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Professionelles Schreiben in mehreren Sprachen

Strategien, Routinen und Sprachen im Schreibprozess

Series:

Sabine E. Dengscherz

Wie schreiben professionelle Schreiber*innen? Wie passen sie ihre Strategien, Routinen und sprachlichen Ressourcen situativ an? In 17 Fallstudien wird Mustern und Zusammenhängen in Schreibprozessverläufen mehrsprachiger Schreiber*innen nachgegangen: 13 Studierende und 4 Wissenschaftler*innen haben Schreibsessions im Real life writing mit Screen-Capturing-Software aufgezeichnet und in Interviews über ihre Sprach(en)- und Schreibbiographien Auskunft gegeben. Auf der Cross-Case-Analyse dieser 17 Fallstudien basiert das PROSIMS-Schreibprozessmodell, das die spezifischen Einflussfaktoren und dynamischen Wechselbeziehungen in Schreibsituationen konzipiert und visualisiert. Es wird durch eine umfassende interdisziplinäre Diskussion einschlägiger Fachdiskurslinien kontextualisiert.

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Schlussbetrachtung

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Schlussbetrachtung

Erfolgreiche Schreiber*innen ‚antworten‘ auf Anforderungen und Herausforderungen im Schreibprozess mit einem flexiblen Repertoire an Strategien und Routinen. Die Fallstudien zeigen 17 Schreiber*innen in einer Vielfalt von Schreibsituationen: Ihre Aktivitäten im Schreibprozess basieren auf spezifischen Stärken und Schwächen, individuellen Schreiberfahrungen, Vorlieben und Bedürfnissen. Mit ihren Strategien und Routinen und dem Einsatz sprachlicher Ressourcen im Schreibprozess reagieren sie auf die jeweils spezifischen Bedingungen von Schreibsituation, die sich im Laufe des Schreibprozesses dynamisch ändern. In dieser Dynamik liegt die Individualität des Schreibverhaltens – und seine situative Verankerung.

Wenn – wie im dreiteiligen PROSIMS-Schreibprozessmodell – auf den Einsatz von Strategien, Routinen und Sprachen in spezifischen Schreibsituationen fokussiert und dieser Einsatz im Zusammenhang mit spezifischen heuristischen und rhetorischen Anforderungen und Herausforderungen (HRAH) analysiert wird, schafft dies die Grundlage für ein tieferes Verständnis von Teilaktivitäten in ihrer situativen und individuellen Variation. Dass Einflussfaktoren auf Schreibsituationen statt Teilaktivitäten modelliert werden, macht das Modell offen für eine größere Bandbreite an Vorgehensweisen und ermöglicht ein differenzierteres Verständnis von Schreibstrategien. Es wird nachvollziehbar, dass Strategien dann entwickelt und angewendet werden, wenn sie gebraucht werden – und dass Schreiber*innen, solange ihnen das Schreiben leicht fällt, nicht unbedingt über ein reichhaltiges Strategienrepertoire verfügen (müssen). Strategien sind erforderlich, wenn Schreiber*innen den Bereich der Routinetexte verlassen und sich Herausforderungen stellen. Deshalb ist die Unterscheidung zwischen Anforderungen und Herausforderungen im HRAH-Konzept so wesentlich.

Professionelles Schreiben braucht Effizienz und Geduld. Die Prozessorientierung ermöglicht, Textgenese aus einer Entwicklungsperspektive zu betrachten. Aus diesem Blickwinkel ist ein Text, der die Anforderungen nicht erfüllt, nicht ‚misslungen‘, er ist vielmehr ‚unfertig – und kann bzw. muss noch überarbeitet, umstrukturiert, umformuliert werden, so lange, bis er die nötigen Anforderungen erfüllt. Diese Schritte sind übliche Teilaktivitäten in Schreibprozessen, sie gehören zur Erfüllung komplexer Schreibaufgaben dazu. Wie Teilaktivitäten vollzogen werden, in welcher Reihenfolge und Intensität, und in welchen Phasen des Schreibens, variiert individuell und situativ. Dass sie vollzogen werden, ist jedoch bei so gut wie allen Schreiber*innen zu beobachten, sobald die Schreibaufgabe eine gewisse Komplexität erreicht hat (und damit die Kapazitätsobergrenze dessen übersteigt, was noch gleichzeitig in einem Schwung bewältigt werden kann). Zuweilen besteht die Komplexitätssteigerung darin, dass in einer L2 geschrieben wird bzw. werden soll. Individuelle Professionalisierung der Schreibprozessorganisation bedeutet, dass Schreiber*innen ihre Möglichkeiten und Grenzen ausloten, ←661 | 662→und dass sie lernen Routinen und Strategien so einsetzen, dass diese ihnen helfen, die Anforderungen und Herausforderungen einer Schreibsituation zu bewältigen und auf dem Weg zum Zieltext einen Schritt weiter zu kommen.

Das dreiteilige PROSIMS-Schreibprozessmodell zielt darauf ab, die Individualität und Situationsgebundenheit von Schreibprozessabläufen mehrperspektivisch zu erfassen. Werden Schreibprozesse als Verkettung von Schreibsituationen modelliert, wie dies im Situationen-Abfolge-Modell (SAM) geschieht, wird veranschaulicht, wie die jeweils spezifischen Teilaktivitäten aus einer Schreibsituation heraus die Dynamik des Schreibprozesses bestimmen: Was Schreiber*innen in einer Schreibsituation tun, schafft jeweils die Ausgangsbedingungen der nächsten. Jede Schreibsituation ist durch spezifische Bedingungen gekennzeichnet. Das Situationen-Zoom-Modell (SZM) initiiert einen genaueren Blick in die Schreibsituation und fokussiert auf diese Bedingungen. Schreiber*innen unterscheiden sich darin, welche Bedingungen sie sich in einer Schreibsituation wünschen und welche Teilaktivitäten sie gerne ausführen. Schreiber*innen, die ihren Schreibprozess gut ‚im Griff‘ haben, gelingt es, Schreibsituationen zu schaffen, die sie beim Weiterschreiben vorfinden möchten. Dabei werden immer wieder Kompromisse geschlossen zwischen dem, was sich in der aktuellen Schreibsituation gut anfühlt und den Zielen für die nächste(n). Das Situationen-Wechselwirkungen-Modell (SWM) fokussiert auf die Wechselwirkungen in der Schreibsituation, von denen diese Entscheidungen und damit das Schreibverhalten abhängen.

Keine Strategie ist ‚ideal‘ an sich. Alle haben Vor- und Nachteile, sind für manche Schreiber*innen, Schreibsituationen und Zwecke gut geeignet, für andere weniger. Erfolgreiche Schreiber*innen verfügen über ein gewisses Repertoire an Strategien und Routinen, die situativ adaptierbar sind, und können realistisch einschätzen, was mit einer bestimmten Teilaktivität in einer Schreibsituation erreicht werden, welche Funktion sie erfüllen kann, welche potentiellen Stolpersteine beachtet werden müssen und für welche Teilziele es noch einmal andere Strategien braucht. Zur Expertise gehört eine erfahrungsbasierte Einschätzung dessen, was in einem Schritt, aus einer Schreibsituation heraus, in einer bestimmten (Ziel-)Sprache, in einer Stunde, an einem Tag, in einer Woche oder einem Monat für einen Text getan werden kann. Die Analyse der individuellen Schreibprozessabläufe in den 17 Fallstudien hat gezeigt, welche Strategien es jeweils sind, die erfolgreiche Schreiber*innen in spezifischen Schreibsituationen anwenden und welche Rolle der Einsatz unterschiedlicher Sprachen aus dem Repertoire dabei spielt.

Das dreiteilige PROSIMS-Schreibprozessmodell fokussiert auf diese dynamischen Abläufe, individuellen Voraussetzungen und situativen Bedingungen in wechselnden Situationen im Schreibprozess. Einflussfaktoren und Wechselwirkungen in Schreibsituationen werden auf einer Metaebene visualisiert, das Modell kann als Beschreibungsmodell oder Analysegrundlage individueller Schreibprozesse fungieren. Aus den 17 Fallstudien heraus ist es zunächst als Beschreibungsmodell für die Muster und Zusammenhänge in den individuellen Schreibprozessen entstanden und zusehends als Grundlage für die weitere Analyse der Schreibprozesse in den Fallstudien herangezogen worden.

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Da das PROSIMS-Schreibprozessmodell darauf abzielt, individuelle Schreibprozessabläufe, Strategien und Routinen in ihrer Situiertheit und Funktionalität besser zu verstehen, kann es in Schreibdidaktik und Schreibberatung als Reflexionsgrundlage individuellen Aktual- und/oder Habitualverhaltens herangezogen werden. Es kann Schreiber*innen und Schreibberater*innen dazu anregen, über ihr Schreibhandeln in seinem jeweils spezifischen Bedingungsgefüge nachzudenken und somit individuelle Professionalisierung unterstützen.

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