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Die Ethik der Widersetzlichkeit

Theoretische und literarische Transformationen der Antigone

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Ines Böker

Von der Antike bis in die Gegenwart partizipiert die Antigone an disparaten Denkmodellen geschlechtlicher, verwandtschaftlicher und ethisch-moralischer Konzepte. Aus literatur-und kulturwissenschaftlicher Perspektive betrachtet, lassen sich die Konstruktionen dieser Konzepte kritisch hinterfragen. Ines Böker untersucht die Entstehungsmöglichkeiten, Wandlungsprozesse und (kritischen) Implikationen von Antigone-Transformationen in dem Spannungsfeld der vielschichtigen theoretischen und literarischen Rezeptionsgeschichte. Trotz unterschiedlicher Positionen enthüllen die Untersuchungen der Antigone-Transformationen das, was die Antigone selbst aktiv gestaltet: Die Ethik der Widersetzlichkeit.

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1. Theoretische Grundlagen und Forschungspositionen

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1.1 Theoretische Prämissen einer ‚Arbeit am Mythos‘

Mythen fordern zur Lösung ihrer Rätsel auf, doch ist keineswegs sicher, daß jede Lösung der Rätsel auch des Rätsels Lösung ist. Wer nicht in einen Dialog mit den Fragen und Antworten der Mythen und Mytheninterpretation eintritt – und jede Mythenerzählung ist schon eine Mytheninterpretation – dem bleibt auch der Monolog, und sei es der eigene, stumm.38

Wenn anhand einer mythologischen Figur in ihrer Ausformung einer Tragödie des fünften Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung ethische Handlungsmöglichkeiten zur Disposition stehen und deren Deutungen in ihrer theoretischen und literarischen Rezeption aufgezeigt werden, so verbindet sich diese Betrachtung unweigerlich mit der Beschaffenheit des Mythos selbst und dem ihm inhärenten Konfliktpotenzial. Seine außerordentliche Valenz erhält der Mythos für die vorliegende Studie nicht einfach durch die zunächst offensichtliche Inanspruchnahme einer paradigmatischen mythologischen Figur der abendländischen Kulturgeschichte als Beispiel. Die eingehende Analyse der sophokleischen Antigone und ihrer (theoretischen) Rezeption soll vielmehr deutlich machen, dass der mythologische Stoff in seiner Ausgestaltung der attischen Tragödie und die Transformationen des Antigone-Mythos ineinandergreifen, indem nicht nur eine am Ethos der Figur Antigone aufscheinende ethische Reflexionsfolie für die sophokleische Antigone und ihre Rezeption auszumachen ist, sondern vielmehr eine der Formgebung inhärente Offenheit das ethische Moment der mythologischen Narration nachgerade erhellt.

Konstatiert werden muss hier, wenn im Folgenden von ‚dem Mythos‘ die Rede ist, dass die Heterogenität der Mythosdiskurse eine...

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