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Genuss und Arbeit im Angestelltenroman

Von Irmgard Keun bis Elfriede Jelinek

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Lucas Alt

Ist ‚gutes Leben‘ im Kapitalismus möglich? Diese Frage verhandeln Angestelltenromane seit ihrer Entstehung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die vorliegende Studie analysiert das Spektrum zwischen Müssen und Muße, Lust und Frust, Arbeit und freier Zeit vor dem Hintergrund einer allgegenwärtigen Verwertungsmoral. Die interdisziplinäre Darstellung verbindet dabei Ergebnisse der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften und ermöglicht einen Einblick in die paradoxen Psychodynamiken moderner Arbeitsverhältnisse.

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6. Hans Fallada: „Kleiner Mann – was nun?“ – Ideologie des ‚kleinen Glücks‘?

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Will man Angestelltenromane vor dem Hintergrund der Krisenhaftigkeit der anbrechenden 1930er Jahre exemplarisch analysieren, so führt wohl kaum ein Weg an Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ (1932)590 vorbei. Als auch international erfolgreicher und mehrfach verfilmter Roman gilt die Geschichte um den kleinen Angestellten Johannes Pinneberg und seine Frau Emma („Lämmchen“591) als eine der populärsten Erzählungen der Weimarer Republik.592 Wie Irmgard Keuns „Gilgi. Eine von uns“ ←177 | 178→(1931)593 lässt sich Falladas Roman der Literatur der Neuen Sachlichkeit zuordnen. Gemeinsam sind beiden Romanen unter anderem eine rationalistische Ästhetik der Oberfläche und die viel zitierten „Verhaltenslehren der Kälte“594, welche sich am deutlichsten im Sozialverhalten nahezu sämtlicher Figuren als vorwiegend angstgetriebene Askesen des gesellschaftlichen Miteinanders herausbilden. Allerdings unterscheiden sich zentrale Motive in beiden Romanen. So nimmt etwa Gilgi einen hedonistisch-emanzipatorischen Befreiungsschlag vor, als sie sich von Martin und somit von einer vorwiegend patriarchal geprägten Liebes- und Genussökonomie lossagt. An der Problemhaftigkeit und Verhängnisfülle atavistischer Libidokonzepte in ←178 | 179→Zeiten der Krise lässt der progressive Roman dabei keinen Zweifel, wenn er die Beschreibung einer traditionellen familiären Liebesgeschichte direkt mit den schwerwiegenden Folgen der Krise in Beziehung setzt. Gilgis Freunde Hans und Hertha können als zu kinderreiches Ehepaar im Angesicht der Krise jedenfalls nur noch ihre eigene Vernichtung in Betracht ziehen, nicht, ohne Gilgi zuvor über sämtliche Schattenseiten ihres geradezu anachronistisch anmutenden Familiendispositivs unterrichtet zu haben.

Fallada hingegen geht in...

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