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Grammatik und Ideologie

Feminisierungsstrategien im Russischen und Polnischen aus Sicht der Wissenschaft und Gesellschaft

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Edited By Dennis Scheller-Boltz

Dieses Buch beleuchtet das Verhältnis von Grammatik und Ideologie im Russischen und Polnischen. Anhand der Regeln und Normen, die die sprachliche Darstellung von Geschlecht – insbesondere des weiblichen Geschlechts – bestimmen, illustriert der Autor, wie Sprachnormen durch Autoritäten festgesetzt werden, wie Sprachnormen über die Gesellschaft hinweg bestehen bleiben, aber auch wie Sprachnormen durch die Gesellschaft verändert werden können. Im Fokus stehen dabei die Fragen: Wie weit ist die Feminisierung des Russischen und Polnischen fortgeschritten? Welche sprachpolitischen und sprachplanerischen Maßnahmen werden gegenwärtig zur Gewährleistung einer geschlechtergerechten Sprache erhoben? Ist die russische und polnische Gesellschaft überhaupt offen für eine Feminisierung der Sprache? Es zeigt sich: Der Gebrauch sowie die Ablehnung von Feminativa beruhen auf Ideologien – ein Phänomen, dem für gewöhnlich sehr vorsichtig begegnet wird und das im Zusammenhang mit den in einer Gesellschaft vorherrschenden Standpunkten und Bewertungen diskutiert werden muss. Dabei spielen Feminativa im Russischen und Polnischen eine wesentlich größere Rolle als in der Regel gedacht. Feminativa sind auch nicht so ungewöhnlich, wie gemeinhin behauptet. Vielmehr lässt sich feststellen: Ideologien wirken sich auf die Normierung von Sprache und damit auf die Möglichkeiten aus, wie Sprache geschlechtergerecht gestaltet wird – oder eben nicht.

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2.2 Sprache und Geschlecht von ca. 1940 bis ca. 1990

2.2 Sprache und Geschlecht von ca. 1940 bis ca. 1990

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Ähnliche Diskrepanzen ließen sich auch für das Polnische beobachten. So schreibt Belczyk-Kohl (2013), dass Movierungsprozesse im Polnischen zu Beginn des 20 Jh. im Zuge der Emanzipationsbewegung und des gesellschaftlichen Wandels sehr beliebt waren, aber dennoch stetiger Kritik und Diskussionen ausgesetzt waren. Zwar wurde die Korrektheit femininer Personenbenennungen in wissenschaftlichen Zeitschriften, wie Poradnik Językowy und Język Polski, vermehrt und eingehend diskutiert, jedoch blieb ein Konsens am Ende aus, sodass Feminativa trotz steigender Frequenz oftmals negativ bewertet wurden.

Oft nämlich ist trotz aller morphologischen Beugungsbereitschaft der Sprache der entsprechende Begriff, das feminine Äquivalent zur maskulin gebrauchten Berufsbenennung, schon semantisch derart belegt, dass die (Selbst-)Benennung mit dem Femininum einen erheblichen Prestigeverlust mit sich bringen würde.

(Rajilić / Kersten-Pejanić 2010: 69)

However, many women […] do not like having a feminine title. In some cases, there might be reasonable grounds for the objection; for instance, German -in has traditionally been used to denote the wife of the man with the title, and it is not surprising that women who hold positions in their own right prefer to make that clear.

(Cameron 1985: 93)

Ab den 1940er/1950er Jahren änderte sich sowohl der Blick auf den Sprachgebrauch als auch auf die Interpretation femininer Personenbenennungen, wofür in erster Linie gesellschaftliche und politische Veränderungen verantwortlich waren (Poticha 1970). Das generische Maskulinum wurde zur geschlechtsneutralen und damit zur geschlechterinkludierenden Benennungsweise erhoben. Frauen sind Männern gegenüber im Gesetz zu diesem...

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