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Teilhabe braucht Rehabilitation

Blicke zurück in die Zukunft

Edited By Helga Seel

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) ist der Zusammenschluss der Rehabilitationsträger. Seit 1969 fördert sie im gegliederten Sozialleistungssystem die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Die BAR koordiniert und unterstützt das Zusammenwirken der Reha-Träger, vermittelt Wissen und arbeitet mit an der Weiterentwicklung von Rehabilitation und Teilhabe. Ihre Mitglieder sind die Träger der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Unfallversicherung, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesländer, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die Sozialpartner.

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Gemeinsame Anfänge – gemeinsame Etappen – gemeinsame Herausforderungen

Gemeinsame Anfänge – gemeinsame Etappen – gemeinsame Herausforderungen

von Dr. Susanne Gebauer, Vorstandsvorsitzende Bundesverband Deutscher Berufsförderungswerke e. V.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) besteht seit 50 Jahren. Als „gleichaltriger“ Weggefährte gratulieren wir und nehmen das gerne zum Anlass für eine kleine Zusammenschau, was uns als Berufsförderungswerke mit der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation von Anfang verbunden hat, woran wir über fünf Jahrzehnte hinweg gemeinsam gearbeitet haben und was uns in der Zukunft umso mehr verbinden wird.

Gemeinsamer Entstehungskontext

Ein kurzer Blick zurück in die Bundesrepublik Deutschland der 1960er Jahre: das Jahrzehnt des starken und anhaltenden Wirtschaftswachstums, die Bundesanstalt für Arbeit vermeldet „Vollbeschäftigung“. Allerdings – so konstatierte die Bundesregierung in ihrem Sozialbericht vom Jahr 1970 –

„gibt es große soziale Gruppen, die aus eigener Kraft nicht an der allgemeinen Wohlstandssteigerung und am sozialen Fortschritt teilhaben.“

Verwiesen wurde hier insbesondere auf behinderte Menschen, damals beziffert mit einer Zahl von rund vier Millionen. Ihnen sollten verstärkt Hilfen zur Eingliederung oder Wiedereingliederung in Arbeit, Beruf und Gesellschaft zuteilwerden. Zur Umsetzung dieser Zielsetzung verkündete der damalige Bundesarbeitsminister Walter Arendt im April 1970 das „Aktionsprogramm der Bundesregierung zur Förderung der Rehabilitation der Behinderten“. Anknüpfend an die mit dem Berufsbildungsgesetz und dem Arbeitsförderungsgesetz im Vorjahr auch für behinderte Menschen neu geregelten Rechtsansprüche konkretisiert dieses Programm umfassende, über die öffentliche Hand finanzierte Maßnahmen – angefangen von der besseren Koordinierung der Leistungen im gegliederten Sozialsystem über die Beratung bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit. Ein weiterer Programmpunkt zielt auf die Schaffung von bis dahin fehlenden Einrichtungen der Rehabilitation ab – namentlich hier auch „zur beruflichen Umschulung von Behinderten“.

Aufsetzend auf bereits im Nachkriegsdeutschland entstandene, vereinzelte Förderstrukturen gelang es mit dem Aktionsprogramm, ein flächendeckendes ←173 | 174→Netz zur beruflichen Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen zu etablieren. Dazu gehören neben den Berufsbildungswerken und den Werkstätten für Menschen mit Behinderungen die Berufsförderungswerke, welche sich bereits im Jahr 1968 zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen hatten. Die in der Gründungsurkunde festgehaltenen Grundsätze haben auch nach über 50 Jahren noch Bestand und sind Kernelemente der Satzung des heutigen Bundesverbands Deutscher Berufsförderungswerke: zum einen die enge fachliche Zusammenarbeit zur Entwicklung von gemeinsamen Mindestanforderungen für die berufliche Förderung von Menschen mit Behinderungen, damit einhergehend zum anderen die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Rehabilitationsträgern und der Politik. Aus diesem Selbstverständnis heraus war es für die Berufsförderungswerke auch eine wichtige wie gerne wahrgenommene Aufgabe, die Entstehung und Entwicklung der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation aktiv zu begleiten.

Gemeinsame Etappen

In den vergangenen 50 Jahren haben sich die Gesellschaft und die Arbeitswelt enorm verändert. Daher wurden auch immer wieder neue Antworten gesucht, wie man unter den sich wandelnden Lebens- und Arbeitsbedingungen Behinderungen umgehen, überwinden oder zumindest ausgleichen kann. Dies spiegelt sich zunächst in dem über die letzten Jahrzehnte hinweg stark veränderten Rechtsrahmen wider – so zum Beispiel in dem 1974 in Kraft getretenen Reha-Angleichungsgesetz, in der 1994 wirksam gewordenen Ergänzung des Gleichheitsgrundsatzes im Grundgesetz, ebenso mit der Einführung des SGB IX, durch die Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention und zuletzt durch das Bundesteilhabegesetz. Bis heute nachwirkende, erhebliche Zäsuren ergaben sich für die Berufsförderungswerke allerdings auch durch die sogenannte Hartz-Reformen, welche sich unmittelbar auf den Zugang von langzeitarbeitslosen Menschen ins Reha-System ausgewirkt haben. Diesen Veränderungen haben sich die Berufsförderungswerke in den letzten fünf Jahrzehnten aktiv gestellt.

Das Leistungsangebot wurde kontinuierlich weiterentwickelt – sowohl unter der Perspektive des individuellen Bedarfs der zu fördernden Menschen mit den Prämissen „Selbstbestimmung und Partizipation“, als auch mit Blick auf den Arbeitsmarkt und die veränderten Kompetenzanforderungen. Bereits in den 1990er Jahren wurden neue betriebsnahe rehabilitative Angebote entwickelt, wie sie heute beim überwiegenden Teil der Leistungserbringer zu finden sind. Ein großer Schritt war die im Zuge der deutschen Wiedervereinigung vorgenommene Erweiterung des Netzplans auf die neuen Bundesländer. Die schnelle ←174 | 175→Errichtung der neuen Berufsförderungswerke wurde realisiert, indem westdeutsche Einrichtungen Partnerschaften übernahmen und mit ihren Kompetenzen den Aufbau begleiteten. Darüber hinaus haben die Berufsförderungswerke eine Vielzahl von Modellvorhaben, Forschungsprojekte und größere Initiativen zur Weiterentwicklung des Systems der beruflichen Rehabilitation initiiert und gemeinsam mit den Netzwerkpartnern durchgeführt.

Meilensteine waren die Einführung eines handlungsorientierten Ausbildungskonzepts, die Entwicklung des neuen Reha-Modells und die Initiative RehaFutur. Auch dabei war die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation ein wichtiger Wegbegleiter. Die daraus hervorgegangenen Impulse, die entwickelten Handlungsfelder und die dabei entstandenen Konzepte sind zugleich die Basis, um sich zukunftsfest auszurichten.

Gemeinsame Herausforderungen

Megatrends wie der demografische Wandel, der damit verbundene Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials und älter werdende Belegschaften machen wirksame und effiziente Rehabilitationsprozesse zukünftig noch bedeutsamer. Stationäre Angebote werden weiterhin benötigt, aber die Grenzen und Übergänge zu ambulanten Leistungen werden stärker ineinanderfließen. Vor dem Hintergrund des Bundesteilhabegesetzes haben alle Akteure den erneuten Auftrag erhalten, die Zusammenarbeit zu intensivieren und die Versorgung spezieller Zielgruppen zu verbessern (z. B. Menschen mit psychischen Erkrankungen).

Medizinische und berufliche Rehabilitation müssen sich damit befassen, wie sie die Zusammenarbeit verzahnen, Übergänge verbessern und die Rehabilitationsprozesse im Sinne der Betroffenen effizienter gestalten können. Die Digitalisierung ist ein weiterer Megatrend, der schon heute eine zunehmende Rolle spielt und in Zukunft verstärkte Auswirkungen auf die berufliche Rehabilitation haben wird. Dies betrifft sowohl Qualifizierungsinhalte im Rahmen der beruflichen Rehabilitation, aber auch neue Assistenzsysteme für Menschen mit Behinderungen, ebenso die Prozess- und Strukturqualität mit besonderem Fokus auf die Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die Zusammenarbeit und Vernetzung mit Unternehmen und eine darauf ausgerichtete Weiterentwicklung des Leistungsspektrums wird ebenfalls Gegenstand der perspektivischen Weiterentwicklung sein. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen werden auf unterstützende Angebote und Kooperation angewiesen sein, da sie nicht eigene Ressourcen für betriebliche Gesundheitspolitik oder Rehabilitationsprozesse einsetzen können.

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Die gegenwärtige Offenheit gegenüber den Themen Inklusion und Diversity sowie die vorhandenen Fachkräfteengpässe können hier als Türöffner genutzt werden.

Weiterhin gilt es, die Rehabilitationsprozesse noch stärker am Individuum auszurichten und flexible und passgenaue Angebote bereitzustellen. Der Bundesverband Deutscher Berufsförderungswerke versteht sich hier als Plattform, über die diese Entwicklungsprozesse begleitet und gestaltet werden. Und er bleibt aktiver Partner der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, um gemeinsam Lösungen für künftige sozial und arbeitsmarktpolitische Herausforderungen zu entwickeln.

Abb. 1: Metalllehrgang in den 1950er Jahren, Quelle: INN-tegrativ gGmbH

Abb. 2: Rehabilitand an der CNC-Maschine im BFW Sachsen-Anhalt. Quelle: BV BFW/Kruppa

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