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Dimensions of Linguistic Space: Variation – Multilingualism – Conceptualisations Dimensionen des sprachlichen Raums: Variation – Mehrsprachigkeit – Konzeptualisierung

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Edited By Lars Bülow, Ann Kathrin Fischer and Kristina Herbert

This volume focuses on the use and structure of the German language in Austria. In addition, the aim of the book is to compare the linguistic conditions in Austria with those in other German speaking countries. The 20 articles present current findings from the research fields of variation, contact and perception.

Der Band widmet sich schwerpunktmäßig der Verwendung und Struktur der deutschen Sprache in Österreich. Ziel des Sammelbandes ist es außerdem, die sprachlichen Verhältnisse in Österreich mit denjenigen in anderen deutschsprachigen Ländern zu vergleichen. In 20 Beiträgen werden daher aktuelle Forschungsergebnisse aus den Forschungsbereichen Variation, Kontakt und Perzeption vorgestellt.

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Grammatische Variation im deutschen und schweizerischen Standarddeutsch des 20. Jahrhunderts (Matthias Fingerhuth)

Matthias Fingerhuth

Grammatische Variation im deutschen und schweizerischen Standarddeutsch des 20. Jahrhunderts

Abstract: This paper contrasts the use of grammatical variants in Standard German in Germany and Switzerland during the 20th century using corpus data. It investigates the development of the use of linking elements in compound nouns and the use of verbs as particle or prefix verb. Although the findings have to remain preliminary, the data indicates considerable variation between the phenomena, but the Swiss data appears to show an overall tendency towards greater tolerance for variation and illustrates the existence of grammatical variation in Standard German at the beginning of the 20th century. Further, the comparison with other recent studies highlights empirical and theoretical hurdles for research into the pluricentricity of German.

1 Einleitung

Wenn man einen stichprobenhaften Blick in umfassende (vgl. von Polenz 1999b: 412–453) oder auch kompaktere (vgl. Besch/Wolf 2009: 244–248) Werke zur Geschichte der deutschen Sprache als repräsentativ werten kann, so lässt sich die Auffassung des Deutschen als plurizentrische Sprache als durchaus etabliert verstehen. Der Dokumentationsgrad der Variation in der Gegenwartssprache steigt nicht zuletzt durch Großprojekte wie das Variantenwörterbuch (vgl. Ammon/Bickel/Lenz 2016) und die Variantengrammatik (vgl. Dürscheid/Elspaß 2015) stetig. Vor diesem Hintergrund kann es erstaunen, dass über die historische Entwicklung dieser regionalen Variation bislang wenig bekannt ist. Dieser Beitrag möchte zur Schließung dieser Forschungslücke beitragen, indem er auf Grundlage schriftsprachlicher Korpora anhand zweier Phänomene exemplarisch den Gebrauch unterschiedlicher grammatischer Varianten in Deutschland und der Schweiz über den Verlauf des 20. Jahrhunderts kontrastiert. Zum einen ist dies die Verwendung von Fugenelementen innerhalb einiger Nominalkomposita, wie etwa den Varianten Zeigefinger und Zeigfinger. Ergänzt werden diese Daten durch einen Blick auf die unterschiedliche Verwendung von Verben als Präfix- oder Partikelverben, wie sie etwa bei widerspiegeln auftritt. Für sämtliche untersuchten Varianten sind in der Literatur für die Schweiz charakteristische Gebrauchsweisen beschrieben, worauf die Untersuchung aufbaut. Der Beitrag beschränkt sich dabei im Wesentlichen darauf, eine Datengrundlage für die Beurteilung der Entwick←105 | 106→lung zu liefern. Erklärungen für die Beobachtungen werden nur als Ausblick in Ansätzen versucht. Diese beschränkten Daten geben freilich keine Antwort auf die im Raum stehende Frage nach Mono- oder Plurizentrizität des Deutschen um 1900, sie können jedoch zumindest einen Beitrag dazu leisten, sich dem Gegenstand empirisch zu nähern, indem sie mögliche Entwicklungsverläufe skizzieren. Der Vergleich mit anderen Ergebnissen jüngerer Forschung weist dabei auf Fragen für weitere Forschung hin, die hier zwar nicht gelöst, jedoch zumindest aufgezeigt werden sollen.

Der folgende Abschnitt 2 gibt einen Überblick über die bisherige Forschung, zum einen zur Frage der historischen Entwicklung der Plurizentrizität, zum anderen zur Spezifik des Schweizer Standarddeutschen, das Ausgangspunkt der Untersuchung ist. Darauf folgt in Abschnitt 3 eine kurze Beschreibung der verwendeten Korpora. In Abschnitt 4 wird dann die unterschiedliche Verwendung einiger Fugenelemente und Verben innerhalb dieser Korpora diskutiert. Den Abschluss bilden eine kurze Zusammenfassung und ein Ausblick auf weitere Forschung (Abschnitt 5), in deren Kontext auch theoretische und praktische Aspekte der Erforschung der Plurizentrizität des Deutschen problematisiert werden.

2 Forschungsüberblick

Die Forschung zur Plurizentrizität des Deutschen hat ihre Aufmerksamkeit bislang überwiegend der Gegenwartssprache gewidmet. Dies ist etwa der Fall in den beiden Großprojekten zu diesem Thema, dem Variantenwörterbuch (vgl. Ammon/Bickel/Lenz 2016) wie auch der Variantengrammatik (vgl. Dürscheid/Elspaß/Ziegler 2015). Die Frage nach der historischen Entwicklung ist in der Literatur zwar bereits im Kontext der Etablierung der plurizentrischen Sicht auf die deutsche Sprache andiskutiert worden, wurde jedoch widersprüchlich und ohne direkten Bezug auf Daten beantwortet. Penzl (1986: 168) etwa schreibt, dass die deutsche Schriftsprache, vom Wortschatz abgesehen, nach 1950 zum ersten Mal in 200 Jahren Tendenzen zur Divergenz zeigt. Diese Einschätzung ist weitgehend kompatibel mit der durch von Polenz (1989: 15) vorgebrachten, der die Etablierung der modernen Standardsprache mit monozentrischer Tendenz zwischen 1870 und 1950 verortet, woran sich nach 1950 eine „polyzentrische“ [sic!] Entwicklung anschließt. Sowohl Penzl als auch von Polenz stehen damit jedoch im Widerspruch zu Mattheier (vgl. 2000), der den Beginn des Auseinanderdriftens von deutschem und österreichischem Standard bereits um 1870 verortet. Niehaus (2014: 302–303) weist auf diese Widersprüche hin und bemerkt, dass das alternative Szenario, dass es eine monozentrische Phase nie gegeben hat, nicht behandelt wird.←106 | 107→

Weit kontroverser als der zeitliche Verlauf der Entwicklung wurde die Angemessenheit des plurizentrischen Modells an sich diskutiert. Während es auf der einen Seite unterstützt wird (vgl. von Polenz 1999a), wurde es von anderen wie etwa Reiffenstein (vgl. 2001: 85) als historisch inadäquat angegriffen. Diese Kritik betont vor allem die Bedeutung arealer bzw. regionaler Faktoren gegenüber nationalen in der Beeinflussung der Standardsprache und verweist auf die in historischer Perspektive verhältnismäßig junge Existenz der Nationalstaaten in ihrer heutigen Form sowie den Einfluss eben jener Strukturen, die diesen Staaten vorausgingen. Niehaus (vgl. 2014: 302) und Elspaß/Niehaus (vgl. 2014: 51) attestieren diesen Debatten einen Mangel an empirischer Grundlage und versuchen, dieses Desiderat aufzulösen.

Niehaus (vgl. 2014) bearbeitet die Frage der historischen Entwicklung am Gegenstand der Serialisierung von Verbalkomplexen in Nebensätzen. Er stellt fest, dass die Zwischenstellung des Finitums im gegenwärtigen Standarddeutschen, repräsentiert durch Texte aus Regionalzeitungen, vor allem in Österreich, aber auch im südöstlichen Raum Deutschlands überproportional häufig verwendet wird. In einem Vergleichskorpus mit schriftsprachlichen Texten aus dem 19. Jahrhundert ist diese Form dagegen nicht zu finden. Niehaus kontrastiert diese Funde mit Daten des alltagssprachlichen gesprochenen Gegenwartsdeutschen und findet, dass sich diese Konzentration mit den Beobachtungen aus dem kontemporären Zeitungskorpus deckt. Die Betrachtung eines Korpus von Auswandererbriefen (vgl. Elspaß 2005: 55–72), die als konzeptionell sprechsprachliche Referenz für das 19. Jahrhundert herangezogen wird, deutet darauf hin, dass sie auch zu dieser Zeit im Südosten des deutschen Sprachraumes vermehrt verwendet wurde. Niehaus (vgl. 2014: 309) wertet das Fehlen dieser im schriftsprachlichen Standarddeutsch der Gegenwart regional teils dominanten Form während des 19. Jahrhunderts als einen Hinweis auf eine mögliche tatsächliche Monozentrizität zu dieser Zeit, wie durch von Polenz (vgl. 1989: 15) vorgeschlagen.

Dieses Ergebnis ist weitgehend im Einklang mit weiteren Befunden von Elspaß/Niehaus (vgl. 2014), die auf Grundlage der gleichen Korpora neben der diskutierten Serialisierung von Verbalkomplexen auch die Verwendung von Pronominaladverbien als einfache, gespaltene oder als Formen mit Distanzverdopplung untersuchen. Obwohl die meisten Grammatiken des Standarddeutschen nur die einfache Form anerkennen, können Elspaß/Niehaus (vgl. 2014) mit Hilfe ihres Korpus (vgl. Variantengrammatik) nachweisen, dass beide diskontinuierlichen Formen in Zeitungstexten auftreten, wobei die Distanzverdopplung im Süden, die Spaltungskonstruktion im Norden und Westen des deutschsprachigen Raumes präferiert erscheinen. Ihre Untersuchung des standardsprachlichen Gebrauchs←107 | 108→ in einem regional ausgewogenen Zeitungskorpus des 19. Jahrhunderts weist dagegen diese Formen nicht auf (vgl. Elspaß/Niehaus 2014: 57–60). Einzig bei der Untersuchung des Gebrauchs der lexikalischen Varianten Samstag und Sonnabend stellen sie eine regionale Kontinuität sowohl im standardsprachlichen als auch im nicht-standardsprachlichen Gebrauch fest (vgl. Elspaß/Niehaus 2014: 60–61). Insgesamt interpretieren sie diese Ergebnisse als Unterstützung für die These des Einflusses von Regionalität im Sinne der Pluriarealität gegenüber einem eng gefassten plurizentrischen Ansatz, der den Einfluss von Nationalstaaten betont. Für das 19. Jahrhundert untermauern die Daten dagegen die Annahme der Monozentrizität, wobei Elspaß/Niehaus (vgl. 2014) die geringe Größe des zugrundeliegenden Korpus als eine mögliche Ursache für das fehlende Auftreten von Variation explizit nicht ausschließen. Als potentiellen Faktor für diese Entwicklung verweisen sie auf eine Kolloquialisierung des Zeitungsstils in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Um auf die Entwicklung des Variantengebrauchs einzugehen, bedient sich diese Untersuchung der existierenden Literatur zum Schweizer Standarddeutsch. Die bisherige Forschung hat sich diesem in verschiedenen Aspekten gewidmet und Charakteristika herausgearbeitet. Neben dem gesprochenen Standard (vgl. u. a. Hove 2002) gibt es eine Anzahl von Einzelarbeiten zur Lexik mit mehr oder minder engem Fokus (vgl. z. B. Kaiser 1969; verschiedene Beiträge in Dürscheid/Businger 2006), und eine Reihe von Wörterbüchern, die sich als Ergänzungen zu in Deutschland veröffentlichten Wörterbüchern verstehen (vgl. u. a. Bickel/Landolt 2012; Meyer 2006). Grammatische Variation hat im Gegensatz dazu bislang insgesamt weniger Aufmerksamkeit erhalten. Zwar ist sie in Teilen dokumentiert (vgl. Kaiser 1970; Zibrowa 1995; Meyer 2006; Bickel/Landolt 2012), jedoch lassen diese Arbeiten die Frage offen, auf welcher Datengrundlage die Beobachtungen fußen oder ob sie repräsentativ sind. Korpuslinguistische Untersuchungen wie die von Dürscheid/Hefti (vgl. 2006) stellen die Ausnahme dar. Sie bestätigen jedoch die Existenz von grammatischen Phänomenen, die, wenn sie auch nicht strikt auf die Schweiz beschränkt sind, dort doch deutlich häufiger aufzutreten scheinen als in Deutschland. Beispielhaft dafür ist etwa die Verwendung von bereits im Vorfeld von Aussagesätzen wie: „Bereits hat sich unter dem Präsidium von Ernst Bucher ein Organisationskomitee gebildet“ (Dürscheid/Hefti 2006: 143). Aus den in dieser Literatur beschriebenen Phänomenen werden hier exemplarisch die beiden eingangs genannten eingehender untersucht. Im Falle des Variantengebrauchs von Präfix- und Partikelverben kann dabei ein Vergleich mit jüngster Forschung (Dürscheid/Sutter 2014; Niehaus 2015) angestellt werden. Unterschiede in der Zusammenstellung der verwendeten Korpora, die für den Vergleich der Ergeb←108 | 109→nisse bedeutsam sind, werden im folgenden Abschnitt herausgestellt und in der anschließenden Auswertung (Abschnitt 4) diskutiert.

3 Korpora

Als Datengrundlage für die vorliegende Untersuchung dienen das Korpus des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWDS)1 und das Schweizer Textkorpus (CHTK), die im Korpus C4 (http://korpus-c4.org/) vereint sind. Beide Korpora bestehen aus jeweils rund 20 Millionen Wörtern unterschiedlicher Textformen: Gebrauchstexte, wissenschaftliche bzw. Sachtexte, Belletristik sowie journalistische Prosa, wie in Tabellen 1 und 2 dargestellt.2 Obwohl beide Korpora mit dem Ziel der Vergleichbarkeit konzipiert und erstellt wurden, ergeben sich Unterschiede. Vorrangig liegen diese in der Anzahl der verwendeten Texte, die im Schweizer Korpus insgesamt deutlich höher ist. Ferner gibt es auch gewisse Unterschiede in der Anzahl der Worte, die in den einzelne Textsorten in den jeweiligen Abschnitten zur Wortanzahl beigetragen haben.

Tabelle 1: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS)

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Tabelle 2: Schweizer Textkorpus (CHTK)

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In der folgenden Auswertung steht nicht die absolute Häufigkeit der Tokens innerhalb der beiden Korpora im Zentrum des Interesses, sondern die relative Häufigkeit der Varianten innerhalb des jeweiligen Teilkorpus im Verhältnis zueinander. Deshalb wird im Folgenden nicht die absolute Zahl der Tokens angegeben, sondern die Zahl der Texte, die eine entsprechende Variante enthalten. Dies reduziert die Möglichkeit, dass einzelne Texte, in denen die eine oder andere Variante überrepräsentiert ist, im Ergebnis ein unverhältnismäßiges Gewicht erhalten. Aufgrund der geringeren Zahl von Texten im DWDS-Korpus führt dies zu potentiell geringeren Belegzahlen. Dies ist jedoch nicht problematisch, da nicht ein direkter Vergleich der Frequenzen zwischen den Korpora Ziel der Untersuchung ist, sondern der Fokus auf der Variation liegt, die sich innerhalb der einzelnen Korpora zeigt. Zeitlich übernimmt die Untersuchung die auch in der Dokumentation zum Korpus C4 vorgefundene Einteilung des 20. Jahrhunderts in Intervalle von 25 Jahren.3 Während sich auch andere Zeiteinheiten vertreten ließen, erscheint sie für die gegenwärtige Arbeit sinnvoll, da sie die Möglichkeit einer Beobachtung schrittweisen Wandels liefert, gleichzeitig aber eine gewisse Ballung von Belegen in den einzelnen Abschnitten erlaubt.

Wie oben bereits andiskutiert wurde, deckt sich die Annahme homogener nationaler Varianten nicht ohne weiteres mit den Ergebnissen aktueller Forschung. Gerade, aber nicht nur, für das flächenmäßig größere Deutschland kann in vielen Fällen von regionaler Variation ausgegangen werden. Das DWDS-Korpus ist jedoch in dieser Hinsicht nicht bewusst auf Repräsentativität hin zusammengestellt worden. Wenn in der Diskussion der Befunde innerhalb eines Teilkorpus also ←110 | 111→beide Varianten auftreten, so ist es grundsätzlich stets möglich, dass dies auf regionale Variation innerhalb von Deutschland bzw. der Schweiz zurückzuführen ist. Dieser Möglichkeit wird hier jedoch nur für Deutschland nachgegangen, indem die Befunde mit den Ergebnissen von Niehaus (2015) verglichen werden, der nach arealer Variation im Gebrauch von Präfix- und Partikelverben im Gegenwartsdeutschen fragt. Die ähnlich dieser Arbeit auf nationale Varianten hin ausgerichtete Arbeit von Dürscheid/Sutter (vgl. 2014) gibt einen weiteren Vergleichspunkt für die hier vorgestellten Daten.4 Ein Vergleich ist natürlich nur für das Ende des 20. Jahrhunderts und unter Vorbehalten zulässig (vgl. dazu Abschnitt 4.2).

4 Daten und Auswertung

Die nachfolgend vorgestellten Daten wurden mit Abfragen durch die in die Webseite des Korpus C4 integrierte Suchmaske gewonnen. Dabei wurden im Fall der Fugenelemente von der hier gelisteten Form abweichende Kasus- und Pluralformen einbezogen. Bei den untersuchten Verben beziehen die Ergebnisse unterschiedliche Personalendungen und für anerkennen auch den Ablaut des Präteritums mit ein. Sämtliche Belege wurden vom Autor überprüft, was insbesondere für die untersuchten Verben von Bedeutung ist, da sich deren Trennbarkeit in Nebensätzen oder infiniten Formen nicht beurteilen lässt, weil hier gegebenenfalls die Bewegung des Partikels in die rechte Satzklammer ausbleibt. Entsprechende Fälle sind aus den Ergebnissen ausgeschlossen, die angegebenen Zahlen geben damit True Positives wieder.

4.1 Fugenelemente

In der Literatur (vgl. Meyer 2006: 48 f.; Bickel/Landolt 2012: 91 f.) findet sich eine Vielzahl von Komposita, für die ein für die Schweiz spezifischer Gebrauch von Fugenelementen beschrieben wird. Die exemplarischen Beispiele in (1) stammen aus den verwendeten Korpora, wobei Badzimmer im Gebrauch als für die Schweiz charakteristisch beschrieben ist, dem Badezimmer gegenübersteht.

(1) a. Soll ich das Badzimmer abriegeln? (CHTK)

b. Große Badezimmer sollte man besser ausnutzen. (DWDS)←111 | 112→

Von den zahlreichen in der zitierten Literatur beschriebenen Fällen wurden in einer Vorstudie 24 stichprobenhaft untersucht.5 In acht Fällen ließen sich die Varianten nur sehr selten im Korpus nachweisen, so dass mehrere Sektionen der Korpora ohne einen Beleg für auch nur eine der beiden Varianten blieben.

Damit verbleiben 16 Fälle, in denen für eine Interpretation ausreichende Daten vorliegen. Der Umfang dieses Beitrags erlaubt es nicht, sämtliche untersuchten Komposita zu diskutieren. Da sich aufgrund der stichprobenhaften Auswahl und deren verhältnismäßig geringer Zahl aus den untersuchten Fällen aber ohnehin keine Verallgemeinerungen auf generelle Entwicklungstendenzen ableiten lassen, wird stattdessen die Breite der beobachtbaren Verläufe in den Fokus gestellt. Grundlage dafür sind sechs Komposita (Gesetzentwurf/Gesetzesentwurf, Jahreszahl/Jahrzahl, Pressefreiheit/Pressfreiheit, Uhrenmacher/Uhrmacher, Wartezeit/Wartzeit, Zeigefinger/Zeigfinger), deren Vorkommen in den Korpora unterschiedliche Entwicklungsmuster suggeriert.

4.1.1 Abwesenheit der beschriebenen Schweizer Variante

Im Fall von Wartzeit lässt sich diese als Schweizer Variante beschriebene Form in keinem der beiden Korpora nachweisen. Jedoch erscheint das als in Deutschland gebräuchlich beschriebene Äquivalent Wartezeit im DWDS in 60 Texten, im CHTK in 57 Texten über den gesamten beobachteten Zeitraum verteilt. Zwar können diese Daten eine begrenzte Verwendung der Variante Wartzeit nicht ausschließen, jedoch lassen sie eine verbreitetere Verwendung dieser wenig wahrscheinlich erscheinen. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die bei anderen Variantenpaaren gefundene Variation, die bei den im Folgenden diskutierten Komposita auftritt.

Tabelle 3: Wartzeit und Wartezeit im CHTK und DWDS-Korpus

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4.1.2 Beständigkeit der nationalen Varianten

Die Daten zu Gesetzentwurf und Gesetzesentwurf zeigen ein anderes Bild. Die in der Literatur beschriebene Verwendung von Gesetzesentwurf in der Schweiz gegenüber Gesetzentwurf in Deutschland spiegelt sich in den Korpora weitgehend wider. Im CHTK zeigt sich dabei ein konstantes, wenn auch geringes Auftreten der Variante Gesetzentwurf durch sämtliche Korpusabschnitte hindurch, wobei sich eine abnehmende Tendenz abzeichnet. Macht die Variante Gesetzesentwurf fünf (29 %) der insgesamt 17 Belege zwischen 1900 und 1924 aus, so sind es zwei (22 %) von neun zwischen 1925 und 1949, einer (8 %) von zwölf zwischen 1950 und 1974, und drei (16 %) von 19 zwischen 1975 und 1999. Im DWDS ist dagegen die im CHTK dominante Variante Gesetzesentwurf während der ersten beiden Zeitabschnitte nicht belegt. Sie erscheint jedoch zwischen 1950 und 1974 in fünf (12 %) der 42 sowie in drei (13 %) der 23 Fälle zwischen 1975 und 1999. Trotz der Verwendung beider Varianten in beiden Korpora scheint damit die in der Literatur beschriebene Verteilung zumindest grundsätzlich bereits am Beginn des 20. Jahrhunderts angelegt.

Tabelle 4: Gesetzentwurf und Gesetzesentwurf

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4.1.3 Parallele Entwicklung des Variantengebrauchs

Abermals distinkt ist das Muster der Verwendung von Pressfreiheit und Pressefreiheit. Beide Korpora zeigen eine vergleichbare Entwicklung. Im ersten Zeitabschnitt erscheint Pressfreiheit im CHTK als einzige Variante mit sieben Belegen, im DWDS in drei (75 %) von vier Fällen, wogegen Pressefreiheit hier nur in einem Text belegt ist. Dies verändert sich in den folgenden Zeitabschnitten. Bereits im Segment zwischen 1925 und 1949 ist Pressefreiheit in beiden Korpora die häufigere Variante, mit vier (80 %) gegenüber einem einzigen Beleg im DWDS und acht (73 %) gegenüber drei Belegen im CHTK. Zwischen 1950 und 1974 erscheint lediglich ein einziger Beleg von Pressfreiheit, welcher im CHTK auftritt. Dem entgegenstehen 14 (93 %) Belege von Pressefreiheit im CHTK und elf Belege im DWDS. Im letzten Segment des Korpus erscheint Pressfreiheit nur in einem Fall im DWDS. Da sich dieser je←113 | 114→doch in einem Text befindet, der sich mit der Geschichte des Druckwesens befasst, eignet sich dieser nicht als Beleg für eine Fortführung dieser Schreibvariante. Somit erscheint Pressefreiheit als einzige am Ende des 20. Jahrhunderts verwendete Variante. Die Daten deuten darauf hin, dass sich der Gebrauch gegenüber dem Anfang des Jahrhunderts in beiden Staaten parallel gewandelt hat.

Tabelle 5: Pressefreiheit und Pressfreiheit

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4.1.4 Einseitige Angleichung des Variantengebrauchs

Ein weiterer möglicher Verlauf wird durch den Gebrauch der Varianten Uhrmacher und Uhrenmacher aufgezeigt. Das CHTK zeigt beide Varianten, im DWDS erscheint dagegen lediglich die Variante Uhrmacher. Im CHTK zeichnet sich dabei ein Wandel der anfänglich dominanten Form Uhrenmacher hin zur im DWDS nachgewiesenen Form Uhrmacher. Während Uhrenmacher im ersten Segment des CHTK noch mit acht (62 %) von 13 Fällen als die häufigere Variante erscheint, ist dies bereits in der Phase zwischen 1925 und 1949 umgekehrt, wo nur fünf (31 %) der 16 Belege die Variante Uhrmacher verwendet. Dieser Trend scheint zwischen 1950 und 1974 noch verstärkt, wenn nur noch zwei (18 %) von elf Belegen die Variante Uhrenmacher zeigen. Im letzten Segment des Korpus ist schließlich kein Nachweis dieser Variante mehr vorhanden, wogegen in fünf Fällen Uhrmacher vorkommt. Zwar kann aufgrund der relativ geringen Belegzahl nicht von einer gänzlichen Abwesenheit der Variante Uhrenmacher im Schweizer Gebrauch ausgegangen werden, die Daten deuten jedoch auf die kontinuierliche Verdrängung einer einstmals gebräuchlichen Form hin.

Tabelle 6: Uhrmacher und Uhrenmacher

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4.1.5 Schweizer Variante als diachron kontinuierliche Nebenvariante

Abermals anders zeigt sich der Gebrauch der Varianten Zeigefinger und Zeigfinger. Im DWDS ist die Schweizer Variante Zeigfinger erneut nicht nachgewiesen. Im CHTK dagegen zeigt sie eine kontinuierliche Präsenz, die jedoch neben der deutlich zahlreicheren Variante Zeigefinger als untergeordnet auftritt. Dies ist bereits im ersten Abschnitt des Korpus der Fall, in dem vier (17 %) der 23 Texte mit Zeigfinger 19 (83 %) Texten mit Zeigefinger gegenüberstehen. Ähnliche Daten erscheinen zwischen 1925 und 1949, wo nur in drei (12 %) der 26 Fälle Zeigfinger erscheint. Mit acht (24 %) von 34 Fällen steigt zwar die relative Häufigkeit von Zeigfinger zwischen 1950 und 1974, jedoch bleibt sie weiterhin die deutlich seltenere Variante. Angesichts des wieder schrumpfenden Anteils zwischen 1975 und 1999, wo nur drei (7 %) von insgesamt 43 Belegen dieser Variante sind, erscheint die Spitze zwischen 1950 und 1974 ferner als ein Ausreißer und die Gesamttendenz der Verwendung von Zeigfinger als fallend. Die Daten vermitteln somit insgesamt das Bild, dass die Variante Zeigfinger in der Schweiz deutlich seltener, nichtsdestotrotz jedoch kontinuierlich bis ins letzte Viertel des 20. Jahrhunderts verwendet wurde.

Tabelle 7: Zeigefinger und Zeigfinger

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4.1.6 Andauernder Parallelgebrauch von Varianten im CHTK

Ein letztes Entwicklungsmuster zeigt der Blick auf die Verwendung der Varianten Jahreszahl und Jahrzahl. Wieder erscheint das DWDS als auf eine Variante, nämlich Jahreszahl, beschränkt. Im CHTK sind beide Varianten in allen vier Korpusabschnitten belegt. Anders jedoch als im vorangegangenen Fall der Varianten Zeigfinger und Zeigefinger treten beide Varianten diachron deutlich gleichmäßiger auf. Im ersten Korpussegment steht in zwölf (55 %) von 22 Fällen die Variante Jahrzahl, des Weiteren in 17 (71 %) von 24 Fällen zwischen 1925 und 1949, in 13 (52 %) von 25 Fällen zwischen 1950 und 1974, und in sieben (41 %) von 17 Fällen zwischen 1975 und 1999. Zwar ist Jahreszahl in den meisten Zeitabschnitten die häufigere Variante, jedoch in deutlich geringerem Umfang als im Fall von←115 | 116→ Zeigfinger und Zeigefinger. Insgesamt vermitteln die CHTK-Daten das Bild einer weitgehend ausgeglichenen Verwendung beider Varianten über den gesamten Verlauf des 20. Jahrhunderts.

Tabelle 8: Jahreszahl und Jahrzahl

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4.1.7 Zusammenfassung

Zusammenfassend zeigen die Daten eine Breite möglicher Entwicklungsmuster. Im deutschen Korpus erscheint dabei eine Tendenz zur Fixierung auf nur eine Variante, während sich für das Schweizer Korpus eine Tendenz zur parallelen Verwendung von Varianten attestieren lässt. Da die Untersuchung von für die Schweiz festgestellten Varianten ausgeht, sollte diese Beobachtung aber nur als vorläufig gelten, da diese parallele Verwendung in den untersuchten Einzellexemen angelegt bzw. auf den Bereich der Fugenelemente beschränkt sein könnte. Jedoch lässt sich auf Grundlage dieser Beobachtung fragen, ob sich dieses Muster bei anderen grammatischen Phänomenen bestätigt. Um zumindest einen kleinen Ausblick auf das Ausmaß dieser Variation zu bieten, soll im Folgenden am Beispiel der Verwendung von Verben als Partikel- oder Präfixverben ein weiteres Phänomen zumindest im Ansatz untersucht werden.

4.2 Partikel-/Präfixverben

Wie bereits erwähnt, sind regionale Unterschiede in der Verwendung von Verben als Präfix- oder Partikelverben bereits von Dürscheid/Sutter (vgl. 2014) und Niehaus (vgl. 2015) untersucht worden. Die folgenden Beispiele illustrieren den Gebrauch von widerhallen als (2a) Präfix- und (2b) Partikelverb, wobei das erste Beispiel abermals die für die Schweiz als gebräuchlich beschriebene Variante zeigt.

(2) a. In allen Tonarten widerhallte es von dem felsigen Hügel her. (CHTK)

b. Ihr Stöhnen und Ächzen hallte im Raum wider. (DWDS)←116 | 117→

Das Phänomen wird anhand der Verben anerkennen, anvertrauen und widerspiegeln untersucht.6 Über die grundsätzliche Beschreibung in der Literatur wurde das Phänomen von Dürscheid/Sutter (vgl. 2014) für widerspiegeln und Niehaus (vgl. 2015) für den Fall von widerspiegeln und anerkennen auf Basis eines Zeitungskorpus des Gegenwartsdeutschen eingehender untersucht. Die Daten aus diesen Arbeiten werden im Folgenden zum Vergleich herangezogen.

4.2.1 widerspiegeln

Dürscheid/Sutter (vgl. 2014) finden, dass der Gebrauch von widerspiegeln als Präfixverb für die Schweiz tatsächlich charakteristisch ist, dass dieser jedoch keineswegs auf die Schweiz beschränkt ist. Während in ihrer Arbeit widerspiegeln im Schweizer Korpus in 88 (99 %) von 89 Fällen als Präfixverb auftritt, so erscheint es nur in einem (1 %) Fall als Partikelverb. Das deutsche Korpus zeigt dagegen mehr Variation. Hier tritt in 48 (24 %) von 198 Fällen die Variante als Partikelverb, in 150 (76 %) Fällen als Präfixverb auf. Da die Ergebnisse hier nicht weiter regional aufgeschlüsselt werden, bleibt offen, ob die Variation in Deutschland auf regionale Unterschiede zurückzuführen ist. In dieser Hinsicht sind jedoch die von Niehaus (vgl. 2015) vorgelegten Daten aufschlussreich. Er stellt fest, dass zwar die Variante des Präfixverbs in der Schweiz fast ausschließlich (95 %) verwendet wird, dass diese Verwendung jedoch auch in Gebieten im mittleren (17 %) und nördlichen (18 %) Osten Deutschlands wenn nicht häufig, so doch zumindest merklich zu beobachten ist. In den übrigen Gebieten Deutschlands ist das Partikelverb die ausschließliche oder fast ausschließliche Variante. Auf ganz Deutschland bezogen liegt die Häufigkeit des Partikelverbs in den Daten von Niehaus (vgl. 2015) jedoch deutlich unter denen von Dürscheid/Sutter (vgl. 2014). Diese Zahlen bieten einen Vergleich für die Ergebnisse aus den für diese Arbeit verwendeten Korpora des 20. Jahrhunderts.

Im CHTK zeigt sich in den ersten beiden Korpusabschnitten in nur jeweils einem Fall die Verwendung als Präfixverb. Die Variante als Partikelverb erscheint dagegen mit elf (92 %) von zwölf bzw. 19 (95 %) von 20 Belegen in dieser Zeit als deutlich bevorzugt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheint sich die Verwendung jedoch zu wandeln. Zwischen 1950 und 1974 stehen 24 (73 %) Fällen als Partikelverb immerhin neun (27 %) Belege als Präfixverb gegenüber. Zwischen 1975 und 1999 ist das Präfixverb mit 28 (60 %) gegenüber 14 (40 %) Belegen sogar die häufigere Form. Bezogen auf die von Dürscheid/Sutter (vgl. 2014) und Niehaus (vgl. 2015) vorgestellten Daten erscheint dies grundsätzlich plausibel als die Fortsetzung eines bereits existierenden Trends hin zur Verwendung als Präfix←117 | 118→verb. Der beachtliche Unterschied ihrer Daten zum hier in der letzten Periode des Korpus festgestellten Verhältnis – eine Steigerung der Präfixvariante von 60 % auf 95 % wie bei Niehaus oder 99 % wie von Dürscheid/Sutter festgestellt – ist zwar auffällig, muss die Beobachtung jedoch nicht grundsätzlich in Frage stellen.

Im DWDS erscheint die Variante als Präfixverb dagegen nur in einem einzigen Fall (4 %) im Zeitabschnitt zwischen 1950 und 1975, dem 23 (96 %) Belege für die Partikelverbvariante gegenüberstehen. Zwischen 1900 und 1924 (10 Belege), zwischen 1925 und 1949 (15 Belege) sowie zwischen 1975 und 1999 (32 Belege) tritt das Partikelverb widerspiegeln in diesem Korpus sogar als alleinige Variante auf. Im Hinblick auf die existierende Forschung wirft dieser Befund Fragen auf. Nimmt man das von Niehaus (vgl. 2015) festgestellte Vorkommen im Osten Deutschlands um 20 % als Grundlage, wäre rein rechnerisch mit einem Vorkommen der Präfixverbvariante im letzten Abschnitt des Korpus zu rechnen gewesen. Die Abwesenheit lässt sich aber grundsätzlich erklären, wenn man annimmt, dass diese Region bei der Erstellung des Korpus C4 unterrepräsentiert ist. Weniger einfach zu erklären ist die Diskrepanz zu dem von Dürscheid/Sutter (vgl. 2014) beobachteten Vorkommen, das mit 24 % für Deutschland ohne regionale Differenzierung auch deutlich über der von Niehaus (vgl. 2015) festgestellten Verwendung liegt. Ein radikaler Wandel in der Gebrauchsweise innerhalb Deutschlands seit dem Jahr 2000 erscheint wenig plausibel. Unterschiede hinsichtlich des Einbezugs verschiedener Regionen in der Korpuszusammensetzung könnten abermals zumindest in Teilen als Erklärungsansatz dienen. Eine weitere Möglichkeit besteht in einem unterschiedlichen Umgang mit den Korpusbelegen. Ein Indiz dafür ist, dass in den von Dürscheid/Sutter (vgl. 2014: 61) exemplarisch vorgelegten Belegen eine Verwendung von widerspiegeln im Nebensatz erscheint,7 die in den hier vorgelegten Zahlen nicht berücksichtigt worden wäre. Für die von Niehaus (vgl. 2015) erhobenen Daten lässt sich letztere Erklärung jedoch nicht heranziehen.

Tabelle 9: widerspiegeln als Partikel- und Präfixverb

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4.2.2 anvertrauen

Anders verhält es sich im Falle von anvertrauen. Im DWDS ist die Variante als Präfixverb durchgehend abwesend, während das Partikelverb im Bereich von acht bis 16 Fällen pro Zeitabschnitt auftritt. Im CHTK dagegen treten abermals beide Formen auf, wobei das Partikelverb hier konstant häufiger erscheint. Das Verhältnis liegt bei sechs (75 %) zu zwei (25 %) Fällen am Beginn des Jahrhunderts, bleibt mit sieben (70 %) zu drei (30 %) Fällen in den beiden mittleren Abschnitten fast unverändert und liegt am Ende des Jahrhunderts bei neun (82 %) zu zwei (18 %) Belegen. Es erinnert damit an die bei den Fugenelementen im Fall von Zeigfinger beobachtete kontinuierliche Präsenz der als schweizerisch beschriebenen Variante als weniger verbreitete Nebenvariante.

Tabelle 10: anvertrauen als trennbares und untrennbares Verb

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4.2.3 anerkennen

Als letztes Beispiel dient der Fall von anerkennen. Im DWDS deuten die Daten auf einen wachsenden Anteil der Präfixverb-Variante hin. Sind zwischen 1900 und 1924 nur drei (5 %) von 62 Belegen in Form der Präfix-Variante, so sind es zwischen 1925 und 1949 schon sechs (16 %) von 37. Zwischen 1950 und 1974 erreicht der Anteil mit 15 (34 %) von 44 Belegen eine Spitze, bleibt aber auch zwischen 1975 und 1999 mit fünf (19 %) von 26 Belegen verglichen mit dem Beginn des Jahrhunderts relativ hoch. Im CHTK ist die Variante als Präfixverb dagegen dominant. Zwischen 1900 und 1924 erscheint sie in 35 (81 %) von 43 Fällen. In den folgenden Abschnitten wächst ihr Anteil demgegenüber noch weiter, und die Variante als Partikelverb erscheint nur noch in einem (2 %) gegenüber 42 (98 %) zwischen 1925 und 1949 bzw. einem (3 %) gegenüber 35 (97 %) Fällen zwischen 1950 und 1975 und zwischen 1975 und 1999 in zwei (4 %) gegenüber 46 (96 %) Fällen des Präfixverbs, womit sie als klare Ausnahme auftritt. Insgesamt scheint die in der Literatur beschriebene Variantenverteilung sich also in den Korpora für das gesamte 20. Jahrhundert weitgehend zu bestätigen. Obwohl in beiden Korpora←119 | 120→ beide Formen auftreten, erscheint das DWDS hier doch in der Mehrheit variabler als sein Schweizer Gegenpart.

Abermals bietet Niehaus (2015) Daten aus dem Gegenwartsdeutschen zum Vergleich. Er stellt fest, dass die Variante als Präfixverb in der Schweiz und Liechtenstein fast ausschließlich und im Westen Österreichs überwiegend verwendet wird, was sich mit den hier erhobenen Daten für die Schweiz deckt. Auf Deutschland bezogen ergänzt er des Weiteren, dass die Variante als Präfixverb mit 310 (31 %) von insgesamt 1003 Belegen im Korpus durchaus Verwendung findet, dass dies jedoch regional deutlich variiert. Während etwa im Südosten (15 %), Mittelwesten (15 %) und Nordosten (18 %) die Präfix-Variante deutlich seltener auftritt, erscheint sie im Südwesten (46 %), Mittelosten (45 %) und Nordwesten (42 %) etwa gleich häufig. Im Mittel liegt die von Niehaus ermittelte Verwendung in Deutschland damit über der vom hier verwendeten DWDS am Ende des 20. Jahrhunderts gezeichneten Anteil von 19 %. Während der Unterschied deutlich ist, lässt er sich womöglich abermals durch unterschiedlichen Einbezug verschiedener Regionen im hier verwendeten Korpus erklären. Alternativ lässt sich auch die Frage nach der Entwicklung in Deutschland seit dem Ende des 20. Jahrhunderts oder nach dem Einfluss der Textsorte stellen, da im DWDS neben regionalen Zeitungen wie beschrieben auch andere Textformen wie Belletristik und wissenschaftliche Texte Teil des Korpus sind.

Tabelle 11: anerkennen als Partikel- und Präfixverb

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4.2.4 Zusammenfassung

Während sich bei den betrachteten Verben im Fall der Verwendung von anvertrauen die Verwendung einer kontinuierlichen Nebenvariante in der Schweiz abzeichnet, die bereits im Fall von Zeigefinger/Zeigfinger bei den untersuchten Fugenelementen beobachtet worden ist, zeigten anerkennen und widerspiegeln neue Muster. Die für von anerkennen gewonnenen Daten zeichnen ein Muster, in dem im DWDS größere Variation auftritt als im CHTK. Widerspiegeln schließlich deutet auf eine abermals andere Verwendungsgeschichte: Während die präferierte←120 | 121→ Form im DWDS in hohem Maße konstant erscheint, zeichnet das CHTK einen deutlichen Wandel in der präferierten Form an, der hin zur Präfixverb-Variante verläuft, und sich damit von der im DWDS dominanten Variante fortentwickelt. Der Vergleich mit existierenden Arbeiten zur Verwendung dieser Varianten im Gegenwartsdeutschen erwies sich dabei in Teilen als problematisch. In der folgenden abschließenden Betrachtung wird dies aufgegriffen und mit methodischen Fragen zur synchronen und diachronen Erforschung der Plurizentrizität des Deutschen verknüpft.

5 Schlussbetrachtung

Die hier vorgelegten Daten zusammenfassend lässt sich die eingangs gestellte Frage nach der Entwicklung des Variantengebrauchs nicht mit einer einfachen Richtungsangabe (‚Variantenreduktion‘, ‚Variantennationalisierung‘ o. Ä.) beantworten. Vielmehr deuten die untersuchten Fugenelemente auf die Existenz verschiedener Muster der Entwicklung des Variantengebrauchs vor allem im Schweizer Korpus hin. Dabei zeichnet sich dort eine deutlichere Neigung dahingehend ab, zwei Varianten nebeneinander zu verwenden. Die kontrastierende Untersuchung zum Variantengebrauch bei Partikel- oder Präfixverben stellt diesen Befund zwar nicht grundsätzlich in Frage, verkompliziert ihn jedoch insofern, als sie, neben einer Bestätigung dieses Musters eines „Schweizer Nebeneinanders“ im Fall von anvertrauen, für anerkennen eine größere Variation für das deutsche Korpus andeuten. Im Fall von widerspiegeln schließlich suggerieren die Daten zusätzlich einen entschiedenen Wechsel in der Verwendung im Schweizer Korpus, bei der sich die Verwendung als Präfixverb von der Neben- zur Hauptvariante entwickelt – ein Muster, das bei den untersuchten Fugenelementen nicht auftritt. Der Befund einer Schweizer Neigung zur Variationstoleranz sollte jedoch nicht absolut gesetzt werden. Wie dargestellt wurde, könnte bereits in der Auswahl der untersuchten Varianten eine Neigung zu diesem Ergebnis angelegt sein. Sollte diese Tendenz aber zutreffen, so lässt sich über ihre Gründe an dieser Stelle nur spekulieren. Zumindest denkbar ist, dass die Diglossie in der deutschsprachigen Schweiz (vgl. etwa Petkova 2012) einen Beitrag dazu leistet, was jedoch in weiterer Arbeit noch zu ergründen wäre. Zunächst stellt sich jedoch auch die bedeutende Frage, ob sich in der schriftlichen Standardsprache Deutschlands ähnliche Variation finden lässt. Da diese Untersuchung von als für die Schweiz typisch beschriebenen Varianten ausgeht, wären vergleichbare Studien für die Entwicklung von ‚Deutschlandismen‘ und Austriazismen wünschenswert, um ein vollständigeres Bild zu erhalten.←121 | 122→

Darüber hinaus ist festzuhalten, dass die hier gewonnenen Einsichten für Deutschland nicht ohne Weiteres mit den zuvor von Dürscheid/Sutter (vgl. 2014) vorgelegten Ergebnissen kompatibel sind. Der Vergleich mit Niehaus (2015) erwies sich als weniger problematisch, obwohl er ebenfalls nicht widerspruchsfrei blieb. Da sich die Unterschiede zwischen den Studien zumindest in Teilen auf methodologische Unterschiede zurückführen lassen, ist deren Bewusstmachung sowohl für den Vergleich der vorliegenden Ergebnisse als auch für weitere Forschung relevant. Diese betreffen zunächst die Bedeutung des zeitlichen Versatzes zwischen dem Ende des 20. Jahrhunderts in den hier verwendeten Korpora und den von Niehaus (vgl. 2015) verwendeten Korpora der Gegenwartssprache. Für die Plurizentrizitätsforschung entscheidender ist jedoch die Frage nach der Nichtberücksichtigung verschiedener Regionen innerhalb Deutschlands in der Konstruktion des hier verwendeten Korpus sowie die Konsequenzen des Einbezugs verschiedener und anderer Textformen (Belletristik, wissenschaftliche Texte, Gebrauchstexte, überregionale Zeitungen) gegenüber der Beschränkung auf regionale Zeitungstexte, etwa im von Niehaus (vgl. 2015) verwendeten Korpus. Der letzte Aspekt bietet neben einer Erklärung der abweichenden Ergebnisse auch Ansätze für eine theoretische Auseinandersetzung mit der Frage der Regionalität und Überregionalität von Standarddeutsch. Klarheit über den Untersuchungsgegenstand ist für die korpusgestützte Untersuchung von Bedeutung. In diesem Zusammenhang könnten zukünftige Untersuchungen auch Hinweise darauf geben, zu welchem Grad editorische Eingriffe etwa literarische Texte oder Zeitungstexte unterschiedlich beeinflussen: Findet sich die nachweisliche grammatische Variation in Texten aus Regionalzeitungen auch in überregionalen Zeitungen oder Belletristik wieder, oder lassen sich hier Unterschiede feststellen? Letzteres ließe sich möglicherweise als ein Hinweis auf die parallele Existenz verschiedener Ebenen von Standardsprache interpretieren.

Unbeeinflusst von den methodologischen Unterschieden ergänzen die vorgelegten Daten die von Elspaß/Niehaus (vgl. 2014) gesammelten Hinweise für einen Monozentrismus am Eingang des 20. Jahrhunderts. Anders als in den von ihnen vorgelegten Ergebnissen scheint die gegenwärtige erscheinende Variation in den hier untersuchten Fällen bereits in Teilen zu dieser Zeit ausgeprägt zu sein, was gegen Monozentrismus spricht. Angesichts der sehr deutlich unterschiedlichen Natur der untersuchten Phänomene ist dieses Ergebnis nicht grundsätzlich problematisch oder gar widersprüchlich. Die Frage nach Monozentrismus oder Plurizentrizität erscheint aber angesichts der unterschiedlichen Ergebnisse nicht eindeutig oder allgemein beantwortbar zu sein, sondern nur jeweils auf einzelne←122 | 123→ Phänomene bezogen. Für weitere Forschung könnte es deshalb wichtig sein, sich damit auseinanderzusetzen, wie unterschiedliche grammatische Merkmale in der Beurteilung der Frage nach Monozentrismus oder Plurizentrizität gegeneinander zu gewichten sind.

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1 Das in diesem Beitrag als DWDS bezeichnete und in das Korpus-C4 integrierte Korpus basiert auf dem über www.dwds.de zugängliche Korpus, ist jedoch nicht mit diesem identisch.

2 http://korpus-c4.org/index.php/de/struktur, zuletzt abgerufen am 27.3.2017. Da in dieser Arbeit nur nach der Variation in Hinsicht auf Region gefragt wird, nicht aber nach der Variation zwischen verschiedenen Texttypen, wird auf die Details dieser Unterscheidung hier nicht eingegangen. Zur Praxis und Problematik dieser Einteilung siehe Bickel et al. (vgl. 2009: 12–14).

3 https://www.korpus-c4.org/index.php/de/struktur, zuletzt abgerufen am 27.3.2017.

4 Für den Vergleich mit der Arbeit von Niehaus (2015) ist herauszustellen, dass bei der Erstellung des hier verwendeten DWDS-Korpus für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg überregionale Zeitungen verwendet wurden (vgl. Geyken 2009: 28–29). Dieser Unterschied wird im Zuge des Vergleichs der Ergebnisse aufgegriffen.

5 Für Details zu den hier nicht aufgeführten Fällen siehe Fingerhuth (2017: 189–259).

6 Für weitere Fallstudien siehe Fingerhuth (2017: 159–188).

7 Beleg in (9): „die man liest, nicht so sehr die eigene Identität widerspiegeln wie die Musik, die man hört, oder ein Buch“.