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Italienische Literatur im Spannungsfeld von Norm und Hybridität

Übergänge – Graduierungen – Aushandlungen

Edited By Barbara Kuhn and Dietrich Scholler

Traditionell gelten die Begriffe Norm und Hybridität in der Literaturwissenschaft als Gegensatzpaar: Normen, wie sie seit der Antike und bis in die Frühe Neuzeit in Regelpoetiken festgehalten oder anderweitig definiert sind, werden im historischen Prozess mittels Hybridisierungen auf verschiedenen Ebenen aufgeweicht oder gebrochen, so dass sich die Hybridität spätestens in der Epoche der Romantik als neue Norm durchsetzt. Dagegen zeigen die hier versammelten Studien, dass sich die italienische Literatur einer solch eindeutigen Zuordnung entzieht. Es zeichnet sich ein von intrikaten Graduierungen und entsprechenden Aushandlungsprozessen geprägtes Spannungsfeld ab, das auf die grundsätzliche Übergänglichkeit der literarischen Rede weist: Sie ist stets unterwegs zu dem, was sie meint.

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Italo Calvinos Le città invisibili. Ironisierung der utopischen Norm: (Christoph Söding (Berlin))

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Christoph Söding (Berlin)

Italo Calvinos Le città invisibili. Ironisierungder utopischen Norm

Die Utopie als Gattung lässt sich nur schwer in literaturwissenschaftliche Begriffe oder Definitionen fassen. Die landläufige Vorstellung davon, was eine Utopie ist, ist einigermaßen klar, und doch sind die Texte, die als Utopien bezeichnet werden, derart divers, dass eine eindeutige Begriffsbestimmung schwierig erscheint, zumindest mithilfe der Kategorien, anhand derer normalerweise Gattungen unterschieden werden. Häufig ist etwa vom «utopischen Roman» die Rede, und für manche Utopien oder Dystopien ist der Begriff auch passend. Die frühesten utopischen Texte jedoch sind bei genauerer Betrachtung keine Romane. Thomas Mores Utopia (1516) beispielsweise oder der älteste italienische utopische Text, Tommaso Campanellas Città del Sole (1602/23), sind in Dialogform verfasst, wobei die längeren Redeanteile desjenigen, der jeweils von der utopischen Gesellschaftsordnung spricht, Elemente von Reiseberichten enthalten. Es ließen sich auch problemlos dramatisch inszenierte Utopien oder Dystopien vorstellen, oder mit etwas Phantasie auch lyrisch ausgearbeitete. Entsprechend gilt auch für den hier zur Diskussion stehenden Text, die Città invisibili von Italo Calvino, dass er nur schwer in eine klare Gattungsnorm zu fassen ist und sich einer genauen gattungstheoretischen Bestimmung entzieht.1 Überhaupt muss festgehalten werden, dass Utopie nur schwerlich als Gattung im poetologischen Sinn taugen kann, sondern in erster Linie auf eine inhaltliche Tradition verweist.

In ihrer gut 500 Jahre währenden Geschichte hat die Gattung der Utopie mehrere einschneidende Veränderungsprozesse durchlaufen.2 Ganz grob werden in der Forschung drei Phasen ausgemacht:...

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