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Literaturübersetzen

Ästhetik und Praxis

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Rainer Kohlmayer

Das Buch erläutert die Ästhetik des Literaturübersetzens, wie sie seit dem 18. Jahrhundert praktiziert wird. Sie beruht auf den Prinzipien der Subjektivität, Linearität und Oralität, die in Novalis’ Begriff der «schriftlichen Stimme» konvergieren. Der Weg zur lebendigen rhetorischen Schriftlichkeit des Übersetzens beginnt bei Leonardo Bruni und führt über Luthers Bibel zur performativen Übersetzung Herders, die von A. W. Schlegel bis in die Gegenwart das Gutenberg-Zeitalter prägt. Am Beispiel der Dialektübersetzung wird auch die elastische Grenze der (Un)Übersetzbarkeit untersucht. Der zweite Teil behandelt exemplarisch die Übersetzung von Drama, Narrativik und Lyrik. Der dritte Teil feiert das narzisstische Vergnügen, das mit der Kunstform des literarischen Übersetzens einhergeht.

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5. Kapitel. Literaturübersetzen heute

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5. Kapitel. Literaturübersetzen heute

5.1 Zur Kontinuität des Mündlichkeitsprinzips

Ich überspringe die gut zweihundert Jahre nach Schlegels Shakespeare und Novalis’ Formulierung der „schriftlichen Stimme“, da hinsichtlich der Mündlichkeit der literarischen Übersetzung keine triftigen Einwände vorgebracht wurden. Über Schleiermachers Übersetzungstheorie von 1813 will ich mich hier nicht weiter auslassen.59 In seinen Platon-Übersetzungen hielt er sich selbst nicht an sein dualistisches Entweder-oder-Prinzip, das im Grunde eine theoretische und praktische Sackgasse darstellt. Bei toten Sprachen, deren Mündlichkeit wir nicht mehr selbst erleben können, haben wir ein Problem, über das endlos geredet werden kann. Wenn Englisch eine tote (oder ‚exotische‘) Sprache wäre, würde man als Übersetzer auf Schleiermachers oder Humboldts Spuren „How do you do?“ und „How are you?“ vermutlich mit „Wie tut ihr tun?“ und „Wie seid ihr?“ übersetzen. Man würde aus einer toten Sprache halbtote Gegenwarts-Texte herstellen, wie das in der Tat manchmal geschehen ist.

Werfen wir noch einmal einen kurzen Blick zurück auf Quintilian, der für Novalis‘ „schriftliche Stimme“ noch kein mediales Bewusstsein haben konnte. So schrieb er in seinem Lehrbuch der Rhetorik über den Redner Hortensius, dass wir bei der bloßen Lektüre seiner Reden das gewisse Etwas nicht entdecken, das bei der tatsächlichen Performanz so gut gefallen habe. Quintilian schreibt das in zehn knappen Wörtern: „ut appareat [= sodass klar wird] placuisse aliquid [= etwas habe gefallen] eo dicente [= wenn er redete], quod legentes [= was wir als Lesende] non...

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