Show Less
Restricted access

‚Gotische‘ Architektur in der russischen Literatur

Series:

Edited By Tatjana Kantsavenka

Die vorliegende Untersuchung basiert auf der Relation zwischen Architektur und Literatur. Im Mittelpunkt der Betrachtung befindet sich das Syntagma ‚gotische Architektur‘ und deren Rezeption in der russischen Literatur. Der begriffsgeschichtlichen Herangehensweise annähernd stütz sich der Diskurs auf einen Textkorpus, dessen Bestandteile zwischen 1700 und dem Anfang des 20. Jh. entstanden. Die literarischen Werke wurden nach dem semantischen Wandel und der Funktion der ‚gotischen‘ Bauten befragt. Mithilfe kunsthistorischer Aspekte und eines vielschichtigen Ideen- bzw. Metaphergehalts zeigte sich, dass Begriffe komplexe Inhalte und weitreichende Interpretation in sich tragen können.

Show Summary Details
Restricted access

2 ‚Gotisch‘ im westeuropäischen Kontext

Extract



Der Kunst- und Gartenhistoriker Géza Hajós beginnt in seinem Buch Romantische Gärten der Aufklärung das Kapitel Gothic Revival85 mit folgenden Worten:

„Wie schon diese Bezeichnung zeigt, ging die Wiederentdeckung des gotischen Stils von England aus; dort fand er seine größte Verbreitung in den neuen Landschaftsgärten, die einen geeigneten Rahmen für eine sentimentale Verehrung der Vergangenheit boten. In dem Moment, da Natur nicht mehr als eine durch die Antike vermittelte ewige Norm aufgefaßt wurde, hat man auch die gesamte Bauwelt an der Vergänglichkeit und der ständigen Erneuerung der Natur gemessen. Man suchte nach der ursprünglichen Identität von Natur und Architektur, und die Gotik schien in diesem Zusammenhang des Rätsels Lösung gewesen zu sein.“86

Die Tatsache, dass Gotik verstärkt im 18. Jahrhundert in Westeuropa an Bedeutung gewann, ist unbestreitbar. Für weitere Überlegungen reicht es aus, sich den Wortgebrauch ‚gotisch‘ bis ins 19. Jahrhundert anzuschauen. Die moderne Entwicklung und Konnotation des 20. Jahrhunderts, wie beispielsweise die Subkultur der ‚Gothic-culture‘ bleiben im Weiteren außen vor.

a. Grundlegendes

Laut Klaus Niehr hat ‚gotisch‘ eine über fünfhundertjährige Verwendungsgeschichte, die „ein ausgesprochen weites und differentes Inhaltsspektrum“87 umspannt. Niehr definiert dabei zwei Funktionsaufgaben des Begriffs: die historisch-deskriptive und ästhetisch-normative Aufgabe. Obwohl sich in keinem der Bereiche eine einengende Festlegung bestimmen lässt, sodass die Bezeichnung ‚gotisch‘ ihr:

„[…] Assoziationspotential weniger aus einer konkreten Gestaltung des mit...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.