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Subjekt und Liminalität in der Gegenwartsliteratur

Band 8.2: Schwellenzeit – Gattungstransitionen – Grenzerfahrungen; Sergej Birjukov zum 70. Geburtstag

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Edited By Matthias Fechner and Henrieke Stahl

Liminalität ist ein Signum der Gegenwart. Die neuere Literatur, insbesondere die Lyrik, nimmt seismographisch liminale Phänomene der Gegenwart wahr und bildet vielfältige liminale Formen und Funktionen aus. Zentral betroffen ist das sprechende Subjekt, das in Transition versetzt wird: Zersetzung, Auflösung, Fluidität, aber auch Transparenz und Transformation öffnen seine Grenzen zum Anderen: zu den Mitmenschen, der Natur oder auch der Transzendenz. Der vorliegende Band vereint Aufsätze, die Liminalität in Bezug auf Schwellenzeit als conditio historiae der Gegenwart, auf Gattungstransitionen und auf Grenzerfahrungen des Subjekts behandeln. Der Schwerpunkt liegt auf russisch- und deutschsprachigen Gedichten. Darüber hinaus werden weitere slavische und ostasiatische Literaturen einzeln und komparatistisch behandelt sowie andere Gattungen, intermediale Formen und philosophische Perspektiven einbezogen.

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„Meine Sozialisation ist das Lager.“ Zu den „Russlandgedichten“ der deportierten Dichter Oskar Pastior und Yoshirō Ishihara

„Meine Sozialisation ist das Lager.“ Zu den „Russlandgedichten“ der deportierten Dichter Oskar Pastior und Yoshirō Ishihara

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Hiroshi Yamamoto (Tokyo)

Der Gulag gehört zweifelsohne zu den berüchtigtsten Orten der Grausamkeit, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Trotzdem sind die Memoiren aus den sowjetischen Zwangsarbeitslagern, abgesehen von der Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ (1962) und dem Bericht „Der Archipel Gulag“ (1974) des Nobelpreisträgers Aleksandr Solženicyn, auf weit weniger Anerkennung gestoßen als etwa die der Überlebenden der NS-Konzentrations- und Vernichtungslager wie Jorge Semprun, Primo Levi und Imre Kertész. So muss man davon ausgehen, dass „der Holocaust und der Gulag unterschiedliche Resonanzräume haben“.1 Im Vergleich mit der Shoah, die in der globalen Erinnerungskultur fest verwurzelt ist, bleibt die Erinnerung an die stalinistische Massenvernichtung „regional begrenzt“.2 In Russland stand sie gleichfalls lange im Schatten „des etablierten Kanons von Erinnerungstexten“3, auch wenn sie, wie Varlam Šalamovs „Geschichten aus Kolyma“, in einem sehr anspruchsvollen literarischen Stil erzählt wurden. Je mehr sich aber der bloße „Sensationswert“ der Enthüllung aus dem Gulag erschöpft hat,4 sei es hinsichtlich der Schwerarbeit in extremer Kälte und des chronischen Hungers, sei es in Bezug auf Korruption und Unterschlagung in der Lagerverwaltung oder auf Diebstahl, Betrug und Verrat unter den Gefangenen, desto erforderlicher wird es nun, auf den ästhetischen Aspekt der literarischen Verarbeitungen des Lagers zu fokussieren.

Im Lager erscheint die Literatur, so Renate Lachmann, „als heterotop, d.h. als Erholungsraum, als temporärer Fluchtraum, in dem das Wiederauftauchen der verlassenen Welt sich gewissermaßen ‚ereignen‘ konnte...

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