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Wiener Slawistischer Almanach Band 82/2019

Nostalgie. Ein kulturelles und literarisches Sehnsuchtsmodell. Tagung in München April 2017

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Edited By Brigitte Obermayr, Anja Burghardt and Aage A. Hansen-Löve

Der Band enthält 21 Beiträge, die aus der Münchener Tagung zum Thema «Nostalgie. Ein kulturelles Sehnsuchtsmodell» (April 2017) hervorgegangen sind. Allesamt sind sie dem literarischen bzw. kulturellen Phänomen der Nostalgie in den osteuropäischen Literaturen (zumal der russischen, der polnischen und den südslawischen) gewidmet. Es geht um kulturelle Sehnsuchtsorte (vom Dnepr bis nach Odessa, vom alten Ägypten zum mythischen Kitež) bei den Klassikern bis hin zu Vertretern der Moderne und der Gegenwartsliteratur. Ausgangspunkt aller Darstellungen ist die theoretische Vertiefung des Nostalgie-Konzepts in unterschiedlichen kulturellen und literarischen Kontexten. Unter anderen werden folgende Autoren behandelt: Gogol’, Gončarov, Čechov, Bal’mont, Platonov, Ėjchenbaum und Benjamin, Tynjanov, Miłosz, Nabokov und Brodskij, Konopnicka, Ugrešic, Šepitka, Prilepin u.v.a.

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Schamma Schahadat (Tübingen), Exil und Nostalgie: Czesław Miłosz – Vladimir Nabokov – Josif Brodskij

EXIL UND NOSTALGIE: CZESŁAW MIŁOSZ – VLADIMIR NABOKOV – IOSIF BRODSKIJ

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Schamma Schahadat

„Exile is strangely compelling to think about but terrible to experience“, schreibt Edward Said in seinem Essay Reflections on Exile (Said 2001, 173). Einerseits ist Exil ein „unheilbarer Bruch“ zwischen dem Individuum und seiner Heimat,1 „an experience of terminal loss“, andererseits ist es ein allgegenwärtiges, produktives literarisches Motiv (ebd.). Einerseits bedeutet Exil ein schweres Trauma, andererseits reüssiert es als eine widerständige Trope.2

Dabei ist diese Trope der Exilerfahrung, die mit Verlust, Endlichkeit, oft auch mit Tod einhergeht, nicht selten eine nostalgische. Exil und Nostalgie sind insofern miteinander verknotet, als Nostalgie eine Trope des Verlusts ist. Als diese ist Nostalgie in der Auseinandersetzung mit (Ost)Mitteleuropa besonders produktiv geworden; der Zusammenbruch der Imperien zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Verschiebung ganzer Völkerschaften, das Massenexil und schließlich das Ende der Sowjetunion haben im 20. Jahrhundert eine Vielzahl von Anlässen für Verlusterfahrungen gegeben.3 Dominic Boyer argumentiert dafür, ←325 | 326→dass die Osteuropa (im weitesten Sinne) zugeschriebene Nostalgie eine der longue durée ist, ein „postimperiales Symptom“ („postimperial symptom“, 23), das mit dem Ende der Imperien um 1917/18 zu beobachten ist. Diese Form einer postimperialen Nostalgie ist zum Beispiel an Joseph Roths Protagonisten Franz Tunda aus dem Roman Flucht ohne Ende von 1927 zu beobachten: Tunda gerät in die (ost)mitteleuropäischen Nachkriegswirren, als seine eigentliche Heimat, das Habsburger Imperium bzw. Galizien, nicht mehr existiert, und so ist er nicht nur geographisch, sondern auch kulturell orientierungslos, ständig...

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