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Italienische Literatur im Spannungsfeld von Norm und Hybridität

Übergänge – Graduierungen – Aushandlungen

Edited By Barbara Kuhn and Dietrich Scholler

Traditionell gelten die Begriffe Norm und Hybridität in der Literaturwissenschaft als Gegensatzpaar: Normen, wie sie seit der Antike und bis in die Frühe Neuzeit in Regelpoetiken festgehalten oder anderweitig definiert sind, werden im historischen Prozess mittels Hybridisierungen auf verschiedenen Ebenen aufgeweicht oder gebrochen, so dass sich die Hybridität spätestens in der Epoche der Romantik als neue Norm durchsetzt. Dagegen zeigen die hier versammelten Studien, dass sich die italienische Literatur einer solch eindeutigen Zuordnung entzieht. Es zeichnet sich ein von intrikaten Graduierungen und entsprechenden Aushandlungsprozessen geprägtes Spannungsfeld ab, das auf die grundsätzliche Übergänglichkeit der literarischen Rede weist: Sie ist stets unterwegs zu dem, was sie meint.

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Hybridität wider Willen. Michelangelos Rime: (Christine Ott (Frankfurt am Main))

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Christine Ott (Frankfurt am Main)

Hybridität wider Willen. Michelangelos Rime

I. Einleitung

Das Cinquecento gehört zweifellos zu jenen Epochen, in denen Normierungsbestrebungen und Hybridisierungsprozesse parallel zueinander verlaufen, in einigen Fällen sogar in direkter Interdependenz stehen. Was die Lyrik angeht, so erweist sich der Petrarkismus im Primo Cinquecento zwar als die dominierende Tendenz, zugleich lässt sich jedoch – mit Franz Penzenstadler – ein «Bewusstsein der grundsätzlichen Verfügbarkeit alternativer Diskurse» feststellen.1 Jene wechselseitige Kontamination von lyrischen ‹Sprachen›, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts dem Lyriker und Lyriktheoretiker Tasso zum Problem und Literaturhistorikern zum Charakteristikum des Manierismus wird, findet sich bereits ab den 1530er Jahren in der Lyrik Michelangelo Buonarrotis (1475–1564). Dieser begann schon als junger Mann Verse zu verfassen und schrieb bis kurz vor seinem Tod rund 300 Gedichte. Die Texte sind so unterschiedlich wie ihre Anlässe: Liebesgedichte an junge Männer oder verehrte Frauen, spirituelle Verse, burleske Gedichte. Gemeinsam ist ihnen die gewollt verrätselte Ausdrucksweise, die konzeptistische Überspitzung, bisweilen die Ambiguität, die unentscheidbar macht, ob man es mit einem spirituellen oder einem erotischen Gedicht zu tun hat.

Dennoch ist es nicht unproblematisch, im Fall von Michelangelos Lyrik von Hybridität zu sprechen. Denn es gab zu seinen Lebzeiten nie eine gedruckte Veröffentlichung der Rime. Zwar hat Michelangelo zwischen 1530 und 1546 mit Hilfe seiner Freunde Luigi del Riccio und Donato Giannotti eine Sammlung von 89 Gedichten zusammengestellt (die Silloge), die wohl...

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