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Gewalt, Krieg und Geschlecht im Mittelalter

Edited By Amalie Fößel

Gewalt und Krieg sind heute wie auch in der Vormoderne keine ausschließlich männliche Domäne, sondern Räume der Männer und Frauen gleichermaßen. In Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen werden Geschlechterrollen ausgebildet, konforme und abweichende Verhaltensweisen ausprobiert und Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit entwickelt. Erstmals für die Epoche des Mittelalters (7.-16. Jahrhundert) werden daraus resultierende Fragestellungen im interdisziplinären und kulturübergreifenden Vergleich untersucht. Die Beiträge erörtern Geschlechterbeziehungen auf Darstellungs- und Handlungsebene und beschreiben Interaktionsformen in Kontexten von Gewalt und Krieg. Über den europäischen Raum mit seinen zahlreichen Fehden und Heerzügen hinaus werden auch die Kreuzzüge in den Blick genommen.

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in einem twalme er swebete. Konzeptionen von ‚Trauma‘ in der Literatur des Mittelalters (Sonja Kerth)

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Sonja Kerth

in einem twalme er swebete. Konzeptionen von

‚Trauma‘ in der Literatur des Mittelalters
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Abstract: Literary characters in medieval literature are occasionally connected with descriptions of long lasting ‚mental wounds‘ caused by war or other forms of violence. The article defines these ‘trauma narratives’ as a tool that allows to discuss negative emotions like fear, sadness, pain, and rage which were attributed and evaluated gender-specifically.

Ein Büchsenmeister wird vor den Augen seines Gesellen in Stücke gerissen, weil er beim Feuern zu nahe am Geschütz stand. Illustration zum ‚Feuerwerksbuch von 1420‘. Zürich, Zentralbibliothek, Ms. Rh. hist. 33b, f. 102r.

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Eine Bilderhandschrift der Zentralbibliothek Zürich zeigt einen Büchsenschützen, der die Hände zum Kopf hebt und Augen und Mund aufreißt, als er sieht, wie sein Büchsenmeister vom eigenen Geschütz in Stücke gerissen wird.1 Die Abbildung illustriert eine Warnung im ‚Feuerwerksbuch von 1420‘, dass man keinesfalls zu dicht am Geschütz stehen dürfe, wenn dieses gefeuert wird. Der Historiker Rainer Leng, der Büchsenmeisterbücher und kriegstechnische Traktate eingehend untersucht hat, hat darauf hingewiesen, dass es mehr als ungewöhnlich sei, in der Fachliteratur der spätmittelalterlichen ‚Profis‘ solche Hinweise auf körperliche und seelische Folgen des Krieges zu finden. Wohl nur die Arbeit eines individuellen Künstlers lasse eine Darstellung von Tod und Leid im Kontext der Verbreitung von kriegstechnischem Wissen zu.2

Warum aber finden sich in der Fachliteratur so gut wie keine Darstellungen verletzter und getöteter Kriegsteilnehmer, obwohl doch „die sonstige Ikonographie des Mittelalters Bilder von Gewalt und ihren blutigen Folgen keineswegs meidet“?3 Leng stellte eine psychologisch zu begründende Ursache zur Diskussion: Eine rein chemische bzw. technische Darstellung der Tätigkeit der Büchsenmeisterei, die Tod und Leid als Folgen der Berufsausübung ausblendet, könne ein Mittel zur Entlastung des Gewissens gewesen sein. Dieser Verdrängungsmechanismus in den Büchsenmeisterbüchern werde vom Künstler der Zürcher Handschrift unterlaufen, der als Außenstehender eine eigene Darstellungsform gefunden zu haben scheint.4

Versucht man die Abbildung hinsichtlich Krieg, Emotionen und Gender zu deuten, stellt sich die Frage nach der Absicht des Künstlers noch dringlicher. Legte der Künstler ganz bewusst ein Bild vor, das die emotionalen Folgen von Krieg verhandeln will in einem Kontext, der sonst die emotionale Verfasstheit der männlichen Berufskämpfer tabuisierte? Die für die Warnung ja redundante Darstellung des entsetzten Gesichts angesichts der herumfliegenden Glieder könnte darauf hindeuten. Die bildliche Emotionsdarstellung würde dann versuchen, den Betrachter bzw. die Betrachterin emotional zu affizieren. So würde er oder sie die ←438 | 439→Abbildung möglicherweise in Bezug setzen zu eigenen, im jeweiligen historisch-kulturellen Kontext stehenden Erfahrungen bezüglich Krieg, Gewalt und Leid.

Als Literaturwissenschaftlerin kann ich die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer solchen Bildinterpretation Kundigeren überlassen. Im Folgenden sollen vielmehr Spuren narrativer Auseinandersetzung mit schrecklichen Kriegs- und Gewaltereignissen stehen, die sich in der epischen Literatur des Mittelalters finden lassen und die man heute als traumatisierend bezeichnen würde. Auch mit dieser Spurensuche begebe ich mich auf dünnes Eis, denn es ist keineswegs geklärt, was Trauma ist:5 Handelt es sich dabei um schockbedingte extreme Emotionen wie Furcht, Trauer, Wut, Verzweiflung, die immer wieder hervorbrechen? Liegt eine durch unverarbeitete Extremsituationen ausgelöste psychische Krankheit (PTSD) vor? Oder resultiert Trauma aus früheren Depressionen, die das Gehirn dauerhaft vorgeschädigt haben? Zu diesen medizinisch-psychologischen Fragen kommt die grundlegende Frage nach der Historizität des Phänomens: Ist Trauma etwas Überzeitlich-Biologisches oder etwas Historisch-Kulturelles, das nur in modernen westlichen Gesellschaften denkbar ist?6

Selbst wenn man Trauma nicht auf moderne Gesellschaften beschränkt,7 lassen sich doch Argumente dafür anführen, dass in vormoderner Literatur ←439 | 440→Kriegstrauma nicht beschrieben wird. Wenn die Psychologie heute davon ausgeht, dass im Krieg gute Ausbildung und ständiges Training, Gewöhnung an Kampfsituationen, eine grundsätzlich positive Einstellung zu Gewalt und deren gesellschaftliche Akzeptanz Trauma vorbeugen,8 dann wäre für Ritter und Söldner in der Vormoderne anzunehmen, dass sie nicht oder wenig gefährdet waren. Damit stellt sich grundsätzlich die Frage nach der Existenz von Trauma in Mittelalter und Früher Neuzeit. Sie lässt sich weder bejahen noch verneinen, da retrospektive Diagnosen anhand von Schrift- und Bildquellen unmöglich sind – an literarischen Figuren allzumal.9 Das zweite Argument gilt der Frage nach den Texten selbst und ihren Darstellungsusancen: Mit Trauma verbinden sich vor allem intensive Furcht, Entsetzen, Trauer, das Gefühl des Ausgeliefertseins und des Kontrollverlustes. Diese Emotionen werden in der höfischen Literatur des Mittelalters im 12. und 13. Jahrhundert in der Regel marginalisiert bis tabuisiert, handelt es sich doch vor allem um Literatur für Angehörige einer Kriegeraristokratie, die offenbar kein Interesse an einer derartigen Präsentation von Ritter- und Heldentum hatten.10 Trotzdem lassen sich vereinzelt in vormoderner Literatur Passagen finden, die, modern gesprochen, kriegs- und gewaltbedingte ←440 | 441→seelische Verletzungen, ihre andauernden und ggf. behindernden Folgen thematisieren.11

Diese Darstellungen rücken neben der Historischen Emotionsforschung auch die in der germanistischen Mediävistik noch wenig beachtete Dis/ability History der Vormoderne ins Blickfeld. Dis/ability History der Vormoderne untersucht Konstruktionen körperlicher und mentaler12 Differenz anhand der Leitfragen, inwieweit Behinderung (disability) bzw. Beeinträchtigung (impairment) Kategorien gesellschaftlicher Ordnung und Differenzierung in vormodernen Gesellschaften bildeten und welche Barrieren diese historischen Gesellschaften gegenüber Betroffenen aufbauten.13 Literarische Texte spielen dabei eine ←441 | 442→besondere Rolle, da sie – wie jede Form von Kunst – den Blick auf Imaginiertes und Gewünschtes, auf Möglichkeiten und Grenzen, Ängste und Gefährdungen lenken, die auch außerhalb der erlebbaren Realität angesiedelt sein können. Sie bieten Diskussionspunkte, Sinnkonstrukte und Bewältigungshilfen an, die sich nicht direkt an Alltagstauglichkeit und gesellschaftlichen Normen messen lassen müssen. Das heißt, dass körperliche, geistige und seelische Differenz und die damit verbundenen potentiellen Diskriminierungsformen in einer Weise sichtbar und sagbar werden, die in anderen Diskursen (dem historiographischen, rechtlichen, medizinischen u.a.) so nicht möglich wäre.

Fragen nach Beeinträchtigung und Behinderung gilt es auch für Darstellungen kriegsbedingter ‚seelischer Verwundung‘ in mittelalterlichen Texten zu untersuchen. Man wird sie freilich in einem kulturellen Kontext verorten müssen, der wegführt von einem medizinisch-psychologischen Modell. Entsprechend sind Traumaerzählungen in literarischen Texten des Mittelalters als kulturelles, konkret: als narratives Phänomen zu verstehen. Es handelt sich um Schilderungen durch Figuren oder den Erzähler, in denen dargestellt wird, dass Krieg und Gewalt zu bleibenden, als bedrohlich und unkontrollierbar empfundenen Störungen bei Figuren führen können. Diese Störungen machen es ihnen längerfristig unmöglich, die eigene Rolle im Rahmen der Handlung sinnvoll und gesellschaftlich anerkannt weiterzuführen. Sie treten meist nach Abschluss der Kampfhandlungen und Gewaltakte auf, kehren gegebenenfalls immer wieder und verlangen nach Strategien zur Linderung und Heilung.14 Es scheint bei vormodernen Traumaerzählungen der von Annette Gerok-Reiter15 und ←442 | 443→Rüdiger Schnell16 diskutierte Fall vorzuliegen, dass in mittelalterlicher Literatur noch nicht konzeptualisierte Emotionen bzw. Emotionsbündel17 (neben Trauer z.B. auch Angst, Entsetzen, Wut) narrativ entworfen werden. Völlig beliebig darf die Konzeptualisierung neuartiger Emotionen allerdings nicht sein, denn die Verschiebungen, Ergänzungen und Neuentwürfe der Literatur sind nach Gerok-Reiter nicht unbegrenzt, sondern nur innerhalb des Rahmens möglich, den der historisch vermittelte literarische Diskurs zulässt. Seinen Normen, die von „Zeit, kulturellem Kontext und Gattungsvorgaben“ abhängen, bleiben die Texte stets unterworfen.18 Eine grundsätzliche Neubewertung von Krieg und Gewalt im Medium Literatur ist von mittelalterlichen Traumaerzählungen also nicht zu erwarten. Aber es bleibt zu beachten, dass allein die Vorstellung einer ‚seelischen Verletzung‘ ein geistiges Umfeld voraussetzt, in dem Gewalt nicht völlig unhinterfragbar ist.19

Traumaerzählungen konstituieren sich demnach durch Emotionsbündel aus Trauer, Furcht, Schrecken, Hilflosigkeit und Entsetzen, dem Gefühl des Ausgeliefertseins angesichts Unrecht und Gewalt, aber auch Aggression und Wut.20 Diese Emotionen werden im herze lokalisiert, wo sich nach Vorstellung der mittelalterlichen Literatur die Seele und das Gefühlszentrum des Menschen befinden.21 Sie werden in Figurendarstellungen, Figurenreden und Erzählerkommentaren ←443 | 444→greifbar, und mit ihnen verbinden sich Fragen nach Bewertungen und Handlungsspielräumen, die eine Figur im narrativen Kontext erhält. Zentral für die Analyse ist (neben Diskurs- und Gattungstraditionen) auch die Frage, ob sich bei männlichen Figuren andere narrative Ausprägungen des Umgangs mit Gewalt und Leid finden als bei Frauenfiguren.22 Dies lenkt den Blick auf genderspezifische23 Zuschreibungen, Bewertungen und Handlungsspielräume, die sich mit Vorstellungen bezüglich der Differenzkategorien Stand und Dis/ability überkreuzen, verstärken oder abschwächen können. So rückt auch eine intersektionale Perspektive ins Blickfeld.24

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Traumaerzählungen sind demnach Teil historischer Diskurse, in denen erörtert wird, wie eine adlig-höfische Gesellschaft mit den Folgen umgeht, die das Erlebnis extremer Gewalt in Kampf und Krieg hat. Sie stellen somit eine spezifische Form von Emotions-, Gewalt- und Gendernarrativen dar, die sich mitunter im höfischen Roman, vereinzelt auch in der Heldenepik finden lassen. Als ästhetische Phänomene besitzen sie Konstruktcharakter und ermöglichen es, Spielräume auszuloten, vermeindlich Gültiges in Frage zu stellen, „Unvordenkliches“ zu denken und einen „Raum der Reflexion und Imagination“ herzustellen, „der die gesellschaftliche Lebenswelt der Leser_innen überspannt“.25

Die Folgen von Kriegsgewalt sind in der volkssprachigen epischen Literatur des Mittelalters tendenziell gattungs- und geschlechtsspezifisch konzeptualisiert, was ich hier nur ganz holzschnittartig darlegen kann. Bei den Kriegern in der Heldenepik wird selten körperliche oder ‚seelische‘ Verwundung thematisiert, obwohl der Kampf und dessen Folgen nicht beschönigt werden; wenn der Held am Leben bleibt, steht er normalerweise im Folgenden ‚wie neu‘ zur Verfügung. Über die Racheverpflichtung wird das Erlebte dann in eine neue Kampfhandlung überführt; Trauer und Leid der Krieger werden in Wut und Kampfkraft transformiert. Nur wenn dies misslingt, lassen sich Zuschreibungen finden, die man u.U. mit dem Erzählkern ‚Trauma‘ in Verbindung bringen kann (z.B. im ‚Willehalm‘, ‚Karlmeinet‘; vgl. auch ‚Wolfdietrich D‘).26 Die Protagonisten der höfischen Romane sind dagegen seltener mit lebensbedrohlicher Kriegsgewalt und Racheverpflichtungen konfrontiert. Das dominierende Prinzip des höfischen Zweikampfes sieht von vornherein eine Begrenzung der Gewalt vor. ←445 | 446→Kriegerische Auseinandersetzungen münden meist in Einigung und Frieden; der Protagonist setzt sich und seine ethisch bzw. rechtlich überlegene Position in der Regel durch, so dass an ihm keine lange andauernden Folgen von Kriegsgewalt dargestellt werden. ‚Seelische Verletzung‘ wird im höfischen Roman entsprechend weniger mit Krieg als mit Liebe in Verbindung gebracht (vgl. etwa Tristan nach der Trennung von Isolde in Gottfrieds Romanfragment; den ‚wahnsinnigen‘ Lancelot im ‚Prosalancelot‘).

An Frauenfiguren werden die Folgen von Kriegsgewalt oft deutlicher dargestellt. Dabei spielen sexuelle Gewalt und der Verlust von Handlungsspielräumen eine Rolle. Noch mehr aber treten das Leid der Frauen und die Trauer um getötete Geliebte oder Ehemänner in den Vordergrund.27 In der Regel unterscheiden sich Heldenepik und höfischer Roman darin eher graduell als prinzipiell; typische gattungsübergreifende Erzählmuster, die das verdeutlichen, sind das Nachsterben und/ oder die Hinwendung zu Gott (z.B. Alda im ‚Rolandslied‘; Ute und Gotelind in der ‚Nibelungenklage‘; Blanscheflur im ‚Tristan‘, Sigune im ‚Parzival‘). Eine prominente Alternative stellt Laudine im ‚Iwein‘ dar, der man als wünschenswerten neuen Gatten denjenigen Ritter präsentiert, der ihren ersten Mann getötet hat. Laudines diesbezügliches Dilemma wird schnell durch politisches Kalkül beendet: Derjenige, der den vorherigen Schutzherrn der Burg besiegt hat, muss der beste Kämpfer und damit der am besten geeignete neue Ehemann für die Herrscherin sein. Eine mögliche Traumaerzählung wird so unterlaufen, Laudine wird genderkonform als Ehefrau und Landesherrin neu aufgestellt. Die im Fortlauf der Handlung auftretenden Probleme zwischen ihr und Iwein werden nicht mit der Tötung Askalons in Verbindung gebracht, sondern mit Iweins Vernachlässigung seiner minneehelichen und landesherrlichen Pflichten.28

Die berühmteste Alternative zu Laudine ist Kriemhild im ‚Nibelungenlied‘, die nach der Ermordung Siegfrieds zu männlich-heroisch konnotierten Verhaltensweisen greift, Kämpfe anzettelt und schließlich eigenhändig Hagen erschlägt.29 Kann man die Kriemhildgeschichte als Traumaerzählung um nicht endende und immer wieder aufbrechende ‚seelische Verwundung‘ lesen?30 Zu ←446 | 447→bedenken sind wesentliche Unterschiede: Kriemhilds Trauer mündet gattungskonform in Rache, und es gelingt ihr durchaus, nach dem Verlust des ersten Ehemanns durch die zweite Ehe mit Etzel ihre Existenz als Königin neu auszurichten und diese gesellschaftlich anerkannt weiterzuführen. Dies bleibt zu bedenken, auch wenn die Trauer um Siegfried und der Rachewunsch immer wieder aktualisiert werden. Dass das erzählte neue Leben zu Kriemhilds Untergang führt, ist aber, wie zuletzt Susanne Schul gezeigt hat,31 eher als Folge von Brüchen gegen die gesellschaftliche Gendernorm dargestellt denn als emotionaler Vorgang oder gar als ‚mentale Defizienz‘. Erst die ‚Nibelungenklage‘ rückt diese beiden Perspektiven ins Blickfeld, wenn sie entschuldigend die triuwe der trauernden Kriemhild gegenüber Siegfried und ihren genderbedingt schwachen Verstand als dominante Erklärungsmuster des ‚Nibelungenlied‘-Geschehens nennt.32

Mit der Stolzen von Nogres bzw. Orgeluse in den Gralsromanen Chrétiens de Troyes und Wolframs von Eschenbach sowie mit König Etzel in der ‚Nibelungenklage‘ möchte ich im Folgenden Figuren analysieren, bei denen der Erzählkern ‚Trauma‘ in Verbindung mit einer intersektionalen Perspektivierung hinsichtlich Gender, Stand und Dis/ability gebracht werden kann. Dabei will ich untersuchen, inwieweit jeweils die Darstellung kriegsbedingter ‚seelischer Verwundung‘ mit einer Zuschreibung von Verhaltensweisen und Emotionen einhergeht, die gängigen Gender- und Standesentwürfen entgegenlaufen.

L’Orgueilleuse/ Orgeluse

In Chrétiens de Troyes fragmentarischem, um 1180/90 am Hof Graf Philipps von Flandern verfasstem Gralsroman ‚Perceval ou Le Conte du Graal‘ begegnet eine namenlose Frau unvermutet dem aventiuresuchenden Artusritter Gauvain, dem sie wegen ihrer hübschen Gestalt auffällt.33 Die Figur wird durch eine Erzähler-Beschreibung ihres Äußeren eingeführt: Sie ist douce (süß), blance que ←447 | 448→nois (weiß wie Schnee), hält einen Spiegel in der Hand und trägt ein Haarband aus Goldbrokat (v. 6676–6681). Ihr höfischen Ansprüchen genügendes Aussehen wird allerdings durch ihre Sprechweise kontrakariert: Sie beschimpft Gauvain ohne weitere Erklärung als Narr und wirft ihm mit erhobener Stimme vor, wie wahnsinnig auf sie zuzustürmen, sie packen und auf dem Pferd mit sich führen zu wollen – was dieser auch bejaht (V. 6684–6701). Diese Frau, später als l’Orgueilleuse (die Stolze) von Nogres bezeichnet, wehrt sich vehement gegen jede Annäherung des Ritters; gleichzeitig versucht sie aber auch, Gauvain an sich zu binden. Sie stellt in Aussicht, mit ihm reiten zu wollen, wenn er ihr Pferd aus einem Garten hole, sagt aber gleichzeitig, dies werde ihm nur Verhängnis, Kummer, Leid, Schmach und Unglück einbringen (v. 6713–6719).

Als Gauvain in den nahen, unheilverheißenden Garten geht, um das Pferd abzuholen, warnen ihn gegen alle Erwartungen die dort Anwesenden eindringlich vor der male pucele (dem bösen/ hochmütigen Fräulein), auf die sie alles Böse herabwünschen: Keinem Krieger habe sie je die geringste Zuneigung entgegengebracht, vielen das Leben genommen zum allgemeinen Leid (V. 6751–6757).34 Gauvain fühlt sich an sein Wort gebunden und lässt sich um seines Ansehens willen nicht abschrecken. Er besteht im folgenden alle Mutproben und Aufgaben, die die male pucele ihm auferlegt – was diese aber nur mit weiteren Verbalattacken, Hohn und Spott quittiert. Immer wieder äußert sie als Ziel, Gauvain zu schaden, ihn entehrt und beschämt zu sehen (z.B. Et Diex hui en cest jor me doint / De toi veoir ce que je quit: / Grant honte avoir ains qu’il anuit / … / Mais je irai toz jors aprés / Tant que de moi t’ert avenue / Aucune grans descovenue / De honte et de male aventure; V. 6855–6865: Gebe Gott, daß ich noch heute vor Einbruch der Nacht deine sichere Schmach mitansehen darf. … Ich will hinter dir herreiten, bis ich dich in schmähliches, verhängnisvolles Unheil verstrickt habe.) Sie äußert Ekel davor, dass Gauvain sie anfassen und das publik machen könnte; lieber wolle sie sich Haut und Fleisch von den Knochen schneiden lassen ←448 | 449→(v. 6840–6852). Der Ritter reagiert geduldig, teils auch beschämt (Toz honteus, V. 6904: tief beschämt; le chief baissié, V. 6905: den Kopf gesenkt). Er verlässt die male pucele jedoch nicht und bestraft sie auch nicht für ihr Verhalten.35

Als Gauvain einen weiteren von ihr initiierten Zweikampf überstanden hat, ist das Fräulein zu seinem Leidwesen verschwunden. Erst nachdem er eine Erlösungsaventiure auf dem Zauberschloss Roche de Canguin bestanden hat, begegnet er ihr wieder, von einem wohlmeinenden Fährmann und der alten Königin Ygerne erneut gewarnt. Nach einem erfolgreichen Zweikampf mit ihrem aktuellen ritterlichen Begleiter und weiteren Verwünschungen durch die male pucele tritt Gauvain dann die große Herausforderung an, die sie ihm auferlegt als Bedingung für das Ende ihrer Verachtung: Er soll als schwerste Prüfung eine gefährliche Furt (Gué Perilleus) überspringen und einen Kranz von einem Baum holen. Gauvain stürzt ab, kann sich und sein Pferd aber gerade noch retten; am anderen Ufer trifft er auf einen schönen Ritter, der ihm von seiner früheren Liebe zur male pucele erzählt (V. 8534–8648). Dieser Ritter namens Guiromelant berichtet Gauvain, sie sei als Kind aus der Fremde hergebracht worden und werde die Stolze von Nogres genannt. Um sie für sich zu gewinnen, habe er ihren ami (Freund) im Kampf aus dem Weg geräumt,36 doch sei sein Bemühen nicht von Erfolg gekrönt worden: Sie habe seine Liebe nie erwidert, nur mit Gewalt seien ihm Küsse gelungen.37 Bei erster Gelegenheit habe sie ihn ←449 | 450→verlassen38 und einen neuen Freund gewählt, den sie dann in den Kampf gegen ihn geschickt habe – genauso wie jetzt wohl auch Gauvain. Guiromelant beschimpft die male pucele als Lügnerin (V. 8597), Satansweib (V. 8603–8604) und Stolze (V. 8638–8639).

Guiromelants Worte geben einen ersten Hinweis darauf, dass die Rezipienten eine Umbewertung der Orgueilleuse-Figur vornehmen sollen: Was zunächst als Episode um eine überaus kapriziöse, böse und unhöfische Minnedame und ihre scheinbar unmöglichen Forderungen im Frauendienst erscheint, wird nun zu einer Narration um die emotionalen und mentalen Folgen sexualisierter Gewalt in Kämpfen, die jenseits der akzeptierten höfischen Norm stattfanden. Guiromelants Bericht skizziert eine Traumaerzählung aus der kaum beschönigten Warte des Gewalttäters, die die rätselhaften Aussagen der Menschen im Garten erklärt und ergänzt: Eine sozial isolierte Frau wird zur Männerhasserin nach der gezielten Tötung ihres Geliebten und Beschützers durch einen Nebenbuhler, der sie gefangensetzt und ihre Liebe erzwingen will. Nachdem sie ihn verlassen kann, instrumentalisiert sie immer wieder Ritter für ihre Rache. Diese Rachegelüste treffen auch alle anderen Vertreter des Rittertums, denn die male pucele nimmt deren Verletzung und Tod billigend in Kauf, ja, provoziert sie sogar. Auch ihren neuesten Begleiter Gauvain überschüttet sie mit Spott und Schmähungen, bevor sie ihn in tödliche Kämpfe schickt. Von ihm berühren lassen will sie sich unter keinen Umständen.

Als Gauvain zurückkehrt, erscheint die pucele wie verwandelt:39 Sie tritt demütig vor ihn, bekennt ihre Fehler und fleht den Ritter um Gnade an, weil er durch ihre Schuld viel erlitten habe (V. 8923–8926). Dann beginnt sie ihre Version der Traumaerzählung, wobei sie einen besonderen Akzent auf das erlittene Leid legt. Dieses habe dazu geführt, dass sie ihr bisheriges Leben nicht weitergeführt, sondern bösartig und außerhalb jeder sozialen Norm agiert habe. Dies sei mit einem klaren Ziel geschehen: Ains le faisoie a escïant / Por che que trover en volsisse / Un si ireus que jel fesisse / A moi irestre et correcier / Por moi trestote depechier, / Que piech’a volsisse estre ocise. (V. 8954–8959: Absichtlich tat ich das ←450 | 451→in der Hoffnung, einmal einem Ritter zu begegnen, den ich in seinem Zorn in solche Wut und Raserei treiben könnte, daß er mich in Stücke risse. Schon so lange sehne ich ja den Tod herbei.) Nun möge Gauvain sie grausam büßen lassen, damit sie für andere puceles ein abschreckendes Beispiel abgebe. Gauvain weist dies zurück und führt sie mit sich an den Hof von Roche de Canguin.

Orgueilleuses selbständiges, dabei hoch emotionales und aggressives Agieren, das ihre Kommunikation mit Rittern und ihre Bedingungen für den Frauendienst bestimmt, ihre an Reizreden erinnernden wilden, unhöfischen Beschimpfungen und ihr Rachewunsch sind nicht in Einklang zu bringen mit gängigen höfischen Weiblichkeitsentwürfen.40 Entsprechend wird sie von den Leuten im Garten, dem Fährmann und der alten Königin Ygerne uneingeschränkt negativ beurteilt. Die krasse Verhaltensänderung nach dem Sprung über Gué Perilleus wird vom Erzähler durch einen erklärenden Hinweis auf ihre gewandelten Gefühle und Einstellungen eingeleitet (Si a cuer et talent changié, V. 8922). Dieser Wandel äußert sich in normgerechten höfischen Umgangsformen, wie sie einer höfischen Dame zukommen:41 Die pucele steigt vom Pferd, begrüßt Gauvain voll Demut, bekennt eigene Fehler, bittet um Gnade und beugt sich seinen Wünschen (V. 8917–8926, 8972–8973).

Der Erzählerkommentar erleichtert die Neubewertung der Figur und macht die erklärende Lesart als Traumaerzählung plausibel. Die Aggressivität, die Versuche, Gauvain mit Schmach zu überschütten, und die Äußerungen extremen Abscheus vor körperlichen Berührungen (bes. V. 6839–6861, 6880–6891)42 werden so neu perspektiviert und lassen die pucele nachvollziehbar als Opfer und ‚seelisch Verwundete‘ erscheinen. Entsprechend wird die Orgueilleuse seit der ←451 | 452→Episode an der gefährlichen Furt nicht mehr als male pucele, sondern nur noch als pucele oder bele bezeichnet.43

Das frühere Verhalten der pucele ist ihrer Traumaerzählung zufolge Ausdruck einer selbstzerstörerischen Sehnsucht danach gewesen, durch ihre Handlungen und Reden einen Ritter zur Beihilfe zum Selbstmord zu provozieren (V. 8954–8959).44 Damit zeigt sich, dass ihre Aggression und ihr Rachewunsch auch und vor allem gegen sie selbst gerichtet waren. Das Verhalten wird von der pucele zudem in die Nähe von ‚Wahnsinnʼ45 gerückt: Mais de mon premerain ami, / Quant mors le desevra de mi, / Ai si longuement esté fole / Et de si estolte parole / Et si vilaine et si musarde / C’onques ne me prenoie garde / Cui j’alaisse contralïant […] (V. 8947–8953: Nach dem Tod meines ersten Freundes hingegen verlor ich lange Zeit den Verstand, redete unverschämt und betrug mich so gemein und verrückt, dass ich alle ohne Ausnahme beschimpfte.) Die Figur wird teilweise pathologisiert, vor allem aber mit extremen, Gewalt (re)produzierenden Emotionen in Verbindung gebracht. Eine Affektkontrolle, wie sie der höfische Gesellschaftsentwurf der Artuswelt vorsieht, erscheint der Stolzen von sich aus nicht möglich zu sein.

Durch Gauvains herausragende ritterliche Taten, durch seine Geduld und seine Selbstkontrolle, z.B. im Verzicht auf eine Bestrafung, erfährt die pucele eine emotionale und ‚mentale‘ Wandlung. Sie erhält auch eine positive Lebensperspektive, denn der Ritter führt sie in die höfische Gesellschaft auf dem Wunderschloss Roche de Canguin ein. Dort heißt man sie willkommen, wenn auch nur um Gauvains willen (V. 8999–9002). Ob Chrétien de Troyes ihr durch Gauvains Zuwendung oder gar Liebe eine vollständige Heilung ihrer ‚seelischen Wunden‘ und eine vollständige Integration in die Artuswelt zuteil werden lassen wollte, muss offen bleiben, da der Text an dieser Stelle abbricht. Aber selbst wenn Chrétien die Orgueilleuse nicht als Liebespartnerin oder gar Ehefrau für Gauvain ←452 | 453→vorgesehen hat, erhält der doch einen Lohn für seinen geduldigen Frauendienst und seine herausragenden ritterlichen Taten: Er praktiziert geduldig und selbstlos Nächstenliebe46 und kann sich von der dunklen Seite des Rittertums befreien, die die Traumaerzählung um die Orgueilleuse herausbeschworen hat. So verwandelt der Ritter Scham in höchste Ehre, wie sie seinem neuen Status als Herrscher über Roche de Canguin entspricht.47

Wolfram von Eschenbach nimmt in seinem ‚Parzival‘,48 entstanden um 1205/10 in produktiver Auseinandersetzung mit Chrétiens Roman, einige Spitzen der Figurendarstellung zurück. Er schwächt etwa die Anklänge an ʽWahnsinnʼ und die extremen Reaktionen auf antizipierte körperliche Berührungen ab. Der Plan, gezielt einen wütenden Ritter zur Tötung zu provozieren, fehlt dem mittelhochdeutschen Text ganz. Die Nähe zu männlich konnotierten Verhaltens- und Redeweisen behält Wolfram dagegen bei; so springt Orgeluse ohne Hilfe aufs Pferd, spricht, ganz anders als die anderen Frauenfiguren im ‚Parzival‘, situationsbedingt teils zotig, teils politisch-diplomatisch.49 Wolfram macht die Dame zudem zur hochadligen Witwe und Landesherrin, was ihr mehr Handlungsspielraum gibt. Er räumt der Orgelusehandlung insgesamt viel mehr ←453 | 454→Umfang und Bedeutung ein50 und bemüht sich um größere Plausibilität bei der Figurendarstellung. Dies geschieht besonders durch Innenschau und umfangreiche Erzählerkommentare.51 Außerdem verstärkt er die Aspekte Heilung und Linderung der ‚seelischen Wunden‘ durch liebevolle Zuwendung und Anteilnahme beträchtlich; aus caritas wird erotische Liebe, die in eine Minneehe mündet.

Dass es sich um eine bemerkenswerte Dame handelt, legt der Erzähler dem Publikum schon zu Beginn des Handlungsabschnittes nahe, wenn er ihr unhöfisches verbales und körpersprachliches Verhalten entschuldigend als Folge emotionaler Vorgänge in ihrem herze anspricht, die auf (noch) unerklärte Weise Orgeluses zorn gegen Männer ausgelöst haben: swer nu des wil volgen mir, / der mîde valsche rede gein ir. / niemen sich verspreche, / ern wizze ê waz er reche, / unz er gewinne küende / wiez umb ir herze stüende. / […] / swaz si hât gein Gâwân / in ir zorne missetân, / ode daz si noch getuot gein im, / die râche ich alle von ir nim. (516,3–14)52 Diese frühzeitige Perspektivierung unterläuft eine Vorverurteilung der Figur.

Trotzdem bleiben auch bei Wolfram Motivierungslücken hinsichtlich der Figur und des Erzählkerns ‚Traumaʼ, die erst allmählich mittels analytischem Erzählen gefüllt werden.53 Dies zeigt sich besonders deutlich in der Szene, in der Gawan Orgeluse die Geschichte des Frauenschänders Urjans erzählt. Hier präsentiert sich die Witwe als besonders undurchschaubar, unhöfisch und aggressiv. Sie übt nicht nur harsche Kritik an der Begnadigung des Vergewaltigers, sondern kündigt ihrerseits Maßnahmen gegen ihn an: Die von Gawan verantwortete Umwandlung der Todesstrafe in eine Ehrenstrafe sei eine ‚schiefeʼ Rache, und sie selbst werde als vogt (529,2; 10) das Recht in die Hand nehmen, weil die Männer versagt hätten. Sie schickt ihren ritterlichen Begleiter Lischoys Gwelljus ←454 | 455→in einen Zweikampf mit dem Vergewaltiger, in dem Urjans wohl getötet wird (540).54 Orgeluses Interesse an einer harten Bestrafung eines Frauenschänders wird an dieser Stelle nicht erläutert, genausowenig wie der Vorwurf ihres Knappen, Gawan entführe seine Herrin (520,20). Beides deutet voraus auf Orgeluses Traumaerzählung, in der neben der Tötung ihres Ehemannes Cidegast wiederum Entführung und sexuell motivierte Gewalt eine zentrale Rolle spielen. Diese Hintergründe werden auch im ‚Parzival‘ erst nach der Aventiure an der gefährlichen Furt völlig klar. Statt zu spotten, weint Orgeluse, als Gawans Pferd nicht richtig auf der anderen Seite ankommt und ins Wasser stürzt, und bei seiner Rückkehr spricht sie über ihre Erlebnisse.55

Bevor die Herzogin von Logroys Gawan ihre Geschichte erzählt, gibt jedoch auch Wolfram ihrem Erzfeind die Gelegenheit, Gawan (und den Rezipienten) seine Sicht der Orgeluse-Geschichte darzustellen. Gramoflanz bagatellisiert dabei zunächst den Vorfall, indem er ihn in den Kontext von Liebeshändeln stellt, in denen die Dame den Sieg behalten habe, ohne ihn danach in Ruhe zu lassen. Er berichtet Gawan dann aus der Perspektive des gescheiterten Minneritters, der mit falschen Mitteln eine Ehe angestrebt habe, über die Ereignisse um Cidegasts Tötung im eigens dafür angezettelten Kampf, um Orgeluses Entführung und ihre Gefangensetzung (605,27–606,13).56 Gramoflanz versucht, Gawan auf seine Seite zu ziehen, indem er Parallelen zwischen sich und dem ebenfalls um Orgeluses Liebe dienenden Ritter zieht. Dies misslingt freilich, weil das Ausmaß der schrecklichen Taten durch seine Worte doch deutlich wird und Orgeluses Rachewunsch legitimiert, der eben nicht nur auf Bosheit und Aufbegehren gegen das patriarchalische Gesellschaftssystem beruht.57

Durch den frühen Erzählerkommentar und Gramoflanz’ Worte sind sowohl die Rezipienten als auch Gawan auf intradiegetischer Ebene vorbereitet, als ←455 | 456→Orgeluse vor Gawan auf die Knie fällt58 und weinend ihre Traumaerzählung beginnt. Ihr schlechtes Benehmen bringt sie, wie die pucele, mit ihrem Verlust und Leid in Verbindung, deren ungeheueres Ausmaß ihr Verhalten rechtfertige: gein swem sich krenket mîn sin, / der solz durch zuht verkiesen. / ine mac niemêr verliesen / freuden, denne ich hân verlorn / an Cidegast dem ûz erkorn. / […] / ich was sîn herze, er was mîn lîp: / den vlôs ich flüstebaerez wîp. (612,26–30; 613,27–28) Ihre früheren spöttischen Worte erklärt die Herzogin als Teil einer Prüfung, ob sie Gawan ihre Liebe antragen könne (614,3–7); weil der sich als herausragender Ritter erwiesen habe, sei dies nun möglich.59 Als Gawan Orgeluse, anders als bei früherer Gelegenheit, nun ohne Protest aufs Pferd heben und an sich drücken darf, kommentiert der Erzähler diese Veränderung eigens als Anerkennung: des dûht er sie dâ vor niht wert (615,18).

Auf ‚Trauma‘ hin lesbar wird Orgeluses Geschichte auch durch Wiederholung, wie im Verlauf ihres Berichtes deutlich wird: Ihre Wunde brach schon mehrfach wieder auf und sie wurde selbst zur Täterin aus zorn und haz, indem sie eine Reihe von Rittern für ihre Rache in Dienst nahm. So verursachte sie anderen und sich selbst neuen Kummer. Statt durch Rachevollzug ihr Leid zu beenden, wurde etwa der Gralskönig Anfortas in ihrem Dienst verwundet. Dadurch öffnete sich die ‚seelische Wunde‘ erneut und vergrößerte sich noch (616,19–617,3). Trotzdem betrieb Orgeluse ihr Racheunternehmen weiter mit großen Ritterhorden und unter hohen Kosten; wer nicht für Sold kämpfte, den habe sie um der Liebe willen kämpfen lassen, ohne jedoch je Lohn zu verheißen. Ihr Plan sei fast immer aufgegangen.

Mit Orgeluses zunehmender Fähigkeit, ihre Traumaerzählung zu artikulieren, beginnt die Liebesbeziehung mit Gawan.60 Der Erzähler berichtet, dass beide sich immerfort ansehen müssen, und es finden immer mehr körperliche Berührungen statt, die Orgeluse zuvor ja unterbunden hatte: Gawan darf die Herzogin zum zweiten Mal aufs Pferd heben, später nimmt der Ritter öffentlich Orgeluses Hand. Diese lässt sich von Gawans Großmutter verpflichten, die Nacht mit dem im Kampf verwundeten Gawan mit liebender pflege (640,24) zu verbringen. Orgeluses Heilung ist aber noch nicht abgeschlossen, obwohl König Artus ←456 | 457→ihren neuen Liebhaber Gawan öffentlich weit über Cidegast stellt (650,16–18). Die alte Wunde bricht noch zwei weitere Male auf: bei der Wiederbegegnung mit Parzival, der Orgeluse eine Absage bei ihrem Werbungsversuch erteilt hatte, und mit ihrem Erzfeind Gramoflanz. Als sie beim Hof- und Versöhnungsfest Parzival küssen muss, lehrt es Orgeluse pîn und scham (696,8 u. 12). Ihr Zorn gegen Gramoflanz wird zwar als im Schwinden dargestellt, aber als sie auch ihn durch suone (729,19) küssen muss, kommen ihr vor Schmerz die Tränen, was der Erzähler als Zeichen von triuwe (729,24) gegenüber dem toten Cidegast positiv beurteilt.61 Danach wird die Herzogin mit eher konventionellen genderkonformen Verhaltensweisen in Verbindung gebracht, wenn sie als liebende Gattin Leib und Herrschaft ihrem Ehemann unterstellt (730,15–19).

An Orgeluse werden neben ‚seelischer Verwundung‘ und deren Folgen auch der Wandel von (männlich konnotiertem62) zorn und haz in offen gezeigte Trauer und schließlich neues Liebesglück dargestellt. Dies geschieht unter dem Einfluss emotionaler Zuwendung und in langen Gesprächen mit Gawan.63 Die Darstellung der sich entwickelnden Liebesbeziehung drängt Chrétiens Sinnangebote der caritas und eines Wechselspiels von Scham und Ehre des Ritters in den Hintergrund. Orgeluses Verhaltensänderungen werden im Inneren der Figur, im herze, verankert, haben aber auch eine gesellschaftliche Dimension, da die Herzogin von Logroy von Gawan und König Artus öffentlich als Opfer von Unrecht und Gewalt anerkannt wird und sie die Möglichkeit des Schadensersatzes (ergetzens) erhält. Dies bezieht sich allerdings nur auf die Tötung Cidegasts; dass Gramoflanz Orgeluse gefangensetzte und möglicherweise sexuelle Gewalt anwendete, wird nicht thematisiert.

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Etzel

Die Stolze von Nogres und Orgeluse werden durch Emotionsdarstellungen, Innenschau ins herze, Figurenrede und Erzählerkommentare mit dem Erzählkern ‚Trauma‘ in Verbindung gebracht. Innenschau und Erzählerkommentare sind Usancen des höfischen Romans, während die Heldenepik beides weniger stark ins Blickfeld rückt: Emotionen äußern sich hier meist über affektiv gesteuerte Handlungen der Figuren, weniger durch das Ausloten des Inneren; der Erzähler tritt in der Regel zurück. Die ‚Nibelungenklage‘,64 die wohl um 1200 am Hof des Passauer Bischofs Wolfger von Erla verfasst wurde, nimmt hier eine Sonderstellung ein. Sie orientiert sich dabei allerdings nicht am höfischen Roman, sondern reagiert auf eine klerikal-didaktische Perspektivierung von Trauer und Leid, die emotionale Mäßigung als christlich vorbildliches Verhalten einstuft: Verzweiflung und Trauer sollen überwunden werden im Vertrauen auf Gott und mit Blick auf das Jenseits.65 Jan-Dirk Müller hat dem Text an sich eine traumatische Sinnstruktur zugesprochen, denn es wird erörtert, wer Opfer und Täter ist; Traueräußerungen und Klagen führen zum Wiedererzählen der Handlung des ‚Nibelungenliedes‘ bzw. zu Beschwörungen des schrecklichen Geschehens und des Leides in Totenklagen und Trauerbekundungen. Die ‚Nibelungenklage‘ sei „Zeugnis einer Irritation, eines Trauma, das unablässig neues ←458 | 459→Reden produziert“.66 Ich möchte den Begriff ‚Trauma‘ wieder konkreter fassen im Sinne eines Erzählkerns, den Figuren- und Erzählerrede konstituieren, der mit extremen Emotionen und mit ‚seelischer Verwundung‘ im herze in Verbindung gebracht wird. Als Beispiel dient mir die Figur des Hunnenkönigs Etzel, der neben Dietrich von Bern die Hauptfigur der ‚Nibelungenklage‘ ist. Er hat Ehefrau, Sohn, Bruder und seine Krieger verloren und wurde Augenzeuge der schrecklichen Ereignisse an seinem Hof.

Im Gegensatz zu l’Orgueilleuse/ Orgeluse wird Etzel nicht als rätselhafte, sich erst allmählich dem Verständnis der Rezipienten erschließende Figur dargestellt, die einen Zustand ‚seelischer Verwundung‘ hinter sich lassen kann und in die höfische Gesellschaft zurückgeführt wird. Vielmehr wird am Hunnenkönig demonstriert, wie der Tod von Angehörigen eine ‚Wunde‘ hervorruft, die immer wieder aufbricht, immer sichtbarer wird und immer mehr behindernde Folgen nach sich zieht – bis hin zur vollständigen Exklusion aus der Gesellschaft. Betroffen sind sein emotionaler und ‚mentaler‘ Zustand sowie seine Rolle als König.

Etzel ist an der Bergung und Bestattung zahlloser Leichen sowie am Aussenden von Boten beteiligt; er beklagt, wie Dietrich von Bern, ausufernd die Toten und das eigene Schicksal,67 wird Adressat zahlreicher Tröstungsversuche und tröstet selbst. Im Gegensatz zum positiven Bild der Dietrichsage68 erscheint Etzel aber im Verlauf der ‚Nibelungeklage‘ zunehmend negativ: Obwohl er eingangs als reicher, mächtiger und einflussreicher Herrscher vorgestellt wird (V. 44–60, vgl. V. 967–969), tritt er, wie im ‚Nibelungenlied‘, immer mehr als Herrscher auf, der sein Potential nicht nutzt, ausgeliefert und hilflos erscheint. Er vermag nicht selbständig zu agieren, sein königlicher Status kollabiert, am Ende bleibt er von allen unbeachtet bewusstlos liegen (V. 4200–4203).69 Dies wird aber nicht mit der dominanten Handlungsmächtigkeit Dritter begründet wie im ‚Nibelungenlied‘, ←459 | 460→wo Kriemhild und Hagen Etzel die Spielfäden aus der Hand nehmen. Verantwortlich sind vielmehr Verzweiflung, Lähmung und Ohnmacht (zuerst V. 850–853), die aus einer Veränderung von Etzels sin70 resultieren (V. 634, 1032–1033, 4142–4143). Wenn dem Hunnenkönig zudem durch hochrangige Figuren wie den Berner mehrfach unmanlich[es] Verhalten zugesprochen wird,71 steht auch der Gender-Aspekt zur Diskussion: ach wê dirre maere, / gevreischet man diu in daz lant, / daz ir mit wintender hant / stêt als ein bloede wîp, / diu ir zuht und ir lîp / nâch vriunden sêre hât gesent! / des sîn wir von iu ungewent, / daz ir unmanlîche tuot. (V. 1018–1025)

Die Forschung hat längst erkannt, dass in der Heldenepik Emotionsäußerungen meist äußerlich in Szene gesetzt werden und primär in Zusammenhang mit Ansehen, Handlungsspielräumen und Herrschaftstauglichkeit stehen.72 Wenn Etzels Wisenthorn-artiger wuof73 Türme und Palas erbeben lässt (V. 625–631, 1572–1576), steht dies potentiell für männliche Handlungsmächtigkeit, die Heldenepik-typisch in Rache münden sollte.74 Wenn der Hunnenkönig dagegen den ←460 | 461→Kopf umkammert, in Blutlachen kauert, ohnmächtig hinfällt, nicht sprechen und aufstehen kann, signalisiert dies Schwäche über das Körperliche hinaus, die in V. 1021 einem bloede wîp zugeordnet wird.75 Dies betrifft vor allem seine gesellschaftliche Stellung, so wie auch die Klagen um Kriemhild, seinen Sohn Ortlieb und seinen Bruder Bloedelin in erster Linie dem Fortbestand der Dynastie gelten: waz ich trôstes hân verlorn / an in und an den mînen! (V. 934–935, vgl. auch V. 818–829; 866–869; 887–891) Verzweiflung, Ohnmacht und „unproduktive Trauer“76 stehen für die Defizienz des unmännlichen, untätigen und in desperatio versinkenden Herrschers, der als Renegat zudem keinen christlichen Trost finden kann.77

Es finden sich aber auch immer wieder Aussagen, die Leid, Trauer und ihre Ausdrucksformen mit Vorgängen im herze des Königs verbinden und so eine Innensicht erlauben: mit siuften veste hêt genomen / in des vürsten herzen / vil jaemerlîchez smerzen (V. 594–596); die vreuden, die dâ solden / im in sînem herzen wesen, / der muos er âne nû genesen (V. 602–604); […] im was an sîn herze kumen / diu riuwe alsô manecvalt. (V. 4192–4193) Diese Erzählerkommentare lassen sich als Hinweis auf eine Traumaerzählung verstehen und korrespondieren mit dem Bild des Blutes, das Etzel aus Mund und Ohren quillt (V. 2310–2313): Die ‚Wunde‘ im Inneren und die äußere Wirkung stimmen überein.78

Die deutlichste Markierung exorbitanter, unproduktiver Trauer stellt in der ‚Nibelungenklage‘ die Aussage dar, dass die sinne einer Figur leidbedingt versagen. Diese findet sich außer bei Etzel auch bei Dietrich von Bern und bei Frauenfiguren wie Ute, Gotelind und Dietlind. Der Berner und Dietlind überwinden diesen Zustand und erhalten eine genderspezifische positive Lebensperspektive: Dietrich von Bern kehrt mit dem alten Hildebrand und seiner Frau Herrat in sein oberitalienisches Königreich zurück, Dietlind wird ein ←461 | 462→hochadliger Ehemann in Aussicht gestellt. Gotelind und Ute sterben dagegen aus Trauer.79 Etzel steht zwischen diesen beiden Extremen; er stirbt nur beinahe, kann sich aber auch nicht erholen und nicht in ein sinnvolles herrscherliches Leben zurückfinden. Dieses Unvermögen wird mit körperlichen und ‚mentalen‘ Symptomen in Verbindung gebracht, die Schwäche indizieren und daher behindernd sind: Wenn Etzel leidbedingt Blut aus Mund und Ohren strömt, scheinen eben auch die vitalen und sozialen Funktionen des Hunnenkönigs bedroht, weil jâmer, , unmacht und das Fehlen eines bezzern trôst[es] ein Weiterleben nicht zuzulassen scheinen (V. 2307–2324).80 Der einstmals rîche künec ist jetzt nur noch jâmers rîche, und dies wird mit dem Verlust der Denkfähigkeit in Verbindung gebracht, die ihn als untragbar für einen Neuanfang erscheinen lässt. Verstandesverlust und Ohnmacht haben damit eine soziale und eine emotionale, bis ins Pathologische reichende Seite: Etzel wird Schwäche und ‚Wahnsinn‘ zugeschrieben, und diese exkludieren ihn endgültig aus der zukunftsgewandten Handlungsgemeinschaft der hochadligen Männer.

Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Abreise Dietrichs von Bern, Hildebrands und Herrats vom Hunnenhof, die Etzel erneut mit einer Verlustsituation konfrontiert und in noch größeres Leid als je zuvor sinken lässt (V. 4118–4121). Dies lässt die alte ‚Wunde‘ im herze wiederaufbrechen, denn nach den Verlusten an Verwandten und Verbündeten erlebt Etzel einen erneuten Verlust, der ihn endgültig in eine ‚mentale‘, sensorische und soziale Ohnmacht fallen lässt: im gap der jâmer solche nôt, / daz er der sinne niht behielt / und sô kranker witze wielt, / daz er unversunnen lac. / lebt er sît deheinen tac, / des hêt er doch vil kleinen vrumen, / wande im was an sîn herze kumen / diu riuwe alsô manecvalt, / daz in daz leit mit gewalt / lie selten sît gesprechen wort. (V. 4186–4195)

Eine Heilung des ‚Traumas‘ oder zumindest eine positive Lebensperspektive erfährt der Hunnenkönig nicht. Der Erzähler erklärt sich für unfähig, die Wahrheit über Etzels Ende zu berichten, und entlässt ihn in ein sprachlich nicht mehr konkret benennbares Nichts: ern was weder hie noch dort, / ern was tôt noch enlebete. / in einem twalme81 er swebete (v. 4196–4198). Keiner der verbliebenen Anwesenden beachtet ihn mehr, man lässt ihn eine ligen (V. 4200–4203). Der Hunnenkönig ist damit nicht nur aus der nivellierenden Klagegemeinschaft82 am ←462 | 463→Hunnenhof auf der Handlungsebene exkludiert worden, sondern auch aus der im Prolog heraufbeschworenen Klagegemeinschaft mit den Rezipienten.83 Die Figur Etzel wird nun als Begaffungsobjekt sensationslüsterner und mitleidloser Spekulation inszeniert: Er, der Erzähler werde nie aufhören sich zu fragen, was mit Etzel passiert sei: weder er sich vergienge / oder in der luft enpfienge / oder lebende würde begraben / oder ze himele ûf erhaben / oder ob er ûz der hiute trüffe / oder sich verslüffe / in löcher der steinwende / oder mit welchem ende / er von dem lîbe kaeme / oder waz in zuo z’im genaeme, / ob er vüere in daz abgründe / oder ob in der tiuvel verslünde / oder ob er sus sî verswunden, / daz enhât niemen noch ervunden (V. 4335–4348). Eine Rückkehr in ein gesellschaftlich anerkanntes Leben als Herrscher, der seinen Ohnmachtszustand und seine Schwäche allein oder durch Trauerhilfe anderer überwindet und durch eine neue Königin, einen neuen Thronfolger und neue Gefolgsleute entschädigt wird, scheint ausgeschlossen.84 Folgt man Elke Kochs These, dass die ‚Nibelungenklage‘ das Geschehen emotional an den Rezipienten heranrücken möchte,85 müsste man die Figur Etzel ausschließen: Der Erzähler beurteilt seinen Zustand als unüberwindbar und rückt ihn in eine unüberbrückbare Distanz zu den anderen Figuren und zu potentiell anteilnehmenden Rezipienten. Mit der Unmöglichkeit, etwas über sein Schicksal zu erzählen, ist auch der für die ‚Nibelungenklage‘ diagnostizierte „Besprechungszwang“86 an ein Ende gekommen.

Resümee

Chrétiens und Wolframs Traumaerzählungen scheinen mir Ausdruck desselben erzählerischen Anliegens zu sein: durch verstörende Verrätselung und Überspitzung Interesse an und Mitleid für Frauenfiguren zu wecken, die durch kriegsbedingte Gewalterfahrung zeitweise nicht mehr in der höfischen Gesellschaft ‚funktionieren‘. Sie werden von einer männlich konnotierten Täterrolle in die des Opfers überführt und können so zumindest tendenziell wieder Positionen einnehmen, die üblichen Gender- und Standesnormen entsprechen. Dieser Vorgang präsentiert sich vor allem bei Orgeluse als emotionaler Heilungsvorgang, der behindernde Folgen der Kriegsgewalt dauerhaft beendet und eine neue Minneehe ermöglicht. Bei der Stolzen von Nogres scheint ‚nur‘ an eine soziale Rehabilitation gedacht zu sein, analog zu der des immer wieder beschämten Gauvain. ←463 | 464→Durch die explizite Selbstattestierung von (überwundenem) ‚Wahnsinn‘ lassen sich bei der pucele aber auch Spuren einer Pathologisierung erkennen, die aufhebbar erscheint. Bei Etzel verläuft die Erzählstrategie diametral anders: Er wird in der ‚Nibelungenklage‘ im Verlauf der Handlung immer stärker aus der Gemeinschaft der handlungsmächtigen Fürsten ausgeschlossen, dabei effeminiert und stark pathologisiert. Schließlich wird er durch den Erzähler als abstruse Kuriosität desavouiert. Emotionsbündel von Leid, Trauer, Ohnmacht oder aber destruktiver Wut, wie ich sie eingangs mittelalterlichen Traumaerzählungen zugeordnet habe, führen damit in den drei Texten zu komplementären Bewertungen auf Figuren-, Erzähler- und Handlungsebene.

Als spezifische Leistung von Traumaerzählungen zeichnet sich damit ab, dass exzessive Kriegsgewalt mit Funktionsstörungen bei Figuren in Verbindung gebracht wird, die mittels Emotionswörtern kommuniziert werden, im Inneren einer Figur (im herze) verortet werden und nicht in eine Rachehandlung oder gemeinsame Trauer überführt werden. Die dargestellten (Sprach-)Handlungen und die emotionalen Zuschreibungen verletzen die gängigen bzw. normierten Gender-Grenzen, so dass ‚männlich‘ sprechende und agierende Frauenfiguren sowie effeminierte Männerfiguren entstehen und als defizient markiert werden. Dass es sich um eine gravierende Transgression handelt, zeigt besonders die Verbindung mit ‚Wahnsinn‘, die im Extremfall mit einer Absage an die auktionale Deutungshoheit des Erzählers verbunden sein kann.

Zum Abschluss möchte ich noch mit der gebotenen Vorsicht die Frage stellen, ob mittelalterliche Traumanarrative einzeltextübergreifende Muster erkennen lassen. Meine Beispiele87 zeigen erstens, dass ‚Trauma‘ in erster Linie mit dem Verlust von geliebten Personen in Verbindung gebracht wird, weniger mit lebensbedrohlichen Situationen oder extremen Gewalterfahrungen, die die Figuren als Opfer oder Augenzeugen erleben. Zweitens werden Traumaerzählungen eher mit Frauen bzw. einem effeminierten Mann in Opferrollen verbunden, weniger mit handlungsmächtigen männlichen Kriegern und Herrschern, obwohl auch diesen in der mittelalterlichen Literatur starke Emotionen zugeschrieben werden. Drittens finden sich nur in Bezug auf zentrale Figuren Traumaerzählungen, nicht bei unbedeutenden Nebenfiguren: Die junge Botin, die Urjans im ←464 | 465→‚Parzival‘ vergewaltigt hat (525,11–528,30), ist nicht Gegenstand einer Traumaerzählung, obwohl sie gleichermaßen Unrecht und Leid erlebt und ihr genauso Unterstützung versagt bleibt wie Orgeluse. Dies deutet darauf hin, dass Traumaerzählungen ein narratives Mittel sind, um Empathie und Aufmerksamkeit auf außergewöhnliche und hervorgehobene Figuren zu lenken. Traumaerzählungen werden viertens von der Handlung, vom Stoff und nicht zuletzt von Gattungsmustern (mit)bestimmt. Höfische Romane erlauben generell mehr Einsicht in das Innere von Figuren als Heldenepen, was Traumaerzählungen begünstigt.

Diese Beobachtungen unterstützen die These, dass Traumaerzählungen primär in literarischen Kontexten zu sehen sind und höchstens indirekt als Quelle für sozial- und medizingeschichtliche Fragestellungen taugen. Sie erfordern Zugangsweisen zu den dargestellten Phänomenen ‚mentaler‘ Differenz, die den spezifischen Status der Figuren als anthropologische Modellentwürfe, ihre erzählerische Vermitteltheit und ästhetische Verfasstheit reflektieren.88

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* Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Creative Unit „Homo debilis. Dis/ability in der Vormoderne“, die gefördert wurde aus Mitteln des Zukunftskonzeptes der Universität Bremen im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder. Ich danke den Teilnehmer_innen der Tagung in Hannover für Hinweise und Anregungen.

1 Zentralbibliothek Zürich, Ms Rh hist 33b, f. 102r (http://www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/zbz/Ms-Rh-hist0033b; Zugriff am 19.10.2018). Ich danke der Bibliothek für die Publikationserlaubnis.

2 Rainer Leng: Gründe für berufliches Töten – Büchsenmeister und Kriegshauptleute zwischen Berufsethos und Gewissensnot, in: Horst Brunner (Hg.): Der Krieg im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit: Gründe, Begründungen, Bilder, Bräuche, Recht (Imagines Medii Aevi 3), Wiesbaden 1999, S. 307–348, hier S. 310.

3 Leng: Gründe (wie Anm. 2), S. 310.

4 Leng: Gründe (wie Anm. 2), S. 310–311.

5 Vgl. z.B. NN: Trauma, in: Jürgen Margraf, Franz J. Müller-Spahn (Hg.): Pschyrembel. Psychiatrie, klinische Psychologie, Psychotherapie, Berlin, New York 2010, S. 845–846; Martin Ehlert-Balzer: Trauma, in: Wolfgang Mertens, Bruno Waldvogel (Hg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe, Stuttgart 32008, S. 767–771; Bessel A. van der Kolk, Alexander C. McFarlane, Lars Weisaeth (Hg.): Traumatic Stress. Grundlagen und Behandlungsansätze. Theorie, Praxis und Forschungen zu posttraumatischem Streß sowie Traumatherapie, Paderborn 2000.

6 Vgl. z.B. Sabine Kienitz: Beschädigte Helden. Kriegsinvalidität und Körperbilder 1914–1923 (Krieg in der Geschichte 41), Paderborn 2008, S. 21, 105–106; Hans-Georg Hofer: Nervenschwäche und Krieg. Modernitätskritik und Krisenbewältigung in der österreichischen Psychiatrie (1880–1920), Wien, Köln, Weimar 2004, bes. S. 185–376. Vgl. zu den Möglichkeiten einer angemessenen historischen Deutung älterer Texte über Krankheiten Karl-Heinz Leven: Krankheiten – historische Deutung versus retrospektive Diagnose, in: Norbert Paul, Thomas Schlich (Hg.): Medizingeschichte. Aufgaben, Probleme, Perspektiven, Frankfurt a.M. 1998, S. 153–185, bes. S. 155, 157–160.

7 Vgl. Wendy J. Turner, Christina Lee (Hg.): Trauma in Medieval Society, Boston, Leiden 2018 (im Druck); Sonja Kerth: Traumaerzählungen im ‚Parzival‘. Ein Versuch, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 252 (2015), S. 263–293. Zur Unmöglichkeit, eine Liste von Faktoren zu erstellen, die ggf. in vergangenen Zeiten und anderen Kulturen ein Trauma auslösen konnten, vgl. Neil J. Smelser: Psychological Trauma and Cultural Trauma, in: Jeffrey C. Alexander, Ron Eyerman u.a. (Hg.): Cultural Trauma and Collective Identity, Berkeley, Los Angeles, London 2004, S. 31–59, hier S. 36. Grundsätzlich kritisch ist Armin Schulz: Erzähltheorie in mediävistischer Perspektive, hg. von Manuel Braun, Alexandra Dunkel, Jan-Dirk Müller, Berlin, Boston 2012, S. 38, vgl. aber S. 77.

8 Vgl. dazu die Literatur in Anm. 5.

9 Vgl. z.B. Leven: Krankheiten (wie Anm. 6); Michael Stolberg: Homo patiens. Krankheits- und Körpererfahrung in der Frühen Neuzeit, Köln, Weimar, Wien 2003, S. 248–260; Katharina Philipowski: Die Gestalt des Unsichtbaren. Narrative Konzeptionen des Inneren in der höfischen Literatur (Hermaea NF 131), Berlin, Boston 2013, S. 17, 327 u.ö.; Annette Kehnel: Der homo miserabilis oder: die menschliche Befähigung zum „Heimweh nach der Traurigkeit“. Kulturhistorische Grundlagenforschung zur conditio humana, zugleich ein Plädoyer für Universalien statt Alterität, in: Manuel Braun (Hg.): Wie anders war das Mittelalter? Fragen an das Konzept der Alterität (Aventiuren 9), Göttingen 2013, S. 299–322, sowie Manuel Brauns Hinweis, dass man literarische Figuren eben nicht auf die Couch des Psychoanalytikers legen könne. Manuel Braun: Trauer als Textphänomen? Zum Ebenenproblem der mediävistischen Emotionsforschung, in: Ingrid Kasten (Hg.): Machtvolle Gefühle (Trends in Medieval Philology 24), Berlin, New York 2010, S. 53–86, hier S. 58–59.

10 Vgl. Annette Gerok-Reiter: Angst – Macht – Ohnmacht. Emotionscrossing in Hartmanns Erec?, in: Ingrid Kasten (Hg.): Machtvolle Gefühle (Trends in Medieval Philology 24), Berlin, New York 2010, S. 218–245, die in der höfischen Epik Angstlizenzen nur unter ganz bestimmten, begrenzten Bedingungen sieht: v.a. bei Frauen und Kindern, bei untergeordneten Figuren, die der Lächerlichkeit preisgegeben werden sollen, und bei Gegenfiguren, die stigmatisiert werden sollen (S. 228–229).

11 Trauma in mittelalterlicher Literatur behandeln z.B. Hannes Fricke: Stigma und Trauma bei Abaelard: Bewältigungsstrategien eines körperlich und seelisch Verletzten. Ein literaturpsychologischer Versuch, in: Dag Nikolaus Hasse (Hg.): Abaelards ‚Historia calamitatum‘. Text – Übersetzung – literaturwissenschaftliche Modellanalysen (De Gruyter Texte), Berlin, New York 2001, S. 237–259; Christiane Ackermann, Klaus Ridder: Trauer – Trauma – Melancholie. Zum ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach, in: Wolfram Mauser, Joachim Pfeiffer (Hg.): Trauer (Freiburger Literaturpsychologische Gespräche 22), Würzburg 2003, S. 83–108; Manfred Kern: Thymos, Kultur und Geschlecht. Perspektiven einer traumatologischen Lektüre der chanson de geste, in: Johannes Keller, Florian Kragl (Hg.): Mythos – Sage – Erzählung. Gedenkschrift für Alfred Ebenbauer, Göttingen 2009, S. 173–192; Sonja Kerth: Schreiende Kriegswunden: Darstellungen kriegsbedingter Traumatisierung in mittelalterlicher heroischer Dichtung, in: Gabriela Antunes, Björn Reich, Carmen Stange (Hg.): (De)formierte Körper 2: Die Wahrnehmung und das Andere im Mittelalter / Corps (Dé)formés 2: Perceptions et lʾAltérité au Moyen-Âge. Interdisziplinäre Tagung Göttingen, 1.-3. Oktober 2010, Göttingen 2014, S. 273–298; Kerth: Traumaerzählungen (wie Anm. 7); Turner, Lee: Trauma (wie Anm. 7).

12 Unter ‚mentaler Differenz‘/ ‚Defizienz‘ u.ä. verstehe ich Beeinträchtigungen, die man heute alltagssprachlich mit seelischen und geistigen Erkrankungen bzw. Behinderungen verbinden würde. Um auf den Konstruktcharakter und die terminologische Problematik hinzuweisen, setze ich ‚mental‘ in Anführungszeichen; genauso bei gleichermaßen problematischen Ausdrücken wie ‚seelische Verletzung‘/ ‚Wunde‘/ ‚Trauma‘ u.ä., wenn ich sie im Rahmen der Textanalyse verwende.

13 Vgl. z.B. Cordula Nolte, Bianca Frohne, Uta Halle, Sonja Kerth (Hg.): Dis/ability History der Vormoderne. Ein Handbuch / Premodern Dis/ability History. A Compendium, Affalterbach 2017; Irina Metzler: Disability in Medieval Europe. Thinking about Physical Impairment during the High Middle Ages, c. 1100–1400 (Routledge Studies in Medieval Religion and Culture 5), London, New York 2006; Irina Metzler: Fools and Idiots? Intellectual Disability in the Middle Ages (Disability History), Manchester 2016; Cordula Nolte (Hg.): Phänomene der „Behinderung“ im Alltag. Bausteine zu einer Disability History der Vormoderne (Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters 8), Affalterbach 2013; Cordula Nolte (Hg.): Homo debilis. Behinderte – Kranke – Versehrte in der Gesellschaft des Mittelalters (Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters 3), Korb 2009; Bianca Frohne: Leben mit ‚kranckhait‘. Der gebrechliche Körper in der häuslichen Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts. Überlegungen zu einer Disability History der Vormoderne (Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters 9), Affalterbach 2014.

14 Vgl. NN: Traumatherapie, in: Jürgen Margraf, Franz J. Müller-Spahn (Hg.): Pschyrembel. Psychiatrie, klinische Psychologie, Psychotherapie, Berlin, New York 2010, S. 846.

15 Annette Gerok-Reiter: Die Angst des Helden und die Angst des Hörers. Stationen einer Umbewertung in mittelhochdeutscher Epik, in: Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer Forschung 12,1 (2007): Angst und Schrecken im Mittelalter. Ursachen, Funktionen, Bewältigungsstrategien, hg. von Annette Gerok-Reiter, Sabine Obermaier, S. 127–143, hier S. 128.

16 Rüdiger Schnell: Haben Gefühle eine Geschichte? Aporien einer History of emotions, 2 Bde., Göttingen 2015, bes. Bd. 1, S. 202, 224–227.

17 Zum Begriff Emotionsbündel Schnell: Haben Gefühle (wie Anm. 16), Bd. 1, S. 202, 224–227.

18 Vgl. Gerok-Reiter: Die Angst (wie Anm. 15), S. 128; Schnell: Haben Gefühle (wie Anm. 16), bes. Bd. 1, S. 597–598, 608, Bd. 2, S. 771.

19 Martina Kopf: Trauma und Literatur. Das Nicht-Erzählbare erzählen – Assia Djebar und Yvonne Vera, Frankfurt a. M. 2005, S. 17.

20 Ähnliche Erzählkerne legt die literaturwissenschaftliche Traumaforschung zur neueren und neuesten Literatur frei: Traumaerzählungen besitzen als Nukleus die Schilderung von plötzlichen und/ oder katastrophalen Ereignissen, die von den Figuren als überwältigend empfunden werden und auf die diese oft zeitversetzt und wiederholt reagieren mit extremen Affekten. Diese werden als gewaltsames Eindringen in die Seele empfunden. Vgl. grundlegend Cathy Caruth: Unclaimed Experience. Trauma, Narrative, and History, Baltimore, London 1996, S. 11. Zum Begriff Erzählkern vgl. Jan-Dirk Müller: Höfische Kompromisse. Acht Kapitel zur höfischen Epik, Tübingen 2007, S. 29–34, bes. S. 31.

21 Katharina Philipowski, Anne Prior: Einleitung, in: Katharina Philipowski, Anne Prior (Hg.): anima und sêle. Darstellungen und Systematisierungen von Seele im Mittelalter (Philologische Studien und Quellen 197), Berlin 2006, S. IX–XXXV, hier S. XXX–XXXI.

22 Vgl. z.B. Elisabeth Lienert: Zur Diskursivität der Gewalt in Wolframs ‚Parzival‘, in: Wolfgang Haubrichs, Eckart Conrad Lutz, Klaus Ridder (Hg.): Wolfram von Eschenbach – Bilanzen und Perspektiven. Eichstätter Kolloquium 2000 (Wolfram-Studien 17), Berlin 2002, S. 223–245; Elisabeth Lienert: Geschlecht und Gewalt im ‚Nibelungenlied‘, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 132 (2003), S. 3–23; Dorothea Klein: Geschlecht und Gewalt. Zur Konstitution von Männlichkeit im ‚Erec‘ Hartmanns von Aue, in: Matthias Meyer, Hans-Jochen Schiewer (Hg.): Literarische Leben. Rollenentwürfe in der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters, Tübingen 2002, S. 433–463; Sonja Kerth: Versehrte Körper – vernarbte Seelen. Konstruktionen kriegerischer Männlichkeit in der späten Heldendichtung, in: Zeitschrift für Germanistik 2 (2002), Themenheft Männerbilder und Männlichkeitskonstruktionen, hg. von Uwe Peter Hohendahl, Inge Stephan, S. 262–274.

23 Vgl. z.B. Ingrid Bennewitz, Ingrid Kasten (Hg.): Genderdiskurse und Körperbilder im Mittelalter. Eine Bilanzierung nach Butler und Laqueur (Bamberger Studien zum Mittelalter 1), Münster 2002; Andrea Sieber: Gender Studies, in: Christiane Ackermann, Michael Egerding (Hg.): Literatur- und Kulturtheorien in der Germanistischen Mediävistik. Ein Handbuch, Berlin, Boston 2015, S. 103–140; Bea Lundt: Das nächste Ähnliche. Geschlecht in der Vormoderne, in: Bea Lundt, Toni Tholen (Hg.): „Geschlecht“ in der Lehramtsausbildung. Die Beispiele Geschichte und Deutsch (Historische Geschlechterforschung und Didaktik – Ergebnisse und Quellen 3), Berlin 2013, S. 93–115; Claudia Opitz-Belakhal: Geschlechtergeschichte (Historische Einführungen 8), Frankfurt a. M., New York 2010.

24 Vgl. z.B. Swantje Köbsell: Gendering Disability: Behinderung, Geschlecht und Körper, in: Jutta Jacob, Swantje Köbsell, Eske Wollrad (Hg.): Gendering Disability. Intersektionale Aspekte von Behinderung und Geschlecht (Studien interdisziplinäre Geschlechterforschung 7), Bielefeld 2010, S. 17–33; Katharina Walgenbach: Gender als interdependente Kategorie, in: Katharina Walgenbach, Gabriele Dietze u.a. (Hg.): Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität, Opladen 22012, S. 23–64; Marianne Krüger-Potratz: Intersektionalität, in: Hannelore Faulstich-Wieland (Hg.): Umgang mit Heterogenität und Differenz, Baltmannsweiler 2011, S. 183–200. Mit Blick auf vormoderne literarische Texte: Nataša Bedeković, Andreas Kraß, Astrid Lembke (Hg.): Durchkreuzte Helden. Das ‚Nibelungenlied‘ und Fritz Langs Film ‚Die Nibelungen‘ im Licht der Intersektionalitätsforschung (GenderCodes 17), Bielefeld 2014; Christian Klein, Falko Schnicke (Hg.): Intersektionalität und Narratologie. Methoden – Konzepte – Analyse (Schriftenreihe Literaturwissenschaft 91), Trier 2014; Susanne Schul: HeldenGeschlechtNarrationen. Gender, Intersektionalität und Transformation im ‚Nibelungenlied‘ und in Nibelungen-Adaptionen (Medien – Literaturen – Sprachen in Anglistik/Amerikanistik, Germanistik und Romanistik14), Frankfurt a. M. 2014.

25 Andreas Kraß: Einführung: Historische Intersektionalitätsforschung als kulturwissenschaftliches Projekt, in: Nataša Bedeković, Andreas Kraß, Astrid Lembke (Hg.): Durchkreuzte Helden. Das ‚Nibelungenlied‘ und Fritz Langs Film ‚Die Nibelungen‘ im Licht der Intersektionalitätsforschung (GenderCodes 17), Bielefeld 2014, S. 7–47, hier S. 18.

26 Kerth: Versehrte Körper (wie Anm. 22); Sonja Kerth: Quellen und Analysen / Analyses of selected Material: Trauma in der ‚Karlmeinet‘-Kompilation?, in: Cordula Nolte, Bianca Frohne, Uta Halle, Sonja Kerth (Hg.): Dis/ability History der Vormoderne. Ein Handbuch / Premodern Dis/ability History. A Compendium, Affalterbach 2017, S. 472–475.

27 Vgl. die in Anm. 22 genannte Literatur.

28 Zu Handlungsspielräumen von Königinnen im mittelalterlichen Reich Amalie Fößel: Die Königin im mittelalterlichen Reich. Herrschaftsausübung, Herrschaftsrechte und Handlungsspielräume, Darmstadt 2000.

29 Das ‚Nibelungenlied‘ sanktioniert dies bekanntlich mit Kriemhilds physischer Vernichtung und der Aburteilung als Teufelin durch prominente männliche Handlungsträger.

30 Für diese Lesart könnte man Kriemhilds stets präsent gehaltene Trauer um Siegfried, ihre Hortforderungen und die große Bedeutung Balmungs für den zweiten Teil des ‚Nibelungenliedes‘ heranziehen.

31 Schul: HeldenGeschlechtNarrationen (wie Anm. 24), S. 475.

32 Elisabeth Lienert: Mittelhochdeutsche Heldenepik. Eine Einführung (Grundlagen der Germanistik 58), Berlin 2015, S. 62–64. ‚Wahnsinn‘ schreibe die ‚Nibelungenklage‘ Kriemhild allerdings nicht zu: vgl. Elisabeth Lienert: Komm. zu V. 240–243 (S. 366–367), in: Die Nibelungenklage. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Karl Bartsch. Einführung, neuhochdeutsche Übersetzung und Kommentar von Elisabeth Lienert (Schöninghs Mediävistische Editionen 5), Paderborn u.a. 2000.

33 Zitierte Textausgabe: Chrétien de Troyes: Le Roman de Perceval ou Le Conte du Graal. Der Percevalroman oder Die Erzählung vom Gral. Altfranzösisch/ Deutsch, übers. und hg. von Felicitas Olef-Krafft (RUB 8649), Stuttgart 1991. Vgl. zur Stelle Barbara S. Dieterich: Das venushafte Erscheinungsbild der Orgeluse in Wolframs von Eschenbach ‚Parzival‘, in: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch der Görres-Gesellschaft 41 (2000), S. 9–65, hier S. 15–17.

34 Dass vor allem Zuschreibungen, z.B. von negativen Eigenschaften, die Figurendarstellung bestimmen, bezeichnet Ricarda Bauschke als typisch für Chrétien: Ricarda Bauschke: Chrétien und Wolfram. Erzählerische Selbstfindung zwischen Stoffbewältigung und Narrationskunst, in: Klaus Ridder, Susanne Köbele, Eckart Conrad Lutz (Hg.): Wolframs Parzival-Roman im europäischen Kontext. Tübinger Kolloquium 2012 (Wolfram-Studien 23), Berlin 2014, S. 113–130, hier S. 122; vgl. auch Joseph Duggans Liste von „evil qualities“ bei „dark characters“ in Chrétiens Romanen: Joseph J. Duggan: The Romances of Chrétien de Troyes, New Haven, London 2001, S. 99–100.

35 Ihren unverschämten Knappen schlägt Gauvain dagegen hart in Gesicht: V. 7018–7025.

36 Zur Deutung der Stelle im Kontext der arturischen costume de Logres vgl. z.B. Martin Baisch: Orgeluse – Aspekte ihrer Konzeption in Wolframs von Eschenbach ‚Parzival‘, in: Alois M. Haas, Ingrid Kasten (Hg.): Schwierige Frauen – schwierige Männer in der Literatur des Mittelalters, Bern, Berlin, Wien u.a. 1999, S. 15–33, hier S. 23–24; Matilda Tomaryn Bruckner: Chrétien Continued. A Study of the ‚Conte du Graal‘ and its Verse Continuations, Oxford 2009, S. 101; Nathanael Busch: „bî den selben zîten / was daz gewonlîch“. Stellen allein reisende Frauen ein Problem dar?, in: Friedrich Wolfzettel, Cora Dietl, Matthias Däumer (Hg.): Artusroman und Mythos (Schriften der Internationalen Artusgesellschaft. Sektion Deutschland/ Österreich 8), Berlin, Boston 2011, S. 127–144; Dennis H. Green: Women and Marriage in German Medieval Romance (Cambridge Studies in Medieval Literature), Cambridge 2009, S. 181–182.

37 Ob V. 8565–8566 so zu verstehen sind, dass es nur zu Küssen kam, oder ob weiterreichende sexuelle Gewalt verbal verharmlost wird, ist strittig, vgl. z.B. Keith Busby: Gauvain in Old French Literature (Degré Second 2), Amsterdam 1980, S. 132–133, anders Rupert T. Pickens: Le Conte du Graal: Chrétien’s Unfinished Last Romance, in: Norris J. Lacy, Joan Tasker Grimbert (Hg.): A Companion to Chrétien de Troyes (Arthurian Studies), Rochester, Woodbridge 2005, S. 169–187, hier S. 175.

38 Green weist darauf hin, dass l’Orgueilleuse zumindest so viel Handlungsspielraum besaß, dass sie Guiromelant abweisen und verlassen konnte: Green: Women (wie Anm. 36), S. 190.

39 Zur Bedeutung von Gefühlsumschwüngen für mittelalterliche Epik vgl. z.B. Rüdiger Schnell: Narration und Emotion. Zur narrativen Funktion von Emotionserwähnungen in Chrétiens ‚Perceval‘ und Wolframs ‚Parzival‘, in: Klaus Ridder, Susanne Köbele, Eckart Conrad Lutz (Hg.): Wolframs Parzival-Roman im europäischen Kontext. Tübinger Kolloquium 2012 (Wolfram-Studien 23), Berlin 2014, S. 269–331, hier S. 315–317.

40 Die Figurenkonzeption ist damit viel problematischer als die anderer hoch- und wankelmütiger Minnedamen in höfischen Romanen (Isolde, Ginover); vgl. Busby: Gauvain (wie Anm. 37), S. 111–112.

41 Grundlegend ist Ingrid Bennewitz: Der Körper der Dame. Zur Konstruktion von ‚Weiblichkeit‘ in der deutschen Literatur des Mittelalters, in: Jan-Dirk Müller (Hg.): „Aufführung“ und „Schrift“ in Mittelalter und Früher Neuzeit (Germanistische Symposienbände 17), Stuttgart, Weimar 1996, S. 222–238.

42 Erdmuthe Döffinger-Lange sieht darin Anklänge an den Narcissus-Mythos: Erdmuthe Döffinger-Lange: Der Gauvain-Teil in Chrétiens ‚Conte du Graal‘. Forschungsbericht und Episodenkommentar (Studia Romanica 95), Heidelberg 1998, S. 206, 216–217; Busby und Bernhard A. Schmitz bringen die Figur mit dem Typus der Fee in Verbindung: Busby: Gauvain (wie Anm. 37), S. 109; Bernhard A. Schmitz: Gauvain, Gawein, Walewein. Die Emanzipation des ewig Verspäteten (Hermaea NF 117), Tübingen 2008, S. 129. Mir scheint die Ausgestaltung der Figur aber primär handlungsbezogen.

43 Döffinger-Lange: Der Gauvain-Teil (wie Anm. 42), S. 207.

44 Ich danke Horst Brunner für den Hinweis.

45 Zu ‚Wahnsinnʼ und Todessehnsucht als Attribute der Orgueilleuse vgl. Duggan: The Romances (wie Anm. 34), S. 152–153, sowie Döffinger-Lange: Der Gauvain-Teil (wie Anm. 42), S. 316. Zu literarischen, medizin- und sozialgeschichtlichen sowie rechtlichen Konzeptionen von ‚Wahnsinn‘ im Mittelalter vgl. z.B. Dirk Matejovski: Das Motiv des Wahnsinns in der mittelalterlichen Dichtung, Frankfurt a. M. 1996; Stolberg: Homo patiens (wie Anm. 9), zusammenfassend S. 75; Wendy J. Turner: Care and Custody of the Mentally Ill, Incompetent, and Disabled in Medieval England (Cursor mundi 16), Turnhout 2013; Wendy J. Turner (Hg.): Madness in Medieval Law and Custom (Later Medieval Europe 6), Leiden, Boston 2010.

46 Zu caritas als Handlungsmotiviation für Gauvain vgl. besonders Schmitz: Gauvain (wie Anm. 42), S. 115–116, 128–130; Bruckner: Chrétien (wie Anm. 36), S. 101–102. Letztlich sind es aber vor allem Gauvains herausragende ritterliche Taten, die den Gefühlsumschwung initiieren und den Bericht der pucele veranlassen: Döffinger-Lange: Der Gauvain-Teil (wie Anm. 42), S. 218–219, vgl. auch S. 298, 316.

47 Vgl. zum Komplex Scham und Ehre in Chrétiens Werk Duggan: The Romances (wie Anm. 34), S. 95–96, 126; Jan-Dirk Müller: Percevals Fragen – oder ein ‚Parzival‘ ohne Mitleidsfrage?, in: Klaus Ridder, Susanne Köbele, Eckart Conrad Lutz (Hg.): Wolframs Parzival-Roman im europäischen Kontext. Tübinger Kolloquium 2012 (Wolfram-Studien 23), Berlin 2014, S. 21–49, hier S. 48–49. Ob man in diesem Kontext auch Gavains anfängliches Eingeständnis, er wolle die pucele packen und auf dem Pferd mitführen (V. 6701), zu verstehen hat, bleibt offen; ernstgemeint, ließe sich dieser Impuls nicht mit caritas und ritterlicher Ehre vereinbaren. Busbys negative Lesart der Gauvainfigur knüpft besonders an diesem Vers an, ist aber insgesamt überholt (Busby: Gauvain [wie Anm. 37], bes. S. 132). Vgl. zuletzt auch Katja Gvozdeva, Hans Rudolf Velten (Hg.): Scham und Schamlosigkeit. Grenzverletzungen in Literatur und Kultur der Vormoderne (Trends in Medieval Philology 21), Berlin, Boston 2011.

48 Zitierte Textausgabe: Wolfram von Eschenbach: Parzival. Mittelhochdeutscher Text nach der 6. Ausgabe von Karl Lachmann, Übersetzung von Peter Knecht, Einführung zum Text von Bernd Schirok, Berlin, New York 1998. Vgl. zum Folgenden Kerth: Traumaerzählungen (wie Anm. 7), S. 276–283.

49 Baisch: Orgeluse (wie Anm. 36), S. 27.

50 Neu sind etwa die Verbindung mit dem Gralskönig Anfortas und mit Parzival sowie die Ehe mit Gawan.

51 Vgl. Bauschke: Chrétien (wie Anm. 34), S. 122–123, 126–127.

52 Zu Wolframs „Szenenregie“, eine Figur mit nicht begründetem Schmerz und Gefühlsumschwüngen auftreten zu lassen, vgl. Schnell: Narration (wie Anm. 39), S. 313–318. Eine Innenschau, die Klarheit über Orgeluses Motive verschaffen könnte, wird an dieser Stelle nicht geboten. Zur lange Zeit ausschließlich externen Fokalisierung Orgeluses vgl. Friedrich M. Dimpel: er solts et hân gediuhtet nider. Wertende Erzähleräußerungen in der Orgeluse-Handlung von Wolframs ‚Parzival‘, in: Euphorion 105 (2011), S. 251–281, hier S. 258.

53 Zum analytischen Erzählen in Wolframs ‚Parzival‘ vgl. Frauke Schumacher: Die erzählte Welt als Spiegel. Reflexionen des analytischen Erzählens im ‚Parzival‘ Wolframs von Eschenbach, Dissertation Universität Bremen 2014 (http://elib.suub.uni-bremen.de/edocs/00104595–1.pdf; Zugriff am 19.10.2018), zu Orgeluse bes. S. 188–202.

54 Vgl. zur Szene z.B. Horst Brunner: Artûs der wîse höfsche man. Zur immanenten Historizität der Ritterwelt im ‚Parzival‘ Wolframs von Eschenbach, in: Horst Brunner: Annäherungen. Studien zur deutschen Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (Philologische Studien und Quellen 210), Berlin 2008, S. 38–49, bes. S. 45; Lienert: Zur Diskursivität (wie Anm. 22), S. 238; Sarah Westphal-Wihl: Orgeluse and the Trial for Rape at the Court of King Arthur: Parzival 521,19 to 529,16, in: Arthuriana 20,3 (2010), S. 81–109; Dimpel: er solts (wie Anm. 52).

55 Zur Deutung der Stelle als emotionale Schlüsselszene und als Markierung eines neuen Handlungsabschnitts vgl. Schnell: Narration (wie Anm. 39), S. 315–316.

56 Eine Vergewaltigung Orgeluses während der Haft erwägt auch Westphal-Wihl: Orgeluse (wie Anm. 54), S. 98–100. Dass Wolfram die Umstände der Gefangenschaft verunklart, notiert Green: Women (wie Anm. 36), S. 190.

57 Vgl. auch Baisch: Orgeluse (wie Anm. 36), S. 19, 33.

58 Zu Parallelen zur Laudine-Figur in Hartmanns ‚Iwein‘ vgl. Bauschke: Chrétien (wie Anm. 34), S. 126–127.

59 Vgl. Gisela Zimmermann: Untersuchungen zur Orgeluseepisode in Wolfram von Eschenbachs ‚Parzival‘, in: Euphorion 66 (1972), S. 128–150, hier S. 133.

60 Sonja Emmerling: Geschlechterbeziehungen in den Gawan-Büchern des ‚Parzival‘. Wolframs Arbeit an einem literarischen Modell (Hermaea NF 100), Tübingen 2003, S. 152.

61 Zum Verhältnis von Trauer und Treue aus sprachlicher Perspektive vgl. Simone Schultz-Balluff: ‚ûf mîner triwe jâmer blüet‘. Trauer und ‚triuwe‘ – Zum Zusammenspiel zweier Konzepte, in: Seraina Plotke, Alexander Ziem (Hg.): Sprache der Trauer. Verbalisierungen einer Emotion in historischer Perspektive (Sprache, Literatur und Geschichte 45), Heidelberg 2014, S. 123–174.

62 Vgl. zur (Un)Möglichkeit, Frauen und Männern ‚weiche‘ und ‚harte‘ Emotionen zuzuschreiben, Schnell: Haben Gefühle (wie Anm. 16), Bd. 2, S. 963–964.

63 Zimmermann: Untersuchungen (wie Anm. 59), S. 135, hat nachgezählt, dass die Gespräche bis zur Liebeserfüllung mit 688 Versen die zweitlängsten Dialoge nach dem Parzival-Trevrizent-Gespräch darstellen. Viel kürzer sind die Dialoge zwischen Gauvain und der pucele bei Chretien; vgl. dazu auch Emmerling: Geschlechterbeziehungen (wie Anm. 60), S. 104.

64 Zitierte Textausgabe: Das Nibelungenlied und die Klage. Nach der Handschrift 857 der Stiftsbibliothek St. Gallen. Mittelhochdeutscher Text, Übersetzung und Kommentar von Joachim Heinzle (Bibliothek des Mittelalters 12), Berlin 22014. Nach Ausweis der neueren Forschung ist die Entstehung der ‚Nibelungenklage’ eng mit der des ‚Nibelungenliedes’ verknüpft, auch wenn sie dieses voraussetzt und als Fortsetzung, korrigierendes Interpretament und Kommentar zum ‚Nibelungenlied‘ zu verstehen ist. Grundlegend: Joachim Bumke: Die vier Fassungen der ‚Nibelungenklage‘. Untersuchungen zur Überlieferungsgeschichte und Textkritik der höfischen Epik im 13. Jahrhundert (Quellen und Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 8), Berlin, New York 1996, S. 559, 590–595.

65 Elke Koch: Die Vergemeinschaftung von Affekten in der ‚Klage‘. Mit Untersuchungen zur Semantik von verklagen und klagen helfen, in: Johannes Keller, Florian Kragl (Hg.): 11. Pöchlarner Heldenliedgespräch. Mittelalterliche Heldenepik – Literatur der Leidenschaften (Philologica Germanica 33), Wien 2011, S. 61–82, S. 67; Schnell: Haben Gefühle (wie Anm. 16), Bd. 2, S. 933; Ruth Weichselbaumer: Der konstruierte Mann. Repräsentation, Aktion und Disziplinierung in der didaktischen Literatur des Mittelalters (Bamberger Studien zum Mittelalter 2), Münster, Hamburg, London 2003, S. 260–261.

66 Jan-Dirk Müller: Spielregeln für den Untergang. Die Welt des Nibelungenliedes, Tübingen 1998, S. 118, vgl. S. 119–121.

67 Zu möglichen Anklängen an das Hiob-Bild des Alten Testaments vgl. Nikolaus Henkel: ‚Nibelungenlied‘ und ‚Klage‘. Überlegungen zum Nibelungenverständnis um 1200, in: Nigel F. Palmer, Hans-Jochen Schiewer (Hg.): Mittelalterliche Literatur und Kunst im Spannungsfeld von Hof und Kloster. Ergebnisse der Berliner Tagung, 9.-11. Oktober 1997, Tübingen 1999, S. 73–98, hier S. 90; einschränkend Lienert: Komm. (wie Anm. 32) zu V. 542–549 (S. 380).

68 Lienert: Mittelhochdeutsche Heldenepik (wie Anm. 32), S. 60.

69 Vgl. Florian Schmid: (De-)Konstruktion von Identität in der ‚Nibelungenklage‘. Überlegungen zu einem intersektional-narratologischen Zugriff auf mittelalterliche Texte, in: Christian Klein, Falko Schnicke (Hg.): Intersektionalität und Narratologie. Methoden – Konzepte – Analyse (Schriftenreihe Literaturwissenschaft 91), Trier 2014, S. 61–86, hier S. 83, der auch auf die enge Verbindung von Figurenbewertung und der Möglichkeit/ Bereitschaft, herrscherliche Gewalt auszuüben, verweist.

70 mhd. sin hier: Verstandeskraft, Denk- und Urteilsfähigkeit (http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=Lexer&mode=Vernetzung&lemid=LS04296#XLS04296; Zugriff am 19.10.2018).

71 Grundlegend zu Erscheinungsformen der Effemination Andrea Moshövel: wîplîch man. Formen und Funktionen von ‚Effemination‘ in deutschsprachigen Erzähltexten des 13. Jahrhunderts (Aventiuren 5), Göttingen 2009; zu Etzel April Henry: Melancholy and Mourning in the ‚Nibelungenklage‘, in: Andrea Sieber, Antje Wittstock (Hg.): Melancholie – zwischen Attitüde und Diskurs. Konzepte in Mittelalter und Früher Neuzeit (Aventiuren 4), Göttingen 2009, S. 145–158, hier S. 152, Anm. 21; Nadine Hufnagel: Die Darstellung der Trauer König Etzels. Geschlecht und Emotion in der mittelhochdeutschen ‚Nibelungenklage‘, in: Toni Tholen, Jennifer Clare (Hg.): Literarische Männlichkeiten und Emotionen (GRM-Beiheft 52), Heidelberg 2013, S. 57–87, hier S. 68; zuletzt Sabrina Hufnagel: Nibelungische Memoria. Zur Erinnerungsfunktion von Emotionalität und Geschlecht in der ‚Klage‘ (Bamberger Germanistische Mittelalter- und Frühneuzeitstudien 1), Bamberg 2016.

72 Grundlegend Müller: Spielregeln (wie Anm. 66), bes. S. 201–248 („Nibelungische Anthropologie“).

73 Hufnagel: Die Darstellung (wie Anm. 71), S. 67.

74 Für Heldenepik ungewöhnlich ist dagegen, dass sich an die hyperbolische Trauer keine Rachehandlung anschließt: Wenn Etzel den Königinnen Brünhild und Ute in Worms durch seinen Boten übermitteln lässt, auf Rache verzichten zu wollen (V. 2630–2632), scheint mir das eher ein Zeichen von Schwäche als ein Versuch, souverän den Rachemechanismus durchbrechen zu wollen (so Marie-Luise Bernreuther: Motivationsstruktur und Erzählstrategie im ‚Nibelungenlied‘ und in der ‚Klage‘ [Wodan 41], Greifswald 1994, S. 165). Zu beachten bleibt zudem, dass der Verzicht nur an die Frauen gerichtet ist; von Gunthers heranwachsendem Sohn und den Vasallen ist keine Rede.

75 Lienert: Komm. zur Stelle (wie Anm. 32), S. 396; sie weist aber auch darauf hin, dass Etzel eine gewisse Exorbitanz zugesprochen wird, wenn er im Superlativ mehr klagt als je ein Mann vor ihm: er hête leit und ungemach. / des mohte man wunder von im sehen (V. 618–619, vgl. Lienerts Komm., S. 383). Vgl. auch Hufnagel: Nibelungische Memoria (wie Anm. 71), S. 302.

76 Henry: Melancholy (wie Anm. 71), S. 147–148.

77 Lienert: Komm. zu V. 954–989 (wie Anm. 32), S. 394–396. Vgl. auch Hufnagel: Die Darstellung (wie Anm. 71), S. 83.

78 Eine explizite Nennung des Herzens als Quelle des leidbedingten Blutstroms findet sich V. 2762–2765, 3082–3085, 3662–3665.

79 Vgl. Koch: Die Vergemeinschaftung (wie Anm. 65), S. 73–74.

80 Vgl. Henry: Melancholy (wie Anm. 71), S. 157.

81 Hier wohl: Dämmerzustand; vgl. Heinzle: Übersetzung von V. 4198 und Komm. zur Stelle (wie Anm. 64), S. 1604; Lienert: Komm. (wie Anm. 32), S. 456.

82 Schmid: (De-)Konstruktion (wie Anm. 69); vgl. bes. sein Bild eines gemeinschaftlichen Klagekörpers, als dessen Bestandteile die einzelnen Figuren erscheinen: S. 78.

83 Koch: Die Vergemeinschaftung (wie Anm. 65), S. 80, 82.

84 Hufnagel: Die Darstellung (wie Anm. 71), S. 78–79.

85 Koch: Die Vergemeinschaftung (wie Anm. 65), S. 82.

86 Müller: Spielregeln (wie Anm. 66), S. 118.

87 Für weitere Beispiele vgl. etwa Kerth: Schreiende Kriegswunden (wie Anm. 11); Kerth: Traumaerzählungen (wie Anm. 7); Turner, Lee: Trauma (wie Anm.7); Oliver Auge: „So solt er im namen gottes mit mir hinfahren, ich were doch verderbt zu einem kriegsmann“ – Durch Kampf und Turnier körperlich versehrte Adelige im Spannungsfeld von Ehrpostulat und eigener Leistungsfähigkeit, in: Medizin, Gesellschaft und Geschichte 28 (2009), S. 21–46.

88 Vgl. Sonja Kerth: In der Werkstatt: Das Forschungsprogramm „Dis/ability History der Vormoderne“. Aus dem literaturwissenschaftlichen Forschungslabor, in: Cordula Nolte, Bianca Frohne, Uta Halle, Sonja Kerth (Hg.): Dis/ability History der Vormoderne. Ein Handbuch / Premodern Dis/ability History. A Compendium, Affalterbach 2017, S. 23–24.