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Gewaltdarstellungen in der Gegenwartsliteratur

Martin Becker

Physische Gewalt ist ein häufiges Motiv in der Literatur. Diese Publikation untersucht die wichtigsten Elemente von Gewaltdarstellungen in der Gegenwartsliteratur und ordnet sie im ersten Teil typologisch. Der zweite Teil widmet sich emotionalen Wirkungspotenzialen von Gewaltdarstellungen und untersucht, wie Gewaltdarstellungen Sympathie, Ekel, Spannung und Komik erzeugen. Der dritte Teil identifiziert an vier Beispielromanen wichtige Themen, die mit den Gewaltdarstellungen verbunden werden. Anhand von Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin, Cormack McCarthys Blood Meridian, Bret Easton Ellis‘ American Psycho und Roberto Bolaños 2666 wird gezeigt, dass zeitgenössische Gewaltdarstellungen die Kritik von Gesellschaftsstrukturen und Kontexten von Gewalt mit Sprachreflexion verbinden.

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13 Roberto Bolaño: 2666

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2666 wurde posthum als letzter Roman Roberto Bolaños veröffentlicht. Ursprün- glich hatte Bolaño vorgesehen, dass er in fünf Teilen herausgegeben werden sollte. Allerdings weigerte sich sein Verleger aus ästhetischen Gründen, diesem Wunsch nachzukommen.706 Ob die Teile nun als ein Werk oder selbstständig wahrgenommen werden sollen, ist für die Interpretation weniger wichtig als die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Kapiteln. Verbunden werden die einzelnen Teile des Romans durch die fiktive Stadt Santa Teresa, die ein Vorbild in der mexikanischen Ciudad Juárez hat. Diese Stadt hat eine traurige Berühmtheit erlangt. Alleine zwischen 1993 und 2008 wurden über 500 Frauen und Mädchen in der mexikanischen Grenzstadt getötet, viele zuvor vergewaltigt und gefoltert.707 Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen (manchen Schätzungen zufolge doppelt so hoch), da viele Opfer spurlos verschwinden und nicht in der Statistik auftauchen.708 Gleichzeitig dokumentieren Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International seit Jahren die Unfähigkeit der mexikanischen Behörden, der Gewalt Herr zu werden.709 In der Forschung gilt die Stadt daher als Beispiel für „femicide“. Jill Radford versteht darunter „the killing of women qua women, often condoned by, if not sponsored, by the state and/or by religious institutions“.710 Darüber hinaus kämpfen in der Stadt verschiedene Mafiakartelle um die Vorherrschaft im sogenannten mexikanischen Drogenkrieg, den das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung als innerstaatlichen Krieg einstuft.711

Aber es ist nicht nur die Gewalt in Mexiko, die der Roman zur Darstellung...

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