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Grammatik und Ideologie

Feminisierungsstrategien im Russischen und Polnischen aus Sicht der Wissenschaft und Gesellschaft

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Edited By Dennis Scheller-Boltz

Dieses Buch beleuchtet das Verhältnis von Grammatik und Ideologie im Russischen und Polnischen. Anhand der Regeln und Normen, die die sprachliche Darstellung von Geschlecht – insbesondere des weiblichen Geschlechts – bestimmen, illustriert der Autor, wie Sprachnormen durch Autoritäten festgesetzt werden, wie Sprachnormen über die Gesellschaft hinweg bestehen bleiben, aber auch wie Sprachnormen durch die Gesellschaft verändert werden können. Im Fokus stehen dabei die Fragen: Wie weit ist die Feminisierung des Russischen und Polnischen fortgeschritten? Welche sprachpolitischen und sprachplanerischen Maßnahmen werden gegenwärtig zur Gewährleistung einer geschlechtergerechten Sprache erhoben? Ist die russische und polnische Gesellschaft überhaupt offen für eine Feminisierung der Sprache? Es zeigt sich: Der Gebrauch sowie die Ablehnung von Feminativa beruhen auf Ideologien – ein Phänomen, dem für gewöhnlich sehr vorsichtig begegnet wird und das im Zusammenhang mit den in einer Gesellschaft vorherrschenden Standpunkten und Bewertungen diskutiert werden muss. Dabei spielen Feminativa im Russischen und Polnischen eine wesentlich größere Rolle als in der Regel gedacht. Feminativa sind auch nicht so ungewöhnlich, wie gemeinhin behauptet. Vielmehr lässt sich feststellen: Ideologien wirken sich auf die Normierung von Sprache und damit auf die Möglichkeiten aus, wie Sprache geschlechtergerecht gestaltet wird – oder eben nicht.

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2.3 Sprache und Geschlecht nach 1990

2.3 Sprache und Geschlecht nach 1990

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Häufig wird die Möglichkeit einer Movierung abgelehnt. Es lagen jedoch vor 1940 bspw. Lexeme, wie членка, члениха, ораторша, новаторша, vor, deren Existenz nun aber in Frage gestellt bzw. gänzlich verneint wird. Auch konnten Komposita einer Movierung unterliegen, was ab den 1940er Jahren nun nicht mehr möglich scheint.

Einige Feminativa könnten nicht als Personen- und Berufsbenennungen fungieren, da die Formen bereits semantisch belegt seien. Seltsamerweise können aber Maskulina als Personen- und Berufsbenennungen gelten, obschon diese Formen mitunter auch auf Gegenstände referieren können (z.B. проводник, бомбардировщик, тральщик, подборщик, поливщик, зимник, торфяник, ягодник) und damit auch bereits semantisch belegt sind und folglich zwei Sememe realisieren (Švedova 1980: 143f, 167, 184). Bedeutungen sind immer situativkontextuell aushandelbar. Einzelne Lexeme dürfen nie kontext- und situationsisoliert betrachtet und beurteilt werden (Halliday 1978: insb. 109f). Die Annahme, Feminativa könnten aufgrund semantischer Restriktionen nicht verwandt werden, folgt ausschließlich ideologischen Annahmen und zeigt, wie Bedeutung und Sprachgebrauch soziokulturell konstruiert werden (können). Zudem zeigt sich, wie stark und präsent Normativist_innen zu jener Zeit waren. Viele Linguist_innen haben den Sprachgebrauch nicht nur beschrieben, sondern sie haben ihn auch explizit bewertet und dabei offengelegt, wie Sprache richtig und angemessen zu verwenden ist.

Le moissonneur (a harvester) is a man. But if, in line with current debate on the names of occupations, a linguist or legislator wishes to name a woman who harvests la moissonneuse, the word is not available for a female subject: la moissonneuse (harvesting machine) is the tool the male harvester makes use of,...

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