrund seines Welt- und Sprachwissens eine – mehr oder weniger plausible – Erklärung zwischen der literalen und der figurativen Ebene suchen kann, sie konturiert den Bereich, in dem diese Suche überhaupt möglich ist. Das Idiom: Öl ins Feuer gießen könnte demnach aufgrund der zugrunde liegenden Metapher mehrere Bedeutungen aufweisen (vgl. Sulikowska 2015b: 172), z.B.:

  (i)‚einen Bummelanten zur Eile drängen‘;

 (ii)‚jmdm. [durch Hinweise, Zureden, finanzielle Mittel o.Ä.] bei der Durchsetzung seiner Ziele helfen‘;

(iii)‚eine Sache, ein Projekt vorantreiben; beschleunigen‘;

 (iv)‚einen oder mehrere Schnäpse oder alkoholhaltige Getränke zu sich nehmen‘;

 (v)‚provozieren; einen Streit entfachen; einen schwelenden Konflikt zum Ausbruch bringen‘.

Die Tatsache, dass ausgerechnet die letzte Bedeutung lexikalisiert wird, ist auf die Konvention zurückzuführen. Nur innerhalb dieser lexikalisierten Bedeutung wird ein kompetenter Sprachteilhaber nach einer motivierenden Verknüpfung zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart suchen: Ob er dabei auf das Alltagswissen, dass Öl beim Brennen eine sehr hohe Temperatur entwickelt und im Falle der Löschversuche mit Wasser zur gefährlichen Explosion führen kann (Volksetymologie) oder auf das intertextuelle Wissen über die Satire von Horaz115 (etymologische, intertextuelle Motivation) zurückgreift, hängt ausschließlich von seinen Wissensbeständen und seiner Erfahrung ab. Die Motiviertheit eines Idioms lässt sich somit nur auf der Folie seiner phraseologisierten Lesart, retrospektiv, post factum erkennen. Idiome sind damit „arbiträr und nichtarbiträr zugleich: arbiträr im Sinne der Imprediktabilität und nichtarbiträr im Sinne der nachträglichen Interpretierbarkeit relevanter Phänomene“ (Dobrovol’skij 1995a: 90).

3.3.1 Motivation, Motivierbarkeit und Motiviertheit

In der Fachliteratur sind in Bezug auf das Phänomen der nachträglichen Verstehbarkeit der Idiome drei Termini gebräuchlich: Motivation, Motiviertheit und Motivierbarkeit (Munske 2015 [1993]: 94).

←194 | 195→Den Begriff der Motiviertheit hat Häusermann (1977: 22) als Alternative zum älteren Begriff der Motivation vorgeschlagen, weil er der Dynamik des Prozesses sowie seinem individuellen Charakter besser Rechnung trägt.

Die weiteren Abgrenzungen zwischen der Motiviertheit und der Motivierbarkeit wurden beispielshalber von Munske (1993) und Burger (2007a, 2010, 2015) postuliert, allerdings unter Einbezug verschiedener Perspektiven:

Munske differenziert zwischen der Motiviertheit und der Motivierbarkeit anhand des synchronisch-diachronischen Kriteriums. Die Motivierbarkeit eines komplexen Ausdrucks bezieht sich auf seine aktuelle semantische Deutbarkeit aus den einzelnen Komponenten, die Motiviertheit ist historisch und bezieht sich auf den Zeitpunkt der Bildung eines komplexen Ausdrucks:

Beides kann identisch sein, wenn die ursprüngliche Motiviertheit bis heute bewahrt blieb (z.B. in den sauren Apfel beißen müssen, schon bei Luther belegt, Röhrich I, S. 92). Dagegen ist die Wendung etw. für einen Apfel und ein Ei bekommen heute nicht mehr gleichermaßen motiviert wie im Mittelalter, als Äpfel und Eier als ein anschauliches Synonym für nichts gelten konnten; offensichtlich ist die abhanden gekommene Motivation in Kind und Kegel oder jmdn. ins Bockshorn jagen. (Munske 2015 [1993]: 94)

Burger (2007a: 69–70; 2010: 68–74, 2015: 67–69) versucht dagegen mit der Differenzierung zwischen der Motivierbarkeit und der Motiviertheit individuell-situative und semantische Aspekte abzugrenzen. Unter der Motivierbarkeit subsumiert er folgende Aspekte:

  (i)psycholinguistischer Aspekt: Der Phraseologismus ist für bestimmte Sprecher „verstehbar“, weil ihnen die Bildlichkeit „einleuchtet“ oder weil sie Assoziationen zu einzelnen konkreten Komponenten bilden;

 (ii)textlinguistischer Aspekt: Der Phraseologismus wird in einem Text durch Kontextarrangements als metaphorisch erkennbar und „verstehbar“ gemacht;

(iii)historischer Aspekt: Der Phraseologismus ist für manche Sprecher in seiner Genese nachvollziehbar, da sie seine Etymologie kennen.

Motiviertheit schränkt Burger auf die semantische Relation ein. Als motiviert gelten für Burger nur diese Idiome, die über die sogenannte semantische Basis verfügen. Hier handelt es sich um den Anteil,

(…) den jeweils die wörtliche Bedeutung der ganzen Wortverbindung oder einer Komponente am (synchronen) Zustandekommen und damit an der „Verstehbarkeit“ der phraseologischen Bedeutung hat. Wir bezeichnen diejenigen Wörter oder Wortkomplexe, die in ihrer freien Bedeutung am Zustandekommen der phraseologischen Bedeutung beteiligt sind, als die semantische Basis des Phrasems. (Burger 2015: 67)

Die Motiviertheit basiert, so Burger, auf semantischen Relationen, den Relationen also

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die dem System der Sprache zuzusprechen sind, die von durchschnittlichen muttersprachlichen Sprechern jederzeit nachvollziehbar sind, die also nicht nur (wie in Fällen 1 bis 3) unter individuellen situativen oder kontextuellen Bedingungen eine Rolle spielen. (Burger 2015: 67–68)

Motivierbar sind also fast alle Phraseologismen im engeren Sinne, motiviert dagegen nur (i) die nicht-idiomatischen Phraseologismen, da dort die semantische Basis identisch mit der phraseologischen Bedeutung ist, sowie (ii) die metaphorischen Idiome (Burger 2010: 70; 2015: 68).

Obwohl Burgers Differenzierung theoretisch einsichtig zu sein scheint, so lässt sie sich doch, sobald man sie auf den empirischen Untersuchungsstoff übertragen hat, in zahlreichen Punkten schwer nachvollziehen.

Das erste Problem bildet der Begriff der semantischen Basis, mit dem Burger die modulare Sicht auf die Sprache aufrechtzuerhalten versucht. Kann man die Motiviertheit unter Ausschluss des individuellen psycholinguistischen, kulturellen und historischen Aspektes analysieren? Existieren semantische Relationen zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart, die man ausschließlich „dem System der Sprache“ zuschreiben könnte? Was ist unter dem „System der Sprache“ zu verstehen? Bezeichnenderweise führt Burger (im Gegensatz zu anderen Kapiteln seiner mit zahlreichen Beispielen veranschaulichten Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des Deutschen) ausgerechnet an dieser Stelle keine Beispiele für motivierte und motivierbare Idiome heran. Möglicherweise hängt dies damit zusammen, dass das Nachvollziehen der Verbindungen zwischen den Lesarten weitgehend individuell ist und aufs Engste mit dem allgemeinen (sprachlichen, kulturellen, bildungsbedingten) Wissen des Rezipienten, seinem Alter, dem Umfang seines mentalen Lexikons, seiner Vorstellungskraft und Lebenserfahrung zusammenhängt. Das bereits erwähnte Idiom Öl ins Feuer gießen kann, je nachdem, ob der Sprachteilhaber über das entsprechende Wissen im Bereich der Naturwissenschaften oder auch Geschichte bzw. Literatur verfügt – als motiviert, motivierbar oder nicht motivierbar gelten. Dasselbe bezieht sich auf zahlreiche andere Idiome: z.B. die Segel streichen ‚den Kampf, den Widerstand aufgeben‘ (Verstehbarkeitsgrundlage bildet hier entweder das Wissen von Segelschiffen: Die eingeholten Segel bieten dem Wind keine Angriffsfläche an, oder historisches Bildungswissen: in früherer Zeit war es ein Zeichen der Kapitulation, wenn ein Segelschiff vor dem Feind die Segel einholte, vgl. DUW), ein heißes Eisen anpacken ‚ein heikles, verfängliches, brisantes Thema ansprechen‘ (das Idiom ist aufgrund des allgemeinen Wissens von der hohen Temperatur des erhitzten Eisens und der davon ausgehenden Gefahr oder durch das historische Wissen von der sog. Eisenprobe, dem mittelalterlichen Rechtsbrauch motiviert, vgl. redensarten-index, Zugriff am 19.10.2016), den Ball flach halten ‚vorsichtig sein, sich zurückhalten‘ (wer im Fußball den Ball flachhält, der kann ihn besser kontrollieren, vgl. redensarten-index, Zugriff am 13.05.2016). Zwar existieren in jeder Sprache auch Idiome, denen – als musterhaften Manifestationen der konzeptuellen Metaphern und Metonymien – von durchschnittlichen Sprachteilhabern wahrscheinlich sehr ähnliche, motivierende Verbindungen ←196 | 197→zwischen den beiden Lesarten zugewiesen werden könnten, diese Mappings sind aber nicht auf der sprachlichen, sondern auf der konzeptuellen Ebene angesiedelt116. Demnach mag die Motiviertheit der Idiome: jmdm. Steine in den Weg legen, jmdm. Hindernisse in den Weg legen, jmdm. in die Quere kommen aufgrund der weitverbreiteten konzeptuellen Metaphern: leben ist eine reise, schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg für Sprecher und Rezipienten einleuchtend sein. Ähnliches gilt für die wegen des Embodiments (der Verankerung in der körperlichen Erfahrung) motivierten Idiome, mit denen Emotionen ausgedrückt werden: Ärger wird bekanntlich als flüssigkeit in einem behälter konzeptualisiert, angst als kälte, feindliches wesen; liebe und leidenschaft als hitze (Dobrovol’skij 1997, Folkersma 2010): Auch wenn diese motivierenden Verbindungen universelle Züge aufweisen, so steht ihre Platzierung auf der Ebene der semantischen Relationen, den Relationen also „die dem System der Sprache zuzusprechen sind“ (Burger 2015: 67) im krassen Widerspruch zu den Grundannahmen der kognitiven Theorie der Metapher und Metonymie. Ausgerechnet in Bezug auf das Phänomen der Motiviertheit, das von Natur aus auf dem Schnittpunkt zwischen der Sprache, dem Weltwissen und der Lebenserfahrung liegen muss, scheint die modulare Sicht auf die Sprache unhaltbar zu sein: Eine weite kognitive Perspektive ist hier erforderlich.

Zum anderen weckt die Einschränkung der Motiviertheit auf die metaphorischen Idiome Zweifel: Metonymische Idiome (ein kluger Kopf ‚ein intelligenter Mensch‘) werden natürlich auch als motiviert betrachtet. Darüber hinaus ist in der neueren Forschung die Tendenz erkennbar, ins Zentrum des Interesses außer Metapher auch Metonymie und Symbol zu rücken (vgl. u.a. Feyaerts 1999, Dirven 2003a, 2003b, Dobrovol’skij/Piraiinen 2005, 2009, Radden 2003, Taylor 2003, Tóth 2011). Die Motiviertheitsmechanismen sind bei zahlreichen Idiomen mehrschrittig, überlagern sich in mehreren Schichten und beruhen auf der Interaktion.

Aus diesen Gründen wird in den nachfolgenden Ausführungen die Differenzierung zwischen der Motiviertheit und der Motivierbarkeit aufgegeben und in Bezug auf die nachträgliche Interpretierbarkeit der Idiome ausschließlich der Begriff ‚Motiviertheit‘ verwendet.

3.3.2 Typen der Motiviertheit

Ähnlich wie die Idiomatizität stellt auch die Motiviertheit ein facettenreiches, komplexes Phänomen dar, das aus mehreren Perspektiven beleuchtet werden kann. Der nachträglichen Verstehbarkeit der idiomatischen Bedeutung können nämlich mehrere Mechanismen zugrunde liegen, nicht auszuschließen ist dabei, dass sich diese Mechanismen überlagern oder in Konkurrenz zueinander stehen. Munske (1993) analysiert in seinem Artikel Wie entstehen Phraseologismen? die Motiviertheit aus einer diachron-synchronen Perspektive. Eine ausführliche Darstellung der ←197 | 198→unterschiedlichen Motiviertheitstypen von Idiomen (Phraseologismen im engeren Sinne) aus synchroner Sicht haben Dobrovol’skij (2001, 2007) sowie Dobrovol’skij/Piirainen (2009) vorgeschlagen. Burgers (2007b) Typologie rückt die wichtigsten kognitiven Mechanismen der figurativen Bedeutungserweiterung in den Vordergrund: Metapher, Metonymie, Synekdoche sowie Symbol.

3.3.2.1 Motivertheitstypologie von Munske

Munskes Typologie der Motivation ist umfassend, da er seine Aufmerksamkeit auf die Phraseologismen im weiteren Sinne richtet. Damit bezieht sie sich – im Gegensatz zu den beiden anderen Typologien – nicht ausschließlich auf Idiome (die er als figurative Phraseologismen bezeichnet), sondern schließt ebenfalls feste Mehrwortverbindungen wie z.B. Nominationsstereotypen, onymische Phraseologismen ein. Munskes Beitrag ist zwar hauptsächlich auf diachrone Aspekte der Phraseologiebildung ausgerichtet, die Parallelen zwischen den Mechanismen der Phraseologiebildung und der späteren Motiviertheit der Phraseologismen sind dennoch offensichtlich und werden mehrmals zur Sprache gebracht. Aus dieser Perspektive unterscheidet Munske (2015 [1993]: 95–122) zuerst zwischen einer historischen Motiviertheit (Primärmotivation, Motivation) und aktueller Motivierbarkeit der Idiome.

Die historische Motiviertheit (Motivation) lässt sich in folgende Typen untergliedern:

(i) Die morphologisch-semantische Motiviertheit umfasst zum Zeitpunkt ihrer Bildung alle Phraseologismen (im weiteren Sinne), da ihre Bedeutung aus der Bedeutung ihrer Komponenten erwachsen ist bzw. figurativ darauf Bezug nimmt. Diese Gruppe umfasst heterogene Phraseologismen – Munske nennt sie unspezifische Phraseologismen – darunter onymische Phraseologismen, Phraseoschablonen, kommunikative Formeln u.a. Als Beispiel der morphologisch-semantischen Motivation können die Mehrwortverbindungen: die neuen Bundesländer, die alten Bundesländer dienen, mit denen in den 90er Jahren des 20. Jh. der Bezeichnungsnotstand bezüglich der neuen politischen Realität neutral ausgeräumt wurde.

(ii) Die figurative Motiviertheit beruht darauf, dass manche Phraseologismen darüber hinaus auf der Folie der morphologisch-semantischen Motivation einer bestimmten Kollokation eine zusätzliche übertragene Bedeutung verleihen (ebd., 95). Unter der figurativen Phraseologiebildung werden drei Mechanismen aufgefasst: die metaphorische, metonymische und synekdochische Phraseologiebildung.

Die metaphorische Phraseologiebildung definiert Munske als Durchbrechen des thematischen Verwendungsbereiches: Im Akt der metaphorischen Nomination steckt zugleich eine Prädikation, indem ein Sachverhalt aufgrund von Ähnlichkeitsbeziehungen mit Ausdrücken eines anderen thematischen Bereichs benannt wird und eine spezifische Motivationsbedeutung erhält (ebd. 109). Der Raum der Ähnlichkeitsbeziehungen (das tertium comparationis) wird nicht explizit genannt, weswegen metaphorischer Gebrauch einen breiten interpretativen Spielraum ←198 | 199→eröffnet. Auf diesen Spielraum ist die sog. weite Bedeutung der metaphorischen Phraseologismen zurückzuführen:

Es ist deshalb auch recht schwierig, für metaphorische Phraseologismen eindeutige lexikographische Interpretamente zu bestimmen. Je nach Kontext können oft verschiedene Motivationsbedeutungen aktualisiert werden. Erst wenn der interpretative Bezug zur literalen Basis nicht mehr möglich ist, oder wenn eine weitgehende denotatsbezogene Idiomatisierung erreicht ist, haben auch metaphorische Phraseologismen eine enge Bedeutung. (Munske 2015 [1993]: 110)

Bei der metonymischen Phraseologiebildung handelt es sich um geringfügige Sinnverschiebungen (ebd., 111), Sinnberührung (im Sinne von Ullmann 1972), Übertragungen innerhalb thematischer Zusammenhänge, die man mit Termini der KI-Forschung als ‚Frame‘ oder ‚Szene‘ bezeichnet (ebd.). Munske verweist darauf, dass in der germanistischen Phraseologieforschung keine nähere Beschäftigung mit Metonymien erfolgte, und führt eine Liste phraseologischer Einheiten mit der Komponente Gesicht an, die metonymisch motiviert sind, vgl. u.a.:

Gesicht steht für ‚Miene, Gesichtsausdruck‘: ein freundliches/trauriges Gesicht machen, ein langes Gesicht machen/ziehen

Gesicht steht für ‚Ansehen, Einschätzung durch andere‘: das Gesicht wahren/ verlieren

Gesicht steht für ‚Charakter‘: sein wahres Gesicht zeigen

Auch wenn Munskes Einschätzung der Lage zweifelsohne richtig ist, so bleibt zu bemerken, dass einige der angeführten Bedeutungsverschiebungen nicht eindeutig als Metonymien eingestuft werden können, sondern durch Metonymien und Metaphern konstituiert sind, weil ein Durchbruch thematischer Zusammenhänge erkennbar ist, z.B. sein Gesicht wahren/verlieren (Abb. 22):

Abb. 22: Metonymie und Metaphtonymie als Mechanismen der Bedeutungskonstituierung am Beispiel des Idioms sein Gesicht wahren.

Als dritter Typ der figurativen Motiviertheit gilt Synekdoche. Synekdoche wird als eine Spielart der Metonymie angesehen, die sich auf zwei Relationen einschränkt: die Teil-Ganzes-Relation sowie die Genus-Spezies-Relation (ebd., 114). ←199 | 200→Von Relevanz ist die Synekdoche für die einfachen Lexeme und Komposita: Die Genus-Spezies-Relation entspricht dem Verhältnis von Hyperonymie und Hyponymie (semantische Über- und Unterordnung); die Teil-Ganzes-Relation ist semantisch nicht fassbar, sondern nur aus dem Weltwissen über die Objekte abzuleiten (ebd., 114–115). In der Phraseologiebildung spielt die Synekdoche eine untergeordnete Rolle (ebd., 115).

(iii) Situativ motiviert sind Phraseologismen, die unter der Voraussetzung bestimmter situativer, nicht versprachlichter Gegebenheiten zustande kommen. Die Kenntnis der Situation ist dabei die Voraussetzung eines motivierten Verständnisses eines Idioms (ebd., 96). Als Beispiel können hier die elliptischen Phraseologismen wie großer Bahnhof für großer Empfang am Bahnhof dienen. Die Ellipse beruht auf der „Aussparung von sprachlichen Elementen, die aufgrund von syntaktischen Regeln oder lexikalischen Eigenschaften notwendig sind“ (Bußmann 1990: 207). Sie ist damit ein Parole-Phänomen. Im Falle einer Lexikalisierung wird sie aber als Form der Bedeutungsbildung angesehen.

Viele elliptische Phraseologismen haben euphemistischen Charakter: ein Verhältnis mit jmdm. haben, oben ohne, du kannst mich mal! Besonders oft treten elliptische Idiome in situativ gebundenen kommunikativen Formeln, z.B. Der wird nicht mehr! ‚Der wird nicht mehr gesund‘ auf (Munske 2015 [1993]: 116–117).

(iv) Die Zeichenfeldmotivation kommt in den Beschränkungen möglicher Modifikationen von Phraseologismen zum Ausdruck. Hier handelt es sich um unterschiedliche Formen sekundärer Phraseologiebildung117: Einzelne Komponenten der Typen 1–3 sind ausgetauscht oder erweitert, die Gesamtbedeutung ist jedoch der ursprünglichen gleich oder ähnlich. Der Austausch oder die Erweiterung erfolgen im Rahmen eines Zeichenfeldes, um einzelne Kernwörter bilden sich phraseologische Nester (Häusermann 1977: 71, zit. nach Munske 2015 [1993]: 118). Sie lassen bestimmte Typen der Modifikation118 erkennen (Munske 2015 [1993]: 118):

(a)komplementäre Modifikation: leichten/schweren Herzens, von/ohne Belang sein, das will etwas/nichts heißen, zu etwas/nichts kommen,

(b)←200 | 201→konverse Modifikation: etwas zu Gesicht bekommen/etwas aus dem Gesicht verlieren, das Heft in die Hand nehmen/aus der Hand geben, auf der Bildfläche erscheinen/von der Bildfläche verschwinden,

(c)aktionale Modifikation: (I = Inchoativ, D = Durativ, K = Kausativ): auf den Hund kommen (I)/auf dem Hund sein (D)/jmdn. auf den Hund bringen (K), aus dem Konzept kommen (I)/jmdn. aus dem Konzept bringen (K)/sich nicht aus dem Konzept bringen lassen (K-Passiv), in die Jahre kommen (I)/in den besten Jahren sein (D).

Am Rande erwähnt Munske auch einen Typus der Motivation, der auf der Wiederherstellung der verloren gegangenen Motivation beruht: Die einzelnen, nicht mehr verstandenen Komponenten werden umgedeutet, wodurch Anschlüsse an den gegenwärtigen Wortschatz erreicht werden, ohne dass eine wirkliche Neumotivation erfolgt. Ein polnisches Beispiel für die sich vollziehende Remotivation ist das Idiom nie zasypiać gruszek w popiele [wörtl. ‘die Birnen in der Asche nicht einschlafen’] ‚die Gelegenheit nicht unbenutzt lassen‘, das oft inkorrekt in der Form nie zasypywać gruszek w popiele [wörtl. ‘die Birnen in der Asche nicht zuschütten’] gebraucht wird (https://sjp.pwn.pl/poradnia/haslo/nie-zasypiac-gruszek-w-popiele;2980.html, Zugriff am 02.12.2016). Die Etymologie dieses Idioms ist auf die alte Gepflogenheit zurückzuführen, nach dem Brotbacken die Birnen in der Asche zu dörren. Falls sie dabei nicht aufmerksam bewacht wurden (weil man beispielsweise am Ofen eingeschlafen war), waren sie verbrannt119. Da das Verb zasypiać ‚einschlafen‘ den gegenwärtigen Sprachteilhabern als semantisch inkompatibel und grammatisch normwidrig (zasypiać wird heutzutage nur intransitiv gebraucht) erscheint, ersetzen sie es durch das mit dem mentalen Bild kompatible Verb zasypywać.

Nicht klar als Typ der phraseologischen Motiviertheit, dennoch als Modell der Phraseologismenbildung werden von Munske auch die Entlehnungen und Lehnbildungen angesehen. Die Entlehnungen, die die fremdsprachliche Orthographie und Aussprache beibehalten (take it easy, keep smiling, dolce vita, ad hoc, c’est la vie), bilden dabei „nur die Spitze des Eisbergs lexikalischen Lehnguts“ (ebd., 121). Die Mehrheit des Lehnguts bilden Lehnbildungen, zu denen Lehnübersetzungen und Lehnübertragungen gehören. Unter Lehnübersetzungen werden lexikalisch und syntaktisch genaue Übersetzungen verstanden, in denen die Gesamtbedeutung des quellsprachigen Ausdrucks auf das Übersetzungsäquivalent übertragen wird, z.B. stehende Ovationen aus engl. standing ovations, sein Gesicht wahren aus engl. to save one’s face, der springende Punkt aus lateinisch punctum saliens. Lehnübertragungen weisen lexikalische, morphologische oder syntaktische Modifikationen auf, ihr Nachweis ist dennoch schwierig, denn die Wörterbücher führen meistens nur parallele Bildungen (ins Gras beißen, fr. mordre la poussière) auf (ebd., 121).

←201 | 202→Die Mechanismen, die zur Entstehung der Phraseologismen führen und dann zu ihrer nachträglichen Verstehbarkeit beitragen, veranschaulicht Munske zusammenfassend anhand des folgenden Schemas (Abb. 23):

Abb. 23: Modelle der Phraseologismenbildung nach Munske (2015 [1993]: 124).

3.3.2.2 Motiviertheitstypologie von Dobrovol’skij/Piirainen

Terminologisch knüpft die von Dobrovol’skij und Piirainen vorgeschlagene Klassifikation der Motiviertheit120 an die von Peirce (1960: 247–249) eingeführte semiotische Trichotomie: Ikon, Index und Symbol an, es werden aber auch die Termini der Kognitiven Linguistik einbezogen und berücksichtigt. Die Typologie wurde einigen Revisionen unterzogen und ausgebaut, die neueste Version aus dem Jahre 2009 lässt sich mithilfe des folgenden Schemas (Abb. 24) veranschaulichen:

Abb. 24: Schematische Darstellung der Motivationstypen anhand der Typologie von Dobrovol’skij/Piirainen (2009: 17–41).

←202 | 203→Im ersten Schritt gliedern Dobrovol’skij/Piirainen (2009) die Motivation der Idiome in die semantische und indexale Motivation auf.

Die meisten Idiome sind semantisch motiviert. Unter der semantischen Motivation von Idiomen wird die intuitiv nachvollziehbare Zuordnung der Form (der lexikalisierten Struktur) eines Idioms zu seiner lexikalisierten Bedeutung (seiner konzeptuellen Repräsentation im Lexikon) aufgefasst (Dobrovol’skij/Piiraninen 2009: 17). Die Verbindungen zwischen den beiden Ebenen können dabei vielfältiger Art sein, eine gewisse (vom individuellen Kenntnisstand abhängige) Subjektivität der Motiviertheit ist nicht auszuschließen (ebd., 18). Die semantische Motiviertheit zerfällt dabei in drei Haupttypen: die metaphorische, die symbolische und die intertextuelle Motiviertheit.

Bei der metaphorischen Motiviertheit handelt es sich um den großen Komplex konventionalisierter Metaphern. Generell entsteht sie durch die Mappings, die zwei Konzepte (das Ausgangs- und das Zielkonzept) miteinander verbinden. Der metaphorischen Motiviertheit liegen zwei konstitutive kognitive Mechanismen zugrunde. Die motivierenden Mappings können auf der übergeordneten, abstrakten Ebene der konzeptuellen Metapher (die auf der konzeptuellen Metapher basierende Motivation) oder auf einer konkreteren Ebene, bei der die individuellen Eigenschaften der betreffenden bildlichen Einheit im Mittelpunkt stehen (frame-basierte Motivation) angesiedelt werden (ebd., 20). Bei der Beschreibung des erstgenannten Metapherntypes greifen die Autoren auf die Pionierleistungen der CTM-Theorie zurück: Dementsprechend liegt die konzeptuelle Metapher wissen ist licht zahlreichen Idiomen des Deutschen und anderer Sprachen als Motiviertheitsbasis zugrunde und lässt sie zu Clustern gruppieren: Licht in etw. bringen ‚eine undurchsichtige Angelegenheit aufklären‘, sein Licht leuchten lassen ‚sein Wissen zur Geltung bringen‘, mit Blindheit geschlagen sein ‚etw. Wichtiges ←203 | 204→nicht erkennen‘, im Dunkeln tappen ‚in einer aufzuklärenden Sache noch keinen Anhaltspunkt haben‘, jmdm. geht ein Licht auf ‚jd. versteht plötzlich etw.‘ (ebd., 21), etw. ans (Tages-)Licht bringen/ziehen/zerren ‚etw. an die Öffentlichkeit bringen‘, ans (Tages-)Licht kommen ‚bekannt werden, offenbar werden‘. Die Einsetzbarkeit der CTM bei der Untersuchung der Phraseologie charakterisieren die Autoren wie folgt:

Wenn die KTM [= Kognitive Metapherntheorie, A. S.] als Analyseapparat angewendet wird, so lassen sich metaphorisch motivierte bildliche Lexikoneinheiten nach ihrer Motivationsbasis zu Clustern zusammenfassen. Solch eine Gruppierung kann zu nichttrivialen Ergebnissen führen. Erstens kann dies als ein Mittel genutzt werden, um reguläre, systematische Eigenschaften der bildlichen Sprache aufzudecken. Die Hypothese, dass eine relativ geringe Anzahl von Metaphernmodellen einer großen Anzahl von bildlichen Ausdrücken vieler Sprachen zugrunde liegt, hat einige Wahrscheinlichkeit für sich. Zweitens kann das – nach den zugrunde liegenden Metaphernmodellen gruppierte – Inventar bildlicher Ausdrücke empirische Evidenz zur Überprüfung bestimmter Hypothesen über die Beschaffenheit des mentalen Lexikons liefern. Es gehört jedoch nicht zu den Zielsetzungen der Kognitiven Metapherntheorie, ein Mittel zur umfassenden Beschreibung eines jeden bildlichen Ausdrucks zur Verfügung zu stellen. Deshalb kann sie kein universelles Instrument zur Erforschung der bildlichen Sprache sein. Ihre Leistung besteht nicht darin, die Motivation eines jeden bildlichen Ausdruck zu erklären oder Auskunft über die Beschaffenheit eines jeden einzelnen Ausdrucks zu geben. (…) Nicht alle bildlichen Ausdrücke, nicht einmal alle bildlichen Lexikoneinheiten, die auf einer metaphorischen Basis motiviert sind, können mit Hilfe von Metaphernmodellen der KTM zu Clustern gruppiert werden. Die KTM kann also, ebenso wenig wie andere Theorien, das semantische Resultat vorhersagen. (Dobrovol’skij/Piirainen 2009: 23)

Den anderen Typ der metaphorischen Motivation bilden die framebasierten Metaphern. Als frames definiert Dobrovol’skij (2007: 791) nach Minsky (1995): „a structure of data (or a conceptual structure, in other terms) designed to represent a stereotypical situation“. Im Jahr 2009 führen Dobrovol’skij und Piirainen eine erweiterte Definition von Fillmore/Ch. Johnson /Pertuck (2003: 235) heran: Frames sind „schematic representations of the conceptual structures and pattern of beliefs, practices, institutions, images etc. that provide a foundation for meaningful interaction in a given speech community“. Die framebasierten Metaphern sind weniger abstrakt als konzeptuelle Metaphern, bei ihrer Herausbildung stehen die individuellen Eigenschaften der bildlichen Einheit im Mittelpunkt (Dobrovol’skij/Piirainen 2009: 20). So ist das Wissen über die stereotype Situation unerlässlich, um zahlreiche Idiome interpretieren zu können. Ohne grundsätzliches Szenario des Boxkampfes (z.B. Boxen ist ein Kampfsport, wird in mehreren Runden ausgetragen, zwischen denen Pausen angelegt werden; in den Pausen erholen sich die Gegner in den Ecken, dort werden sie ärztlich versorgt, wobei das Handtuch zum Abtrocknen und Wasser zum Mundspülen zu typischen Utensilien gehören; falls die Gesundheit eines Boxers infolge einer im Kampf davongetragenen Verletzung gefährdet ←204 | 205→ist, wird der Kampf unterbrochen u.a.) wäre die Motivation des Idioms das Handtuch werfen ‚aufgeben‘ für die Sprecher nicht nachvollziehbar. Ähnliches gilt für andere Idiome, deren Motivation das Evozieren von zusammengesetzten, kulturell-bedingten Wissensstrukturen voraussetzt: seinen Hut nehmen ‚aus dem Amt scheiden, zurücktreten‘, wie ein rotes Tuch auf jmdn. wirken ‚durch sein Vorhandensein jmds. Widerwillen, Zorn hervorrufen‘.

Als Sonderfälle der metaphorischen Motivation werden Kinegramme und usualisiertes Wortspiel betrachtet (Dobrovol’skij/Piirainen 2009: 27–29):

Kinegramme (z.B. die Achseln zucken ‚ratlos sein, etw. nicht genau wissen, jmdm. gleichgültig sein‘, die Nase über jmdn./etw. rümpfen ‚jmdn./etw. gering schätzen, seinen Unmut über jmdn. etw. kundtun‘) beruhen auf nonverbalen Verhaltensweisen wie Gesten, Gebärden oder Mimik als Metaphern. Die literale und die figurative Lesart sind bei den Kinegrammen soweit integriert, dass man die Geste oder Mimik auch ohne verbale Äußerung in der konventionalisierten Bedeutung interpretiert: Gesten stellen somit kulturspezifische Artefakte mit einer konventionalisierten Bedeutung dar.

Teilweise metaphorisch sind ebenfalls Mechanismen, die usualisiertes Wortspiel motivieren. Das Idiom etw. aus der Armenkasse kriegen ‚Prügel bekommen‘ ist durch das phonische Wortspiel der lexikalischen Komponente Armen- (als Teil des zusammengesetzten Nomens Armenkasse) und der Pluralform des Substantivs Arm – Arme, mit denen verprügelt wird, motiviert (ebd., 29). Um das Idiom metaphorisch interpretieren zu können, muss es zuerst linguistisch reinterpretiert werden. Als andere Beispiele führen die Autoren die Idiome: am Sankt-Nimmerleins-Tag ‚niemals‘; Kotzebues Werke studieren ‚sich erbrechen‘; vom Stamme Nimm sein ‚geldgierig, habgierig sein‘.

Den zweiten Typ der semantischen Motivation bildet die symbolische Motivation. Im Gegensatz zu der metaphorischen Motivation erstreckt sie sich nicht auf die ganze Wortverbindung, sondern auf eine Idiomkonstituente. So sind in den Idiomen: eine schwarze Seele haben ‚böse sein, einen schlechten Charakter haben‘, ein goldenes Herz haben ‚einen guten Charakter haben, sehr freundlich und hilfsbereit sein‘ die adjektivischen Konstituenten: schwarz, gold symbolisch motiviert. Die Verbindung zwischen den beiden Lesarten des Idioms kommt durch die Kohärenz zwischen symbolischen Konzepten, die in der Sprache existieren und entsprechenden symbolischen Phänomenen im kulturellen Kode zustande. Somit ist gold nicht a priori besser als andere Metalle, sondern erhält seinen besonderen Wert aufgrund kultureller Semiotisierungen. Zu anderen im christlich-abendländischen Kulturraum weitverbreiteten Kultursymbolen gehört beispielshalber brot, vgl. anderer Leute Brot essen ‚von anderen Leuten finanziell abhängig sein‘, sein eigen Brot essen ‚beruflich selbstständig sein‘, ein hartes/schweres Brot ‚schwere Arbeit, mühevoller Gelderwerb‘, überall sein Brot finden ‚geschickt, fleißig, anstellig sein, sodass man überall seinen Lebensunterhalt finden kann‘, während im asiatischen Kulturkreis an dieser Stelle reis fungiert: jap. Tanin no meshi wo kuu [wörtl. ‘gekochten Reis fremder Leute fressen’] ‚von anderen Menschen finanziell abhängig sein‘. Symbolisch motiviert sind auch Idiome mit den Zahlen: z.B. sieben (auf ←205 | 206→der Wolke sieben schweben ‚überglücklich, in Hochstimmung sein‘), Farben: z.B. schwarz (schwarzes Schaf ‚jd., der in einer Gemeinschaft unangenehm auffällt‘), Tieren: z.B. hund (wie ein Hund leben ‚ärmlich, elend leben‘, jmdn. wie einen Hund behandeln ‚jmdn. sehr schlecht, menschenunwürdig behandeln‘, unter dem/allem Hund sein ‚miserabel, unter aller Kritik sein‘).

Im Gegensatz zu der metaphorischen Motivation, die weitgehend auf die Ähnlichkeitsbeziehung zurückzuführen ist, kann die symbolische Motivation erst im Rahmen der Kultursemiotik adäquat beschrieben werden (Dobrovol’skij/Piirainen 2009: 31). Für die Explikation der konzeptuell-semantischen Beziehung zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart ist die Aktivierung spezifischen Kulturwissens notwendig, das aus der Perspektive der Mitglieder der Sprach- und Kulturgemeinschaft zwar trivial erscheint, aus der Sicht „von außen“ aber deutliche kulturspezifische Züge trägt (Dobrovol’skij 2007: 91). Die Beziehungen beruhen auf bestimmten Konventionen, die in der jeweiligen Kultur tradiert werden und ohne Rückgriff auf bestimmte kultursemiotische Wissensstrukturen nicht als Motivationsbasis der phraseologisierten Bedeutung erläutert werden können (vgl. Dobrovol’skij/Piirainen 2009: 30–31).

Den letzten Typ der semantischen Motivation der Idiome macht die intertextuelle Motivation aus. Sie bezieht sich auf Idiome, deren lexikalische Struktur auf einen bereits existierenden Text zurückführt (2009: 32). Die intertextuelle Motivation ist an das sog. Bildungswissen gekoppelt: Die Motiviertheit des Phraseologismus der Groll frisst jmdm. an der Leber ist für die Sprecher, deren Bildungshintergrund sich bis hin zum Prometheus-Mythos erstreckt, besser nachvollziehbar als für diejenigen Sprecher, die über entsprechendes Wissen nicht verfügen (Folkersma 2010: 53). Dieser Motivationstyp kommt dennoch selten in reiner Form vor: Dementsprechend ist das Idiom gegen/mit Windmühlen kämpfen ‚einen sinnlosen, von vornherein aussichtslosen Kampf führen (gegen eingebildete Gegner)‘ für diejenigen Sprecher, die Cervantes’ Roman „Don Quixote“ (1605) kennen, intertextuell motiviert, während andere Sprecher diesem Idiom eine metaphorische Motivation zuweisen würden. Ähnliches gilt für jmdm. einen Bärendienst erweisen ‚in guter Absicht etwas tun, was dem anderen, zu dessen Nutzen es gedacht war, schadet, als wäre es der Bär in der Fabel, der in guter Absicht die Fliege im Gesicht des Gärtners tötet und ihn selbst dabei erschlägt‘, dessen Etymologie auf eine Fabel von Jean de La Fontaine zurückzuführen ist (Dobrovol’skij/Piirainen 2009: 35).

Die intertextuelle Motivation kommt in zwei Typen vor: Zum einen treten Idiome auf, die bis in den Wortlaut hinein mit einer Textquelle identisch sind, oft handelt es sich hier um Zitate, bei denen das Zitatenbewusstsein verloren gegangen ist. Zum anderen existieren Idiome, die auf eine gesamte Textpassage zurückgehen und deren Pointe kurz resümieren (ebd., 32–33).

Nicht-semantisch ist der letzte von Dobrovol’skij/Piirainen vorgeschlagene Motivationstyp. Bei der indexalen Motivation handelt es sich um einen in der Form des Idioms angelegten Verweis auf seine aktuelle (phraseologisierte) Bedeutung (Dobrovol’skij 2001: 95). So wie Indizes an sich keine Bedeutung tragen, sondern die Aufmerksamkeit in eine Richtung lenken, so kommen auch Idiome vor, ←206 | 207→deren phonische oder konzeptuelle Form als Symptom der aktuellen Bedeutung gedeutet wird. Innerhalb der indexalen Motivation werden zwei Typen unterschieden: Es kann sich um phonische und pragmatische Verweise (Indizes) handeln (Dobrovol’skij/Piirainen 2009: 36–38).

Bei der phonischen Indexierung verweisen bestimmte Merkmale der Lautstruktur des Idioms auf die korrespondierenden Merkmale der lexikalisierten Idiombedeutung. Im Idiom: den heiligen Ulrich anrufen ‚sich erbrechen‘ verweist der Name Ulrich als onomatopoetische Nachahmung des beim Sich-Übergeben entstehenden Geräusches auf die phraseologisierte Bedeutung des Idioms (Dobrovol’skij 2001: 95).

Im Falle der pragmatischen Indexierung ergibt sich die lexikalisierte Bedeutung aus der Absurdität, die der Wortkette in der wörtlichen Lesart zugrunde liegt (ebd., 96), vgl. Ist der Papst katholisch? ‚die Antwort auf diese Frage versteht sich von selbst‘, Und ich bin der Kaiser von China ‚das ist äußerst unglaubwürdig, was du da sagst‘.

Die indexale Motivation stellt einen separaten Motivationstyp dar und lässt sich mit dem Beschreibungsapparat der Kognitiven Linguistik nur bedingt erfassen. Die Parallelität der wörtlichen Lesart zum situativen Kontext und die sich daraus ergebenden pragmatischen Implikaturen sind zur Erklärung der Motiviertheit unabdingbar. Die Idiomatizität von indexal motivierten Wortverbindungen ist nicht semantischer Natur (ergibt sich nicht aus der Non-Kompositionalität der Bedeutung), sondern pragmatischer Natur. Der indexalen Motivation kommt in der europäischen Phraseologie eine eher marginale Stellung zu, wesentlich häufiger liegt den Idiomen die semantische, insbesondere die metaphorische Motivation zugrunde.

Abschließend bleibt zu bemerken, dass die genannten Motivationstypen gleichzeitig auftreten können, was Dobrovol’skij/Piirainen (2009: 39–40) als Blending verschiedener Motivationstypen bezeichnen und als Interaktion verschiedener Motivationen in ein und derselben idiomatischen Lexikoneinheit definieren. So wird das Idiom im siebten Himmel sein/sich wie im siebten Himmel fühlen ‚sich in einer überaus glücklichen Stimmungslage befinden‘ durch konzeptuelle Metaphern gut ist oben, schlecht ist unten, durch frame-ähnliche, z.T. religös- und kulturbedingte Strukturen von dem Konzept himmel, den symbolischen Wert der Zahl sieben sowie – bei vertieftem etymologischem Wissen auch intertextuell (Schöpfungsgeschichte in der Bibel, babylonische und griechische Mythologie, Sonderstellung der Zahl sieben in Judentum, Christentum und in der antiken Kosmogonie) motiviert.

3.3.2.3 Motiviertheitstypologie von Burger

Trotz der an einer anderen Stelle (Burger 2007a, 2010, 2015) vorgeschlagenen Abgrenzung der Termini: Motivation, Motiviertheit und Motivierbarkeit bedient sich Burger in seinem Beitrag zu Phraseologie/Phraseology ausschließlich des Begriffs motivation, was wahrscheinlich auf die Sprachfassung (Englisch) ←207 | 208→zurückzuführen ist. Burgers Motivationstypologie (2007b: 98–101) knüpft an die in der Phraseologie verbreitete Ansicht an, dass die „Vergleichsrelation der Metapher und die Ersatzrelation der Metonymie die zwei wichtigsten Motivationen“ sind (Palm 1995: 14). Während die Typologien von Munske und Dobrovol’skij/Piirainen sich zum Ziel setzen, so viele Aspekte der nachträglichen Verstehbarkeit der Idiome wie möglich zu ermitteln, konzentriert sich Burger auf die Beschreibung der wichtigsten bekannten Mechanismen des Bedeutungswandels.

Terminologisch basiert diese Motivationstypologie auf drei Tropen der klassischen Rhetorik: Metapher, Metonymie und Synekdoche, die um das Symbol (symbolische Motivation) erweitert werden.

Die Auffassung symbolischer Motivation von Burger basiert weitgehend auf der Definition von Dobrovol’skij/Piirainen (1996): Als Symbole werden kulturell vermittelte Konzepte angesehen, die auf der Konvention basieren und ohne entsprechendes Wissen nicht verständlich sind (Burger 2007b: 98). „Contrary to metaphors and metonymies, in my opinion, no basic cognitive operations but only cultural knowledge is needed to understand symbols“ (ebd.). Zugleich verweist Burger dennoch darauf, dass Symbole in Idiomen mit Metaphern und Metonymien zusammenspielen können: Gold in der Kehle haben ist zugleich symbolisch (die Komponente ‚Gold‘ als Symbol für etwas Schönes, Wertvolles) und metonymisch (Kehle steht für Gesang) motiviert.

Näherer Beschreibung erfordern dagegen die rhetorischen Figuren als Basis semantischer Motivation idiomatischer Wortverbindungen.

Metapher und Metonymie werden als Motivationsmechanismen von Burger in einem Punkt behandelt, wobei er die beiden Mechanismen aus zwei Perspektiven diskutiert: aus der traditionellen und aus der kognitiven Perspektive.

Bei der Darstellung der kognitiven Metapher und Metonymieauffassung greift Burger auf den bereits beschriebenen und diskutierten Zwei-Domänen-Ansatz zurück. Metapher wird demnach als mentale Operation aufgefasst, die zwei distinkte konzeptuelle Domänen aufgrund einer bestimmten Projektionsrelation (conceptual mapping) verbindet: Sie projiziert die Ursprungsdomäne auf die Zieldomäne, wobei die Domänen nicht durch eine pragmatische Funktion verbunden sind. Eine Metonymie stellt dagegen „a mapping of a conceptual domain, the source, onto another conceptual domain, the target“ (ebd.), die Domänen sind dennoch durch eine pragmatische Funktion verbunden. Unter pragmatischer Funktion wird die Zugehörigkeit zu einer funktionalen Erfahrungsdomäne verstanden (Barcelona 2003: 237). Auf die Unzulänglichkeiten dieser Definition wurde bereits im Kap. 2.3.4.4.1 verwiesen: Aus der Grenzenverschwommenheit der Domänen resultieren schwerwiegende Probleme in der Abgrenzung der beiden Mechanismen.

Aus diesem Grunde führt Burger unter Verweis auf die Untersuchungen von Feyaerts (1999) auch die klassische Definition der beiden Mechanismen von Jakobson heran, der Metonymie als eine Kontiguitätsbeziehung, Metapher als eine Ähnlichkeitsbeziehung zwischen zwei Entitäten (Bedeutungen, Konzepten) beschreibt. Wegen mangelnder Präzision lehnt Feyaerts die kognitive Definition ←208 | 209→ab, Burger bemerkt aber zu Recht, dass ebenfalls die Definition von Jakobson eine gewisse Interpretationsbeliebigkeit aufweist: „neither similarity nor contiguity exist ‚objectively‘, but are a construct of the particular language or speaker“ (2007b: 99).

Demzufolge schließt sich Burger der neuesten Auffassung der beiden Mechanismen an, nach der Metonymie und Metapher zwei Pole einer Achse sind, die sich in dem Grad der Transformation von Bedeutung unterscheiden (vgl. z.B. Radden 2003: 408).

Da die metaphorischen Transformationen von Natur aus stärker ausgeprägt und auffallender sind, ist der Metapher – als einem Derivations- und zugleich Motivationsmechanismus – in der Phraseologie schon seit Jahren großes Interesse zuteil gekommen, was sich u.a. in der Terminologie widerspiegelt (vgl. z.B. die Motviertheitsklassifikation von Dobrovol’skij/Piirainen 2009, in der nur metaphorische Motiviertheit vorkommt). Dies ist übrigens auch im Hinblick auf die große Anzahl der metaphorisch motivierten Idiome nicht verwunderlich. Wesentlich schwieriger ist es, Idiome zu finden, deren Motivation ausschließlich auf metonymische Bedeutungsverschiebungen zurückzuführen ist – als Beispiel könnte hier das Idiom den Kopf verlieren dienen. Allerdings verweisen die neueren Untersuchungen (Folkersma 2010, Tóth 2011, Geeraerts 2003) darauf, dass beide Mechanismen sich oft verzahnen: Burger spricht hier von „numerous interconnections in particular cases“ (2007b: 99). Eine wichtige und viel diskutierte Studie zur Rolle der Metonymie in der Phraseologie hat Feyaerts (1999) veröffentlicht, der das semantische Feld der „Dummheit“ einer semantischen Analyse unterzieht und am empirischen Material die grundlegende Rolle metonymischer Verschiebungen in der Konstituierung der Idiombedeutung veranschaulicht.

Als den dritten Motivationstyp führt Burger die rhetorische Figur der Synekdoche121 an. Die Synekdoche im engeren Sinne bezieht sich auf zwei Relationstypen: die pars-pro-toto-Relation (z.B. pro Nase ‚pro Kopf‘, seine (eigene) Haut retten ‚sich retten‘) und die genus-species-Relation (z.B. seine Brötchen verdienen ‚seinen Lebensunterhalt verdienen‘), die in der deutschen Phraseologie ohnehin selten allein vorkommt (Burger 2007b: 100). Von manchen Forschern wird die Synekdoche als spezielle Subklasse der Metonymie aufgefasst, andere weisen ihr einen autonomen Status zu: Dietz (1999: 33, zit. nach Burger 2007b: 100) argumentiert z.B., dass man die eher quantitative Beziehung (Synekdoche) von der eher qualitativen Beziehung (Metonymie) abgrenzen soll.

←209 | 210→

3.3.3 Zwischenbilanz

Ähnlich komplex wie die Idiomatizität ist auch der Begriff der Motiviertheit, unter der eine für den Rezipienten wenigstens teilweise transparente Beziehung zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart verstanden wird. So aufgefasste Motiviertheit stellt einen Gegenpol zur Idiomatizität dar. Je höher der Grad der Idiomatizität ist, desto niedriger ist der Grad der Motiviertheit und umgekehrt: Motivierte, auf ausgeprägten konzeptuellen Metaphern von hohem Generalitätsgrad aufbauende Idiome (jmdm./einer Sache den Weg ebnen, sich jmdm./einer Sache in den Weg stellen) werden als weniger idiomatisch als Mehrwortverbindungen empfunden, die sich aus synchroner Perspektive schwer erklären lassen (Da ist Holland in Not). Phraseologische Motiviertheit ist weitgehend subjektiv und individuell: Da sich die Menschen in ihren Wissensbeständen sowie im Umfang ihres Lexikons unterscheiden, können Idiome bezüglich ihrer Motiviertheit von Sprecher zu Sprecher diametral anders wahrgenommen werden.

Wie die Übersicht einiger Motiviertheitstypologien ergab, werden unter der nachträglichen Verstehbarkeit der Idiome z.T. unterschiedliche Aspekte aufgefasst. Im Folgenden wird versucht, die Motiviertheitstypen zusammenzustellen und zu vereinheitlichen, um einen Rahmen für den empirischen Teil der vorliegenden Arbeit abzustecken. Hervorzuheben ist dabei, dass diese Eingliederung keinen Anspruch auf die Vollständigkeit erhebt. Es wird generell auch davon ausgegangen, dass die Blendings von verschiedenen Motiviertheitstypen nicht nur möglich, sondern gar üblich sind.

(i) Figurativer Motiviertheit liegen die wichtigsten Mechanismen der Bedeutungserweiterung zugrunde: die Metapher, die Metonymie (samt Synekdoche) und die dazwischen liegende Metaphtonymie. Da die genannten Mechanismen sowie ihre Typen bereits an einer anderen Stelle des vorliegenden Buches definiert und detailliert beschrieben sind (vgl. Kap. 2.3), wird im Folgenden darauf rekurriert. Der kognitiven Auffassung folgend, wird im Weiteren ebenfalls das oft schwer nachvollziehbare und für die Phraseologie irrelevante Auseinanderhalten der Metonymie und der Synekdoche aufgegeben: Die Synekdoche wird der Übersichtlichkeit halber als Ausprägung der Metonymie schlechthin betrachtet. Figurativ motiviert sind die meisten Idiome des Deutschen, darunter auch alle Idiome der schwierigen Lage, diesem Motiviertheitstyp kommt die wichtigste Rolle in der Phraseologie zu (Palm 1995: 14, Burger 2007b).

(ii) Symbolisch motiviert sind einzelne Konstituenten der Idiome. Die Auffassung des Symbols ist so wie bei Dobrovol’skij/Piirainen und Burger: Symbole sind motiviert aufgrund des dahinter stehenden semiotischen Wissens über ihre Bedeutung in kulturellen Kenntnissystemen außerhalb der Sprache (Dobrovol’skij/Piirainen 2009: 30–31, Burger 2007: 98). Symbolischer Motiviertheit liegen weder die vorwiegend in den körperlichen Erfahrungen verankerten konzeptuellen Metaphern noch die auf dem Allgemeinwissen beruhenden Ähnlichkeits- oder Kontiguitätsbeziehungen zugrunde, sondern lediglich kulturspezifische Wissensinhalte, obgleich sich die Letzteren oft auf große kulturelle Gemeinschaften erstrecken. So ←210 | 211→ist das Symbol des Herzens als Sitz der Gefühle und der Lebenskraft in den meisten europäischen Sprachen etabliert und kommt in zahlreichen Phraseologismen zum Ausdruck: Herz haben, poln. mieć serce, engl. to have a heart (for sth.); das Herz erweichen, poln. zmiękczyć czyjeś serce, engl. to melt sb’s heart; jmdm. das Herz brechen, poln. złamać komuś serce, engl. to break sb’s heart, während in der japanischen Kultur eine ähnliche Rolle dem Bauch zukommt (Trautmann-Voigt/Voigt 2012: 33).

(iii) Idiome können auch inter- und intralingual motiviert sein.

Die intralinguale Motiviertheit deckt sich teilweise mit der Zeichenfeldmotivation aus der angeführten Motiviertheitstypologie von Munske, auch wenn Munske – im Gegensatz zu Burger (2003), Hessky (1992b), Palm (1995), Ptashnyk (2009) u.a. – keine Differenzierung zwischen den usuellen Idiomvarianten und okkasionellen Modifikationen vornimmt. Bei der intralingualen Motiviertheit handelt es sich um strukturelle und semantische Modifikationen der Phraseologismen, die die Verstehbarkeitsgrundlage für die neuen, zuerst meist idiosynkratisch (okkasionell) gebrauchten, dann ggf. lexikalisierten Wortverbindungen bilden. Die korpusbezogenen Untersuchungen liefern Evidenz für derartige Prozesse: Das Idiom ein heißes Eisen ‚eine bedenkliche, heikle Sache, ein unbeliebtes Thema‘ (DUW) unterliegt beispielshalber in dem folgenden Beleg einer semantischen Kontamination mit dem Sprichwort man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist ‚man muss den rechten Augenblick nutzen‘ (DUW):

Den „Pfeilern“ nicht genau zugeordnet werden können die „institutionellen Reformen“, die die EU plant (…). Sie sind das heißeste Eisen, das in Amsterdam zu schmieden ist. Berliner Zeitung, 17.06.1997 (DWDS, Zugriff am 15.05.2016)

Die Motiviertheit der aktuellen Bedeutung ergibt sich hier aus dem Zusammenspiel der kognitiven Mechanismen, die zur Bedeutungskonstituierung der beiden Phraseologismen beitragen.

Da der Umfang phraseologischer Modifikationen im authentischen Sprachgebrauch bedeutend ist, spielt die intralinguale Motiviertheit eine relativ große Rolle, insbesondere, wenn sich der singuläre, okkasionelle Gebrauch lexikalisiert:

Die Abwandlung von Phraseologismen im Sprachgebrauch erscheint dem heutigen Betrachter zunächst als ein textuelles Spiel mit den semantischen Potenzen der Phraseologismen – zum Beispiel, wenn ein Fernsehspiel über eine Drogengeschichte in der Kritik als „Goldener Schuß in den Ofen“ (FAZ vom 26.7.01) charakterisiert wird; doch liegt in allen textuellen Abwandlungen die Quelle eines künftigen Wandels. (Munske 2015 [1993]: 87)

Die interlinguale Motiviertheit ist auf die Phänomene zurückzuführen, die Munske als Sprachkontakte bezeichnet. Die jeweiligen Linguae francae hatten wahrscheinlich immer einen Einfluss auf den phraseologischen Bestand einer Sprache, in Zeiten der Globalisierung und des Bedarfs an internationaler Zusammenarbeit ist dieser Einfluss allerdings besonders gravierend. Da in der Phraseologie Expressivität und stilistische Markiertheit schwer ins Gewicht fallen, ist ←211 | 212→heutzutage der Umfang des aus dem Englischen stammenden phraseologischen Lehnguts im Deutschen außerordentlich groß:

Mit dem Streben nach Prestige eng verbunden ist als ein häufig anzutreffendes Motiv für die Verwendung von Anglizismen der Wunsch nach Expressivität zu berücksichtigen. Das kann vor dem Hintergrund der positiven Konnotation des Englischen Intentionen einschließen wie modern auf der Höhe der Zeit sein zu wollen, als gebildet zu gelten oder seine Gruppenzugehörigkeit unter Beweis stellen zu wollen. Fremde Lexik wirkt innovativ, sie kann für kreative Zwecke (z.B. Sprachspiele) genutzt werden. (Fiedler 2014: 4)

Phraseologisches Lehngut lässt sich je nach dem Grad seiner Anpassung an das Deutsche in folgende Gruppen einteilen (Fiedler 2014: 42, Munske 2015 [1993]: 120–121):

(a)direkte Entlehnungen, die meist sofort durch die befremdende Form auffallen (Fiedler 2014: 42), z.B: fishing for compliments, learning by doing, forget it, common sense;

(b)hybride Bildungen, bei denen eine Teilsubstitution vorliegt. Die Gruppe der Mischformen ist relativ klein, manchmal konkurrieren hybride Bildungen (fair genug) und direkte Entlehnungen (fair enough) miteinander. Als Beispiele führt Fiedler (ebd.) folgende Wortverbindungen heran: den Turnaround schaffen, Speed machen, ein Statement abgeben, etwas in der Pipeline haben, eine Deadline setzen;

(c)Die Mehrheit des Lehngutes machen Lehnübersetzungen (calques) aus. Fiedler verweist darauf, dass die Lehnübersetzungen, die ca. 70 % des gesammelten Materials ausmachen, englischer Herkunft sind. Vgl. z.B. folgende Phraseologismen: netter Versuch engl. nice try, aus dem Blauen heraus engl. out of the blue. Munske (2015 [1993]: 121) differenziert an dieser Stelle zwischen Lehnbildungen (als einem übergeordneten Begriff), Lehnübersetzungen (lexikalisch und syntaktisch genaue Übersetzungen, in denen die Gesamtbedeutung des quellsprachigen Ausdrucks auf das Übersetzungsäquivalent übertragen wird) und Lehnübertragungen (in denen kleine lexikalische, morphologische oder syntaktische Modifikationen der fremdsprachigen Wortverbindung akzeptiert werden). Beide Autoren verweisen auf die Schwierigkeit in der Festlegung, wo es sich um tatsächliche Lehnübersetzungen und wo um parallele Entwicklungen in zwei oder mehreren Sprachen handelt.

(iv) Die intertextuelle Motiviertheit wird im Folgenden nach Dobrovol’skij/Piirainen (2009: 33) als Rückgriff auf eine textuelle Vorgabe, auf einen existierenden Text (Bibel, Schriften antiker Autoren, literarische Werke, Aussagen bekannter Persönlichkeiten) aufgefasst. Hier handelt es sich um Aphorismen, Sentenzen, geflügelte Worte, Zitate, die sich in der Sprache verfestigt haben und den Status der Phraseologismen genießen, wie z.B. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben (diesen Satz soll Michail Gorbatschow, der letzte Generalsekretär des Zentralkomitees ←212 | 213→der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, am 6. Oktober 1989 in einem Vier-Augen-Gespräch zu Honecker gesagt haben122), das ist des Pudels Kern ‚das ist der wahre, eigentliche Sachverhalt, des Rätsels Lösung‘ (ein Zitat aus Goethes „Faust“). Da die Bekanntheit der Etymologie von intertextuell motivierten Idiomen unterschiedlich ist und mit dem allgemeinen Bildungswissen des Rezipienten aufs Engste verbunden ist, ist ihre Motiviertheit graduell.

(v) Den letzten Motiviertheitstyp macht die indexale Motiviertheit aus, so wie sie von Dobrovol’skij/Piirainen (2009: 36–38) definiert und beschrieben wird. Die Verbindung zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart eines Idioms ist indexal (verweisend), weil sie nicht auf semantisch-konzeptueller Beziehung aufbaut, sondern darauf, dass in der Form des Idioms ein angelegter Verweis auf seine lexikalisierte Bedeutung enthalten ist: So wie der Rauch einen Verweis darauf darstellt, dass es in der Nähe Feuer gibt (Index bei Peirce 1993: 65), so verweist die phonische Form des Idioms: den heiligen Ulrich anrufen onomatopoetisch auf die Bedeutung des Idioms ‚sich übergeben‘. Die indexale Motiviertheit ist selten, kommt in der dieser Arbeit vorliegenden Phraseologismensammlung nicht vor und wird deswegen nur am Rande, der Vollständigkeit halber, behandelt.

Schematisch lassen sich die besprochenen Motiviertheitstypen wie folgt darstellen (Abb. 25):

Abb. 25: Die Motiviertheitstypen der Phraseologismen.

3.4 Bildlichkeit und Bildhaftigkeit der Idiome

Die Fähigkeit der Idiome, mentale Bilder zu evozieren, wurde in der Phraseologie schnell erkannt: Auf die die Expressivität beeinflussende Bildhaftigkeit sprachlicher Einheiten, darunter Einzellexeme und Idiome, verweist bereits Ch. Bally (Bally 1905: 101–112, zit. nach Thun 1978: 137). Als Phraseologizitätsindikator wird die Bildhaftigkeit auch in Definitionen der Phraseologismen im engeren ←213 | 214→Sinne relativ früh angeführt (vgl. Burger/Buhofer/Sialm 1982, Ehegötz 1990: 499). Gleichzeitig stellt sie aber einen bis heute problematischen und verhältnismäßig selten berührten123 Aspekt der Phraseologismen dar, was auf mehrere Umstände zurückzuführen ist.

Zuallererst muss auf die Diskussion über mentale Repräsentationen verwiesen werden. Wie bereits erwähnt, haben die Verfechter eines propositional basierten Denkens in der Linguistik jahrelang die Oberhand behalten. Die strukturalistisch und generativistisch geprägten Sprachtheorien gingen von der Annahme aus, dass die semantischen Pole der sprachlichen Einheiten generell propositional strukturiert seien. Die einzelnen Theorien (vgl. z.B. Paivio 1971, 1986, Kosslyn 1980), die dem Anschaulichen, den Vorstellungsbildern einen gewissen Stellenwert eingeräumt hatten, wurden zwar zur Kenntnis genommen, dennoch fanden sie keinen Eingang in die linguistischen Theorien:

Diese kritische Distanz hängt zum einen mit dem über Jahrhunderte in kommunikativen wie wissenschaftlichen Praktiken eingeübten Logozentrismus zusammen. Sprache und Schrift gelten danach dem Bild als überlegen – sind dem die Dinge „durchschauenden“ Logos verpflichtet, der uns zu homo loquens macht. Bilder hingegen werden mit dem oberflächlichen Blick auf den Schein der Dinge und mit emotionalen Effekten und mythisch-rituellen Handlungen in Verbindung gebracht. (Stöckl 2004: 6–7)

Dabei kann die Skepsis, die den mentalen Bildern entgegengebracht wird, auf die methodologischen Schwierigkeiten ihrer Erforschung zurückgeführt werden, denn das Problem des Zugangs zu mentalen Bildern bleibt nach wie vor ungelöst: Die mentalen Bilder, die bei der Verarbeitung natürlicher Sprachen erschlossen werden, haben nämlich unter normalen Umständen eine äußerst ephemere Natur, sie entstehen an der Bewusstseinsschwelle.

In dem Moment, in dem die Vp [Versuchsperson, A. S.] beginnt, über ihre Bilder zu berichten, unternimmt sie zusätzliche mentale Operationen, die bei der normalen Rezeption des Idioms nicht unbedingt vorausgesetzt sind. Die Bilder, die die Vp wahrscheinlich auch wirklich in dem Moment sieht, in dem sie über sie nachzudenken beginnt, brauchen nicht identisch zu sein mit den Bildern, die bei ihr möglicherweise während des Rezipierens des Idioms in der Kommunikation evoziert werden. Wenn die Vp ihre Empfindungen dann außerdem verbalisieren muß, d.h. durch den Filter der Sprache hindurchschickt, muß sie sie nolens volens ordnen und verändern. Darum sollte man den Aussagen der Vpn über ihre Bilder nicht unbedingt Glauben schenken. ←214 | 215→Es ist bekannt, dass bei einer diskursiv kanalisierten Entfaltung von prinzipiell reduzierten, zusammengefalteten Strukturen immer eine Um- bzw. Dazu-Interpretation vor sich geht, vgl. z.B. die Wiedergabe der Trauminhalte. (Dobrovol’skij 1997: 46)

Hervorgehoben wird die subjektive Natur der mentalen Bilder: Das mentale Vorstellungsbild des Hundes wird maßgeblich dadurch beeinflusst, welchen Hund man besitzt oder besessen hat: Solche durch die individuelle Erfahrung geprägten Bilder sind intersubjektiv schwer fassbar und für die wissenschaftliche Behandlung äußerst problematisch. Darüber hinaus können sich die Menschen in der Quantität und Qualität ihrer mentalen Vorstellungsbilder wesentlich unterscheiden. Dies hat bereits 1883 Sir Francis Galton entdeckt, als er 100 Menschen, darunter prominente Wissenschaftler, um die Formung eines mentalen Bildes von dem am Morgen verzehrten Frühstück gebeten hat: Während manche Probanden über detaillierte mentale Bilder berichten konnten, waren die anderen nicht imstande, ein mentales Bild zu evozieren (vgl. http://www.intropsych.com/ch07_cognition/mental_imagery.html, Zugriff am 21.12.2016).

Das mangelnde Interesse an der Beschäftigung mit mentalen und sprachlichen Bildern in der Sprachwissenschaft ist möglicherweise darauf zurückzuführen, dass man analoge und propositionale Repräsentationsformate jahrelang in Konkurrenz zueinander setzte (vgl. die Beschreibung der einzelnen Positionen bei Schwarz 1992: 92–93). Erst mit der kognitiven Wende und der Entwicklung der Embodied/Grounded Cognition sowie der Bild- und Medienlinguistik wird die Skepsis, die man bisher der multimodalen Natur der menschlichen Repräsentation entgegenbrachte, schrittweise überwunden. Die analogen und propositionalen Repräsentationsformate schließen sich nämlich nicht aus: Der konzeptuelle (semantische) Pol einer sprachlichen Einheit ist multimodal und wird als eine Kombination von ganzheitlichen (darunter analogen) und propositionalen Strukturen verstanden. Diese multimodale Struktur macht die „Übersetzungstheorien“ zu Repräsentationsformaten entbehrlich. Bemerkenswert ist dabei das Primat des Sehens (des analogen Repräsentationsformats) sowie die Tatsache, dass unter dem ganzheitlichen Format ebenfalls das Auditive, Olfaktorische, Taktile, Gustatorische verstanden wird. Die Prominenz des Bildes ist zweifelsohne darauf zurückzuführen, dass sich die meisten Menschen als „Augentiere“ betrachten und die Rolle der visuellen Wahrnehmung sehr hoch veranschlagen, was u.a. in Spruchweisheiten: seeing is believing, ein Bild sagt mehr als tausend Worte zum Ausdruck kommt (Stöckl 2004: 4). Festzuhalten bleibt auf jeden Fall:

Eine starke Fraktion innerhalb der kognitiven Psychologie hält die Existenz mentaler Bilder mittlerweile für erwiesen und betont deren zentrale Rolle in kognitiven Operationen, vornehmlich auch in mentalen Problemlösungsprozessen. Dieses durch Bilder initiierte anschauliche Denken bietet gegenüber einem symbolmanipulierenden Denken eine Reihe von Vorzügen. Wie beide kognitiven Modalitäten, die eine bildvermittelt, die andere sprachvermittelt, miteinander interagieren, bleibt eine der zentralen Fragen innerhalb der kognitiven Psychologie. Hiermit in engem Zusammenhang ←215 | 216→stehen die Unterschiede in den jeweiligen Repräsentationen sowie deren wechselseitige Aktivierbarkeit und Koppelung. (Stöckl 2004: 56)

3.4.1 Materielles, mentales und sprachliches Bild

Bezüglich der Bilder sind zahlreiche philosophische (z.B. Scholz 1991), psychologische (z.B. Oestermeier 1998), kunstwissenschaftliche (z.B. Bryson/Holly/Moxey 1991) Theorien entstanden124. Da ihre Beschreibung den Rahmen der folgenden Arbeit sprengen würde, wird im Folgenden ausschließlich auf die von Stöckl (2004) und Burger (2010: 96, 2015: 91–95) angeführte und für weitere Ausführungen relevante Einteilung in die materiellen, mentalen und sprachlichen Bilder eingegangen.

Bei materiellen Bildern handelt es sich – im Gegensatz zu den immateriellen, d.h. in der Sprache oder Kognition existierenden Bildern – um physisch wahrnehmbare Bilder (Burger 2010: 96). Den Ausgangspunkt bildet dabei die Ikonizitätstheorie, die besagt, dass das Bild grundsätzlich dem Gegenstand bzw. dem Sachverhalt, den es abbildet, ähnlich ist. Unter einem materiellen Bild versteht Stöckl das Bild und seine Beziehung zu dem abgebildeten Gegenstand. Als materielle Bilder fungieren also Photos, Gemälde u.Ä.

Materielle Bilder weisen zwei Leistungen auf: Sie können als Zeichen oder als optische Ereignisse funktionieren (Rothkegel 2004: 391). Als Zeichen haben sie eine den sprachlichen Zeichen analoge Bedeutung: Als Beispiel führt hier Rothkegel die sprachunabhängigen Gebrauchsanleitungen von IKEA, die komplizierte Inhalte übermitteln können. Als optisches Ereignis hat das Bild eine „Gestalt“ im Hinblick auf die Form, Farbe, Dynamik, aber keine referentielle Bedeutung:

So ist es einsichtig, dass wir an den mittelalterlichen Geschichten-Bildern unsere Freude haben, sie ästhetisch genießen, auch wenn uns die dargestellten Inhalte nicht interessieren. Bei den IKEA-Instruktionsgraphiken ist es umgekehrt. Hier interessiert uns der Inhalt, aber nicht ein ästhetischer Wert. Kurz, mit Sprache vermitteln wir kognitive Inhalte: also Konzepte als begriffliche Einordnungen oder als Referenz auf Nicht-Sprachliches – Denkbares. Mit Bildern vermitteln wir ebenfalls kognitive Inhalte, aber auch Inhaltsfreies: Sichtbares, sinnlich-optische Erlebnisse. (Rothkegel 2004: 391)

Die analogen Repräsentationsformate weisen einige Charakteristika auf, die die kognitive Verarbeitung der Informationen wesentlich begünstigen. Die empirischen Befunde der kognitiven Psychologie, die kommunikativen Vorteile des Einsatzes der Bilder, fasst Stöckl in folgenden Punkten zusammen:

←216 | 217→

  i.das überlegene Gedächtnis für Bilder (picture superiority effect);

 ii.die schnelle Wahrnehmung und Verarbeitung von Bildern;

iii.die effektive Aufmerksamkeitslenkung durch Bilder;

iv.die räumliche Grammatik des Bildes und ihr unmittelbarer Zugriff auf „Realität“;

 v.die emotionale Beteiligung und Beeinflussung durch visuelle Kommunikation sowie die Unterschwelligkeit bildlicher Botschaften;

vi.die größere Garantie, doppelt (d.h. zugleich sprachlich-kategoriell und bildlich) kodiert zu werden (Stöckl 2004: 9–10).

Mentale Bilder definiert Podding als „konsistente mentale Abbildungen der externen Informationsbasis“ (Podding 1995: 176, zit. nach Stöckl 2004: 56). Ihr Status ist, wie Kubaszczyk (2011) zu Recht betont, nicht unumstritten: Während manche Forscher propositionale Repräsentation visueller Wahrnehmungen voraussetzen und mentale Bilder höchstens als subjektives Epiphänomen betrachten (Theoriebildung in Nachfolge von Fodor 1975 und Pylyshyn 1973), vertreten andere die Ansicht, dass als Ergebnis von visuellen Perzeptionen ein funktionsanaloges mentales Bild entsteht (Kubaszczyk 2011: 35). In der neueren Forschung ist die Tendenz erkennbar, einen integrativen Erklärungsansatz, nach dem die kognitiven Strukturen im Langzeitgedächtnis sowohl modalitätsspezifisch als auch modalitätsunspezifisch repräsentiert sind, anzustreben (Schwarz 2008: 126, vgl. auch Kap. 2.2 über modalitätsspezifische Repräsentationsformate und Grounded Cognition).

Ursprünglich bezog sich der Terminus ‚mentales Bild‘ ausschließlich auf die analogen Repräsentationen von dreidimensionalen Objekten, so wie sie beispielshalber in den Experimenten mit mentalen Rotationen von Shepard/Metzler (1971) eingesetzt wurden.125 In der modernen Auffassung werden als mentale Bilder allerdings nicht nur mentale Strukturen analogen Charakters angesehen, die für die Speicherung visuell-räumlicher Informationen geeignet sind. Der Terminus rich image schränkt sich nicht auf die visuellen Reize ein, Lakoff spricht ebenfalls von „auditory images, olfactory images, and images of how forces act upon us“ (1987: 444). Die mentalen Bilder weisen somit die Züge der mentalen Modelle von Johnson-Laird (1983) auf:

Mentale Modelle werden prinzipiell als Kombinationen von ganzheitlichen, analogen und propositionalen, symbolmanipulierenden (digitalen) Repräsentationen verstanden. Der funktionsanaloge Charakter mentaler Modelle scheint allerdings besonders wichtig. So gelten sie vor allem als „hypothetische interne Quasi-Objekte, deren Eigenschaften denen des zu repräsentierenden Sachverhalts analog sind“ (Schnotz 1994: 168). In ihre Konstruktion können jedoch propositionale Repräsentationen eingehen, die die analog gespeicherten Informationen ergänzen und ausdifferenzieren. ←217 | 218→Auch im Bereich der mentalen Zeichenprozesse also scheint eine Symbiose aus sprachnahen, symbolisch organisierten Repräsentationen und ikonisch, ganzheitlich bewerkstelligten Repräsentationen eine effektive Form der Informationsverarbeitung zu garantieren. (Stöckl 2004: 56)

Betonenswert ist dabei, dass die mentalen Bilder als mentale Repräsentationen der Wirklichkeit einen konstruktivistischen Charakter haben. Die wahrgenommenen Reize werden nicht in einem 1:1-Verhältnis abgebildet, man konstruiert sie eher neu auf der Folie der bisherigen Erfahrungen, Wissensbestände, Schemata und – vor allem – unter dem lenkenden Einfluss der selektiven Aufmerksamkeit. Mentale Bilder stellen kein Abbild, sondern eine Repräsentation der Wirklichkeit dar; es sind mentale Konstrukte, die infolge der kognitiven Aktivität eines Menschen entstehen und in diesem Sinne können sie auch produktiv sein (vgl. das Beispiel der Cheshire-Katze von Barsalou, Kap. 2.2.2.3): Der visuelle Anreiz ist nicht notwendig, um die imaginierten, inneren Bilder zu erzeugen, mentale Vorstellungsbilder können sich auch ohne unmittelbare visuelle Wahrnehmung herausbilden (Kubaszczyk 2011: 36). Demzufolge ist auch ihre Wirklichkeitstreue unterschiedlich:

It is important at the outset to distinguish mental images from perceptions. A perception of a scene is rich in detail; every part of the visual field is filled. And one can focus on details that are very small and intricate. Moreover, since our eyes are constantly scanning different parts of the visual field, the details focused on are continually changing (…). Mental images have a different character. They are not nearly as detailed as perceptions, and they do not allow anything like the full range of perceived colors. People who see in color can have mental images in black and white. Not all of the field of mental vision is filled (…). Construction of an image and keeping it in mind is an effortful activity. Moreover, we can form images of things we can’t see. (Lakoff 1987: 444)

Sprachliche Bilder kommen dann zustande, wenn ein eher abstrakter Sachverhalt durch einen konkreteren (ein „Bild“) konzeptualisiert wird (Stöckl 2004: 201–202). Eine besondere Rolle bei der Konstituierung sprachlicher Bilder kommt der Metapher zu, deren Wesen darin liegt, dass sie assoziative Brücken zu perzeptuellen Systemen wie Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen schlägt (ebd., 210). Dementsprechend integriert ein weit gefasster psychologischer Begriff des sprachlichen Bildes neben typischen Wahrnehmungen des Sehens wie Form, Farbe und Verortung der Objekte im Raum auch die sensorischen Modalitäten des Olfaktorischen, Gustativen, Kinetischen, Taktilen, Auditiven etc. und erlaubt daher auch Synästhesien (ebd., 213).

Da Metaphern zwei Bereiche verbinden, den Bereich des Konkreten (Ausgangsbereich) und den Bereich des Abstrakten (Zielbereich), müssen die auf sensorischer Wahrnehmung aufbauenden ganzheitlichen Repräsentationen des Ausgangsbereiches als Erfahrungsgrundlage von Natur aus in den Konstruktionsprozess der metaphorischen Mappings kommen. Charakteristisch sind in diesem Sinne die traditionellen Bezeichnungen der Ausgangs- und Zieldomäne, die man ←218 | 219→als Bildspender- und Bildempfängerbereiche bezeichnet (vgl. Weinreich 1976, Burger 2010). Die Position der sprachlichen Bilder beschreibt Rothkegel wie folgt:

In der Diskussion zur Relation von Sprache und Bild nimmt das sprachliche Bild eine Zwischenposition ein. Dem Zeichensystem Sprache zugehörig, bringt es Eigenschaften ein, die Bildern zugesprochen werden. Beiden Ebenen gemeinsam ist die Funktion der Bedeutungsbildung und -vermittlung sowie der formalen Gestaltung in Bezug auf Fläche und Raum. Während – in kognitiver Sicht – sprachliche Mittel immer als Kode fungieren (geregelte Zuordnung von Ausdruck und Inhalt/Funktion), d.h. als Übersetzung von Information, operieren bildliche Mittel analog, d.h. als Abbildung von Information. Phraseme, die sprachliche Bilder repräsentieren wie das Herz höher schlagen lassen, sich über Wasser halten, auf die Palme bringen haben Anteil an beiden Ebenen. (Rothkegel 2004: 392)

3.4.2 Bildlichkeit und Bildhaftigkeit

Viele Parallelen zu der Einteilung in die mentalen und sprachlichen Bilder weist die in der Phraseologie und Stilistik übliche Differenzierung zwischen der Bildhaftigkeit und der Bildlichkeit auf.

Ursprünglich wurden die Termini Bildlichkeit und Bildhaftigkeit gleichgesetzt. So definieren Burger/Buhofer/Sialm (1982) die phraseologische Bildlichkeit als Eigenschaft der Phraseologismen, die darin besteht, dass die meisten (wenn auch nicht alle) Phraseologismen, unabhängig von der semantischen Unmotiviertheit durch ihre wörtliche Bedeutung eine anschauliche, analoge Vorstellung zu evozieren vermögen, selbst dann, wenn sich keinerlei Verhältnis zwischen dem Bild und der phraseologischen Bedeutung feststellen lässt.

In der neueren Forschung besteht dennoch die Tendenz, die Bildlichkeit von der Bildhaftigkeit abzugrenzen (Burger 1989, 2007a, 2010, 2015, Häcki-Buhofer 1989, Kapuścińska 2014, Rothkegel 2004, Stöckl 2004, Topczewska 2004). Als aufschlussreich erwies sich hier vor allem die von Burger vorgenommene Neudefinierung der beiden Begriffe: In Anlehnung an die Stilistik führt Burger (1989: 28) nach E. Riesel folgende Definitionen der beiden Begriffe heran:

Bildhaft (synonym zu anschaulich, sinnfällig) sind Wörter und Wendungen, die zwangsläufig mit einer konkreten, klaren Situation, mit einem leicht erfaßbaren Wirklichkeitszusammenhang assoziiert werden.

Bildlich nennen wir Wörter und Wendungen auf Grund von Vergleich, Tropen, metaphorischen und metonymischen Periphrasen, metaphorischen Beiwörtern sowie expressiver Phraseologie. (Riesel 1970: 310)

Bezogen auf die Phraseologie interpretiert Burger die Termini folgendermaßen: Bildhaft sind die Phraseologismen, die eine wörtliche Lesart haben, die konkret vorstellbar ist.

Insofern kann man sagen, dass Wörter wie Öl und Feuer bildhaft sind, weil man sich unter Öl und Feuer etwas Visuell-Konkretes (eventuell verbunden mit weiteren ←219 | 220→Sinnesausdrücken) vorstellen kann, und man kann sagen, dass die wörtliche Bedeutung des Idioms Öl ins Feuer gießen bildhaft ist, wie auch der ganze Vorgang als visuell-konkret vorstellbar ist. (Burger 2010: 97)

Bildlich sind dagegen die Phraseologismen, die einen Zusammenhang zwischen der wörtlichen und der phraseologischen Lesart haben, der für den muttersprachlichen Sprecher/Hörer nachvollziehbar ist, d.h. der Sprecher „muss die wörtliche Lesart als ein >>natürliches<<, einleuchtendes Modell für die phraseologische Lesart empfinden“ (Burger 1989: 26). Bildhaftigkeit ist somit an die konkret-anschauliche, literale Lesart gebunden, Bildlichkeit hängt dagegen mit der Metaphorizität (ev. Metonymisierung und Symbolisierung) zusammen. Die phraseologische Bedeutung des Idioms Öl ins Feuer gießen ist „bildlich“, insofern sie durch einen metaphorischen Prozess zustande kommt. Hier meint Bild nur etwas ganz anderes, nämlich die metaphorische Konzeptualisierung eines abstrakten Vorgangs durch einen konkreten (Burger 2010: 97). Aus psycholinguistischer Perspektive beschreibt Häcki-Buhofer die beiden Phänomene wie folgt:

Bildhaftigkeit meint eine Eigenschaft der Sprache, die auch einfachen Wörtern zugeschrieben werden kann, bei der es darum geht, wie gut man sich visuell etwas dazu vorstellen kann. Bildhaftigkeit vereinfacht. Übertragenheit dagegen betrifft Metaphern und Phraseologismen und meint eine Komplikation, eine kognitiv zu lösende Schwierigkeit gegenüber wörtlich verstehbaren Ausdrucksweisen, dass man nämlich einen Ausdruck nicht wörtlich verstehen kann, sondern als Bild für etwas Gemeintes verstehen muss, wobei man das Gemeinte – wenn man nicht konventionalisiert versteht – erst noch erschließen muss. Übertragenheit verkompliziert. (Häcki-Buhofer 1989: 165)126

Den Versuch, die Begriffe der Bildlichkeit und Bildhaftigkeit genauer zu konturieren, nimmt Burger (2007a) vor. Parallel zu der Unterscheidung zwischen der Motiviertheit und Motivierbarkeit formuliert er vier Bedingungen, die ein Idiom erfüllen muss, um als bildhaft zu gelten:

Damit ein bildhaftes Idiom vorliegt, müssen folgende Bedingungen gegeben sein:

1.Der Phraseologismus muss eine wörtliche Lesart haben, die als konkrete vorstellbar ist (das ist die „Bildhaftigkeit“ des Phraseologismus oder – wie man einfacher sagen könnte – das idiomatische Bild).

2.←220 | 221→Der Zusammenhang zwischen der wörtlichen und der phraseologischen Lesart muss für den muttersprachlichen Sprecher/Hörer nachvollziehbar sein, d.h. er muss die wörtliche Lesart als ein „natürliches“, „einleuchtendes“ Modell für die phraseologische Lesart empfinden. (…) Mögliche Zusammenhänge können als metaphorische, metonymische, symbolische usw. Relationen beschrieben werden.

3.Der Zusammenhang muss kollektiv (konventionell) sein, d.h. für die ganze Sprachgemeinschaft oder Teile davon Geltung haben.

4.Der Zusammenhang muss lexikalisiert sein, d.h. die metaphorische Übertragung ist auf eine Interpretation festgelegt. Man könnte sagen: Die phraseologische Lesart determiniert die wörtliche Lesart als den Bildspender genau dieser Metapher und sie interpretiert das Bild in einer bestimmten (arbiträren) Weise. (Burger 2007a: 101)

In dieser Definition setzt die Bildhaftigkeit die Bildlichkeit voraus, was meiner Ansicht nach nicht nachvollziehbar ist. Bildhaftigkeit ist nämlich nicht an die metaphorischen, metonymischen oder symbolischen Derivationen gebunden, sondern kommt als Eigenschaft ebenfalls zahlreichen literalen Ausdrücken zu, die konkret-anschauliche Bildvorstellungen auslösen, vgl. die Äußerungen:

Das Kind spielte mit einem Auto.

Im Flur lag ein großer Hund.

Nicht überzeugend ist ebenfalls die Annahme, dass die Bildhaftigkeit an die Motiviertheit gebunden ist (Punkt 2). Manche opake Idiome (ins Gras beißen, kick the bucket) sind für die meisten Sprachteilhaber bildhaft127, auch wenn ihre Motiviertheit aus synchroner Perspektive nicht für alle verständlich ist. Selbst Idiome mit unikalen Komponenten (am Hungertuch nagen, in der Tretmühle sein) können mentale Bilder evozieren. Somit sind die Bildlichkeit und Bildhaftigkeit als zwei getrennte Phänomene zu fassen, die zwar oft zusammen auftreten, wohl aber in keiner Wechselrelation stehen.

3.4.3 Das mentale und das idiomatische Bild

In den neueren Auflagen der Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des Deutschen unternimmt Burger (2010: 96–100, 2015: 91–95) einen weiteren Versuch, die terminologische Verwirrung aufzulösen, indem er den Terminus des idiomatischen Bildes einführt und definiert. Burger unterscheidet zwischen bildhaften Idiomen und den Idiomen mit einem idiomatischen Bild. Drei Bedingungen müssen erfüllt sein, damit man von einem idiomatischen Bild sprechen kann.

←221 | 222→

1.Das Idiom muss eine wörtliche Lesart haben, die als konkrete vorstellbar ist. (Das ist die „Bildhaftigkeit“ des Idioms.)

2.Der Zusammenhang zwischen der wörtlichen und der phraseologischen Lesart muss für den muttersprachlichen Sprecher/Hörer nachvollziehbar sein, d.h. er muss die wörtliche Lesart als ein „natürliches“, „einleuchtendes“ Modell für die phraseologische Lesart empfinden, anders gesagt: Er muss das Idiom als motiviert auffassen. Mögliche Zusammenhänge können als metaphorische, metonymische, symbolische usw. Relationen beschrieben werden.

3.Der Zusammenhang muss lexikalisiert sein, d.h. die metaphorische Übertragung ist auf eine Interpretation festgelegt. Man könnte sagen: Die phraseologische Lesart determiniert die wörtliche Lesart als den Bildspender genau dieser Metapher und sie interpretiert das Bild in einer bestimmten (arbiträren) Weise. Das Bild ist integraler Bestandteil des Idioms als Zeichen. (Burger 2010: 99; 2015: 92)

Bildhaft sind somit zahlreiche Idiome. Als Idiome mit einem idiomatischen Bild können dagegen nur diejenigen bezeichnet werden, die zusätzlich die Bedingungen 2 und 3 erfüllen, d.h. phraseologisch motiviert sind. So ist z.B. das Idiom jmdm. einen Korb geben ‚einen Heiratsantrag ablehnen‘ aufgrund seiner Visualisierbarkeit bildhaft, da es aber für die meisten Sprecher synchron nicht motiviert ist, besitzt es kein idiomatisches Bild (ebd.).

Diese Unterscheidung ist nachvollziehbar und für die Theorie der Phraseologie wichtig. Welcher Status dem idiomatischen Bild dennoch aus der psycholinguistisch-kognitiven Perspektive zukommt und ob das mentale Bild und das idiomatische Bild im Falle der motivierten Idiome identisch sind, d.h. ob das idiomatische Bild auch psychologisch real ist, scheint allerdings erklärungsbedürftig zu sein.

Der Terminus des idiomatischen Bildes hat nämlich einen engen Bezug zu dem Begriff der Motiviertheit, die Burger wiederum mit der semantischen Basis in Beziehung setzt. Wenn die Motiviertheit eines Idioms tatsächlich für alle Sprecher einer Gemeinschaft gleich ist, dann muss auch das idiomatische Bild wahrscheinlich gemeinsame Züge aufweisen. Die Motiviertheit ist aber – worauf bereits verwiesen wurde – ein graduelles Kriterium. Die meisten Idiome erwerben die Menschen nicht durch den bewussten Lernprozess, in dem sie ihre Motiviertheit und Etymologie explizit erörtern und sich merken, sondern sie erschließen sie aus den Sprachgebrauchsereignissen, in denen die idiomatischen Wortverbindungen in ambiguen Kontexten verwendet werden.

So könnte das Idiom die Flinte ins Korn werfen ‚ugs. vorschnell aufgeben, versagen‘ (DUW) für manche Sprecher motiviert, für andere als in seiner Motiviertheit nicht nachvollziehbar betrachtet werden. Dabei evoziert das Idiom wenigstens zwei mentale Vorstellungsbilder:

In dem ersten Bild kann man sich das Korn als einen Haufen Getreidekorn z.B. in einer Scheune vorstellen, auf den man eine Flinte wirft. In diesem Fall wäre es möglich, dass manche Sprachteilhaber Probleme mit der Herausfindung der ←222 | 223→Korrespondenzen zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart hätten. Das Idiom würde dann für sie als unmotiviert – also bildhaft, aber ohne idiomatisches Bild – gelten.

Ein anderes potenziell mögliches Bild beschreibt Rothkegel (2014: 279): Das Korn referiert hier nicht auf das Samenkorn, das Getreide, sondern auf ein Kornfeld, in das man das Gewehr wirft.

Bei 1 [dem Idiom die Flinte ins Korn werfen, A. S.] können wir – unabhängig von der Etymologie (Bezug auf Deserteure im 30jährigen Krieg) – uns ein (hoch stehendes) Kornfeld sowie eine Flinte (Gewehr) auf der Basis unseres Erfahrungswissens (erlebt oder vermittelt) vorstellen und auch, wie eine Person den Gegenstand in das Feld wirft, um (a) ihn dort den Blicken anderer, insbesondere der Vorgesetzten zu entziehen, und (b) sich damit seines professionellen Werkzeugs entledigt. Die Vorstellung von (b) gestattet schließlich die gegenwärtige Bedeutung „resignieren“. (Rothkegel 2014: 279)

Dieses Bild ist durch die wahre Etymologie128 beeinflusst, die einer Phraseologieforscherin bekannt, einem durchschnittlichen Sprachteilhaber aber nicht unbedingt geläufig ist. Ob unsere Zeitgenossen, mehrheitlich doch Stadtmenschen und im Falle der jüngeren Generation auch „Computermenschen“ tatsächlich ausnahmslos eine assoziative Verbindung zwischen der sequenziellen Vorstellung der Entledigung einer Flinte im Korn und dem Resignieren herstellen, dürfte nicht mit Sicherheit vorausgesetzt werden. Bei positiver Antwort käme der Wortverbindung der Status eines Idioms mit einem idiomatischen Bild, bei negativer Antwort wäre das Idiom nur bildhaft.

Einleuchtende Beispiele für die individuelle Prägung der Bildlichkeit und Bildhaftigkeit dürfte die Übersicht der materiellen Bilder zu den Idiomen auf den Internetseiten der www.google.grafika geben. Zwar können die materiellen, in vielen Fällen sorgfältig ausgearbeiteten Graphiken oder kunstvoll komponierten Fotos keinesfalls mit flüchtigen mentalen Bildern gleichgesetzt werden, die während der spontanen Sprachverarbeitung auftauchen, nichtsdestotrotz gewähren sie ←223 | 224→Einblicke in die Vielfalt der subjektiven Assoziationen zu einzelnen Idiomen. So sieht man auf den Bildern/Fotos zum Idiom ins Gras beißen (i) eine Nahaufnahme eines Mundes mit einigen Grashalmen zwischen den Zähnen, (ii) einen Fußballspieler, der mit wutverzerrtem Gesicht in den Rasen beißt, (iii) einen auf dem Gras eines Schlachtfeldes liegenden Ritter, (iv) ein aus der Vogelperspektive aufgenommenes Foto eines bäuchlings auf dem Rasen eines gepflegten Gartens liegenden jungen Mannes, um den herum unordentlich Gartenutensilien und abgebrochene Äste liegen, was auf einen tragischen Unfall oder Mord schlussfolgern lässt. Die Fotos (i), (ii) liefern eine bildhafte Darstellung des Idioms ins Gras beißen, in der Zeichnung (iii) und auf dem Foto (iv) besteht eine deutliche Verbindung zwischen der literalen und der phraseologisierten Bedeutung ‚plötzlich sterben‘. In diesen Fällen kann man aus linguistischer Perspektive von Bildlichkeit der Darstellung/einem idiomatischen Bild sprechen.

Demnach bereitet die Erfassung der subtilen und weitgehend individuellen Phänomene der Bildhaftigkeit und der Bildlichkeit zahlreiche Schwierigkeiten. Ob die von Menschen evozierten mentalen Bilder generell gut etabliert und durch die phraseologisierte Lesart beeinflusst sind (also als idiomatische Bilder im Sinne von Burger fungieren), oder eher als flüchtige, punktuelle Vorstellungen von einem analogen Charakter zu den einzelnen Idiomkonstituenten aufzufassen sind, ist umstritten, was ebenfalls in den unten dargestellten Theorien zum Ausdruck kommt.

3.4.4 Mentale Bilder und die Konstituierung idiomatischer Bedeutung – Hypothesen

Die Schwierigkeiten in der Erfassung der flüchtigen Natur der mentalen Bilder sind in den Theorien sichtbar, die die mentalen Bilder und ihren Einfluss auf die Bedeutung der Phraseologismen zu erforschen suchen: Während sich Gibbs und Mitarbeiter hauptsächlich auf den Einfluss der konzeptuellen Metaphern auf die mentalen Bilder konzentrieren, verweisen Cacciari und Glucksberg (1995) auf die grundlegende Rolle der literalen Lesart. Dobrovol’skij und Piirainen rücken die semantische Perspektive in den Vordergrund der Aufmerksamkeit. Sie bedienen sich der Termini ‚bildliche Komponente‘ sowie ‚innere Form‘, um das Zusammenspiel zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart darzustellen.

3.4.4.1 Mentale Bilder und konzeptuelle Metaphern: die kognitiv-konzeptuelle Hypothese von Gibbs/O’Brien

Auf große Resonanz in der kognitiv ausgerichteten Phraseologie stoßen die Untersuchungen zu mentalen Bildern von Gibbs und O’Brien (1990), die in psycholinguistisch ausgerichteten Experimenten die mit englischen Idiomen assoziierten mentalen Bilder erforschen. Der Untersuchungsstoff umfasst fünf thematische Gruppen, in denen jeweils fünf idiomatische Einheiten aufgeführt werden, z.B.:

←224 | 225→

Anger

Blow your stack

Hit the ceiling

Lose your control

Foam at the mouth

Flip your lip

Revelation

Spill the beans

Let the cat out of the bag

Blow the whistle

Blow the lid off

Loose lips. (Gibbs/O’Brien 1990: 41)

Die Aufgabe der Probanden liegt darin, die von Idiomen evozierten mentalen Bilder zu beschreiben und detaillierte Fragen bezüglich der Kausalität, Intentionalität, der Art und Weise der Durchführung und der Folgen von verschiedenen Ereignissen und Handlungen zu beantworten. So müssen sie beispielshalber herausfinden, ob die Bohnen in dem Idiom spill the beans vor dem Verschütten gekocht oder ungekocht, nach dem Verschütten mit oder ohne Schmutzbeimischung, schwer oder leicht einzusammeln waren. Dabei stellte sich heraus, dass die meisten Menschen auf derartige Fragen problemlos antworten konnten:

Most speaker can form mental images for idioms like spill the beans and answer these questions about their mental images without difficulty. Even people without a conscious image of this phrase can answer these questions. Although there is some variation in people’s images for spill the beans, speakers generally report that the container for the beans is about the size of a human head, the spilling appears to be accidental, the spilled beans are rarely in a neat pile, and are not easy to retrieve. (Gibbs/O’Brien 1990: 37)

Die Regularität und Kohärenz der mentalen Bilder erklären Gibbs und O’Brien mit dem Einfluss der konzeptuellen Metaphern: Die mentalen Bilder, die mit dem Idiom spill the beans assoziiert werden, sind durch die conduit (Kanal)-Metapher (Reddy 1979, Lakoff/Johnson 1980) motiviert:

This metaphor specifies the conceptual mapping that the mind is a container, and ideas are physical entities which are communicated by taking ideas out of the mind, putting them into words, and sending them to other people. We understand the mind (the target domain) as being like a container (the source domain) and ideas (the target domain) as being like different physical entities (the source domain) such as food, plants, or money. (…). Most of the conventional images for spill the beans correspond to the information or ideas which are supposed to be kept in the container, but which are accidentally let out through spilling. (Gibbs/O’Brien 1990: 38)

←225 | 226→

Ähnliche Resultate erzielen sie im Hinblick auf die Ärger-Idiome, z.B. flip your lid, hit the ceiling. Auch wenn die Deckel und Decken auf unterschiedliche Art und Weise geworfen oder gestoßen werden können, beruhen die mentalen Bilder der Probanden generell auf der Vorstellung eines unter Druck stehenden Behälters. Die Probanden wissen, wie Druck (z.B. Stress oder Frustration) die Aktion auslöst, dass das Individuum keine oder nur kleine Kontrolle über die Handlung hat, dass die gewaltsame Freilassung unwillkürlich geschieht und nicht rückläufig gemacht werden kann. Der Einfluss der konzeptuellen Metaphern: körper ist behälter, Ärger ist druck in dem behälter ist in den mentalen Bildern unverkennbar: „subject’s protocols revealed little variation in the general events that took place in their images for idioms with similar meanings“ (ebd., 43). Die häufigsten Antworten der Probanden werden unten angeführt:

Anger 
General Image:Some force causes a container to release pressure violently
Causation

Intentionality

Manner

Consequences

Negative consequences

Reversibility
Stress/anger/frustration

Action is not intentional

Action is performed with force

Anger/pressure is released

Build-up of pressure, explosion

The action is difficult to reverse
Revelation 
General Image:Some container is opened or tipped over and its contents are forcefully revealed
Causation

Intentionality

Manner

Consequences

Negative consequences

Reversibility
Pressure or a pressureful situation

Action is intentional

Action is performed with force

Substance that should be contained is released or revealed

Substance remain contained

The action is difficult to reverse

Auf der Grundlage dieser Experimente wird eine Hypothese formuliert, die als ‚konzeptuell-metaphorisch‘ (Dobrovol’skij 1997: 43) oder ‚kognitiv‘ (Stöckl 2004: 205) bezeichnet wird. Die Grundannahme dieser Hypothese lässt sich wie folgt zusammenfassen:

People have very consistent mental images for idioms and their knowledge of these images suggest the active role of conceptual metaphors in motivation the figurative meanings of idioms. People tacitly know that certain idioms have the meanings they do because of the continuing influence that conceptual metaphors have on their mental images for these expressions. And it is these conceptual metaphors that ←226 | 227→motivate the links between idioms and their nonliteral meanings. (Gibbs/O’Brien 1990: 49)

Dementsprechend sind die mentalen Bilder durch die konzeptuellen Metaphern beeinflusst, die unbewusst, automatisch bei der Idiom-Rezeption aktiviert werden. Auch wenn Elemente des mentalen Bildes durch die konkret-anschauliche literale Lesart evoziert sind (Bohnen, verschütten), so ist ihre räumliche Anordnung durch die phraseologisierte Lesart restringiert, die wiederum durch die konzeptuellen Metaphern (mind is a container, ideas are entities) geprägt wird: Der Behälter hat die Größe des menschlichen Kopfes, die Bohnen sind ursprünglich in dem Behälter, das Verschütten ist unbeabsichtigt, die Bohnen sind danach schwer einzusammeln (ebd., 37).

Diese Forschungsergebnisse und die darauf fußende Hypothese werden dann dennoch einer Revision unterzogen. Kritisiert wird u.a. die Methodik gezielter Fragen über die mentalen Bilder, die als suggestiv angesehen wird (Häcki-Buhofer 1993: 152, Dobrovol’skij 1997: 46–47):

Wenn die Vpn z.B. gefragt werden, ob man die verschütteten Bohnen wieder einsammeln kann, werden sie schon durch die Form einer Entscheidungsfrage vor eine Alternative gestellt. Indem sie zur Entscheidung kommen, befragen sie höchstwahrscheinlich nicht nur ihre visuellen Bilder (vielleicht haben sie gar keine Bilder gesehen), sondern auch ihre Kenntnis der aktuellen Bedeutung des Idioms spill the beans. Da man weiß, dass die erzählten Inhalte nicht unerzählt gemacht werden können, wird über die Bohnen ausgesagt, dass sie nicht mehr in den Topf zurück können. (Dobrovol’skij 1997: 46–47)

Wie erwähnt, ist es des Weiteren anzunehmen, dass die bewusst elaborierten mentalen Bilder, über die befragten Probanden nachträglich verbal zu reflektieren hatten, nicht unbedingt identisch mit den flüchtigen mentalen Bildern sein müssen, die unter authentischen Bedingungen entstehen (vgl. Kap. 3.4).

3.4.4.2 Mentale Bilder und literale Lesart: property-attribute model von Glucksberg u.a.

Im Gegensatz zu der dargestellten kognitiv-konzeptuellen Hypothese, die von Gibbs/Colston (2007), Gibbs/O’Brien und Gibbs (1993, 1994) in mehreren Veröffentlichungen vertreten wird, verweisen Cacciari/Gluckberg (1995) sowie Glucksberg/McGlone/Keysar (1992) im Rahmen des sogenannten property-attribute-Modells auf die grundlegende Rolle der literalen Lesart bei der Herausbildung des mentalen Bildes. In ähnlich wie bei Gibbs konzipierten psycholinguistischen Experimenten werden die Probanden gebeten, ihre mentalen Bilder zu den in vier Gruppen eingeteilten Idiomen (geläufige und transparente, nicht-geläufige und transparente, geläufige und opake, nicht-geläufige und opake Idiome) möglichst genau zu beschreiben. Die weitaus überwiegende Mehrheit der Probanden war imstande, die mentalen Bilder zu evozieren (nur ←227 | 228→in 4 der insgesamt 340 durchgeführten Umfragen hatten die Probanden kein mentales Bild evoziert). Interessanterweise sind die meisten (78,8 %) mentalen Bilder ausschließlich durch die literale Lesart beeinflusst (Cacciari/Gluckberg 1995: 290). Selbst bei geläufigen und usualisierten Idiomen, bei denen die phraseologisierte Lesart als dominant angesehen werden kann, sind die mentalen Bilder hauptsächlich an die literale Lesart gebunden. So berichten die meisten Probanden zu dem Idiom break the ice von den Vorstellungsbildern wie „ein Eskimo mit Hammer und Meißel, der das Eis um sich herum zerschlägt“ oder „das Eis in einer Küchenmaschine zerbröckeln, damit man damit das Essen abkühlt“ (ebd.). Die durch die phraseologisierte Lesart des Idioms beeinflussten mentalen Bilder (wie z.B. „ein großer Eisklotz, der von beiden Seiten von Menschen mit Meißeln wie Berliner Mauer zerschlagen wird“) sind wesentlich seltener (ebd., 290–291).

Die von Cacciari/Glucksberg erzielten Untersuchungsergebnisse widersprechen zwar der potenziellen Möglichkeit der Beeinflussung von mentalen Bildern durch die konzeptuelle Metapher nicht ganz, sie verweisen aber darauf, dass ihr Einfluss wesentlich geringer ist, als von Gibbs angenommen wird. Dazu schreibt Glucksberg u.a.:

We did (and still do) acknowledge the potential role of conventional metaphors in the generation of ad hoc attributive metaphor categories. We did, however, also argue that such conventional metaphoric mappings need not be accessed or used in the production and comprehension processes. The issue then is not how many (very few, some, many, or, as Gibbs argues, the vast majority of) metaphorical expressions are understood by accessing prestored conventional metaphoric mappings, but rather under which circumstances (if any) such mappings come into play. Conventional metaphorical mappings, as well as other types of conceptual schema, can be available yet not accessible in given contexts (…). (Glucksberg/McGlone/Keysar 1992: 578)

Wie daraus erhellt, bringt die Psycholinguistik keine eindeutigen Antworten zur Natur der mentalen Bilder. Die empirische Evidenz lässt schlussfolgern, dass mentale Bilder hauptsächlich durch literale Lesart eines Idioms evoziert und beeinflusst werden. Der Beitrag der phraseologisierten Lesart und konzeptueller Metaphern zur Konstituierung von mentalen Bildern ist dabei möglich, scheint dennoch weniger ausgeprägt zu sein.

3.4.4.3 Die Theorie des bildlichen Lexikons von Dobrovol’skij/Piirainen

Der Frage nach der Natur der semantisch relevanten analogen Komponente gehen in ihrer Conventional Figurative Language Theory (= CFLT) Dobrovol’skij/Piirainen (2005, 2009) nach. Zentral für die Theorie des bildlichen Lexikons ist die Annahme einer spezifischen konzeptuellen Struktur, die zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart vermittelt. Diese konzeptuelle Struktur – als ←228 | 229→bildliche Bedeutungskomponente, Bildkomponente bzw. innere Form129 bezeichnet – wird durch das der literalen Lesart zugrunde liegende mentale Bild evoziert. Der Inhaltsplan der Idiome besteht somit aus zwei Makrokomponenten: (1) aus der lexikalisierten Bedeutung und (2) aus dem mentalen Bild, das durch die lexikalische, wörtliche Struktur evoziert wird (Dobrovol’skij/Piirainen 2009: 12).

The underlying mental image, which is in general an individual psychological phenomenon, possesses certain elements that are more or less stable and intersubjective in the sense that they leaves traces in the lexicalised figurative meaning of a CFU [conventional figurative unit, A. S.] (i.e. in its actual meaning) or elements of the mental image make up the image component of a CFU. The image component provides motivating links: conceptual links between the literal reading and the actual meaning constitute the image component. (Dobrovol’skij/Piirainen 2005: 354)

Im Gegensatz zu der traditionellen Phraseologie, die davon ausgeht, dass zwischen den beiden Ebenen keine Beziehungen bestünden130, wird in der Theorie des bildlichen Lexikons die Ansicht vertreten, dass in der lexikalisierten Bedeutung oft bestimmte Spuren des mentalen Bildes zu finden sind, das durch die literale Lesart evoziert wurde (Dobrovol’skij/Piirainen 2009: 12–13). Aus dieser zentralen Annahme ergeben sich folgende Postulate für die Theorie des bildlichen Lexikons (Dobrovol’skij/Piirainen 2005: 354–355), dessen relevanten Bestandteil Idiome ausmachen:

  (i)Zahlreiche relevante Usus-Restriktionen von Idiomen sind auf die Spezifik der Bildkomponente zurückzuführen.

 (ii)Semantische und pragmatische Differenzen zwischen Idiomen mit ähnlicher lexikalisierter Bedeutung lassen sich von der Bildkomponente ableiten.

(iii)Quasi-äquivalente Idiome aus verschiedenen Sprachen sind sich nie in ihren semantischen und pragmatischen Eigenschaften identisch, wenn zwischen ihren Bildkomponenten wesentliche Unterschiede bestehen.

 (iv)Auch wenn die Bildkomponente den Gebrauch eines Idioms nicht direkt beeinflusst, macht sie doch einen Teil seines Inhaltsplans, der in spezifischen, z.B. wortspielerischen Kontexten aktiviert werden kann.

 (v)Da manche spezifischen Eigenschaften der Bildkomponente historisch begründet sind (d.h. die Bildkomponente erhält Wissensstrukturen aus der Entstehungszeit einer figürlichen Spracheinheit), können bestimmte ←229 | 230→Elemente des etymologischen Wissens die semantischen und pragmatischen Eigenschaften der Idiome beeinflussen.

(vi)Die spezifischen Eigenschaften der Bildkonstituente können auch kulturell begründet sein, weswegen die Eigentümlichkeiten einer gegebenen Kultur ebenfalls Einfluss auf die figürlichen Spracheinheiten haben. Dabei manifestiert sich die Relevanz der kulturellen Phänomene nicht ausschließlich in dem kombinatorischen oder diskursiven Verhalten von konventionalisierten figürlichen Spracheinheiten, sondern auch in zwischensprachlichen Differenzen, die nur vor dem kulturellen Hintergrund erklärt werden können.

2016 grenzt Dobrovol’skij die theoretischen Konstrukte der ‚inneren Form‘ und der ‚Bildkomponente/der bildlichen Komponente‘ doch ab und verweist darauf, dass sich die beiden Begriffe oft verzahnen, dennoch nicht als synonym betrachtet werden können.

Mit dem Begriff der inneren Form knüpft Dobrovol’skij an die russische Sprachphilosophie des 19. Jh. an. Potebnja (1892) definiert die innere Form als „the ratio of the content of thought to consciousness“ (Dobrovol’skij 2016: 21). In Anlehnung an diese vage und schwer operationalisierbare Definition schlägt der Forscher folgende Definition der inneren Form in der Phraseologie vor:

(…) the inner form of a lexical unit (word or idiom) can be defined as a kind of semantic paradigmatic relations between the target lexeme and the meanings associated with its constituent parts and/or the underlying mental image. In other words, the inner form of a lexical item is the image fixed in its content plane as well as the motivation of its lexicalized meaning, which the speakers derive from the meaning of its constituents (morphemes or words). (Dobrovol’skij 2016: 23)

Unter dem image component versteht er dagegen:

(…) the linguistically relevant traces of the mental image underlying its semantics. It provides a semantic bridge between two levels of the figurative unit’s conceptual structure, i.e. between its meaning proper and the literal interpretation of the underlying lexical structure which triggers the corresponding mental image. (Dobrovol’skij 2016: 23)

Die bildliche Komponente weist also viele Parallelen zu Burgers idiomatischem Bild auf, was Dobrovol’skijs Erklärungen am Beispiel des Idioms to take a sledgehammer to crack a nut nahe legen:

The image component provides conceptual material that is used in constructing the actual meaning, namely the idea that the means is fully inappropriate for achieving a given goal (to crack a nut), in that it is too powerful. Using a sledgehammer requires effort, much more that is needed to crack a nut, so that the subject of this action is wasting energy. Even if the intended result is achieved (the nut is cracked) it is so significant when compared to the wasted effort that the whole action has been inefficient. Thus traces of the underlying image can be found in all parts of the semantic definition. An important feature of this metalanguage is that it does not point to all ←230 | 231→details of the „rich image“ but exploits only those traces of the source concept that are relevant for the actual meaning. Another feature of the metalanguage (connected with the first one) is that it often uses formulations of a relatively high level of abstraction. This enables us to concentrate on the conceptual structures which are immediately relevant for constructing the actual meaning and which provide the semantic bridge between source and target concepts. (Dobrovol’skij 2016: 25)

Ebenfalls hier handelt es sich um eine konzeptuelle Struktur, die zwar von dem an die literale Lesart gebundenen mentalen Bild ausgeht, dennoch durch die motivierenden Beziehungen zwischen den beiden Lesarten stark beeinflusst wird. Hervorgehoben werden nur diejenigen Aspekte des mentalen Bildes, die für die Konstituierung der Bedeutung von Relevanz sind.

Die innere Form stelle demnach einen weiteren Terminus als die bildliche Komponente dar: Während die bildliche Komponente nur ausgewählte Aspekte herausgreift, die für die phraseologisierte Bedeutung eines Idioms von Relevanz sind, bezieht sich der Begriff der inneren Form ebenfalls auf die Inhalte, die zwar nicht als motivierende Verbindungen zwischen den beiden Lesarten in der konventionellen Bedeutung gelten können, aber doch einen potentiellen Bestandteil der Semantik von einem Idiom bilden, der in bestimmten Kontexten zur Geltung kommen kann:

The motivational basis of an idiom consists, first of all, of linguistically relevant traces of the underlying image. This kind of image trace makes up the so-called image component of idiom semantics, and in this sense, it is part of the content plane of the idiom. However, other parts of the image which do not necessarily influence the idiom’s lexicalized semantic also play a certain role in its cognitive processing. The parts of the image that do not immediately construct the motivational link between the literal reading and the lexicalized meaning of an idiom can, nevertheless, be activated in non-standard contexts. The conceptual details of the image that do not provide the motivating link can, nevertheless, evoke certain stylistic properties of figurative lexical units. In this sense, the image basis of every figurative lexical unit (one-word metaphor or idiom), taken as a whole, is psychologically real. All these „additional“ conceptual features along with the image component are subsumed under the term inner form. (Dobrovol’skij 2016: 32–33)

Die Differenzen zwischen der inneren Form und der bildlichen Komponente versuche ich an einem Beispiel zu veranschaulichen: Für das Idiom eine harte Nuss ‚eine schwierige Aufgabe‘ kann das Wissen als Motivationsbasis gelten, dass die Nüsse eine harte Schale haben, die schwer zu knacken ist. Wahrscheinlich stellen sich auch die meisten Menschen unter einer harten Nuss eher eine Walnuss bzw. Haselnuss als eine Erdnuss mit einer papierartigen Schale vor. Die bildliche Komponente dieses Idioms umfasst also ein mentales Bild einer Walnuss/Haselnuss sowie die dahinter stehenden epistemischen Strukturen. Profiliert wird die Beschaffenheit der Schale sowie möglicherweise der hohe Nährwert des Kerns.

←231 | 232→Sobald aber der authentische Sprachgebrauch in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt wird, lassen sich zahlreiche Belege finden, wo zusätzliche Aspekte der Nuss einen wichtigen Bestandteil des Bedeutungskonstituierungsprozesses ausmachen: Der sprachspielerische Effekt in dem folgenden Sprachbeleg beruht darauf, dass die rundliche Form der Walnuss/Haselnuss mitprofiliert wird und eine metaphorische Verbindung zu der gedrungenen Körperform eines Mannes bildet.

Seit dem legendären ÖTV-Chef Heinz Klunker, Gott hab ihn selig, hat es keinen Arbeiterführer mehr gegeben, der die proletarischen Massen so richtig auf die Barrikaden treiben konnte. Wenn Klunker rief, standen alle Räder still und die Löhne wurden zweistellig erhöht. Für den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers könnte das im kommenden Jahr noch eine richtig neue Herausforderung werden. Den Lafontaine macht er schon gelegentlich, wenn es um populistische Stimmenmaximierung geht. Auch mit dem langjährigen sozialdemokratischen Landesvater Johannes Rau hat er sich schon versöhnt. Heinz Klunker wäre eine harte Nuss, nicht wegen dessen Bauchumfanges. Aber wenn es dem Christdemokraten Rüttgers tatsächlich gelänge, in dessen Fußstapfen zu treten, dann ist ihm die Macht an Rhein und Ruhr wohl auf ewig sicher. Die Zeit, 29.12.2008 (DWDS, Zugriff am 16.03.2017)

Die latente Fähigkeit der Idiome, derartige metaphorische Mappings herzustellen, ist auf ihre innere Form zurückzuführen.

3.4.5 Zwischenbilanz

Bei der Besprechung der Bildhaftigkeit und Bildlichkeit der Idiome muss auf zwei Perspektiven eingegangen werden.

Die erste Betrachtungsweise ist theoretischer Natur und für die Theorie der Phraseologie von Bedeutung. Hier scheint die Abgrenzung der Begriffe Bildhaftigkeit und Bildlichkeit von Relevanz zu sein:

Die Bildhaftigkeit wird somit als eine allgemeine Eigenschaft von einer Klasse variabler Ausdrücke wie einfache Lexeme, Komposita, (mehr oder weniger feste) Wortverbindungen und nicht zuletzt ganze Texte und Äußerungen angesehen. Sie beruht darauf, dass manche sprachlichen Einheiten aufgrund ihrer Konkretheit visuelle Vorstellungen, sog. mentale Bilder, evozieren können. Wie die neueren kognitiven Ansätze der Embodied/Grounded Cognition beweisen, ist der semantische (konzeptuelle) Pol einer sprachlichen Einheit durch verschiedene Repräsentationsmodi vertreten. Bildhaft sind generell die Begriffe der Basisebene, so wie sie von Rosch (vgl. Kap. 2.2.3) definiert wurden: Es liegt nämlich experimentelle Evidenz dafür vor, dass im Spracherwerb und im spontanen Sprachgebrauch eine mittlere Ebene zwischen sehr allgemeiner und sehr spezialisierter Kategorisierung bevorzugt wird (vgl. Apfel als Begriff der Basiskategorie vs. Frucht und Jonagold). Charakteristisch ist die privilegierte Stellung der Begriffe der Basisebene anderen Begriffen gegenüber: Sie weisen eine hohe Frequenz auf, sind schnell verarbeitet, der semantische Pol ist sehr ausgebaut, darüber hinaus ist es die höchste ←232 | 233→Kategorieebene, für die ein gemeinsames mentales Bild existiert. So evozieren die Begriffe der Basisebene: Apfel, Hund, Haus bei der Sprachrezeption bei den meisten Menschen mentale Bilder, was bei der hierarchiehöheren Ebene (Frucht, Tier, Gebäude) bzw. bei einer hierarchieniedrigeren (Rotkehlchen, Zwergspitz) nicht immer der Fall ist.

Die Bildlichkeit steht dagegen mit einer figurativen Bedeutung einer Wortverbindung im Zusammenhang: Bildlich sind die Ausdrücke, die aufgrund einer metaphorischen (seltener: metonymischen oder symbolischen) Bedeutungsderivation ein direktes Verhältnis zwischen dem versprachlichten Bild und dem Gemeinten als Bildempfänger aufweisen (Sowinski 1978: 259). Bildlichkeit geht oft mit der Bildhaftigkeit einher, sie ist dennoch nicht unbedingt an die analoge Repräsentation des Wissens gebunden und durch die multimodale Struktur mentaler Repräsentationen zahlreicher Konzepte im Langzeitgedächtnis erklärbar. Inwieweit die mentalen Bilder, die bei der natürlichen Sprachverarbeitung ausgelöst werden, bildlich sind, d.h. inwieweit sie von den metonymischen und metaphorischen Mappings zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart des Idioms beeinflusst werden, lässt sich beim heutigen Wissensstand nicht eindeutig ermitteln. Viele Phraseologismen sind gleichzeitig bildhaft und bildlich:

jmdn. in die Zange nehmen ,1. ugs. jmdn. hart unter Druck setzen, ihm mit Fragen zusetzen. 2. Fußball; einen gegnerischen Spieler von zwei Seiten her so bedrängen, dass er erheblich behindert wird‘ (DUW)

eine Kröte schlucken ‚ugs. etwas Unangenehmes [stillschweigend] hinnehmen; sich mit einer lästigen Sache [ohne Sträuben] abfinden: sie hat in ihrem Berufsleben viele Kröten schlucken müssen‘ (DUW)

an der Quelle sitzen ‚ugs. gute Verbindung zu jmdm. haben und daher zu besonders günstigen Bedingungen in den Besitz von etw. gelangen‘ (DUW)

Die Verbindung einer konkret-anschaulichen, in der täglichen Erfahrung liegenden Ausgangsdomäne mit einer abstrakteren Zieldomäne durch die konzeptuellen Mappings gehört zu den ausgeprägten Eigenschaften der Metapher, deren Funktion eben in der Veranschaulichung des schwer Fassbaren liegt. Auf der anderen Seite ist dennoch hervorzuheben, dass Idiome bildlich sein können, ohne Bildhaftigkeit aufzuweisen:

jmdn. im Stich lassen 1. ‚sich um jmdn., der in eine Notlage geraten ist, sich in einer kritischen Situation befindet, nicht mehr kümmern‘ 2. ‚jmdn., mit dem man verbunden war, verlassen‘ 3. ugs. jmdm. den Dienst versagen‘ (DUW)

jmdn. kalt erwischen ‚unangenehm überrascht werden; unerwartet kommen, ohne Vorwarnung betroffen sein‘ (redensarten-index, Zugriff am 06.12.2017)

Die Bildhaftigkeit stellt somit – so wie die Motiviertheit – eine graduelle und individuelle Eigenschaft dar: Manche Idiome evozieren ein gut ausgeprägtes, deutliches mentales Bild (ein heißes Eisen anpacken, ein glattes Parkett), das explizit in Einzelheiten beschrieben werden könnte, bei anderen (sich in seiner Haut wohl fühlen) kann man höchstens von einem schematischen Bild sprechen.

←233 | 234→Hervorzuheben ist noch die Tatsache, dass die Bildhaftigkeit die Bildlichkeit von festen Wortverbindungen steigern kann. Ihr Einfluss auf die Verarbeitung eines Phraseologismus ist bei denjenigen Idiomen am größten, die einem Sprachteilhaber unbekannt oder wenig bekannt sind: Dann geht er vom mentalen Bild aus und sucht – ähnlich wie bei der Verarbeitung von innovativen Metaphern und unter Einbezug der ko- und kontextuellen Begebenheiten – nach motivierenden Verbindungen, die eine Wortverbindung verstehbar machen könnten. Auch bei geläufigen Idiomen, bei denen die phraseologisierte Bedeutung gut bekannt und schnell abgerufen wird, trägt die idiomatische Bildhaftigkeit zur Aktivierung und Vergegenwärtigung der literalen Lesart bei, eröffnet den Spielraum der möglichen Interpretationen und ermöglicht den modifizierten Gebrauch der Idiome. Der sprachspielerische Gebrauch, der u.a. durch den Ausbau des Szenarios um das mentale Bild herum erfolgen kann und zu der bewussten Ambiguierung der Bedeutung führt, kommt bei manchen Idiomen in einer nennenswerten Anzahl der Belege vor (beim Idiom ein glattes Parkett sind es über 20 % der Belege), vgl. folgende Gebrauchsbelege:

Allerdings sei es nicht die Macht der Banken, derentwegen ein raider um sein Gebiß fürchten müsse, sondern das Aktienrecht: „Aufgrund der Zweigleisigkeit von Aufsichtsrat und Vorstand ist der deutsche Markt eine harte Nuß.“ Allerdings ist es eine Nuß mit verlockendem Inhalt. Die Zeit, 25.03.1988 (DWDS, Zugriff am 15.03.2016)

Der „Regierende“ hat zweifellos seine Fehler, manchmal bewegt er sich nicht ganz stilsicher auf dem glatten Parkett der Diplomatie und Business-World – aber er ist doch ein richtiger Mensch mit seinen Fehlern und Vorzügen, kein perfekter Plastikautomat, in den man oben Geld einwirft, und unten kommt ein McDonald’s-Hamburger heraus! Wenn er strauchelt, steht er wieder auf; und wenn er auf die Schnauze fällt, schüttelt er sich, grinst und rappelt sich. Berliner Zeitung, 29.12.2004 (DWDS, Zugriff am 15.03.2016)

Damit leistet die phraseologische Bildhaftigkeit einen wichtigen Beitrag zum sog. phraseologischen Mehrwert (Kühn 1985): So wie die materiellen Bilder von Natur aus mehrdeutig und polyvalent sind und ihre Deutung hochgradig kontextabhängig ist (Stöckl 2004: 151), so erweitern auch die mentalen Bilder die Interpretationsmöglichkeiten der idiomatischen Bedeutung und verursachen, dass ihre Modellierung komplex und vielschichtig ist.

Die andere Perspektive, aus der mentale Bilder beschrieben werden können, bezieht sich auf die Natur der mentalen Bilder und ihren Einfluss auf die kognitive Verarbeitung der Idiome. Die Tatsache, dass viele metaphorische Idiome zugleich bildhaft und bildlich sein können, sagt uns nur wenig über die psychologische Realität der mentalen Bilder und ihren Beitrag zur Bedeutungskonstituierung im natürlichen Sprachgebrauch: Die theoretischen Erwägungen der Sprachwissenschaftler müssen sich nicht unbedingt in den Köpfen der Sprechenden widerspiegeln.

Zur psycholinguistischen Realität und der Gestaltung der mentalen Bilder liegen viele Fragen nahe, auf die beim heutigen Forschungsstand keine eindeutigen ←234 | 235→Antworten bestehen: Sind die mentalen Bilder, die durch die literale Lesart evoziert werden, in Form von gut und in Einzelheiten ausgearbeiteten Szenen mental präsent oder handelt es sich eher um punktuelle, anschauliche Vorstellungen von einzelnen Konstituenten? D.h. haben die Menschen, die das Idiom eine Flinte ins Korn werfen wahrnehmen, ein in Einzelheiten elaboriertes Vorstellungsbild, oder eher eine flüchtige Vorstellung einer Flinte mental vor Augen? Sind diese Vorstellungen oder Szenen bei allen Menschen ähnlich? Sind die mentalen Bilder, mit denen wir in der natürlichen Kommunikation zu tun haben, mit den idiomatischen Bildern identisch oder ihnen wenigstens ähnlich? In anderen Worten: Fließen die Elemente der phraseologisierten Lesart in das mentale Bild hinein (indem das Getreide, das phraseologisierte Korn, beispielsweise genügend dicht gesät ist, um die Flinte zu verbergen)? Welchen Einfluss hat die Geläufigkeit des Idioms auf das mentale Bild? Besitzen die Idiome, die man häufig gebraucht, ein besser ausgeprägtes, elaboriertes mentales Bild als die Idiome, die man selten verwendet? Verfügen die Idiome, die man sich bewusst angeeignet oder über deren Bedeutung man reflektiert hat, über mehr ausgebaute, vielleicht sogar etymologisch motivierte mentale Bilder? Am oben besprochenen Beispiel: Evozieren die Sprachteilhaber, die mal eine materielle Illustration des Idioms die Flinte ins Korn werfen131 gesehen haben und seine Etymologie kennen, das mentale Bild eines fliehenden, desertierenden Soldaten? Übt der Kontext Einfluss auf die Beschaffenheit der mentalen Bilder aus? Sind die mentalen Bilder von einer punktuellen (bild- oder fotoähnlichen) oder von einer sequenziellen (sich wie ein Film abspielender) Natur? Betonenswert ist der weitgehend individuelle und subjektive Charakter der mentalen Bilder.132 Der erschwerte Zugang zu den in der spontanen Sprachverarbeitung generierten und evozierten mentalen Bildern133 hat zur Folge, dass auch die Ergebnisse der empirisch ausgerichteten psycholinguistischen Untersuchungen in diesem Bereich inkonsistent sind. Aus diesem Grunde werden in den folgenden Erörterungen die mentalen ←235 | 236→Bilder allgemein aufgefasst, ihre psychologische Realität und der Einfluss auf die Konzeptualisierungen von Idiomen stehen außer Zweifel, Versuche, über ihre Natur und Detailliertheit zu entscheiden, werden dennoch nicht vorgenommen.

3.5 Zusammenfassung

Diese Zusammenfassung bildet einen Übergang zwischen den theoretischen Überlegungen zur Phraseologie, Sprache, Auffassung der Bedeutung, Metapher, Metonymie sowie der phraseologischen Bildhaftigkeit und Motiviertheit aus kognitiver Sicht und den empirisch ausgerichteten korpusbasierten Untersuchungen zur Semantik der einzelnen Phraseologismen. Aus der Vielfalt der dargestellten Theorien und Hypothesen werden diejenigen Leitgedanken und Termini resümierend herausgegriffen, die für die weiteren Erörterungen von besonderer Relevanz sind. Hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass diese Auswahl keinesfalls wertend ist: Beispielshalber ergibt sich die Tatsache, dass Symbole und symbolische Motiviertheit eine relativ untergeordnete Rolle in der vorliegenden Arbeit spielen, aus der Spezifik des zu untersuchenden Diskursbereiches der Schwierigkeit/der schwierigen Lage und darf nicht als eine für die Phraseologie allgemeingültige Regel interpretiert werden.

Den theoretischen Rahmen für die vorliegende Arbeit macht der holistische Ansatz der Kognitiven Linguistik aus. Grundsätzlich werden die sich aus der Annahme von trennscharfen Grenzen zwischen einzelnen Kognitionsebenen und Phänomenen ergebenden Dichotomien (z.B. zwischen dem Körper und dem Geist; der Sprache und anderen kognitiven Fähigkeiten; Perzeption, Kognition und Emotion; der literalen, nicht-literalen und figurativen Sprache; Metapher und Metonymie) zugunsten eines ganzheitlichen Bildes von kognitiven Fähigkeiten eines Menschen aufgegeben. Kognitive Linguistik ist mentalistisch: Sprachliche Zeichen beziehen sich nicht auf außersprachliche Entitäten, sondern auf mentale Konstrukte von diesen Entitäten, nicht auf die wirkliche, sondern auf die projizierte Welt. Das konzeptuelle System eines Menschen wird durch Erfahrung konstruiert, es wird eine gemäßigt empirische Weltsicht vertreten: Die fundamentale Stellung der Erfahrung wird zwar anerkannt, zugleich lässt man aber bestimmte genetische Einschränkungen, die z.T. durch die Beschaffenheit des menschlichen Körpers auferlegt werden, zu. Elementare Operationen wie Kategorisierung oder Schematisierung können z.B. in ihren Grundzügen durch genetische Faktoren bedingt werden. Mentale Repräsentationen sind dabei multimodal: Sie umfassen Reize in allen möglichen Sinnesmodalitäten, auch Emotionen, Interozeption und Prioprozeption werden mental gespeichert.

In diesem komplexen, durch zusammengesetzte Wechselbeziehungen gekennzeichneten System funktioniert die Sprache. Eine sprachliche Einheit besteht aus einem phonologischen und aus einem konzeptuellen Pol, die durch eine symbolische Beziehung verbunden werden. Der konzeptuelle Pol einer sprachlichen Einheit greift dabei auf die Gesamtheit des mental repräsentierten Wissens, auf ein individuelles kultur-, alters- und erfahrungsbedingtes Wissensgefüge zurück. Die ←236 | 237→sprachlichen Bedeutungen sind somit enzyklopädisch: Es gibt keine Abgrenzung zwischen sprachrelevanten oder sprachirrelevanten Wissensinhalten. Die Annahme eines Sprachmoduls mit einem abgesonderten mentalen Lexikon wird abgewiesen: Weder die Sprache noch sprachliche Bedeutungen können als stabile, statische, von anderen kognitiven Fähigkeiten abgegrenzte Größen angesehen werden. Es handelt sich eher um Phänomene in statu nascendi, dynamische Prozesse. Sprache konstituiert sich durch den interaktiven Sprachgebrauch: Konzeptähnliche Strukturen werden als kognitive Routinen, aktuelle Bedeutungen als Konzeptualisierungen aufgefasst.

Phraseologismen im engeren Sinne (im Folgenden auch als Idiome und idiomatische Einheiten bezeichnet) umfassen sehr heterogene Gruppen der festen Wortverbindungen. In den Fokus der Aufmerksamkeit der vorliegenden Arbeit wird die größte Gruppe – Idiome mit zwei disjunktiven Lesarten gerückt. Der Prozess der Konstituierung der aktuellen Bedeutung eines Idioms weist viele Parallelen zur Bedeutungskonstituierung von Einzellexemen auf: Er ist dynamisch, interaktiv, vom Kontext abhängig, es wird auf enzyklopädische Wissensstrukturen von multimodaler Repräsentationsart zurückgegriffen. Die Besonderheit der Idiome mit zwei disjunktiven Lesarten als sprachlicher Einheiten liegt darin, (i) dass sich ihre Bedeutungen auf mehreren Ebenen herausbilden können (d.h. durch die Derivationsprozesse auf der Ebene der ganzen Wortverbindung sowie auf der Ebene der einzelnen Idiom-Konstituenten), (ii) dass sie bei gleicher Ausdrucksseite auf der Inhaltsseite zwei Lesarten: die literale und die phraseologisierte Lesart aufweisen (vgl. Abb. 17). Die Bedeutung von Idiomen mit zwei disjunktiven Lesarten konstituiert sich in einem Spannungsfeld zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart. Aus dem Zusammenspiel der beiden Lesarten ergibt sich die Motiviertheit der Phraseologismen, ihre semantische Ambiguität und Vagheit, ihr semantischer Mehrwert und Affinität zum sprachspielerischen Gebrauch.

Als wichtigste Mechanismen der Bedeutungskonstituierung, die in dem Spielraum zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart tätig sind, gelten konzeptuelle und epistemische Metaphern, Metonymie, Metaphtonymie, metonymisch-metaphorische Ketten sowie mentale Bilder. Als Metaphern werden die konzeptuellen Mappings zwischen zwei distinkten Domänen (d.h. Erfahrungsbereichen) verstanden, wobei eine Ausgangsdomäne, die meistens im Bereich der direkten, alltäglichen Erfahrung liegt, in eine abstraktere Domäne projiziert wird und sie auf diese Art und Weise verständlicher macht. Von grundlegender Bedeutung für die weiteren Erörterungen im phraseologischen Bereich ist die von Barcelona (2003) vorgeschlagene Einteilung nach der Natur der metaphorischen Mappings: Die metaphorischen Korrespondenzen zwischen der Ausgangs- und Zieldomäne können demnach ontologischer oder epistemischer Natur sein und entsprechend konzeptuelle und epistemische Metaphern konstituieren. Ontologische Mappings kommen in den konzeptuellen Metaphern vor, so wie sie von Lakoff/Johnson (1980) in der CTM-Theorie beschrieben werden. Konzeptuelle Metaphern werden als verfestigte kognitive Strukturen von einem hohen Abstraktionsgrad aufgefasst. Die Ausgangsdomänen, die den konzeptuellen Metaphern zugrunde ←237 | 238→liegen, erstrecken sich von den absolut elementaren Domänen wie die Körper- und Raumerfahrung (z.B. die gefäss-Metapher), bis hin zu den Erfahrungsbereichen, die den kulturellen Einflüssen unterliegen und keinen kulturübergreifenden, universalen Charakter haben (vgl. z.B. die konzeptuelle Metapher der geist ist eine maschine). Prinzipiell sind sie also „grounded in the body and in everyday experience and knowledge“ (Lakoff 1993: 39). Als grundlegende kognitive Mechanismen beeinflussen die konzeptuellen Metaphern unser Denken, Handeln und die Sprache, allerdings werden sie vor allem aus den der Untersuchung direkt zugänglichen sprachlichen Ausdrücken eruiert: Das methodologische Hauptverfahren bei der Ermittlung der konzeptuellen Metaphern liegt nämlich darin, dass man sie aus ihren sprachlichen Manifestationen erschließt, d.h., von einer konzeptuellen Metapher spricht man dann, wenn man die Existenz von einer genügenden Anzahl der sprachlichen Exemplifizierungen, in denen diese Metapher zur Geltung kommt, nachweisen kann. Idiome als konventionalisierte, weitgehend von den Sprachgemeinschaften akzeptierte und gebrauchte Einheiten der figurativen Sprache sind aus diesem Grund zur Erforschung der Reichweite der CTM-Theorie von Natur aus par excellence geeignet.

Im Gegensatz zu den ontologischen Mappings, die als „a set of fixed conceptual correspondences“ (Barcelona 2003: 212) angesehen werden, fest verankert sind und großen konzeptuellen Bereichen eine Struktur auferlegen, sind die epistemischen Korrespondenzen (knowledge/epistemic correspondences, vgl. Barcelona 2003: 212) an konkrete sprachliche Äußerungen gebunden. Epistemische Metaphern entstehen, indem sie zwei Domänen auf der Basis des allgemeinen Weltwissens verbinden. Demnach sind die metaphorischen Korrespondenzen, die den metaphorischen Komposita Apfelfigur ‚eine weibliche Figur, die durch schlanke Beine und fülligen Rumpf gekennzeichnet ist‘ oder Sanduhrfigur ‚Körperbau einer Frau, für den volle Brüste, schmale Taille, ausladende Hüfte charakteristisch sind‘ vor dem Hintergrund des allgemeinen Wissens über die räumliche Form eines Apfels und einer Sanduhr und den unterschiedlichen Körperbautypen von Frauen leicht nachvollziehbar. Unter epistemischen Metaphern werden in der vorliegenden Arbeit also die Metaphern, deren Domänen durch epistemische, d.h. auf dem allgemeinen Weltwissen basierende Korrespondenzen verbunden sind, aufgefasst. Die epistemischen Metaphern haben im Vergleich zu den konzeptuellen Metaphern einen wesentlich kleineren Wirkungsskopus: Während die auf ontologischen Mappings aufbauenden konzeptuellen Metaphern große Erfahrungsbereiche strukturieren und sich demnächst in zahlreichen sprachlichen Ausdrücken manifestieren, beziehen sich die epistemischen Metaphern auf einzelne Konzepte, die aufgrund des Weltwissens miteinander in Beziehung gesetzt werden. Hervorzuheben bleibt an dieser Stelle, dass beide Metapherntypen konzeptuell sind: Die Mappings zwischen den Domänen vollziehen sich in beiden Metapherntypen auf der konzeptuellen Ebene. Die Beibehaltung des Terminus konzeptuelle Metapher für die Bezeichnung der auf ontologischen Korrespondenzen beruhenden Metapher ist darauf zurückzuführen, dass dieser Begriff seit der für die moderne Metaphernauffassung ←238 | 239→bahnbrechenden Veröffentlichung von Lakoff/Johnson (1980) in der kognitiv ausgerichteten Forschung gut etabliert ist.

Unter Metonymie wird ein kognitiver Mechanismus bezeichnet, in dem eine (Sub-)Domäne teilweise unter Einbezug einer anderen (Sub-)Domäne verstanden wird, wobei die beiden Domänen innerhalb einer übergeordneten Domäne (oder Domänenmatrix) liegen (Barcelona 2003: 215). Croft (2003) und Lakoff (1987: 78–80) sprechen in diesem Kontext von domain highlighting. Der Unterschied zwischen Metapher und Metonymie liegt also zum einen in der Anzahl der involvierten Domänen, zum anderen in der Spezifik des Projektionsprozesses: Die Metapher verbindet zwei unterschiedliche Wissens- und Erfahrungsbereiche (Domänen), in der Metonymie erfolgt die Projektion innerhalb eines Erfahrungsbereiches, wobei jeweils ein Teil der Domäne auf einen anderen Teil derselben Domäne projiziert wird, z.B. (part for whole, action for agent, author for work, vgl. Barcelona 2003: 226–231). Da sich die Metonymie durch die ‚konzeptuelle Nähe‘ (ein Begriff von Dirven 2003: 92) auszeichnet und deswegen im Sprachgebrauch nicht so auffällt, ist ihr in der bisherigen Forschung wesentlich weniger Aufmerksamkeit als der Metapher geschenkt worden. In den letzten Jahren wird in der Kognitiven Linguistik dennoch immer häufiger die Meinung vertreten, dass die Metonymie möglicherweise „even more basic than metaphor in language and cognition“ ist (Barcelona 2003: 215). In der Phraseologie bildet die Metonymie oft den Ausgangspunkt zur Herausbildung der Metapher.

Die neueren detaillierten Analysen der Metapher und Metonymie im authentischen Sprachgebrauch verweisen des Weiteren darauf, dass strikte Abgrenzungen der beiden kognitiven Prozesse nicht immer ausführbar sind. Dies hängt einerseits mit der Unmöglichkeit einer präzisen und intersubjektiven Bestimmung zusammen, was unter einer „Domäne“ zu verstehen ist (Croft 2003, Taylor 2003), andererseits lässt die Analyse des authentischen Sprachgebrauchs in zahlreichen Fällen schlussfolgern, dass Metapher und Metonymie in sprachlichen Äußerungen interagieren können. Goosens (2003) schlägt für derartige Spracheinheiten vom hybriden Charakter (Metapher aus Metonymie, Metonymie in der Metapher) den Terminus Metaphtonymie (metaphtonymy) vor; mit diesem Terminus sind im Weiteren die Grenzphänomene bezeichnet, die sowohl als Metonymie als auch als Metapher aufgefasst werden können.

Eine wichtige Rolle bei den Konstituierungsprozessen der Idiom-Bedeutungen kommt bei vielen idiomatischen Einheiten den sog. mentalen Bildern (rich images) zu: Zahlreiche Idiome sind dadurch gekennzeichnet, dass sie mentale Bilder evozieren können. Mentale Bilder werden wahrscheinlich vorwiegend durch die literale Lesart eines Idioms ausgelöst und liegen dem Phänomen der phraseologischen Bildhaftigkeit zugrunde. Über die psycholinguistische Natur der mentalen Bilder bestehen beim heutigen Wissensstand mehr Fragen als Antworten: Es handelt sich hier um weitgehend individuelle und subjektive Phänomene. Menschen unterscheiden sich in der Fähigkeit, mentale Bilder zu evozieren, sowie in der Konsistenz und Detailliertheit ihrer mentalen Bilder. Umstritten ist beispielsweise, inwieweit die mentalen Vorstellungsbilder durch die phraseologisierte ←239 | 240→Lesart eines Idioms beeinflusst werden. Aus diesem Grunde werden im Folgenden die Differenzierungen zwischen dem mentalen und dem idiomatischen Bild, der Bildlichkeit und Bildhaftigkeit der Idiome aufgegeben. Unter mentalen Bildern werden (meist flüchtige) mentale, interne, analoge Abbildungen der externen Informationen verstanden, die bei der Verarbeitung der Idiome vorkommen und zu der Bedeutungskonstituierung ihren Beitrag leisten (können).

Betonenswert ist der dynamische, prozessuale Charakter der Bedeutungskonstituierung von Idiomen. Die konventionellen Bedeutungen von Idiomen bilden sich auf der Grundlage rekurrenter Sprachgebrauchsereignisse heraus (Ziem 2008: 138, Langacker 2008). Den Ausgangspunkt zur Untersuchung der Semantik der sprachlichen Einheiten bilden die jeweiligen Konzeptualisierungen: „Knowledge of language emerges of language use“ (Croft/Cruse 2004: 1). Zur Erfassung der Dynamik und Emergenz der Bedeutungskonstituierungsprozesse ist der Rückgriff auf authentische Sprachbelege erforderlich, die Korpora zur Verfügung stellen. Dem empirischen Teil der vorliegenden Arbeit wird deswegen ein Exkurs vorangestellt, in dem kurz auf die Korpuslinguistik und ihre Rolle in der Phraseologie eingegangen wird.

EXKURS: Korpuslinguistik

Den grundsätzlichen Leitfaden der folgenden Erörterungen bildet die Annahme, dass sich die Bedeutungen von Idiomen in rekurrenten Sprachgebrauchsereignissen durch den Prozess der Schematisierung, Kategorisierung und Automatisierung herausbilden und etablieren. Die idiomatischen Bedeutungen sind demnach nicht als stabile mentale Entitäten, sondern eher als kognitive Verfestigungen, kognitive Routinen aufzufassen, die sich aus dynamischen, emergenten Konzeptualisierungen herauskristallisieren. Eine fundamentale Rolle bei der Untersuchung der Semantik von sprachlichen Einheiten kommt in diesem Sinne der Untersuchung des Sprachgebrauchs zu: einer Aufgabe, bei der die Leistungen des neuen Zweiges der sprachwissenschaftlichen Forschung – der Korpuslinguistik – kaum zu unterschätzen sind. Aus diesem Grunde wird im folgenden Exkurs kurz auf den theoretischen Hintergrund der korpuslinguistischen Forschung, ihre Einsatzbereiche und Grundverfahren eingegangen.

Die Entstehung der Korpuslinguistik ist an die Entwicklung von elektronischen Datenbanken und dem Internet gebunden, in denen große Textsammlungen samt geeigneten Suchmaschinen aufgesammelt sind. Mit diesen Datenbanken wurde der Linguistik ein nützliches Werkzeug zur Verfügung gestellt, mit dem authentische Sprachdaten in den bisher nicht zugänglichen Mengen für die linguistischen Fragestellungen und Analysen bereitstehen. In diesem Sinne ist der Beitrag der Korpuslinguistik zu sprachwissenschaftlicher Methodologie revolutionär: An die Stelle der introspektiven Untersuchung bzw. der Analyse einzelner willkürlich ausgesuchter Beispiele tritt die Möglichkeit der Recherche in einer großen Menge der einschlägigen Belege im Korpus, wodurch Zusammenhänge sichtbar werden, die man früher höchstens zufällig entdecken konnte (Teubert 2006: 49).

Als theoretischer Hintergrund der korpuslinguistischen Forschung wird der Kontextualismus angesehen, so wie er einst von John Rupert Firth entworfen ←240 | 241→wurde. Das Forschungsziel des Kontextualismus liegt darin, sprachliche Äußerungen und deren verschiedene linguistische Aspekte als Funktionen des sprachlichen und nicht-sprachlichen Kontextes zu erklären, in dem diese Äußerungen stehen (Lemnitzer/Zinsmeister 2010: 28)134. Die Bedeutung einer sprachlichen Einheit wird nicht als mentale Disposition von Sprechern, die unabhängig vom Gebrauch existiert, aufgefasst (ebd., 30). Der Kontextualismus ist eine Gebrauchstheorie der Bedeutung im Sinne von Wittgensteins Formel (1967: 43): „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“, die ebenfalls den Anfang der Pragmatik akzentuiert.

In diesem Punkt verzahnen sich also die Grundprämissen des Kontextualismus und der Kognitiven Linguistik: Die grundsätzliche Dichotomie zwischen langue und parole (Strukturalismus), oder anders der Sprachkompetenz und Sprachperformanz, der e-Sprache und i-Sprache (Generativismus) wird aufgehoben. Bedeutung und Gebrauch sind aufs Engste aufeinander bezogen, indem sich die Bedeutungen im Sprachgebrauch konstituieren und im Sprachgebrauch immer neu verhandelt werden:

Discourse is the use of language. Conversely, a language resides in conventional patterns of usage. These patterns, learned from countless instances of use in discourse contexts, are subsequently applied in producing and understanding further discourse. It is the old, familiar story of the chicken and the egg. (Langacker 2008: 457)

Die Korpuslinguistik kann in diesem Sinne sowohl als eine Methode, als auch als ein an der Erforschung der Sprache im Gebrauch orientierter Zweig der Sprachwissenschaft angesehen werden. Steyer (2013: 69) hebt hervor, dass es die Korpuslinguistik an sich nicht gebe. Der Terminus ‚Korpuslinguistik‘ stelle vielmehr einen Oberbegriff für eine Vielzahl heterogener Strömungen und Methoden dar, die eigentlich nur eins miteinander verbinde: die Nutzung elektronisch aufbereiteter sprachlicher Messdaten als empirische Basis und elaborierter Methoden, diese automatisch auszuwerten (ebd.). Gemeinsam ist diesen unterschiedlichen Zugangsweisen das Korpus, das folgendermaßen definiert wird:

Ein Korpus ist eine Sammlung schriftlicher oder gesprochener Äußerungen in einer oder mehreren Sprachen. Die Daten des Korpus sind digitalisiert, d.h. auf Rechnern ←241 | 242→gespeichert und maschinenlesbar. Die Bestandteile des Korpus, die Texte oder Äußerungsfolgen, bestehen aus den Daten selber sowie möglicherweise aus Metadaten, die diese Daten beschreiben, und aus linguistischen Annotationen, die diesen Daten zugeordnet sind. (Lemnitzer/Zinsmeister 2010: 40)

Die Korpora unterscheiden sich in einer Menge der Eigenschaften. Als wichtige Kriterien der Korpustypologie können die Funktionalität (Zweck, zu dem das Korpus erstellt wurde), Sprachenauswahl (mono-, bi- und multilingual), Medium (gesprochen, geschrieben, multimodal), Größe, Annotation (keine oder Morphosyntax, Syntax, Pragmatik, Semantik usw.), Persistenz (Monitorkorpus135 oder statisch), Sprachbezug (Referenzkorpus oder Spezialkorpus) und Verfügbarkeit angesehen werden (Lemnitzer/Zinsmeister 2010: 103).

Das Spektrum der Einsatzmöglichkeiten der Korpora ist in der Sprachwissenschaft beinahe unbegrenzt und reicht von statistischer Sprachmodellierung über die Lexikographie und Übersetzungswissenschaft bis zu der theoretischen Linguistik136. Traditionell wird von zwei grundsätzlichen Herangehensweisen ausgegangen, die in Form von Oppositionspaaren: Deduktion-Induktion, bzw. top down- und bottom up-Verfahren zur Sprache gebracht werden. Auf Korpuslinguistik übertragen kann das Korpus dazu dienen, eine aufgestellte Hypothese oder These am empirischen Material zu revidieren (deduktives Verfahren, das von a priori Annahmen hinausgeht) oder man kann, die Korpusdaten als Ausgangspunkt nehmend, explorativ nach den Regularitäten in der Sprache suchen, z.B. statistisch die Kookurrenzrelationen zwischen den Wörtern berechnen (induktives Verfahren, das a posteriori ausgerichtet ist). Möglich ist auch die Mischlösung: Man geht zwar von einem induktiven, quantitativen Verfahren aus, die gewonnenen Daten werden dennoch annotiert und interpretiert (das sog. quantitativ-qualitative Verfahren).

Dementsprechend spricht man in der Korpuslinguistik von drei Korpusparadigmen (Ansätzen der Korpusanalyse) mit verschiedenen Einsatzbereichen (vgl. Lemnitzer/Zinsmeister 2010: 32–38):

  (i)In dem korpusbasierten, quantitativen Ansatz werden aus dem Korpus „rohe“ quantitative Daten extrahiert. Diese Daten dienen in der ersten Linie ←242 | 243→statistischen Zwecken. Es kann beispielshalber bestimmt werden, mit welcher Häufigkeit eine bestimmte Zeichenkette in einem Korpus vorkommt, welchen Rangplatz diese Zeichenkette aufgrund ihrer Häufigkeit annimmt, wie die Distribution eines Wortes ist (gemessen als Häufigkeit des Vorkommens dividiert durch die Zahl der Texte, in denen das Wort vorkommt). Anhand des korpusbasierten quantitativen Verfahrens werden auch n-Gramme137 ermittelt, mit deren Hilfe Suchmaschinen die zu einem Thema passenden Texte finden können, selbst dann, wenn das in die Suchmaschine eingegebene Wort nicht im Text vorkommt (vgl. Lemnitzer/Zinsmeister 2010: 35).

 (ii)Der korpusbasierte, qualitativ-quantitative Ansatz geht ebenfalls von der exhaustiven Analyse der Korpusdaten aus und schließt andere Methoden wie Experimente oder Befragungen der Informanten aus. Im Gegensatz zu dem korpusbasierten quantitativen Ansatz werden die Korpusdaten dennoch einer weiteren linguistischen Analyse unterzogen. Aufgrund der Generalisierung der Beobachtungsdaten können dann Aussagen über das Sprachsystem gemacht werden. Dieser Ansatz wird in der Lexikographie, Übersetzungswissenschaft, Sprachdidaktik und Sprachkritik erfolgreich eingesetzt.

(iii)In einem korpusgestützten Ansatz werden die Korpusdaten als zusätzliche Quelle der Evidenz herangeführt. So können die Korpora nach bestimmten grammatischen Konstruktionen durchsucht werden, die eine aufgestellte These bestätigen.

zur rolle der korpora in der phraseologischen forschung

Einer der wichtigsten Bereiche, in denen die Korpuslinguistik die Anwendung fand, war von Anfang an die Untersuchung des Vorgeprägten in der Sprache, der sprachlichen Patterns (Moon 2007: 1046). In diesem Sinne wurde der Phraseologie relativ schnell ein wichtiger Stellenwert in der Korpuslinguistik eingeräumt, andererseits übt auch die Korpuslinguistik einen Einfluss auf die Phraseologie: Auf die Aufweichung der Grenzen von Phraseologie und Neudefinierung ihrer zentralen Begriffe wurde im Vorangehenden bereits eingegangen (vgl. Kap. 1.1).

Nichtsdestotrotz werden die Phraseologie und insbesondere semantische Aspekte der Idiome immer noch als sprachwissenschaftlicher Bereich angesehen, in dem die engere Integration der digital-empirischen Analyseverfahren in die ←243 | 244→theoretische Forschung ein wichtiges Desiderat bildet (vgl. u.a. Dräger/Juska-Bacher 2010, Bubenhofer/Ptashnyk 2010, Dobrovol’skij 2016, Steyer 2009, 2013). Die Signifikanz der engen Einbindung der Korpora in die phraseologische und phraseographische Praxis ist auf mehrere Gründe zurückzuführen:

  (i)Trotz der Vielfalt der Forschungsschwerpunkte in der Phraseologie wurde sehr lange, wie Dobrovol’skij (2002: 429) zu Recht bemerkt, ihre wichtigste Aufgabe – eine systematische Beschreibung der Phraseologismen aller Klassen in allen möglichen Sprachen – vernachlässigt. Die Phraseologie hat sich bis zu der Jahrtausendwende kaum ernsthaft und eingehend mit Bedeutungsexplikationen der einzelnen Phraseologismen befasst. Die in den letzten 15 Jahren eingeleiteten Projekte138 und Publikationen (vgl. z.B. Dräger/Juska-Bacher 2010, Fellbaum/Kramer/Neumann 2006, Quasthoff/Schmidt/Hallsteinsdóttir 2010, Steyer 2009, 2013, 2016) stellen einen relevanten Fortschritt in dieser Hinsicht dar, von einer zufriedenstellenden Datenbank, in der die meisten Phraseologismen erfasst und in ihrer semantischen, pragmatischen und grammatischen Komplexität beschrieben würden, sind wir aber noch weit entfernt. Dabei bildet die Erstellung von theoretischen und praktischen ←244 | 245→Regeln zur Ermittlung von phraseologischen Bedeutungen ausgerechnet in der Phraseologie und Idiomatik – aufgrund der Vielschichtigkeit der semantischen Struktur der Phraseologismen im engeren Sinne und ihres semantischen Mehrwerts – ein wichtiges Forschungsdesiderat.

 (ii)Dieses Desiderat ist desto gültiger, als die Beschreibung der Semantik und Pragmatik von Phraseologismen aus der lexikographischen Perspektive einen Bereich darstellt, in dem ein Nachholbedarf und Verbesserungen am ehesten notwendig sind (Burger 2009: 23, Dobrovol’skij/Piirainen 2009: 158, Dräger/Juska-Bacher 2010: 172–174). Metalexikographie verweist auf zahlreiche Unzulänglichkeiten in Hinsicht auf die Behandlung der Phraseologismen in allgemeinen (vgl. u.a. Burger 2009, Hallsteinsdóttir 2006, Jesenšek 2008, Lisiecka-Czop/Misiek 2011, Müller/Kunkel-Razum 2007, Nerlicki 2011, Stantcheva 2003, Wiktorowicz 2011) und in phraseologischen (vgl. u.a. Mellado-Blanco 2009b, Müller/Kunkel-Razum 2007, Szczęk 2010) Wörterbüchern. Weder einsprachige noch bilinguale Nachschlagewerke, die bisher veröffentlicht worden sind, entsprechen den Benutzererwartungen insbesondere hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit in der Textproduktion (Dobrovol’skij 2002: 429). Bei manchen Phraseologismen mögen die aufgeführten Bedeutungserläuterungen bzw. Äquivalente sogar in der Textrezeption irreführend sein (vgl. z.B. Sulikowska 2013). Die Beschreibung der semantischen Eigenschaften eines Lexems oder eines Phrasems bleibt deswegen nach wie vor nicht nur die Hauptaufgabe, sondern mit Abstand auch die schwierigste Aufgabe der lexikographischen Praxis (Mellado Blanco 2009: 8).

(iii)Diese Unzulänglichkeiten mögen darauf zurückzuführen sein, dass als primäres Verfahren in der lexikographischen Praxis immer noch Introspektion (evtl. gestützt auf einzelne Gebrauchsbelege) zum Einsatz kommt. Die Wichtigkeit der Autorenintuition bei der Wörterbuchverfassung liegt möglicherweise nicht in den expliziten Ansichten der Lexikographen und ihrer Abneigung der Korpusrecherche gegenüber, sondern eher in der Tatsache, dass zahlreiche Wörterbücher (darunter die umfassendsten und bekanntesten wie DUW oder WAHRIG) für Neuauflagen nicht neu geschrieben, sondern nur überarbeitet werden139 (Dräger/Juska-Bacher 2010: 172, Juska-Bacher 2006: 71, Müller/Kunkel-Razum 2007: 944). Es wird also auf Vorgängerwerke zurückgegriffen, was des Öfteren zur Folge hat, dass die Lemmaauswahl als antiquiert empfunden wird, die vor Jahren formulierten Bedeutungsparaphrasen dem heutigen Sprachgebrauch nicht oder nicht ganz gerecht werden, phraseologische Neologismen, Bedeutungserweiterungen oder -verschiebungen oder areale Aspekte nicht erfasst werden.

←245 | 246→

Aus diesem Grunde wird der verstärkte Einsatz der Korpora in den Untersuchungen zur Semantik der Phraseologismen postuliert (Bubenhofer/Ptashnyk 2010, Dobrovol’skij 2016: 879, Dräger/Juska-Bacher 2010: 172–174, Jesenšek 2009: 65). Die elektronischen Sprachkorpora können bestehende Defizite an der Datenerhebung weitgehend eliminieren, indem sie als Quelle leicht zugänglicher Sprachbelege dienen, mit deren Hilfe das vorhandene Wissen über die Bedeutung von Phraseologismen ausgewertet, erweitert oder revidiert werden kann. In der Lexikographie und Phraseographie spricht man inzwischen von corpus revolution (Hanks 2012) und der pre-corpus era (Dobrovolskij 2016: 867). Moons Worte über die Rolle der Korpora in der lexikologischen und lexikographischen Forschung sind aus heutiger Sicht programmatisch:

I take it as axiomatic that effective and robust descriptions of any kind of lexical item must be based on evidence, not intuition, and that corpora provide evidence of a suitable type and quality. (Moon 1998: 44)

korpusaufbau und grundverfahren der korpusuntersuchung in der phraseologie

Ausschlaggebend für die phraseologische Forschung sind bezüglich des Aufbaus des Korpus drei Kriterien: die Korpusgröße, seine Zusammensetzung sowie die zugänglichen Suchmaschinen (vgl. size, composition, tools, vgl. Moon 2007: 1045).

Die Wichtigkeit der Korpusgröße ist für phraseologische Untersuchungen offensichtlich: Die Idiome gehören generell zu wenig frequenten sprachlichen Einheiten (Cowie 2003: 48, Juska-Bacher 2006: 71–72, Moon 2007: 1050, Quasthoff/Schmidt/Hallsteinsdóttir 2010: 37), für die Exzerpierung einer für adäquate Beschreibung ausreichenden Menge der Sprachbelege sind infolgedessen große Korpora erforderlich140:

Corpus size is important for research into phraseology because large amount of data are needed in order to produce robust results. Statistics derived from a small corpus may just record idiosyncrasies with no real implications for a description of the phraseological patterning of English, and most idioms and proverbs are relatively infrequent, so that it is entirely a matter of chance whether or not they occur in a small corpus. (Moon 2007: 1045)

Einen weiteren sehr wichtigen Punkt für phraseologische Korpusuntersuchungen macht die Zusammensetzung eines Korpus aus. Es ist allgemein bekannt, dass die Phraseologismen in ihrer Distribution in verschiedenen Textsorten gravierende Unterschiede aufweisen (Moon 2007: 1049–1051, Stein 2007: 220). Je heterogener ein Korpus ist, d.h. je mehr Quellen zu der Datenbeschaffung herangezogen werden, desto umfangreicher sind seine Einsatzmöglichkeiten und zuverlässiger die Schlussfolgerungen. Der Aspekt der Ausgewogenheit ist für die Reliabilität der Ergebnisse von größter Relevanz, in der Praxis treten aber bei ←246 | 247→der Zusammenstellung eines Korpus Schwierigkeiten auf, weil viele Daten der Forschung wegen Copyright-Beschränkungen nicht zur Verfügung stehen. Die meisten Korpora beruhen deswegen auf weitgehend opportunistischen Datenzusammenstellungen, d.h. sie bestehen größtenteils aus Texten, deren Autorenrechte verfallen sind und die unentgeltlich (und am besten gleich in digitalisierter Form) zur Verfügung stehen (Lemnitzer/Zinsmeister 2010: 106). Wahrscheinlich auf diese technologischen Gründe ist die deutliche Überzahl der geschriebenen Texte in großen Korpora des Deutschen zurückzuführen: Selbst bei den als ausgewogen geltenden Korpora wie DWDS-Kernkorpus (s.u.) macht die gesprochene Sprache wegen der zeit- und arbeitsaufwendigen Transkription nur einige Prozent des Gesamtkorpus aus. Die Unausgewogenheit des Verhältnisses zwischen der gesprochenen und der geschriebenen Sprache stellt für semantisch ausgerichtete phraseologische Fragestellungen ein Problem dar: Ausgerechnet in diesem Bereich sind die Unterschiede zwischen der geschriebenen und der gesprochenen Sprache prägnant. Darüber hinaus wird in der Phraseologie davon ausgegangen, dass Phraseologismen in der gesprochenen Sprache wesentlich häufiger auftreten, als es in geschriebenen Texten der Fall ist (Stein 2007: 220). Leider liegen heutzutage noch keine genügend großen Korpora gesprochener Sprache vor, um empirisch basierte Vergleiche zwischen der mündlichen und der schriftlichen Phraseologie vorzunehmen (Quasthoff/Schmidt/Hallsteinsdóttir 2010: 38), die Aussagekraft der Forschungsergebnisse zur Semantik und Pragmatik der Phraseologismen muss deswegen in Hinsicht auf Unausgewogenheit der Korpora relativiert werden.

Die ausgebaute Infrastruktur eines Korpus (tools) erweitert seine Einsatzmöglichkeiten und ist besonders in a posteriori ausgerichteter Forschung hilfreich. So sind z.B. erweiterte Funktionen der Suchmaschinen von besonderer Relevanz in den Untersuchungen, die – den neueren Desiderata der Phraseologie folgend – sich auf die Suche nach den vorgeformten Mustern, usuellen Wortverbindungen konzentrieren. Eine große Herausforderung an die technische Seite der Korpora stellt z.B. maschinelle Identifikation von Phraseologismen oder Phraseoschablonen141 – grammatischen Konstruktionen mit festgelegter Bedeutung, aber paradigmatisch austauschbaren lexikalischen Elementen vom Typ: X ist X (Hin ist hin, vorbei ist vorbei), von X zu X (von Schritt zu Schritt, von Tag zu Tag), es ist zum X (es ist zum Kotzen, Lachen, Wahnsinnigwerden), Ich (und) mir Sorgen machen? dar (das letzte Beispiel von Sailer 2007: 1069). Steyer (2013: 74) zufolge gibt es zurzeit sehr wenige Tools, die geronnene syntagmatische Strukturen berechnen und abbilden können. Ebenfalls zu den Studien zu phraseologischen Variationen und Modifikationen leisten ausgebaute Suchmaschinen einen wesentlichen Beitrag.

←247 | 248→Hinsichtlich des Einbezugs der Korpora in die phraseologische Forschung wurden zwei Grundverfahren herausgearbeitet (Sailer 2007: 1064–1067, Steyer 2009: 119). Diese Grundverfahren verzahnen sich inhaltlich selbstverständlich mit den von Lemnitzer/Zinsmeister (2010) beschriebenen Korpusparadigmen, hinzuweisen sei an dieser Stelle auf die terminologischen Unterschiede, insbesondere bei dem Gebrauch des Terminus ,korpusbasiert‘.142 Als die wichtigsten methodologischen Herangehensweisen, die vorerst die Richtungen abstecken, in die sich korpuslinguistische Phraseologieforschung bewegt, gelten demnach das Konsultations- (consultation paradigm) und das Analyseparadigma (analysis paradigm).

Das Konsultationsparadigma, von Steyer (2009: 119–120) als korpusbasiertes Herangehen bezeichnet, beruht auf einer systematischen, korpusbasierten Untersuchung von sprachlichen Einheiten. Die Hypothesen und Fragen an das Korpus sind dabei von vornherein gestellt, während das Vorgehen primär der Überprüfung, Revidierung, Ausdifferenzierung und Erweiterung bereits vorhandenen Wissens über den sprachlichen Gebrauch dient (Steyer 2009: 119). Auf diese Art und Weise werden verbale Idiome beispielshalber in einem von Christiane Fellbaum143 geleiteten Projekt Kollokationen im Wörterbuch erforscht und in einer digitalisierten Datenbank beschrieben (http://kollokationen.bbaw.de, Zugriff am 16.05.2016). Die Analysen basieren auf den Daten aus dem DWDS-Korpus, werden eingehend und unter Rückgriff auf Korpusbelege bezüglich ihrer Nennform, Morphologie, Syntax und Semantik manuell annotiert. Herangeführt und mit Korpusbelegen veranschaulicht wird ebenfalls der sprachspielerische und fehlerhafte Gebrauch der Idiome. Solche Aufarbeitung der Phraseologismen stellt einen deutlichen Mehrwert gegenüber den traditionellen lexikographischen Methoden dar, ist aber aufgrund der Fülle der anzugebenden Informationen äußerst zeit- und arbeitsaufwendig: Lexikographische Aufarbeitung von Phrasemen ist um ein Vielfaches umfassender und aufwendiger als es bei Einwortlexemen der Fall ist144 ←248 | 249→(Dräger/Juska-Bacher 2010: 175, Fellbaum/Kramer/Neumann 2006: 43, Schmidlin 2001: 108).

Das Analyseparadigma, von Steyer als korpusgesteuertes (2009: 119) oder korpusanalytisches (2013: 70–73) Herangehen bezeichnet, ist induktiv und versucht, das Wissen aus den beobachteten Sprachdaten zu generieren und Generalisierungen a posteriori vorzunehmen. Die korpusgesteuerten Recherchen stellen eine Herausforderung in technischer Hinsicht dar, erfordern ggf. vertiefte EDV-Kenntnisse (Quasthoff/Schmidt/Hallsteinsdóttir 2010: 51), führen aber zu vielversprechenden Ergebnissen. Dieses Paradigma liegt beispielsweise den von Steyer (2013) geleiteten Projekten zu den sog. usuellen Wortverbindungen – festen und/oder relativ festen Wortkombinationen, die Bausteine des Sprachgebrauchs darstellen – zugrunde. Ausgegangen wird von einer großen Sammlung von Texten aus den IDS-Sprachkorpora, in denen mithilfe einer Suchmaschine nach Kookurrenzen – frequent miteinander vorkommenden Wörtern – gesucht wird. Auf diese Art und Weise werden aus einer großen Datenbank induktiv statistisch signifikante Kookkurrenzen extrahiert, die man als Kandidaten für usuelle Wortverbindungen betrachtet145. Im zweiten Schritt werden die Elemente des Konsultationsparadigmas zurate gezogen: Diese extrahierten Lexemkombinationen unterzieht man nämlich einer eingehenden linguistischen Analyse.146

Steyer verweist auf den zweifelsohne innovativen und gewinnbringenden Beitrag der korpusanalytischen/korpusgesteuerten Herangehensweise zur Phraseologie:

Arbeitet man als Linguist konsequent korpusgesteuert, wird man mit neuen Fragen und aber auch neuen Problemen der phraseologischen Beschreibung konfrontiert. Neue interpretative Herausforderungen entstehen z.B. durch die Quantität und die Heterogenität der beobachteten Sprachdaten. Man sieht nicht nur einfach mehr als früher. Man hat auch eine andere Sicht auf die Dinge und erkennt neue Zusammenhänge, Vernetzungen, Hierarchien. So können sich beispielsweise bisher als prominent und daher als lexikographisch beschreibungswürdig angesehene Wortverbindungen als weniger relevant erweisen. Es kann dagegen andere Kandidaten geben, ←249 | 250→die sich durch eine viel größere Auffälligkeit auszeichnen, als bis dato zu erkennen war. (Steyer 2009: 120–121)

hebt aber zugleich die Notwendigkeit der Verflechtung beider Paradigmen hervor:

Die terminologische Unterscheidung korpusanalytischer Herangehensweisen war in der programmatischen Phase der Entwicklung der Korpuslinguistik in dieser Radikalität durchaus sinnvoll. Aber die Erfahrungen der empirischen Praxis haben mittlerweile gezeigt, dass es sich bei diesen Zugängen nicht um sich gegenseitig ausschließende Paradigmen handelt. Vielmehr muss man von einem graduellen Einfluss korpusanalytischer Befunde auf die linguistische Interpretation sprechen: von der reinen Suche nach Belegen als Beweis oder Widerlegung von A-priori-Annahmen über eine Zugrundelegung von Korpusdaten als empirische Ausgangsbasis bis hin zu einer hart an den Daten orientierten iterativen Vorgehensweise. (Steyer 2013: 72)

Beide methodischen Wege haben ihre Berechtigung. Kein Paradigma kann derzeit den Alleinvertretungsanspruch erheben und wird es vielleicht auch nie können. (Steyer 2009: 120)

Der große Wert des Einsatzes von empirisch-digitalen Methoden für die theoretische und praktische Phraseologie wird kaum in Zweifel gezogen, auch wenn es einige Herausforderungen mit sich bringt:

In der Theorie der Phraseologie führt die korpuslinguistische Forschung dazu, dass sich der Bereich des Phraseologischen immer mehr ausweitet: Die Phraseologie wird von dem traditionellen lexikalischen Bereich immer mehr zum Schnittpunkt zwischen Lexik und Syntax verschoben147. Einige Grundbegriffe – wie etwa die Auffassung der phraseologischen Festigkeit – werden umgedacht, von manchen Forschern werden neue, korpuslinguistisch basierte Definitionen vorgeschlagen148. Die Kriterien der Phraseologizität werden nicht mehr als absolut, sondern als skalar betrachtet. Verwies man schon früher auf die Heterogenität des phraseologischen Gegenstandes, so gewährt uns die Korpuslinguistik schon beim heutigen Forschungsstand den Einblick in die kaum übersehbare Fülle des Formelhaften, Vorgeprägten und Idiomatischen in der Sprache.

Auch in der phraseologischen Praxis bringt die Korpuslinguistik Herausforderungen mit sich. Als ungelöstes Problem wird die Beziehung zwischen der Frequenz einer Wendung im Korpus und der sprachlichen Norm betrachtet (Eismann 2018). Viele erfahrene Korpuslinguisten verweisen des Weiteren darauf, dass die erhoffte und am Anfang bejubelte Erleichterung der empirischen Alltagsarbeit sich ←250 | 251→nicht in allen Bereichen einstellt. Die vom Korpus gewonnenen Daten machen lediglich den Ausgangspunkt in einem Forschungsvorhaben aus, der – die Komplexität des tatsächlichen Sprachgebrauchs vor Augen führend – nicht immer die Arbeit abnimmt, sondern öfters neue Fragen aufwirft, traditionelle Grenzen aufweicht, etablierte Termini infrage stellt.

Datenmengen anzusammeln und sie mittels statistischer Verfahren zu strukturieren, ist eben nur das eine. Es muss aber dann auch die Interpreten geben, die diese quantitative Dimension adäquat in linguistische Beschreibungen überführen und den Transfer dieser Ergebnisse in praxisnahe Anwendungsgebiete ermöglichen. Adäquat bedeutet, eine qualitative Auswertung der Sprachdaten ohne die Quantität dann im Nachhinein wieder zu nivellieren. Die Quantität nivellieren bedeutet, sich doch wieder auf Einzelfallstudien zu konzentrieren, nach a priori wohl ausgesuchten Fragestellungen und Kriterien. (Steyer 2013: 69)

103Vgl. dazu Keil (1997: 81–82): „Innerhalb der generativen Grammatiktheorien hat der Begriff der Idiomatizität bzw. Nicht-Kompositionalität dazu geführt, daß idiomatische Phraseologismen per Definition als ‚semantische Ausnahmen‘ betrachtet werden. An die an der Wendung beteiligten Konstituenten wird keine semantische Information gebunden und dem zwar syntaktisch strukturieren Phraseologismus wird daher die Bedeutung als semantischer Bedeutungskomplex im Lexikon zugeordnet.“

104Im angeführten Idiom kommt semantische Autonomie nur einer nominalen Idiomkonstituente – Pistole – zu, während die Brust nicht als semantisch autonom empfunden wird. Aus dieser semantischen Erkenntnis ergeben sich syntaktische Konsequenzen, z.B. in der Passivbildung, Fokussierungsmöglichkeiten durch Fragesatzumformung (Was für eine Pistole wurde ihm auf die Brust gesetzt?) oder Demonstrativpronomen (Diese Pistole hat man ihm auf die Brust gesetzt). Dobrovol’skij/Piirainen (2009: 51) stellen dazu fest: Transformationsmöglichkeiten der Idiome sind grundsätzlich syntaktische Reflexe semantischer Gegebenheiten.

105Vgl. DUW 2007: Pạt|sche, die; -, -n [4: eigtl. = Matsch, aufgeweichte Straße] (ugs.): 1. Hand, 2. Feuerpatsche, 3. Patsch↑, 4. <Pl. selten> unangenehme, schwierige Lage, Bedrängnis: jmdm. aus der P. helfen; in der P. sitzen.

106Als richtungsweisende Publikation, mit der die konstruktionsgrammatische Theoriebildung angefangen hatte, wird der 1988 veröffentlichte Artikel von Fillmore/Kay/O’Connor zur englischen let-alone-Konstruktion angesehen.

107Einen Überblick über den Forschungsstand sowie Beschreibung der einzelnen konstruktionsgrammatischen Ansätze findet man in Ziem/Lasch 2013, vgl. auch das Kap. 2.1.4.

108„Kategorialność: taka zgodność z systemem językowym, że każdy z komponentów może być w tym samym znaczeniu użyty w innych sensownych połączeniach, a samo połączenie jest zgodne z regułami języka“ [Kategorialität: solche Übereinstimmung mit dem Sprachsystem, dass jede Komponente in derselben Bedeutung in anderen sinnvollen Wortverbindungen gebraucht werden kann und die Verbindung selbst mit den Sprachregeln im Einklang steht]. (Lewicki 2003: 160, übers. von A. S.)

109Im Original bedient sich Lewicki bei der Darstellung der Nicht-Kategorialität eines Phraseologismus der Wortverbindung złodziej kieszonkowy (dt. ,Taschendieb‘), die die fürs Polnische größte Gruppe der sog. hyperonymischen Phraseologismen repräsentiert. Da das deutsche Äquivalent Taschendieb als Kompositum nicht zum Bereich der Phraseologie gerechnet wird, wird das Merkmal der Nichtkategorialität mit dem teilidiomatischen Phraseologismus wilde Ehe veranschaulicht.

110Vgl. die Diskussion von Fleischers (1982: 38) Beispiel blinder Passagier in Munske (2015 [1993]: 99).

111Das Idiom: Ich fresse einen Besen, wenn… führt Dobrovol’skij als ein Beispiel für die Inkompatibilität, das Idiom: auf glühenden Kohlen sitzen als ein Beispiel für die semantische Ambiguität heran. Wo der Usus die semantische Kompatibilität bestimmt und wo es die Produktionsregeln sind, scheint vor diesem Hintergrund nicht klar zu sein. Im Lichte des stark ausgeprägten Interaktionismus im holistischen Ansatz der Kognitiven Linguistik müsste man des Weiteren fragen, ob solche Differenzierung im Allgemeinen legitimiert ist.

112Als zwei grundlegende Annahmen der klassischen Bedeutungslehre gelten: die Homogenitätsprämisse, laut derer mit „Bedeutung“ überall da, wo man diesen Begriff anwendet, dasselbe gemeint wäre und die Kompositionalitätsthese, der die Annahme zugrunde liegt, dass das Verstehen einer Satzbedeutung auf dem Verstehen aller Bedeutungen der einzelnen Wörter beruht (Busse 2009: 111–112, zur Kompositionalität vgl. auch Kap. 2.1.4).

113Zahlreiche Linguisten (Häusermann 1977: 22, Gläser 1986: 168–169, Rothkegel 1973: 45) lehnen die Motivation/die Motiviertheit als ein Klassifikationskriterium wegen der Subjektivität ab (vgl. auch die Diskussion in Chrissou 2000: 24–25). Auf der anderen Seite ist es anzumerken, dass die Motivation das Hauptkriterium der Idiom-Klassifikation von Vinogradov – einem der Begründer der europäischen Phraseologie bildete. Vinogradov (1947, zit. nach Roos 2001: 23–24) teilte die phraseologischen Einheiten in drei Klassen ein: völlig demotivierte phraseologische Zusammenbildungen (vollidiomatische Wortverbindungen wie red tape ,Bürokratismus‘), motivierte phraseologische Einheiten (z.B. den Gürtel enger schnallen ,sich einschränken, sparen‘), sowie feste, dennoch kaum idiomatische phraseologische Verbindungen (z.B. to take a liking to sb. ‚jmdn. gern mögen‘).

114Unter Volksetymologie versteht man eine „volkstümliche Verdeutlichung eines nicht [mehr] verstandenen Wortes oder Wortteiles durch lautliche Umgestaltung unter (etymologisch falscher) Anlehnung an ein ähnlich klingendes Wort“ (DUW online, Zugriff am 14.07.2018). In der Phraseologie wird darunter eine sekundäre Remotivierung einer Metapher aufgefasst, die für die Sprachbenutzer undurchsichtig geworden ist. Die Neigung zur Erfindung einer neuen Ausgangsdomäne für metaphorische Wortverbindungen ist in der Phraseologie weit verbreitet: „Für die Phraseologie ist die Gefahr der Volksetymologie bedeutend größer als für die Lexikologie. Zugleich ist diese Volksetymologie – vom sozial- und psycholinguistischen Standpunkt aus betrachtet – eine normale Erscheinung, da eine ‚Wiederaufnahme‘ der Aktualität der inneren Form nicht selten zu einer Lebensverlängerung eines Phrasems beiträgt. Die semantische ‚Wiederaufnahme‘ ist überhaupt eine der wichtigsten spezifischen Besonderheiten der Phraseologie in Verbindung mit ihrer kategorialen Expressivität“ (Mokienko 2007: 1138).

115Horaz („Satiren“, Liber 2, Satira 3, V. 321) mit der lateinischen Formel „oleum addere camino“ (redensarten-index, Zugriff am 21.09.2014).

116„Metaphors are conceptual, not lingustic“ (Johnson/Lakoff 2002: 253).

117Unter sekundärer Metaphorisierung versteht Černyševa (1986) die Veränderungen der bereits existierenden festen Wortverbindungen auf der syntaktischen und/oder lexematischen Ebene, z.B. Stille Wasser sind tief →jd. ist stilles Wasser.

118An dieser Stelle ist es anzumerken, dass die von Munske angeführten Modifikationen heutzutage eher als phraseologische Varianten bezeichnet werden. In der neueren Forschung hat sich die Abgrenzung zwischen den okkasionellen, textgebundenen Modifikationen und usuellen (lexikographisch allerdings nicht immer konsequent kodifizierten) Varianten durchgesetzt (vgl. Burger 2015: 22–25, Fleischer 1997a: 263, Ptashnyk 2009: 62–65). Selbstverständlich sind auch hier die Übergänge fließend: Der Gebrauch stellt keine Konstante dar, die Sprache ändert sich ständig.

119Głowińska (2012): Słownik frazeologiczny. IBIS, Poznań.

120Dobrovol’skij und Piirainen verweisen (2009: 18) auf die Koexistenz mehrerer Termini (Motiviertheit, Motivierbarkeit sowie Transparenz) bedienen sich aber „der Einfachheit halber“ des Begriffes der Motivation.

121Angesichts der Tatsache, dass die Metapher und Metonymie in einem Punkt behandelt wurden, mag die Zuweisung eines separaten Punktes der Synekdoche etwas überraschend sein, zumal ihre Abgrenzung von der Metonymie problematisch ist und in der kognitiv ausgerichteten Forschung (vgl. den Sammelband von Dirven/Pörings 2003), auf die Burger doch Bezug nimmt, aufgegeben wird.

122Vgl. auch: https://www.welt.de/geschichte/article132968291/Gorbatschow-hat-den-beruehmten-Satz-nie-gesagt.html/ (Zugriff am 03.12.2016).

123Abgesehen von einigen Beiträgen von Häcki-Buhofer (1989) und Rothkegel (2004, 2014) ist der Bildhaftigkeit in der Phraseologie wenig Aufmerksamkeit zugekommen. Wesentlich umfangreichere Literatur liegt zum Thema Bildlichkeit vor (Dobrovol’skij/Piirainen 2005, 2009; Rothkegel 2004). Im Fokus der Aufmerksamkeit von Stöckls Monographie (2004) Die Sprache im Bild, das Bild in der Sprache liegen die Beziehungen zwischen Bild und Text. Den Phraseologismen als sprachlichen Bildern werden zwei Kapitel (3, 4) gewidmet.

124Einen Überblick über diese Theorien bietet Stöckl (2004: 47–86) sowie Kubaszczyk (2011: 29–39).

125Shepard & Metzler (1971) führten Experimente durch, die unter Beweis stellten, dass Menschen die wahrgenommenen Objekte mental präzise abbilden und sogar manipulieren können.

126Diese Schlussfolgerung ist im Kontext der Diskussion über die Bildlichkeit und Bildhaftigkeit vielleicht nachvollziehbar, in anderen Kontexten dennoch höchst umstritten. Die Metapher hat schließlich die Funktion, die komplizierten, abstrakten Inhalte durch den Bezug auf die Sphäre der täglichen Erfahrung sinnbildlich, vereinfachend darzustellen. Im Weiteren wird auch dafür argumentiert, dass man zwischen bildhaften, bildlichen sowie bildhaft-bildlichen Idiomen differenzieren kann.

127Vorsichtige Bemerkungen zu intersubjektiven Aspekten der Bildhaftigkeit erlaubt die Überprüfung der Wortverbindungen auf www.google.grafika. Manche Idiome sind mit zahlreichen Zeichnungen, Skizzen, Fotos, Bildern aus verschiedenen Quellen veranschaulicht (z.B. ins Gras beißen), zu anderen (z.B. jmdn. im Stich lassen) findet man keine passenden materiellen Bilder.

128Interessanterweise sind diese Darstellungen durch das etymologische Wissen geprägt: Die Herkunft des Idioms die Flinte ins Korn werfen wird nämlich auf zwei potenzielle Quellen zurückgeführt: Noch bis in den Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) hinein wurden Handfeuerwaffen mit Radschloss und Lunte gebraucht, die angezündet werden musste. Um 1630 erfand man in Frankreich eine selbstzündende, mit einem Feuerstein ausgestattete Waffe. Althochdeutsch „flins“ (Feuerstein, verwandt mit „Fliese“) gab dieser Flintbüchse den Namen. „Flinte“ und „Büchse“ sind heute die jägersprachlichen Ausdrücke für das Gewehr. Die Redensart „die Flinte ins Korn werfen“ wird allgemein auf die Flucht des Soldaten zurückbezogen, der die hinderliche Waffe wegwirft, um schneller voranzukommen. Seiler dagegen vermutet den Ursprung in der Jägersprache: „Der Jäger wirft aus Wut darüber, daß er nicht getroffen hat, die Flinte auf die Erde“ (Deutsche Sprichwörterkunde, 1922: 253) (vgl. redensarten-index, Zugriff am 11.01.2016).

129Der Terminus ,innere Form‘ ist von Dobrovol’skij/Piirainen anders aufgefasst als in der neuromantischen Sprachtheorie von L. Weisgerber. Weisgerber versteht unter innerer Sprachform das, „was in dem begrifflichen Aufbau des Wortschatzes und Inhalt der syntaktischen Formen einer Sprache an gestalteter Erkenntnis niedergelegt ist“ (Weisgerber, 1929: 86, zit. nach Helbig 1989: 121). Zu Weisgerbers Sprachtheorie vgl. auch Andrzejewski (1983).

130Dies ergibt sich auch aus der Definition der Idiomatizität, nach der sich die Bedeutung einer idiomatischen Einheit nicht aus den Bedeutungen ihrer Konstituenten ergibt.

131Das Idiom die Flinte ins Korn werfen wird relativ oft zu didaktischen Zwecken illustriert (vgl. Google grafika https://www.google.pl/search?q=die+Flinte+ins+Korn+werfen&client, Deutsche Phraseologismen). Manche Idiome werden auch künstlerisch dargestellt. Als eine weltbekannte Illustration der niederländischen Sprichwörter und Phraseologismen gilt das Ölgemälde Die flämischen Sprichwörter von Pieter Bruegel dem Älteren (1559).

132Als Beispiele der nicht-bildhaften Phraseologismen führt Burger (2015: 91) eine Kollokation ein Paket packen, ein Idiom keinen Hehl aus etw. machen, ein Sprichwort Aus Schaden wird man klug und ein Gemeinplatz Was sein muss, muss sein an. Während die drei letztgenannten Phraseologismen aufgrund der Abstraktheit der Konstituenten als nicht-bildhaft einzustufen sind, evoziert die Kollokation ein Paket packen bei der Autorin des vorliegenden Buches ein kohärentes mentales Bild und ist eindeutig bildhaft.

133Wie Dobrovol’skij (1997: 46) zu Recht bemerkt, müssen die nachträglich versprachlichten mentalen Bilder keinesfalls mit denen identisch sein, die uns bei der Sprachverarbeitung als mentale Vorstellungen rasch vorübergehend erscheinen.

134Firth (1991: 182, zit. nach Lemnitzer/Zinsmeister 2010: 29) unterscheidet dabei zwischen dem sprachlichen und nicht sprachlichen Kontext, die er als ,Kotext‘ bzw. ,Kontext‘ bezeichnet. Der Kotext einer linguistischen Einheit ist die Menge der linguistischen Einheiten, die im gleichen Text verwendet wurden. Diese linguistischen Einheiten determinieren die Funktion und die Bedeutung der untersuchten Einheit. Unter dem Kontext dagegen wird Summe der unmittelbaren Rahmenbedingungen einer Sprachhandlung verstanden, die als das Bezugssystem fungiert, innerhalb dessen einer Äußerung eine Funktion zukommt. Dabei bildet der kulturelle Kontext das Bezugssystem für eine Sprache und steuert die Art und Weise, wie Sprecher sprachliche Handlungen wahrnehmen. Der situative Kontext determiniert die Funktion einer konkreten sprachlichen Handlung (Lemnitzer/Zinsmeister 2010: 29).

135Die meisten Korpora sind Monitorkorpora, d.h. die Größe des Korpus ändert sich in der Zeit. Der Grund für die Größenänderung kann darin liegen, dass das Korpus kontinuierlich wächst, indem beispielshalber neue Ausgaben einer Tageszeitung ergänzt werden. Der Nachteil eines Monitorkorpus liegt darin, dass die Ergebnisse einer Untersuchung nicht (oder nur bedingt) am gleichen Material wiederholt werden können (Lemnitzer/Zinsmeister 2010: 106).

136Eine kurze Übersicht über die Einsatzmöglichkeiten von Korpora in Orthographie, Wortbildung, Syntax, Computerlinguistik, Lexikologie und Lexikographie, Partikelforschung, Fremdsprachenerwerb und Fremdsprachenvermittlung findet man im Kapitel Korpuslinguistik in der Praxis bei Lemnitzer/Zinsmeister (2010: 124–168).

137Unter n-Grammen linguistischer Einheiten werden Bruchteile von Wörtern, Sätzen oder Texten verstanden, die zu statistischen Zwecken erstellt sind. Lemnitzer und Zinsmeister (2010: 35) illustrieren die Einsatzmöglichkeiten von n-Grammen am folgenden Beispiel: Wenn in einem Text Operationen am offenen Herzen vorkommen und in der Suchanfrage Herzoperation angegeben wird, dann wird in einer einfachen Suche das Dokument mit Operationen am offenen Herzen nicht gefunden. Falls der Text dennoch in n-Gramme geteilt wird, dann haben beide Zeichenketten 8 Trigramme gemeinsam: _He, Her, erz, per, era, ati, tio, ion. Trotz unterschiedlicher Schreibvarianten kann man dann zu den gesuchten sprachlichen Einheiten gelangen.

138Als Beispiele können hier große korpusgestützte phraseographische Projekte dienen, infolge deren Printwörterbücher erschienen sind oder vorbereitet werden: (1) Wörterbuch der Kollokationen im Deutschen von Uwe Quasthoff (2011) wird als die erste empirisch fundierte Sammlung deutscher Kollokationen angesehen. Anhand einer zuerst strikt korpusgesteuerten Untersuchung der Nachbarschaftskookkurrenzen im Korpus Deutscher Wortschatz (www.wortschatz.uni-leipzig.de) wurde eine Liste der Kollokationskandidaten erstellt, die man demnächst einer linguistischen Untersuchung unterzog. Das Printwörterbuch enthält über 3200 Stichwörter, zu denen fast 200 000 Kollokatoren angegeben werden. (2) Das Projekt Das Kollokationenwörterbuch. Feste Wortverbindungen des Deutschen. Kollokationen für den Alltag wurde von Annelies Häcki Buhofer, Harald Burger, Hans Bickel und Brigit Eriksson geleitet. Auch in diesem Projekt wird von der Kookkurrenzanalyse ausgegangen, wobei die Daten aus mehreren Korpora: DWDS, Schweizer Korpus, Korpus C4 sowie dem Deutschen Referenzkorpus DeReKo und dem Korpus Wortschatz-Leipzig stammen (nähere Informationen unter http://kollokationenwoerterbuch.ch/web/projekt/korpus, Zugriff am 21.05.2017). Das Printwörterbuch Feste Wortverbindungen des Deutschen. Kollokationenwörterbuch für den Alltag ist 2014 erschienen. (3) Das Projekt Moderne deutsch-russische Idiomatik: Ein Korpus-Wörterbuch wird unter der Leitung von Dmitrij Dobrovol’skij, Artem Šarandin und Tat’jana Filipenko entwickelt und von der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien befördert. Ausgewählte Artikel sind über die Plattform Wortverbindungen online (http://wvonline.ids-mannheim.de/idiome_russ/index.htm, Zugriff am 21.05.2017) zugänglich. (4) Auf die Projekte von Kathrin Steyer (Usuelle Wortverbindungen) und von Christiane Fellbaum et al. (Kollokationen im Wörterbuch), infolge derer digitalisierte Datenbanken entstanden sind, wird im Haupttext kurz eingegangen.

139Dräger und Juska-Bacher (2010: 172) sprechen von drei „klassischen“ Quellen, auf die Lexikographen bei der Erstellung ihrer Werke traditionellerweise zurückgegriffen haben: Autorenintuition, Vorgängerwerke, Beiträger.

140Moon (2007: 1050) verweist darauf, dass im Englischen 86 % der Phraseologismen nicht häufiger als einmal pro eine Million der Wörter vorkommen.

141Phraseoschablone definiert Wolfgang Fleischer als syntaktische Strukturen – und zwar sowohl nichtprädikative Wortverbindungen als auch Satzstrukturen, deren lexikalische Füllung variabel ist, die aber eine Art syntaktischer Idiomatizität aufweisen (1982: 135).

142Das terminologische Wirrwarr mag auf die unterschiedlichen Übersetzungen der englischen Begriffe: corpus-based, corpus-driven (Sinclair 1991) zurückzuführen sein.

143Die Beschreibung des durch den Wolfgang Paul-Preis der Alexander von Humboldt-Stiftung geförderten Projektes „Kollokationen im Wörterbuch“ unter Leitung der Preisträgerin Christiane Fellbaum findet man auf http://www.bbaw.de/forschung/kollokationen/projektdarstellung (Zugriff am 25.05.2017).

144Vgl. dazu Dräger/Juska-Bacher (2010: 166): „Den einschlägigen Veröffentlichungen zum Thema folgend (u.a. Kempcke 1986, Pilz 2002, Schemann 1989, Steffens 1989) sollte ein solider phraseographischer Artikel folgende Informationen zu einem Phrasem liefern: Angabe einer gebräuchlichen Nennform und von Varianten, Bedeutungsangabe, Hinweise zu möglichen Restriktionen sowie pragmatische Angaben. Je nach Fachausrichtung und Interessenlage können hierzu etymologische Erklärungen (Mokienko 2002), Angaben zur arealen Verteilung (Piirainen 2001, Schmidlin 2001), zum Bekannheitsgrad respektive der Verwendungshäufigkeit (wichtig u.a. für Phraseodidaktik, siehe Arbeiten zur Erstellung sog. phraseologischer Minima oder Optima von Grzybek 1991, Durčo 2001, Hallsteinsdóttir/Šajánková/Quasthoff 2006), zu Textsortenpräferenzen (Kühn 1994) und einige andere Detailinformationen kommen.“

145Mittlerweile hat Steyer ihren Forschungsbereich auf Wortverbindungsmuster ausgeweitet, vgl. Steyer/Hein (2016).

146Im Resultat der Korpusrecherche entstehen Listen von Phraseologismus-Kandidaten, die dann interpretiert werden müssen. Ihre Auslegung und Erstellung der Kriterien, die das Schon-Phraseologische von dem Noch-nicht-Phraseologischen abgrenzen würden, kann dennoch vom Experten zu Experten variieren. Endlich müsste man hier komplexe Fragen beantworten: Ab wann kann eine sprachliche Einheit als lexikalisiert betrachtet werden? Welche Frequenz muss ein Phraseologismus-Kandidat aufweisen, um in den Status einer festen Mehrwortverbindung erhoben zu werden? Aus wie vielen Quellen müssten dann die Belege stammen?

147„Ob die Öffnung der Phraseologie den neuen Methoden gegenüber dazu führt, dass sich die Phraseologie einen engeren, deutlich abgesteckten Untersuchungsgegenstand reserviert, oder dass an der Schnittstelle traditioneller Phraseologie und Syntax sich ein neues linguistisches Teilgebiet behauptet, wird die künftige Forschung zeigen“ (Bubenhofer/Ptashnyk 2010: 18–19).

148So schlägt z.B. Colson (2010) eine Neudefinierung der Kollokationen, die auf statistisch operationalisierbaren Korpusdaten basiert (vgl. auch das erste Kapitel).