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Teilhabe braucht Rehabilitation

Blicke zurück in die Zukunft

Edited By Helga Seel

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) ist der Zusammenschluss der Rehabilitationsträger. Seit 1969 fördert sie im gegliederten Sozialleistungssystem die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Die BAR koordiniert und unterstützt das Zusammenwirken der Reha-Träger, vermittelt Wissen und arbeitet mit an der Weiterentwicklung von Rehabilitation und Teilhabe. Ihre Mitglieder sind die Träger der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Unfallversicherung, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesländer, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die Sozialpartner.

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Demografischer Wandel und Reha vor Pflege – geriatriespezifische Versorgungsbedarfe und -strukturen in Deutschland

Demografischer Wandel und Reha vor Pflege – geriatriespezifische Versorgungsbedarfe und -strukturen in Deutschland

von Dirk van den Heuvel, Geschäftsführer Bundesverband Geriatrie e. V.

Geriatrie – auch Altersmedizin genannt – befasst sich mit Erkrankungen und Unfallfolgen bei Menschen, die zumeist älter als 70 Jahre sind und in der Regel mehrere Erkrankungen gleichzeitig haben. Neben dieser geriatrietypischen Multimorbidität weisen die geriatrischen Patienten zudem zumeist eine deutlich erhöhte Gebrechlichkeit (Frailty) auf. Darüber hinaus bestehen oft kognitive Einschränkungen. Diese geriatrietypische Multimorbidität und die schwindende Regenerationsfähigkeit betagter und hochbetagter Menschen begründen die besonderen Anforderungen an die Versorgungsstruktur und die medizinisch-therapeutische Ausrichtung der Behandlung beziehungsweise Rehabilitation dieser speziellen Patientengruppe. Die Geriatrie greift diese besonderen Anforderungen strukturell und inhaltlich entsprechend auf.

Geriatrie als medizinische Spezialdisziplin ist erst seit ungefähr 30 Jahren in Deutschland etabliert. Der geriatrische Patient hat fast immer sowohl akutmedizinischen als auch (früh-)rehabilitativen Versorgungsbedarf. In Deutschland findet Geriatrie in Krankenhäusern, Rehabilitationskliniken, jeweils stationär und teilstationär, sowie in ambulanten Versorgungsstrukturen statt. In den einzelnen Bundesländern hat die historische Entwicklung unter anderem aufgrund unterschiedlicher politischer Planungsansätze und der gesetzlichen Rahmenbestimmungen zu unterschiedlicher Schwerpunktsetzung geführt (s. Tabelle 1). In einigen wenigen Bundesländern erfolgt die Versorgung geriatrischer Patienten aktuell ausschließlich in Krankenhäusern. Die Mehrheit der Bundesländer verfügt heute sowohl über geriatriespezifische Versorgungsmöglichkeiten in Krankenhäusern als auch in Rehabilitationseinrichtungen. Die konkrete Ausgestaltung der Versorgungsschwerpunkte ist dabei ein dynamischer Prozess. In den letzten Jahren geht die Entwicklung jedoch deutlich zu der Ausbildung der beschriebenen Doppelstrukturen mit einem gewissen Schwerpunkt im Krankenhausbereich.

Tabelle 1: Übersicht über die Bundesländer je nach Schwerpunkt der geriatrischen Einrichtungen (Eigene Darstellung; 2019)

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Im Krankenhausbereich bildet neben der auf die geriatriespezifischen Gegebenheiten abgestimmte akutmedizinischen Versorgung der Patienten die frührehabilitative Begleitung der Behandlung den Versorgungsschwerpunkt. Im Bereich der medizinischen Rehabilitation stellt die geriatrische Rehabilitation eine spezielle Rehabilitationsform dar. Sie ist für die besonderen Bedürfnisse betagter multimorbider Menschen konzipiert und bietet mehr als indikationsspezifische Rehabilitation, da der ganzheitliche und interdisziplinäre Ansatz im Fokus steht. So arbeitet ein multiprofessionelles Behandlungsteam zusammen, das aus Ärzten, Pflegepersonal, Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Psychologen sowie Sozialarbeitern besteht. Dieses geriatriespezifische Team berücksichtigt die alterstypischen Einschränkungen und Erkrankungen geriatrischer Patienten mitsamt ihrer Folge- und Wechselwirkungen, um die bestmögliche Selbstständigkeit und Mobilität älterer Menschen zu erlangen. Geriatrien leisten somit unter anderem einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung beziehungsweise Minderung von Pflegebedürftigkeit.

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Geriatriespezifischer Versorgungsbedarf

Der ansteigende geriatriespezifische Versorgungsbedarf ergibt sich aus zwei wesentlichen Effekten. Auf der einen Seite wurden beziehungsweise werden viele geriatrische Patienten nicht als solche erkannt und daher vermehrt in anderen, nicht geriatriespezifischen Strukturen „fehlgeleitet“ versorgt1. Zum anderen verdeutlicht die „Bevölkerungspyramide“, dass der geriatriespezifische Versorgungsbedarf bis 2035 weiter deutlich steigt (s. Abbildungen). Dies liegt insbesondere an der entsprechenden Alterung der sogenannten Babyboomerjahrgänge der 1950er und 1960er Jahre, die zudem ein höheres Durchschnittsalter erreichen.

Bevölkerungsentwicklung 2015/2025/2035 (Eigene Darstellung; Quelle: 13. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Statistisches Bundesamt 2015)

Bedingt durch seinen sehr umfassenden Versorgungsbedarf mit akutmedizinischen und rehabilitativen Elementen „berührt“ der geriatrische Patient die das deutsche Gesundheitssystem prägenden Budget- und Sektorengrenzen. Darüber hinaus werden angesichts des zumeist bestehenden Pflegebedarfs und des in dieser Patientengruppe besonders bedeutenden Grundsatzes „Reha vor Pflege“ mit dem SGB V als auch dem SGB XI zwei Sozialversicherungssysteme berührt, was zu zusätzlichen Schnittstellen und rechtliche Fragen führt.

Vor diesem Hintergrund stößt die bedarfsgerechte Versorgung von geriatrischen Patienten oftmals durch „Abgrenzungsprobleme“, rechtliche Vorgaben und Budgetfragen an strukturellen Grenzen. Ein Hauptgrund ist die strikte ←67 | 68→Trennung von Akutbehandlung und Rehabilitation im deutschen Gesundheitssystem sowie die fehlende „Durchlässigkeit“ zwischen SGB V und SGB XI. Hier müssen dringend gesetzliche Regelungen gefunden werden, damit bestehenden Budget- und Sektorengrenzen besser überbrückt werden können. Dies betrifft insbesondere die Trennung zwischen Akut und Rehabilitation, als auch zwischen stationärer, teilstationärer und ambulanter Versorgung beziehungsweise der Einbindung von niedergelassenen Ärzten und Therapeuten. Der umfassende Versorgungsbedarf des geriatrischen Patienten erfordert eine entsprechende Vernetzung. Der Bundesverband Geriatrie hat dazu im Jahr 2010 das Konzept des Geriatrischen Versorgungsverbundes entwickelt, welches heute in verschiedenen Bundesländer planerisch aufgegriffen und in der Praxis umgesetzt ist. Es bleibt festzuhalten, dass die beschriebenen engen rechtlichen Regelungen diese vernetzte Versorgung nur sehr bedingt zulassen.

Gleichwohl nimmt die Inanspruchnahme der geriatriespezifischen Versorgungsstrukturen kontinuierlich zu. Das ist ein klarer Beleg dafür, dass der gesetzlich bestehende Anspruch der Patienten auf die geriatrische Rehabilitation auch eingefordert wird.2 Daher muss hochbetagten Patienten flächendeckend der Zugang zu entsprechenden Versorgungsstrukturen möglich sein, um die bedarfsgerechte geriatriespezifische Behandlung sicherzustellen.3

Entsprechend dieser Entwicklung, haben die Mitglieder des Bundesverbandes Geriatrie Ende 2018 erstmalig ein bundesweit einheitliches Konzept zukünftiger Versorgungsstrukturen geriatrischer Patienten verabschiedet.

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1 Steinhagen-Thiessen E (2011) Geriatrie. Versorgungssituation in Berlin. (https://www.parlament-berlin.de/ados/16/GesUmVer/vorgang/guv16-0159-st-Charite.pdf) [Abruf 14.6.2019].

2 Bundesverband Geriatrie e.V. (BV Geriatrie) (2016) Weißbuch Geriatrie. Band 1: Die Versorgung geriatrischer Patienten – Strukturen und Bedarf, 3. Auflage Stuttgart: Kohlhammer.

3 Bundesverband Geriatrie e.V. (BV Geriatrie) (2018) Bundesweites Geriatriekonzept – Beschlossen durch die Mitgliederversammlung des Bundesverbandes Geriatrie 2018.