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Teilhabe braucht Rehabilitation

Blicke zurück in die Zukunft

Edited By Helga Seel

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) ist der Zusammenschluss der Rehabilitationsträger. Seit 1969 fördert sie im gegliederten Sozialleistungssystem die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Die BAR koordiniert und unterstützt das Zusammenwirken der Reha-Träger, vermittelt Wissen und arbeitet mit an der Weiterentwicklung von Rehabilitation und Teilhabe. Ihre Mitglieder sind die Träger der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Unfallversicherung, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesländer, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die Sozialpartner.

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Umfassende Bedarfsermittlung und individuelle Leistungserbringung im Fallmanagementkonzept

Umfassende Bedarfsermittlung und individuelle Leistungserbringung im Fallmanagementkonzept

von Prof. Dr. Christian Rexrodt, Sozialpolitik und Soziale Sicherung, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

Die gesellschaftlichen Veränderungen, allem voran der demografische Wandel mit dem anstehenden Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge und die niedrige Geburtenrate der letzten Jahrzehnte, wirken sich zwangsläufig auch auf die Prozesse der gesetzlichen Rentenversicherung aus. Hinzu kommt der Wandel der Arbeitswelt, der durch eine zunehmende Digitalisierung und Flexibilisierung durch zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten geprägt ist.1 Atypische Beschäftigungsverhältnisse, zum Beispiel in Form von Crowdworking, nehmen zu. Letztendlich und nicht zuletzt auch durch diese hier in aller Kürze skizzierten Veränderungen ist auch eine Zunahme psychischer Erkrankungen zu verzeichnen.2

Diesen Herausforderungen ist im Kontext der Rehabilitation durch die am individuellen Bedarf ausgerichtete Leistungserbringung zu begegnen. Oberstes Ziel der Rehabilitation ist die gleichberechtige und selbstbestimmte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft. Um dies erreichen zu können, ist über die rein medizinischen Aspekte einer Erkrankung bzw. eines Gesundheitsschadens hinaus die ganzheitliche Betrachtung der Lebenssituation einer Person erforderlich. Die Grundlage dafür bietet die Orientierung am bio-psycho-sozialen Modell der ←215 | 216→International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF), denn die dort beschriebenen Kontextfaktoren haben entscheidenden Einfluss auf die Sicherung der Teilhabe.

Die konsequente Bedarfsorientierung führt zwangsläufig dazu, dass die in der Rehabilitation etablierten Standardversorgungspakete durch neue Formen der leistungsträger- und leistungserbringerübergreifenden Koordination und Kooperation ergänzt werden müssen. Insbesondere bei komplexen Fallgestaltungen, bei denen problematische Kontextfaktoren den Erfolg der Rehabilitation gefährden, sind individuell konfigurierte, ziel- und passgenau auf die Belange der Rehabilitanden zugeschnittene Rehabilitationspfade unter Einbindung verschiedener Akteure zu gestalten. Dies erfordert eine auf dem Handlungskonzept Case Management basierende trägerübergreifende Form der Steuerung.

Im Bundesteilhabegesetz (BTHG) finden sich folgerichtig Ansatzpunkte, die eine entsprechende Vorgehensweise nahelegen. Die umfassende Bedarfsermittlung und das Teilhabeplanverfahren sind zwei Bausteine, die die Individualisierung und Bedarfsorientierung der Rehabilitation fördern.

Vor diesem Hintergrund führen bereits heute einzelne Rentenversicherungsträger ein Fallmanagement durch, um die langfristige berufliche (Wieder-)Eingliederung zu fördern. Um diese Ansätze weitegehend zu verankern, wurde in den letzten Jahren ein auf dem Handlungskonzept Case Management basierendes Fallmanagementkonzept entwickelt, das bei allen Rentenversicherungsträgern Anwendung finden könnte. In den kommenden Jahren wird dieses Konzept im Zuge einer „rehapro“- Förderung gemäß § 11 SGB IX deutschlandweit in vier Modellregionen in die Erprobung gehen.3

Das Konzept basiert auf einer mehrstufigen Vorgehensweise bei der Bedarfsermittlung und der Leistungserbringung auf Grundlage des bio-psycho-sozialen Modells und damit unter Einbezug der fördernden und hemmenden Einflüsse der personen- und umweltbezogenen Kontextfaktoren. Der Prozess der Bedarfsermittlung ist in der Abbildung ausschnittweise dargestellt.

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Ausschnitt Fallidentifikation und Bedarfsermittlung im Fallmanagementkonzept der Deutschen Rentenversicherung – DRV (Quelle: DRV 2017)

Im Zuge einer Erstberatung findet eine grundlegende Bedarfsermittlung statt. In Abhängigkeit von der sich abzeichnenden Komplexität der Problemsituation wird im Anschluss eine ergänzende Informationsermittlung (Stufe 1), ein vertiefendes Assessment (Stufe 2) oder in besonders komplexen Fällen ein detailliertes Assessment durchgeführt (Stufe 3).

Alle drei Stufen basieren auf der Orientierung am individuellen Bedarf der Versicherten unter Berücksichtigung ihrer Ressourcen. Die Zuordnung zu einer Intensitätsstufe ist dabei jedoch nicht endgültig, sie kann angepasst werden, wenn sich zum Beispiel Kontextfaktoren ändern oder neue Sachverhalte bekannt werden.

Stufe 1 beinhaltet eine Basisberatung/-begleitung bei Rehabilitationsbedarf und Bedarf an personalisierter Beratung und Begleitung. Werden im Rahmen der Beratung für den Rehabilitationsverlauf erschwerende Bedingungen offensichtlich, wird geprüft, inwieweit eine Unterstützung durch ein fallgruppenorientiertes oder individuelles Fallmanagement (Stufe 2 und 3) notwendig ist.

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Das fallgruppenorientierte Fallmanagement der Stufe 2 kommt bei häufig wiederkehrenden, ähnlichen Fallkonstellationen mit erhöhter Bedarfslage zum Einsatz. Zur Zielerreichung ist Beratung, Begleitung und Koordination notwendig. Diese Stufe ist gekennzeichnet durch fallgruppenorientierte Versorgungspfade, die auf Besonderheiten der Gruppe ausgerichtet sind und hierzu ein vernetztes Vorgehen im Rahmen bestehender Programme anbieten. Das fallgruppenorientierte Fallmanagement kann sowohl auf spezifische Erkrankungsgruppen als auch auf andere, die berufliche Wiedereingliederung erschwerende Problemlagen, wie Langzeitarbeitslosigkeit, ausgerichtet sein. In dieser Stufe bestehen für häufige Fallkonstellationen bereits geeignete Pfade und Netzwerkstrukturen, die für die fallbezogene Arbeit genutzt werden können, so dass von einem mittleren Koordinationsaufwand ausgegangen werden kann. Dort, wo die bestehenden fallgruppenorientierten Pfade und Netzwerkstrukturen nicht mehr ausreichen, ist der Übergang zum individuellen Fallmanagement angezeigt.

Während in den Stufen 1 und 2 weitgehend standardisierte Regelversorgungspfade zum Einsatz kommen, findet in der Stufe 3 eine individuelle Teilhabeplanung statt. Im Teilhabeplan werden dann die erforderlichen Maßnahmen mit Verantwortlichkeiten unter Einbindung aller beteiligten Leistungsträger und Leistungserbringer sowie weiterer Akteure, zum Beispiel Angehöriger und Arbeitgeber, festgehalten und terminiert. Zur Zielerreichung sind Beratung, intensive Begleitung und individualisierte Koordination notwendig. Es ist ein hoch individuelles Vorgehen mit einer Vernetzung zwischen allen am Prozess beteiligten Akteuren geboten. Die notwendigen Netzwerksstrukturen müssen mitunter zunächst aufgebaut werden, der Koordinationsaufwand ist folglich hoch. Die spezifischen Vorgehensweisen im individuellen Fallmanagement erfordern entsprechend qualifiziertes Personal und sind gegenüber den Stufen 1 und 2 mit einem erhöhten Ressourcenbedarf verbunden.

Zur Umsetzung des Konzepts bedarf es in jedem Fall einer systematischen Verankerung auf der Organisations- und Netzwerkebene. Effektivität und Effizienz sind nur zu erreichen, wenn alle Beteiligten die Grundsätze des Fallmanagements berücksichtigen. Eine interinstitutionelle Vernetzung zwischen Sozialleistungsträgern, Beratungsstellen, Rehabilitationseinrichtungen ist daher zwingend erforderlich.

Nur mit trägerübergreifendem Denken und Handeln, ist selbstbestimmte Teilhabe in komplexen Lebenssituationen zu erreichen. Der Handlungsansatz des Case Managements kann hier einen wertvollen Beitrag leisten.

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1 Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2017). Weissbuch: Arbeiten 4.0. https://issuu.com/support.bmaspublicispixelpark.de/docs/161121_wei__buch_final?e=26749784/43070404 [Abruf 20.6.2019]

2 vgl. Badura, B., Ducki, A., Schröder, H., Klose, J., Meyer, M. (Hrsg.) (2016). Fehlzeiten-Report 2016 Unternehmenskultur und Gesundheit - Herausforderungen und Chancen. Berlin: Springer.BKK Dachverband (2015). Langzeiterkrankungen. Zahlen, Daten, Fakten. https://www.bkk-dachverband.de/fileadmin/publikationen/gesundheitsreport_2015/BKK_Gesundheitsreport_2015.pdf [Abruf 20.6.2019] Badura, B., Ducki, A., Schröder, H., Klose, J., Meyer, M. (Hrsg.) (2016). Fehlzeiten-Report 2016 Unternehmenskultur und Gesundheit - Herausforderungen und Chancen. Berlin: Springer.

3 DRV Hrsg. (2017). Konzept zum „Fallmanagement bei Leistungen zur Teilhabe“ der Deutschen Rentenversicherung https://www.deutsche-rentenversicherung.de/SharedDocs/Downloads/DE/Experten/reha_forschung/forschungsprojekte/abschlussbericht_fallmanagement_konzept.html;jsessionid=6C24FF5EF1F6F5FA943E2B381740E030.delivery2-3-replication [Abruf 10.9.2019]