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Teilhabe braucht Rehabilitation

Blicke zurück in die Zukunft

Edited By Helga Seel

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) ist der Zusammenschluss der Rehabilitationsträger. Seit 1969 fördert sie im gegliederten Sozialleistungssystem die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Die BAR koordiniert und unterstützt das Zusammenwirken der Reha-Träger, vermittelt Wissen und arbeitet mit an der Weiterentwicklung von Rehabilitation und Teilhabe. Ihre Mitglieder sind die Träger der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Unfallversicherung, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesländer, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die Sozialpartner.

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Zugang zur Rehabilitation aus der ambulanten Versorgung:

Zugang zur Rehabilitation aus der ambulanten Versorgung: Auf dem Weg zum Optimum

von Angelika von Schütz, Stellvertretende Vorsitzende Kassenärztliche Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern

Wenn die kurative Behandlung an ihre Grenzen kommt und es darum geht, mit den Auswirkungen der Erkrankungen bestmöglich zu leben, zählen niedergelassene Ärztinnen und Ärzte zu den wichtigsten Weichenstellern zur medizinischen Rehabilitation. Sie kennen das Gesundheitsproblem und die daraus resultierenden Funktionseinschränkungen als auch das Lebensumfeld ihrer Patientinnen und Patienten. Es gibt keine besseren Voraussetzungen, um den Zugang zur Rehabilitation einzuleiten und dabei zwischen den Wünschen der Patienten zur bestmöglichen Teilhabe, den Einschränkungen durch die Erkrankung, den noch bestehenden Körperfunktionen und dem Lebensumfeld des Patienten abzuwägen. Im Sinne der Patienten ist es daher ein großer Erfolg, dass der Zugang seit 2016 durch die Rehabilitation-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses erleichtert wurde. Seither kann jede niedergelassene Ärztin und jeder Arzt Maßnahmen der medizinischen Rehabilitation zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnen. Für die Aufhebung dieser Zulassungsbeschränkung hatte sich die Ärzteschaft jahrelang eingesetzt.

Ein zusätzlicher Meilenstein wurde mit der Abschaffung des Formulars 60 erreicht, des als Sinnbild der Überbürokratie empfundenen „Antrags auf den Antrag“, mit dem Ärzte zunächst das Antragsformular des richtigen Trägers beantragten konnten. Auf Drängen der niedergelassenen Ärzte konnten die Krankenkassen ebenfalls im Jahr 2016 überzeugt werden, sich dieses weiteren Hemmschuhs für den Zugang zur Rehabilitation zu entledigen.

Seither stiegen die Zahlen für Anträge auf medizinische Rehabilitation zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) merklich an. Waren es in 2015 noch rund 159.600 Verordnungen, wurden 2018 insgesamt 255.900 Verordnungen zulasten der GKV ausgestellt und abgerechnet1. Ein Plus von rund 60 Prozent. Vor 2016 waren durch die obligate Nutzung des „Antrags auf den Antrag“ zwar falsche Trägerallokationen so gut wie ausgeschlossen, so dass in ←95 | 96→diesen Verordnungszahlen sicher auch Verordnungen eingeschlossen sind, die anderen Trägern zuzuordnen sind. Grundsätzlich ist jedoch festzuhalten, dass durch die Abschaffung der Zulassungsbeschränkung und des Formulars 60 der Zugang zur ambulanten Rehabilitation deutlich erweitert wurde.

Und dennoch ist davon auszugehen, dass das Potenzial der Rehabilitationen und die Möglichkeiten des Zugangs aus der vertragsärztlichen und vertragspsychotherapeutischen Versorgung noch nicht gänzlich gehoben sind. Der Anteil der Ärzte, die medizinische Rehabilitation tatsächlich verordnen, ist von 2015 auf 2018 zwar ebenfalls gestiegen (von 17 auf 28 %), allerdings verordnen rund zwei Drittel aller Vertragsärzte gar keine Rehabilitation zulasten der GKV. Mit Blick auf die Zahl der Verordnungen je Arzt ist ebenfalls festzustellen, dass noch „Luft nach oben“ zu sein scheint. Je Arzt wurden im Jahr 2018 im Mittel 4,6 Reha-Verordnungen ausgestellt. Bemerkenswert daran ist, dass Hausärztinnen und Hausärzte nur rund 4,3 Verordnungen im Jahr und damit weniger als der Durchschnitt ausgestellt haben.

Um den Zugang zur medizinischen Rehabilitation noch weiter zu verbessern, muss es daher vordringliches Ziel sein, die positiven Einflüsse der Rehabilitation noch weiter in den Fokus der niedergelassenen Vertragsärzteschaft zu rücken. Nach Verzicht auf ein verbindliches Qualifikationserfordernis zur Verordnung von medizinischer Rehabilitation zu Gunsten einer Erweiterung des Kreises potentieller Verordner kommt es umso mehr darauf an, Informationsangebote zu schaffen, die Ärzte freiwillig konsumieren wollen. Dazu hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung zwar eine ansprechende Broschüre erarbeitet, die ein gutes Gleichgewicht zwischen untergesetzlichen Grundsätzen und anwendungsorientierten Beispielen aus der Praxis findet. Allerdings muss sich diese im Zeitalter des Informationsüberflusses trotz zunehmender Digitalisierung und einer damit einhergehenden E-Mail-Flut gegen den Stapel von Papieren, die den täglichen Posteingang der Arztpraxen dominieren, durchsetzen. Ein wahrlich schweres Unterfangen!

Da gleichzeitig die zur Verfügung stehende Arztzeit2 sinkt, sich gleichzeitig alle Ärztinnen und Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten und Patientinnen wünschen3, wird im Überangebot an Informationen zwangsläufig priorisiert, ←96 | 97→wodurch entsprechende Informationsmaterialien unter Umständen hinten runterfallen.

Um Informationen zur medizinischen Rehabilitation „konkurrenzfähig“ zu machen, wurde eine Onlinefortbildung konzipiert4, die mittels CME-Punkte- Zertifizierung Anreize schafft, sich kritisch mit dem Thema Rehabilitation und der dahinter stehenden Systematik auseinanderzusetzen. Aber auch dieses Onlineangebot verbessert nur für diejenigen Patienten den Zugang, deren Ärzte mit dem CME-Punkte- Anreiz (CME für Continuing Medical Education) erreicht werden konnten.

Um einen systematischen Zugang zur Reha zu ermöglichen, wird es weitergehender Initiativen bedürfen. Wenn es der Gesetzgeber ernst meint mit dem Grundsatz „Reha vor Pflege“ und „Reha vor Rente“ und sich die bereits gewonnene Evidenz der medizinischen Rehabilitation verstätigt5, muss eine Möglichkeit geschaffen werden, den Bedarf an medizinscher Rehabilitation in den Praxen der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen systematisch zu erfassen. Dies könnte zum Beispiel in einem Setting analog der Vorsorgeuntersuchungen geschehen, in dem jeder Patient ab einem bestimmten Alter oder mit definierten Risikoprofilen einen Anspruch auf ein „Screening“ erhält. Bei dieser Untersuchung könnte durch entsprechend qualifizierte Vertragsärztinnen und Vertragsärzte der konkrete Bedarf eruiert und die erforderliche Verordnung gleich ausgestellt werden. Mit diesem Modell würde der Zugang zur medizinischen Rehabilitation systematisiert werden. Das Potential der Reha könnte einem noch größeren Patientenkreis zugänglich gemacht werden. Die Rolle der Vertragsärzteschaft als wesentlicher Wegbereiter zur Reha würde gestärkt werden. Das bedeutet aber auch, dass die damit einhergehende Verantwortung gewissenhaft wahrgenommen werden muss. Die niedergelassenen Fachärztinnen und Fachärzte für Physikalische und Rehabilitative Medizin, die für diese Art von Assessment heute schon qualifiziert wären, könnten erste Ansprechpartner für eine solche Leistung sein. Bleibt also nur noch die Frage, warum es einen solchen Anspruch eigentlich noch nicht gibt!?

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1 Nach Abrechnungsstatistik KBV.

2 Die Zeit, die ein Arzt oder Psychotherapeut für die Behandlung von Patienten zur Verfügung hat, nimmt seit einigen Jahren stetig ab. Mehr dazu unter https://www.kbv.de/html/themen_38343.php.

3 Siehe u.a. Projekt „Mehr Zeit für Behandlung“ unter der Leitung des Nationalen Normenkontrollrates: http://www.kbv.de/media/sp/NKR_Positionspapier_Arztpraxenprojekt.pdf.

4 Fortbildungsportal der KBV: weitere Informationen und Zugang: https://www.kbv.de/html/7703.php.

5 Übersicht der aktuellen Forschungsergebnisse u.a. im Rahmen des 28. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium Deutscher Kongress für Rehabilitationsforschung: http://forschung.deutsche-rentenversicherung.de/ForschPortalWeb/ressource?key=tagungsband_28_reha_kolloqu_15th_efrr.pdf.