Show Less
Restricted access

Grammatik und Ideologie

Feminisierungsstrategien im Russischen und Polnischen aus Sicht der Wissenschaft und Gesellschaft

Series:

Edited By Dennis Scheller-Boltz

Dieses Buch beleuchtet das Verhältnis von Grammatik und Ideologie im Russischen und Polnischen. Anhand der Regeln und Normen, die die sprachliche Darstellung von Geschlecht – insbesondere des weiblichen Geschlechts – bestimmen, illustriert der Autor, wie Sprachnormen durch Autoritäten festgesetzt werden, wie Sprachnormen über die Gesellschaft hinweg bestehen bleiben, aber auch wie Sprachnormen durch die Gesellschaft verändert werden können. Im Fokus stehen dabei die Fragen: Wie weit ist die Feminisierung des Russischen und Polnischen fortgeschritten? Welche sprachpolitischen und sprachplanerischen Maßnahmen werden gegenwärtig zur Gewährleistung einer geschlechtergerechten Sprache erhoben? Ist die russische und polnische Gesellschaft überhaupt offen für eine Feminisierung der Sprache? Es zeigt sich: Der Gebrauch sowie die Ablehnung von Feminativa beruhen auf Ideologien – ein Phänomen, dem für gewöhnlich sehr vorsichtig begegnet wird und das im Zusammenhang mit den in einer Gesellschaft vorherrschenden Standpunkten und Bewertungen diskutiert werden muss. Dabei spielen Feminativa im Russischen und Polnischen eine wesentlich größere Rolle als in der Regel gedacht. Feminativa sind auch nicht so ungewöhnlich, wie gemeinhin behauptet. Vielmehr lässt sich feststellen: Ideologien wirken sich auf die Normierung von Sprache und damit auf die Möglichkeiten aus, wie Sprache geschlechtergerecht gestaltet wird – oder eben nicht.

Show Summary Details
Restricted access

2 Geschlecht in und durch Sprache: Der Mythos der Zweigeschlechtlichkeit

2 Geschlecht in und durch Sprache: Der Mythos der Zweigeschlechtlichkeit

Extract

Einige feminine Strukturen lassen sich heute bereits als alltägliche sprachliche Erscheinungen auffassen, die sich in die Richtung des Usus und sogar der Norm bewegen (Marinova 2006). Andere feminine Strukturen sind dagegen eher als Novi zu charakterisieren, sodass ihr weiterer Verlauf und Verbleib bislang unklar sind und abzuwarten bleiben. Sie scheinen zum derzeitigen Zeitpunkt eher textsortengebunden und soziolinguistisch auffällig und damit an eine bestimmte Gemeinschaft gebunden, die durch den Gebrauch eigene Interessen vertreten will.

Die vorliegende Arbeit wird zeigen, dass die Tendenz zur sprachlichen Feminisierung eine relevante Rolle und Funktion erfüllt und dem aktuellen Sprachwandel angehört, dass jedoch die Frage noch nicht endgültig geklärt ist, wie sich die Tendenz beschreiben lässt und wie sich ihre sprachlich hervorgebrachten Produkte zwischen Tendenz, Usus und Norm einfügen. Die Feminisierung der Sprache legt sprachliche Bedürfnisse offen und verdeutlicht, dass bestehende Traditionen und Normen nicht dazu geeignet sind, diese Bedürfnisse zu befriedigen (Andersen 2009: 27). Es gilt daher, feminine Strukturen hinsichtlich bestehender Normen und Traditionen auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen und unter Berücksichtigung von „living norms“ (Andersen 2009: 27-31) zu fragen, ob Normen und Traditionen heute nicht neu überdacht werden müssen.

Die Unterscheidung zwischen sex und gender, die in Analogie zu dem Verhältnis von Natur und Kultur vorgenommen wurde, richtete sich gegen die mit der Polarisierung der Geschlechtercharaktere einhergehenden Schlußfolgerungen, wonach die unterschiedlichen Geschlechterrollen als Ausdruck der ›natürlichen‹ Eigenschaften von Frauen und Männern angesehen und...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.