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Homosexualität in der Holocaustliteratur

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Angelika Niere

Wer stellt Homosexualität innerhalb der Holocaustliteratur wann dar? Welche literarischen Strategien kommen zum Einsatz, wenn die Autoren und Autorinnen Homosexualität in ihren Texten ausgestalten, und welche Funktion erfüllen diese Darstellungen? Die Bearbeitung dieser Fragen ist nicht nur als Grundlagenbeitrag zu Gay Studies und Holocaustliteraturforschung von Interesse. Homosexualität wird auch im Schreiben über den Holocaust von Autorinnen und Autoren jeglicher Couleur ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung inszeniert. Diese Publikation untersucht, welche narrativen Funktionen diese häufig kurzen, doch zahlreichen Erwähnungen erfüllen und welche Einblicke in die Prozesse der Textentstehung und -wirkung dadurch ermöglicht werden.

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III. Textanalyse

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Da die Inszenierung des Verfolgungs- und Vernichtungsgeschehens durch die Täter die Wahrnehmung der Opfer und Zeitzeugen bedingt, muss die konstruktivistische Betrachtung von Darstellungsstrategien in der Holocaustliteratur mit dem Blick auf die Täterperspektive beginnen. Die Imaginationen, Handlungen und Äußerungen der individuellen NS-Funktionäre, SS-Offiziere und anderen nationalsozialistischen Vollstreckern orientieren sich wiederum an der nationalsozialistischen Propaganda.

Dass die Nationalsozialisten in ihrer Ideologie Homophobie instrumentalisierten, war und ist keineswegs neu oder ungewöhnlich. Rüdiger Lautmann betont die politische Natur der Diskriminierung von Homosexuellen in der deutschen Geschichte des gesamten 20. Jahrhunderts. Er versteht Stigmatisierung als Instrument zur Aufrechterhaltung des Status quo und Kriminalisierung als extremste Form sozialer Kontrolle. Insofern betrachtet er die Konzentrationslager als „Vollstrecker der allgemeinen gesellschaftlichen Antihomosexualität“ (Lautmann 1977, 365): „Homophobie bewahrt die Strukturen [des Dritten Reichs, A.N.] vor Aufweichung durch gegenläufiges Verhalten, schirmt sie gegen gedankliche und emotionale Kritik ab und stabilisiert den Führungsaufbau sowie den Bestand faschistischer Herrschaft.“ (ebd., 359) Wie auch der Antisemitismus und die Ablehnung des Kommunismus war die nationalsozialistische Homophobie die totalitäre Version bereits lange zuvor etablierter gesellschaftlicher Ressentiments32, wenngleich sie – ebenso wie die Prozesse gegen katholische Geistliche und die Bündische Jugend – als „unpolitische Sittenprozesse inszeniert wurden.“ (Schiefelbein 1997 | 2, 49)

Die Homophobie des Dritten Reichs unterschied sich von Grund auf von seinem Antisemitismus, gleichwohl beide auf Vorurteile zurückgriffen, die bereits lange vor der Machtergreifung in der deutschen Bevölkerung etabliert waren; beide dienten Aufbau und Erhalt der nationalsozialistischen Gesellschaftsordnung (vgl. Lautmann...

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