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Gewalt, Krieg und Geschlecht im Mittelalter

Edited By Amalie Fößel

Gewalt und Krieg sind heute wie auch in der Vormoderne keine ausschließlich männliche Domäne, sondern Räume der Männer und Frauen gleichermaßen. In Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen werden Geschlechterrollen ausgebildet, konforme und abweichende Verhaltensweisen ausprobiert und Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit entwickelt. Erstmals für die Epoche des Mittelalters (7.-16. Jahrhundert) werden daraus resultierende Fragestellungen im interdisziplinären und kulturübergreifenden Vergleich untersucht. Die Beiträge erörtern Geschlechterbeziehungen auf Darstellungs- und Handlungsebene und beschreiben Interaktionsformen in Kontexten von Gewalt und Krieg. Über den europäischen Raum mit seinen zahlreichen Fehden und Heerzügen hinaus werden auch die Kreuzzüge in den Blick genommen.

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Zur Verschränkung von Krieg, Minne und weiblicher Herrschaft in Wolframs Parzival (Judith Lange)

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Judith Lange

Zur Verschränkung von Krieg, Minne und

weiblicher Herrschaft in Wolframs Parzival

Abstract: Through a comparative analysis of the three warscenes in Wolframs von Eschenbach Parzival, it will be detected why especially the minne-war and the resulting triangular constellation between rejected paramount, lady and love achieving peacemaker is exceptionally well suited to discuss questions of courtly order and of stability of female sovereignty.

Wolframs von Eschenbach Parzival1 ist wohl eines der schillerndsten Werke der mittelalterlichen europäischen Literatur. Gekonnt verbindet das zwischen 1200 und 1210 entstandene Versepos den keltischen Artusstoff mit religiöser Gralthematik. Wolfram geht dabei in seiner Dichtung weit über seine französische Vorlage, Chrétiens des Troyes Perceval, hinaus. Eines der Leitthemen im Parzival ist dabei eine zumeist, aber nicht immer von Männern ausgehende Gewalt gegen beide Geschlechter.2 Diese facettenreichen Gewaltbeschreibungen lagen in der Vergangenheit immer wieder auch im Blickpunkt der Forschung. Vor allem die Problematisierung von Ritterschaft und Wolframs Umgang mit Verwandtschafts- und Minnethematiken standen dabei im Fokus, denn eine enge Verbindung zwischen Liebe und Gewalt ist im Parzival – wie auch im gesamten Genre des Artusromans – nahezu allgegenwärtig.3 Im Vordergrund des Frauendienstes steht auch bei Wolfram fast immer die Bewährung im ritterlichen Zweikampf, der Kampf Mann gegen Mann. Aber mit dieser typischen Konstellation ist das Repertoire der Gewaltbeschreibungen des Dichters nicht erschöpft.

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An mehreren Stellen seines Parzival lässt Wolfram seine Helden auf Kriegsgeschehen stoßen und sich auch im Ernstkampf bewähren. Im Gegensatz zu Hartmann von Aue, der stets bestrebt scheint, die Kriegsschilderungen seiner Chrétienschen Vorlagen abzumildern oder zu tilgen,4 macht Wolfram aus Turniersituationen Belagerungskriege und dichtet sogar neue Kriege hinzu. Insgesamt gibt es drei relevante Kriege: (1.) die Belagerung der unter Belacanes Herrschaft stehenden Stadt Patelamunt durch die Verwandten ihres im Minnedienst gefallenen Werbers Isenhart, (2.) die Belagerung der unter Condwiramurs Herrschaft stehenden Stadt Pelrapeire durch den verschmähten Werber Clamide und (3.) die Belagerung Bearosches durch den von der Fürstentochter Obie zu unmäßigem Minnedienst aufgeforderten König Meljanz. Krieg wird im Parzival somit nahezu ausschließlich als Vergeltungsakt verschmähter Könige bzw. ihrer Stellvertreter gegen herrschende oder zumindest autonom handelnde Frauen dargestellt. Zu einem friedlichen Ende können die genannten Kriege erst durch das Eingreifen der Helden geführt werden.

Nimmt man die These ernst, Wolfram setze sich maßgeblich auch mit zerrissenen Gesellschaften und der Frage, wie sie wieder geheilt werden können,5 auseinander, muss diesen Szenarien des Krieges eine besondere Aufmerksamkeit zukommen. Dies ist bisher jedoch trotz zahlreicher Einzelstudien über die Minne- und Geschlechterbeziehungen im Parzival noch nicht in genügendem Maße geschehen; die besondere Funktion des Krieges wurde in der Regel ausgeklammert. Einzig Sonja Emmerling weist in ihrer Dissertation über die Geschlechterbeziehungen in den Gawan-Büchern ausführlich darauf hin, welche streng funktionale Rolle dem Belagerungskrieg vor Bearosche zukommt, und analysiert auch die Handlung um Gahmuret und Belacane vor dem Hintergrund der Kriegsszenerie. Sie konstatiert, Wolfram setze alles daran, eine empfindliche Störung des gesellschaftlichen Gleichgewichts darzustellen, um die Entfaltung seiner Minnekonzeption und seines neuen Bildes von Geschlechterbeziehungen ←416 | 417→vorzubereiten.6 Weitaus gängiger ist in der Altgermanistik aber nach wie vor die Auffassung Horst Brunners, den Kriegssituationen käme im klassischen Artusroman keine bis kaum eine narrative Funktion zu.

„Auch in Wolframs ‚Parzival‘ (um 1200/1210) wird Krieg, obwohl er mehrfach vorkommt, nicht wirklich thematisiert. In allen Fällen treffen die jeweiligen Helden – Gahmuret (Buch I), Parzival (Buch IV), Gawan (Buch VII) – zufällig auf Burgen, in denen fürstliche Frauen im Zusammenhang mit vorausgegangenen oder angestrebten Liebesverhältnissen belagert werden. Die kriegerischen Handlungen, in die die Helden geraten, werden durchweg durch ritterliche Zweikämpfe zu einem guten, unblutigen Ende geführt, das Aventiureprinzip bleibt somit gewahrt“.7

Eine genauere Betrachtung der Anlagen der weiblichen Figuren in den betreffenden Szenen weist jedoch darauf hin, dass Brunners Einschätzung möglicherweise zu kurz greift. Sowohl Belacane als auch Obie und Condwiramurs zeichnen sich durch ein hohes Maß an Willens- und Charakterstärke aus. Gerade die beiden Königinnen reagieren, vom Rat ihrer Fürsten und Verwandten begleitet, weitestgehend sowohl gesellschaftlich als auch politisch unabhängig. Ihnen kommt eine freie Lebensweise zu, für die gerade die freie Partnerwahl ein wichtiger Punkt ist. Dass es sich bei den Wolframschen Kriegsszenen zumindest auf den ersten Blick um parallel aufgebaute Episoden handelt, scheint ebenfalls dafür zu sprechen, dass ihnen im Romangefüge eine narrative Funktion zukommt; auch wenn die Beschreibungen derselben unbenommen eher zurückhaltend ausfallen.

Es soll im Folgenden gezeigt werden, wie Wolfram die Darstellung von Kriegssituationen geschickt nutzt, um sowohl an den höfischen Minne- als auch Ritteridealen zu kratzen, indem er die gesellschaftlichen Konsequenzen eines fehlgeleiteten Verständnisses des Dienst-Lohn-Gedankens sowie eines übermäßigen Strebens nach êre und prîs vor Augen führt. Wichtig ist dabei, dass nicht die Minne an sich zu destabilisierten Gesellschaften führt, sondern der durch höfische Minnekonventionen geprägte Umgang der Minnenden miteinander. Um dies verdeutlichen zu können, eröffnet Wolfram männlichen wie auch weiblichen Figuren Aktionsräume und zeigt, zu welchen Konsequenzen getroffene Entscheidungen führen können. Da der kriegsauslösende Konflikt zumeist einer zwischen Herrschenden ist und somit sowohl bei scheiternder als auch bei abgewiesener Werbung nicht nur einzelne Individuen, sondern automatisch ganze ←417 | 418→Gesellschaften involviert werden, setzt sich der Parzival gleichzeitig auch dezidiert mit der Stabilität weiblicher und männlicher Herrschaft auseinander. Die Herrschaft der ledigen Frau erscheint dabei als besonderer Risikofaktor, da die Werbung um eine solche Dame sowohl machtpolitisch als auch, die Schönheit der Dame vorausgesetzt, vor dem Hintergrund des Dienst-Lohn-Gedankens erstrebenswert ist. Wird die Werbung jedoch abgelehnt oder nicht erhört, ist Krieg die Folge. Die als Dreieckskonstellation aus erfolglosem Werber, Minnedame und erfolgreichem Friedensstifter angelegte Kriegssituation ermöglicht es wiederum, nicht nur die beiden Geschlechter vergleichend gegenüberzustellen, sondern auch Männer untereinander zu kontrastieren. Auf diese Weise ist es dem Autor des Parzival möglich, anhand seiner Figurenkonstellationen das konventionelle Rittertum des Artusromans selbst zu diskutieren. Diese Fokussierung auf die Interaktionen zwischen und unter den Geschlechtern begründet die besondere Bedeutung der Kategorie ‚gender‘ für die Analyse des Parzival. Obwohl natürlich grundsätzlich gilt: „Romance constructs masculinity in relation to femininity“,8 so fokussiert die Kategorie eben nicht ausschließlich Beziehungen zwischen Mann und Frau, sondern gleichfalls auch Beziehungen zwischen Männern und zwischen Frauen.9 Weitere wichtige Kategorien sind ‚Stand‘ und ‚Herrschaft‘, denn die vorliegenden Betrachtungen befassen sich ausnahmslos mit adeligem Romanpersonal. In zwei Fällen steht der Sonderfall der herrschenden Frau im Fokus der Betrachtung, die vor Kriegskulisse durch einen Ritter ohne Herrschaftstitel erobert wird. Der Belagerungskrieg vor Patelamunt sowie der Krieg um Pelrapeire, in den der Hauptheld Parzival gerät, bieten die Kulisse für klassische Dreieckskonstellationen. In Bearosche stellt Wolfram sowohl zwei männliche als auch zwei weibliche Figuren einander gegenüber.

Patelamunt

Die Gahmuret-Bücher, die das Leben und Sterben von Parzivals Vater erzählen und Zeugnis seiner Mannes- und Kampfeskraft geben, bilden die Basis, auf der sich die ganze weitere Erzählung entspinnt. Bereits in diesen ersten Büchern werden Szenenkonstellationen eingeführt, die im weiteren Handlungsverlauf ←418 | 419→immer wieder auftreten und die Reaktionen und Geschicke der Protagonisten leiten.10

Abweichend von seiner Quelle Chrétien beginnt Wolfram von Eschenbach seine Erzählung außerhalb der Artuswelt: Er führt seinen aus Anjou stammenden Helden in Länder und Reiche heidensch[er] Herrscher und Herrscherinnen. Die Primogenitur zwingt Gahmuret zum Aufbruch.11 Er hat ein klares Ziel vor Augen und seine Beweggründe sind politisch motiviert: Er will als messenîe (‚Dienerschaft‘, Pz. 13,12) in den (Kriegs-)Dienst eines geeigneten Herrschers treten12 und wählt zunächst den in Baldac (wohl: Bagdad) ansässigen barûc als Herren, da von diesem berichtet wird, daz im der erde undertân / diu zwei teil wæren oder mêr. / […] / er hete an krefte alsolhen zuc, / vil künege wâren sîne man, / mit krôntem lîbe undertân (Pz. 13,18f., 22–24).13 Neben dem Reich des bâruc bereist Gahmuret ein weiteres Herrschaftsgebiet: Das Doppelkönigreich Zazamanc und Azagouc der Môren-Königin Belacane.14 Obwohl der Held durchaus ←419 | 420→gein Zazamanc (Pz. 16,2) aufbricht, ist die Ankunft vor der Hauptstadt Patelamunt eine nicht von menschlicher Hand bestimmte. Ein heftiger Sturm treibt den machtlos ausgelieferten Helden und seine Gefolgsleute in einen fremden Hafen.15 Erst auf Nachfrage erfahren sie, dass sie sich vor den Toren Patelamunts befinden. Das Land befindet sich bei Gahmurets Ankunft in einem Krieg, der nicht unwesentlich mit dem Herrschaftsgefüge des Landes in Zusammenhang steht; zwei Heere belagern die Stadt.16 Das Land leidet unter den Folgen eines gescheiterten Minneverhältnisses und feindliche Truppen belagern die Hauptstadt Patelamunt, den Sitz der Königin. Zwar verteidigt das Heer der Königin die Stadt mit ellenhafter wer (Pz. 16,14), man ist jedoch froh über die Ankunft des fremden Ritters. Das Land wurde durch den Schottenkönig Vridebrant ←420 | 421→gebrandschatzt und nach Betreten der Stadt zeigt sich Gahmuret, und damit auch dem Rezipienten, das ganze Ausmaß des Krieges:

der hêrre schouwen began

manegen schilt zerbrochen,

mit spern gar durchstochen:

der was dâ vil gehangen für,

an die wende und an die tür.

su hêten jâmer und guft.

an diu venster gein dem luft

was gebettet mangem wunden man,

swenn er den ârzat gewan,

daz er doch mohte niht genesen.

der was bî vînden gewesen.

sus warb ie der ungerne vlôch.

vil orse man im widerzôch,

durchstochen und verhouwen. (Pz. 19,20–20,3)

Neben kampfbereiten Rittern säumen vor allem verwundete und sterbende Menschen und Pferde den Weg des Helden. Ohne die Unterstützung durch einen wehrhaften König oder Hauptmann sind die Chancen auf einen Sieg aussichtslos. Daher wird der Wunsch nach einem starken (Heer-)Führer direkt nach Gahmurets Ankunft an diesen herangetragen. Wolfram zeigt also eine Gesellschaft im Kriegs- und Ausnahmezustand und direkt zu Beginn der Episode erklärt der Erzähler in eindeutigen Worten, worin der Auslöser des Kampfes bestand: Nämlich im Tod des Ritters Isenhart im Frauendienst um Belacane, der alle Betroffenen gleichermaßen wehklagen lässt.

die klageten al gelîche

Isenharten, der den lîp

in dienste vlôs umbe ein wîp.

des twang in Belacâne,

diu süeze valsches âne.

daz si im ir minne nie gebôt,

des lager nâch ir minne tôt.

den râchten sîne mâge

offenlîche und an der lâge,

die frouwen twungen si mit her. (Pz. 16,4–14)

Zum Kriegsauslöser wird der Tod erst durch die Tatsache, dass der Dienst ungerechtfertigter Weise unerhört blieb und, anders als etwa im Falle der Sigune, führt Wolfram den Tod Isenharts als Tragödie mit gesellschaftlicher Tragweite ←421 | 422→vor:17 Die Verwandten und Männer Isenharts fühlen sich von Belacane betrogen und werden zu Rächern des Verstorbenen. Der Erzähler hält sich an dieser Stelle mit einer Wertung weitestgehend zurück. Zwar bezeichnet er Belacane als valsches âne, doch muss dies nicht bedeuten, dass die Rächer Isenharts deshalb im Unrecht seien. Vielmehr machen die Wendung die klageten al gelîche, die sich auf beide Kriegsparteien bezieht, und die eindeutige Verknüpfung von Isenharts Tod und Belacanes indirekter Schuld die Reaktion der Rächer für den Rezipienten zumindest nachvollziehbar. Erst eine spätere, an Gahmuret gerichtete Rede Belacanes relativiert dieses Bild ein wenig – wobei hier natürlich die Subjektivität des Blickwinkels bedacht werden muss. Ihre Worte machen vor allem deutlich, dass die Königin zwar eine gewisse Schuld auf sich nimmt, aber letztendlich Isenharts Minne-Verhalten ebenso in die Katastrophe führte. Als Reaktion auf Belacanes anhaltende Lohnverweigerung entledigte sich Isenhart seines Harnischs und zog, um Belacane sowohl seine Würdigkeit als auch seine Männlichkeit zu beweisen, ohne Rüstung in den Zweikampf; ein für einen Mann mit Verantwortung für eigene Gefolgsleute sicherlich unangemessenes Verhalten. Der Preis für diese übertriebene Zurschaustellung der eigenen Tapferkeit ist auch nicht die Minne der umworbenen Dame, sondern der Tod. Die Konsequenz dessen ist wiederum vor allem gesellschaftlicher Natur. Der unerwartete Tod des Königs betrifft nicht nur diesen und seine Minnedame; er zieht auch weitreichendes Leid für seine Gefolgsleute nach sich.

Wolfram erreicht mit der geschilderten Situation, zweierlei zu kritisieren: Zum einen ein unangemessenes Maß an Frauendienst auf Seiten des Werbers, zum anderen ein zu langes Hinauszögern der Belohnung auf Seiten der Dame. Wird der Dienst-Lohn-Gedanke, das formal-konstitutive Element des Frauendienstes, missverstanden, kann die höfische Minnebeziehung ihren Sinn nicht erfüllen, der eben gerade in der Bewahrung und Herstellung gesellschaftlicher Freude liegt.

Aber Belacane eröffnet der Tod Isenharts die Möglichkeit, über ihr Verhalten zu reflektieren. Sie bekommt somit eine Gelegenheit, die im klassischen Artusroman eigentlich männlichen Charakteren (und vor allem Protagonisten) vorbehalten bleibt. Zwar fühlt sie sich unschuldig angegriffen, da sowohl triuwe als auch stæte zu ihren Wesensarten gehören, doch erkennt sie, dass ein Übermaß an Scham für die Geschehnisse mitverantwortlich war: Nu hât min schamndiu ←422 | 423→wîpheit sîn lôn erlenget und min leit (Pz. 27,9f.). Es sind also gerade zwei weibliche Kardinaltugenden, die im Falle der Königin ins Leid führen – wobei nur die scham und nicht die mâze in Frage gestellt wird. Zwar fordert der Erzähler im Prolog des Parzival von den Frauen, ihr Leben entsprechend der traditionell weiblich konnotierten Tugenden kiusche, triuwe, mâze und scham zu gestalten, doch zeigt der Handlungsverlauf, dass diese Tugenden an dieser und anderen Stellen des Romans einer kritischen Sichtung unterzogen werden.18 Die gesellschaftliche Verantwortung obliegt beiden Geschlechtern gleichermaßen. Die Frau muss – will sie den Geliebten nicht verlieren – Verantwortung im Stellen von ritterlichen Bewährungsaufgaben zeigen. Umgekehrt kommt dem Ritter die Pflicht zu, sein Leben und das anderer Ritter nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Dienst und Lohn müssen im richtigen Verhältnis zueinander und im Einklang miteinander stehen. Vor diesem Hintergrund müssen nun auch die Beziehung des eigentlichen Minnepaares dieser Episode und deren Handlungen bewertet werden. Zeichnete sich Belacane nach eigenen Aussagen Isenhart gegenüber durch ein Zuviel an schamhafter Zurückhaltung aus, reagiert sie auf Gahmuret mit genau gegensätzlichem Verhalten. Zwar erscheint sie, nachdem sie von Gahmurets Ankunft erfährt, zunächst unsicher und befangen, aber schon wenig später ergreift sie die Initiative und beginnt eine immer forscher werdende Werbung:19 Sie schneidet ihm z. B. das Essen vor20 und nach dem erfolgreichen Kampf um Patelamunt holt sie ihn vor der Stadt ab. Sie führt den triumphreichen Helden am Zügel seines Pferdes zum gemeinsamen Liebeslager.21

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Zunächst einmal aber hat keine der beiden Figuren Interesse an einer Minnebeziehung. Bei Gahmuret handelt es sich um einen zufällig angereisten Söldner, der seine Dienste für monetären Lohn zur Verfügung stellt, und bei Belacane um eine Königin, deren Heer der Sieg bisher verwehrt blieb, weil ein kompetenter Hauptmann fehlt. Im Fokus steht also zunächst Gahmurets Nutzen für die Gesellschaft von Zazamanc; gleichzeitig werden an dieser Stelle ganz beiläufig die Grenzen weiblicher Herrschaft und die Bedingungen für männliche Herrschaft gesteckt. Zwar ist Belacanes Heer in der Lage, den Angriffen standzuhalten und eine Pattsituation zu erhalten, aber den Aussagen der Königin zufolge ist es die Führung eines geeigneten houbetmans, die zum Sieg fehlt (vgl. Pz. 24,30–25,1). In Kriegszeiten zeigt sich also die Überlegenheit männlicher Herrschaft, die sich, so Margaret Schaus, an der „ability to be a personal war leader“22 bemisst. Erst in dem Augenblick, in dem Belacane in Gahmuret sowohl einen anziehenden Mann als auch einen geeigneten Heerführer erkennt, verliert sie ihre Scham und beginnt ihre Werbung als Frau. Dieter Kühn übersetzt an der entscheidenden Stelle frei, aber treffend mit: „Die Königin in ihrer Macht, sie wurde augen-blicklich [sic!] schwach“ (Pz. 23,23). Diese neue Schwäche führt dazu, dass Belacane ganz neue Verhaltensmuster erhält. War sie bei Isenhart zu sehr darauf bedacht, die Treue ihres Ritters auf den Prüfstand zu stellen, gewährt sie Gahmuret bereits nach einem Tag Lohn für seine Dienste und macht ihn zu ihrem Gatten. Ohne seine triuwe auf den Prüfstand zu stellen, gibt sie ihre Macht ab und legt die Geschicke ihres Reiches in seine Hände. Belacane ist vor allem vom stattlichen Erscheinungsbild des Recken, das absolute Selbstsicherheit, Mannes- und Kampfkraft ausstrahlt, angezogen. Es lässt ihn als Idealbild einer Herrscherfigur erscheinen und macht ihn somit als Ehemann für Belacane interessant. Gahmuret hingegen ist als Minneritter von der Tugendhaftigkeit und hövescheit der Königin in den Bann gezogen. Als sie während der Erzählung von Isenharts Tod zu weinen beginnt, deutet er sogar ihre Tränen als Taufe und rückt sie somit auch in religiöser Hinsicht näher an sich heran.23 Der Eindruck, dass diese Tränentaufe allerdings keineswegs über sakramentalen Charakter verfügt, bestätigt sich später durch Belacanes schnelle Hingebung an Gahmuret. Völlig gegensätzlich zu ihrem übermäßig tugendhaften, aus „überspannter höfischer ←424 | 425→Minne“24 resultierendem Verhalten gegenüber Isenhart – das ja letztlich überhaupt erst die taufenden Tränen verursacht – schenkt sie Gahmuret direkt nach seinem Sieg über die Feinde sowohl ihr Reich als auch ihre Jungfräulichkeit.

Obwohl der Erzähler immer wieder betont, dass die Liebe der beiden Figuren zueinander aufrichtig sei, ist auch diese Minnebeziehung nicht von Dauer. Gahmuret nimmt die Religion seiner Ehefrau in einem Brief an diese als Ausrede, sich ohne Abschied davonzuschleichen. Der Grund für Gahmurets Aufbruch liegt allerdings eher in seinem eigenen Wesen begründet, das sich zwar, so der Erzähler, durch die beiden Pfeiler minne und strît auszeichnet, in dem aber gesellschaftlich verantworteter strît um minne, wie er im Frauendienst allgemein realisiert ist, keinen Platz zu haben scheint. Verena Eleonore Maier-Eroms kommt daher zu dem Schluss: „das Wichtigste ist und bleibt die Ausübung der Ritterschaft, das Gewinnen der höchsten Ehre im Ernst- oder Wettkampf – das Gewinnen einer Frau wird dabei zur Nebensächlichkeit degradiert“.25 Siegfried Christoph merkt an:

“The virtue which Gahmuret pursues, and which is manheit as virtue embodies, is ultimately a negative one. The avoidance of sloth and establishment, pursued in knightly activity, ultimately excludes Gahmuret from another aspect of knighthood, namely the social nexus which imbues knightly activity with ethical value in terms of orientation”.26

Anhand der zwei unterschiedlich gelagerten Minneverhältnisse, in deren Zentrum sich die Herrscherin Belacane befindet, eröffnet Wolfram folglich eine Diskussion, die sich durch den gesamten Parzival ziehen wird: Es ist die Diskussion, in welchem Maße höfische Minnekonventionen und Rittertum sich die Waage halten müssen, um gesellschaftliche Stabilität zu ermöglichen. Wie Isenharts Verhalten letztlich in den Tod und damit zu einer destabilisierten Gesellschaft führt, zieht auch Gahmurets Verhalten eine solche nach sich. Der Grund liegt bei diesem jedoch in seinem Wunsch nach persönlichem Ruhm, dem er, auch wenn der Erzähler anderes behaupten mag, seine Liebe zu Belacane opfert. Mit den beiden um den Krieg um Patelamunt drapierten Minne- und Minnedienst-Modellen zeigt Wolfram die starke gesellschaftliche Tragweite von Minne ←425 | 426→unter Herrschenden auf und eröffnet gleichzeitig die Suche nach einer Form der Minnebindung, die die Quelle eines stabilen Machtverhältnisses sein kann. Sollen Rittertum und Frauendienst zu Freude und nicht zu Leid führen, muss die Begründung ritterlicher Aktivität an den Bedürfnissen der Minnepartnerin und der Gesellschaft gleichermaßen orientiert sein.27 Nahezu als Gegenentwurf zu den Gegebenheiten in Patelamunt entwirft Wolfram die erste Minnebegegnung zwischen Parzival und seiner Ehefrau Condwiramurs. Den Rahmen bildet aber auch in diesem Falle ein Krieg, der die Herrscherin von Pelrapeire, ihre Stadt sowie ihr Volk in arge Bedrängnis bringt.

Der Krieg um Pelrapeire

Wie seinen Vater führt auch Parzival das Schicksal an die Tore einer belagerten, aber wehrhaften Stadt. Noch ganz in Gedanken an Liase, die Tochter seines höfischen Erziehers Gurnemanz versunken, gelangt Parzival, wie schon sein Vater zuvor, ohne selbstbestimmtes Tun28 an den Ort seiner Bestimmung, die Stadt Pelrapeire. Der Erzähler kommentiert in diesem Zusammenhang der künec Tampenteire / het si [die Stadt, JLa] gerbet ûf sîn kint, / bî der vil liute in kumber sint (Pz. 180,26–28). Scheinbar nebensächlich kommentiert der Erzähler an dieser Stelle mögliche Folgen weiblicher Herrschaft. Es wird von der Herrschaftsübergabe des Königs an sein Kind und von herrschendem Leid innerhalb der Bevölkerung berichtet; dass es sich beim neuen Herrscher um eine Frau handelt, wird erst im Satzteil offenbar, der vom Leid der Bevölkerung berichtet.

Anders als Patelamunt wird Pelrapeire nicht von einem feindlichen Heer belagert, sondern die Bevölkerung der Stadt bereitet sich gerade auf die nächste Angriffswelle des Aggressors vor, für den Parzival bei seiner Ankunft zunächst gehalten wird. Der Anblick des Helden bewegt die vor den Toren wartenden Ritter zum Rückzug.

dort anderhalben stuonden

mit helmen ûf gebuonden

sehzec ritter oder mêr.

die riefen alle „kêra kêr!“

mit ûf geworfen swerten:

die kranken strîtes gerten.

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durch daz sin dicke sâhen ê,

si wânden ez wær Clâmidê,

[…].

do lasch ouch anderhalp der schal:

die ritter truogen wider în

helme, schilde, ir swerte schîn,

und sluzzen zuo ir porten:

grœzer her si vorhten. (Pz. 181,11–18; 182,2–6)

Die Stadt selbst wird als wehrbereit beschrieben: Mächtige Mauern schützen die in der Stadt Lebenden und eine schwingende Brücke ohne Halteseile, die auch Parzival nur dank seines Mutes zu betreten vermag, erschwert den Weg zusätzlich. Innerhalb der Stadtmauern trifft Parzival auf die gerüsteten, kampfbereiten Ritter. Dennoch ist die Hälfte aller Kämpfer bereits im Krieg gefallen und es herrscht eine ausgeprägte Hungersnot (vgl. Pz. 194,14–25); die Bevölkerung der Stadt ist ausgemergelt (vgl. Pz. 183,18). Einlass in die Stadt wird Parzival – anders als Gahmuret – explizit auf Geheiß der Herrscherin selbst gewährt. Noch vor den Toren stehend, bietet Parzival seine Hilfe freiwillig an: frowe, hie habt ein man / der iu dienet, ob ich kan. / iwer gruoz sol sîn mîn solt. (Pz. 182,25–27).29

Auslöser des Krieges ist eine ungewährte Minne, die hier jedoch – anders als in den zuvor aufgezeigten Fällen – auf ganz anti-höfische Weise erzwungen werden soll. Clamide, der Werber, erschlug zunächst den Geliebten der Königin Condwiramurs und versucht dann mit Kriegsführung, ihre Liebe und Heirat und damit die Landesherrschaft in ihrem Reich zu erzwingen. Die Aussicht auf die Landübernahme und die Aussicht, die Königin zu besitzen, sind dabei gleichermaßen attraktiv für Clamide. Er verkündet noch nach der Eheschließung zwischen Parzival und Condwiramurs: Condwîr âmûrs wil mich hân, und ich ir lîp (ihren Leib) unt ir lant (Pz. 204,6). Clamide bringt zum Ausdruck, was sich durchweg für den Artusroman zeigen lässt: Weibliche Herrschaft erscheint stets gekoppelt an einen schönen Körper. Gleichzeitig führen der Gewinn der Minne einer regierenden Frau und eine daraus resultierende Eheschließung dazu, dass ←427 | 428→dem Werber nicht nur die Herrscherin selbst, sondern auch ihr Land zufällt. Condwiramurs ist jedoch, anders als Clamide glaubt, keineswegs gewillt, sich und ihr Land dem Aggressor als Ehemann hinzugeben. Wie Belacane zeichnet auch sie sich als Frau mit starkem eigenen Willen und dem Wunsch nach Selbstbestimmung aus. Sie würde sich eher von der höchsten Zinne ihres Palastes in den Freitod stürzen, als sich von Clamide entjungfern zu lassen (vgl. Pz. 195,21–25). Dabei spielt Vergeltung keine untergeordnete Rolle, denn als Ziel des Selbstmordes nennt Condwiramurs, sînen ruom zu wenden (Pz. 195,26), Clamide also seines Ansehens zu berauben.

Auch Condwiramurs ist nach anfänglichen Zweifeln, ob der eigene, ausgemergelte Körper dem Helden vielleicht nicht gefalle, die aktiv Handelnde und Werbende. Ganz anders als bei der ebenfalls jungfräulichen Herrscherin von Zazamanc weckt der Anblick Parzivals jedoch kein sexuelles Begehren in Condwiramurs, sondern den Wunsch, sich jemandem anzuvertrauen und freundschaftlichen Trost zu finden. Wo Belacanes Scham beim ersten Anblick Gahmurets verschwindet, bleibt diese Condwiramurs erhalten, und auch in Parzival weckt die Schönste der Schönen kein sexuelles Begehren. Beide Figuren sind so tugendhaft ‚rein‘, dass ihnen selbst das Konzept körperlicher Liebe fremd ist – selbst nach der Hochzeit liegen die Eheleute die ersten drei Nächte keusch beieinander und wissen nicht, wie die Ehe vollzogen werden muss. Beider Wunsch richtet sich niht nâch sölher minne, diu sölhen namen reizet der meide wîp heizet (Pz. 192,10f.), die also Jungfrauen zu Frauen macht.

In der ersten Nacht nach Parzivals Ankunft schleicht sich die schlaflose Königin in sein Gemach, um dort Trost zu finden. Über 90 Verse hinweg gibt sich der Erzähler die größte Mühe, die Tugendhaftigkeit und Unschuld seiner Protagonisten zu beteuern und jeden Verdacht auf sexuelles Verlangen im Keim zu ersticken:

kint im entschuohten, sân er slief,

unz im der wâre jâmer rief,

und liehter ougen herzen regen:

die wacten schiere den werden degen.

daz kom als ich iu sagen wil.

ez prach niht wîplîchiu zil:

mit stæte kiusche truoc diu magt,

von der ein teil hie wirt gesagt.

[…]

si heten beidiu kranken sin,

er unt diu küneginne,

an bî ligender minne.

hie wart alsus geworben:

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an freuden verdorben

was diu magt; des twanc si schem.

ober si hin an iht nem?

leider des enkan er niht.

âne kunst ez doch geschiht,

mit eime alsô bewanden vride,

daz si diu süenebæren lide

niht zein ander brâhten.

wênc si des gedâhten. (Pz. 191,27–192,4; 193,2–14)

Auch nach der Hochzeit, die bezeichnenderweise gegen das typische Doppelwegschema des Artusromans30 schon stattfindet, bevor Parzival den eigentlichen Feind Clamide, sondern nur dessen Seneschall Kingrun besiegt hat, schläft das Paar noch drei Nächte keusch beieinander. Die körperliche Liebe tritt in der ganzen Szene eigenartig in den Hintergrund, wohingegen Keuschheit und Demut in den Vordergrund treten. Wolfram stellt hier eine Liebe zwischen dem Helden und seiner Frau dar, die keine Krise auszulösen vermag – vor allem nicht durch das Vergessen gesellschaftlicher Pflichten über den lustvollen Zeitvertreib miteinander, wie es etwa dem gleichnamigen Protagonisten in Hartmanns Erec wiederfährt. Anstelle von Minneexkursen oder den zu erwartenden breiten Erzählungen über das Erwachen gegenseitiger Liebe stellt Wolfram das gesellschaftliche Engagement des Königspaares in den Fokus. Schon in der ersten Nacht beklagt die Königin nicht nur ihr eigenes Leid, sondern vor allem auch das ihres Heeres. Beim gemeinsamen Essen des Paares wird nicht über den Umgang miteinander berichtet, sondern hervorgehoben, dass die beiden, auf Parzivals Einfall hin, das Essen bereitwillig an die Hungerleidenden verteilen. Das ←429 | 430→Verschenken von Nahrung und das Abwenden der Hungersnot werden immer wieder thematisiert und gehören zu Parzivals wichtigsten Taten in Pelrapeire. Besonnenes Herrschen eines guten Königs rückt in den Fokus der Aufmerksamkeit. Durch den neuen König moralisch gestärkt, kann das Heer Pelrapeires mit neuem Mut in den Kampf ziehen. Parzival weist jedoch seine Kämpfer an, die Besiegten nicht zu töten, sondern als Gefangene auf die Burg zu führen. Dort werden sie wie Gäste bewirtet und nach drei Tagen wieder freigelassen, um die Gerüchte einer Hungersnot in Pelrapeire zu zerstreuen. Diese List Parzivals demoralisiert die Kämpfer Clamides und zwingt den Mitbewerber schlussendlich, Parzival persönlich zum Zweikampf herauszufordern. Nachdem der Krieg beendet ist, verteilt Parzival die Schätze des Königshauses an die Bevölkerung, damit das vom Krieg verwüstete Land wiederaufgebaut werden kann. Abschließend sichert er die Landesgrenzen und erfüllt damit vorbildlich die Aufgaben eines Herrschers.

Der Frauendienst und die sexuelle Anziehung zwischen zwei Minnepartnern, die dominierenden Themen der Gahmuret-Episode, werden hingegen nahezu ausgeblendet. Auch der kriegsentscheidende Zweikampf zwischen Parzival und Clamide wird nicht als Minnedienst, sondern als Gottesurteil ausgedeutet. Interessanterweise wird durch diese Wendung Conwiramurs der endgültigen Entscheidung enthoben, wem sie ‚gehören‘ will. Es ist Gott, der mit Parzivals Sieg offenbart, dass Conwiramurs für ihn bestimmt ist.

Erst bei seiner Abreise aus Pelrapeire – denn auch Parzival bleibt wie Gahmuret und Gawan, nach der Befriedung seines neuen Landes nicht bei seiner Minnedame – wird der Minne- und Frauendienst wieder thematisiert. Zwar scheint Parzivals Grund für seinen Aufbruch ähnlich vorgeschoben wie derjenige Gahmurets, aber anders als jener fragt Parzival seine Gattin um Erlaubnis, ziehen zu dürfen. Bei seinem Abschied betont er, dass seine Aventiure-Reise im Zeichen des Minne- und Frauendienstes steht: mag ich iu gedienen vil, daz giltet iwer minne wert (Pz. 223,24f.). Und ganz im Sinne eines gegenseitigen Gewährenlassens lässt Condwiramurs Parzival ziehen. Der Erzähler betont an dieser Stelle explizit die gegenseitige Zuneigung der beiden (vgl. Pz. 223,7) und es wird deutlich, dass dies mit großer Wahrscheinlichkeit kein Abschied für immer sein wird. Die Frage, ob Wolfram mit diesem Minneverhältnis, in dem geschlechtliche Hingezogenheit ausgeklammert wird, tatsächlich ein Ideal präsentieren möchte, will ich offenlassen. Zwar werden sowohl Parzival als auch Condwiramurs als perfekte höfische Figuren dargestellt, aber besonders bei der Königin wird erkennbar, dass ihre ‚Individualität‘, auf die Wolfram bei einigen anderen weiblichen Figuren gerade bedacht scheint, hinter ihrem perfekten Erscheinungsbild zurückfällt. Ihr Wert erschöpft sich zum Schluss in der Vorbildfunktion für die ←430 | 431→Rezipientinnen; eine Intention, die Wolfram offen zugibt, indem er die keusche Königin den Zuhörerinnen gegenüberstellt. Von gemeinsam gelebter Herrschaft oder Minnefreuden bleibt auch in dieser Beziehung zunächst nichts über. Erst am Romanende führt Wolfram die Liebenden wieder zusammen.

Eine völlig andere Beziehungskonstellation entwirft Wolfram in der dritten und letzten Kriegsepisode seines Parzival. Anstelle eines Beziehungsdreiecks trifft der Leser auf ein Beziehungsviereck, in dem sich sowohl die beiden männlichen als auch die beiden weiblichen Figuren kontrastiv gegenüberstehen.

Der Krieg vor Bearosche31

Vor Bearosche führt erneut ein falsches Verständnis des Dienst-Lohn-Gedankens zu einer Kriegserklärung. Anders als bei Belacane und Isenhart jedoch liegt der Auslöser des Kriegs vor Bearosche nicht in zu stark ausgeprägten weiblichen und männlichen Tugenden, sondern in der starken Selbstzentriertheit der Liebenden, die die gesellschaftlichen Verpflichtungen über einen hochemotionalen Minnedisput völlig vergessen. Der Aggressor ist in diesem Falle der zurückgewiesene Werber.

Am Anfang des VII. Buches reitet der Artusritter Gawan, Wolframs zweiter Protagonist neben Parzival, mitten in einen Belagerungskrieg hinein.

Gâwan sach geflôrieret

unt wol gezimieret

von rîcher koste helme vil.

si fuorten gein ir nîtspil

wîz niwer sper ein wunder,

diu gemâlt wârn besunder

junchêrrn gegeben in die hant,

ir hêrren wâpen dran erkant.

[…]

ouch fuor der market hinden nâch

mit wunderlîcher pârât:

des enwas et dô kein ander rât.

ouch was der frouwen dâ genuoc:

etslîchiu`n zwelften gürtel truoc

ze pfande nâh ir minne.

ez wârn niht küneginne:

die selben trippâniersen

←431 | 432→

hiezen soldiersen.

hie der junge, dort der alde,

dâ fuor vil ribalde:

ir loufen machte in müede lide.

etslîcher zæm baz an der wide,

denne er daz her dâ mêrte

unt werdez volc unêrte. (Pz. 341,3–10.16–30)

Die lebendige Beschreibung der Heereszüge von Poydiconjunz und Meljanz ist der eigentlichen Erzählung um die Geschehnisse in Bearosche vorangestellt. Es ist auffällig, dass sich Wolfram in seiner Beschreibung nicht auf den Prunk der Heere und ihrer Führer konzentriert. Ganz im Gegenteil rückt er Marketender sowie die weniger ruhmreichen Gestalten im Windschatten der Heere in den Erzählfokus. Mit der Erwähnung der Soldatendirnen sowie des ehrlosen Gesindels gibt der Erzähler wohl ein erstes subtiles Urteil über die Schuldhaftigkeit des Hauptaggressors Meljanz ab. Gisela Zimmermann und mit ihr Sonja Emmerling deuten die Beschreibung als erstes „Symptom für die sich erst später erschließende Unordnung, Disziplinlosigkeit und Rücksichtslosigkeit sowohl des Heeres als auch der Gesellschaft, auf die Gawan treffen wird“.32 Über die Gründe für den Aufmarsch der zwei Heere vor Bearosche wird Gawan durch einen Knappen des Meljanz aufgeklärt:33 Obie wies das Minne-Gesuch von König Meljanz mit der Bemerkung ab, er müsse erst noch fünf Jahre ritterliche Ruhmestaten vollbringen, ehe sie ihm lôn für seinen Dienst in Aussicht stellen würde. Meljanz hingegen ist der Meinung, seine Dienstpflicht bereits erfüllt zu haben und hält Obies Forderung für übertrieben. Er fühlt sich in seinem Stolz verletzt und pocht auf seine überlegene Stellung. Das lässt Obie wiederum nur noch mehr erzürnen und resolut vertritt sie ihren Standpunkt: ine will von niemen lêhen han: / mîn vrîheit ist sô getân, / ieslîcher krône hôch genuoc, / die irdisch houbet ie getruoc (Pz. 347,3–5). Die Tragweite des gesellschaftlichen Konflikts betont Wolfram, indem er die Beziehung zwischen den streitenden Liebenden Meljanz und Obie abweichend von seiner ←432 | 433→Quelle Chrétien zur ‘mésalliance‘ umgestaltet und eine Turniersituation zum Krieg werden lässt. Elisabeth Schmid hebt hervor, dass die Minne zwischen König Meljanz und der Vasallentochter Obie in ihrer Grundanlage schon Gefahr läuft, das „Funktionieren der feudalen Gesellschaft zu blockieren“34. Rein lehnsrechtlich-politisch betrachtet stellt die Verbindung zwischen König und Vasallin eine Schwächung der königlichen Herrschaft dar, da eine solche Heirat keine neuen Allianzen zu schaffen vermag und somit der Stärkung des Reiches nicht dienlich ist. Diese Konstellation nutzt Wolfram, um seine Kritik an höfischen Konventionen aufzubauen. Aber Sonja Emmerling ist zuzustimmen, wenn sie betont, es gehe Wolfram nicht hauptsächlich um politische und lehnsrechtliche Faktoren, sondern vor allem um zwischenmenschliche Beziehungen und im Besonderen um das Verhältnis der Geschlechter zueinander.35 Um mögliche Auswirkungen sozialer Interaktion zwischen den Geschlechtern bestmöglich darzustellen, muss Wolfram seinen Figuren Handlungsspielräume zuerkennen, die besonders den weiblichen Figuren im Artusroman üblicherweise fehlen. Sie müssen überhaupt erst Gelegenheit haben, sich ‚zu verhalten‘, damit anhand ihrer Aktionen und Reaktionen die Konsequenzen falschen Verhaltens aufzeigt werden können. Hierfür gestaltet Wolfram die Figuren seiner Vorlage deutlich um und gewährt ihnen mehr (Handlungs-)Raum: Obie besteht auf ihrer autonomen Position und verteidigt vehement ihre vrîheit, die ihr in einer patriarchalischen Gesellschaft eigentlich gar nicht zukommen sollte.36 Sie liebt zwar Meljanz – Wolfram betont immer wieder die triuwe auf beiden Seiten –, will sich aber aus freien Stücken für ihn entscheiden; seine überlegene soziale Stellung ist für Obie unerheblich. Sie selbst will auch das Maß ritterlicher Bewährung festlegen und setzt ihrem Freier die Mindestfrist von fünf Jahren, in denen der König ihr zum Dienst verpflichtet ist. Meljanz aber ist nicht in der Lage, Obies Wunsch nach Freiheit zu erkennen. Er sieht sogar ganz im Gegenteil dazu in ihrer hôchvârt und ihrem Drängen auf Minnedienst ein von ihrem Vater Lippaut verschuldetes, bzw. aufdiktiertes Verhalten, was letztlich zum Feldzug gegen den eigenen Vasallen führt. So führt ein aus falsch verstandenen Prinzipien des höfischen Minnedienstes resultierender Konflikt zwischen Liebenden zu einem kriegerischen Akt. Gerade in Bezug auf ←433 | 434→Obies Fehlverhalten findet der Erzähler deutliche Worte, um die gesellschaftliche Dimension der Auseinandersetzung zwischen den Minnenden zu unterstreichen. swelch wert man dâ den lîp verlôs, / Obîen zorn unsanfte er kôs, / wande ir tumbiu lôsheit / vil liute brâht in arbeit (Pz. 386,15–18). Wolfram macht deutlich, dass der Minnekrieg kein probates Mittel darstellt, um gesellschaftliche Konflikte zu lösen. Um diese zu beheben ist mehr als Kampf nötig, es bedarf eines gewissen Maßes an Kommunikationsfähigkeit und Verständnis für den Minnepartner. Um dies zu zeigen, stellt Wolfram in der Episode um Bearosche Meljanz und Obie das Paar Gawan und Obilot, diese ist Obies kindliche Schwester, kontrastiv gegenüber. Nur am Rande sei hier erwähnt, dass sich in der Gegenüberstellung der beiden Schwestern ein Muster zeigt, dass bei Wolfram häufiger zu finden ist: Die Neigung, seine Frauenfiguren als Rivalinnen darzustellen.37 Ob dahinter aber tatsächlich der Glaube steht „weibliche Allianzen könnten der Vormachtstellung der Männer gefährlich werden“38 soll dahingestellt bleiben. In jedem Falle steht der Dienst-Lohn-Gedanke auch bei Gawan und Obilot im Vordergrund. Anders aber als bei Obie und Meljanz wird der Frauen- und Minnedienst nicht als Ausdruck persönlicher Wünsche und Durchsetzungsvermögen genutzt, sondern dient einem rein überindividuell-gesellschaftlichem Ziel: der Aufhebung der sozialen Spannungen. Diese werden zum Schluss durch die Zusammenarbeit Obilots und Gawans durch höfischen Frieden ersetzt, indem sie die Ehe zwischen Meljanz und Obie ermöglichen. Verkleidet als Spiel des Kindes Obilot wird ein streng reglementiertes höfisches Zeremoniell ohne gefühlsmäßige Affekte vorgeführt. Wolfram grenzt also, eingebettet in die Kriegshandlungen von Bearosche, wiederum zwei völlig unterschiedliche Minnemodelle voneinander ab. Die persönliche, mit deutlichen Defiziten im Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung und der höfischen Form ausgezeichnete Liebe zwischen Obie und Meljanz, sowie die vollständig auf gesellschaftliche Freude ausgerichtete, aber leidenschaftslose Minne zwischen Gawan und Obilot, in der der einzige Lohn des Ritters die wiederhergestellte Harmonie, nicht aber Liebesglück ist. Die Gegenüberstellung zeigt, dass auch in dieser Episode weder die eine, noch die andere Form der Minnedienst-Auffassung ideal ist. Denn Gawan ist zwar mithilfe Obilots in der Lage, die Gesellschaft von Bearosche zu befrieden, aber eine dauerhafte Bindung, und damit eine dauerhaft stabile Gesellschaft, kann aus dieser Verbindung nicht hervorgehen.

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Schlussbetrachtung

In allen drei Erzählsequenzen gilt Wolframs Erzählinteresse der Lebensordnung der höfischen Gesellschaft und, damit verbunden, dem Einfluss der Beziehung zwischen Ritter und Dame auf die Gesellschaftsordnung. Um diesen Einfluss besonders deutlich vor Augen zu führen, bedient sich Wolfram der drastischsten gesellschaftlichen Zerrüttung: des Krieges. Sowohl in der Belacane-Episode als auch in den Szenen der Belagerungen von Pelrapeire und Bearosche nutzt der Dichter die Extremsituation des Krieges, um die Auswirkungen fehlgeleiteten Minneverhaltens auf die höfische Gesellschaft, entweder als falschverstandenen Frauendienst oder aber als Versuch, Minne durch Unterwerfung zu erzwingen, vor Augen zu stellen. Als Problem kristallisiert sich dabei nicht zuletzt die Herrschaft unverheirateter Frauen heraus. Sie bilden schon aufgrund der Möglichkeit der eigenen Machterweiterung potenzieller Werber ein attraktives Minneziel, große Schönheit und/oder Tugendhaftigkeit der Frau verschärft die Problematik noch zusätzlich. Bei der Darlegung der Ursache für Störungen in der höfisch literarischen Gesellschaftsordnung lenkt Wolfram sein Augenmerk also über den Bereich der Minne hinaus immer auch auf den Themenkomplex Rittertum und diskutiert unterschiedliche Männlichkeits- und Weiblichkeitskonzeptionen. Indem er Minnebeziehungen und -modelle kontrastiv gegenüberstellt, vergleicht, oder sie als gegenseitige Folien nutzt, wird ermöglicht, die Konsequenzen der Handlungen einzelner in den Fokus zu rücken. Aus diesem Grund gesteht Wolfram auch seinen Frauenfiguren ein gewisses Maß an Selbstbestimmung zu. Seine Protagonistinnen müssen autonom agierende Frauen sein, die sich in der Position befinden, sich zumindest kurzfristig das Recht auf eigene Entscheidungen herausnehmen zu können. An ihnen zeigt Wolfram auf, welche Konsequenzen unterschiedliche Handlungsoptionen haben, und wie sie sich auf die Machtgefüge innerhalb der beschriebenen Gesellschaften auswirken. Die Rolle der Frau bleibt dabei aber letztlich, bei aller Handlungsfreiheit, auf die männlichen Figuren in ihrem Umfeld bezogen. Die ehemals autarken Herrscherinnen Belacane und Condwiramurs geben letztendlich ihre Länder bereitwillig in die Hände ihrer Ehemänner und verschwinden danach mehr oder weniger sang- und klanglos aus der Geschichte. Gleichzeitig wird besonders in den Gahmuretbüchern auch der konventionell-höfische Lebensentwurf der Ritterschaft als problembehaftet herausgestellt. Werden heldische Ambition und ritterliche Bewährung und die damit verbundene Steigerung der eigenen werdekeit als das höchste Daseinsziel erkoren, führt dies allzu schnell dazu, die höfische Gesellschaft – repräsentiert durch leidende Frauen – ins Unglück zu stürzen.

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1 Alle Primärzitate sind entnommen aus Wolfram von Eschenbach: Parzival I und II. Text und Kommentar, nach der Ausgabe Karl Lachmanns revidiert und kommentiert von Eberhard Nellmann, übertragen von Dieter Kühn, Frankfurt am Main 1994.

2 Es verwundert daher nicht weiter, dass sich auch der zweite germanistische Vortrag auf der Tagung „Gewalt, Krieg und Gender“ mit Wolframs Parzival und seiner Vorlage, dem Perceval Chrétiens, oder genauer gesagt mit Traumaerzählungen in den beiden Werken, befasst. Vgl. den Aufsatz von Sonja Kerth in diesem Band.

3 Eine detaillierte Beschreibung der Formen der Gewaltausübung im Parzival liefert Elisabeth Lienert: Zur Diskursivität der Gewalt in Wolframs ‚Parzival‘, in: Wolfgang Haubrichs, Eckart Conrad Lutz, Klaus Ridder (Hg.): Wolfram von Eschenbach – Bilanzen und Perspektiven. Eichstätter Kolloquium 2000 (Wolfram-Studien 17), Berlin 2002, S. 223–245.

4 Vgl. hierzu Horst Brunner: Das Bild des Krieges bei Chrétien de Troyes und bei Hartmann von Aue, in: Kurt Gärtner, Ingrid Kasten, Frank Shaw (Hg.): Spannungen und Konflikte menschlichen Zusammenlebens in der deutschen Literatur des Mittelalters. Bristoler Colloquium 1993, Tübingen 1996, S. 113–122. Hartmann geht es, so Brunner, „darum, das Ritterhandwerk in idealen Farben zu präsentieren, die blutige Seite dieses Tuns läßt er so weit wie möglich beiseite.“ Ebd, S. 120.

5 Vgl. Michael Stolz` Einführung zur entstehenden überlieferungskritischen Ausgabe des Parzival in elektronischer Form auf www.parzival.unibe.ch/einfuehrung.html (Zugriff am 22.09.17).

6 Vgl. Sonja Emmerling: Geschlechterbeziehungen in den Gawan-Büchern des »Parzival«: Wolframs Arbeit an einem literarischen Modell, Tübingen 2003, S. 11f.

7 Horst Brunner: hie enist niht âventiure! Bilder des Krieges in einigen nachklassischen Artusromanen, in: Annäherungen: Studien zur deutschen Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (Philologische Studien und Quellen 210), Berlin 2008, S. 85.

8 Vgl. Simon Gaunt: Gender and genre in medieval French literature (Cambridge studies in France 53),

Cambridge 1995, S. 75.

9 Vgl. ebd., S. 2. Die beiden Kategorien ‘sex’ und ‘gender’ werden an dieser Stelle in einem geringen Abstraktionsgrad als eine Kategorie begriffen. Vgl. hierzu Helma Lutz, Norbert Wenning (Hg.): Unterschiedlich verschieden. Differenz in der Erziehungswissenschaft, Opladen 2001, S. 215.

10 Vgl. Helmut Brackert: „der lac an riterschefte tôt.“ Parzival und das Leid der Frauen, in: Rüdiger Krüger, Jürgen Kühnel, Joachim Kuolt (Hg.): Ist zwîvel herzen nâchgebûr. Festschrift für Günther Schweikle (Helfant Studien 5), Stuttgart 1989, S. 143–163. Brackert konzentriert sich in seiner Forschung zum Parzival in hohem Maße auf das Motiv der verlassenen Frau, die ihren Mann im Kampf oder an die aventiure selbst verliert. Vgl. hierzu auch Joachim Heinzle (Hg.): Wolfram von Eschenbach: Ein Handbuch, 2 Bde., Berlin, Boston 2011, hier Bd. 1: Autor, Werk, Wirkung, S. 433.

11 Vgl. Pz. 5,1–8.23f.

12 Als geeigneter Dienstherr gilt für Gahmuret einzig derjenige Herrscher, der die hœchste hant / trüege ûf erde übr elliu lant. (Pz. 13,13f.).

13 Auf interessante Weise bestätigt sich in den Gahmuretbüchern die von Bea Lundt hervorgehobene Tatsache, dass im europäischen Mittelalter durchaus bekannt war, dass „das afrikanische Mittelalter […] bereit [sic!] den technischen Fortschritt (Bronzebearbeitung), Reichtum und Ressourcen (Goldgruben), Schriftkultur, Kunst (Handschriften) [kannte].“ Wolframs Erzählung spiegelt an dieser Stelle deutlich die von Lundt angesprochenen „Bilder von einer lebendigen, mobilen, multikulturellen und multireligiösen [mittelalterlichen, JLa] Realität“. Bea Lundt: Das nächste Ähnliche. Geschlecht in der Vormoderne, in: Bea Lundt, Toni Tholen (Hg.): „Geschlecht“ in der Lehramtsausbildung. Die Beispiele Geschichte und Deutsch, Berlin 2013, S. 93–115, hier S. 101.

14 Die Tatsache, dass sich Gahmuret und Belacane sowohl in ihrer Hautfarbe als auch in ihrer Religion unterscheiden, muss an dieser Stelle weitestgehend ausgeklammert werden. Obwohl die Kategorien ‚race‘ und ‚Religion‘ von besonderem Interesse für die Analyse dieser Figurenkonstellation wären, fehlt an dieser Stelle der Raum für eine eingehende Betrachtung. Besonders die Kategorie ‚race‘ ist extrem problematisch auf mittelalterliche Verhältnisse anzuwenden und bedürfte zunächst einer präzisen theoretischen Darstellung. Vgl. zu den möglicherweise rassistischen oder rassierenden Untertönen der Gahmuret-Belacane-Episode Beate Kellner: Wahrnehmung und Deutung des Heidnischen in Wolframs von Eschenbach „Parzival“, in: Ludger Grenzmann, Thomas Haye u.a. (Hg.): Wechselseitige Wahrnehmung der Religionen im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit, 2 Bde. (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Neue Folge 4), Berlin, New York 2009–2012, hier Bd. 1: Konzeptionelle Grundfragen und Fallstudien (Heiden, Barbaren, Juden), Berlin, New York 2009, S. 23–50; Holger Noltze: bî den duht in diu wîle lanc. – Warum langweilt sich Gahmuret bei den Môren? (Zu Pz. 17,236), in: Dorothee Lindemann, Berndt Volkmann, Klaus-Peter Wegera (Hg.): bickelwort und wildiu maere: Festschrift Eberhard Nellmann zum 65. Geburtstag (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 618), Göppingen 1995, S. 109–119; Alfred Raucheisen: Orient und Abendland. Ethisch-moralische Aspekte in Wolframs Epen Parzival und Willehalm, Frankfurt a. M., Berlin u. a. 1997.

15 Bernhard Waldenfels weist in seiner Monographie Topographie des Fremden. Studien zur Phänomenologie des Fremden I, Frankfurt am Main 1999, S. 21 darauf hin, dass ‚das Fremde‘ häufig erst durch eine Grenz- oder Schwellenüberschreitung erfahrbar werden kann. Im mhd. Roman wird diese Grenzüberschreitung nicht selten durch das Motiv des Sturms verbildlicht. Vgl. Cora Dietl: Isold und Feirefiz. Fremde Spiegelbilder der Helden, in: Gisela Vollmann-Profe, Cora Dietl u.a. (Hg.): Impulse und Resonanzen. Tübinger mediävistische Beiträge zum 80. Geburtstag von Walter Haug, Tübingen 2007, S. 167–179, zum Sturm im Tristan und Parzival vgl. S. 172 u. 176. M. E. dient der Sturm während Gahmurets Überfahrt allerdings nicht allein dazu, den Übergang von der realen in die fiktive Orient-Topographie zu markieren, sondern ist Zeichen eines konkreten Eingreifens Gottes in das Handlungsgeschehen. Gahmuret muss in Patelamunt ankommen, damit er dort auf Belacane treffen und seinen ersten Sohn Feirefiz zeugen kann, der später als Geschenk Gottes bezeichnet wird.

16 da was geslagen manec gezelt / al umb die stat wan gein dem mer: / dâ lâgn zwei kreftigiu her. (Pz. 16,25–28).

17 Sigunes Geliebter Schianatulanders stirbt ebenfalls, während er ihr Frauendienst erweist; er verliert sein Leben in einer Tjost gegen einen Ritter namens Orilus. Anders als in Belacanes Fall hat Sigunes Verlust jedoch keine gesellschaftliche, sondern nur persönliche Tragweite.

18 Gerade auch die Antikonie-Episode befasst sich mit der Frage nach weiblichen Tugenden und wie diese zu bewerten sind. Vgl. hierzu vor allem Emmerling: Geschlechterbeziehungen (wie Anm. 6), S. 33–65, die diese Episode ausführlich behandelt.

19 Belacanes Befangenheit resultiert zum einen aus ihrer Hautfarbe, zum anderen aus ihrer Unwissenheit über den Stand des fremden Ritters. Die Königin ist zwar eine Mœrinne – und sich der Möglichkeit bewusst, Gahmuret könnte sie auf Grund ihrer Hautfarbe zurückweisen – aber dennoch repräsentiert sie das Ideal einer höfischen Königin. Sie ist sich des eigenen, völlig hautfarbenunabhängigen Standes bewusst und Belacanes größte Sorge gilt ihrer Ehre. Diese würde nicht nur durch eine Zurückweisung durch Gahmuret leiden, sondern auch, wenn sie einen ständisch unter sich stehenden Mann mit Kuss empfinge. Sie äußert diese Gedanken gegenüber ihrem Marschall: er [Gahmuret Anm. JL] ist anders denne wir gevar: / ôwî wan tæte im daz niht wê! / […] / wie sol ich in enphâhen? / ist er mir dar zuo wol geborn, / daz mîn kus niht sî verlôrn? (Pz. 22,8f.;14–16).

20 Als erster wies Eberhard Nellmann auf die Außergewöhnlichkeit der Geste des ‚Essen-Vorschneidens‘ durch die Gastgeberin hin. Vgl. Wolfram von Eschenbach: Parzival II. Text und Kommentar, hg. von Eberhard Nellmann, Frankfurt am Main 1994, S. 473f.

21 sînen zoum nam si mit ir hant, / si entstricte der fintâlen bant. (Pz. 44,3f.).

22 Margaret Schaus (Hg.): Women and Gender in Medieval Europe: An Encyclopedia, New York, London 2006, S. 310.

23 Der Erzähler gibt Gahmurets Gedanken wieder: Gahmureten dûhte sân, / swie si wære ein heidenin, / mit triwen wîplicher sin / in wîbes herze nie geslouf. / ir kiusche was ein reiner touf, / und ouch der regen der si begôz, / der wâc der von ir ougen flôz / ûf ir zobel und an ir brust (Pz. 28,10–17).

24 Kellner: Wahrnehmung (wie Anm. 14), S. 30, Anm. 16.

25 Verena Eleonore Maier-Eroms: ‚Heldentum‘ und ‚Weiblichkeit‘ im Mittelalter und in der Neuzeit. Am Beispiel von Wolframs Parzivâl, Gottfrieds Tristan und Richard Wagners Musikdramen. Dissertation Universität Regensburg 2007, S. 17 (<urn: nbn: de: bvb:355-opus-8876>; Zugriff am 28.9.2017).

26 Siegfried Christoph: Gahmuret, Herzeloyde, and Parzival´s “erbe”, in: Colloquia Germanica 17 (1984), S. 200–219, hier S. 202f.

27 Emmerling: Geschlechterbeziehungen (wie Anm. 6), S. 262.

28 swâr sîn ors nu kêre, / er enmages vor jâmer niht enthaben, / ez welle springen oder drabn. / kriuze unde stûden stric, / dar zuo der wagenleisen bic / sîne waltstrâzen meit: / vil ungeverter er dô reit, / dâ wênic wegerîches stuont. (Pz. 179,30–180,7).

29 Besonders an dieser eigentlich marginalen Stelle zeigt sich, dass die beiden Szenen als deutliche Gegenentwürfe zueinander gestaltet sind. Im Gegensatz zu Parzival hat Gahmuret vor Patelamunt seinen Dienst explizit gegen Sold angeboten, nachdem er von den Kriegern der Königin bî ir goten (Pz. 17,6) um Hilfe gebeten wurde. Ohne auf die Parallelität der beiden Kriegssituationen einzugehen, wertet Noltze Gahmurets Soldforderung als Versuch des Dichters, eine implizite Angleichung der Situation Gahmurets als Soldritter an die ideale Situation im Modell des Artusromans vorzunehmen. Noltze: Gahmuret (wie Anm. 14), S. 117.

30 Ausgangspunkt des arthurischen Doppelwegs ist der Artushof als Idealgesellschaft. Die Idealität des Hofes wird durch einen Aggressor von außen in Frage gestellt, woraufhin der Protagonist (ein Artusritter) in die anti-höfische Gegenwelt aufbricht, um die Provokation (üblicherweise) durch einen Zweikampf mit dem Provokateur zu vergelten. Auf dieser Reise gewinnt er eine Frau, deren Schönheit seiner Rittertüchtigkeit entspricht. Beide kehren an den Hof zurück und werden dort Teil der Gesellschaft. Zu einer zweiten Krise kommt es im Folgenden durch das Paar selbst: Es verhält sich in seiner Liebe fehlerhaft. Um diese Verfehlung wiedergutzumachen, muss der Held erneut ausziehen und einen zweiten Aventiurekursus durchlaufen. Vgl. allgemein zum doppelten Kursus Friederich Wolfzettel: Erzählstrukturen der Artusliteratur. Forschungsgeschichte und neue Ansätze, Tübingen 1999; Hugo Kuhn: Erec [1948], in: Hugo Kuhn, Christoph Cormeau (Hg.): Hartmann von Aue, Darmstadt 1973, S. 17–48; Christoph Cormeau, Wilhelm Störmer: Hartmann von Aue: Epoche, Werk, Wirkung. Mit bibliogr. Erg. (1992/93 bis 2006) von Thomas Bein, München 32007.

31 Ich behandele die Episode in relativer Kürze, da sich bei Emmerling: Geschlechterbeziehungen (wie Anm. 6), S. 7–33 eine detaillierte Analyse findet.

32 Emmerling: Geschlechterbeziehungen (wie Anm. 6), S. 9 mit Verweis auf Gisela Zimmermann: Kommentar zum VII. Buch von Wolfram von Eschenbachs Parzival, Göppingen 1974, S. 46. Zusätzlich gestützt wird die These durch die Tatsache, dass auch der als Frauenschänder bekannte Meljakanz Teil des Heeres des Meljanz ist.

33 Auffällig ist, dass eben jener Knappe den Kriegszug seines Herren ungewohnt scharf kritisiert, obwohl er seinem Herren eigentlich loyal gegenübersteht: si kunnen bêde [Meljanz und Poydiconjunz, Anm. JL] hôchvart tuon, / der junge und ouch der alde. / das es unfuoge walde! / Ssus hât der zorn sich für genomn, / daz bêde künege wellent komn / für Bêârosche, dâ man muoz / gedienn mit arbeit wîbe gruoz. (Pz. 348,28–349,4).

34 Elisabeth Schmid: Obilot als Frauengeber, in: Germanisch-romanische Monatsschrift 42 (1990), S. 46–60, hier S. 54.

35 Vgl. Emmerling: Geschlechterbeziehungen (wie Anm. 6), S. 25.

36 Nicht umsonst hält Meljanz seinen Vasallen Lippaut und den Vater Obies für schuldig am Hochmut der Umworbenen: er [Meljanz, Anm. JL] sprach „ir sîtz gelêret, / daz ir hôchvart sus mêret. / sît iwer vater gap den rât, / er wandelt mir die missetât.“ (Pz. 347,7–10).

37 Zu nennen sind hier etwa die Rivalinnen Itonje und Orgeluse sowie Herzeloyde und Ampflise, die um Gahmurets Liebe buhlen.

38 Maier-Eroms: ‚Heldentum‘ und ‚Weiblichkeit‘ (wie Anm. 25), S. 192.