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Pius XII. und die Deportation der Juden Roms

Klaus Kühlwein

Kein anderes Ereignis im Zweiten Weltkrieg hat Pius XII. so herausgefordert wie die SS-Judenaktion unter seinem Fenster. Was damals geschah, verdichtet die ganze Problematik um das Schweigen des Papstes. Historisch ist umstritten, was Papst Pius unternommen hat, um die Juden Roms zu retten, welchen Zwängen er unterworfen war und was er über das Schicksal deportierter Juden wusste.

Anhand zahlreicher Dokumente und Zeugenaussagen rekonstruiert die Studie die Vorgänge rund um die Razzia auf verschiedenen Ebenen. Sie fragt nach dem Kenntnisstand Pius XII. über die NS-Judenvernichtung und analysiert den Konflikt zwischen güterabwägendem Schweigen und Protest aus Gewissensgründen.

Das Ergebnis wirft neues Licht auf die Rolle Pius XII. im Herbst 1943.

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6. Zurückhaltend und schweigsam

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6.  Zurückhaltend und schweigsam

Die verhafteten Juden im Collegio hatten keine Möglichkeit von draußen Hilfe zu erbitten. Ihnen blieb nichts anderes übrig als zu warten. Vielleicht würde es dem einen oder anderen gelingen Versorgungsgüter oder Nachrichten zu überbringen. Jene, die das Glück hatten, der Razzia zu entkommen, quälte das Schicksal der Gefangenen. Was würde sie erwarten? Würden sie in den nächsten Stunden schon abtransportiert? Wohin? Würde man sie je wieder sehen? Viele blickten angespannt zum Vatikan. Wenn jetzt einer noch helfen konnte, dann Papst Pius.

6.1  Hilferuf

Während der Razzia hatten die römischen Juden gehofft, dass der Papst ins Räderwerk der Deutschen eingreifen würde. Doch es geschah nichts an dem Samstag. Ungestört hatte die Verhaftungskommandos eine jüdische Familie nach der anderen abgeholt. Die Soldaten waren erst aus dem Ghetto verschwunden, nachdem sie die letzte Wohnung auf ihrer Liste durchsucht und geräumt hatten. Das gleiche galt für die fliegenden Kommandos in den Straßen Roms.

Am nächsten Tag blickten die Juden, die sich verbergen konnten, sehnlich auf den Vatikan. Alle Verhafteten vom Vortag waren noch in der Stadt. Schnell hatte sich herumgesprochen, dass die vielen hundert Menschen im Collegio Militare am Tiberufer eingeschlossen waren. Das musste auch dem Vatikan bekannt sein. Solange sie noch dort waren, konnte der Papst für sie eintreten, konnte sie retten. Waren sie erst...

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