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Teilhabe braucht Rehabilitation

Blicke zurück in die Zukunft

Edited By Helga Seel

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) ist der Zusammenschluss der Rehabilitationsträger. Seit 1969 fördert sie im gegliederten Sozialleistungssystem die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Die BAR koordiniert und unterstützt das Zusammenwirken der Reha-Träger, vermittelt Wissen und arbeitet mit an der Weiterentwicklung von Rehabilitation und Teilhabe. Ihre Mitglieder sind die Träger der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Unfallversicherung, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesländer, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die Sozialpartner.

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Vom Objekt der Fürsorge zum selbstbestimmten Individuum: Gesellschaftlicher Wandel im Spiegel der Sprache

Vom Objekt der Fürsorge zum selbstbestimmten Individuum: Gesellschaftlicher Wandel im Spiegel der Sprache

von Jürgen Hohnl, Geschäftsführer Gemeinsame Vertretung der Innungskrankenkassen (IKK e.V.)

Wer wie ich in den 1970er Jahren in die Schule gegangen ist, mag sich noch erinnern: Die Verwendung von diskriminierenden Ausdrücken war zwar nicht „normal“, aber doch gerade auf dem Schulhof leider gang und gäbe. Ich erinnere mich an leichthin geäußerte Bemerkungen, wie „Hey, Du Spasti“ oder irgendwas sei „total behindert“. Auch außerhalb des rüpeligen Schulhofes blieb der Umgang mit körperlich oder geistig eingeschränkten Menschen in der Regel ein distanzierter, dem ein Moment der Überheblichkeit seitens des „nicht“ eingeschränkten“ Gegenübers innewohnte. Das lässt sich auch am öffentlichen Sprachgebrauch jener Zeit festmachen: Bestes und prägnantestes Beispiel ist hier die 1964 gegründete „Aktion Sorgenkind“. Positiv war sicherlich der Ansatz, das Thema „Behinderung“ in den öffentlich rechtlichen Medien in den Fokus zu stellen, also eine Auseinandersetzung auch für diejenigen zu ermöglichen, die bisher keinen Zugang zum Thema hatten. Die Namenswahl spiegelte dabei aber eben auch den Umgang mit den betroffenen Menschen wider – nämlich als bekümmerungswürdiges Objekt, nicht als eigenständiges Subjekt – und prägte damit nachhaltig die Sicht der Gesellschaft. Um bei dem Schulbeispiel zu bleiben: Was heute als „Förderschule“ bezeichnet wird, hieß zu meiner Jugend noch Sonder- oder Hilfsschule. Die Bezeichnung stand ohne Zweifel für eine „Stigmatisierung der Schüler als „ausgesonderte Menschen“.1

Ursächlich für die Wahrnehmung eingeschränkter Personen als Objekte war ein weit im vorvergangenen Jahrhundert angesiedelter Umgang mit behinderten Menschen. Behinderung sei einst biologistisch definiert worden, weiß die Historikerin Elsbeth Bösl. Medizinisch konstatierte „Andersheiten“ seien als Defekt und Störung gedeutet worden, die mit den Mitteln des Sozialstaats, der konfessionellen Fürsorge (bezeichnenderweise hieß sie offiziell „Krüppelfürsorge“) ←51 | 52→und der privaten Wohltätigkeit gelöst werden sollten. Die als defizitär klassifizierten Menschen sollten an die funktionalen Erwartungen der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft“ angepasst werden.2

Nach dem zweiten Weltkrieg blieb der konzeptionelle Kern der (bundes-)deutschen Behindertenpolitik weiterhin das medizinische „Defizitmodell“, das Normalisierungsziel und das Rehabilitationsparadigma. Behinderung wurde immer noch als funktionale Einschränkung angesehen und mit „Leid“ gleichgesetzt – dem „hilfsbedürftigen“ Menschen mussten seitens der Gesellschaft Hilfestellungen angedacht werden, die ihn (wenigstens einigermaßen) am produktiven Leben teilnehmen ließen. Im Sprachgebrauch der Zeit hieß das dann „beschützende Werkstätten“ oder „Behindertenwerkstätten“. 2001 hat die Bezeichnung „Werkstatt für behinderte Menschen“ Eingang in das Sozialgesetzbuch gefunden. Sicherlich ein wichtiger Schritt, auch wenn Zweifel bestehen, ob damit „der Schutzgedanke im Zeitalter der UN-Behindertenrechtskonvention von allen Beteiligten als ,veraltet‘ bewertet wurde.“3

Der Gedankengang dahinter: keine wie auch immer geartete produktive Tätigkeit, kein erfülltes Leben. Das Tragische: Die Betroffenen selbst mussten dieses Bild des Hilfsbedürftigen lange transportieren. Um Ansprüche vor den Sozialleistungsträgern geltend zu machen und Nachteilsausgleiche zu erlangen, mussten Behinderte die Legitimationskette „behindert – arm – hilfsbedürftig“ bedienen. Von Integration, Gleichstellung oder gar Inklusion war noch lange keine Rede. Erst mit den seit Ende der 1970er Jahre entstandenen Emanzipationsbewegungen eingeschränkter Menschen, organisiert oft in den provokant genannten „Krüppelgruppen“, begann sich das Bild vom Objekt sehr langsam in das des Individuums zu wandeln. Ziele waren der Abbau von Alltagsbarrieren und gesellschaftliche Integration. 1984 rief die UNO das „Internationale Jahr der behinderten Menschen“ aus, wobei aber aus heutiger Sicht die Betroffenen wiederum zu passiven und dankbaren Hilfsempfängern eines fürsorglichen Sozialwesens abgewertet wurden.

In den kommenden zehn Jahren allerdings begann sich das Bild in Politik, Medien und Gesellschaft stärker zu wandeln. Seit den 1990er Jahren löste Inklusion die Integration ab. An Stelle der Integration, mit der etwas nicht Gleiches gleich gemacht wurde, der Zielpunkt also eine einheitliche Definition von „Normalität“ ist, steht bei der Inklusion die Diversität im Vordergrund. Statt ←52 | 53→Menschen auf Biegen und Brechen in eine Normgesellschaft zu integrieren wird nun eine von Geburt an bestehende Zugehörigkeit aufrechterhalten. Mit diesem Wechsel von einer Defizitorientierung im Hinblick auf eine vermeintliche Normalität hin zur Förderung individueller Fähigkeiten war dann schlussendlich auch der Paradigmenwechsel vom Objekt zum Subjekt verbunden. Dies schlug sich auch politisch nieder: 1994 wurde im Grundgesetz verankert, dass niemand aufgrund einer Behinderung benachteiligt werden darf, 2002 folgte das Gesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen des Bundes. Erst 2006 trat das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz in Kraft.4

2003 wurde das „Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen“ ausgerufen. Auch hier zeigt sich der sprachliche Paradigmenwechsel im Vergleich zu dem von der UNO 1984 ausgerufenen „Jahr der Behinderten“ sehr deutlich! Der veränderte Umgang, das sich ändernde Bild vom fürsorgebedürftigen, bemitleidenswerten Objekt zum eigenständigen, befähigten Subjekt hat sich sprachlich mit der Umbenennung von „Aktion Sorgenkind“ in „Aktion Mensch“ 1999, prägend im kollektiven Gedächtnis der bundesdeutschen Gesellschaft verankert5.

Doch trotz des weiten, zuweilen sicherlich schwierigen Paradigmenwechsels, sind wir, so befürchte ich, noch lange nicht am Ende des Prozesses angekommen. Denke ich an das Bild der Behinderten etwa in den Medien, so zeigt sich hier auch heute noch hoher Nachholbedarf: Hier werden eingeschränkte Menschen noch immer oft vornehmlich als hilfebedürftig dargestellt.6 Oder sie werden als Ausnahmetalente aufgrund ihrer Behinderung gefeiert. Als „Superkrüppel“ ironisiert der Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit, Raul Krauthausen, die Darstellung eines Menschen, der nicht mit, sondern trotz seiner Behinderung etwas Besonderes geschafft hat.7

Normaler Umgang findet sich in den Medien noch wenig wieder und auch in der Sprache sind wir oftmals noch weit entfernt. Wie oft tappen wir alle noch ins Fettnäpfchen, wenn wir in Gesprächen mitteilen, jemand „leide“ an einer ←53 | 54→Behinderung, obgleich wir uns nicht anmaßen können zu beurteilen, ob dieser Mensch tatsächlich leidet oder die Behinderung einfach neutraler, gegebener Teil von ihm ist? Oder jemand sei an den Rollstuhl „gefesselt“, obgleich doch gerade dieses Fortbewegungsmittel Mobilität und Freiheit für den Menschen bringen kann?

Der Weg ist also noch weit, aber die ersten Schritte sind getan. In Politik und Gesellschaft. Auch auf dem Schulhof, so habe ich mir bestätigten lassen. Dort sind die Ausdrücke aus meiner Jugend glücklicherweise inzwischen selten zu hören. Ich nehme das als gutes Zeichen, dass sich der Politik- und Denkwandel, der vor mehr als 40 Jahren einsetzte, auch hier quasi an der Basis niederschlägt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation hat in den letzten 50 Jahren einen großen Beitrag geleistet, den Weg in Richtung einer eigenständigen Lebensgestaltung, die ihren Wert aus sich selbst gewinnt, für diesen betroffenen Personenkreis zu ebnen. Dafür möchten wir Innungskrankenkassen uns bedanken und hoffen, dass die BAR diesen Weg mit ihrem Wirken in den nächsten Jahren weiter vorantreibt.

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1 Wikipedia: Förderschule [Abruf 15.6.2019].

2 Vgl. Bösl, Elsbeth: Die Geschichte der Behindertenpolitik in der Bundesrepublik aus Sicht der Disability History, 31. Mai 2010. Online: http://www.bpb.de/apuz/32707/die-geschichte-der-behindertenpolitik-in-der-bundesrepublik-aus-sicht-der-disability-history?p=all.

3 Wikipedia, Behindertenwerkstatt [Abruf 15.6.2019].

4 Vgl. Bösl 2010.

5 Antonoff, Alexander: Das ZDF verabschiedet sich von der „Aktion Sorgenkind“, 4.12.1999. Online: https://www.welt.de/print-welt/article594902/Das-ZDF-verabschiedet-sich-von-der-Aktion-Sorgenkind.html.

6 Vgl. Radkte, Peter: Das Bild behinderter Menschen in den Medien. Spektrum Freizeit 30 (2006) 2, hrsg. Vom Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), S. 120–131. Online: https://www.pedocs.de/volltexte/2012/5251/pdf/SpektrumFreizeit_2006_2_Radtke_Das_Bild_behinderter_Menschen_D_A.pdf.

7 Vgl. Krauthausen, Raul: Wenn Sprache behindert, 7.11.2011. Online: https://raul.de/wortsport/wenn-sprache-behindert/.