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Dimensions of Linguistic Space: Variation – Multilingualism – Conceptualisations Dimensionen des sprachlichen Raums: Variation – Mehrsprachigkeit – Konzeptualisierung

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Edited By Lars Bülow, Ann Kathrin Fischer and Kristina Herbert

This volume focuses on the use and structure of the German language in Austria. In addition, the aim of the book is to compare the linguistic conditions in Austria with those in other German speaking countries. The 20 articles present current findings from the research fields of variation, contact and perception.

Der Band widmet sich schwerpunktmäßig der Verwendung und Struktur der deutschen Sprache in Österreich. Ziel des Sammelbandes ist es außerdem, die sprachlichen Verhältnisse in Österreich mit denjenigen in anderen deutschsprachigen Ländern zu vergleichen. In 20 Beiträgen werden daher aktuelle Forschungsergebnisse aus den Forschungsbereichen Variation, Kontakt und Perzeption vorgestellt.

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Die Darstellung standardsprachlich-diatopischer Variation im Wörterbuch – (k)ein Erfolgsmodell? (Patrizia Sutter / Christa Dürscheid)

Patrizia Sutter & Christa Dürscheid

Die Darstellung standardsprachlich-diatopischer Variation im Wörterbuch – (k)ein Erfolgsmodell?

Abstract: This paper focuses on the question of how the regional distribution of grammatical and lexical variants in standard German is represented in current dictionaries. The aim of the paper is to identify possible areas of improvement for upcoming dictionaries with regard to standard German variation and point out some desiderata to increase the visibility of dictionaries in general.

1 Vorbemerkungen

Bekanntlich hat die Dialektforschung in der Linguistik eine lange Tradition; ihre Anfänge reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück, wichtige Dialektwörterbücher wie z. B. das Schweizerische Idiotikon gingen daraus hervor (siehe unter https://www.idiotikon.ch/). Wie sieht es dagegen mit der diatopischen Variation im Standarddeutschen aus? Welche Arbeiten sind hier zu nennen? Und welche Wörterbücher sind daraus hervorgegangen? In diesem Beitrag wollen wir nicht die Diskussion aufnehmen, wie Standarddeutsch definiert werden kann (vgl. dazu Elspaß/Dürscheid 2017), sondern zwei aktuelle Forschungsprojekte zur standardsprachlichen-diatopischen Variation vorstellen (Abschnitt 2) und zeigen, wie diesem Typus von Variation in der Wörterbuchpraxis Rechnung getragen wird. Zu diesem Zweck möchten wir vier Wörterbücher genauer betrachten (Abschnitt 3). In der Analyse legen wir den Schwerpunkt auf die lexikalische und grammatische Ebene, nicht auf die diatopische Variation in der Aussprache.1 In Abschnitt 4 werden wir aufzeigen, welche Optimierungsmöglichkeiten es zur Darstellung diatopischer Variation im Wörterbuch gibt. Doch auch wenn alle diese Vorschläge umgesetzt würden, bleiben noch einige Wünsche offen. Abschließend sollen denn auch einige Desiderata formuliert werden.←87 | 88→

2 Forschungsprojekte zur standardsprachlich-diatopischen Variation

Zwei Forschungsprojekte zur diatopischen Variation seien hier genannt, von denen das eine mit dem Wortschatz, das andere mit der Grammatik des Standarddeutschen befasst ist. Das erste Projekt ist 2016 zu seinem Abschluss gekommen, das zweite wurde im Jahr 2018 abgeschlossen. Kommen wir zunächst zu dem „Variantenwörterbuch des Deutschen“ (VWB): Die erste Publikation dieses Wörterbuchs erfolgte im Jahr 2004, nach sechsjähriger Projektarbeit an den Standorten Duisburg, Innsbruck und Basel. Es ist sicher berechtigt zu sagen, dass diese Publikation einen Meilenstein in der variationslinguistischen Forschung darstellte; erstmals wurden systematisch Wörter und Wendungen erfasst, die zum Standarddeutschen gehören, aber nicht gemeindeutsch sind. Zu Recht sprechen die Autoren im Vorwort denn auch von einem „neuartigen“ Wörterbuch (VWB: X), sie weisen aber auch darauf hin, dass die Verbesserung und Aktualisierung „eine Zukunftsaufgabe“ (VWB: X) bleibe. Dieser Aufgabe stellten sie sich in den vergangenen Jahren: Im Jahr 2016 erschien die zweite Auflage des VWB (im Folgenden VWB 2). In die Recherche für diesen Band wurden drei neue Sprachregionen (sog. „Viertelzentren“) aufgenommen und der Titel entsprechend um den Zusatz „Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen“ erweitert. Inwieweit diese Erweiterung sinnvoll ist, sei hier dahingestellt,2 für das Wörterbuch folgte daraus, dass „rund 162 neue Lemmata aus den Viertelzentren“ aufgenommen wurden (VWB 2: XIII). Dazu gehören Lemmata wie Mistkorb (als Rumänismus) oder Pad (als Namibismus).

Die wichtigsten inhaltlichen Unterschiede zwischen der ersten und der zweiten Auflage des VWB werden auf Wikipedia prägnant zusammengefasst. Hier heißt es:

1.500 Wörter, die noch in der ersten Auflage enthalten waren, wurden entfernt, teils weil sie inzwischen überregional gebräuchlich sind (also keine Varianten mehr), teils weil sie im Ursprungssprachraum nicht mehr zur Standardsprache gehören. Umgekehrt wurden 2.100 neue Stichwörter aufgenommen.3←88 | 89→

Doch nicht nur inhaltlich, auch in methodischer Hinsicht unterscheiden sich die beiden Auflagen beträchtlich. Hatte man in der ersten Projektlaufzeit noch nicht auf digital verfügbare Datensammlungen zurückgreifen können, stellte sich die Situation bei den Arbeiten an der zweiten Auflage anders dar. Neu kamen nun, wie aus dem Vorwort zu entnehmen ist, „umfangreiche und aktuelle Zeitungskorpora zum Einsatz, die weitgehend elektronisch zur Verfügung standen“ (VWB: XIV). Allerdings bedeutet dies nicht, dass sich nun genauere Angaben zur Frequenz von Varianten finden würden. Was heißt z. B., dass eine Variante „gelegentlich“ gebräuchlich ist? Wie ist die Information „in CH selten“ einzuordnen? Wie oft ist „oftmals“ (vgl. „wird in D-mittelwest oftmals in karnevalistischem Zusammenhang gebraucht“ (VWB 2, Eintrag zu Baas))? Aus unserer Sicht wäre es hilfreich, wenn zu solchen Frequenzausdrücken Prozentbereiche angegeben würden (wie z. B. in der Neuauflage des Zweifelsfälle-Dudens). Das setzt freilich voraus, dass den Angaben umfassende Korpusauswertungen zugrunde liegen, und das wiederum gestaltet sich in einem Projekt, das nur über knappe Ressourcen verfügt, als schwierig.

Kommen wir zum zweiten Forschungsprojekt, das wir hier vorstellen wollen, zu den Arbeiten an der „Variantengrammatik des Standarddeutschen“ (VG). Das VG-Projekt legt den Schwerpunkt auf die grammatische Ebene; es werden also nur solche Varianten erfasst, hinter denen morphologische oder syntaktische Regularitäten stehen. Die Vorarbeiten reichen zurück bis in das Jahr 2005, das Projekt startete im Jahr 2011 (an den Standorten Zürich, Graz und Augsburg). Zu der Zeit war der Einsatz von computerlinguistischen Methoden zur Annotation und statistischen Auswertung von Daten schon weit verbreitet, und das Projektteam konnte sich dies zunutze machen. Es wurde ein regional ausgewogenes Zeitungskorpus mit fast 600 Millionen Wörtern erstellt, das es ermöglichte, die Daten (teil-)automatisiert zu untersuchen. So konnten in einem frühen Artikel aus dem Jahr 2006 nur Vermutungen zur Distribution bestimmter grammatischer Varianten angestellt werden (vgl. Dürscheid/Hefti 2006: 138–144), zehn Jahre später war es möglich, dazu empirisch abgesicherte Aussagen zu machen (z. B. zu Kommt hinzu, dass vs. Hinzu kommt, dass, vgl. dazu Niehaus 2015: 161). Insofern stellt sich die Recherche hier anders dar als im VWB-Projekt, das diese Möglichkeiten bei der Arbeit an der ersten Auflage nicht hatte.4 Ein weiterer Unterschied zeigt sich darin, dass die Ergebnisse im VG-Projekt nicht als alphabetisch sortierte Liste ←89 | 90→im Buchformat publiziert wurden, sondern als Online-Nachschlagewerk aufbereitet sind, das drei Typen von Artikeln umfasst, die miteinander verlinkt sind. So kann man vom Einzelartikel zu ändern/sich ändern direkt zum Überblicksartikel zum Gebrauch des Reflexivums oder zum Grundlagenartikel „Valenz und Rektion“ gelangen (vgl. Elspaß/Dürscheid 2017).5

Nun soll aber nicht der Eindruck entstehen, dass sich die Erforschung standardsprachlich-diatopischer Variation auf die Arbeit an solchen Nachschlagewerken beschränken würde. Ein Wörterbuch ist zwar ein wichtiger Ertrag (insbesondere auch deshalb, weil er einer breiten Öffentlichkeit von Nutzen sein kann), ebenso wichtig sind aber auch die wissenschaftlichen Arbeiten, die im Umfeld zu dieser Thematik entstehen. Da sind zum einen die empirisch ausgerichteten Dissertationen zu nennen (z. B. Sutter 2017, Scherr 2019), die aus beiden Projekten hervorgegangen sind, zum anderen aber auch die Publikationen auf theoretischer Ebene (z. B. Dürscheid/Elspaß/Ziegler 2015). Einen guten Überblick über grundsätzliche Fragen, die rund um das Thema Pluriarealität diskutiert werden (inkl. zahlreicher weiterer Literaturhinweise), gibt Konstantin Niehaus (vgl. 2015: 135–139). Auf diese Arbeiten können wir hier nur verweisen; wir wenden uns nun unserer Leitfrage zu: Wie wird der standardsprachlich-diatopischen Variation in ausgewählten Wörterbüchern des Deutschen Rechnung getragen?

3 Wörterbuchanalysen

In diesem Abschnitt möchten wir Lemmata aus vier Wörterbüchern miteinander vergleichen. Damit ein solcher Vergleich überhaupt möglich ist, muss in einem ersten Schritt der Gegenstandsbereich dieser Wörterbücher kurz umrissen werden. Daran lässt sich zeigen, welche Informationen in den einzelnen Nachschlagewerken überhaupt erwartet werden dürfen.

3.1 Vier Wörterbücher der deutschen Gegenwartssprache

In den Vergleich werden die folgenden Wörterbücher einbezogen: (i) das oben bereits erwähnte „Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien, Südtirol sowie in Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen“ (2016) (VWB 2); (ii) der „Duden. Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle. Richtiges und gutes Deutsch“ (2016) (kurz: Zweifelsfälle-Duden); (iii) das „Österreichische←90 | 91→ Wörterbuch“ (2012) (kurz: ÖWB) und (iv) der „Duden. Die deutsche Rechtschreibung. Das umfassende Standardwerk auf der Grundlage der aktuellen amtlichen Regeln“ (2017) (kurz: Rechtschreib-Duden).

i) Das VWB 2 ist, kurz zusammengefasst, ein Differenzwörterbuch, also ein Wörterbuch, das im Gegensatz zu einem Vollwörterbuch nicht den gesamten Wortschatz aufnimmt, sondern lediglich einen bestimmten Teil – im Falle des VWB 2 regionale und nationale Varianten aus allen Zentren des deutschsprachigen Raums. Das VWB 2 ist symmetrisch aufgebaut, d. h. keine der diatopischen Varietäten gilt als Leitvarietät, alle Varianten – und somit alle Lemmata – sind diatopisch markiert.

ii) Beim Zweifelsfälle-Duden handelt es sich um ein Spezialwörterbuch, das Zweifelsfälle aller Varietäten verzeichnet, d. h. auch non- und substandardsprachliche. Gegenstand der Betrachtung sind vor allem orthographische, grammatische und stilistische Zweifelsfälle. Als Leitvarietät gilt „die geschriebene Standardsprache“ (Duden 2016: Einband).

iii) Das ÖWB ist ein Vollwörterbuch, d. h. der gesamte Wortschatz des österreichischen Deutsch (vgl. ÖWB 2012: 7) wird in diesem Nachschlagewerk aufgeführt.6 Das österreichische Standarddeutsch gilt hier als Leitvarietät und ist somit der unmarkierte Fall. Das Hauptaugenmerk dieses Nachschlagewerks liegt auf der Orthographie.

iv) Der Rechtschreib-Duden ist ebenfalls ein Vollwörterbuch, in dem sich in erster Linie Angaben zur Schreibweise finden. Im Gegensatz zum ÖWB wird hier aber keine spezifische Varietät als Leitvarietät genannt; der Rechtschreib-Duden beansprucht Gültigkeit für den gesamten deutschsprachigen Raum, woraus geschlossen werden kann, dass das gemeindeutsche Standarddeutsch als Leitvarietät fungiert.

3.2 Vergleich ausgewählter Lemmata

Die Angaben zur regionalen Distribution in den genannten Wörterbüchern werden anhand der folgenden drei Variantenpaare verglichen: nutz/nütze, Bursch/Bursche, durchweg/durchwegs. Betrachten wir zunächst nutz und nütze in Verbindung mit dem Verb sein, also die Konstruktionen zu etwas/nichts nutz/nütze sein (Tab. 1):←91 | 92→

Tabelle 1: Das Variantenpaar nutz/nütze in den vier Wörterbüchern

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Das Lemma nütze kommt nur im Zweifelsfälle-Duden und im Rechtschreib-Duden vor. In beiden Nachschlagewerken steht es unmarkiert. Entsprechend erstaunt auch nicht, dass es im VWB 2 nicht auftritt; dieses Wörterbuch führt ausschließlich diatopische Varianten. Auch im ÖWB kommt nütze nicht vor, woraus geschlossen werden kann, dass das ÖWB die Variante nicht zum österreichischen Deutsch zählt. Hier ist lediglich die Variante nutz gelistet. Diese findet sich auch im Zweifelsfälle-Duden und im Rechtschreib-Duden. Im VWB 2 kommt selbst die Form nutz nicht vor, was bemerkenswert ist, da aus der Betrachtung der anderen drei Wörterbücher der Schluss gezogen werden könnte, dass es sich um eine diatopische Wortbildungsvariante handelt. Daraus lässt sich ableiten, dass das VWB 2 nutz entweder als gemeindeutsche Konstante oder als nonstandardsprachliche Variante einordnet. Was den Zweifelsfälle-Duden betrifft, so betrachtet dieser nutz auf jeden Fall als nonstandardsprachlich. Hier ist zwar zu lesen, dass nutz in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz ‚gebräuchlich‘ sei, gleichzeitig steht aber auch: „standardsprachlich ist die Form nütze“ (Duden 2016: 674). Dies kann als Hinweis darauf verstanden werden, dass der Zweifelsfälle-Duden nicht vom „Gebrauchsstandard“ (vgl. zu diesem Terminus Elspaß/Dürscheid 2017) ausgeht, ansonsten müsste ein sprachlicher Ausdruck wie nutz, der offensichtlich frequent verwendet wird, dem Standard zugeordnet werden. Dagegen stufen das ÖWB und der Rechtschreib-Duden das Lemma nutz klar als standardsprachlich ein. Die vier Wörterbücher stimmen in diesem Punkt folglich nicht miteinander überein. Und auch in Bezug auf die regionale Einordnung von nutz unterscheiden sie sich. Wie bereits erwähnt, verortet der Zweifelsfälle-Duden nutz in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz. Der Rechtschreib-Duden hingegen gibt als Verbreitungsgebiet nur Süddeutschland und Österreich an. Im ÖWB wiederum wird die Variante unmarkiert geführt, was bedeutet, dass dieses Wörterbuch nutz als gemeindeutsche Konstante oder österreichische Variante einstuft.

Der Vergleich von nutz in den Wörterbüchern ergibt somit, dass die vier Nachschlagewerke weder in Bezug auf die Einschätzungen zur Standardsprachlichkeit←92 | 93→ noch in Bezug auf die diatopische Verortung übereinstimmen. Betrachten wir vor diesem Hintergrund nun die Einträge zum Variantenpaar Bursch/Bursche (Tab. 2):

Tabelle 2: Das Variantenpaar Bursch/Bursche in den vier Wörterbüchern

image

Das Lemma Bursch wird in allen Wörterbüchern gelistet, Bursche hingegen kommt nur im Zweifelsfälle-Duden, im Rechtschreib-Duden und im ÖWB vor. Im VWB ist die Variante Bursche seit der Neuauflage nicht mehr enthalten, in der Erstauflage von 2004 wurde sie noch aufgeführt und damals in Deutschland und der Schweiz verortet. Bursch dagegen steht im VWB 2 weiterhin; das Lemma wird in Österreich und Südostdeutschland lokalisiert. Somit stimmt die Neuauflage sowohl bei den diatopischen Angaben zu Bursch als auch zu Bursche mit dem Rechtschreib-Duden überein.

Aus der Tatsache, dass Bursche im VWB 2 nicht mehr als Lemma erscheint, kann geschlossen werden, dass dieses Wort neu als gemeindeutsche Konstante eingestuft wird. Zwar könnte man einwenden, dass Bursche im VWB 2 nur deshalb nicht mehr erscheint, weil es neu als dialektal eingestuft wird, dies ist aber höchst unwahrscheinlich. Denn dann wäre diese Variante wohl bereits im VWB 1 als Grenzfall des Standards ausgewiesen worden; eine solche diaphasische Markierung findet sich in der Erstauflage aber nicht. Der Rechtschreib-Duden listet Bursche unmarkiert, somit gilt das Wort hier auf jeden Fall als gemeindeutsch.←93 | 94→ Bei genauer Betrachtung stellt man allerdings fest, dass sich der Rechtschreib-Duden bei der regionalen Verortung des Variantenpaars Bursch/Bursche selbst widerspricht: Einerseits steht hier, dass in Österreich und Bayern „nur“ Bursch verwendet werde, gleichzeitig wird die Gegenvariante Bursche nicht diatopisch markiert. Wenn der Rechtschreib-Duden aber angibt, dass in Österreich und Bayern ausschließlich Bursch verwendet wird, kann er nicht gleichzeitig Bursche als gemeindeutsche Konstante einstufen. Betrachtet man zum Vergleich das Variantenpaar Bursch/Bursche im ÖWB, so fällt auf, dass hier Bursch unmarkiert steht, was heißt, dass Bursch entweder als österreichische Variante oder als gemeindeutsche Konstante angesehen wird. Bursche hingegen ist im ÖWB mit ‚D‘ und somit als Teutonismus markiert. Im Zweifelsfälle-Duden wiederum steht zum Variantenpaar Bursch/Bursche: „Neben Bursche kommt landschaftlich und im Verbindungswesen auch Bursch vor“ (Duden 2016: 198). Hier trifft man auf die problematische Markierung ‚landschaftlich‘. Bei dieser handelt es sich um eine Markierung, die immer wieder in Wörterbüchern auftritt, aber meist diffus bleibt. So stellt sich die Frage, ob sie als diatopische Markierung zu verstehen ist, die anzeigt, dass Bursch nur in bestimmten, nicht näher definierten Regionen standardsprachliche Gültigkeit hat. Oder weist sie auf eine bestimmte Sprachebene hin und zeigt somit an, dass Bursch eben gerade nicht standardsprachlich ist? Der Wörterbuchbenutzer, der alle vier Nachschlagewerke konsultiert, um herauszufinden, ob er bspw. in einem standardsprachlichen Text für Österreich nun Bursch oder Bursche verwenden soll, wird ratlos zurückgelassen.

Damit kommen wir zum dritten Beispiel, das genauer betrachtet werden soll, zum Variantenpaar durchweg/durchwegs:

Tabelle 3: Das Variantenpaar durchweg/durchwegs in den vier Wörterbüchern

image

←94 | 95→

Die Variante durchweg kommt nur im Zweifelsfälle-Duden, im ÖWB und im Rechtschreib-Duden vor, im VWB 2 ist sie nicht gelistet. Interessanterweise handelt es sich dabei um eine der Varianten, die in der Erstauflage noch mit ‚D‘ gekennzeichnet waren und für die Neuauflage gestrichen wurden. Ob durchweg zu den 1.500 Varianten zählt (vgl. Abschnitt 2), die inzwischen überregional gebräuchlich sind und aus diesem Grund nicht mehr im VWB 2 vorkommen, wird in Abschnitt 3.3 genauer untersucht. Dass die Variante im Zweifelsfälle-Duden und im Rechtschreib-Duden ohne Markierung steht und somit als gemeindeutsch betrachtet wird, weist jedenfalls in diese Richtung. Im ÖWB hingegen ist durchweg als deutschländische Variante markiert.

Vergleichen wir damit die Angaben zur Variante durchwegs: Diese Variante kommt in allen vier Wörterbüchern vor. Im VWB 2 wird sie in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz verortet. Im Rechtschreib-Duden hingegen wird als Verbreitungsgebiet Österreich und die Schweiz genannt, und es wird festgehalten, dass in diesen Regionen ausschließlich die Variante durchwegs gilt. Somit widerspricht sich das Wörterbuch wieder selbst, da, wie oben erwähnt, durchweg als Pendant dazu unmarkiert steht und somit als gemeindeutsch gilt.7 Was das ÖWB betrifft, so steht die Variante durchwegs hier ohne weiteren Zusatz, sie gilt somit als österreichische Variante oder als gemeindeutsche Konstante. Im Zweifelsfälle-Duden dagegen steht, dass durchwegs „regionalsprachlich, besonders süddeutsch und österreichisch“ (Duden 2016: 247) sei. Dies stimmt wiederum nicht mit den geographischen Verortungen in den anderen Wörterbüchern überein. Darüber hinaus treffen wir hier auf die Markierung ‚regionalsprachlich‘. Wie auch bei ‚landschaftlich‘ weiß der Wörterbuchbenutzer nicht, wie er diese Information einzuordnen hat. Ist die Variante standardsprachlich, aber nur in bestimmten, nicht näher definierten Regionen gültig? Oder handelt es sich bei durchwegs um eine sub- oder nonstandardsprachliche Variante? Da aber in keinem der anderen drei Wörterbücher etwas darauf hindeutet, dass durchwegs nicht standardsprachlich sei, könnte der (vorläufige) Schluss gezogen werden, dass ‚regionalsprachlich‘ als standardsprachlich-diatopische Markierung zu verstehen ist. Wir kommen in Abschnitt 3.4 darauf zurück.

Als Zwischenfazit können wir festhalten, dass die Beurteilungen der diatopischen Varianten in den vier untersuchten Wörterbüchern divergieren. Einerseits ist die Zuordnung der Varianten zum Standard bzw. zum Sub- und Nonstandard nicht einheitlich (oder nicht eindeutig), andererseits unterscheiden sich teilweise die regionalen Verortungen der einzelnen Varianten.←95 | 96→

3.3 Überprüfung der Varianten anhand des VG-Korpus

Um die voneinander abweichenden Aussagen zu den einzelnen Varianten besser einschätzen zu können, werden wir nun Auswertungen aus dem VG-Projekt hinzuziehen. Wie bereits erwähnt, ermöglicht dieses Korpus, die Frequenzen von Varianten in den einzelnen Regionen statistisch zu berechnen.

a) Überprüft man im VG-Korpus das Variantenpaar nutz/nütze, stellt man fest, dass sich keine Belege für die Wortverbindung zu etwas/nichts nutz sein finden lassen. Allerdings treten im gesamten Korpus nur neun Belege für die Wortverbindung zu etwas/nichts nütze sein auf. Diese sind auf das ganze deutschsprachige Gebiet verteilt. Da die Variante zu etwas/nichts nutz sein nicht im Korpus vorhanden ist und zu etwas/nichts nütze sein nur sehr selten vorkommt, kann über dieses Variantenpaar anhand des Korpus also keine Aussage gemacht werden. Daran sehen wir, dass ein Korpus alleine – auch wenn es rund 600 Millionen Tokens umfasst – nicht ausreicht, um die deutsche Standardsprache abzubilden. Ein Grund mag sein, dass zu etwas/nichts nutz/nütze sein eine Wortverbindung ist, die nur selten in Zeitungstexten verwendet wird. Da keine dritte Variante bzw. keine gemeindeutsche Konstante zu dieser Wortverbindung existiert, wäre auf jeden Fall der Schluss, dass es sich um ein sub- oder nonstandardsprachliches Beispiel handelt, voreilig.

b) Was das Variantenpaar Bursch/Bursche betrifft, ergab der Wörterbuchvergleich besonders viele Widersprüche. Im VG-Korpus tritt Bursch 326 Mal auf, Bursche kommt 1.277 Mal vor. Gemäß der statistischen Berechnung weist die regionale Verteilung der Varianten eine große Heterogenität auf: Signifikant häufig tritt Bursch in Ost-, West- und Mittelösterreich auf, Bursche in Deutschland und in der Schweiz. Obwohl Bursch in den genannten Gebieten signifikant oft vorkommt, sind hier dennoch beide Varianten gebräuchlich. In Deutschland (Südostdeutschland ausgenommen) und in der Schweiz hingegen ist Bursche nicht nur signifikant häufig, es ist auch die einzige Variante, die verwendet wird. Und noch etwas ist bemerkenswert: Wie oben erwähnt, wurde in der ersten Auflage des VWB Bursche noch als Lemma gelistet und in Deutschland und der Schweiz verortet. Im VWB 2 ist das nicht mehr der Fall, die Variante Bursch dagegen wird weiterhin in Österreich und Südostdeutschland lokalisiert. Anhand des VG-Korpus kann diese Änderung nachvollzogen werden: Auch wenn Bursche statistisch signifikant in Deutschland und der Schweiz auftritt, muss dieses Wort dennoch als gemeindeutsche Konstante betrachtet werden, da es auch in Österreich gebräuchlich ist. Die Variante Bursch hingegen kommt tatsächlich fast ausschließlich in Österreich und Südostdeutschland vor. Was grundsätzlich die Standardsprachlichkeit von Bursch und Bursche anbelangt,←96 | 97→ so kann konstatiert werden, dass beide Lexeme frequent im Korpus vorkommen und deshalb als standardsprachlich zu beurteilen sind. Demzufolge ist die Markierung ‚landschaftlich‘, mit welcher Bursch im Zweifelsfälle-Duden gekennzeichnet ist, nur zutreffend, wenn man sie als diatopische Markierung versteht, die anzeigt, dass ein Lexem in bestimmten, nicht näher definierten Regionen standardsprachlich verwendet werden kann. Ob das so gemeint ist, ist allerdings fraglich. Eine Erläuterung zum Terminus ‚landschaftlich‘ findet sich in den allgemeinen Benutzerhinweisen leider nicht.

c) Auch beim Variantenpaar durchweg/durchwegs sind sich die Wörterbücher in Bezug auf die diatopische Verortung nicht einig. Was den standardsprachlichen Status betrifft, stimmen sie dagegen überein: Alle beurteilen die Varianten als standardsprachlich – vorausgesetzt allerdings, dass die Markierung ‚regionalsprachlich‘ als standardsprachlich-diatopisch zu verstehen ist (siehe hierzu Abschnitt 3.4). Auch aus der Auswertung des VG-Korpus ergibt sich, dass die Varianten standardsprachlich sind: Sowohl für durchweg als auch für durchwegs lässt sich eine hohe Anzahl Belege ermitteln. Außerdem zeigt der Chi-Quadrat-Test, dass durchweg in Deutschland (ohne Südostdeutschland) sowie Belgien und Luxemburg signifikant häufig vorkommt. Durchwegs hingegen ist in Österreich, der Schweiz, Liechtenstein und Südtirol statistisch signifikant. Die untenstehende Abbildung 4 veranschaulicht, dass es (mit Ausnahme von Südostdeutschland) in allen Regionen eine klare Tendenz zur Verwendung einer der beiden Varianten gibt, während die andere Variante gar nicht oder nur sporadisch auftritt. Daraus kann geschlossen werden, dass bei diesem Variantenpaar weder durchwegs noch durchweg eine gemeindeutsche Konstante ist. Demzufolge ist die Streichung von durchweg in der zweiten Auflage des VWB – im Gegensatz zu jener von Bursche – nicht nachvollziehbar.

Tabelle 4: Relative Auftretenshäufigkeit von durchweg/durchwegs innerhalb der einzelnen Sprachregionen

Sprachregion

durchweg

durchwegs

A-ost

2 %

98 %

A-südost

2 %

98 %

STIR

2 %

98 %

A-mitte

4 %

96 %

A-west

5 %

95 %

CH

6 %

94 %

LIE

8 %

92 %←97 | 98→

D-südost

51 %

49 %

LUX

92 %

8 %

D-südwest

97 %

3 %

BELG

98 %

2 %

D-mittelost

100 %

0 %

D-mittelwest

100 %

0 %

D-nordost

100 %

0 %

D-nordwest

100 %

0 %

In Anbetracht dieser Zahlen wäre es wünschenswert, wenn nicht nur das ÖWB, sondern auch das VWB 2, der Zweifelsfälle-Duden und der Rechtschreib-Duden die Variante durchweg als deutschländische Variante ausweisen würden, anstatt nur die Variante durchwegs diatopisch zu markieren. Der Zweifelsfälle-Duden und der Rechtschreib-Duden könnten auf diese Weise auch den Eindruck vermeiden, sie hätten nicht das gemeindeutsche, sondern das deutschländische Standarddeutsch als Leitvarietät.

Mittels der Korpusanalysen konnten fast alle Angaben in den Wörterbüchern überprüft und abschließend beurteilt werden. Als schwierig erwies sich dies aber bei den Angaben, die mit den Markierungen ‚landschaftlich‘ und ‚regionalsprachlich‘ einhergehen, weil unklar blieb, was damit ausgesagt werden sollte. Aus diesem Grund möchten wir im folgenden Abschnitt näher auf diese Markierungen eingehen. Zusätzlich werden wir die Markierung ‚regional‘ in den Blick nehmen, denn auch sie wirft einige Fragen auf.

3.4 Die Markierungen ‚regional‘, ‚regionalsprachlich‘ und ‚landschaftlich‘

Im ÖWB kommt die Markierung ‚regional‘ zwar vor, sie stellt hier allerdings kein Problem dar, da aus den Erläuterungen zu diesem Wörterbuch klar hervorgeht, dass damit auf standardsprachliche Varianten referiert wird, die „keiner größeren Sprachlandschaft eindeutig zuzuordnen“ sind (ÖWB 2012: 11). In früheren Auflagen des ÖWB wurde daneben auch die Markierung ‚landschaftlich‘ verwendet, auf diese wird inzwischen aber verzichtet (vgl. dazu Sutter 2017: 192). Anders im Rechtschreib-Duden: Hier kommen sowohl die Markierungen ‚regional‘ als auch ‚landschaftlich‘ vor, es finden sich aber keine weiteren Informationen zu diesen Bezeichnungen. Auch der Zweifelsfälle-Duden verwendet die Markierungen ‚re←98 | 99→gional‘ und ‚landschaftlich‘, zusätzlich tritt hier aber noch der Terminus ‚regionalsprachlich‘ auf. Während sich in den früheren Auflagen dieses Wörterbuchs noch keine Erläuterungen zu diesen Angaben finden, wird dazu in der aktuellen Auflage nun erstmals (etwas) Klarheit geschaffen. In einer Tabelle mit der Überschrift „Einordnung von Varianten“ ist unter dem Eintrag „dialektal/regionalsprachlich/regional“ zu lesen: „regional; dabei neben den allgemeinen Kategorien ‚dialektal‘ und ‚regionalsprachlich‘ spezielle Kategorien für einzelne Regionen (z. B. norddeutsch)“ (Duden 2016: Einband/Hervorheb. i. O.).

Der Wörterbuchbenutzer muss aus dieser Erläuterung schließen, dass ‚regionalsprachlich‘ auf der gleichen Ebene wie ‚dialektal‘ angesiedelt ist – und somit eine Aussage über die Nicht-Standardsprachlichkeit eines Lemmas macht. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass es in der Neuauflage des Zweifelsfälle-Dudens einen Artikel unter dem Stichwort Dialekt/Regionalsprache gibt, der in der vorangehenden Auflage noch nicht vorhanden war und der einerseits einige Fragen beantwortet, andererseits aber neue aufwirft. Hier ein Auszug daraus:

Das Wort Regionalsprache wird in diesem Buch synonym mit Regiolekt und regionale Umgangssprache verwendet. Regionalsprachen / Regiolekte sind geografisch weniger begrenzt als einzelne Dialekte. Sie zeichnen sich außerdem durch eine größere Nähe zur Standardvarietät aus, wenngleich auch sie Merkmale aufweisen, die die regionale Herkunft der Sprecher erkennen lassen. […] Werden Wörter wie Dialekt, Regionalsprache und regional (oder auch genauere Einordnungen wie oberdeutsch und norddeutsch) hier zur Charakterisierung bestimmter Ausdrucksweisen verwendet, so ist damit zudem keine Abwertung dieser Formen gemeint, sondern es wird nur darauf hingewiesen, dass sie nicht zum Standarddeutsch der Gegenwart gehören. (Duden 2016: 230/Hervorheb. i. O.)

Diese Passage ist von einiger Brisanz: Damit wird explizit gemacht, dass alle mit ‚regional‘ und ‚regionalsprachlich‘ markierten Lemmata nicht zum Standard gezählt werden (folglich bspw. auch die Variante durchwegs). Das gilt offensichtlich auch für „genauere Einordnungen wie norddeutsch“. Auch diese Markierung wird, so versteht man die entsprechende Textstelle, zur Charakterisierung von Varianten verwendet, die nicht zum Standarddeutschen gehören. Offen bleibt, ob auch Einordnungen wie ‚schweizerisch‘ oder ‚österreichisch‘ die Funktion haben, nicht-standardsprachliche Varianten zu charakterisieren. Konsequenterweise müsste das der Fall sein. Anhand des Artikels zu nutz/nütze kann diese Vermutung bestätigt werden. Hier ist zu lesen: „Die Form nutz ist in Süddeutschland, in Österreich und in der Schweiz gebräuchlich: standardsprachlich ist die Form nütze“ (Duden 2016: 674). Es werden zwar nicht die Adjektive ‚süddeutsch‘, ‚österreichisch‘ und ‚schweizerisch‘ gebraucht, dennoch ist anzunehmen, dass es←99 | 100→ sich bei dieser Aufzählung ebenfalls um „genauere Einordnungen“ handelt. Es drängt sich die Vermutung auf, dass der Zweifelsfälle-Duden von einer alles überdachenden, einheitlichen Standardsprache ausgeht, der die standardsprachlich-diatopischen Varietäten des Deutschen nicht einschließt. Dies würde auch mit dem Artikel zu Standarddeutsch übereinstimmen (vgl. Duden 2016: 864). Hier wird nur auf die diamediale Ebene Bezug genommen (vgl. zu diesem Terminus Hennig 2017), also auf die Unterscheidung in geschriebene und gesprochene Sprache. Dass die Standardsprache auch in diatopischer Hinsicht verschiedene Varietäten aufweist, wird nicht erwähnt.

Halten wir abschließend fest: In der neuesten Auflage des Zweifelsfälle-Duden wurde zwar ein Schritt in die richtige Richtung getan, da die Markierungen ‚regional‘ und ‚regionalsprachlich’ nun genauer erläutert werden. Doch hätte man sich grundsätzlich einen differenzierteren Umgang mit standardsprachlich-diatopischer Variation gewünscht – und dies nicht zuletzt, weil die Duden-Bände in allen deutschsprachigen Ländern zu den am weitesten verbreiteten Wörterbüchern zählen.

4 Optimierungsmöglichkeiten

Wie der vorangehende Abschnitt gezeigt hat, ist die Darstellung standardsprachlich-diatopischer Variation im Wörterbuch noch kein Erfolgsmodell. Wie kann hier Abhilfe geschaffen werden? Aus unserer Sicht sollten am Anfang eines jeden Wörterbuchprojekts, das die diatopische Standardvariation adäquat darstellen möchte, die folgenden Fragen beantwortet werden:

1. Welcher Standardbegriff liegt zugrunde und welche Varietät gilt als Leitvarietät?

2. Auf welcher Grundlage und mit welchen Methoden werden die Daten erhoben?

3. Welche Wörterbuchstrukturen werden implementiert, damit der Nutzer möglichst schnell an sein Erkenntnisziel gelangt?

4. Wie werden die Daten im Wörterbuch präsentiert?

Unter Bezugnahme auf diese vier Fragen werden nun einige Optimierungsmöglichkeiten aufgelistet: 1) Was den Standardsprachbegriff betrifft, sollte ein Wörterbuch, das diatopische Varietäten als gleichwertig abbilden möchte, vom Konzept des Gebrauchsstandards ausgehen (vgl. Elspaß/Dürscheid 2017). Dieses ermöglicht es dem Lexikographen, sich bei der Beurteilung der Standardsprachlichkeit einer Variante auf ein Hauptkriterium zu fokussieren: auf die Vorkommenshäufigkeit. Dabei handelt es sich um ein Kriterium, das auch für den Wörterbuchbenutzer klar nachvollziehbar ist. 2) Bei der Datenerhebung←100 | 101→ ist vor allem auf ein systematisiertes Vorgehen zu achten. Es sollten in einem ersten Schritt bestehende Wörterbücher und Regelwerke durchgesehen und die darin gefundenen Varianten in einer Datenbank abgespeichert werden. Eine solche Datenbank ermöglicht die Verknüpfung von Daten und das wiederum begünstigt das Entdecken sprachlicher Muster; zudem stellt sie eine solide Basis für die spätere Verweisstruktur im Wörterbuch dar. Alle in der Datenbank gesammelten Daten sollten anhand eines Korpus und einer statistischen Frequenzanalyse überprüft und die Ergebnisse zusätzlich noch durch ein Expertengremium evaluiert werden, da auch korpuslinguistische Methoden an ihre Grenzen stoßen können. 3) Weiter ist wichtig, dass der Gegenstandsbereich in den Wörterbuchaußentexten deutlich abgesteckt wird. So muss dem Nutzer klarwerden, welche Lemmata im Allgemeinen und welche diatopischen Varianten im Speziellen in dem Nachschlagewerk zu erwarten sind. Auch muss ersichtlich sein, welche Varietät als Leitvarietät gilt und welche Varianten entsprechend unmarkiert geführt sind. Außerdem sollten hier die Vorgehensweisen in der Wörterbucherstellung aufgezeigt und genaue Informationen zur Wörterbuchbenutzung gegeben werden. 4) Für die Präsentation der Wörterbuchartikel eignet sich eine digitalisierte Aufbereitung besonders gut, da diese viele Zusatzoptionen bietet: In einem Online-Nachschlagewerk können vielfältige Formen von Vernetzungs- und Zugriffsstrukturen implementiert werden, mithilfe derer der Wörterbuchbenutzer besonders schnell an sein Erkenntnisziel gelangt (vgl. Engelberg/Müller-Spitzer/Schmidt 2016: 155). Außerdem können kartographische Darstellungen, Frequenztabellen, direkte Verlinkungen mit dem Korpus oder Audiodateien angefügt werden.

Würden alle diese Vorschläge in der Praxis umgesetzt, dann könnten bereits einige der Probleme in der Darstellung diatopischer Variation behoben werden. Doch auch dann blieben Desiderate bestehen. Auf diese werden wir abschließend eingehen.

5 Desiderata

Im letzten Abschnitt unseres Beitrags geht es um die Visibilität von Wörterbüchern – und damit um die Frage, wie potentielle Adressaten (z. B. Journalisten, Lehrer, Schüler) erreicht werden können. So sind viele Nachschlagewerke (wie z. B. das VWB) entweder gar nicht bekannt oder sie werden nicht genutzt. Das ist nicht nur unser subjektiver Eindruck, das bestätigt auch eine Online-Umfrage unter 61 Zeitungsredaktionen, über die Niehaus (vgl. 2016) berichtet. Danach gaben die meisten Redakteure an, dass sie sich bei Zweifelsfällen redaktionsintern beraten oder die Internetplattform duden.de konsultieren würden, alle anderen im←101 | 102→ Fragebogen genannten Optionen waren in der täglichen Arbeit nachrangig. Das VWB beispielsweise wurde in keiner der befragten Redaktionen genutzt (Konstantin Niehaus, persönliche Mitteilung), was auch damit zusammenhängen mag, dass dieses Nachschlagewerk nicht über eine schnelle Online-Abfrage verfügbar ist. Und damit kommen wir zu den Desiderata:

Um eine größere Resonanz zu erzielen, muss ein Wörterbuch a) digital vorliegen, b) problemlos auf verschiedenen Endgeräten nutzbar sein, c) kostenfrei und d) nach Möglichkeit in ein Wörterbuchportal (wie z. B. www.canoo.net) integriert sein. Weiter muss es e) entsprechend beworben werden, denn nur dann besteht eine Chance, dass es neben duden.de überhaupt wahrgenommen wird – und das ist wichtig, da der Nutzer je nach Fragestellung auf duden.de nicht die spezifischen Informationen findet, die er sucht. So wünschen sich viele Nutzer genauere Angaben zu den jeweiligen Verwendungskontexten von Varianten. Zu diesem Ergebnis kommt beispielsweise eine Nutzerstudie, über die Hennig (vgl. 2017: 41 f.) berichtet. Im Kontext dieser Studie wurden 250 Personen dazu befragt, wie hilfreich sie die im Zweifelsfälle-Duden angegebenen Markierungen zu den jeweiligen Verwendungskontexten fanden und welche Angaben ihnen besonders nützlich erschienen. Selbstverständlich ist die Untersuchung nicht repräsentativ; je nach Situation kann es auch sein, dass die Zusatzinformationen tatsächlich nicht benötigt werden. Sie müssen aber vorhanden und bei Interesse nachlesbar sein. Doch nur wenn den Sprachbenutzern überhaupt bewusst ist, dass es verschiedene diatopische Varietäten des Standarddeutschen gibt, werden sie sich dafür interessieren, in welcher Region diese oder jene Variante gebräuchlich ist. Es genügt also nicht, dass in wissenschaftlichen Arbeiten, bei Fachtagungen und in universitären Lehrveranstaltungen von der Pluriarealität des Standarddeutschen die Rede ist; das Thema muss immer wieder auch in die Öffentlichkeit getragen werden.

Literaturverzeichnis

Duden (2017): Der Duden in 12 Bänden. Bd. 1: Die deutsche Rechtschreibung. Das umfassende Standardwerk auf der Grundlage der aktuellen amtlichen Regeln. Berlin u. a.: Dudenverlag.

Duden (2016): Der Duden in 12 Bänden. Bd. 9: Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle. Richtiges und gutes Deutsch. Berlin: Dudenverlag.

Dürscheid, Christa/Hefti, Inga (2006): Syntaktische Merkmale des Schweizer Standarddeutsch. Theoretische und empirische Aspekte. In: Dürscheid, Christa/Businger, Martin (Hg.): Schweizer Standarddeutsch. Beiträge zur Varietätenlinguistik. Tübingen: Narr, 131–161.←102 | 103→

Dürscheid, Christa/Elspaß, Stephan/Ziegler, Arne (2015): Variantengrammatik des Standarddeutschen. Konzeption, methodische Fragen, Fallanalysen. In: Lenz, Alexandra N./Glauninger, Manfred M. (Hg.): Standarddeutsch im 21. Jahrhundert – Theoretische und empirische Ansätze mit einem Fokus auf Österreich. Göttingen: V&R unipress, 207–235.

Elspaß, Stephan/Dürscheid, Christa (2017): Areale Variation in den Gebrauchsstandards des Deutschen. In: Konopka, Marek/Wöllstein, Angelika (Hg.): Grammatische Variation – empirische Zugänge und theoretische Modellierung. Berlin u. a.: de Gruyter, 85–104.

Engelberg, Stefan/Müller-Spitzer, Carolin/Schmidt, Thomas (2016): Vernetzungs- und Zugriffsstrukturen. In: Klosa, Annette/Müller-Spitzer, Carolin (Hg.): Internetlexikographie. Ein Kompendium. Berlin: de Gruyter, 153–196.

Hennig, Mathilde (2017): Grammatik und Variation im Spannungsfeld von Sprachwissenschaft und öffentlicher Sprachreflexion. In: Konopka, Marek/Wöllstein, Angelika (Hg.): Grammatische Variation – empirische Zugänge und theoretische Modellierung. Berlin u. a.: de Gruyter, 23–45.

Kleiner, Stefan (2011 ff.): Atlas zur Aussprache des deutschen Gebrauchsstandards (AADG). Unter Mitarbeit von Ralf Knöbl. URL: http://prowiki.ids-mannheim.de/bin/view/AADG/ [18.01.2019].

König, Werner (1989): Atlas zur Aussprache des Schriftdeutschen in der Bundesrepublik Deutschland. Ismaning: Max Hueber.

Niehaus, Konstantin (2015): Areale Variation in der Syntax des Standarddeutschen. Ergebnisse zum Sprachgebrauch und zur Frage Plurizentrik vs. Pluriarealität. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 82, 2, 134–168.

Niehaus, Konstantin (2016): Woran orientieren sich (Online-)Zeitungsredakteure bei grammatischen Zweifelsfällen? Ergebnisse einer Online-Umfrage. In: Sprachreport 32, 2, 22–27.

ÖWB (2012): Österreichisches Wörterbuch. Hrsg. im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur. Wien: ÖBV.

Scherr, Elisabeth (2019): Die Opazität epistemischer Modalverben im Deutschen. Funktion, Form und empirische Fassbarkeit. Berlin: de Gruyter.

Sutter, Patrizia (2017): Diatopische Variation im Wörterbuch. Theorie und Praxis. Berlin: de Gruyter.

VWB = Ammon, Ulrich/ Bickel, Hans/Ebner, Jakob (Hg.) (2004): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Berlin: de Gruyter.

VWB 2 = Ammon, Ulrich/Bickel, Hans/Lenz, Alexandra N. (Hg.) (2016): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz,←103 | 104→ Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien, Südtirol sowie in Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. Berlin: de Gruyter.

VG = Variantengrammatik des Standarddeutschen. Ein Online-Nachschlagewerk. Verfasst von einem Autorenteam unter der Leitung von Christa Dürscheid, Stephan Elspaß und Arne Ziegler. Online unter: http://mediawiki.ids-mannheim.de/VarGra [18.01.2019].←104 | 105→


1 Auf Forschungsarbeiten zur Standardaussprache sei denn auch nur in dieser Fußnote verwiesen: Zu nennen ist zum einen der „Atlas zur Aussprache des Schriftdeutschen“ (König 1989), der den Sprachgebrauch in der alten BRD dokumentiert, zum anderen der „Atlas zur Aussprache des deutschen Gebrauchsstandards (AADG)“. Gegenwärtig enthält der AADG 225 kommentierte Sprachkarten mit Tonbelegen (vgl. Kleiner 2011 ff.).

2 Man kann z. B. kritisch anmerken, dass nur die Mennonitensiedlungen in Mexiko berücksichtigt wurden, es aber weitaus mehr Siedlungsgebiete gibt, die von Mennoniten bewohnt sind. Daher ist im Titel der zweiten Auflage von „Mennonitensiedlungen“ im Plural und ohne bestimmten Artikel die Rede. Dass der bestimmte Artikel nicht gesetzt werden konnte, hängt eben damit zusammen, dass nur ein Ausschnitt aus diesem „Viertelzentrum“ als Datengrundlage diente.

3 https://de.wikipedia.org/wiki/Variantenwörterbuch_des_Deutschen [18.01.2019]

4 Dass diese Arbeiten möglich wurden, liegt auch an der großzügigen Unterstützung der Förderinstitutionen. Es sind dies die DFG (in der ersten Projektphase, DFG, EL500/3–1) sowie der FWF (I 2067–G23) und der SNF (100015L_156613) (in der ersten und zweiten Projektphase).

5 Dieser Artikel ist, wie alle anderen Grundlagenartikel auch, einsehbar auf: http://mediawiki.ids-mannheim.de/VarGra [18.01.2019].

6 Für eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Begriff österreichisches Deutsch siehe Sutter (2017: 164 f.).

7 Spätestens hier drängt sich der Eindruck auf, dass der Rechtschreib-Duden nicht das gemeindeutsche Standarddeutsch zur Leitvarietät hat, sondern das deutschländische.