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Der Traum in der neueren russischen Lyrik

Elena Švarc, Ol’ga Sedakova und Gennadij Ajgi

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Katina Baharova

Der Traum als Medium transzendenter Erfahrungen ist ein bevorzugtes literarisches Motiv von der Antike bis zur Gegenwart. Auch in der russischen inoffiziellen Lyrik der Sowjetzeit entwickelt der Traum metaphysische Dimensionen, die auf individuelle Weise gestaltet werden. Anhand der Analyse exemplarischer Gedichte wird die Traumpoetik von Elena Švarc, Ol’ga Sedakova und Gennadij Ajgi erschlossen und im Hinblick auf ihre Spezifik vergleichend ausgewertet. Die dichterisch geformten Träume erweisen sich als Wege zur Gottesbegegnung (Sedakova), zu spiritueller Selbsterkenntnis (Švarc) oder auch zu mystischer Naturerfahrung (Ajgi). Die drei AutorInnen verorten sich dadurch im literaturhistorischen Kontext der metaphysischen Lyrik, deren Tradition sie durch das Traummotiv fortsetzen.

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5. Vergleich der AutorInnen in Bezug auf die Traumthematik

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5.Vergleich der AutorInnen in Bezug auf die Traumthematik

Ein Vergleich der poetischen Traumdarstellungen in den Werken von Elena Švarc, Ol’ga Sedakova und Gennadij Ajgi zeigt, dass sie in gewisser Weise die Tradition der metaphysischen Traumdichtung fortführen. Diese verlagert die mystische Funktion der Traumdarstellungen fast ausschließlich in die Lyrik und überlässt die Psychologisierung der Träume der Prosa.

Der Traum im Werk von Švarc, Sedakova und Ajgi wird eingesetzt, um eine mystische Erfahrung widerzuspiegeln bzw. zu thematisieren, aber auch, um sie zu erleben oder einzuleiten, wobei vermerkt werden muss, dass die Mystik, anders als in den vergangenen literarischen Epochen in Russland, nicht nur unter dem christlich-religiösen Aspekt zu betrachten ist. Als Hauptfunktion bei den behandelten AutorInnen lässt sich hiermit die Instrumentalisierung der mystischen Traumdichtung als eine Möglichkeit feststellen, verschiedene, meist metaphysische Welten, Seinsformen und Zustände zu evozieren und erreichen, die gewöhnlich aus der Perspektive der Realität allein nicht erfahrbar wären.

Auf dieser Funktionsebene ähneln sich die Švarc, Sedakova und Ajgi also sehr. Die größten Unterschiede in Bezug auf die Träume weisen sie im Bereich der ästhetischen Darstellung der Trauminhalte auf. Um die jeweiligen Charakteristika bei den oneirischen Texten vergleichen zu können, ist es sinnvoll, einige poetologische Kategorien auszuwählen, die auf Švarc, Sedakova und Ajgi angewendet werden und eine Differenzierung bei dem ästhetischen Umgang mit dem Traummotiv sichtbar machen können.

Diese Kategorien umfassen das lyrische Subjekt und sein Verhältnis zum Traum bzw. zu Schlaf, die Verwendung bestimmter Themen oder Themengebiete, die auf den Traum anspielen, die sprachliche Gestaltung der Traumgedichte und den Bezug zur Leserschaft. Letzten Endes lassen sich mit Hilfe der Kategorien die wichtigsten Ansatzpunkte feststellen, die entscheidend für das Verständnis der Traumästhetik von Elena Švarc, Ol’ga Sedakova und Gennadij Ajgi sind und in Bezug auf welche sich diese auch voneinander unterscheiden:

Tabelle 2: Poetologischer Vergleich

ŠvarcSedakovaAjgi
– Subjekt trägt meist Züge einer Dichterin (weiblich, Dichterin, auch autobiographisch)– Subjekt neutral– Subjekt unklar, versteckt, gespalten
– Themenpluralität– thematische Kategorisierung möglich– keine Themen, sondern Schlüsselwörter, eigene
←227 | 228→„Traumtheorie“
– Sprache: expressiv, provozierend– Sprache: neutral– Sprache: hochkodiert und abstrakt, sprachlich fast kein Unterschied zwischen Traum und Schlaf
Ansatz: Orientierung an tatsächlichen TraumeigenschaftenAnsatz: künstlerischintellektuellAnsatz: konzeptionell: Traum / Schlaf als Existenzmodus der Dichterin / des Dichters

Was die Kategorie des lyrischen Subjekts betrifft, findet sich bei Sedakova eine Form lyrischer Subjektivität, die maximal klar, unpersönlich und teilweise passiv ist. Eine solche Darstellungsweise unterscheidet sich sowohl von dem Subjekt in den Gedichten von Elena Švarc, bei der mit ganz wenigen Ausnahmen ein personifiziertes, agierendes und in das Traumgeschehen involviertes lyrisches Ich zu beobachten ist, und von dem Subjekt bei Gennadij Ajgi, das sehr subtil und nur anhand von versteckten Sprachhinweisen zu greifen ist.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass Sedakova mit immer wiederkehrenden ausgewählten Themengebieten und lyrischen Gattungen arbeitet, wie etwa die Wiegenlieder, die nach dem gleichen Aufbaumuster gestaltet sind. Švarc dagegen verzichtet auf die Festlegung auf bestimmte Themen oder Gattungen, was zu einer Vielfalt von Darstellungsszenarien führt. Ajgi, dessen Lyrik komplett frei von narrativen Elementen ist, verwendet Schlüsselwörter, die eine konstante Bedeutung mit sich bringen; thematische Fokussierungen lassen sich nicht ausmachen.

Diese Eigenschaft seiner Traumdichtung bedingt auch die hohe Abstraktheit der verwendeten Sprache, die ein gewisses Vorwissen über die Schreibweise Ajgis von Seiten des Lesers verlangt. Sedakova dagegen gestaltet ihre Gedichte bewusst klar, ohne sprachliche Doppeldeutigkeiten oder Experimente. Das wiederum unterscheidet sie auch von Švarc’ poetischer Sprache, die oft sehr expressive, teilweise schockierende Bilder enthält.

Auch inhaltliche Merkmale werden Švarc, Sedakova und Ajgi unterschiedlich realisiert. Während Sedakova ihre Werke in der Philosophie oder der Geistesgeschichte kontextualisiert und deutliche Anknüpfungspunkte zum Verständnis intertextueller Referenzen gibt, verstreut Švarc zahlreiche unterschiedliche Verweise auf andere Bücher, Denkweisen, Filme, Architektur usw., sodass die Zurückverfolgung auf die Originalquellen schwierig wird und nicht immer möglich ist. Ajgi bleibt in seiner Welt eigener Schlüsselwörter, welche eine werkimmanente Analyse erforderlich machen.

Als Ergebnis lassen sich also verschiedene Ansätze bei den Traumdarstellungen in der Dichtung erkennen. Ol’ga Sedakova benutzt den Traum wie ←228 | 229→ein rhetorisches Stilmittel, das bewusst und für die jeweilige Situation passend eingesetzt wird, um die dichterische Gestaltung zu unterstützen. Elena Švarc dagegen baut tatsächliche Traumeigenschaften und -zustände in ihre Gedichte ein, sodass eine leichte Neigung zur Psychologisierung bemerkbar ist. Für Gennadij Ajgi ist der Traum bzw. der Schlaf ein poetisches Konzept, welches für die Quelle der dichterischen Inspiration steht.

Damit ist es festzuhalten, dass der Traum als metaphysisches Phänomen auch in der russischen Dichtung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiter in seiner mystischen Funktion zu sehen ist, wobei eine Verschiebung der Bedeutung des Mystischen von einer religiösen Ausrichtung zu einem allgemein metaphysischen Verständnis zu beobachten ist. Die Traumdarstellungen unterscheiden sich allerdings in ihrer ästhetischen Realisierung, die Švarc, Sedakova und Ajgi jeweils anders gelagert ist. Diese verschiedenen Ansätze lassen sich mit ihren persönlichen, poetischen und künstlerischen Auffassungen begründen und sind das Ergebnis individueller dichterischer Eigenschaften.

Die Traumdarstellungen zeigen sich ferner auch mit verschiedenen Zusatzfunktionen belegt. Bei Ol’ga Sedakova etwa sind die Träume ein Mittel, das eigene Selbst in eine andere Welt zu versetzen, d. h. das Physische und das Metaphysische zu verbinden. Mittels Erinnerungen, traumähnlichen Zuständen wie das Erzählen von Märchen und das Vorsingen von Wiegenliedern partizipiert das lyrische Subjekt gleichzeitig an diesen zwei Dimensionen.

Das Verschmelzen zwischen Traum und Realität ist auch bei Elena Švarc zu beobachten, dennoch sind diese Gedichte nicht in der Überzahl. Bei ihr lässt sich eine Konzentration auf das lyrische Subjekt beobachten, sodass die Funktionen des Traums automatisch auf diese Instanz bezogen werden. Im Traum versucht das lyrische Ich nicht andere sonst nicht erreichbare Welten zu erreichen, sondern vor allem Erkenntnisse über sich selbst zu gewinnen.

Bei Gennadij Ajgi hingegen lassen sich außer der mystischen fast keine anderen Funktionen der Träume feststellen. Dies ist zum Teil durch seine von realen Traumeigenschaften abgekoppelte Traumdarstellung, zum Teil aber auch durch seine hermetisch-abstrakte Schreibweise bedingt. Der Traum, der vom Schlaf kaum zu unterscheiden ist, kann in bestimmten Perioden seines Lebens auch als Selbstreflexion betrachtet werden, dennoch bleibt er für Ajgi vor allem ein Weg zum Transzendenten. Die Funktionen des Traums sind hiermit nicht nur mystisch, sondern lassen sich mit der persönlichen biographischen Entwicklung des Autors in Verbindung bringen.

Die Traumdarstellungen in der inoffiziellen russischen Lyrik setzen also eine Tradition des mystischen Schreibens fort, die seit dem Mittelalter zu beobachten ist. Die Lyrik erweist sich mit ihrer Möglichkeit, Äquivalenzen auf mehreren Ebenen zu bilden, als ein besonders gut geeignetes Medium, mit Hilfe dessen der Traum und insbesondere seine metaphysische Dimensi←229 | 230→on oder seine mystische Funktion wiedergeben werden kann.392 Sowohl das Schreiben als auch das Lesen solcher Gedichte kann das Hineinversetzen in eine andere Seinsdimension bedeuten, ein Prozess, der dem Träumen sehr ähnlich ist. Traum und Dichten werden zu einer Art von Meditation, die ihren Niederschlag, auf je eigene Weise, in der Lyrik von Šcarc, Sedakova und Ajgi findet. Ihre Infragestellung und z. T. radikale Abstraktion von der durch die Sowjetunion bedingten Außenwelt in ihrer Lyrik und die von ihnen auch betonte Gleichwertigkeit (bei Ajgi sogar Überlegenheit) des Traums mit der Realität, die ganz individuell mit verschiedenen poetischen Mitteln und Konzepten zum Ausdruck gebracht wird, setzt Švarc, Sedakova und Ajgi von den zu ihrer Zeit herrschenden Literaturdogmen ab und erlaubt es, sie einer früheren Tradition zuzuordnen, die sie aber neu interpretieren und damit auf eigene Weise fortsetzen.


392 Metaphysisch wird hier in Sinne der platonischen Tradition als das Nichtempirische verstanden, während das Mystische sich auf bestimmte Erfahrungen bezieht, die oft als Theophanie begriffen werden und hiermit religiöse Konnotationen haben.