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Zur Rezeption der Philosophie Ludwig Wittgensteins im literarischen Werk W. G. Sebalds

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Martin Häckel

Ludwig Wittgenstein erscheint im Werk W. G. Sebalds häufig. Dieses Buch stellt ihn als zentrale Figur in zweien seiner Werke dar. Es stellt eine Analogie zwischen dem literarischen Konzept des Synoptischen Blicks und dem sprachkritischen Werkzeug der Übersichtlichen Darstellung her, und es nimmt eine Verortung in der Nachkriegsliteratur sowie eine Nutzbarmachung Wittgensteinscher Begriffe für die Literaturwissenschaft vor. Sebalds Gesamtwerk wird als Versuch begriffen, das philosophische Konzept des Zeigens auf literarischer Ebene umzusetzen. Es werden Gemeinsamkeiten auf den Ebenen von Stil, Bildverständnis und Erkenntnisinteresse herausgearbeitet, und es wird erörtert, inwieweit der Synoptische Blick tatsächlich mit der Übersichtlichen Darstellung vergleichbar ist und wie dieses Konzept als Gegenentwurf zu Schreibweisen anderer Autoren innerhalb der sog. Holocaustliteratur zu verorten ist. Eignet es sich zum Schreiben über die Shoah in besonderem Maße? Sind dabei eigene Kriterien aufzustellen?

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2. „A quoi bon la littérature?“101

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Nachdem im vorangegangenen Kapitel Verbindungslinien zwischen den beiden Werken Die Ausgewanderten und Austerlitz sowie dem Leben Ludwig Wittgensteins gezogen wurde, sollen nun Gemeinsamkeiten zwischen Sebalds literarischem Schaffen und Wittgensteins Philosophie herausgestellt werden.

Auswandern und Exil – zwei Themenkomplexe, die nicht nur für Sebalds Protagonisten charakteristisch sind, sondern auch für die Person und den Schriftsteller W. G. Sebald und seinen Standpunkt innerhalb der deutschen Literatur. So wanderte auch Sebald selbst bereits in jungen Jahren nach England aus, wo er – von kürzeren Unterbrechungen abgesehen – bis zu seinem Tod im Jahr 2001 wohnhaft blieb. Prägend war für den jungen Autor mit Sicherheit seine Studienzeit in Freiburg, als er bereits eine Vorliebe für England und die Anglistik entwickelte, gleichzeitig aber auf Distanz zur Nachkriegsgermanistik ging, in der kein geringerer als Martin Heidegger trotz Lehrverbotes omnipräsent war, ebenso wie der von Heidegger protegierte Germanist Ernst Ruprecht, bei dem Sebald studierte.102 Dieses unheimliche Gefühl in Bezug auf seine Heimat war zwar nicht der unmittelbare Anlass ins Exil zu gehen, dennoch fühlte sich Sebald in Deutschland nicht wohl, nicht mehr „unschuldig beheimatet“103, da er das Verhältnis der Deutschen zu und den Umgang mit der jüngsten Vergangenheit als fehlerhaft empfand.104 So war es einerseits das allgegenwärtige und systematische Verschweigen der Shoah und anderer Verbrechen des Zweiten Weltkrieges, andererseits die Kontinuität des Lehrpersonals an deutschen Universitäten, wofür Ernst Rupprecht nur ein Beispiel von vielen ist, was den jungen W. G. Sebald seiner...

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