Show Less
Restricted access

Jüdisches Kulturerbe MUSIK – Divergenzen und Zeitlichkeit

Überlegungen zu einer kulturellen Nachhaltigkeit aus Sicht der Jüdischen Musikstudien

Series:

Edited By Sarah M. Ross

Seit den 1960er Jahren steigt in Europa die Zahl der jüdischen Kulturerbeprojekte. Im Gedenken an die Schoa suchen Nichtjuden die Relikte der Vergangenheit zu bewahren und lassen dabei nicht selten die gegenwärtigen jüdischen Gemeinden außer Acht. Die Autorinnen unterziehen diese Praxis des „authorized heritage" einer kritischen Betrachtung. Mit Blick auf das jüdische Kulturerbe Musik enthüllen sie vor dem Hintergrund aktueller Debatten um kulturelle Nachhaltigkeit die Gefahren von Konstruktion, kultureller Aneignung und Instrumentalisierung des Erbes. Mit der Diskussion innerjüdischer Nachhaltigkeitskonzepte, flankiert von philosophischen Thesen zum Erbe und zur Verantwortung für den Anderen, werden Denkanstöße für einen neuen, zukunftsorientierten Umgang mit jüdischem Kulturerbe gegeben.

Show Summary Details
Restricted access

Vorwort

Vorwort

Extract

„Auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört“, schrieb Walter Benjamin 1940 in Über den Begriff der Geschichte.1 Was vermag der Sieger noch gegen die Toten? Die Antwort lautet nach Benjamin: Geschichtsschreibung und Kulturerbe.

Dies wird offensichtlich, „wenn man die Frage aufwirft, in wen sich denn der Geschichtsschreiber des Historismus eigentlich einfühlt. Die Antwort lautet unweigerlich in den Sieger. Die jeweils Herrschenden sind aber die Erben aller, die je gesiegt haben. Die Einfühlung in den Sieger kommt demnach den jeweils Herrschenden allemal zugut […] Wer immer bis zu diesem Tage den Sieg davontrug, der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so üblich war, im Triumphzug mitgeführt. Man bezeichnet sie als die Kulturgüter.“2

Besiegt sind die Toten erst recht im Nachleben der Sieger: durch Gedächtnis, Geschichte, Kultur. Was aber, wenn der Herrscher gegen die einst Besiegten nicht mehr feindlich gesinnt ist? Was, wenn er vielmehr als Feind ihres Feindes, als ein Freund also auftritt, der über ihren Feind triumphiert? Die Feinde Benjamins, die ihn und andere als Juden bis in den Tod verfolgten, wurden 1945 besiegt. Dieser Feind, der antijüdische, hat in Europa jedenfalls aufgehört zu siegen, wenn auch nicht zu existieren. Der Triumph über Antisemitismus und Nationalsozialismus ist der historiographische Boden, auf dem ein neues Europa, vor...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.