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Räume schreiben

Literarische (Selbst)Verortung bei Tanja Dückers, Jenny Erpenbeck und Judith Hermann

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Katrin Dautel

Im Spannungsfeld einer Abwendung von herkömmlichen Raumauffassungen in Zeiten der Globalisierung sowie einer gleichzeitigen ‚Rückkehr‘ des Raumes in Form einer Sehnsucht nach (Selbst)Verortung lässt sich in der deutschsprachigen Literatur der letzten Jahrzehnte eine Hinwendung zu komplexen Gestaltungen literarischer Räume beobachten. Der Raum ist nicht nur Ausdruck von (geschlechtsspezifischen) Machtverhältnissen und Lebensentwürfen, sondern wirkt auch selbst auf die Handlung ein. Auf der Basis verschiedener Raumtheorien, die im Zuge des spatial turn in den Literatur- und Kulturwissenschaften verstärkt Beachtung fanden, untersucht die Autorin Texte von Schriftstellerinnen, die mit dem umstrittenen Etikett «literarisches Fräuleinwunder» versehen wurden, aus raumkonstruktivistischer Perspektive.

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5 Jenny Erpenbeck: Heimsuchung (2008)

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In ihrem Roman Heimsuchung642 aus dem Jahr 2008 evoziert Jenny Erpenbeck im Gegensatz zu den bisher untersuchten Texten von Judith Hermann und Tanja Dückers keinen urbanen Raum, sondern eine scheinbar ländliche Idylle und stellt ein Haus ins Zentrum ihres Plots, das im Laufe der historischen Ereignisse im Deutschland des 20. Jahrhunderts von verschiedenen Besitzern und Besatzern bewohnt wird. In dem autobiographisch motivierten Roman643 wird das Geschehen auf dem Landstück bereits im Prolog relativierend in einen größeren zeitgeschichtlichen Kontext von vierundzwanzigtausend Jahren eingeordnet. Es ist hier von der Entstehung des sogenannten „Märkischen Meers“ (HS 10) die Rede, dem heutigen Scharmützelsee, dem Theodor Fontane auf seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg diesen Namen verliehen haben soll,644 an dem sich die folgenden in Heimsuchung geschilderten Ereignisse abspielen. Jenny Erpenbeck verortet ihren Roman somit – ähnlich wie Judith Hermann ihre Erzählung Diesseits der Oder (siehe Kapitel 3.2.2) – auf einem Grundstück im Märkischen in der Nähe von Berlin.

Der Roman, bestehend aus elf Episoden, erzählt die Geschichte des Hauses über die Zeitspanne vom Wilhelminischen Kaiserreich bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Dabei thematisiert Erpenbeck die historischen Ereignisse aus Sicht der Bewohner des Grundstücks und schafft auf diese Weise eine räumliche ←203 | 204→Verbindung zwischen dem scheinbar abgelegenen ländlichen Gebiet und den zentralen Orten des Geschehens in Deutschland. Voneinander getrennt werden die Episoden durch kurze Kapitel über eine mythisch anmutende Gärtner-Figur, die das Grundstück bis Ende des 20....

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