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Gewalt, Krieg und Geschlecht im Mittelalter

Edited By Amalie Fößel

Gewalt und Krieg sind heute wie auch in der Vormoderne keine ausschließlich männliche Domäne, sondern Räume der Männer und Frauen gleichermaßen. In Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen werden Geschlechterrollen ausgebildet, konforme und abweichende Verhaltensweisen ausprobiert und Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit entwickelt. Erstmals für die Epoche des Mittelalters (7.-16. Jahrhundert) werden daraus resultierende Fragestellungen im interdisziplinären und kulturübergreifenden Vergleich untersucht. Die Beiträge erörtern Geschlechterbeziehungen auf Darstellungs- und Handlungsebene und beschreiben Interaktionsformen in Kontexten von Gewalt und Krieg. Über den europäischen Raum mit seinen zahlreichen Fehden und Heerzügen hinaus werden auch die Kreuzzüge in den Blick genommen.

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Zur Einführung: Gewalt, Krieg und Geschlecht im Mittelalter (Amalie Fößel)

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Amalie Fößel

Zur Einführung: Gewalt, Krieg und Geschlecht

im Mittelalter

Der vorliegende Sammelband geht aus einem Symposion hervor, das in Schloss Herrenhausen in Hannover im Juli 2016 stattgefunden hat. Hier diskutierte eine sich international und interdisziplinär zusammensetzende Gruppe von Historiker*innen, Literaturwissenschaftler*innen und Kunsthistoriker*innen das Themenfeld „Gewalt, Krieg und Geschlecht im Mittelalter“.

Fragestellung und Zielsetzung

Ausgangspunkt war die Feststellung, dass Geschlechterfragen für die Epoche des Mittelalters in der mittlerweile recht umfangreich gewordenen Literatur zu Kriegen und Kriegsführung, Kreuzzügen und Fehden, Militärtechniken und Kriegskonzepten noch kaum in den Blick genommen wurden. Mittelalterliches Kriegsgeschäft und Kriegsgeschehen erscheinen vielmehr als eindeutig geregelte und strukturierte Räume der Männer und wenig interessant für geschlechterspezifische Perspektiven.

Mit dem Aufkommen einer zunächst komplementär angelegten Frauengeschichte, die sich aufmachte, nach Frauen in der Geschichte zu suchen, wurden in den Quellen Kämpferinnen und Kriegerinnen sowie zahlreiche Landesherrinnen ausfindig gemacht, die zur Verteidigung ihrer Herrschaften kriegerische Aufgaben erfüllten. Mit der Weiterentwicklung der Frauen- zu einer Geschlechtergeschichte veränderte sich die konzeptionelle Ausrichtung. Jetzt ging es darum, Interaktionsweisen und Differenzen der Geschlechter in den Möglichkeiten und Begrenzungen ihres Handelns zu untersuchen. Kontexte von Krieg und Gewalt blieben für die Epoche des Mittelalters weitgehend ausgeblendet.

Im Unterschied dazu sind von der Frühneuzeitforschung einige Studien vorgelegt worden, die zeigen, dass Militär und Krieg über lange Zeiträume hinweg keine Männerdomäne darstellten, sondern vielmehr als Orte der Geschlechter zu begreifen sind, an denen Geschlechterrollen ausgebildet und konforme wie auch abweichende Verhaltensweisen ausprobiert werden. Erst in der Zeit der Moderne und ihrer nationalstaatlichen Kriege ist das Militär zu einem männlichen Raum geworden, der durch die räumliche Trennung der Soldaten von Frauen und Kindern geprägt war. Das ging einher mit dem Aufkommen der ←9 | 10→stehenden Heere seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert und der Errichtung von Kasernen, die sich erst allmählich zu einem klar abgegrenzten Ort der Männer entwickelten. Das war in den Jahrhunderten zuvor nicht der Fall gewesen, in denen die Heere und Armeen mit Familien im Tross übers Land zogen.1

Begreift man vormodernes Kriegsgeschehen zudem als ein allgemeines und vielfach eingesetztes Mittel der Durchsetzung von Macht und Herrschaft und als eine Angelegenheit der grundherrlichen familia, ergeben sich weitere neue Perspektiven und Untersuchungsgegenstände. Es öffnen sich Räume des Kriegs und der Gewalt, in denen die Geschlechter zwangsläufig aufeinandertreffen und miteinander in Interaktion treten, mithin Räume, in denen sich Sieger und Besiegte, Kombattanten und Nichtkombattanten, Täter und Opfer bewegen und Differenzen und Gleichheiten ihres Handelns sichtbar werden.

Zielsetzung des vorliegenden Bandes ist es, die inhaltliche Engführung des Themenfeldes ‚Gewalt und Krieg im Mittelalter‘ zu durchbrechen und die Quellen mit Methoden und Lesarten einer modernen Geschlechtergeschichte neu zu erschließen.

Das geschieht auf der Basis einer breiten und repräsentativen Auswahl unterschiedlicher Quellengattungen im interdisziplinären und kulturübergreifenden Vergleich: Neben historiographischen und fiktionalen Texten werden rechtsgeschichtliches und theologisches Schrifttum sowie Illustrationen und Kunstgegenstände analysiert. Die Beiträge umfassen exemplarische Studien und Aufsätze mit kulturgeschichtlich vergleichendem Zugriff sowie methodisch weiterführende Analysen. Der Fokus liegt auf dem europäischen Raum vom 7. bis zum 16. Jahrhundert mit seinen vielen kleinen und größeren Fehden und Kriegszügen, den damit einhergehenden Phänomenen und in Gang gesetzten Debatten unter Einbeziehung von literarischen und bildlichen Bearbeitungen der Thematik. Über die Grenzen Europas hinaus setzen die Kreuzzugskontexte mit spezifischen Wahrnehmungen der Geschlechterbeziehungen durch christliche und arabische Autoren einen weiteren wichtigen Schwerpunkt.

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Männlichkeit und Weiblichkeit in Zeiten von Krieg und Gewalt

Zum Anknüpfungspunkt wurden zudem die Bilder von Soldatinnen und kämpfenden Frauen in verschiedenen Kriegs- und Gewaltkontexten, die inzwischen allgegenwärtig geworden sind und medial vielfach verfügbar. Die Armeen dieser Welt beschäftigen in allen militärischen Rängen eine Vielzahl von Frauen. In zahlreichen Ländern der Erde liegen oberste Entscheidungsbefugnisse in Fragen von Krieg und Frieden in den Händen von Frauen, auch hier in Deutschland, wo aktuell zwei Frauen die Befehls- und Kommandogewalt über die Streitkräfte inne haben, die Kanzlerin im Kriegsfall, die Verteidigungsministerin in Friedenszeiten.

In der Bundeswehr sind Frauen heute nicht mehr nur in medizinischen Bereichen tätig, sondern verrichten als Soldatinnen Dienst an der Waffe. Das ist eine vergleichsweise junge Entwicklung, die mit der Umsetzung des Urteils einer Klägerin vor dem Europäischen Gerichtshof am 11. Januar 2000 für die Bundeswehr begann. 2017 beschäftigte die Bundeswehr bereits 20 400 Soldatinnen, die damit einen Anteil von ca. 11% in der Truppe ausmachten. Dabei war 2017 jeder 13. Soldat im Auslandseinsatz eine Soldatin.

Diese Zahlen sind im Rahmen der Eröffnungsausstellung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden 2018 genannt worden. Unter dem Titel „Gewalt und Geschlecht“ wurde eine zeitlich und thematisch breit angelegte, sehr eindrucksvolle Ausstellung mit mehr als 1000 Objekten gezeigt. Konzeptueller Ausgangspunkt war die tradierte, bis heute als Erklärungsmuster dienende Dichotomie „Männlicher Krieg – Weiblicher Frieden“, die in überzeugender Weise aufgelöst wurde. Weit über kriegerische und militärische Kontexte hinaus wurde dabei die gesamtgesellschaftliche Relevanz von Gewalt in den Blick genommen und folgerichtig danach gefragt, ob „Gewalttätigkeit und Gewaltfähigkeit eine Frage des Geschlechts“ seien oder ob „das, was als typisch männliches und weibliches [Gewalt-Verhalten] gilt, die Folge von gesellschaftlichen Konventionen […] [und] folglich auch veränderbar“ sei.2

Der thematische Bogen der Dresdner Ausstellung wurde chronologisch zurück bis in die Antike und zu den legendären Amazonen gespannt. Dennoch lag der inhaltliche Schwerpunkt ganz klar auf der Zeit der Moderne und insbesondere dem 20. Jahrhundert und der Zeitgeschichte. Mittelalter und Frühe Neuzeit wurden punktuell und eher additiv gestreift, indem beispielsweise unter der Rubrik „Anführerinnen“ zwei außergewöhnliche Frauen des ausgehenden ←11 | 12→Mittelalters vorgestellt wurden, die in dem hier vorliegenden Band keine besondere Berücksichtigung finden, weil sie als Befehlshaberinnen und ‚Ausnahmefrauen‘ gut erforscht sind: Jeanne d’Arc (1412–1431), die aus einem Dorf in Lothringen stammende junge Frau, die als heilige Jungfrau von Orléans und Retterin Frankreichs in einer für Frankreich aussichtslos erscheinenden Phase des sog. Hundertjährigen Kriegs Geschichtsmächtigkeit erlangte, und die durchsetzungsstarke Mailänderin Caterina Sforza (1463–1509).3

Mit Jeanne d’Arc und Caterina Sforza werden zwei Frauen des 15. Jahrhunderts vorgestellt, die als herausragende „Kämpferinnen“ Berühmtheit erlangten und die – so möchte man hinzufügen – im Rahmen einer solchen Ausstellung auch gar nicht hätten übergangen werden können: Jeanne d’Arc hat bis heute einen exzeptionellen Bekanntheitsgrad als Kommandoführende der französischen Truppen, weil sie als Siegerin aus dem Kampf gegen die Engländer um die strategisch wichtige Stadt Orléans 1429 hervorging und die Kehrtwende in einem fast schon verlorenen Krieg einleitete. Nicht zuletzt, weil sie zu den Frauen gehörte, die Männerkleider trugen, polarisierte sie ihre Zeitgenossen wie kaum eine andere. Die Nachwelt aber stilisierte sie zu einer Heiligen und Heldin der französischen Nation. Als solche ist sie im kollektiven Gedächtnis Frankreichs und Europas fest eingeschrieben.

Die 1463 als außereheliche Tochter des Mailänder Herzogs Galeazzo Maria Sforza geborene und vielseitig begabte Caterina, die durch Einheirat in die Familie Riario eine Gräfin von Forli und Herrin von Imola war, wurde als eine überaus couragierte und ideenreiche Verteidigerin ihrer Ländereien wahrgenommen, die geschickt mit dem Schwert zu kämpfen vermochte, im Ruf einer virago stand und in ihrer Zeit als quella tygre di la madona di Forli bezeichnet wurde.4

Nach der Ermordung ihres Gemahls Girolamo Riario, eines engen Verwandten des Papstes Sixtus IV., und ihrer eigenen Gefangennahme sowie der ihrer Kinder 1488 wurde sie frei gelassen, um die Übergabe der Burg von Forli an die Verschwörer, die ihren Mann ermordet hatten, in die Wege zu leiten. Stattdessen aber rief sie zu weiterem Widerstand auf, weshalb sie mit ihren Kindern erpresst worden sein soll. Die Verschwörer drohten damit, ihre Kinder umzubringen, wenn sie nicht aufgebe. Caterina verweigerte jedoch eine Kapitulation. ←12 | 13→Das wurde in der Folge und am prominentesten von Niccolò Machiavelli mit der Geschichte erzählt, dass sie – auf der Burgmauer stehend – ihre Röcke gehoben und gerufen habe, dass sie jederzeit weitere Kinder zur Welt bringen könne. In dieser Schlacht trug sie den Sieg davon und heiratete möglicherweise noch ein zweites und drittes Mal. Als jedoch mit Papst Alexander VI. der Borgia-Clan in Rom und Italien regierte, und von dieser Seite ihre Ländereien erneut bedroht wurden, entstanden neue politische und militärische Konflikte, die Caterina Sforza gegen Cesare Borgia nicht gewinnen konnte. Sie ergab sich und wurde ein Jahr lang in der Engelsburg in Rom gefangen gehalten. Nach ihrer Freilassung konnte sie ihre Ländereien nicht mehr zurückerobern. Die letzten Jahre lebte sie zurückgezogen in Florenz und starb im Mai 1509 im Alter von 46 Jahren. Sie hatte zahlreiche Schlachten geschlagen und acht Kinder zur Welt gebracht. Ihr Sohn Ludovico/ Giovanni aus dritter Ehe machte sie zur Großmutter des toskanischen Herzogs Cosimo I. de Medici.5

In zeitgenössischen und späteren Berichten wird Caterina mannhafter Mut attestiert, weil sie sich, als es darauf ankam, nicht der mütterlichen Sentimentalität hingegeben habe. Über ihre Drohungen gegenüber ihren Feinden auf der Burgmauer konnte daher Allegretto Allegretti (1429–1497) in seinem Diari delle cose sanesi del suo tempo schreiben, dass dies die kühnen Worte da un Cesare, e non da Donna gewesen seien.6 Anhand dieser konkreten Situation mit der als besonders mannhaft konnotierten Inszenierung des Machtfaktors weiblicher Reproduktionsfähigkeit lässt sich die Dynamik und Variabilität von Geschlechterrollen und -attributen besonders deutlich beobachten.

Wenn ein knapper Satz im Dresdner Ausstellungskatalog darüber informiert, dass mittelalterliche „Geschichtsquellen […], wenn auch selten, von Frauen an der Spitze militärischer Operationen“ berichten, so ist dem eigentlich nur zuzustimmen: Adelige Frauen „leiteten die Verteidigung ihrer Burgen oder Ländereien, befreiten die Länder von Invasionsarmeen oder führten Feldzüge, um ihre Machtansprüche durchzusetzen oder zu behaupten“.7 Nachweise für solches Handeln lassen sich über das gesamte Mittelalter hinweg in den Quellen finden. ←13 | 14→Darauf hat bereits 1990 Megan McLaughlin in einem grundlegenden Aufsatz über das Phänomen der „women warriors“ hingewiesen.8

Wenn bereits konstatiert wurde, dass heute Frauen militärische Befehlsgewalt ausüben, so war das, freilich aufgrund ganz anderer Voraussetzungen und Bedingungen, – grosso modo – auch für die Herrscherinnen im Mittelalter der Fall. Befehlsgewalt der Landesherrinnen – Königinnen, Fürstinnen, Gräfinnen, Baroninnen – war Ausdruck und Form jeder Herrschaft, die regierende Frauen aus eigenem Recht und Ehefrauen in Zeiten der Abwesenheit ihrer Männer ausübten. Das schloss militärische Befehlsgewalt ein, zumal im europäischen Mittelalter mit den vielen Fehden, den kleinen und großen kriegerischen Auseinandersetzungen als effektives Mittel der Herrschaftsausübung und Machtsicherung.

Insofern lässt sich militärisches Handeln adeliger Frauen geradezu als eine Konsequenz einer permanent in Fehde liegenden Gesellschaft beschreiben. Anders als in der Neuzeit mit den Kriegen zwischen Nationalstaaten, die ausschließlich von Männern in der politischen und militärischen Verantwortung geführt wurden, sind die Fehden und Belagerungen des Mittelalters von höfischen und grundherrlichen Verbänden in Gang gesetzt worden, in die Frauen eingebunden waren. Die daraus resultierende Erwartungshaltung an weibliche Herrschaftseliten musste daher Kenntnisse über das Kriegshandwerk einschließen.

Christine de Pizan (1364 – nach 1429) hat das klar formuliert. Sie, die mit dem französischen Königshof und der aus Bayern stammenden Königin Isabeau ←14 | 15→eng verbundene Schriftstellerin, die als junge Witwe den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie mit Schreiben verdiente, und ein umfassendes Oeuvre hinterließ, verfasste neben ihrem Bestseller La cité des dames unter anderem einen Fürstinnenspiegel La livre des trois vertus (1405), in dem sie diesen Aspekt aufgriff und detailliert beschrieb, was eine Baronin von militärischen Dingen wissen müsse, um in der Lage zu sein, während der Abwesenheit ihres Mannes den Besitz richtig zu schützen und also eine kriegerische Situation strategisch klug und erfolgreich bewältigen zu können:

Wir haben gesagt, sie müsse ein mannhaftes Herz haben und meinen damit, daß sie sich in der Waffenkunde und allem, was zur Kriegsführung gehört, auskennen muß, damit sie in der Lage ist, ihre Leute zu befehligen, einen Angriff zu führen oder eine Verteidigung zu organisieren, falls es nötig sein sollte. Sie achte auch darauf, daß die Festungsanlagen ausreichend mit Waffen und Soldaten bestückt sind. Bevor sie irgend etwas unternimmt, sollte sie ihre Untergebenen auf die Probe stellen und ihren Mut und ihre Entschlossenheit in Erfahrung bringen, ehe sie sich zu sehr auf sie verläßt. Sie sollte berücksichtigen, wie groß die Truppenstärke ist und auf welche Hilfe sie im Notfall rechnen kann. Sie muß sich aller dieser Dinge ganz sicher sein und darf sich nicht auf leere oder vage Versprechungen verlassen. Sie muß auch bedenken, wie sie ihre Truppen ausstattet und versorgt, bis ihr Mann zurückkommt, und welche Geldmittel ihr dafür zur Verfügung stehen. Dabei sollte sie sich, so gut sie kann, bemühen, ihre Vasallen nicht zu sehr zu belasten, denn dadurch zieht man allzu leicht ihren Haß auf sich. Furchtlos und entschlossen sollte sie ihnen mitteilen, welche Maßnahmen ihr Rat beschlossen hat, und darf ihnen keinesfalls heute dies und morgen jenes erzählen. Mit wohlgesetzten Worten soll sie ihren Soldaten Mut einflößen und ihre Dienstleute so dazu bringen, ihr treu und ergeben zu dienen und ihr Bestes zu geben. Dies sind die Verhaltensweisen, die einer klugen Baronin anstehen, wenn ihr Ehemann ihr für die Zeit seiner Abwesenheit die Verantwortung übertragen hat, für den Fall, daß ein anderer Baron oder mächtiger Edelmann sie wegen irgendeiner Sache herausfordern will.9

Mit dieser auf militärische Belange bezogenen Wahrnehmung, die sich in der Vorstellung verdichtet, dass eine Landesherrin eine männlich konnotierte Beherztheit, männliche Kraft und Stärke an den Tag legen müsse, um ihrem Stand, ihrem Rang entsprechend handeln zu können, greifen wir eine im Mittelalter weit verbreitete und langfristig verfügbar gebliebene Stereotypisierung, die im Begriff der virago prägnanten Ausdruck fand und in unterschiedlichen ←15 | 16→Variationen für Herrscherinnen und Landesherrinnen ausbuchstabiert wurde, wenn sie in den Augen der Zeitgenossen politisch klug und weitsichtig handelten.

Das ‚männliche Herz‘, das Frauen attestiert wurde, die sich dem Kampf in seinen verschiedenen Ausprägungen stellten, war ebenso ein gängiger Topos. Er verwies darauf, dass das Herz im Mittelalter – anders als heute – nicht mit Emotion verknüpft, sondern vielmehr als Ort der Vernunft und Rationalität angesehen wurde. Mit der Zuschreibung der im Herzen sitzenden, mit Mannsein verknüpften Fähigkeit rationalen Denkens und Handelns an Frauen erfassen wir eine spezifische Variante von ‚Geschlecht‘ als kulturellem Konstrukt.

In der modernen Wissenschaft ist das Konzept von Geschlecht als kulturelles und soziales Konstrukt mittlerweile fest etabliert und wird als Analysekriterium in seiner grundsätzlichen Bedeutung für die Beschreibung von Gleichheit und Ungleichheit nicht mehr in Frage gestellt. Konzipiert als relationale und situativ variable Bezugsgröße können nicht nur die Beziehungen der Geschlechter, sondern auch geschlechterspezifische Zuschreibungen und Handlungsspielräume in ihren Entsprechungen, Unterschieden und Varianzen untersucht werden. In Verschränkung mit weiteren Distinktionsmerkmalen wie Alter, Stand, Herkommen, Status, Recht und Religion, um diejenigen zu nennen, die für die Zeit der Vormoderne spezifische Relevanz haben, lassen sich schließlich gesellschaftliche Zusammenhänge in ihrer Komplexität erfassen und besser verstehen.10

Geschlechterbeziehungen äußern sich in Handlungen und werden performativ stets aufs Neue aktualisiert und verändert, wofür die Forschung den Begriff des „doing gender“ bereitstellt und damit die Realisierung von Geschlecht durch Handeln auf eine eingängige Formel bringt. Der Ansatz zielt auf Varianz, ←16 | 17→Variabilität und Situationsbezogenheit der Rollen und Interaktionsweisen und den Vorstellungen davon, was als maskulin und was als feminin zu gelten habe und mit welchen Zuschreibungen das jeweils zu verknüpfen ist. Bezogen auf Gewalt- und Kriegssituationen resultiert daraus die Konsequenz, dass einfache, unveränderlich gedachte dichotomische Grundannahmen über Männer als Täter und über Frauen als Opfer in Frage zu stellen sind und vielmehr davon ausgegangen werden muss, dass Männer wie Frauen gleichermaßen aktiv und passiv in gewaltbezogenen Kontexten agieren konnten.

Konzepten von Weiblichkeit werden in den letzten Jahren zunehmend Konzepte von Männlichkeit gegenübergestellt und geradezu Forderungen für eine eigene Geschichte der Männlichkeit erhoben, obwohl sie in einer auf Relationalität und Differenz ausgerichteten Geschlechtergeschichte angelegt und mitkonzipiert ist.11 Insbesondere für die Frage, was einen Mann ausmacht, eignen sich Kriegs- und Gewalträume als Bezugspunkte. Es profilieren sich Männer untereinander und entwickeln in der Interaktion und Konkurrenz, was als maskulin gelten soll und was nicht. Studien dazu liegen mittlerweile vornehmlich für die Neuzeit vor.12 Daraus ist unter anderem die Schlussfolgerung gezogen worden, dass „Männlichkeiten im Plural eine Rolle spielen“.13 An diesem Punkt kann die Mittelalterforschung gut anschließen.

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Seit der lateinischen Antike werden Kampf und Männlichkeit in einen Zusammenhang gebracht.14 Geschlechterkonzepte in militärischen Zusammenhängen lassen sich vielfach als divergierende Modelle kriegerischer Männlichkeiten fassen, die auf spezifischen Werten und Tugenden basieren und in ihrer identitätsbildenden Funktion bereits in germanischer Zeit grundgelegt wurden, so Laury Sarti in ihrem Beitrag in diesem Band. Ausgeformt als Konzepte des Kriegshelden und des Kampfverweigerers wurden sie erzählerisch eng mit dem Körper und dem Raum verknüpft. Beschreibungen heldenhaft kämpfender Könige vermitteln ein ritterliches Heldenethos, das Bastian Walter-Bogedain zufolge über das Mittelalter hinweg verfügbar blieb. Der Körper des Kämpfers musste dabei in einem hohen Grad Leid ertragen können, Verletzungen überleben sowie Wetterwidrigkeiten, schlechtes Essen und Schlafmangel aushalten. Die daraus resultierenden körperlichen Narben, so Jörg Rogge, sind Markierungen von Heldentum und Furchtlosigkeit.

Neben der im Raum geformten körperlichen Kraft der Krieger zeichnet sich eine positiv besetzte kriegerische Männlichkeit zudem durch Können und Kameradschaft sowie einen gemeinsamen ehrbasierten Verhaltenskodex aus. Als ein weiteres Kriterium benennt Jitske Jasperse in ihrer Analyse der Heidelberger Bilderhandschrift des Rolandslieds zudem die Abwesenheit von Frauen als Voraussetzung für einen siegreichen Kampf der christlichen Ritter gegen ihre muslimischen Gegner. Dort, wo Frauen den innerhäuslichen Raum verlassen, und Herrscherinnen nach außen treten, um ihre Anwesenheit kundzutun, wie die heidnische Königin Brechmunda bei der Übergabe der Stadt Zaragoza, signalisieren sie die Abwesenheit der muslimischen Anführer, die in der konkreten Situation alle tot sind. Mit dem Hinaustreten in den öffentlichen Raum erkennt die heidnische Königin den Sieg der christlichen Streitkraft und letztlich die Macht des christlichen Glaubens an. In Konsequenz dessen konvertiert Brechmunda zum Christentum.

Die Abwesenheit von Frauen bei militärischen Operationen ist ebenso ein signifikantes Argument in Böhmen im 15. Jahrhundert, das bei katholischen wie hussitischen Autoren gleicherweise greifbar wird. Zdeněk Beran kann zeigen, wie sehr in der Zeit der kriegerischen Auseinandersetzungen mit den böhmischen Hussiten Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit von der Religion als Deutungskategorie dominiert werden: Die Idee des hl. Kriegs zeichne sich ←18 | 19→durch ritterliche Ideale aus wie Tapferkeit und männliche Stärke, während positive weibliche Ideale mit frommen Lebensweisen verknüpft werden.

Zu Antihelden wurden schließlich Männer, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllten und im Gefecht ohne Mut dastanden und desertierten. Deserteure, Überläufer und Adelige, die sich weigerten, ein Kreuzzugsgelübde abzulegen, gelten als schwach und feige. Ingrid Schlegl zufolge war das ein weitverbreitetes und vielschichtiges Phänomen während der hochmittelalterlichen Kreuzzüge. Kriegsverweigerer wurden geradezu mit weiblichen Attributen wie Wolle und Spindel und also mit Materialien einer typischen Frauenarbeit versehen und geschmäht. Der aus dem Kreuzzugsheer desertierte Stephan von Blois ist ein prominentes Beispiel für den Einfluss der Ehefrau, die ihren heimgekehrten Gatten an seine jugendliche Kraft und Stärke erinnern musste. Ihre Appelle an ihn verweisen auf heroische männliche Vorstellungen. Er ließ sich überzeugen, zur Rückkehr bewegen und bezahlte das mit seinem Leben. Der Graf von Blois fiel in der für das christliche Ritterheer überaus verlustreichen Schlacht von Ramla 1102. Damit hatte er in der Wahrnehmung der Zeitgenossen seine einstige Kampfverweigerung gesühnt.

Legt die erste thematische Rubrik dieses Sammelbandes das Hauptaugenmerk auf Konstruktionen und Kriterien kriegerischer Männlichkeiten, umfasst der zweite Abschnitt Beiträge, deren Fragestellungen und Zugriffe sich auf Formen und Konzepte von Weiblichkeit in Zeiten von Krieg und Gewalt fokussieren. Dabei werden Abweichungen von Erwartungshaltungen, Transgression und Rollentausch mit positiven oder negativen Werturteilen belegt: Männer, die versagen, werden effeminiert und in ihrem Verhalten als unmännlich wahrgenommen; Frauen, die sich dem Kampf in seinen verschiedenen Ausprägungen stellen, besitzen ein ‚männliches Herz‘, das es ihnen möglich macht, die naturhaft mit ihrem Geschlecht verbundene Fragilität zu überwinden und mannhafte Stärke zu zeigen.

Damit einhergehende Debatten und Positionen im europäischen Spätmittelalter analysiert Christoph Mauntel und verweist dabei auf ambivalente und misogyne Argumentationen, die Frauen einerseits physisch und intellektuell eine Teilnahme am Krieg absprechen und andererseits die Pflicht der Fürstinnen zur Verteidigung ihrer Ländereien ins Feld führen. In den Zeiten des sogenannten Hundertjährigen Kriegs treten sie vielfach als Akteurinnen in Erscheinung, die stellvertretend für abwesende Männer agieren und in ihrem Handeln von den Geschichtsschreibern durch Zuschreibung männlicher Tugenden charakterisiert werden, womit die generell männliche Prägung des Kriegs in gewisser Weise fortgeschrieben werden sollte.

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Die Frage, ob und wann Frauen militärische Befehlsgewalt übernahmen und wie das in der zeitgenössischen Historiographie erzählt wurde, erörtert Johanna Wittmann am Beispiel hochmittelalterlicher Königinnen im europäischen Vergleich und präsentiert drei Szenarien: Kaiserinnen und Königinnen, die in Stellvertretung des Königs oder als Regentinnen sowie im eigenen Interesse zur Sicherung ihrer Güter kriegerische Gewalt ausübten. Weniger die Frage des Geschlechts als vielmehr die Frage der Rechtmäßigkeit ihres Tuns wird zum Kriterium dafür, ob die militärischen Handlungen der Frauen auf Akzeptanz oder Kritik stießen. Für die Erzählweisen über militärische Kontrahentinnen bietet der englische Thronstreit in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine gute Quellenbasis. Die Historia Novella und die Gesta Stephani nehmen Kaiserin Mathilde und Königin Mathilde von Boulogne als militärische Anführerinnen in den Blick und charakterisieren sie stark intentional geleitet mit einer geschlechtliche Bezüge flexibel einsetzenden, emotional aufgeladenen Sprache.

Ein thematisch überaus aufschlussreiches Beispiel diskutiert Danielle Park mit dem Mutter-Sohn-Konflikt zwischen Königin Melisende und ihrem Sohn Balduin III. 1152. Wilhelm von Tyrus verarbeitet den politisch schwierigen, Familie und Königreich spaltenden Streit, indem er Geschlecht, Status und Alter als Differenzkriterien heranzieht und einen generationsübergreifenden Konflikt konstruiert, dessen Besonderheit im Unterschied zu anderen darin liege, so Park, dass hier männliche und weibliche Protagonisten involviert waren, und zudem Melisende als weibliche Akteurin und Regentin über ihrem Sohn stand. Dieser erweist sich nach Wilhelm von Tyrus als ein ‚unfertiger König‘, weil er auf falsche Berater gehört und einen Krieg provoziert habe anstatt dem weisen Vorbild der Mutter zu folgen. Zuletzt jedoch, so die weitere Interpretation, seien es der militärische Erfolg Balduins und die von ihm unter Beweis gestellten männlichen kriegerischen Qualitäten gewesen und nicht das Geschlecht der Königin, die zum Machtverlust Melisendes führten.

In Aufbereitung der Erzählweisen über die mit dem englischen König Edward II. verheiratete Isabella von Frankreich in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts fragt Sophia Menache nach dem Stellenwert von Gewalt, Krieg und Geschlecht im Leben Isabellas und konstatiert, dass insbesondere ihr Einsatz als Vermittlerin und Friedensstifterin in verschiedenen Konfliktsituationen prägend für ihre Stellung als Königin war. Geschlechterspezifische Zuschreibungen ergeben zunächst ein überwiegend positives Bild von ihr, das kontrastierend zu den negativen Sichtweisen auf Edward II. und seinem Favoriten Gaveston entworfen wird. Die positive Darstellung Isabellas änderte sich jedoch in den Jahren nach der Absetzung Edwards II. während ihrer Regentschaft für Edward III., als ←20 | 21→ihre innenpolitische Schwäche zu ihrem Machtverlust führte, was in der Chronistik mit sexuellen Verfehlungen erklärt wird.

Auf der Ebene einer Herzogin wird die Problemstellung von Jessika Nowak am Beispiel der Mailänderin Bianca Maria Sforza diskutiert, die in der Mitte des 15. Jahrhunderts erheblichen politischen Einfluss ausübte und die Handlungsfähigkeit Mailands für den kranken Ehemann und den minderjährigen Sohn aufrechterhielt. In verschiedenen Funktionen schlachtenerprobt machte sie ihrem Namen alle Ehre, weshalb ihr, aber auch anderen weiblichen Familienmitgliedern, eine Kämpfernatur und ihr zudem auch typisch männliche Tugenden in der Zeit ihrer Regentschaft attestiert wurden.

Varianzen der Interaktion und Wahrnehmung der Geschlechter in Kontexten von Krieg und Gewalt

Mittelalterliche Quellen bieten in Erzählungen von Krieg und Gewalt eine unübersehbare Varianz und Variabilität geschlechterspezifizierender Verhaltensweisen, bei denen der Faktor Geschlecht, je nach Kontext und Intentionalität der Berichte, in Verknüpfung mit weiteren Kriterien und Schwerpunktsetzungen als Argument und rhetorisches Mittel eingesetzt wird. So lässt sich mit Martin Clauss der Kleiderwechsel als eine zeitlich begrenzte Geschlechter-Transgression und Strategie der Kriegslist ausmachen. Geschlecht wird dabei zu einem grundlegenden Bezugspunkt, der in Interaktion mit zeittypischen und flexibel einsetzbaren Zuschreibungen wie Alter, Körper, Stand und Sprache spezifische Erzählsituationen entstehen lässt, die argumentativ plausibel sind, weil sie sag- und denkbare Möglichkeiten kriegerischen Handelns zum Ausdruck bringen. So ziehen die Frauen von Zürich bei der Belagerung der Stadt 1292 dem Bericht des Johannes von Winterthur zufolge auf Geheiß eines wegen seines Alters in der Stadt gebliebenen alten Mannes Männerkleider an und können, auf den Mauern der Stadt in Reih und Glied stehend, den anrückenden feindlichen Truppen militärische Stärke vermitteln. Der Fokus liegt dabei auf dem Alter des Mannes, der sich überhaupt nur in der Stadt aufhalten und als Ratgeber fungieren kann, weil er für den Kampf der im Feld aktiven städtischen Truppen nicht mehr einsatzfähig erscheint.

Situativ notwendig wurde der Rollentausch der Geschlechter auch in Zeiten der Gefangenschaft der Männer, wenn deren Ehefrauen, wie Mirjam Reitmeyer überzeugend herausarbeitet, die Funktionen der Männer daheim übernahmen und eine aktive Rolle in der Verhandlungsführung spielten, die zur Freilassung der Gefangenen führen sollten. Die dafür ausgewerteten Selbstzeugnisse geben zudem Einblicke in das Funktionieren und Kooperieren von Eheleuten, die sich ←21 | 22→in existentiellen Ausnahmesituationen miteinander ins Benehmen setzen mussten und als solche mit Heide Wunder als ‚Arbeitspaare‘ bezeichnet werden können.

Ausnahmesituationen und Auseinandersetzungen der Geschlechter lassen sich ebenso als grundlegende Ausgangspunkte des Kirchenrechts erfassen. Mit dem Bestreben, so Gisela Drossbach, beide Geschlechter vor einer ihnen aufgezwungenen Ehe zu schützen, nutzte Papst Alexander III. in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts einige an ihn herangetragene konkrete Fälle, um zunächst dagegen vorzugehen und die päpstlichen Entscheide auf allgemeiner kirchenrechtlicher Ebene zu verankern. Erst im weiteren Verlauf des späten Mittelalters konnten diese allmählich durchgesetzt werden.

Geschlecht, Recht und Körper als zentrale Analysekriterien nimmt Dirk Jäckel für islamische Kontexte und die Einrichtung des Slavinnenkonkubinats im Rahmen von Dschihad und Kreuzzug in den Blick. Auf einer breiten Basis rechtlicher, historiographischer und wirtschaftsgeschichtlicher Quellen werden rechtliche Grundlagen und Vorschriften mit sozialen und körperlichen Praktiken kontrastiert und die Unterschiede von Eigentumsrechten von Sklaven und Sklavinnen für beide Geschlechter herausgearbeitet, die für Männer den völligen Besitz einschließlich körperlicher Beziehungen ermöglichen, während sie für Frauen und ihre männlichen Sklaven strikt verboten waren.

Geschlecht, Krieg und Gewalt sind schließlich Bezugsgrößen, die vielfach bildlich und literarisch verfügbar sind und, wie Alexandra Gajewski aus kunsthistorischer Sicht, Judith Lange und Sonja Kerth aus literaturwissenschaftlicher Perspektive vor Augen führen, mit Minne und Emotionen verknüpft werden.

Die Minneburg, „the Castle of Love“, veranschaulichte Allegorien zum Kampf der Geschlechter und den Debatten darum, die ethisch und biblisch fundiert und durch Ovid und den sogenannten Rosenroman des ausgehenden 14. Jahrhunderts beeinflusst sind. Bildlichen Ausdruck fand die Minneburg in Wandteppichen, Illustrationen und einer Gruppe von Elfenbeinkästchen, die mittelalterliche Haltungen zu Liebe und Ehe grandios ins Bild setzen und das Motiv der Eroberung der Frau durch den Ritter visualisieren. Mit der bislang weitgehend ungeklärten Frage nach den Ursprüngen dieses im Spätmittelalter ins Bild gebrachten Motivs greift Alexandra Gajewski ein Desiderat der Forschung auf. Sie argumentiert, dass die Minneburg zeige, wie die mittelalterliche Gesellschaft die Assoziationen Krieg und Liebe, Sex und Ehe wahrgenommen habe und identifiziert ein komplexes Geflecht verschiedener Traditionen, die zeitgenössische Vorstellungen über die Zusammenhänge zwischen Liebe, Frauen und Krieg abbilden.

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Die Beziehungen zwischen Ritter und edler Dame in der höfischen Welt des Parzival in der Version des Wolfram von Eschenbach untersucht Judith Lange und arbeitet heraus, dass Krieg argumentativ genutzt wird, wenn Frauendienst und Minneverhalten fehlgeleitet sind und in einer Art und Weise erfolgen, die der höfischen Gesellschaft nicht zuträglich sind. Der Beitrag erfasst einen enormen Variantenreichtum an Konstellationen von Minne und Herrschaft und Konzepten von Männlichkeit und Weiblichkeit und den daraus resultierenden Interaktionen der Geschlechter, die Wolfram nicht in einfachen Dichotomien verortet. Vielmehr schafft Wolfram situativ variable Handlungsräume für beide Geschlechter und erläutert an differenten Verhaltensweisen und Emotionen die daraus resultierenden Konsequenzen für die höfische Welt und ihre Gesellschaft.

Höfischer Roman und Heldenepik sind auch für Sonja Kerth Textbasis in ihrer Beschäftigung mit dem Phänomen Trauma und der zentralen Fragestellung, wie die höfische Gesellschaft mit dem Erleben und den Folgen extremer Gewalt und Krieg umgeht. Sie kann zeigen, dass Trauma als Verwundung seelischer Art mit Emotionsbündeln aus Trauer, Furcht, Schrecken, Hilflosigkeit gekoppelt und Männern wie Frauen in einer Weise zugeschrieben wird, die den gängigen Geschlechter- und Standesentwürfen entgegenlaufen und Blicke auf Personen werfen lassen, die in ihren Rollen nicht mehr funktionieren. Zu erkennen sind traumatisierte Frauen und effeminierte Männer, die als Opfer konzipiert werden. Dass es sich dabei jeweils um die Hauptprotagonisten handelt, die mit Traumata und Wahnsinn belegt werden, ist nach Kerth als ein situativ aus der Handlung heraus entwickeltes narratives Mittel zu entschlüsseln.

Geschlecht, Gewalt und Ehre als zentrale Kriterien erfasst Nadeem Khan in arabischen Quellen zur Zeit der Kreuzzüge mit Geschichten zu muslimischen und christlichen Geschlechterbeziehungen. Deutlich wird die Verknüpfung von Männlichkeit und Ehre, für die wiederum der weibliche Körper in seiner Unversehrtheit ein wichtiges Kriterium darstellt. Dessen Verteidigung, wenn nötig auch mit Gewalt, wird zum obersten handlungsleitenden Motiv für ehrbasiertes Handeln. Die Geschichten über ehrbasiertes Töten von Frauen, um ihnen Versklavung und Vergewaltigung zu ersparen, sind anekdotisch, lassen sich aber als Teile eines übergeordneten Narrativs erfassen, das Männlichkeit und Ehre auf muslimischer Seite verortet und von den ehrlos handelnden christlichen Männern abgrenzt, die den Körper ihrer Frauen nicht schützen. Geschlecht, männliche Ehre und weiblicher Körper sind Bestandteile einer geschlechtsbezogenen Polemik zwischen andersreligiösen Gegnern.

Bea Lundt wirft transkulturelle Perspektiven auf Geschlecht und Gewalt am Beispiel der Erzählungen von den ‚Sieben Weisen Meistern‘, die langfristig und ←23 | 24→global in unterschiedlichen Varianten bis in die Moderne hinein verfügbar sind. Lange als Beleg für ein misogynes Mittelalter interpretiert, wird hier erst im transkulturellen Vergleich deutlich, dass die Geschlechter in unterschiedlichen Erzähltraditionen unterschiedlich agieren. Geschlechtergrenzen werden überschritten. Die im Zentrum der Handlung stehende geraubte Frau agiert ebenso wenig entsprechend der geschlechterkonformen Ideale und Vorstellungen wie die Männer. Die Rollen von Täter und Opfer sind verdreht, wenn der schwache Herrscher, der sich die starke Frau als Beraterin sucht, von ihr vergewaltigt wird.

Einordnend in die Forschungslandschaften der letzten Jahrzehnte und die zwischen Vormoderne und Moderne differierenden Geschlechtermodelle plädiert Bea Lundt für eine transkulturelle Sicht auf Geschlechterverhältnisse und formuliert für die Mediävistik als Agenda 2030 die Überwindung der in der europäischen Moderne entstandenen Binaritäten und den damit einhergehenden Denkgewohnheiten und Ordnungsschemata.

Der auf der Konferenz in Herrenhausen erprobte geschlechtersensible Zugriff auf Kontexte von Gewalt und Krieg hat sich als ein überaus ergiebiges Forschungsfeld mit zahlreichen Anknüpfungspunkten für eine moderne Geschlechtergeschichte des Mittelalters erwiesen. Die hier einem hoffentlich breiten Leserkreis vorgestellten Beiträge erörtern die Geschlechterbeziehungen in Relation zu anderen gesellschaftspolitisch relevanten Kriterien, beschreiben Differenzen und Varianzen auf Darstellungs- und Handlungsebene und arbeiten Konstruktionen und Interaktionsformen der Geschlechter im inter- und transkulturellen Kontext heraus. Querschnitthaft werden unterschiedliche Zusammenhänge von Gewalt und Krieg in den Blick genommen und dabei eine Vielzahl von Fragestellungen, Perspektiven und Argumenten aufgeworfen und diskutiert. Sie mögen Anregungen für die weitere Forschung geben.

Zum Schluss geht mein herzlicher Dank an die Beiträger*innen für ihre intensive und kritische Beschäftigung mit dieser Thematik im Rahmen der Vorträge in Herrenhausen und der Ausarbeitung und Erstellung der Druckfassungen. Sehr dankbar bin ich den Kolleg*innen, die mit ihrer Expertise während der Konferenztage zum Gelingen dieses thematisch breitgefächerten Projektes beigetragen haben, namentlich Prof. Dr. Maren Lorenz (Ruhr-Universität Bochum), Prof. Dr. Michaela Hohkamp (Leibniz Universität Hannover), Prof. Dr. Martin Schubert (Universität Duisburg-Essen) und Prof. Dr. Peter Thorau (Universität des Saarlandes). Ein sehr herzlicher Dank geht an meine Mitarbeiter*innen in Essen, Johanna Wittmann, David Passig und Nadja Hemmers, für ihr Engagement und ihre wertvolle Unterstützung.

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Die VolkswagenStiftung hat nicht nur das diesem Band vorausgehende Symposion, sondern auch dessen Publikation finanziert und seine open-access Verfügbarkeit sichergestellt. Für diese großzügige Unterstützung bin ich der VolkswagenStiftung und ihren Mitarbeiter*innen zu großem Dank verpflichtet.

Dem Peter Lang Verlag und dem Leitenden Lektor Herrn Dr. Hermann Ühlein gebührt Dank für die professionelle Betreuung des Bandes.

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1 Vgl. u. a. Claudia Opitz: Von Frauen und Krieg zum Krieg gegen Frauen. Krieg, Gewalt und Geschlechterbeziehungen aus historischer Sicht, in: L’Homme Z.F.G. 3 (1992), S. 31–44; Karen Hagemann: „We need not concern ourselves …“ Militärgeschichte – Geschlechtergeschichte – Männergeschichte: Anmerkungen zur Forschung, in: Traverse. Zeitschrift für Geschichte 5 (1998), S. 75–94; Bea Lundt: Konzepte einer (Zu)-Ordnung der Geschlechter zu Krieg und Frieden (9.-15. Jahrhundert), in: Klaus Garber, Jutta Held (Hg.): Der Frieden – Rekonstruktion einer europäischen Vision (2 Bde.), Bd. 1: Erfahrung und Deutung von Krieg und Frieden, München 2001, S. 335–356.

2 Gewalt und Geschlecht. Männlicher Krieg – Weiblicher Frieden?, hg. von Gorch Pieken, 2 Bde. (Katalog / Essays), Dresden 2018, hier Essays S. 8.

3 Gewalt und Geschlecht. Katalog (wie Anm. 2), S. 248–251.

4 Überliefert durch Marino Sanuto: I diarii (1496–1533). Dall’autografo Marciano ital. cl.VII codd. 419–477, hg. von Rinaldo Fulin, Federico Stefani, Nicolò Barozzi u.a., 58 Bde., Venedig 1879–1903, ND Bologna 1969–1970; zit. nach Gerry Milligan: Moral Combat. Women, Gender, and War in Italian Renaissance Literature (Toronto Italian Studies), Toronto 2018, S. 174 f. mit Anm. 59.

5 Joyce de Vries: Caterina Sforza, in: Margaret Schaus (Hg.): Women and Gender in Medieval Europe. An Encyclopedia, New York, London 2006, S. 112–113.

6 Julia L. Hairston: Skirting the Issue: Machiavelli’s Caterina Sforza, in: Renaissance Quarterly 53 (2000), S. 687–712, hier S. 696.

7 Gewalt und Geschlecht. Katalog (wie Anm. 2), S. 248.

8 Megan McLaughlin: The woman warrior: gender, warfare and society in medieval Europe, in: Women’s Studies 17 (1990), S. 193–209; vgl. James E. Gilbert: A medieval “Rosie the Riveter”? Women in France and Southern England during the Hundred Years War, in: L. J. Andrew Villalon, Donald J. Kagay (Hg.): The Hundred Years War. A Wider Focus (History of Warfare 25), Leiden, Boston 2005, S. 333–361; Jan F. Verbruggen: Women in Medieval Armies. Translated by Kelly DeVries, in: The Journal of Medieval Military History 4 (2006), S. 119–136 (Niederländische Originalfassung 1982); Helen Solterer: Figures of female militancy in medieval France, in: Signs. Journal of women in culture and society 16 (1991), S. 522–549; James M. Blythe: Women in the Military: Scholastic Arguments and Medieval Images of Female Warriors, in: History of Political Thought 22 (2001), S. 242–269; David Hay: Canon Laws regarding Female Military Commanders up to the Time of Gratian: Some Texts and Their Historical Contexts, in: Mark D. Meyerson, Daniel Thiery, Oren Falk (Hg.): A great effusion of blood? Interpreting Medieval Violence, Toronto, Buffalo, London 2004, S. 287–313. Zusammenfassend: Katrin E. Sjursen: Warfare, in: Schaus (Hg.): Women (wie Anm. 5), S. 829–831.

9 Christine de Pizan: Der Schatz der Stadt der Frauen. Weibliche Lebensklugheit in der Welt des Spätmittelalters. Ein Quellentext, übersetzt von Claudia Probst, hg. und eingeleitet von Claudia Opitz (Frauen – Kultur – Geschichte 6), Freiburg, Basel, Wien 1996, S. 181; vgl. Tracy Adams: Christine de Pizan and the Fight for France, Pennsylvania 2014.

10 Aus der Fülle der einschlägigen Literatur sei hier lediglich auf einige neuere Titel verwiesen: Andrea Griesebner, Susanne Hehenberger: Intersektionalität. Ein brauchbares Konzept für die Geschichtswissenschaften?, in: Verena Kallenberg, Jennifer Meyer, Johanna M. Müller (Hg.): Intersectionality und Kritik. Neue Perspektiven für alte Fragen, Wiesbaden 2013, S. 105–124; Claudia Ulbrich: Geschlechterrollen, in: Dies.: Verflochtene Geschichte(n). Ausgewählte Aufsätze zu Geschlecht, Macht und Religion in der Frühen Neuzeit, hg. von Andrea Griesebner, Annekathrin Helbig, Michaela Hohkamp u.a., Köln, Weimar, Wien 2014, S. 151–167; Falko Schnicke: Terminologie, Erkenntnisinteresse, Methode und Kategorien – Grundfragen intersektionaler Forschung, in: Ders., Christian Klein (Hg.): Intersektionalität und Narratologie. Methoden – Konzepte – Analysen (Schriftenreihe Literaturwissenschaft 91), Trier 2014, S. 1–32; Christel Baltes-Löhr: Geschlechterpluralitäten als Existenzmuster, in: Heinz Sieburg (Hg.): Geschlecht in Literatur und Geschichte. Bilder – Identitäten – Konstruktionen, Bielefeld 2015, S. 19–45.

11 Jürgen Martschukat, Olaf Stieglitz: Geschichte der Männlichkeiten (Historische Einführungen 5), Frankfurt, New York 22018; Thomas Kühne: Männergeschichte als Geschlechtergeschichte, in: Ders. (Hg.): Männergeschichte – Geschlechtergeschichte. Männlichkeit im Wandel der Moderne (Geschichte und Geschlecht 14), Frankfurt, New York 1996, S. 7–30.

12 Vgl. Karen Hagemann: Venus und Mars. Reflexionen zu einer Geschlechtergeschichte von Militär und Krieg, in: Dies., Ralf Pröve (Hg.): Landsknechte, Soldatenfrauen und Nationalkrieger. Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel, Frankfurt am Main 1998, S. 13–48; Stefan Dudink, Karen Hagemann, John Tosh (Hg.): Masculinities in Politics and War. Gendering Modern History, Manchester, New York 2004.

13 Claudia Opitz: Geschlechtergeschichte (Historische Einführungen 8), Frankfurt, New York 2010, S. 146; vgl. auch die beiden Aufsätze von Bea Lundt: Mönch, Kleriker, Gelehrter, Intellektueller: Zu Wandel und Krise der Männlichkeiten im 12. Jahrhundert, in: L’Homme. Z.F.G. 19, 2 (2008), S. 11–29; Die Grenzen des Heros. Vielfältige Männlichkeiten in Mittelalter und Früher Neuzeit, in: Martin Lücke (Hg.): Helden in der Krise. Didaktische Blicke auf die Geschichte der Männlichkeiten (Historische Geschlechterforschung und Didaktik. Ergebnisse und Quellen 2), Münster 2013, S. 67–101.

14 Bea Lundt: Das Geschlecht von Krieg im Mittelalter. Der Ritter – eine Ikone heldenhafter Männlichkeit, in: Andreas Obenaus, Christoph Kaindel (Hg.): Krieg im mittelalterlichen Abendland (Krieg und Gesellschaft), Wien 2010, S. 411–435.