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Eine Promenadologie des Anti-Helden in der Literatur

Erzähltexte von Joseph von Eichendorff, Robert Walser, Thomas Bernhard, Peter Handke und Wilhelm Genazino

Kyungmin Kim

Anti-Helden stellen modellhaft die Auseinandersetzung mit der eigenen, oft problematischen Lebenssituation im sozialen Aspekt des Außenseitertums dar. Mit individuellen menschlichen Schwächen bieten solche Figuren Einblicke in Gedanken, Handlungsmotive und Phantasien. Hieran können Erzählungen dann interessante Wahrnehmungsmodelle exemplifizieren. Für die Protagonisten der ausgewählten Erzähltexte bedeutet das Gehen eine Art Therapie, weil es das Denken als Auseinandersetzung mit dem Selbst stimuliert. Beim Gehen reflektieren sie mit ihren Lebenssituationen ihre bedrohten Identitäten, aber auch Möglichkeiten, neue Poetologien zu entdecken.

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2 Anti-Helden in der Literatur

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Aufgabe des Romans ist es, so schreibt Blanckenburg 1774, den „möglichen Menschen der wirklichen Welt“6 abzubilden und sich „mit den Handlungen und Empfindungen des Menschen“7 zu beschäftigen. Umfassender als vollkommene Helden werden damit Nicht-Helden und Anti-Helden8 dieser Forderung gerecht. Insbesondere aus rezeptionspsychologischen Gründen seien vollkommene Helden aus Romanen auszuschließen, denn der Leser würde angesichts der unerreichbaren Vollkommenheit des Romanhelden an der Darstellung dieser Figur zweifeln sowie an seiner eigenen Unvollkommenheit verzweifeln.9 In die gleiche Richtung geht der Zeitgenosse Engel mit seiner grundsätzlichen Forderung: „nie geht der wahre Poet […] ins Unglaubliche und Unnatürliche über; er beobachtet in seinen Charakteren das Maaß der Menschheit, ohne sie zu Kolossen zu bilden.“10 Dieses Postulat erkennt Kreyssig in der Literatur des 19. Jahrhunderts, die er als „Literatur der Klage, der Verzagtheit, der Hoffnungslosigkeit“ bewertet, als in eine pessimistische Strömung gewendet.11 Dort wird die faktische und ästhetische Unmöglichkeit des Heroischen dem in der politischen und kulturellen Öffentlichkeit propagierten Heroismus gegenübergestellt.12 Der absolute Held zählt nicht länger zu den sonderlich reizvollen Charakteren der Literatur und wird zunehmend von relativen ←15 | 16→oder gar ‚dunklen‘ Helden – auf andere Weise außergewöhnliche Figuren – verdrängt. Damit rückt das Bewusstsein solcher Figuren von sich selbst in den Fokus, der Blick wird nach innen gerichtet und die Beziehung zur Welt reflektiert, sodass Zweifel an sich selbst und am Verhältnis zur Welt intensiver vermittelt werden. Die Unvereinbarkeit der jeweiligen Zielvorstellungen führt...

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