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Wiener Slawistischer Almanach Band 82/2019

Nostalgie. Ein kulturelles und literarisches Sehnsuchtsmodell. Tagung in München April 2017

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Edited By Brigitte Obermayr, Anja Burghardt and Aage A. Hansen-Löve

Der Band enthält 21 Beiträge, die aus der Münchener Tagung zum Thema «Nostalgie. Ein kulturelles Sehnsuchtsmodell» (April 2017) hervorgegangen sind. Allesamt sind sie dem literarischen bzw. kulturellen Phänomen der Nostalgie in den osteuropäischen Literaturen (zumal der russischen, der polnischen und den südslawischen) gewidmet. Es geht um kulturelle Sehnsuchtsorte (vom Dnepr bis nach Odessa, vom alten Ägypten zum mythischen Kitež) bei den Klassikern bis hin zu Vertretern der Moderne und der Gegenwartsliteratur. Ausgangspunkt aller Darstellungen ist die theoretische Vertiefung des Nostalgie-Konzepts in unterschiedlichen kulturellen und literarischen Kontexten. Unter anderen werden folgende Autoren behandelt: Gogol’, Gončarov, Čechov, Bal’mont, Platonov, Ėjchenbaum und Benjamin, Tynjanov, Miłosz, Nabokov und Brodskij, Konopnicka, Ugrešic, Šepitka, Prilepin u.v.a.

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Anke Niederbudde (München), Festhalten an der alten Welt: Der Kitež-Mythos im Selbstverständnis der russischen Emigration

1. Vorgeschichten I: Von einer regionalen Altgläubigen-Legende zum russischen Mythos

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Anke Niederbudde

FESTHALTEN AN DER ALTEN WELT: DER KITEŽ-MYTHOS IM SELBSTVERSTÄNDNIS DER RUSSISCHEN EMIGRATION

Туда, туда уносят нас мечтанья – К былому прошлому великих светлых дней, Унесших навсегда красу очарованья, В далекий край безоблачных теней. (Sergej Bechteev, „Grad Kitež“ 1926)

Dorthin, dorthin tragen uns die Träume – In die Vergangenheit der großen hellen Tage, die für immer die Schönheit der Verzauberung mitgenommen haben in ein entferntes Gebiet wolkenloser Schatten. 1

Sergej Bechteev, ein ehemaliger Offizier der weißen Armee, beschwört 1926 in einem im serbischen Exil verfassten Gedicht („Grad Kitež“) die großen hellen Tage der Vergangenheit, die den Emigranten nur in ihren Träumen und Erinnerungen geblieben sind. In den folgenden Jahren publizierte der überzeugte Monarchist (nun in Nizza lebend) mehrere lyrische Texte, die dem Vaterland, der orthodoxen Kirche sowie verschiedenen Zaren gewidmet sind und in patriotischen Bildern die Svjataja Rus’ [Die heilige Rus’] (so der Titel von vier Gedichtbänden) besingen, darunter auch ein Gedicht mit dem Titel „Kitežany“ (1943, Bechteev 1949, 35 f.). Bechteevs beteuert in seinen Gedichten nicht nur seine Liebe zur alten Zeit (starina), er sieht sich – und die anderen emigrierten Kitežaner – auch in einer Gemeinschaft der heiligen Rus’, quasi als heiligen Märtyrer der Emigration.2

Bechteev, der noch 1950 eine Büste Nikolajs II. vor der russisch-orthodoxen Kirche in Nizza aufstellen lassen wollte (Nevjarovič 2008, 368), war sicher ein besonders hartnäckiger Anhänger der Romanovs in russischen Emigrantenkreisen. Die Bewahrung der russischen Tradition sahen aber viele Emigranten als Lebensaufgabe an. Kitež war ein geeigneter Bezugspunkt f...

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