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Eine Promenadologie des Anti-Helden in der Literatur

Erzähltexte von Joseph von Eichendorff, Robert Walser, Thomas Bernhard, Peter Handke und Wilhelm Genazino

Kyungmin Kim

Anti-Helden stellen modellhaft die Auseinandersetzung mit der eigenen, oft problematischen Lebenssituation im sozialen Aspekt des Außenseitertums dar. Mit individuellen menschlichen Schwächen bieten solche Figuren Einblicke in Gedanken, Handlungsmotive und Phantasien. Hieran können Erzählungen dann interessante Wahrnehmungsmodelle exemplifizieren. Für die Protagonisten der ausgewählten Erzähltexte bedeutet das Gehen eine Art Therapie, weil es das Denken als Auseinandersetzung mit dem Selbst stimuliert. Beim Gehen reflektieren sie mit ihren Lebenssituationen ihre bedrohten Identitäten, aber auch Möglichkeiten, neue Poetologien zu entdecken.

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4 Gehende Anti-Helden in verschiedenen Prosastücken

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Im 18. Jahrhundert wurde mit der Entdeckung der ‚inneren Seelenlandschaft‘ des Menschen das körperliche Gehen metaphorisch mit den Problemen von Anschauung und Denken in Verbindung gebracht. Seitdem erschienen zahlreiche Darstellungsformen, in denen das Gehen mit ästhetischen Erfahrungen verknüpft wurde.280 Offenbar entsprechen den in der Literatur thematisierten diversen Gangarten unterschiedliche Modelle der narrativen Verknüpfung, unterschiedlich strukturierte Erzählprozesse und grundverschiedene Raumkonstruktionen.281 Dieser Arbeit liegt die These zugrunde, dass die Gangarten auch Ausdruck des Charakters sind. In den folgenden Unterkapiteln wird die Verwendung der einzelnen Gangarten als narratives Modell zur Darstellung verschiedener Anti-Helden untersucht: Joseph von Eichendorffs arbeitsverweigernder Wanderer, Robert Walsers müßiger sowie Peter Handkes selbstzweifelnder Spaziergänger, Thomas Bernhards unruhige Spaziergänger und Wilhelm Genazinos verschwindsüchtiger Flaneur.

4.1 Eichendorffs Anti-Held in Aus dem Leben eines Taugenichts (1826)

Joseph von Eichendorffs (1788–1857) Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts (1826)282 ist eine der berühmtesten und meistgelesenen Novellen der deutschen Romantik. Hermann Hesse schrieb über dieses Buch: „Daß dieser ←79 | 80→Taugenichts eine von den paar kleinen Vollkommenheiten der Weltliteratur ist, eine von den allerreifsten, allerzartesten, allerköstlichsten Früchten am Baum der bisherigen Menschheit, das hat man noch nirgends gelesen, und doch ist es so.“283 Eigentlich war die Sattelzeit der Romantik, die ihren höchsten Glanz zu Beginn des Jahrhunderts hatte, schon vorbei und hatten sich die Schreibintentionen bereits in Richtung Biedermeier oder politischer Vormärz gewandelt. Nur Eichendorff blieb der ‚alten‘ Romantik treu und schrieb sie dauerhaft...

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