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Pius XII. und die Deportation der Juden Roms

Klaus Kühlwein

Kein anderes Ereignis im Zweiten Weltkrieg hat Pius XII. so herausgefordert wie die SS-Judenaktion unter seinem Fenster. Was damals geschah, verdichtet die ganze Problematik um das Schweigen des Papstes. Historisch ist umstritten, was Papst Pius unternommen hat, um die Juden Roms zu retten, welchen Zwängen er unterworfen war und was er über das Schicksal deportierter Juden wusste.

Anhand zahlreicher Dokumente und Zeugenaussagen rekonstruiert die Studie die Vorgänge rund um die Razzia auf verschiedenen Ebenen. Sie fragt nach dem Kenntnisstand Pius XII. über die NS-Judenvernichtung und analysiert den Konflikt zwischen güterabwägendem Schweigen und Protest aus Gewissensgründen.

Das Ergebnis wirft neues Licht auf die Rolle Pius XII. im Herbst 1943.

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2. Wie der Holocaust zu den römischen Juden kam

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2.  Wie der Holocaust zu den römischen Juden kam

Mussolini war am 25. Juli 1943 vom großen faschistischen Rat gestürzt und auf Weisung des Königs Emmanuel III. schließlich verhaftet worden.129 Als neuen Regierungschef ernannte der König den vor zwei Jahren zurückgetretenen Generalstabschef Marschall Badoglio. Bei vielen Italienern und besonders bei den bedrängten Juden keimte leise Hoffnung auf. Würde das italienische Festland vom Kriegsschrecken verschont werden? Würde Hitler Italien aufgeben und sich hinter die Alpen zurückziehen? Diese Sehnsüchte der Menschen wurden bitter enttäuscht. Es kam schlimmer als Pessimisten befürchteten.

Auch im Vatikan war man nach dem Sturz des Duce erleichtert, aber gleichermaßen alarmiert. Spätestens nach Mussolinis kompromissloser Hitlerhörigkeit herrschte Funkstille zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Duce. Seit den dreißiger Jahren war der Graben zum faschistischen Regime immer tiefer geworden, und ab 1940 hatte er sich zu einem Abgrund gewandelt. Auch der Regierung Badoglio stand man reserviert gegenüber.130

Derweil braute sich ein furchtbares Unwetter über Italien zusammen. Rom lag von Anfang an unter einem Gewitterzentrum, das sich erst am 4. Juni 1944 verziehen sollte. Die ersten Blitze kamen schnell und schlugen unter den Juden der Ewigen Stadt ein.

Für Pius XII. war der Holocaust bislang relativ weit weg gewesen. Weder unter Mussolini noch unter Badoglio gab es in Italien Judendeportationen. Zwar hatte der Duce 1938 auch diskriminierende Rassengesetze eingef...

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