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Grammatik und Ideologie

Feminisierungsstrategien im Russischen und Polnischen aus Sicht der Wissenschaft und Gesellschaft

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Edited By Dennis Scheller-Boltz

Dieses Buch beleuchtet das Verhältnis von Grammatik und Ideologie im Russischen und Polnischen. Anhand der Regeln und Normen, die die sprachliche Darstellung von Geschlecht – insbesondere des weiblichen Geschlechts – bestimmen, illustriert der Autor, wie Sprachnormen durch Autoritäten festgesetzt werden, wie Sprachnormen über die Gesellschaft hinweg bestehen bleiben, aber auch wie Sprachnormen durch die Gesellschaft verändert werden können. Im Fokus stehen dabei die Fragen: Wie weit ist die Feminisierung des Russischen und Polnischen fortgeschritten? Welche sprachpolitischen und sprachplanerischen Maßnahmen werden gegenwärtig zur Gewährleistung einer geschlechtergerechten Sprache erhoben? Ist die russische und polnische Gesellschaft überhaupt offen für eine Feminisierung der Sprache? Es zeigt sich: Der Gebrauch sowie die Ablehnung von Feminativa beruhen auf Ideologien – ein Phänomen, dem für gewöhnlich sehr vorsichtig begegnet wird und das im Zusammenhang mit den in einer Gesellschaft vorherrschenden Standpunkten und Bewertungen diskutiert werden muss. Dabei spielen Feminativa im Russischen und Polnischen eine wesentlich größere Rolle als in der Regel gedacht. Feminativa sind auch nicht so ungewöhnlich, wie gemeinhin behauptet. Vielmehr lässt sich feststellen: Ideologien wirken sich auf die Normierung von Sprache und damit auf die Möglichkeiten aus, wie Sprache geschlechtergerecht gestaltet wird – oder eben nicht.

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3.3.6 Umfrage Russisch

3.3.6 Umfrage Russisch

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Mitarbeiter in einem Sekretariat werden mehrheitlich als sekretarz bezeichnet. Lediglich zwei Respondent_innen gaben an, auch in männlichem Kontext das Feminativum sekretarka zu verwenden. Zwei Personen präferierten eher die Mehrwortbenennung pracownik sekretariatu.

Diskussionspotenzial birgt ebenfalls die maskuline Benennungseinheit von prostytutka. 13 Respondent_innen halten męska prostytutka für angemessen und geeignet, um auf männliche Prostituierte zu verweisen. Sieben Personen halten sogar das Feminativum prostytutka für geeignet. Die Benennungen gigolo, pan do towarzystwa und pracownik seksualny werden jeweils einmal gewählt. Elf Personen sahen sich hingegen nicht in der Lage, zu prostytutka ein Maskulinum zu bilden, und glauben, dass es zu dieser Personenbenennung bislang noch kein Maskulinum gibt.

An der Umfrage zu Geschlechterassoziationen im Russischen nahmen 28 Befragte teil. Die Umfrage machte nicht deutlich, zu welchem linguistischen Thema sie durchgeführt wurde. Sie trug den Titel Спонтанная речь und vermittelte den Befragten damit, dass es sich hier angeblich um eine Umfrage zum spontanen Sprachgebrauch handelte. Den Befragten wurde mitgeteilt, dass die Umfrage der ←484 | 485→sprachwissenschaftlichen Forschung diene. Das eigentliche Ziel war es allerdings herauszufinden, wie Maskulina im Russischen verstanden werden und ob durch diese Benennungsweise Männer und Frauen gleichberechtigt assoziiert und „mitgemeint“ werden.

Die Umfrage war in drei Teile untergliedert. Im ersten Teil wurden die Proband_innen gebeten, die in einem Kurztext jeweils vorgegebene Lücke so zu füllen, dass sich ein logischer Text ergibt. Einzusetzen galt es lediglich Personaloder Possessivpronomina. Dabei wurden sie explizit darauf hingewiesen, dass sich...

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