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Grammatik und Ideologie

Feminisierungsstrategien im Russischen und Polnischen aus Sicht der Wissenschaft und Gesellschaft

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Edited By Dennis Scheller-Boltz

Dieses Buch beleuchtet das Verhältnis von Grammatik und Ideologie im Russischen und Polnischen. Anhand der Regeln und Normen, die die sprachliche Darstellung von Geschlecht – insbesondere des weiblichen Geschlechts – bestimmen, illustriert der Autor, wie Sprachnormen durch Autoritäten festgesetzt werden, wie Sprachnormen über die Gesellschaft hinweg bestehen bleiben, aber auch wie Sprachnormen durch die Gesellschaft verändert werden können. Im Fokus stehen dabei die Fragen: Wie weit ist die Feminisierung des Russischen und Polnischen fortgeschritten? Welche sprachpolitischen und sprachplanerischen Maßnahmen werden gegenwärtig zur Gewährleistung einer geschlechtergerechten Sprache erhoben? Ist die russische und polnische Gesellschaft überhaupt offen für eine Feminisierung der Sprache? Es zeigt sich: Der Gebrauch sowie die Ablehnung von Feminativa beruhen auf Ideologien – ein Phänomen, dem für gewöhnlich sehr vorsichtig begegnet wird und das im Zusammenhang mit den in einer Gesellschaft vorherrschenden Standpunkten und Bewertungen diskutiert werden muss. Dabei spielen Feminativa im Russischen und Polnischen eine wesentlich größere Rolle als in der Regel gedacht. Feminativa sind auch nicht so ungewöhnlich, wie gemeinhin behauptet. Vielmehr lässt sich feststellen: Ideologien wirken sich auf die Normierung von Sprache und damit auf die Möglichkeiten aus, wie Sprache geschlechtergerecht gestaltet wird – oder eben nicht.

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3 Gesellschaftliche Sprachbetrachtung und Sprachbewertung

3 Gesellschaftliche Sprachbetrachtung und Sprachbewertung

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Nur in explizit weiblichem Kontext ist eine Angleichung möglich (Doleschal 1992a: 51f).

Russisch

Чтобы быть интересным, тебе надо ...

Чтобы быть интересной, тебе надо ...

Die Hochhaltung des Maskulinums als default gender wird insb. auch im pronominalen Bereich ersichtlich, da hier selbst bei expliziter Referenz auf Frauen oder in weiblichem Kontext jedweder Art stets maskulin kongruiert wird. In diesem Zusammenhang beklagt selbst Corbett (1979a: 50) die wenig aussagekräftigen und wenig objektiven Aussagen und kontroversen Einstellungen zur Ablehnung von anderen – femininen – Formen. Aber vielleicht ist die maskuline Kongruenz bei Pronomina der Tatsache geschuldet, dass z.B. poln: kto resp. russ: кто die Eigenschaft ῾aktives Agens᾿ bzw. ῾aktives Handlungssubjekt᾿ innewohnt und dieses Aktive mit ῾(aktive) Männlichkeit᾿, ῾Aktivität᾿ oder ῾Männlichkeit als aktive Eigenschaft᾿ assoziiert wird. Anderenfalls gestaltet es sich als unlogisch, dass Sprechende in dem Falle, wenn sie an einer Frau vorbeigehen, die sie freundlich grüßt, nicht sagen können: Kто это была, sondern stattdessen die Frage maskulin konstruieren müssen (Kто это был), wohl wissend, dass es sich offensichtlich um eine Frau handelt. Anderenfalls bleibt nur die Variante: Кто была это женщина?

Vom sprachlichen Androzentrismus zeugt auch die Tatsache, dass selbst dann maskulin kongruiert wird, wenn sich Männer innerhalb einer Gruppe in der Minderheit befinden oder womöglich gar nicht einer Gruppe als belebte Wesen angehören, sondern wenn sich neben Frauen nur unbelebte Gegenstände finden lassen (Corbett / Fraser 2000: 83). Nicht zuletzt sind im Russischen die heute üblichen pluralen Adjektivendungen ein Relikt und historisches Indiz für tradierte maskuline Dominanz.

в древнерусском языке прилагательные во множественном числе имели категорию рода (мужской, женский, средний) и соответствующие формы. Затем женский род формально объединился со среднем, но еще отличался от мужского. Система сократилась до двух членов. Потом и эти значения перестали различаться, но на письме противопоставление мужского и «женско-среднего» рода сохранялось довольно долго. Так, еще в XVIII...

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