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Grammatik und Ideologie

Feminisierungsstrategien im Russischen und Polnischen aus Sicht der Wissenschaft und Gesellschaft

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Edited By Dennis Scheller-Boltz

Dieses Buch beleuchtet das Verhältnis von Grammatik und Ideologie im Russischen und Polnischen. Anhand der Regeln und Normen, die die sprachliche Darstellung von Geschlecht – insbesondere des weiblichen Geschlechts – bestimmen, illustriert der Autor, wie Sprachnormen durch Autoritäten festgesetzt werden, wie Sprachnormen über die Gesellschaft hinweg bestehen bleiben, aber auch wie Sprachnormen durch die Gesellschaft verändert werden können. Im Fokus stehen dabei die Fragen: Wie weit ist die Feminisierung des Russischen und Polnischen fortgeschritten? Welche sprachpolitischen und sprachplanerischen Maßnahmen werden gegenwärtig zur Gewährleistung einer geschlechtergerechten Sprache erhoben? Ist die russische und polnische Gesellschaft überhaupt offen für eine Feminisierung der Sprache? Es zeigt sich: Der Gebrauch sowie die Ablehnung von Feminativa beruhen auf Ideologien – ein Phänomen, dem für gewöhnlich sehr vorsichtig begegnet wird und das im Zusammenhang mit den in einer Gesellschaft vorherrschenden Standpunkten und Bewertungen diskutiert werden muss. Dabei spielen Feminativa im Russischen und Polnischen eine wesentlich größere Rolle als in der Regel gedacht. Feminativa sind auch nicht so ungewöhnlich, wie gemeinhin behauptet. Vielmehr lässt sich feststellen: Ideologien wirken sich auf die Normierung von Sprache und damit auf die Möglichkeiten aus, wie Sprache geschlechtergerecht gestaltet wird – oder eben nicht.

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3.3 Identifikation als wirklichkeitsbezogene Sprachfunktion

3.3 Identifikation als wirklichkeitsbezogene Sprachfunktion

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Männlichkeiten für sich genommen gibt es nicht; sie machen erst in Relation zu Weiblichkeiten Sinn (Degele 2007: 32).

Beide Lexeme und ihre Bedeutungen, Mädchen und Junge, können nur aufgrund ihrer Opposition zueinander existieren, woraus zunächst ersichtlich wird, dass wir in unserer Wirklichkeit von binären Strukturen ausgehen.35

Once the class “men” disappears, “women” as a class will disappear as well, for there are no slaves without masters (Wittig 1992: 15).

Dadurch wird deutlich, dass die Bedeutung nicht einfach nur gegeben, sondern konstruiert ist, nämlich auf der Grundlage dessen, dass Mädchen und Jungen getrennt und Personen auf der Grundlage beider Kategorien klassifiziert werden. Zudem zeigt sich, dass sich unsere Sichtweise auf die Welt in einer bestimmten Bedeutung festsetzt, die daraufhin ohne zu hinterfragen Gültigkeit besitzt (Levontina u.a. 2005: 225). In einem männlichen Kontext kommt dem Substantiv Mädchen nun eine gänzlich andere Funktion zu. Ein Satz, wie Oh Mann, der ist so ein Mädchen!, dient weder einer objektiven Informationsübermittlung noch der Benennung einer männlichen Person. Dieser Aussage liegt augenscheinlich die Intention einer Degradierung zugrunde (vgl. Scheller-Boltz 2017a). Gleichzeitig wird durch diese Aussage ein androzentrisches Weltbild gezeichnet, in dem der Mann als das starke und dominante Gesellschaftsglied gilt und die Frau als schwach, ängstlich, devot und abweichend auftritt. Die auf den ersten Blick geschlechtsneutral anmutende Aussage Mädchen für alles hat hingegen nichts mit dem Geschlecht einer Person zu tun und sie...

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