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Räume schreiben

Literarische (Selbst)Verortung bei Tanja Dückers, Jenny Erpenbeck und Judith Hermann

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Katrin Dautel

Im Spannungsfeld einer Abwendung von herkömmlichen Raumauffassungen in Zeiten der Globalisierung sowie einer gleichzeitigen ‚Rückkehr‘ des Raumes in Form einer Sehnsucht nach (Selbst)Verortung lässt sich in der deutschsprachigen Literatur der letzten Jahrzehnte eine Hinwendung zu komplexen Gestaltungen literarischer Räume beobachten. Der Raum ist nicht nur Ausdruck von (geschlechtsspezifischen) Machtverhältnissen und Lebensentwürfen, sondern wirkt auch selbst auf die Handlung ein. Auf der Basis verschiedener Raumtheorien, die im Zuge des spatial turn in den Literatur- und Kulturwissenschaften verstärkt Beachtung fanden, untersucht die Autorin Texte von Schriftstellerinnen, die mit dem umstrittenen Etikett «literarisches Fräuleinwunder» versehen wurden, aus raumkonstruktivistischer Perspektive.

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3 Judith Hermann: Sommerhaus, später (1998) und Nichts als Gespenster (2003)

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Die Grundthematik der Texte Judith Hermanns ist die letztlich erfolglos bleibende Suche nach sich selbst, nach einem verborgenen Sinn, der die meist weiblichen Protagonistinnen antreibt, ziellos durch den Raum zu streifen und sich im Großstadtleben treiben zu lassen.301 Helmut Böttiger schreibt in seiner Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur über die Generation der ungefähr Dreißigjährigen: „So opulent die Rahmenbedingungen zu sein scheinen, so leer ist es im Innern“302 und spielt damit auf die Fülle an Möglichkeiten an, die der Generation zur Verfügung steht, die in Zeiten der Globalisierung aufgewachsen ist und sich in einer ständigen Entscheidungsnot befindet. Aufgrund der zahlreichen Wahlmöglichkeiten entsteht eine Überfülle an Reizen, die zu einer Desorientierung der Protagonisten führt; so ist jede Möglichkeit immer nur „eine von vielen“303, wie eine der Protagonistinnen Judith Hermanns berichtet. Bei den meist weiblichen Protagonisten in Judith Hermanns Kurzgeschichten löst die unbegrenzte Fülle an Möglichkeiten und deren ständige Verfügbarkeit eine Art Lähmung und tiefe Verunsicherung aus, die sie orientierungslos im Großstadtleben treiben lässt. Dabei befinden sie sich stetig auf einer Suche nach etwas Undefiniertem und Unerfülltem. Nicht wissend, wonach sie suchen, lassen sie sich von ihren Gefühlen treiben und schwelgen in nostalgischen Erinnerungen an ein anderes Leben oder an verpasste Gelegenheiten; sie befinden sich in einem nicht endenden Wartezustand. „Die Suche nach Sinn konzentriert sich auf den Raum des rein Privat-Persönlichen. Die soziale, politische und gesellschaftliche Wirklichkeit...

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