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Eine Geschichte des Verhältnisses von Literatur und Wahnsinn

Experimente jenseits der Sprache

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Rasmus Rehn

Geisteskrankheiten als «Pioniere des Fortschritts»? (K. Bayer)


Diese diskursanalytische Studie untersucht die Bedeutung und Funktion psychiatrischen Wissens in der Gegenwartsliteratur. Neben systematischen Analysen der Prosa-Werke einiger zeitgenössischer Autoren bietet diese Untersuchung auch einen historischen Überblick, der zeigt, wie stark die Gegenwartsliteratur von älteren Vorstellungen des Wahnsinns beeinflusst ist.

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1. Eine Reise in den Wahnsinn – historischer Abriss zur Geschichte von Literatur und Wahnsinn

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1.1 Die Geburt des „göttlichen Wahnsinns“ und der Melancholie in der griechischen Antike

Es gab zu allen Zeiten und in jeder Kultur Menschen, die so auffällige Verhaltensweisen zeigten, dass sie von anderen Personen als „geisteskrank“, bzw. „wahnsinnig“ bezeichnet wurden. Im 31. und 32. Kapitel der Mirabilia, einer Sammlung von merkwürdigen Begebenheiten, die Aristoteles zugeschrieben wird, finden sich zwei frühe Zeugnisse für solch ein deviantes Verhalten, das den Anschein erweckt, als handele es sich um die Beschreibung eines Geisteskranken. Dort heißt es, dass in der ägyptischen Stadt Abydos ein Wahnsinniger viele Male in ein Theater gegangen sei und dort Beifall geklatscht habe, obwohl dort zu diesem Zeitpunkt kein Stück aufgeführt wurde. Als er wieder bei Verstand gewesen sei, soll er dieses Ereignis als schönste Zeit seines Lebens bezeichnet haben. Die zweite Geschichte spielt in Tarent und handelt von einem Weinhändler, der immer nachts Wahnsinnsanfälle erlitten habe, während er tagsüber ganz normal seinem Beruf nachgegangen sei und Wein verkauft habe.58 Diese kleinen unkommentierten Anekdoten zeigen, wie schmal die Grenze zwischen krankhaftem und normalem Verhalten ist. Natürlich kann heute nicht mehr festgestellt werden, ob es sich bei dem Theaterbesucher oder dem Weinhändler auch aus klinischer Sicht um psychisch Kranke handelt, oder ob diese Menschen einfach als „merkwürdig“ bezeichnet werden müssen. Das Etikett „wahnsinnig“ wurde in der Geschichte mitunter auch Personen angeheftet, die erkennbar nicht geisteskrank waren, wie dem berühmten griechischen Philosophen...

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