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Gewalt, Krieg und Geschlecht im Mittelalter

Edited By Amalie Fößel

Gewalt und Krieg sind heute wie auch in der Vormoderne keine ausschließlich männliche Domäne, sondern Räume der Männer und Frauen gleichermaßen. In Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen werden Geschlechterrollen ausgebildet, konforme und abweichende Verhaltensweisen ausprobiert und Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit entwickelt. Erstmals für die Epoche des Mittelalters (7.-16. Jahrhundert) werden daraus resultierende Fragestellungen im interdisziplinären und kulturübergreifenden Vergleich untersucht. Die Beiträge erörtern Geschlechterbeziehungen auf Darstellungs- und Handlungsebene und beschreiben Interaktionsformen in Kontexten von Gewalt und Krieg. Über den europäischen Raum mit seinen zahlreichen Fehden und Heerzügen hinaus werden auch die Kreuzzüge in den Blick genommen.

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Alle gegen ihn – er gegen alle. Das Ideal des kämpfenden Königs im Mittelalter (Bastian Walter-Bogedain)

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Bastian Walter-Bogedain

Alle gegen ihn – er gegen alle. Das Ideal des kämpfenden Königs im Mittelalter1

Abstract: Starting from the observation that several kings were taken prisoner in the late Middle Ages, this paper approaches the ideal of the king as a heroic fighter by analyzing historiographical and normative sources. This ideal was still present in theory and practice throughout the 15th and 16th centuries and already had a long tradition at that time.

An seinem Verhalten im Kampf zeigte sich die strahlende Kraft des Königs; mit seiner schwingenden Streitaxt haute er auf viele ein und schlug zahlreiche andere in die Flucht, bis plötzlich ein Geschrei aufkam: Alle gegen ihn, er gegen alle! Als die königliche Streitaxt durch ununterbrochene Hiebe der Gegner letztendlich zerstört wurde, zog der König sein Schwert und vollbrachte solange wahre Wunder mit seiner rechten Hand bis auch dieses zerschmettert wurde! Als der tapfere Ritter Wilhelm von Cahanges das sah, eilte er schnell zum König, riss ihm seinen Helm vom Kopf und schrie mit lauter Stimme: „Seht alle her! Ich habe den König gefangen!“ So wurde der König gefangengenommen.1

Mit diesen Worten beschreibt der englische Chronist Heinrich von Huntingdon in seiner Historia Anglorum das heldenhafte Verhalten König Stephans von England in der Schlacht gegen die Truppen seiner Konkurrentin Matilda im Jahre 1142. Vor dem Hintergrund, dass der Verfasser ein Parteigänger Matildas war, sind seine positiven Schilderungen des Königs verwunderlich; schließlich hatte der König nach Meinung Matildas und ihrer Anhänger den englischen Thron widerrechtlich usurpiert.

Diese Verwunderung dient als Ausgangspunkt des folgenden Beitrags, in dem es um das Ideal des kämpfenden Königs im Mittelalter gehen wird, dem sich anhand von Beispielen aus England, aus dem Reich und aus Frankreich genähert werden ←99 | 100→soll. Denn gerade in Konfliktsituationen sahen sich mittelalterliche Könige nach Meinung ihrer Zeitgenossen dazu gezwungen, ihren königlichen Status zu demonstrieren oder zu verteidigen. Sie mussten sich daher persönlich am Kampfgeschehen beteiligen, und zwar ungeachtet, bzw. gerade aufgrund der damit einhergehenden Gefahren.2

Ziel der Ausführungen ist es, zu neuen Einsichten von körperlichen Aspekten königlicher Machtausübung zu gelangen, um so einen Beitrag zur Erforschung des Heroischen und des Heldentums allgemein, bzw. von Prozessen der Heroisierungen von Königen im Besonderen zu leisten. Dabei folge ich den Überlegungen des Freiburger Sonderforschungsbereichs 948 zu „Helden – Heroisierungen – Heroismen“, der das Heroische als „kulturelles Konstrukt [und als ein] Fremd- und Selbstzuschreibungsphänomen [versteht], das sich in seiner kultur-, gruppen- und zeitspezifischen Prägung essentialistischen Bestimmungen entzieht“, während Heroisierungen „Vorgänge der Zuschreibung [unterschiedlicher Akteure sind,] durch die eine Figur zum gestalthaften Fokus einer Gemeinschaft wird“.3 Da im Heldentum immer „kulturelle Wertsetzungen und Normen verhandelt, bestätigt oder auch hinterfragt“4 werden, bietet sich eine Analyse der Beschreibungen des Verhaltens von Königen auf dem Schlachtfeld geradezu an, zumal Heldentum im Mittelalter stets „fest mit Krieg und Militär assoziiert war“.5 Damit stellen die Ausführungen zugleich eine Erweiterung der Ideen zum Forschungsfeld des „Königs als Krieger“ dar.6

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Schon das oben wiedergegebene Zitat verdeutlicht, dass das Ideal des heldenhaft kämpfenden Königs eng mit der Zuschreibung bestimmter Eigenschaften verbunden war, die vor allem männlich-kriegerisch dominiert und an die Körperlichkeit der Könige gekoppelt waren.7 Seinen Niederschlag findet es vor allem in historiographischen Quellen, die im Zuge von kriegerischen Auseinandersetzungen entstanden und in einem ersten Schritt in diesem Beitrag analysiert werden sollen.8 Während zunächst mit den zeitgenössischen Schilderungen der Schlachten von Lincoln (1142) und Mühldorf (1322) zwei Beispiele von Fremdzuschreibungen betrachtet werden, steht mit der Schlacht von Pavia (1524) ein Beispiel für die Selbstzuschreibung heldenhaften Verhaltens auf dem Schlachtfeld im Vordergrund. Die gewählten Beispiele besitzen insofern eine gesteigerte Aussagekraft bzw. Brisanz, als dass sie alle mit Gefangennahmen der betrachteten Könige und damit mit deren Niederlagen einhergingen – zumindest auf den ersten Blick. Wenn sich daraufhin dem Ideal des kämpfenden Königs auf einer zweiten Ebene genähert wird, geschieht das mittels einer Analyse von Fürstenspiegeln und Traktaten und damit von Quellenkorpora, die als normativ zu bezeichnen sind.

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Der „Roi chevalier“ und das Ideal des kämpfenden Königs

Doch zunächst noch einige einleitende Vorbemerkungen zum Ideal des kämpfenden Königs, das deutliche Parallelen zum Konzept des „Roi chevalier“ aufweist, das von der französischsprachigen Forschung erkannt wurde und nun langsam auch Eingang in die deutschsprachige Forschung findet.9 Die Gründe für die Herausbildung des „Roi chevalier“ sieht die Forschung einerseits in der ideologischen Verbindung von Theologie und Politik in der Person der Könige, die eng mit der Idee des christusgleichen Königs verwoben ist.10 Andererseits lässt sich der „Roi chevalier“ jedoch auch im Alltag greifen und zeigt sich an zum Kampf ausgebildeten und an der Spitze ihrer Truppen stehenden Königen, die diese in den Krieg führen. Zudem kann man diese Idee als eine soziale Konstruktion ansehen, die beinhaltet, für Gott (und den König) zu kämpfen und zu sterben.11 Das Bild des „Roi chevalier“ sollte den Tod auf dem Schlachtfeld sakralisieren und zugleich die kämpfenden Könige mystifizieren. Daran wird zugleich die Verbindung mit dem Ideal des heldenhaft kämpfenden Königs deutlich.

Aus einer organologischen und im Mittelalter breit rezipierten Perspektive heraus formuliert, kamen den Königen als „Kopf“ Vorbildfunktionen für ihre „Glieder“ zu. Daher hatten gerade sie sich nach Meinung der Zeitgenossen Todesgefahren auszusetzen. Wenn sie also – sei es tatsächlich oder fiktiv – die Gefahren, die ihnen auf dem Schlachtfeld drohten, stetig ignorierten und selbstlos (und damit heldenhaft) mitkämpften, geschah dies aufgrund ihrer Bereitschaft, ihre Ritterlichkeit selbst in dem Moment zu bewahren und zu demonstrieren, wenn sie verletzt wurden oder sich allein unter ihren Gegnern wiederfanden. Denn genau dann offenbarte sich die sakral-göttliche Macht in ←102 | 103→ihrer Person. Zugleich werden sie als Männer, die unter ihresgleichen bereit sind für Gott und ihr Königreich zu sterben, menschlich und damit zu Helden.12

Die Entstehung des „Roi chevalier“ reicht laut Édouard bis in das 12. Jahrhundert zurück, als man angefangen habe, zwischen dem mystischen und dem politischen Körper eines Königs zu unterscheiden. In letzter Konsequenz habe diese Unterscheidung dazu geführt, dass der königliche Körper sterblich und zugleich unsterblich geworden sei.13 Für die französischen Könige habe der ab Anfang des 15. Jahrhunderts erbliche Ehrentitel des Rex christianissimus sein Übriges getan – und zwar mit allen Konsequenzen, die damit für die Könige von Frankreich einhergegangen seien.14 Schließlich habe diese Bezeichnung sie mit ihrer Funktion als „Speerspitze“ einer von Gott auserwählten patria15 konfrontiert, die es mit militärischen Mitteln gegen innere wie äußere Feinde zu verteidigen galt und für die sich nicht nur die Könige, sondern der gesamte Adel gegebenenfalls sogar (auf-)opfern musste.16

Im Ideal des kämpfenden Königs spiegelt sich eine Einheit zwischen den Königen und dem Adel allgemein wider, die die gleichen Werte teilen.17 So verstanden, wird das Schlachtfeld zu einem heiligen Raum, an dem sich in den kämpfenden Königshelden und deren Körpereinsatz göttliches Wirken verdichtet.18 Zugleich wird das Charisma der Könige während des Kampfgeschehens ←103 | 104→unmittelbar greifbar und geht eine enge Beziehung mit seinem Ausgang ein.19 Die Überprüfung dieser Ideen geschieht nun zunächst anhand der Analyse zeitgenössischer Beschreibungen einiger mittelalterlicher Schlachten.

Er gegen alle – alle gegen ihn: König Stephan, die Anhänger Kaiserin Matildas und die Schlacht von Lincoln (1142)

Anarchistische Zustände herrschten in England, nachdem König Heinrich I. im Jahr 1135 ohne männliche Nachkommen gestorben war.20 Das durch seinen Tod entstandene Machtvakuum und die daraus resultierenden Kämpfe um seine Nachfolge waren laut Björn Weiler „one of the most widely commented upon episodes in the political history of twefth-century England“.21

Schon in den letzten Jahren vor dem Tod Heinrichs I. war England in zwei Lager aufgespalten22: Zum einen waren da die Anhänger Matildas, der Tochter Heinrichs, die er noch vor seinem Tod nach England geholt hatte, um den Adel des Landes einen Treueid auf sie schwören zu lassen.23 Aufgrund ihres ←104 | 105→Geschlechts und ihrer zweiten Ehe mit Gottfried Plantagenet zog sie den Unmut zahlreicher englischer Großen auf sich, zumal sie sich mehr in Frankreich als in England aufhielt und die Mehrheit der englischen Großen ihren Ehemann nicht anerkennen wollten. Zum anderen waren da die Parteigänger ihres Cousins, Stephan von Blois.24 Er begab sich unmittelbar nach dem Tod Heinrichs I. von Frankreich nach England, zog feierlich in London ein und ließ sich Ende Dezember 1135 zum König krönen,25 was aus Sicht Matildas und ihrer Anhänger einer Usurpation gleichkam.26 Zu Beginn seiner Herrschaft bemühte sich Stephan erfolgreich um Unterstützung der englischen Großen und Geistlichen und wurde im Dezember 1136 von Papst Innozenz II. als König von England anerkannt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war allen Beteiligten klar, dass der Streit zwischen den beiden Parteien eskalieren und nur auf dem militärischen Weg gelöst werden würde. Daher entwickelten sie in der Folgezeit Praktiken, um die Rechtmäßigkeit ihrer Ansprüche auf die englische Krone zu verdeutlichen.27 Schichten dieser Praktiken sollen nun anhand zeitgenössischer Beschreibungen zur Schlacht von Lincoln freigelegt werden, da diese viel über das vorherrschende Königsideal verraten.

Die Schlacht selbst fand Anfang Februar 1141 statt und hatte und ihre Ursache in der Belagerung der Stadt Lincoln durch Parteigänger Matildas.28 Da sie als Frau persönlich nicht mitkämpfte, bildete die Betonung der männlich-königlichen Eigenschaften Stephans einen Schwerpunkt in der Propaganda seiner Anhänger bzw. deren Negierung einen Schwerpunkt in der seiner Gegner. Aufseiten Matildas war es ihr Halbbruder, Robert von Caen, der in der Schlacht als ihr militärischer Stellvertreter fungierte und von seinen Getreuen als Stephans Gegenbild stilisiert wurde.

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Auch wenn die Schlacht für Stephan durch seine Gefangennahme letztlich einen negativen Ausgang nahm, so rückten ihn seine nahestehenden Chronisten in ein durchweg positives Licht. Bereits vor der Schlacht wurde er in den Gesta Stephani als energischer und kraftgeladener Kämpfer beschrieben, der wie ein Herkules gegen Hydra gekämpft29 und auf die Hilferufe der Einwohner Lincolns sofort reagiert habe.30 In wertender Rückschau wurde in den Gesta daraufhin berichtet, die Schlacht habe für Stephan unter schlechten Vorzeichen gestanden. Demnach habe er vor dem Beginn der Kämpfe die Messe gehört, während der eine Kerze, die er in seinen Händen gehalten habe, ausgegangen und zerbrochen sei. Dass sie dann jedoch wie durch ein Wunder wieder zusammengefügt und zu leuchten begonnen habe, wertet der Verfasser als Zeichen dafür, dass der König zwar die Schlacht verlieren werde, nicht jedoch seinen Königstitel.31 Dafür spreche auch sein Verhalten während der Schlacht selbst. Denn als er vom Anrücken der Feinde gehört habe, habe er niemals an Flucht gedacht, sondern vielmehr seine Truppen wie ein Soldat geordnet und bis zu seiner letztlichen Gefangennahme tapfer mitgekämpft.32

Ähnlich wird Stephan auch vom normannischen Chronisten Ordericus Vitalis in seiner Historia Ecclesiastica charakterisiert.33 Auch dieser Verfasser wusste um ←106 | 107→die Niederlage des Königs und wählte zu deren Erklärung zahlreiche schlechte Vorzeichen als Stilmittel. Auch er erwähnt die zerbrochene Kerze und beschrieb zudem ein schweres Gewitter, das den gesamten Westen(!) am Abend vor der Schlacht heimgesucht habe.34 Er wirft dem König zu keinem Zeitpunkt vor, er trage Schuld an seiner Niederlage; selbst dann nicht, als er vom unmittelbaren Vorfeld der Schlacht berichtet und dabei angibt, Stephan habe ein Verschieben der Schlacht als unehrenhaft bezeichnet.35 Darin offenbart sich sein Anliegen, den König als Ideal eines ritterlichen Königs darzustellen, der sich sogar für sein Königreich aufzuopfern bereit gewesen sei. Das wird wenige Zeilen später noch deutlicher, wenn er vom Kampfgeschehen berichtet und dabei vor allem die besonderen körperlich-kämpferischen Fähigkeiten König Stephans betont. So sei dieser von seinem Pferd abgestiegen und habe zu Fuß tapfer um sein Leben und den Erhalt seines Königreichs gekämpft. Bewaffnet mit einem Schwert und einer Streitaxt habe er sich an die großartigen Taten seiner Vorfahren36 erinnert und sich erst ergeben, als er von allen seinen Getreuen verlassen gewesen sei.37

Eine etwas andere Sicht vertrat der bereits eingangs erwähnte und aufseiten Matildas stehende Heinrich von Huntingdon in seiner Historia Anglorum. Diese wurde kurz nach der Schlacht von Lincoln abgefasst und liest sich über weite ←107 | 108→Strecken wie eine Anklageschrift gegen Stephan, kann aber einen gewissen Respekt für ihn nicht verhehlen.38 Noch bevor auf die Geschehnisse im Schlachtenverlauf eingegangen wird, fügt der Verfasser ein Klagelied ein, in dem der Zustand des durch Bürgerkrieg gebeutelten Landes beklagt wird.39 Nach der eingehenden Beschreibung der Schlachtenaufstellung beider Heere zitiert Huntingdon mehrere fiktive, martialisch anmutende Reden an Matildas und Stephans Truppen des Earls von Chester und Roberts von Caen.

Da diese Reden zahlreiche Rekurse auf die Körperlichkeit der Kontrahenten enthalten, werden sie nun näher vorgestellt. Demnach habe Chester den Truppen zunächst für ihre Bereitschaft, ihr Leben [für ihn, Anm. d. Verf.] zu riskieren gedankt, dann mit Stephans Regierung abgerechnet und schließlich für sich beansprucht, an erster Stelle zu kämpfen, um eine Schneise in die Truppen Stephans zu schlagen. Sein Ziel sei es gewesen, dessen Truppen unter den Füßen zu zertrampeln und den König selbst mit dem Schwert herauszufordern.40 Robert von Caen habe Chester dann in seiner Rede zugestimmt, aber bemerkt, dass es ihm als Königsenkel eigentlich zustehe, an erster Stelle zu kämpfen. Auch Caen habe demgemäß mit dem König abgerechnet, der den englischen Thron unrechtmäßig usurpiert habe und für den Tod tausender Engländer verantwortlich sei. Im weiteren Verlauf der Rede habe Caen mehrfach seine Hoffnung ausgedrückt, Gott möge sein allfälliges Urteil über Stephan fällen, womit Huntingdon den ←108 | 109→Ausgang der Schlacht mit einem Gottesurteil gleichsetzt.41 Nachdem er auf Stephans Befehlshaber und deren Verfehlungen eingegangen ist, wandte sich der Verfasser dem König selbst zu, berichtete ebenfalls von der zerbrochenen (und in seiner Beschreibung nicht wieder zusammengefügten!) Kerze und fügte diesem schlechten Vorzeichen mit plötzlich von der Wand gefallenen Christusbildern weitere hinzu. Doch im Gegensatz zu den Stephan nahestehenden Chronisten sind diese Vorzeichen für Huntingdon allein der Beweis für den völligen Machtverlust des Königs, der ja schließlich auch eintraf.42

Daraufhin wird eine ebenfalls fiktive Rede wiedergegeben, die auf der Seite Stephans gehalten worden sein soll. Dabei verwendet der Verfasser gleich zu Beginn ein Stilmittel, um König Stephan zu diskreditieren. Der habe aufgrund seiner schwachen Stimme nicht selbst gesprochen, sondern einer seiner Getreuen.43 In der Rede nun finden sich zudem zahlreiche Anspielungen auf mutmaßliche körperliche Defizite der Gegner und eine Überhöhung der Fähigkeiten des Königs. So seien Stephans Truppen nicht nur aufgrund des rechtmäßigen Anlasses bereit, ihr Leben für ihn und das Königreich England zu riskieren, sondern auch, weil er als der von Gott auserwählte König gemeinsam mit ihnen kämpfe.44 Zudem seien die Gegner schlecht ausgerüstet und besäßen wenig Kampferfahrung. Ihr Anführer, Robert von Caen, habe überdies den Mund eines Löwen, doch das Herz eines Hasen, der für seine Redegewandtheit und seine notorische Faulheit45 bekannt sei. Neben Caen ist auch der Earl of Chester Zielscheibe der verbalen Angriffe in der Rede des königlichen Getreuen. Auch er verfüge über wenig Kriegserfahrungen und habe die Angewohnheit, vom Schlachtfeld zu fliehen, wenn der Gegner ihm zu nahekomme. Dies alles ←109 | 110→soll dazu beitragen, die Anführer von Matildas Truppen zu diskreditieren. So schließt die Rede auch mit einem Appell an die Soldaten, die all ihren Mut zusammennehmen, ihre unbesiegbaren rechten Hände erheben und das erobern sollten, was Gott ihnen anbiete.46 Doch noch vor dem Ende der Rede seien in der Ferne die Feinde zu hören gewesen und die Erde habe gebebt, so Huntingdon, der damit gewiss die Dramatik seiner Beschreibungen erhöhen und zugleich auf das Ende der Schlacht hinweisen wollte.47 Was folgt, ist bereits aus der Einleitung zu diesem Beitrag bekannt.48

Ebenfalls deutlich Partei für die Seite Matildas ergreift William von Malmesbury in seiner Historia Novella.49 Dies verwundert insofern nicht, als dass er sein Werk dezidiert dem Oberbefehlshaber der Truppen Matildas, Robert von Caen, widmete. Damit sind sie ein Beispiel für die Propaganda der Partei Matildas und sollen nun näher analysiert werden.

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Schon bei der Beschreibung der Ereignisse im unmittelbaren Vorfeld der Schlacht von Lincoln fällt auf, dass Malmesbury besonders auf den Körper Gloucesters eingeht, um dessen königsgleiche Eigenschaften zu betonen. So schildert er den Abend vor der Schlacht, als sich die feindlichen Truppen am Fluss Trent gegenüberstanden dergestalt, dass sich Gloucester sicher gewesen sei, im Fall einer Niederlage entweder getötet oder gefangen genommen zu werden, doch habe dieses Risiko ihn nicht davon abgehalten (wie wunderbar!), in den Fluss zu springen und diesen gemeinsam mit seinen Truppen zu überqueren. Bereits hier deutet sich an, dass der um den Ausgang der Schlacht wissende Verfasser diesen als Entscheidung durch ein direktes Eingreifen Gottes verstanden wissen wollte. Das ist auch der Grund dafür, warum sich in der Historia Novella keine Schilderungen eines tapfer und bis zuletzt kämpfenden Königs Stephan finden. Vielmehr wird Gloucesters ehrenvolles Verhalten gelobt, der selbst bei der Gefangennahme Stephans seine Impulse zur Herrlichkeit der Krone vollständig unter Kontrolle gehabt und seinen Soldaten befohlen habe, Stephan zu schonen.50

[…] das der von Bayern in den streit nie khom!: Friedrich der Schöne, Ludwig der Bayer und die Schlacht von Mühldorf (1322)

Geradezu ideal für die Analyse der unterschiedlichen Erwartungshaltungen an die Könige nehmen sich die zeitgenössischen Quellen aus, die zur „Schlacht von Mühldorf“ (1322) entstanden. Hier mögen einige Worte zu ihrer Vorgeschichte genügen. Als Kaiser Heinrich VII. im Sommer 1313 starb, kam es im Reich durch die Doppelwahl des Habsburgers Friedrich des Schönen und des Wittelsbachers Ludwig IV. ab dem Herbst des Jahres 1314 bis zum Frühjahr 1322 zu einer schwierigen politischen Situation, da sich beide als legitime Nachfolger ansahen.51 Für beide stand fest, dass der Konflikt nicht mit diplomatischen Mitteln ←111 | 112→gelöst, sondern dass eine Entscheidung nur auf militärischem Wege gefunden werden konnte. Während Friedrich jedoch einen offenen Schlagabtausch vermied, suchte Ludwig diesen mehrfach. So hatten sich die beiden Kontrahenten nicht nur im Frühjahr 1315 in Speyer, sondern auch im Herbst 1319 in der Nähe von Mühldorf sowie 1320 in Straßburg gegenübergestanden, ohne dass es zu Kampfhandlungen zwischen ihnen gekommen war.52

Im Sommer 1322 befand sich Friedrich in einer politisch äußerst komfortablen Position und fasste den Entschluss, abermals die Entscheidungsschlacht zu suchen, zu der es am 28. September 1322 bei Mühlheim am Inn kam.53 Ob der spätere Verlierer in diesem Zusammenhang nur an seinen Vater Albrecht dachte, der in einer ähnlichen Situation im Jahr 1298 in der Schlacht von Göllheim persönlich mitgekämpft und damit Erfolg gehabt hatte, ist zwar möglich.54 Vielmehr ist jedoch davon auszugehen, dass die Konfliktparteien aufgrund der besonderen politischen Konstellation die Entscheidung auf diesem Weg suchen mussten, wollten sie als von Gott auserwählte und damit rechtmäßige Könige anerkannt werden. Schließlich offenbarte sich der Wille Gottes nach Meinung der Zeitgenossen unmittelbar im Fall eines Sieges bzw. einer Niederlage.55 Dementsprechend sind auch die chronikalischen Schilderungen zu der Schlacht von Mühldorf,56 je nachdem, in welchem Lager sie entstanden, entsprechend eingefärbt und in wertender Rückschau abgefasst. Nichtsdestotrotz verraten sie viel über die Erwartungen, die man an einen Herrscher stellte.

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Als Beispiel dafür sollen nun einige Stellen aus der um 1330 bis 1370 entstandenen Chronica des Matthias von Neuenburg vorgestellt werden.57 Der Autor, eindeutig der Seite des Habsburgers zuzurechnen, gibt beispielsweise an, Friedrichs Gegner Ludwig sei, umgeben von elf Rittern, die die gleiche Kleidung wie er getragen hätten, um nicht erkannt zu werden […] ohne königliche Abzeichen in den Kampf gezogen.58 Als Begründung für das Täuschungsmanöver nennt der Verfasser, dass Ludwig nicht daran gezweifelt habe, daß er, wenn gefangen, getödtet werden würde.59 Demgegenüber sei Friedrich, der tapferste Streiter von allen,60 weithin als König erkennbar auf dem Schlachtfeld erschienen. Daran lässt sich erkennen, dass der Chronist die Schlacht als Entscheidungsschlacht ansah, bei der es letztlich nur einen Sieger und keinen Verlierer geben konnte.61

Andere Chronisten aus dem habsburgischen Lager beschreiben Ludwig weitaus negativer, so auch eine österreichische Chronik, die unmittelbar nach der Schlacht von Mühldorf entstanden ist. Für den anonymen Verfasser, der wahrscheinlich mitgekämpft hat, sei der von Pairn in den streit nie khom. Gekleidet in ainem plaben waffenrokh62, habe er auf seinem Pferd das Kampfgeschehen ohne einzugreifen aus der Ferne beobachtet, während Friedrich heldenhaft gekämpft ←113 | 114→habe.63 Ihren Höhepunkt erreichen die verklärenden Beschreibungen Friedrichs in den Annalen des niederösterreichischen Klosters Zwettl. Laut ihnen habe er mit eigenen Händen64 fünfzig Gegner vor seiner Ergreifung getötet.

Anders als der Wittelsbacher wird Friedrich der Schöne damit trotz bzw. gerade aufgrund seiner Niederlage von den Chronisten aus dem habsburgischen Lager als Idealbild eines für sein Königtum kämpfenden und damit ihrer Meinung nach legitimen Königs stilisiert. Dies geschieht mittels Betonung seiner körperlichen Präsenz auf dem Schlachtfeld und erfolgt mit dem Ziel, seine Niederlage und die in dessen Zuge erfolgte Gefangennahme in einen Sieg umzudeuten. Im Fall Ludwigs schweigen die Quellen aus dem bayerischen Lager hinsichtlich seiner persönlichen Beteiligung am Kampfgeschehen. Als Sieger der Entscheidungsschlacht benötigte man keine Umdeutung, um Gottes Wirken zusätzlich zu betonen: Es zählte allein das Ergebnis. So erklärt sich auch, warum der Sieg Ludwigs schon von den Zeitgenossen als Gottesurteil gedeutet wurde.65

Bis auf die Ehre und das Leben alles verloren: Franz I. von Frankreich, Kaiser Karl V. und die Schlacht von Pavia (1524)

Standen gerade zwei Beispiele für die Fremdzuschreibung des heldenhaften Verhaltens von Königen auf Schlachtfeldern im Vordergrund, soll nun zuletzt mit Franz I. von Frankreich66 ein Beispiel für eine Selbstzuschreibung behandelt werden.67 Auch hier mögen nur wenige Worte zum historischen Kontext ←114 | 115→genügen. Hatte es noch zu Beginn seiner Herrschaft so ausgesehen, als könnte König Franz I. mit der 1515 erfolgten Einnahme Mailands die Konflikte um die Vormachtstellung in Europa für sich entscheiden, änderte sich das im Jahr 1519, als Karl V. zum Kaiser gewählt wurde. Da Franz I. ebenfalls Ambitionen auf den Kaisertitel hatte, verschob seine Wahl die Kräfteverhältnisse in Europa eindeutig zugunsten Habsburgs.68 Die Folge war, dass sich der französische König einem Konflikt von zwei Seiten gegenübersah. Hinzu kam ein Bündnis, das er 1524/25 mit Papst Clemens VII. geschlossen hatte und das die gegenseitige Waffenhilfe im Kriegsfall beinhaltete. Den Vereinbarungen folgend, machte sich kurz darauf ein großes französisches Kontingent auf den Weg nach Italien und zog in der umstrittenen Stadt Mailand ein.69 Die im Februar 1525 erfolgte Belagerung der strategisch günstig gelegenen Stadt Pavia verlief zunächst im Sinne Frankreichs und seiner Verbündeten, doch endete ein Überraschungsangriff der Truppen Karls V. am 24. Februar 1524 mit der Gefangennahme von Franz I., der sich ab diesem Zeitpunkt für rund zwei Jahre in habsburgischer Gefangenschaft in Italien und Spanien aufhielt.70

Wenden wir uns den Schilderungen der Schlacht aus der Feder des Königs selbst zu. Bereits unmittelbar nach der Schlacht verfasste Franz I. in seinem ersten Haftort, dem Schloss Pizzighitone, einen Brief an seine Mutter, in dem er angab, er habe bis auf die Ehre und sein Leben alles verloren.71 Diese Formulierung ist insofern interessant, als dass sie in zahlreichen weiteren Briefen auftaucht. Das gilt nicht nur für die Antwort seiner Schwester an ihn, sondern auch für ←115 | 116→deren Brief an einen Amtsträger in La Rochelle.72 Hinzu gesellt sich ein Schreiben, das der inhaftierte König einen Monat nach seiner Gefangennahme Ende März 1524 an die Großen seines Reiches schrieb.73 Für die folgenden Monate sind zahlreiche weitere Briefe an bzw. vom König erhalten, in denen es zum größten Teil um den Stand der Freilassungsverhandlungen geht. Einen weiteren großen Teil machen Briefe aus, die sich mit dem wechselhaften Gesundheitszustand des Königs beschäftigen. So berichtet einer der französischen Unterhändler in Spanien Anfang Oktober 1525 dem Parlament von Paris von einer schweren Krankheit, an der Franz I. momentan leide und von der er hoffe, sie zu überleben.74 Diese Befürchtungen teilte die Regentin Frankreichs und Mutter des Königs, Luise von Savoyen. Sie berichtete ebenfalls dem Parlament von der Krankheit ihres Sohnes und forderte aus diesem Grund Prozessionen für ihn im gesamten Königreich.75 Dass das Parlament diesem Wunsch nachkam,76 zeigt, dass auch die französische Öffentlichkeit über den Verlauf der Gefangenschaft des Königs in Kenntnis gesetzt und zugleich für seinen schlechten Zustand sensibilisiert wurde. Mit Sicherheit wurde Franz I. in den erwähnten Prozessionen, die seinen abwesenden Königskörper symbolisch anwesend machen wollten, als ritterlicher König dargestellt, der in der Schlacht für Frankreich sein Leben riskiert habe.

Unter den zahlreichen Dokumenten aus der Zeit seiner Gefangenschaft sticht jedoch eines besonders hervor, das Franz I. im November 1525 in seinem Namen während der letzten Verhandlungen mit den kaiserlichen Unterhändlern anfertigen ließ. Dabei handelt es sich um eine Vollmacht, mit der er seinen Sohn zum König von Frankreich krönen lassen wollte, sollten die Verhandlungen mit ←116 | 117→Kaiser Karl V. scheitern.77 Da der Inhalt viel über das Selbstbild des Königs verrät und dezidiert auf sein Verhalten in der Schlacht eingeht, soll es nun auszugsweise wiedergegeben werden.

Schon zu Beginn zog Franz I. deutliche Parallelen zwischen sich und Jesus Christus, der sich für die Menschen geopfert habe und erläuterte im gleichen Satz den Ehrentitel des Rex christianissimus und dessen Konsequenzen für die französischen Könige. Eine von diesen sei gewesen, dass er in der Schlacht von Pavia persönlich mitgekämpft und sich dabei bewusst Todesgefahren [ausgesetzt habe, um die] Feinde des Königreichs zu jagen […] und das rechtmäßige Territorium des Königreichs zurückzuerobern.78 Als im Verlauf des Kampfes sein Pferd unter ihm getötet [worden sei, habe] eine große Anzahl von Feinden ihn umringt und ihre Waffen gegen ihn gerichtet, um ihn entweder zu töten oder um Beute zu machen. In dieser extremen Gefahr habe sich ihm Gott jedoch erkenntlich gezeigt, so dass er sein Leben und seine Ehre habe retten können,79 womit er eine bereits bekannte Formulierung wählte.

Bei alldem zwingt sich der Eindruck auf, dass sowohl der König selbst als auch seine Entourage versuchten, ihn mithilfe derartiger Formulierungen zu einem Helden zu stilisieren, um die Niederlage in der Schlacht und seine Gefangenschaft zu kompensieren. Gleiches gilt auch für die erwähnten Nachrichten über sein gesundheitliches Befinden. Möglicherweise bezweckte man damit, die in Prozessionen für den König eingebundene französische Bevölkerung für dessen Zustand zu sensibilisieren und ihn in Erinnerung zu rufen. Setzt man voraus, dass diese Beschreibungen bewusst gewählt und eingesetzt wurden, lassen sie sich zugleich als Vorbereitung für seine Rückkehr in sein Königreich verstehen. Dass dies erfolgreich war, beweist sein nahezu rascher Wiedereinstieg in die königliche Politik nach seiner Freilassung im März 1526. Daran zeigt sich, dass eine „Infragestellung ritterlicher Ideale“80 in seinem Fall nicht stattfand, ←117 | 118→wenngleich er eine wichtige Schlacht verloren und in Gefangenschaft geraten war. In einer Gesellschaft, in der der „ritterliche König […] freigiebig zu sein [hatte, bedeutete das, dass er] notfalls auch sein eigenes Leben aufs Spiel“81 setzen musste – zumindest noch zur Zeit von Franz I., während das rund zweihundert Jahre später undenkbar war, wie Joel Cornette für das Grande Siècle attestiert.82

Kritiker: Pierre Dubois (* ca. 1255, †1320) und Christine de Pizan (*1364, †1429)

Der Hinweis auf das Grande Siècle soll nun zum Anlass genommen werden, um sich nun im letzten Teil dieses Beitrags den als normativ einzuordnenden Schriften zuzuwenden. Wenngleich deutlich in der Minderzahl, sind da zunächst die kritischen Stimmen, die eine persönliche Beteiligung von Königen am Kampfgeschehen ablehnten und die Gefahren betonten, die damit für die Könige einhergingen. Zu ihnen gehörte auch der französische Scholastiker Pierre Dubois, der Anfang des 14. Jahrhunderts unter dem französischen König Philipp IV. ein Traktat abfasste.83 Dieser Traktat entstand unter dem Eindruck der jüngsten Vergangenheit, als in den Jahrzehnten zuvor mit Ludwig VIII., Ludwig IX. und Philipp III. von Frankreich insgesamt drei französische Könige während eines Feldzugs entweder gefangen genommen oder gestorben waren.84 Daher kam ←118 | 119→für Dubois die persönliche Mitwirkung eines Königs am Kampfgeschehen seinem Selbstmord gleich, da die Gefahr sehr groß sei, dass er im Kampf Schaden nehme. Deswegen solle er lieber einen seiner Söhne oder Brüder (nicht jedoch den Erstgeborenen) mit dem militärischen Oberbefehl betrauen, statt persönlich mitzukämpfen.

Die Forderungen Dubois‘ wurden wenig rezipiert, was möglicherweise an den darauffolgenden und mehrere Jahrzehnte andauernden Auseinandersetzungen zwischen England und Frankreich lag. Als Kampf um die eigene Souveränität und ihre Anerkennung durch den Gegner sahen sich die englischen und französischen Könige mitunter gezwungen, von ihrem Feldherrenhügel herabzusteigen und persönlich in die Kampfhandlungen einzugreifen. Dass dies mit Gefahren für sie einherging, zeigt das Beispiel Johanns des Guten von Frankreich, der rund fünfzig Jahre nach dem Entstehen von Dubois‘ Traktat in der Schlacht von Poitiers im Jahr 1356 gefangengenommen wurde und 1364 in englischer Gefangenschaft starb.85

Daher ist es wohl kein Zufall, dass Christine de Pizan in ihren Werken, die während des Hundertjährigen Kriegs im Umfeld des Nachfolgers Johanns des Guten entstanden, eine Mittelstellung zwischen den Befürwortern und den Gegnern hinsichtlich der Beteiligung der Könige am Kampfgeschehen einnahm. In ihrem 1404 verfassten Livre des fais et bonnes meurs du sage Roy Charles V. forderte sie Karl V. auf, er möge von einem persönlichen Eingriff ins Kampfgeschehen absehen, da dies zu gefährlich sei.86 Gleichzeitig stellte sie Karl V. in ←119 | 120→zahlreichen Kapiteln als überaus mutigen und ritterlichen König dar87 und widmete sich seinen glorreichen Taten gegen den englischen König.88 Sie verschwieg jedoch seine Flucht vom Schlachtfeld in Poitiers.89 Vielmehr stellte sie die Gründe dar, warum Karl V. sich so selten persönlich an Kampfhandlungen beteiligt habe.90 Es klingt fast wie eine Rechtfertigung, wenn sie angibt, dies habe an einer Verletzung an seiner rechten Hand gelegen, die aus einer Krankheit während seiner Jugend resultiere und die man vergeblich zu heilen versucht habe.91 Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Autorin nur ←120 | 121→wenige Zeilen später erklärt, Karl trage aufgrund eben jener Besonnenheit den Beinamen le Sageder Weise.92

Befürworter: William Worcester (*1415, † nach 1475)

Hundert Jahre später war für andere Autoren das Heraushalten von Königen vom Kampfgeschehen kein Zeichen für Weisheit, sondern für Schwäche. Ein Beispiel für diese Sichtweise ist der fürstenspiegelartige Traktat Boke of Noblesse, den William Worcester, der Sekretär des königlichen Amtsträgers John Fastolf, verfasste. Wohl unter dem Eindruck des 1450 durch die Schlacht von Formigny erfolgten Verlusts englischer Besitzungen in Frankreich, widmete Worcester die Schrift 1475 dem amtierenden englischen König Edward IV.93

In dem Traktat führte Worcester zunächst aus, was einen idealen Herrscher ausmacht und stellte englische Könige aus der jüngsten Vergangenheit vor, die als Vorbilder für die Amtsinhaber seiner Zeit dienen sollen. Daraufhin erörterte er die Gründe, die seiner Ansicht nach zu der Niederlage gegen Frankreich und zum Verlust der Besitzungen auf dem Kontinent geführt hatten.94 Im weiteren ←121 | 122→Verlauf drängte er den König und Hochadel Englands zu einem erneuten Kriegszug gegen Frankreich und zeigte ihnen Möglichkeiten zu einer Reform des Kriegswesens auf, damit sie aus Fehlern in der Vergangenheit lernen sollten.

Im Hinblick auf das Thema dieses Beitrags verdient ein Kapitel besondere Aufmerksamkeit.95 In diesem forderte Worcester, dass die Adligen schon in ihrer Jugend zum Kriegsdienst erzogen werden sollten, da dies für die Verteidigung des Königreichs in bestimmten Zeiten dringend notwendig sei. Er spricht in diesem Zusammenhang dezidiert einen körperlichen Aspekt der Erziehung zum Kampf an, wenn er betont, wie bedeutsam es sei, den Umgang mit den wichtigsten Verteidigungswaffen zu erlernen und körperlich ‚fit‘ zu sein.96 Der Verfasser richtete sich an dieser Stelle explizit an den amtierenden englischen König Edward IV. und erinnerte ihn an seinen Vorgänger Edward III. Dieser habe seine Söhne militärisch schon früh unterwiesen und damit, wie die Geschichte zeige, auch Erfolg gehabt.97 Dabei rekurrierte Worcester auf die Anfangsphase des Hundertjährigen Kriegs, in der sich der Schwarze Prinz, Edward von Woodstock, besonders hervorgetan hatte. Dementsprechend berichtet der Verfasser von der Schlacht von Poitiers im Jahr 1356, als der französische König Johann der Gute durch den Schwarzen Prinzen gefangen genommen worden war.98 Worcester beklagte, dass zahlreiche seiner adeligen Zeitgenossen ihre Kinder mehr im Hinblick auf administrative und repräsentative Tätigkeiten erzögen, ←122 | 123→die er abwertend als nutzlose Geschäfte bezeichnet, statt sie auf ihre militärische Rolle vorzubereiten.99

Zusammenfassung

Damit komme ich zum Schluss: Wie lässt sich das Beschriebene in einen größeren Kontext einordnen? Die Analyse der historiographischen Quellen verdeutlichte das Ideal eines Königs, der heldenhaft in der Schlacht mitkämpfte und sich gegebenenfalls sogar für sein Königreich aufopferte. Möglichkeiten, den Gegner zu diskreditieren bot das Eingehen auf den Körper des Kontrahenten und seine Defizite. Damit war alles eine Frage der intendierten Stoßrichtung der jeweiligen Verfasser. In einem sind sich die beiden Lager jedoch einig – ein König musste mitkämpfen, wollte er seinen Status als König demonstrieren oder verteidigen.

Dass noch im Spätmittelalter viele Könige wie beispielsweise Franz I. oder Friedrich der Schöne im Verlauf von Schlachten gefangengenommen wurden, zeigt, dass sie dem vorherrschenden Heldenideal tatsächlich nacheiferten, das an sie herangetragen wurde. Damit bewegen wir uns eigentlich in einer Zeit, der Johan Huizinga den Niedergang des Rittertums attestierte. Hinsichtlich des Ideals des kämpfenden Königs muss ihm widersprochen werden. Vielmehr waren es gerade das 15. und 16. Jahrhundert, in dem dieses theoretisch und praktisch allgegenwärtig war.100 Das schlägt sich in den Biographien der Könige dieser Jahrhunderte nieder, in denen sie regelmäßig zu Helden auf Schlachtfeldern stilisiert werden. Franz I. stand mit der Evokation ritterlicher Ideale in seiner Zeit nicht alleine, sondern auch die adlige Öffentlichkeit wusste um diese und eiferte ihnen literarisch und praktisch nach. Das zeigen die Ausführungen Martin Wredes zur „heroischen Monarchie“ in der Frühen Neuzeit eindeutig.101 Wie die in diesem ←123 | 124→Beitrag geleistete Analyse der Beschreibungen zu den Schlachten von Lincoln, Mühldorf und Pavia zeigt, hatte das Ideal eines heldenhaft kämpfenden Königs eine lange Tradition. Das spiegelt sich auch in normativen Quellen wider, deren Analyse zeigte, dass es im Mittelalter nur wenige Autoren gab, die eine persönliche Beteiligung von Königen am Kampfgeschehen völlig ablehnten, sondern dass für den Großteil der Autoren deren Heraushalten aus Kampfhandlungen undenkbar war bzw. zumindest einer Erklärung bedurfte.

Vor diesem Hintergrund ist das eingangs wiedergegebene Zitat ein Beweis für die zeitgenössische Erwartungshaltung, nach der ein König seinen Körper in bestimmten Konfliktkonstellationen riskieren musste, wollte er (weiterhin) als König anerkannt werden. Dabei ist es irrelevant, ob er sich tatsächlich derartigen Gefahren aussetzte, tapfer mitkämpfte oder sein Leben wirklich riskierte, wenngleich bei den hier zitierten Beispielen vieles dafürspricht.102 Zentral ist vielmehr die zielgerichtete und zweckgebundene Verwendung des Ideals des heldenhaft kämpfenden Königs. Denn in diesem spiegelt sich ein ritterlich-adliger Heldenethos wider, der nicht nur im gesamten Mittelalter, sondern auch darüber hinaus anzutreffen ist.


* Der Verfasser dankt Prof. Dr. Michael Grünbart (Münster), Prof. Dr. Jochen Johrendt (Wuppertal), Prof. Dr. John Watts (Oxford), Prof. Dr. Björn Weiler (Aberystwyth) und Dr. Julia Crispin (Bonn) für zahlreiche wertvolle Anregungen und Gespräche.

1 Henry of Huntingdon: Historia Anglorum. The History of the English People, hg. und übers. von Diana Greenway (Oxford Medieval Texts), Oxford 1996, S. 738f. (dt. Übersetzung durch den Verfasser).

2 Vgl. Jörg Rogge: Der König als Krieger – Zusammenfassung, in: Martin Clauss, Andrea Stieldorf, Tobias Weller (Hg.): Der König als Krieger. Zum Verhältnis von Königtum und Krieg im Mittelalter (Bamberger interdisziplinäre Mittelalterstudien. Vorlesungen und Vorträge 5), Bamberg 2016, S. 371–383, hier S. 375.

3 Vgl. dazu Ralf von den Hoff: Herologie als Forschungsfeld (http://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-2216; Zugriff am 27.10.2016); vgl. auch: Ders., Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer u.a.: Helden – Heroisierungen – Heroismen. Transformationen und Konjunkturen von der Antike bis zur Moderne. Konzeptionelle Ausgangspunkte des Sonderforschungsbereichs 948, in: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 1 (2013), S. 7–14 (DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2013/01/03; Zugriff am 19.11.2016).

4 Gero Schreier: Mittelalter (http://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-2216; Zugriff am 19.10.2016).

5 Dazu vgl. die Ausführungen von Achim Aurnhammer: Einzelfiguren und Heldentypen (http://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-2216; Zugriff am 19.10.2016).

6 Im Jahr 2013 hat man sich auf einer Tagung in Bamberg dem Verhältnis von Königtum und Krieg und dem Phänomen des Königs als Krieger angenommen. Der aus der Tagung entstandene Sammelband kann gewissermaßen als „Pionierstudie“ zu diesem Aspekt des mittelalterlichen Königtums gelten, der das Forschungsdesiderat mit wertvollen Anregungen füllt vgl. Martin Clauss, Andrea Stieldorf, Tobias Weller (Hg.): Der König als Krieger. Zum Verhältnis von Königtum und Krieg im Mittelalter (Bamberger interdisziplinäre Mittelalterstudien. Vorlesungen und Vorträge 5), Bamberg 2016.

7 Vgl. dazu Bea Lundt: Das Geschlecht von Krieg im Mittelalter. Der Ritter – eine Ikone heldenhafter Männlichkeit, in: Christoph Kaindel, Andreas Obenaus (Hg.): Krieg im mittelalterlichen Abendland (Krieg und Gesellschaft), Wien 2010, S. 411–435; vgl. auch die Ausführungen von Barbara Korte zur Körperlichkeit von Heldentum: Barbara Korte: Körperlichkeit, Opfer und Tod (http://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-2216; Zugriff am 9.11.2016).

8 Bei der Analyse wird versucht, die Forderungen hinsichtlich des Umgangs mit Quellen umzusetzen, die Martin Clauss in seiner Habilitationsschrift gefordert hat (Martin Clauss: Kriegsniederlagen im Mittelalter. Darstellung – Deutung – Bewältigung (Krieg in der Geschichte 54), Paderborn 2010).

9 Sylvène Edouard: Le Roi Chevalier en France au XVIe siècle. Construction et vocation du modèle, in: Dies., Nicolas Le Roux: La Vocation du Prince. L‘Engagement entre dévoir et pouvoir (XVIe–XVIIe siècles), Lyon 2013, S. 33–60; Denis Crouzet: Désir de mort et puissance absolue de Charles VIII à Henri IV, in: Revue de Synthèse 112 (1991), S. 423–441; Ders.: Mourir en Milanais, in: Philippe Contamine, Jean Guillaume (Hg.): Louis XII en Milanais. XLIe colloque international d‘études humanistes, Paris 2003, S. 173–188; Für die frühe Neuzeit vgl. dazu zuletzt den 2014 von Martin Wrede herausgegebenen Sammelband: Martin Wrede (Hg.): Die Inszenierung der heroischen Monarchie. Frühneuzeitliches Königtum zwischen ritterlichem Erbe und militärischer Herausforderung (HZ-Beihefte NF 62), München 2014.

10 Edouard: Roi Chevalier (wie Anm. 9), S. 33f.

11 Dazu vgl. auch Crouzet: Désir de mort (wie Anm. 9), S. 424–428.

12 Im Hinblick auf die persönliche Beteiligung der burgundischen Herzöge am Kampfgeschehen und deren historiographische Verarbeitung stellt Bertrand Schnerb interessante Überlegungen an, vgl. Bertrand Schnerb: Le corps armé du Prince. Le duc de Bourgogne en guerre, in: Micrologus 22 (2014), S. 297–315 (insbesondere S. 298).

13 Edouard: Roi chevalier (wie Anm. 9), S. 35. Edouard bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die Studie von Ernst H. Kantorowicz: The King’s Two Bodies: A Study in Mediaeval Political Theology, Princeton 1957.

14 Zum Ehrentitel des rex christianissimus vgl. den instruktiven Beitrag von Jacques Krynen: „Rex Christianissimus“: A medieval theme at the roots of French absolutism, in: History and Anthropology 4 (1989), S. 79–96.

15 Zur patria in diesem Zusammenhang vgl. Ernst H. Kantorowicz: „Pro Patria Mori“ in Medieval Political Thought, in: Ders. (Hg.): Selected Studies, Loucus Valley (New York) 1965, S. 308–324; zum Aufschwung der Idee für die patria zu sterben im 14. und 15. Jahrhundert vgl. Edouard: Roi chevalier (wie Anm. 9), S. 40f. (mit Verweisen auf die Werke von Gilles de Rome und Robert Blondel).

16 Edouard: Roi chevalier (wie Anm. 9), S. 36–38; Crouzet: Désir de mort (wie Anm. 9), S. 428f.

17 Edouard: Roi chevalier (wie Anm. 9), S. 58.

18 Vgl. Crouzet: Désir de mort (wie Anm. 9), S. 429.

19 Zum Charisma der Könige im Krieg im (Früh- und Hoch-) Mittelalter vgl. die noch immer wegweisende Studie von Herwig Wolfram: Splendor Imperii. Die Epiphanie von Tugend und Heil in Herrschaft und Reich (Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung. Ergänzungsband 10,3), Graz, Köln 1963, v.a. S. 123–137; insbesondere für die Entwicklung im Spätmittelalter vgl. auch Gerhart Krieger: Vom charisma zur ratio. Zur Legitimation politischer Herrschaft im Spätmittelalter, in: Pavlína Rychterová, Stefan Seit, Raphaela Veit (Hg.): Das Charisma. Funktionen und symbolische Repräsentation (Beiträge zu den Historischen Kulturwissenschaften 2), Berlin 2008, S. 405–428; neuere Überlegungen zum Themenkomplex „Charisma“ finden sich in dem instruktiven Aufsatz von Fabian Brändle: Charisma. Über eine wirkungsmächtige Kraft an der Schnittstelle zwischen Ereignis, Individuum und politischer Kultur, in: Saeculum 61 (2011), S. 17–35. Brändle plädiert „für eine Historisierung und Kontextualisierung von ‚Charisma‘ [und] für dessen Einbettung in eine konkrete politische Kultur“ und bezeichnet den „Charismatiker“ als eine Person, „die einerseits das Handlungsrepertoire einer bestimmten politischen Kultur beherrscht [und zugleich] andererseits Hoffnungen und Ideale einer im weitesten Sinne machtfernen Schicht [verkörpert]“ (ebd., S. 34).

20 Vgl. dazu den von Edmund King herausgegebenen Sammelband, der den bezeichnenden Titel „The Anarchy of King Stephen`s Reign“ trägt, Oxford 1994, ND Oxford 2001.

21 Björn Weiler: Kingship, usurpation and propaganda in twelfth-century Europe: the case of King Stephen, in: Anglo-Norman Studies 22 (2000), S. 299–326 (Zitat S. 301).

22 Dazu vgl. Jim Bradbury: Stephen and Matilda. The Civil War 1139–1153, Stroud 1996.

23 Zu Matilda vgl. Marjorie Chibnall: The Empress Matilda. Queen Consort, Queen Mother and Lady of the English, Oxford, Cambridge 1991; Lynsey Wood: Empress Matilda and the anarchy: the problems of royal succession in medieval England, in: History Studies 11 (2010), S. 26–38.

24 Zu Stephan von Blois vgl. Keith J. Stringer: The Reign of Stephen. Kingship, Warfare and Government in Twelfth-Century England, London, New York 1993; David Crouch: The Reign of King Stephen, 1135–1154, Edinburgh 2000; Ralph H. C. Davis: King Stephen 1135–1154, London, New York 31990.

25 Crouch: Reign (wie Anm. 24), S. 30–50, S. 133–146; Bradbury: Stephen and Matilda (wie Anm. 22), S. 83–99.

26 Vgl. Chibnall: Empress Matilda (wie Anm. 23), S. 64–87.

27 Die unterschiedlichen Strategien sind Thema des exzellenten Aufsatzes von Weiler: Kingship (wie Anm. 21).

28 Zur Schlacht von Lincoln vgl. King: King Stephen (wie Anm. 20), S. 141–175; Davis: King Stephen (wie Anm. 24), S. 44–52.

29 Gesta Stephani, hg. von Kenneth Reginald Potter (Medieval Texts), London, Edinburgh, Paris u.a. 1955, S. 46.

30 Ebd., S. 73: Rex autem repente et improuise adueniens, a ciuibus […]; zu den Gesta Stephani vgl. Ralph H. C. Davis: The Authorship of the Gesta Stephani, in: The English Historical Review 77 (1962), S. 209–232.

31 Gesta Stephani (wie Anm. 29), S. 74: Cumque in summo diluculo missarum solemnia celebrarent, et rex, secundum ritum diei et officium, accensum in manu cereum gestaret, lumen ipsum subito extinctum, sed et cereus, ut aiunt, parumper infractus, retentusque tamen in manu resarcinatus fuit, et iterato accensus: signum uidelicet, quod propter peccatum suum regni honorem amitteret, tandemque, exacta poenitentia, Deo sibi propitio mire et gloriose idem recuperaret. Quod etiam cereum, cum in manu illius infractus esset, in manu tamen retinuit, significat quia nec regnum ex toto deseruit, sed nec regis nomen, licet in carcere positus, amisit: miraque Dei actum est dispositione, cum inter summos detineretur inimicos, non tamen ne rex esset efficere potuerunt.

32 Ebd., S. 74–75: Audiens autem rex hostes in proximo affuturos, ipsaque die, ni aufugeret, cum eo conflicturos, noluit gloriam suam fugae opprobrio deturpare, sed bellico more caute et ordinate dispositis agminibus, extra ciuitatem obuius eis audacter occurrit. Cumque fortissimam tam militum quam peditum praemisisset cohortem, in exitu cuiusdam uadi eis ad obsistendum, illi, e conuerso directis prudenter aciebus, cum uiolentia in ipsos irruentes, uadum occupauerunt, dispersisque eis fortissime […] regem tandem ualide et constantissime repugnantem ceperunt.

33 Ordericus Vitalis: Historia Ecclesiastica, hg. und übers. von Marjorie Chibnall, 6 Bde. (Oxford Medieval Texts), Oxford 1969–1980, hier Bd. 6, Oxford 1978, ND 1986, zur Schlacht von Lincoln vgl. S. 538–547; zu Ordericus Vitalis vgl. John O. Ward: Ordericus Vitalis as Historian in the Europe of the Early-Twelfth-Century Renaissance, in: Parergon 31 (2014), S. 1–26; Franz-Josef Schmale: Ordericus Vitalis OSB, normannischer Chronist (1075–1142), in: LexMA 6 (1993), Sp. 1432f.; zur Bedeutung von Fortuna in Vitalis’ Werk vgl. Elisabeth Mégier: Fortuna als Kategorie der Geschichtsdeutung im 12. Jahrhundert am Beispiel von Ordericus Vitalis und Otto von Freising, in: Mittellateinisches Jahrbuch 32 (1997), S. 49–70.

34 Historia ecclesiastica (wie Anm. 33), hier Band 6, Oxford 1978, ND 1986, S. 544–545.

35 Ebd., S. 542–543: Obstinatus autem princeps persuasioni prudentium obaudire contempsit, et praelium pro aliqua ratione induciari indignum duxit, sed protinus suos ad bellum armari precepit.

36 Ebd., S. 542–543 bzw. S. 544–545: Rex ipse […] pedes descendit, et pro uita sua regnique sui statu fortiter pugnauit [und] fortium actuum antecessorum suorum memor […].

37 Ebd., S. 544–545: Ipso die [gem. ist der Tag der Schlacht, der 2. Februar 1142, Anm. d. Verf.] dum rex pugnaturus missam audiret, et multiplici ni fallor cogitatu et cura intrinsecus laboraret, cereus consecratus in manu eius fractus est, et multis spectantibus ter lapsus est. Hoc plane infelix presagium quibusdam sophistis uisum est, et eodem die in lapsu principis manifeste detectum est. Infortunium regis luctum peperit clericis et monachis populisque simplicibus, quia idem rex humilis et mansuetus erat bonis ac mitibus. Et si dolosi optimates paterentur abolitis suis prauis conatibus, liberalis tutor patriae fuisset ac beniuolus. Damit wälzt Ordericus die Schuld vom seiner Meinung nach rechtmäßigen König ab und schreibt sie den „verräterischen Großen“ zu.

38 Historia Anglorum (wie Anm. 1); zur Historia Anglorum vgl. Catherine Clarke: Writing Civil War in Henry of Huntingdon’s Historia Anglorum, in: Anglo-Norman Studies 31 (2009), S. 31–48; John B. Gillingham: Henry of Huntingdon in his time (1135) and place (between Lincoln and the royal court), in: Krzysztof Stopka (Hg.): Gallus Anonymous and his chronicle in the context of twelfth-century historiography from the perspective of the latest research, Krakau 2010, S. 157–172; Alheydis Plassmann: Bedingungen und Strukturen von Machtausübung bei Wilhelm von Malmesbury und Heinrich von Huntingdon, in: Norbert Kersken, Grischa Vercamer (Hg.): Macht und Spiegel der Macht. Herrschaft in Europa im 12. und 13. Jahrhundert vor dem Hintergrund der Chronistik (Quellen und Studien. DHI Warschau 27), Wiesbaden 2013, S. 145–172.

39 Historia Anglorum (wie Anm. 1), S. 724–725.

40 Ebd., S. 726–727: Gratias tibi multas, dux inuictissime, uobisque proceres et commilitones mei cum summa deuotione persoluo, qui usque ad uite periculum amoris effectum michi magnanimiter exhibuistis. Cum igitur sim uobis causa periculi, dignum est ut periculo me prius ingeram, et infidissimi regis, qui datis induciis pacem fregit, aciem prius illidam. Ego quidem tam de regis iniusticia quam de mea confidens uirtute, iamiam regalem cuneum diffindam, gladio michi uiam per hostes medios parabo. Vestre uirtutis est sequi preeuntem, et imitari percutientem. Iam uideor animum michi presago regias acies transuolare, proceres pedibus conculcare, regem ipsum gladio transuerberare.

41 Ebd., S. 726–729: Rex enim contra sacramenta, que sorori mee fecit, regnum crudeliter usurpauit, et omnia conturbans multis milibus causa necis extitit, et exemplo sui nichil iuris habentibus terras distribuit, iure possidentibus diripuit, ab ispis nequiter dehereditatis, summo iudice Deo cooperante et uindictam subministrante, prius aggrediendus est. Respiciet qui iudicat populos in equitate de excelso celorum habitaculo et iniustum iuste appetentes in hac tanta necessitate nequaquam relinquet.

42 Ebd., S. 732–733: Cum autem de more cereum rege dignum Deo offerens manibus Alexandri episcopi inponeret, confractus est. Hoc fuit regis signum contritionis. Cecidit etiam super altare pixis, cui corpus Domini inerat, abrupto uinculo, presente episcopo. Hoc fuit regi signum ruine.

43 Ebd.: Tunc quia rex Stephanus festiua caret uoce, Baldwino […] sermo exhortatorius ad uniuersum cetum iniunctus est.

44 Ebd., S. 734 -735: Cum igitur sit in medio uestrum dominus uester, unctus […].

45 Ebd.: Roberti ducis uires note sunt. Ipse quidem de more multum minatur, parum operatur, ore leoninus, corde leporinus, clarus eloquentia, obscurus inercia.

46 Ebd., S. 736––737: Extendite igitur animos uestros et dextras inexpugnabiles, uiri bellicosi, ad diripiendum cum summo tripudio quod ipse uobis obtulit Deus.

47 Ebd.: Sed iam antequam orationis seriem terminaret, clamor adest hostium, clangor lituorum, equorum fremitus, terre sonitus.

48 Ebd., S. 736–739: Rex itaque Stephanus cum acie sua pedestri relictus est in medio hostium. Circuierunt igitur undique aciem regalem et totam in circuitu expugnabant, sicut castellum solet assiliri. Tunc uero horrendam belli faciem uideres in omni circuitu regalis aciei, ignem prosilientem ex galearum et gladiorum collisione; stridorem horrendum, clamorem terrificum, resonabant colles, resonabant urbis muralia. Impetu igitur equorum regalem turmam offendentes quosdam cedebant, alios sternebant, nonnullos abstractos capiebant. Nulla eis quies, nulla respiratio dabatur, nisi in ea parte qua rex fortissimus stabat, horrentibus inimicis incomparabilem ictuum eius inmanitatem. Quod ubi comes Cestrensis comperit, regis inuidens glorie, cum omni pondere armatorum irruit in eum. Tunc apparuit uis regis fulminea, bipenni maxima cedens hos, diruens illos. Tunc nouus oritur clamor, omnes in eum, ipse in omnes. Tandem regia bipennis ex ictuum frequentia confracta est. Ipse gladio abstracto dextra regis digno rem mirabiliter agit, donec et gladius confractus est. Quod uidens Willelmus de Kahaines miles ualidissimus irruit in regem, et eum galea arripiens uoce magna clamauit, ‘Huc omnes, huc! regem teneo.’

49 William of Malmesbury: Historia Novella, hg. von Edmund King und übers. von Kenneth Reginald Potter (Oxford Medieval Texts), Oxford 1998; zur Historia Novella vgl. Sverre Bagge: Ethics, Politics, and Providence in William of Malmesbury’s Historia Novella, in: Viator 41 (2010), S. 113–132; Carolyne Bernadette Anderson: Narrating Matilda, „Lady of the English,“ in the „Historia Novella“, the Gesta Stephani, and Wace’s „Roman de Rou“: the desire for land and order, in: Clio 29 (1999), S. 47–67; Joan Gluckauf Haahr: The Concept of Kingship in William of Malmesbury’s Gesta Regum and Historia Novella, in: Medieval Studies 38 (1976), S. 351–371.

50 Historia Novella (wie Anm. 49), S. 84–87. Zur Überquerung des Flusses, ebd., S. 84f.: Cunctis igitur bona spe ipsum implentibus, mirabile auditu, illico belli discrimen initurus, predicti rapacitatem fluminis cum omnibus suis nando transgressus est sowie zur „Impulskontrolle“ des Earls of Gloucester, ebd. S. 86f.: Predicandus itaque comes Gloecestriae precepit regem uiuum et illesum asseruari, non passus etiam ullo exprobrationis conuitio illum proscindi. Et quem iratus modo impugnabat regno fastigatum. Placidus ecce protegit triumphatum, ut, compositis irae et letitiae motibus, et consanguinitati impenderet humanitatem, et in captiuo diadematis respiceret dignitatem.

51 Zur Doppelwahl und den damit einhergehenden Schwierigkeiten vgl. Martin Clauss: Ludwig IV. – der Bayer: Herzog, König, Kaiser, Regensburg 2014, S. 37–52; Heinz Thomas: Ludwig der Bayer (1282–1347): Kaiser und Ketzer, Regensburg 1993, S. 48–75.

52 Vgl. dazu Jörg Rogge: Attentate und Schlachten. Beobachtungen zum Verhältnis von Königtum und Gewalt im deutschen Reich des 13. und 14. Jahrhunderts, in: Martin Kintzinger, Jörg Rogge (Hg.): Königliche Gewalt – Gewalt gegen Könige. Macht und Mord im spätmittelalterlichen Europa (ZHF-Beiheft 33), Berlin 2004, S. 7–51 (zum Konflikt zwischen Ludwig dem Bayer und Friedrich dem Schönen insb. S. 35–42).

53 Zur Schlacht von Mühlheim vgl. Rogge: Attentate (wie Anm. 52), S. 37–41; Stefan Schieren: Die Schlacht bei Mühldorf am 28. September 1322, in: Josef Steinbichler (Hg.): Die Schlacht bei Mühldorf (28. September 1322). Ursachen – Ablauf – Folgen, Mühldorf 1993, S. 33–68; Wilhelm Erben: Die Schlacht bei Mühldorf 28. September 1322 historisch-geographisch und rechtsgeschichtlich untersucht (Veröffentlichungen des historischen Seminars der Universität Graz 1), Graz u.a. 1923.

54 Rogge: Attentate (wie Anm. 52), S. 37.

55 Vgl. dazu Clauss: Kriegsniederlagen (wie Anm. 8), S. 187–213.

56 Eine Zusammenstellung der Quellen zur Schlacht von Mühldorf hat Wilhelm Erben geleistet, vgl. Wilhelm Erben: Die Berichte der erzählenden Quellen über die Schlacht bei Mühldorf, in: Archiv für österreichische Geschichte 105 (1917), S. 231–514.

57 Matthias von Neuenburg: Chronica, hg. von Adolf Hofmeister (MGH SS rer. Germ. N.S. 4), Berlin 1940, zitiert nach: Die Chronik des Matthias von Neuenburg, hg. und übers. von Georg Grandaur (Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit 84), Leipzig 31912. Zu Matthias von Neuenburg, vgl. Heinz-Dieter Mück: Matthias von Neuenburg. Ein Chronist des Spätmittelalters am Oberrhein. Seine Zeit, sein Leben, sein Werk, Neuenburg 1995; Jörg W. Busch: Mathias von Neuenburg, Italien und die Herkunftssage der Habsburger, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 142 (1994), S. 103–116; Paul-Joachim Heinig: Matthias von Neuenburg, in: NDB 16 (1990), Sp. 411 (http://www.deutsche-biographie.de/pnd119299437.html; Zugriff am 10.10.2016). Laut Erben konnte Matthias von Neuenburg bei der Schilderung der Schlacht auf Augenzeugenberichte zurückgreifen, vgl. Erben: Berichte (wie Anm. 56), S. 367; zu den Aussagen Neuenburgs als habsburgischer Parteigänger vgl. Clauss: Kriegsniederlagen (wie Anm. 8), S. 97ff.; S. 241ff.; S. 260ff.

58 Matthias von Neuenburg (wie Anm. 57), S. 77.

59 Ebd.

60 Ebd.

61 Das zeigt sich auch an dem von Matthias von Neuenburg wiedergegebenen Staunen Leopolds von Österreich darüber, dass man seinen Bruder Friedrich gefangen und nicht getödtet habe (ebd.).

62 Otto Dobenecker: Die Schlacht bei Mühldorf und über das Fragment einer österreichischen Chronik, in: MIÖG Ergänzungsband 1, Innsbruck 1885, S. 210f.

63 Dobenecker: Schlacht bei Mühldorf (wie Anm. 62), S. 210: Do vachten die herrn ettlich von Osterreich menleich, und strait auch kunig Fridreich so ritterlich, das man im gab den preis, das in allem dem streit nie pesser ritter gewesen wer.

64 N.N.: Continuatio Zwetlensis III a. 1241–1329, hg. von Georg Heinrich Pertz, in: MGH SS 9, Hannover 1851, S. 667: […] rex Fridericus cum strennuissime pugnasset, et sicut dicitur ad quinquaginta homines manu sua peremisset […].

65 Vgl. dazu Rogge: Zusammenfassung (wie Anm. 2), S. 376; Clauss: Kriegsniederlagen (wie Anm. 8), S. 196–207.

66 Zur Biographie von Franz I. von Frankreich vgl. Robert Jean Knecht: Renaissance Warrior and Patron: The Reign of Francis I, Cambridge 1994.

67 Dazu vgl. Jean-Marie Le Gall: François Ier – roi chevalier vaincu et captif. Ou de l‘usage de l‘éthique chevaleresque pendant l‘année de Pavie, 1525–1526, in: Martin Wrede (Hg.): Die Inszenierung der heroischen Monarchie. Frühneuzeitliches Königtum zwischen ritterlichem Erbe und militärischer Herausforderung (HZ-Beihefte NF 62), München 2014, S. 128–151; Nicolas Le Roux: L‘héroïsme impossible des derniers Valois, in: Martin Wrede (Hg.): Die Inszenierung der heroischen Monarchie. Frühneuzeitliches Königtum zwischen ritterlichem Erbe und militärischer Herausforderung (HZ-Beihefte NF 62), München 2014, S. 152–169.

68 Dazu vgl. Knecht: Renaissance Warrior (wie Anm. 66), S. 165–185.

69 Zur Politik von Papst Clemens VII. Vgl. Stephan Ehses: Die Politik Clemensʼ VII. bis zur Schlacht von Pavia, in: Historisches Jahrbuch 7 (1886), S. 553–593.

70 Zur Schlacht von Pavia vgl. Knecht: Renaissance Warrior (wie Anm. 66), S. 218–225; allgemein zur Gefangenschaft von Franz I. Vgl. Louis Prosper Gachard: La Captivité de François Ier et la Traité de Madrid, Brüssel 1860; vgl. auch die zahlreichen edierten Dokumente zur Haftzeit von Franz I. bei Jacques-Joseph Champollion-Figéac: Captivité du Roi François Ier, Paris 1847; zur Gefangennahme selbst vgl. zuletzt Bastian Walter-Bogedain: Je l‘ay pris, je l‘ay pris: Die Gefangennahme von Königen auf dem mittelalterlichen Schlachtfeld, in: Martin Clauss, Andrea Stieldorf, Tobias Weller (Hg.): Der König als Krieger. Zum Verhältnis von Königtum und Krieg im Mittelalter. Beiträge der Tagung des Zentrums für Mittelalterstudien der Otto-Friedrich-Universität Bamberg (13.–15. März 2013), Bamberg 2015, S. 137–159.

71 Champollion-Figéac: Captivité (wie Anm. 70), S. 129, Nr. 42: Madame pour vous faire sçavoir comme se porte le reste de mon infortune, de toutes choses e m‘est demeuré que l‘honneur et la vie qui est saulve; zu der Formulierung vgl. auch Le Gall: Roi-chevalier (wie Anm. 67), S. 130f.

72 Ihre Antwort an den König im März 1525: Monseigneur, je ne puis par meilleur endroit commencer ceste lectre, que de louher Nostre Seigneur de ce qu‘il luy a pleu vous avoir gardé l‘onneur, la vye et la senté; dont, par l‘escripture de vostre main, il vous plaist m‘aseurer […] (Champollion-Figéac (wie Anm. 70), S. 129, Nr. 46), bzw. an den Monsieur de Jarnac, ebenfalls im März 1525: […] que le roy y est demeuré prisonnier entre les mains du vice-roy de Naplesm sain de sa personne et très bien traité: de quoy, et de ce qu‘il a plu à Dieu luy sauver l‘honneur et la vie […] (ebd., S. 135, Nr. 48).

73 Das „Lebenszeichen“ des Königs im März 1525: Mes amys et bons subjets, soubs la coulleur d‘autres lettres, j‘é eu le moyen et lyberté de vous pouvoyr escripre, estant seur vous randre grant plesyr de savoyr de mes nouvelles, lesquelles, selon mon infortune, sont bonnes, quar la santé et l‘honneur, Dyeu merrcy […] (ebd., S. 159, Nr. 60).

74 Ebd., S. 330–333, Nr. 158.

75 Ebd., S. 345f., Nr. 170.

76 Ebd., S. 346, Nr. 170.

77 Ebd., S. 416–425, Nr. 207.

78 Ebd., S. 417: […] une bataille où nous avons mis nostre personne en grand danger de mort, plus pour vouloir chasser nos ennemis de nostredict royaume […] pour intention seule de reconquerir les terres qui droit nous appartiennent.

79 Ebd.: […] et après avoir esté en icelle bataille nostre cheval tué soubz nous, et avoir plusieurs des nos ennemis, en grand nombre, converty leurs armes sur nostre personne, les uns pour nous tuer et occir, les autres pour en faire proye et butin, et qu’il luy a pleu par sa bonté et clemence, en tel et si extresme danger, nour saulver la et l’honneur.

80 Martin Wrede: Einleitung: Die Inszenierung der mehr oder weniger heroischen Monarchie. Zu Rittern und Feldherren, Kriegsherren und Schauspielern, in: Ders. (Hg.): Die Inszenierung der heroischen Monarchie. Frühneuzeitliches Königtum zwischen ritterlichem Erbe und militärischer Herausforderung (HZ-Beihefte NF 62), München 2014, S. 8–39 (Zitat S. 14).

81 Ebd.

82 Für Frankreich vgl. Joel Cornette: Le roi de guerres. Essai sur la souveraineté dans la France du Grande Siècle, Paris 22000.

83 Zu Pierre Dubois vgl. Chris Jones: Rex Francie in Regno suo Princeps est: The Perspective of Pierre Dubois, in: Comitatus 34 (2003), S. 49–87; Walther I. Brandt: Pierre Dubois: Modern or Medieval?, in: The American Historical Review 35 (1929/30), S. 507–521; Frank Rexroth: Pierre Dubois und das Projekt einer universellen Heilig-Land-Stiftung, in: Wolfgang Huschner, Frank Rexroth (Hg.): Gestiftete Zukunft im mittelalterlichen Europa. Festschrift für Michael Borgolte zum 60. Geburtstag, Berlin 2008, S. 309–333.

84 Pierre Dubois: The Recovery of the Holy Land, hg., übers. und komment. von Walther I. Brandt, New York 1956, Kap. 118, S. 178: It is true that it is a true and difficult matter for such a great king personally to wage a campaign and engage in general battle und weiter Kap. 119, S. 180: It ill becomes so great a prince to neglect his many important administrative duties and expose himself to danger and accidental death, sowie Kap. 120, S. 182: If a great prince such as the king of the French should have but a single son to succeed him, he could not appoint him leader of a dangerous war without great fear of probable misfortune. Even if appointed, such an only son could not approach the horrors of war unconcernendly as if he had several brothers. Therefore the king and his first-born son ought to have leisure for begetting children and should appoint other sons and brothers as war leaders und zuletzt Kap. 140, S. 196f.: It would be a good plan for a king to conduct his campaign by directing the army through the person of another brother or a younger son in order to avoid the chance of shortening his life, in view of the events and causes which hastened the deaths of his three most recent progenitors. Such a great prince ought not to expose himself to the perils of chance and fortune.

85 Zu seiner Gefangennahme vgl. Walter-Bogedain: Gefangennahme (wie Anm. 70).

86 Le Livre des Fais et Bonnes Meurs du sage Roy Charles V par Christine de Pisan, hg. von Suzanne Solente, Paris 1936, Buch 1, S. 115: […] encore fu sagement regardé, redoubtant la variacion de Fortune, que tout ainsi que quant le chief est ferus le corps et les membres sont enfermes et douloreux, que aussi la prise ou mort du prince pourroit estre la perdicion de tous les subgiez, n‘estoit mie expedient que sanz trop neccessité prince en propre personne alast en bataille […]. Ganz ähnlich äußert sich Pizan in ihrem Livre des fait d‘armes et de chevalerie, in dem sie den Gründen für ihre ablehnende Haltung gegenüber einem persönlichen Eingriff des Königs in das Kampfgeschehen ein ganzes Kapitel widmet (vgl. Christine de Pizan: The Book of Deeds of Arms and of Chevalerie, hg. von Charity Cannon Willard, Pennsylvania 1999, Buch 1, Kapitel 6, S. 21–23). Eine Ausnahme lässt sie jedoch zu – wenn der König gegen seine Untertanen kämpfen müsse, müsse er persönlich dabei sein.

87 Book of Deeds (wie Anm. 86), Buch 1, Kap. 14, S. 36–39: Cy dit preuves par raison et exemples la noblece de corage du roy Charles, bzw. ebd., Buch 2, Kap. 5, S. 120–122: Cy dit preuve comment le roy Charles peut estre dit vray chevalereux.

88 Ebd., Kap. 8, S. 126–128: Cy dit comment le roy Charles envoy[a] deffier le roy d’Angleterre.

89 Zu der Schlacht von Poitiers und ihrer literarischen Verarbeitung vgl. Françoise Autrand: La déconfiture. La bataille de Poitiers (1356) à travers quelques textes français des XIVe à XVe siècles, in: Philippe Contamine, Charles Giry-Deloison, Maurice Hugh Keen (Hg.): Guerre et société en France, en Angleterre et en Bourgogne, XIVe–XVe siècle, Lille 1991, S. 93–121; Rudolf Hiestand: „Weh dem Reich des König ein Gefangener“. Die Wahrnehmung von Krisenphänomenen in Frankreich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, in: Helga Scholten (Hg.): Die Wahrnehmung von Krisenphänomenen. Fallbeispiele von der Antike bis in die Neuzeit, Köln 2007, S. 127–154. Dass die Flucht des damaligen Dauphins Karl sowie ein großer Teil des französischen Hochadels schon von den Zeitgenossen durchaus kritisch gesehen wurde, beweist ein nur kurze Zeit nach der Schlacht entstandenes (Schmäh-)Gedicht, das François de Monte-Belluna zugeschrieben wird (Le Tragicum Argumentum de miserabili statu regni Francie de François de Monte-Belluna, in: Annuaire-bulletin de la Société de l‘Histoire de France (1962), S. 101–163). Zur Einschätzung vgl. auch Hiestand: Weh dem Reich (wie Anm. 89), S. 130f.; Autrand: La déconfiture (wie Anm. 89), S. 92–95.

90 Book of Deeds (wie Anm. 86), Buch 2, Kap. 10, S. 131–133: Cy dit comment le roy Charles moult conquestoit en ses guerres, non obstant n’y alast en personne, et la cause pour quoy n’i aloit. Pizan gibt in einem weiteren ihrer Werke, dem Livre du Corps de Policie, angelehnt an Vegetius‘ De re militari, an, dass ein guter Herr auch immer ein guter Feldherr sein und die Schlacht genauso wie den Frieden lieben müsse: Item, Vegece dit ou tiers livre que bon duc, c‘est a savoir bon chevetaine, doit plus desirer temps de batailles que temps de pais (Christine de Pizan: Le Livre du Corps de Policie, hg. von Angus J. Kennedy, Paris 1998, Buch 1, Kapitel 29, S. 48); zu der europaweit festzustellenden Rezeption von Vegetius‘ Werk im Mittelalter vgl. Christopher Thomas Allmand: The De re militari of Vegetius: the reception, transmission and legacy of a Roman text in the Middle Ages, Oxford 2011.

91 Corps de Policie (wie Anm. 90), S. 132: […] lui estant en flour de jeunece, ot une tres grieve et longue maladie; à quel cause lui vint, je ne scay, mais tant en fut afoiblis et debilités que toute sa vie demoura tres palle et tres maigre, et sa complexion moult dongereuse de fievres et froidure d‘estomach, et avec ce lui remaint de la ditte maladie la main destre si enflée que pesant chose lui eust esté non possible à manier, et convint le demourant de sa vie user ou dongier de medecins […], dazu vgl. auch Martin Clauss: Krieg der Könige: Monarchen auf den Kriegszügen des Hundertjährigen Krieges, in: Ders., Andrea Stieldorf, Tobias Weller (Hg.): Der König als Krieger. Zum Verhältnis von Königtum und Krieg im Mittelalter (Bamberger interdisziplinäre Mittelalterstudien. Vorlesungen und Vorträge 5), Bamberg 2016, S. 223–264, hier S. 248ff.

92 Corps de Policie (wie Anm. 90), S. 133: Ainsi, pour la vertu et sagece de cestui, luit doit bien perpetuelment demourer le nom de Charles le sage; et ces choses et autres vertus considerées, qui en lui habonderent, je puis conclurre cellui estre digne d‘avoir le nom et tiltre de perfaitte chevalerie.

93 The Boke of Noblesse: Addressed to King Edward the Fourth on His Invasion of France in 1475, hg. von John Gough Nichols, London 1860; zur Frage der Datierung der Entstehungszeit des Boke of Noblesse vgl. Catherine Halsey: Reforming England’s harde covetouse hert: William Worcester and the diagnosis of defeat, in: York Medieval Yearbook 1 (2002) (www.york.ac.uk/teaching/history/pjpg/yearbook1.htm; Zugriff am 5.12.2016); zur Biographie von William Worcester vgl. Christopher Allmand und Maurice Keen: History and Literature of War: The Boke of Noblesse of William Worcester, in: Christopher Allmand (Hg.): War, Government und Power in Late Medieval France, Liverpool 2000, S. 92–106.

94 Dazu vgl. zuletzt Julia Crispin: Krieg und Kunst. Die Visualisierung englischer Herrschaftsansprüche in Frankreich (1422–1453), Münster 2015, S. 149–152 (Diss. masch.).

95 Dieses Kapitel trägt den Titel How lordis sonnes and noble men of birthe, for the defense of her londe, shulde excersise hem in armes lernyng (Boke of Noblesse (wie Anm. 93), S. 76ff.).

96 Ebd., S. 76: […] for the grettir defens of youre roiaumes, and saufe garde of youre contreis in tyme of necessite [Herv. d. Verf.], also to the avauncement and encrece of chevalrie and worship in armes, comaunde and doo founde, establisshe, and ordeyne that the sonnes of princes, of lordis, and for the most part of alle tho that ben comen and descendid of noble bloode, as of auncien knightis, esquiers, and other auncient gentille men, that while they ben of grene age ben drawen forthe, norisshed, and excersised in disciplines, doctrine, and usage of scole of armes, as using justis, to can renne withe speer, handle withe ax, sworde, dagger, and alle othir defensible wepyn, to wrestling, to skeping, leping, and rennyng, to make hem hardie, deliver, and wele brethed, so as when ye and youre roiaume in suche tyme of nede to have theire service in entreprises of dedis of armes, they may of experience be apt and more enabled to doo you service honourable in what region they become […].

97 Ebd., S. 77: And this was the custom in the daies of youre noble auncestries, bothe of kingis of Fraunce as of Englande. In example wherof, king Edwarde.iijde. that exersised his noble son Edwarde the prince in righte grene age, and all his noble sonnes, in suche maiestries, wherby they were more apt in haunting of armes.

98 Ebd., S. 13ff.

99 Ebd., S. 77: But now of late daies, the grettir pite is, many one that ben descendid of noble bloode and borne to armes, as knightis sonnes, esquiers, and of othir gentille bloode, set hem silfe to singuler practik, straunge [faculteeȝ] frome that fet, as to lerne the practique of law or custom of lande, or of civile matier, and so wastyn gretlie theire tyme in suche nedelese besinesse, as to occupie courtis halding, to kepe and bere out a proude countenaunce at sessions and shiris halding, also there to embrace and rule among youre pore and simple comyns of bestialle contenaunce that lust to lyve in rest.

100 Doch gilt das nicht nur für die Könige selbst, sondern lässt sich für den gesamten, dem Ideal des vir virtutis nacheifernden Adel in den angesprochenen Jahrhunderten feststellen; vgl. Edouard: Roi Chevalier (wie Anm. 9); Crouzet: Désir de mort (wie Anm. 9); Ders.: Mourir en Milanais (wie Anm. 9); Jennifer R. Goodman: European Chivalry in the 1490s, in: Comparative Civilizations Review 26 (1992), S. 43–72.

101 Wrede: Einleitung (wie Anm. 80), S. 13–17.

102 Das gilt in besonderem Maße für Franz I. von Frankreich, dessen Kampfverhalten auch von seinen Gegnern hervorgehoben wurde, vgl. dazu Le Gall: Roi-chevalier (wie Anm. 67), S. 130–137.